Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Londorf mit Geilshausen, Kesselbach und Rüddingshausen (Gemeinde Rabenau, Kreis Gießen) 
Jüdische Geschichte / Synagoge 

Übersicht:  

bulletZur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
bulletBerichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen     
bulletZur Geschichte der Synagoge   
bulletFotos / Darstellungen  
bullet Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte    
bulletLinks und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)    
   
In Londorf bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18. Jahrhunderts zurück. Der Ort gehörte - wie auch die Filialgemeinden (s.u.) - bis Anfang des 19. Jahrhunderts zum Gebiet der Herren Nordeck zur Rabenau. Diese hatten seit 1650 das Recht zur Aufnahme von Juden in ihrem Herrschaftsbereich. Vermutlich wurden von ihnen noch im 17. Jahrhundert jüdische Familien in der "Rabenau" aufgenommen. Darauf weist unter anderem der spätestens um 1720 angelegte jüdische Friedhof in Londorf hin. Außer dem Schutzgeld hatten die aufgenommenen Juden von jedem geschlachteten Stück Vieh die Zunge an die Ortsherrschaft abzuliefern; diese Naturalverpflichtung wurde später in einer Jahresabgabe umgewandelt. Die Patrimonialrechte der Herren Nordeck zur Rabenau bestanden bis 1822.     
  
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: in Londorf 1828 103 jüdische Einwohner (13,3 % von insgesamt 770 Einwohnern), 1836 86 (8,9 % von 961), 1850 93, 1860 74 (von 899 Einwohnern), 1861 68 (7,4 % von 917), 1871 82 (9,2 % von 896), 1880 72 (8,5 % von 848), 1889 68 (von 699), 1905 61, 1910 62 (6,7 % von 920). 
Zur jüdischen Gemeinde Londorf gehörten auch die in Kesselbach, Geilshausen und Rüddingshausen lebenden jüdischen Personen: 
In Kesselbach wurden gezählt:  1830 24 jüdische Einwohner, 1905 30, 1932 11. 
In Geilshausen wurden gezählt: 1830 4 jüdische Einwohner, 1905 25, 1932 28.
In Rüddingshausen wurden gezählt: 1830 38 jüdische Einwohner, 1905 30, 1932 22.  
 
Die jüdischen Familienvorsteher verdienten den Lebensunterhalt als Viehhändler, als Metzger oder als Kleinkaufleute und lebten mit ihren Familien in durchweg einfachen Verhältnissen.  

An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule, ein rituelles Bad und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Bis 1893 war ein in diesem Jahr verstorbener Lehrer Rothschild am Ort (siehe Ausschreibung der Stelle von 1893; Rothschild war vermutlich seit 1885 in der Gemeinde); er unterrichtete auch die jüdischen Kinder in Nordeck. Um 1900 war ein Lehrer Schiff am Ort, danach Lehrer Urias Banda (oder Bandess, gestorben 1926, siehe Bericht unten), der lange Jahre auch den Gesangverein des Ortes dirigierte. Nach seiner Pensionierung kam Hermann Bethmann als Lehrer und Kantor nach Londorf. Er wurde später Direktor des Waisenhauses in Diez/Lahn. Die Gemeinde gehörte zum Liberalen Provinzialrabbinat mit Sitz in Gießen.  
  
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde: aus Londorf Sally Kares (geb. 8.7.1890 in Londorf, gef. 27.8.1916), aus Geilshausen Emanuel Baum (geb. 1.6.1873 in Geilshausen, gef. 4.10.1918), aus Kesselbach Friedrich Schönfeld (geb. 27.7.1888 in Kesselbach, gef. 17.12.1915).        
 
