Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Wiesenbach mit Blaufelden (Stadt Blaufelden, Landkreis Schwäbisch Hall) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Berichte aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde  
Sonstiges    
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen   
Links und Literatur   

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde             
    
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts markgräflich ansbachischen Ort Wiesenbach bestand eine jüdische Gemeinde bis 1928. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 16./17. Jahrhundert zurück. Vermutlich haben sich nach 1520 einige aus Rothenburg vertriebene Juden am Ort niederlassen können. 1603 werden drei jüdische Familien am Ort genannt, 1629 sind es bereits sieben Familien. Bei dieser Zahl scheint es in den kommenden Jahrzehnten geblieben sein: 1808 wurden sechs Familien gezählt.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1812 35 jüdische Einwohner, 1824 44, 1831 51, 1843 46, höchste Zahl um 1858 mit 53 Personen in etwa 15 Haushaltungen, 1860 49, 1886 33, 1900 30, 1910 30.    
 
Zur jüdischen Gemeinde in Wiesenbach gehörten auch die wenigen in Blaufelden lebenden jüdischen Personen (nach 1875 einzelne feststellbar). Dazu gehörte die Familie des Handelsmannes Isak Stern aus Wiesenbach, dessen Söhne Albert und Max 1877 beziehungsweise 1878 in Blaufelden geboren sind. Die Familie verzog 1899 nach Crailsheim, 1902 wieder nach Wiesenbach.   
  
Das Wohngebiet der jüdischen Familien konzentrierte sich vermutlich zunächst auf die ehemalige "Judengasse" (heute Engelhardshauser Strauße; im Volksmund "Gäßle"). 
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge, eine Religionsschule (Schulhaus in der Hirtengasse: einstöckiges Haus mit einer Lehrerwohnung und Schulraum; Haus wurde um 1935 bis 1940 verkauft, abgebrochen und mit dem Haus Hirtengasse 14 neu überhaupt) und ein rituelles Bad (im Untergeschoss des Schulhauses).  Seit 1832 gehörten die Wiesenbacher Juden als Filialgemeinde zur israelitischen Religionsgemeinde in Michelbach an der Lücke und damit zum Bezirksrabbinat Braunsbach. Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof in Michelbach an der Lücke beigesetzt.     
       
Die jüdischen Familien lebten überwiegend vom Vieh- und Warenhandel. An ehemaligen, bis nach 1900 bestehenden jüdischen Handelsbetrieben sind bekannt: Viehhandlung Albert Neumann (Engelhardshauser Straße 33, abgebrochen), Textilhandlung Isaak Rosenthal (Goldbiegelgasse 13), Pferde- und Viehhandlung Maier Max Stern (Blaufelder Straße 144, bis nach 1935), Vieh- und Textilhandlung Nathan und Klara Stern (Schmalfelder Straße 90).   

1933 lebten noch vier jüdische Personen in Wiesenbach (Familie von Maier Max). Als 1935 der Pfarrer des Ortes zwei Mädchen, die zu einer Tagung in Wiesenbach waren, bei Familie Maier Max unterbrachte, wurde er dafür in der nationalsozialistischen Zeitschrift "Flammenzeichen" kritisiert: "Offenbar hält es der Pfarrer für besser, wenn die Mädchen jüdisch verseucht werden, als wenn sie von der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft angesteckt werden."   
   
Von den in Wiesenbach geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Sara Gundelfinger geb. Stern (1861), Selma Gutmann geb. Stern (1891), Regine Rosenthal geb. Lehmann (1876), Meta Schwarz geb. Stern (1889), Rahel Stern geb. Strauß (1864), Wolf Stern (1888), Sophie Wertheimer geb. Neumann (1883).   
   
   
   
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
   
Berichte aus dem jüdischen Gemeindeleben  
Auflösung der jüdischen Gemeinde Wiesenbach (1928)      
    

Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. Juli 1928: "Mit Zustimmung der Israelitischen Landesversammlung ist durch Anordnung des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs die israelitische Religionsgemeinschaft 
Wiesenbach
Oberamt Gerabronn 
aufgelöst worden."                          

   
   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Zum Tod von Moses Strauß (1899)   