Um 1924, als noch 58 jüdische Personen in Londorf gezählt wurden (6,1 % von 955 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Adolf Joseph, Mark. Rothschild und Leopold Jonas (in Kesselbach). Als Rechner der Gemeinde war Isaak Simon tätig. Religionsunterricht durch den Lehrer der Gemeinde erhielten damals 12 Kindern den Religionsunterricht. An jüdischen Vereinen bestanden ein Synagogenverein (1924 unter Leitung von Julius Jonas mit 25 Mitgliedern). Kesselbach hatte - zumindest zeitweise - einen eigenen Israelitischen Frauenverein (Frauen-Chebra, siehe Bericht von 1889 unten). 1932 waren die Gemeindevorsteher Adolf Joseph (1. Vors.), Markus Kares (2. Vors.), Leopold Eckstein (in Kesselbach, 3. Vors.). Inzwischen unterrichtete die jüdischen Kinder Lehrer Otto Grünebaum aus Gießen; im Schuljahr 1931/32 waren ihm 11 Kinder anvertraut. Als Vorbeter wird 1932 der im Verzeichnis von 1924 noch als Rechner der Gemeinde aufgeführte Isaak Simon genannt.     

1933 lebten noch 40 jüdische Personen in Londorf (3,8 % von insgesamt 1.041 Einwohnern, in 11 Familien). Unter den jüdischen Familienvorsteher gab es noch vier Manufakturwarenhändler, vier Viehhändler und drei Metzger. Auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien ist ein Teil der jüdischen Einwohner in den folgenden Jahren weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Unter denen, die emigrierten, war um 1935 auch Adolf Joseph, der letzte Gemeindevorsteher. Zwei Personen konnten nach Palästina auswandern, andere in die USA, eine Familie im Sommer 1938 nach England. Bis 1938 versah Isaak Simon denn Vorbeterdienst und erteilte den jüdischen Kindern noch den Religionsunterricht. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört. 1941 wurden noch 15 jüdische Einwohner in Londorf gezählt; die letzten 11 wurden 1942 deportiert. 
Vorbeter Isaak Simon emigrierte nach Holland, wurde jedoch über Bergen-Belsen im Januar 1944 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Aus dem Ghetto Theresienstadt kam er im Oktober 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz, wo er ermordet wurde.  
      
Von den in Londorf geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Abraham Adler (1897), Bernhard Adler (1875), Heinemann (Heimann) Blumenthal (1881), Jenny (Fany) Dreifus geb. Stern (1895), Berta Hahn geb. Katz (1893), Elli Jonas (1910), Julius Jonas (1878), Rosa Jonas geb. Stiebel (1881), Karoline Joseph geb. Weinberg (1857), Betty Kares geb. Stern (1876), Frieda Kares (1876), Markus Kares (1880), Hilda von Korzebock geb. Adler (1872), Isaak Simon (1871), Johanna Simon geb. Joseph (1882), Lina Simon (1868), Markus Simon (1873), Nanny Simon geb. Katz (1882), David Stern (1866), Ferdinand Stern (1879), Karoline Stern geb. Stern (1845), Karoline Stern geb. Jakob (1874), Meyer Stern (1875), Rosa Stern geb. Baum (1878), Betti Strauß geb. Kares (1884), Betty Weinberg (1884), Alfred Wertheim (1920), Emma Wertheim geb. Stern (1896), Ingeborg Wertheim (1923), Johanna Wertheim geb. Jacob (1866), Leopold Wertheim (1891), Rikchen Wertheim geb. Speier (1893).      
     
Aus Kesselbach sind umgekommen: Nathan Baum (1883), Settchen Blumenthal geb. Katten (1855), Minna Eckstein geb. Stern (1882), Sidonie (Toni) Eckstein (1918), Julius Jonas (1878), Bertha Kugelmann geb. Eckstein (1903), Martin Manela (1928), Siegbert Manela (1926), Sophie Manela (1925), Sophie Nachmann geb. Jonas (1873), Klara Rosenberg geb. Simon (1888), Martin Rosenberg (1919), Margareta (Grete) Schönfeld geb. Katz (1909), Walther Isidor Schönfeld (1906), Rebekka Simon geb. Schönfeld (1863).   
  
Aus Rüddingshausen sind umgekommen:  Hilda Friedmann geb. Stiefel (1882), David Theo Jacob (1887), Leopold Jacob (1884), Sally Joseph (1893), Recha Katz geb. Simon (1888), Bertha Mayer geb. Joseph (1886), Frieda Meyer geb. Stiefel (1884), Hilda (Henel) Simon geb. Eckstein (1861), Johanna (Hannchen) Stern (1878), Joseph Stern (1873), Karoline Stern geb. Jakob (1874), Johanna (Hanna) Stiefel (1882), Alfred Wertheim (1920), Johanna Wertheim geb. Jacob (1866), Leopold Wertheim (1891), Ludwig Wertheim (1923), Rikchen Wertheim geb. Speier (1893), Minna Wetzstein geb. Joseph (1882).  
     
Aus Geilshausen sind umgekommen: Alexander Baum (1877), Bertha Baum geb. Adler (1873), Hedwig Toni Baum (1897), Hermann Baum (1869), Auguste Bock geb. Baum (1875), Bertha Lamm geb. Baum (1877), Rosa Stern geb. Baum (1878).         

Anmerkung: einzelne Doppelnennungen zwischen den obigen Orten erklären sich dadurch, dass z.B. mehrere Angehörige der Familie Wertheim in Rüddingshausen oder Rosa Stern in Geilshausen  geboren sind, später aber in Londorf lebten.     
  
  
  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Lehrers / Vorbeters / Schochet 1882 / 1885 / 1893 / 1924   

Londorf Israelit 31051882.jpg (37974 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Mai 1882: "Die hiesige Religionslehrer- und Kantorstelle mit einem jährlichen fixen Gehalt von 900 Mark nebst freier Wohnung ist bis zum 1. August dieses Jahres zu besetzen. 
Qualifizierte Bewerber werden ersucht, ihre Prüfungszeugnisse an den unterzeichneten Vorstand einzusenden. 
Londorf, Oberhessen, den 18. Mai 1882. Moses Adler."   
 
Londorf Israelit 05031885.jpg (76613 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. März 1885: "Die hiesige Stelle als Religionslehrer und Kantor ist bis 1. August dieses Jahres zu besetzen. Gehalt 700-800 Mark mit einem bedeutenden Nebeneinkommen und freier Wohnung. Bewerber wollen ihre Zeugnisse in beglaubigten Abschriften binnen 4 Wochen an den Unterzeichneten richten. Bevorzugt werden diejenigen, welche das Seminar besucht haben. Reisekosten werden nur dem Gewählten vergütet. 
Londorf (Oberhessen), den 1. März 1885. 
Der israelitische Vorstand M. Adler." 
 
Londorf Israelit 23031893.jpg (70165 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. März 1893: "Durch den leider so früh erfolgten Tod unseres seligen Lehrers Herrn Rothschild ist die hiesige Religionslehrer- und Kantorstelle, mit einem fixen Gehalte von 7-800 Mark, freier Wohnung und circa 200 Mark Nebeneinkommen sofort zu besetzen.  
Seminaristisch gebildete Lehrer wollen sich unter Einsendung der beglaubigten Abschrift ihrer Zeugnisse bis zum1 5. April laufenden Jahres an den unterzeichneten Vorstand wenden.  
Londorf (Oberhessen), 19. März 1893. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Londorf.  
M. Adler. A. Simon I."     
 
Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des "Central-Vereins") vom 3. Juli 1924:  
"In hiesiger Gemeinde ist die Stelle eines 
Kantors und Religionslehrers
 
sofort zu besetzen. Gefällige Offerten nebst Gehaltsansprüchen und Zeugnisabschriften sind zu richten an den 
1. Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde Londorf. Adolf Joseph
."       