Wiesenbach Israelit 06031899.jpg (141458 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. März 1899 (leicht abgekürzt zitiert): "Wiesenbach (Württemberg). "Es starb Mose, der Diener Gottes. Es gefiel dem Gebieter über Leben und Tod, seinen treuen Diener Moses Strauß, das Oberhaupt der hiesigen Gemeinde, von dieser Welt in ein besseres Jenseits abzurufen. Mit einem Kuss des Himmels, wie unser Lehrer Moses, starb er: ohne Todeskampf, sanft und still, hauchte er, am Donnerstag, 6. Adar (16. Februar 1899), im Alter von nahezu 76 Jahren, seine reine Seele aus. Der Verstorbene war im wahren Sinne des Wortes ein Demütiger und Frommer. In der Ausübung der Gottesgebote fand er seinen höchsten Lebensgenuss und war namentlich sein Streben, sein Ziel, Gott zu ehren... Die Klagen und Bitten der Armen und Bedürftigen fanden bei ihm kein verschlossenes Ohr; er gab oft und gern. Viele Tränen des Kummers hat er im Stillen getrocknet, Wohltätigkeit im Verborgenen geübt.   
Die Räume der hiesigen Synagoge bezeugen ihm, wie pünktlich und gewissenhaft er die Ämter eines Vorbeters und Toralesers bekleidet hat. Rührend war es anzusehen, sogar in seinen Alterstagen, wie er den Jom Kipper von Abend bis zum Abend stehend verbrachte und aus der ganzen Tiefe seines Gemütes, mit der ganzen Innigkeit seiner Gefühle, sämtliche Gebete vortrug. Zu denen, die viele zur Gerechtigkeit führten (Daniel 12,3) mussten wir ihn zählen, wegen seiner belehrenden Schiur-Vorträge (Lehrvorträge). 
Wohl nötigte ihn sein Beruf, seine meiste Lebenszeit unter Nichtjehudim zuzubringen, trotzdem legte er sich alle Entbehrungen auf, um die vorgeschriebenen Speisegesetze streng zu beobachten. Möge Gott den Hinterbliebenen seinen reichen Trost spenden. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens. M. Cohn, Lehrer."    

     
Zum Tod von Aron Neumann (1927)      

Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. September 1927: "Wiesenbach. Äußerst schwer wurde die hiesige, jetzt nur noch drei Familien zählende Gemeinde heimgesucht. Im besten Mannesalter starb plötzlich im Krankenhaus zu Würzburg das Gemeindemitglied Aron Neumann infolge einer rasch aufgetretenen schweren Nierenerkrankung. Eine für ländliche Verhältnisse überaus zahlreiche Beteiligung an der in Michelbach stattgefundenen Beerdigung zeugte von der Beliebtheit und Wertschätzung dieses bescheidenen, wackeren Mannes".                         

 
    
Sonstiges        
Erinnerungen an die Auswanderungen im 19. Jahrhundert: 
Grabstein in New York für 
Lena Sachs aus Wiesenbach (gest. 1904)    
Anmerkung: das Grab befindet sich in einem jüdischen Friedhof in NY-Brooklyn; der Geburtsname von Lena Sachs wird nicht mitgeteilt; in dem einsehbaren Familienbuch von Wiesenbach (siehe Quellen unten) konnte keine Person gefunden werden, die um 1824 geboren ist und deren Vorname zu "Lena" passen würde.      

Wiesenbach NY Cypress 1745.jpg (83775 Byte)   Wiesenbach NY Cypress 1745a.jpg (101662 Byte)Grabstein für "Lena Sachs  
Born in Wiesenbach / Württemberg  
Died May 29 1904 
Aged 80 Years".  

   
   
   
Zur Geschichte des Betsaals/der Synagoge                
    
Das Wohngebiet konzentrierte sich vermutlich zunächst auf die ehemalige "Judengasse" (heute Engelhardshauser Straße, im Volksmund "Gäßle"). Hier konnten die jüdischen Familien 1790 einen bescheidenen Betsaal bauen (auf dem heutigen Grundstück Engelhardshauser Straße 42). Unter dem Vorsänger Aron Bär wurde 1824 der Betsaal zu einer Synagoge erweitert. Sie blieb aber ein bescheidender einstöckiger Raum mit Riegelwänden, nicht unterkellert und nicht tief gegründet. In ihrem Hofraum standen eine Mikwe und ein jüdisches Schlachthaus. Nach der Neuordnung der jüdischen Gemeindeverhältnisse in Württembergs und dem Anschluss von Wiesenbach und Hengstfeld 1828 an die Gemeinde in Michelbach an der Lücke sollte die Wiesenbacher Synagoge geschlossen werden. Nach energischem Protest der Gemeindeglieder durfte sie weiterhin als Filiale genutzt werden. 1865 kam es zu Bau- oder Renovierungsmaßnahmen (der Synagoge und/oder des Schulhauses in der Hirtengasse?), zu denen es einen Zuschuss aus staatlichen Mitteln in Höhe von 200 Gulden gab. 
       
 
Zuschuss zu Baumaßnahmen an der Synagoge oder des Schulhauses (1865)  

Wiesenbach Israelit 09081865.jpg (42629 Byte) Aus einem (längeren) Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. August 1865: "Aus Württemberg. Der israelitischen Kirchengemeinde Archshofen hat unser König Karl drei Kronleuchter für die neu restaurierte Synagoge als Geschenk huldreichst zu verwilligen geruht, und die Filialgemeinde Wiesenbach erhielt zu den Kosten der Erwerbung und baulichen Einrichtung ihres Schul- und Gotteshauses einen Staatsbeitrag von 200 Gulden."    