    
Zum Tod des Lehrers a.D. Urias Banda (1926)   

Londorf CV 05021926.jpg (37503 Byte)Artikel in der Zeitschrift des "Centralvereins" ("CV-Zeitung") vom 5. Februar 1926: "Am 8. Januar starb in Schömberg im Schwarzwald der Lehrer a.D. Urias Banda aus Londorf (Oberhessen). Der Verewigte hatte eine fruchtbare Tätigkeit in seiner Gemeinde entfaltet. Juden und Christen verehrten ihn gleichermaßen, und die Früchte seiner Wirksamkeit zeigen sich heute noch in dem harmonischen Verhältnis der Konfessionen zueinander."   

  
    
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde  
Zwei Hinweise bei Arnsberg Bd. I S. 500 (Berichte sind noch nicht vorhanden):    

bulletDaniel Isaak (bzw. Gedalya Isaak; geb. 1840 in Kesselbach, war nach dreijähriger Ausbildung am jüdischen Lehrerseminar in Hannover seit 1864 als Lehrer an der Talmud-Tora-Schule in Hamburg tätig, gest. 1914 in Hamburg. Er wird genannt in einem HaGalil-Artikel zur Talmud-Tora-Schule in Hamburg.   
bulletDr. Ebo Rothschild (geb. 1902 in Londorf, gest. 1977 in Rechovot): emigrierte 1933/34 über Holland und Paris nach Spanien, 1939 über Frankreich nach Chile, 1955 nach Israel. Palästina und war als Rechtsanwalt in Tel Aviv tätig. Ausführliche Informationen im Wikipedia-Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Ebo_Rothschild  

   
    
Aus dem jüdischen Gemeindeleben  
Bericht über die in Kesselbach wohnenden und zur Gemeinde Londorf gehörenden jüdischen Familien (1889)   

Londorf Israelit 01041889a.jpg (183125 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. April 1889: "Kesselbach (Oberhessen), 24. März (1889). Während in früheren Zeiten die jüdischen Familien auf dem Lande häufig in Zank und Streit lebten und nicht zusammen verkehrten, freue ich mich, Ihnen von hier gerade das Gegenteil zu berichten, ein Beweis, dass Fortschritt und Bildung sich immer mehr ausdehnen. Es wohnen hier nur 7 Familien, die alle einige sind und wie zu einer Familie gehörig sich gegenseitig zu Gefallen zu leben suchen, wie es nicht schöner gewünscht werden kann. Neben diesem Sinn für Geselligkeit ist aber auch der für Wohltätigkeit ein sehr ausgeprägter; so haben sich die hiesigen Frauen zusammengefunden und eine Frauen-Chebra gegründet, deren Tätigkeit darin bestehen soll, den Armen bei Krankheit und Trauerfällen hilfreich beizustehen; da aber Kesselbach, gottlob, keine Familie hat, die davon Gebrauch machen wird, so ist das Augenmerk auf die nächsten Umgebung gerichtet: Kesselbach gehört mit noch zwei Dörfern (sc. Geilshausen und Rüddingshausen) zur Synagoge Londorf; in  letzterem Orte ist leider bis jetzt noch nicht eine Frau dem Vereine beigetreten, ja der dortige Synagogenvorstand wollte sogar der Chebra Schwierigkeiten bereiten, indem er das anfangs erlaubte Geloben in dieselbe beim Aufruf zur Thora später wieder verbot; man wollte in Anbetracht der wenigen Mitglieder die Mitte der Chebra auf diese Weise vergrößern. Doch der hiesige Wohltätigkeitssinn ruhte nicht und so ist es ihm Dank der Intervention des Herrn Rabbiner Dr. Levi zu Gießen gelungen, dass Großherzogliches Kreisamt* entschieden hat: man könnte niemandem verbieten, beim Aufrufe zur Tora für einen Verein Spenden zu geloben, wovon an dem darauffolgenden Samstag einige Herren Gebraucht machten. Von den hiesigen Familien sind der Chebra anlässlich von Familienfestlichkeiten, Jahrzeitstagen usw. bereits ganz hübsche Geschenke zugegangen und wenn es weiter so der Fall ist, wird die Chebra recht bald ihre Tätigkeit aufnehmen können, worüber ich Ihnen später gerne weitere Nachrichten zukommen lasse.  J.W.N."
Kritische Anmerkung der Redaktion: "*) Ist das die gerühmte Einigkeit, Bildung, Forschritt, dass man die Behörde mit solchen Dingen belästigt? Es ist in vielen Gemeinden wohlbegründeter Gebrauch, dass nur für bestimmte, notwendige Zwecke beim Aufruf zur Tora Spenden gelobt werden dürfen und wird der Gemeinde-Vorstand von Londorf wohl seine guten Gründe gehabt haben."

     
Bildung eines gemeinsamen Verbandes "Jeschurun" (1905)
        

Londorf AZJ 14041905.jpg (36635 Byte)Mitteilung in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. April 1905: "Am 26. vorigen Monats wurde aus den Synagogengemeinden Londorf, Allendorf a.L., Treis a. L. und Nordeck ein Verband gebildet, der bezweckt, die idealen Interessen des Judentums zu fördern, und zwar durch Verbreitung der jüdischen Geschichte und Literatur, durch die Pflege der Geselligkeit in den einzelnen Gemeinden und durch die Ausübung der werktätigen Nächstenliebe. Der Verband führt den Namen 'Jeschurun'."    

  
    
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  
Anzeige von Frau S. Schönfeld I in Kesselbach (1908)  

Kesselbach FrfIsrFambl 04061908.jpg (63423 Byte)Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 4. Juni 1908: "Junges Mädchen, das 2 Jahre in einem bekannten Institut in allen Zweigen des Haushalts besonders im Kochen gründliche Ausbildung genossen und 1 Jahr im Dienst war, sucht, gestützt auf recht gute Zeugnisse, Stellung in einem besseren Hause. Gefällige Offerten an Frau S. Schönfeld I, Kesselbach bei Londorf." 

 
Anzeige von Isaak Simon (1924)  

Londorf Israelit 05061924.jpg (49670 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Juni 1924: "Suche für meine 16-jährige Tochter, die in allen häuslichen Arbeiten gut angelernt ist und Sekundareife hat, Stelle zur Erlernung des Haushalts in nur gutem Hause (rit.) bei Familienanschluss ohne gegenseitige Vergütung. 
Isaak Simon, Londorf (Oberhessen)."    

   
Verlobungsanzeige von Hilde Simon und Simon Eisenmann (1937)   

Londorf Israelit 11111937.jpg (28116 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. November 1937: "Gott sei gepriesen
Hilde Simon - Simon Eisenmann. Verlobte. 
Londorf (Hessen) / Amsterdam van Breestraße 76 - Amsterdam - Beethovenstraße 95. Kislew 5698 / November 1937". 

     
     
  
   
Zur Geschichte der Synagoge      
      
Eine Synagoge war im Obergeschoss eines alten, dreistöckigen Fachwerkhauses an der (früheren) Allendorfer Straße eingerichtet. Im Betsaal gab es 80 bis 100 Plätze. Im Erdgeschoss befand sich die Lehrerwohnung. Im Hof der Synagoge - zur Lumda hin - war ein kleines Badhaus mit der Mikwe vorhanden. Vor dem Ersten Weltkrieg wurde das Synagogengebäude renoviert. Im Toraschrein wurden sieben oder acht Torarollen aufbewahrt.   
  
Im Sommer 1938 war die Auflösung der jüdischen Gemeinde absehbar. Isaak Simon, der bereits mehrere Jahre als Vorbeter tätig war, gab einer im Sommer 1938 nach England emigrierenden Familie zwei der Torarollen aus der Synagoge mit.   

Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch SA-Leute geschändet und verwüstet. Die Inneneinrichtung und die Ritualien wurden verbrannt. Wenig später kam das Gebäude in Privatbesitz und wurde nach 1945 abgebrochen. Auf dem Synagogengrundstück wurde später ein Lebensmittelgeschäft erstellt, das bis in die 1980er-Jahre bestand. Danach wurde im Gebäude eine Wohnung eingebaut.      
  