Trotz der gering gewordenen Zahl von Gemeindegliedern wurde die Synagoge erst 1928 geschlossen und 1933 auf Abbruch verkauft. Das ehemalige jüdische Schlachthaus im Hofraum der Synagoge ist bereits 1877 verkauft und 1923 abgebrochen worden.  
      
Heute ist das ehemalige Synagogengrundstück ein Garten gegenüber dem früheren "Jägerstüble" (Engelhardshauser Straße 15 [früher: Gässle 42]; der Gaststättenbetrieb ist eingestellt, das Haus wird als Wohnhaus verwendet). 1986 wurde eine kurze Steinsäule hier aufgestellt, die vermutlich vom Almemor der Synagoge stammt. Eine Hinweistafel ist angebracht. Die Gedenksäule steht zwischen den Gebäuden Engelhardshauser Straße 15 und 17 an der Außenwand eines Nebengebäudes. 
    
    
    
Fotos 
Historische Fotos:

(Quelle: links: Jüdische Gotteshäuser und Friedhöfe in Württemberg. 1932 S. 131; die beiden anderen Dokumente aus Privatbesitz)  

Wiesenbach Synagoge 001.jpg (46764 Byte) Wiesenbach Synagoge 110.jpg (50597 Byte) Wiesenbach Synagoge 111.jpg (36069 Byte)
Die Synagoge in 
Wiesenbach  
Foto von Kindern im 
Nachbargarten der Synagoge, 
(rechts im Hintergrund) 
  
Quittung vom 7. Februar 1933 über 
den Verkauf des Synagogengrundstücks an
 Hugo Kett (Synagoge war vermutlich 
war abgebrochen)  
   

  
Fotos nach 1945/Gegenwart:  

Fotos um 1985:
(Fotos: Hahn) 
  
 
  
 
Wiesenbach Synagoge 101.jpg (94654 Byte) Wiesenbach Synagoge 100.jpg (67322 Byte) Wiesenbach Synagoge 050.jpg (99400 Byte)
Grundstück der ehemaligen Synagoge in Wiesenbach
  
Steinsäule, vermutlich vom Almemor 
der Synagoge, 1986 am 
Synagogenstandort aufgestellt 
    
Neuere Fotos vom Synagogenstandort werden noch erstellt; über Zusendungen 
freut sich der Webmaster von Alemannia Judaica; Adresse siehe Eingangsseite
 
   
Weitere Erinnerung an die 
jüdische Geschichte 
(Foto: Bernhard Ritter) 
Wiesenbach Grabstein 015.jpg (247240 Byte)
  Im Sommer 2011 wurde auf einem Privatgrundstück in Michelbach beim Hausbau ein Grabsteinfragment entdeckt, das aus 
dem jüdischen Friedhof in Michelbach stammt (Begräbnisplatz der Wiesenbacher Juden). Die Übersetzung der Inschrift lautet: 
"1) ...auf all ihren Wegen. (Es ist) Frau Rachel
2) Gattin des ehrenwerten Josef Strauss
3) von Wiesenbach. Sie starb in gutem Namen
4) am 4. Tag (Mittwoch), 13. Aw 623 nach der kleinen Zählung
5) Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des ewigen Lebens."  
    Bei der Verstorbenen handelt es sich um Rachel Strauss, geb. 17. Oktober 1790, gest. 29. Juli 1863, die mit dem Handelsmann Joseph Moses Strauß (geb. 5. Juli 1796, gest. ?) in Wiesenbach verheiratet war. Informationen nach dem Familienregister Wiesenbach, zugänglich über die Website des Landesarchiv Baden-Württemberg 
(die Seite zur Familie Joseph Strauß: eingestellt als pdf-Datei)  
     

  
   

Links und Literatur

Links:  

Website der Stadt Blaufelden   

Quellen:      

Hinweis auf online einsehbare Familienregister der jüdischen Gemeinde Wiesenbach 
In der Website des Landesarchivs Baden-Württemberg (Hauptstaatsarchiv Stuttgart) sind die Personenstandsregister jüdischer Gemeinden in Württemberg, Baden und Hohenzollern einsehbar: https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/struktur.php?bestand=5632     
Zu Wiesenbach ist nur ein Familienbuch vorhanden:    
J 386 Bü. 626 Wiesenbach  Familienbuch 1776-1875:   http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-446851   

Literatur:  

Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. 1966. S. 191-192. 
Robert Walter u.a.: Wiesenbach – eine kleine Chronik. 1983². S. 162ff. 
Gerhard Taddey: Kein kleines Jerusalem. Geschichte der Juden im Landkreis Schwäbisch Hall. 1992. 
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.   

       
        

                   
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Stand: 09. September 2016