  
Adresse/Standort der Synagoge   Gießener Straße 76  (ehemalige Allendorfer Straße in Londorf)   
 
 
Fotos
(Quelle: sw-Fotos: Altaras s.Lit. 1988, 1994 und 2007)  

  Historische Fotos / Abbildungen der Synagoge sind noch nicht vorhanden; 
über Hinweise oder Zusendungen freut sich der Webmaster der "Alemannia Judaica"; 
Adresse siehe Eingangsseite.
     
Nach 1945 Londorf Synagoge 080.jpg (72396 Byte)
  Blick auf den an Stelle der ehemaligen Synagoge erbauten, eingeschossigen Lebensmittelmarkt
(Foto vom September 1984); 1992 war hier eine Wohnung eingebaut.  
     
Reste des ehemaligen
 rituellen Bades
Londorf Synagoge 081.jpg (78705 Byte)
  Im früheren Synagogenhof war das Badhaus (Foto vom April 1992): beim Badehaus (Fläche 7,5 m x 3,5 m) handelt es sich um das kleine Gebäude mit der Türöffnung zum Garten; darunter wurde später ein Vorbau aus Hohlblocksteinen erstellt. 
   
  Neuere Fotos der aktuellen Situation werden noch erstellt.

      
    
 
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte      

November 2019: Erinnerungstafel wird angebracht 
Auf Initiative des Vereins für Heimat- und Kulturgeschichte wurde im November 2019 am alten Backhaus in der Londorfer Kirchgasse eine Erinnerungstafel angebracht mit der Inschrift: "Zur Erinnerung an unsere Bürger jüdischen Glaubens und zum Gedenken an ihr in den Jahren 1933-1945 durch Unrecht und Gewalt erlittenes Schicksal". 
 
Februar 2022: Ein Presseartikel erinnert an die jüdische Geschichte in Londorf    
Artikel von Thomas Brückner in der "Gießener Allgemeinen" vom Februar 2022: "Wenig erinnert an Londorfs Juden
300 Jahre wohnten, arbeiteten, feierten Londorfs Juden in meist guter Nachbarschaft mit den Christen. Zum Pessachfest teilten Kinder die ungesäuerten Fladen (Matzen) mit ihren Freunden. Mit der 'Machtergreifung' der Nazis aber war’s damit vorbei: Entrechtung, Boykott, Verwüstung der Synagoge, Deportation, Mord. Wenig erinnert an dieses Kapitel. Darunter Reste der Mikwe.

Erst seit einem Novembertag 2019 erinnert eine schlichte Tafel an die jüdische Gemeinde Londorf. Eine Initiative aus dem Verein für Heimat- und Kulturgeschichte. Erinnert sei an die Worte Pfarrer Leislers bei der Enthüllung der Plakette am alten Backhaus: Dass die Massenvernichtung möglich gewesen sei, so der evangelische Geistliche, liege sehr wohl auch an den Menschen, die ganz einfach nichts getan hätten. 'Die Stillschweigen bewahrt, die billigend in Kauf genommen hatten, was mit ihren Nachbarn geschah.' Nicht im fernen Berlin, sondern eben auch in Londorf. Dass es so lange gedauert habe, die Tafel mit ihrem recht neutralen Text aufzuhängen - für den Pfarrer 'eine peinliche Nummer'. Das aber soll sich ändern: Eine Gruppe um Jens Hausner möchte, dass die Geschichte der Londorfer Juden vor dem Vergessen bewahrt wird. Mag sein, die wenig sagende Tafel wird durch eine ersetzt, die auch die Namen jener Familien nennt, die unter den Nazis leiden mussten, von ihnen vertrieben, gefoltert, ermordet wurden. Darunter die Familie von Leopold Wertheim. 1891 in Rüddingshausen geboren, hatte er später in Londorf einen Viehhandel betrieben. Mit Ehefrau Emma und den Töchtern Ingeborg und Ruth lebte er in der heutigen Kirchgasse 12. Im Ersten Weltkrieg hatte er einen Arm verloren, was ihm den Dorfnamen 'Earm' bescherte. Wie der Vater war auch Leopold in der Sängervereinigung 'Frohsinn' aktiv. Unter den Nazis aber war es bald vorbei mit der Harmonie.
Wie dem Beitrag von Artur Rothmann für das Festbuch '1250 Jahre Londorf', erschienen 2008, weiter zu entnehmen, 'erkalteten die zuvor gut nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Juden und Christen durch die zunehmende Hetz- und Drohpropaganda.' Und so musste auch Leopolds Tochter Ruth, 1934 eingeschult, nicht nur unter Hänseleien leiden. 1935 schickten sie ihre Eltern daher auf eine jüdische Schule in Offenbach. Allerdings, so weiter Zeitzeugen, habe es auch jene gegeben, die den verarmten Juden heimlich Brot oder einen Sack Mehl zusteckten. Die gesamte Familie von Leopold Wertheim, einschließlich Mutter Johanna, wurde 1942 deportiert und ermordet. Einzig Ruth überlebte. 1945 kehrte sie nach Londorf zurück - die jüdische Gemeinde existierte nicht mehr, ihre Angehörigen waren ermordet worden. 1946 emigrierte sie in die USA, wo sie im Alter von 67 Jahren starb.
An das Schicksal der Wertheims wie aller Londorfer Juden erinnert heute wenig. Besagte Gedenktafel etwa. Oder der Judenfriedhof. Dessen Grabsteine hatte vor einigen Jahren ein örtlicher Steinmetz restauriert, wie Gerd Schönhals, ehemals Vorsitzender des Vereins für Heimat- und Kulturgeschichte, dieser Zeitung berichtete.
Verschwunden ist dagegen die Synagoge. Das dreistöckige Fachwerkgebäude (heute Gießener Straße 76) beherbergte einen großen Betraum, Schulsaal und Lehrerwohnung. Beim Novemberpogrom 1938 zerstörten Nazis die Inneneinrichtung, verbrannten einige der Thorarollen. Nach dem Krieg wurde das Haus abgerissen, im Neubau befand sich einige Jahre ein Lebensladen. An die Synagoge, zur Lumda hin, schloss die Mikwe an. Ein kleines Badehaus, dessen Wasser der Erlangung ritueller Reinheit dienen soll. Was kaum einer weiß: Die Außenmauern sind bis heute erhalten - ein vergessener Ort.
Die Geschichte auch dieser Gemeinschaft mosaischen Glaubens dokumentiert hat die 'Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum' (Alemannia Judaica)...'"
Link zum Artikel    

    
     


     
Links und Literatur  

Links:  

bulletWebsite der Gemeinde Rabenau  
bulletWebsite des Museums der Rabenau    

Literatur:  

bulletPaul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 499-501.   
bulletThea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 86. 
bulletdies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 70-71.  
bulletdies.: Neubearbeitung der genannten Bücher. 2007. S. 205-206.  
bulletStudienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel. 1995 S. 47.    
bulletPinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 228.    
bulletVerein für Heimat- und Kulturgeschichte der Rabenau e.V.: Chronik zur 1250-Jahre-Feier von Londorf. 2008. Darin Beitrag von Artur Rothmann zur jüdischen Geschichte. 

  
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Londorf Hesse.  Jews first settled in 1650 and numbered 103 (12 % of the total) in 1828. The community was affiliated with Giessen's Liberal rabbinate. Of the 40 Jews living there in 1933, 21 emigrated before 1939. On Kristallnacht (9-10 November 1938) the synagogue was burned down and the remaining 15 Jews perished in the Holocaust.   
   
    

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 30. Juni 2020