Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Riedlingen (Kreis Biberach) 
Jüdische Geschichte 

Übersicht:  

Zur jüdischen Geschichte in Riedlingen 
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Zur jüdischen Geschichte in Riedlingen            
    
In Riedlingen waren vermutlich bereits im Mittelalter Juden ansässig (einzige Nennung 1384). 

Erst nach 1867 konnten nach jahrhundertelangem Niederlassungsverbot wieder einige Familien in der Stadt zuziehen, die zur Synagogengemeinde in Buchau gehörten. 1878 waren es inzwischen zwei angesehene Kaufmannsfamilien in der Stadt, über die anlässlich von antijüdischen Äußerungen des katholischen Vikars der Stadt ein Bericht in der überregionalen jüdischen Presse erschien: 

Riedlingen AZJ 03121878.jpg (131524 Byte)Artikel aus der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. Dezember 1878: 
"Aus Württemberg
. 17. November (1878).... 
In Riedlingen wohnen seit ca. 6 Jahren zwei israelitische Familien, sehr angesehene Kaufleute und bei den dortigen Katholiken sehr geachtet. Die Tochter eines derselben besucht die dortige obere Mädchenschulklasse und hat sich ihrer Talente und guten Sitten wegen viele Freundinnen unter ihren Mitschülerinnen erworben, besonders unter den Kindern der dortigen Beamten. Deshalb brachte es auch eine große Aufregung unter der Bevölkerung hervor, als vor einigen Wochen der katholische Vikar beim Religionsunterricht in Abwesenheit des jüdischen Mädchens seine Katechumenen ermahnte: 'Ihr solltet Euch schämen, mit einem Judenmädchen Euch zu befreunden, man muss stets wissen, dass man Christ ist und seine Würde als solcher wahren. Diese Wucherjuden sollen froh sein, dass man sie bei uns leben lässt usw.'. Diese und noch weitere intolerante Äußerungen des jungen fanatischen Geistlichen bewirkten gerade das Gegenteil von Dem, was derselbe damit beabsichtigte. Alle Eltern, die durch ihre Kinder von diesen 'religiösen Belehrungen' Kenntnis erhielten, besonders die Beamten, bezeugten dem Vater ihre Sympathien und veranlassten ihn, die Angelegenheit der kirchlichen Behörde zur Entscheidung vorzulegen, welche wahrscheinlich die Versetzung des Vikars dekretieren wird."

Ausführlich mit der jüdische Geschichte Riedlingens beschäftigt hat sich der katholische Theologe Christoph Knüppel (Herford). Über einen Vortrag im Oktober 2005 in Riedlingen liegt folgender Bericht vor: 

Riedlingen PA 001.jpg (195629 Byte)Artikel im "Alb-Boten" (Lokalteil der Südwest-Presse Ulm) vom 15. Oktober 2005: "Geschichte  / Vortrag von Christoph Knüppel zu 'Riedlinger Juden': Geschäftsleute aus Buttenhausen. Artikel von Waltraud Wolf.
Der katholische Theologe Christoph Knüppel hatte die lange Reise von Herford nach Riedlingen gemacht, um auf Einladung des Altertumsvereins über jüdische Familien und ihr Schicksal zu berichten, die einst in der Donaustadt lebten. Einige von ihnen waren aus Buttenhausen zugezogen.
RIEDLINGEN. Eine größere jüdische Gemeinde bestand in Riedlingen zu keiner Zeit, informierte Christoph Knüppel. Es waren nie mehr als zehn bis 20, die in der Stadt lebten. Vermutlich gab es einzelne, die im Spätmittelalter in Riedlingen ansässig waren. In der Neuzeit tauchten jüdische Wanderhändler auf. Festen Wohnsitz hätten Juden in der Donaustadt jedoch erst wieder 1871 genommen. Es waren die Familien Abraham und Moritz Landauer, die beide aus Buttenhausen stammten und davor in Buchau ein Textilgeschäft betrieben haben. 
Bis auf das Ehepaar Simon und Klara Adler seien alle im Textilhandel gewesen, die meisten von ihnen sehr erfolgreich. Dazu kam eine Filiale des Ulmer Lebensmittelgeschäftes Gaissmaier, die mit Herbert Oettinger einen jüdischen Geschäftsführer beschäftigte. Die Geschäftsgründer und ihre Ehefrauen kamen fast alle aus Buttenhausen. An den hohen jüdischen Feiertagen schlossen sie ihre Läden, um die Synagoge zu besuchen. Auch verbrachten die Kinder ihre Ferien häufig bei den Großeltern in Buttenhausen. Vor allem die Söhne der Juden absolvierten die Lateinschule und knüpften Freundschaften mit nichtjüdischen Kindern. Nach 1933 gab es auch hier antisemitische Anfeinden.
'Nach allem was wir wissen, verlief das Zusammenleben von Juden und Christen in Riedlingen bis 1933 weitgehend friedlich', klärte Knüppel auf. Die Verfolgung der Juden in der Donaustadt setzte am 1. April 1933 mit einem Boykott jüdischer Geschäft ein. Längerfristig, so Knüppel, habe er wohl keinen Erfolg gehabt, denn bald erschienen wieder Anzeigen der Geschäfte in den Zeitungen. 1935 wurde erneut zum Boykott aufgerufen und gegen jene gehetzt, die dennoch dort einkauften. 
Ende 1935 wurde Herbst Oettinger als Geschäftsführer der Riedlinger Gaissmaier-Filiale entlassen. Die Familie zog nach Stuttgart und konnte 1941 nach New York ausreisen. Immer stärker wurde auch der Druck auf die Unternehmer, ihre Geschäfte abzugeben: 1937 verkauften Isak Strauss und sein Schwiegersohn David Weil das Textilgeschäft Julius Weil & Co.. Die Familie Weil wanderte im August 1940 nach Kalifornien aus. Isak Strauss starb in Theresienstadt. Die zweite Firma, die 'arisiert' wurde, war das Textilgeschäft Landauer. Ihre Besitzer Herbert Siegfried und Karoline Oettinger fanden in Auschwitz den Tod. Ihr Sohn, der promovierte Jurist Ernst Oettinger, war bereits im September 1937 in die USA emigriert. Er nahm 1946 als amtlicher Beobachter an den Nürnberger Prozessen teil. Seine Schwester Eva soll nach Schweden ausgewandert sein. 
Das Textilgeschäft Ernst Oettinger, das seit 1919 ihrem Schwiegersohn Albert Bernheim gehörte, ging 1938 in 'arischen' Besitz über. Bernheim und seine Frau wurden 1941 nach Riga deportiert und dort vermutlich erschossen. Ihre drei Kinder hatten sie zuvor in England in Sicherheit gebracht.
Hatten Riedlinger Geschäftsleute gehofft, mit der Vertreibung der jüdischen Händler unliebsame Konkurrenz auszuschalten, so stellten sie jetzt fest, dass sie durch die Übernahme einmal durch Ludwig Biber und zum anderen durch den Fabrikanten Alexander Riempp nur die alte gegen eine neue, vielleicht sogar bedrohlichere eingetauscht hatten.
Im Jahresrückblick wurde die 'Ausmerzung sämtlicher drei Judengeschäfte und ihre Überführung in arischen Besitz' als wirtschaftlicher Fortschritt gefeiert, zitierte Knüppel aus dem 'Riedlinger Tagblatt' von damals. Die noch in Riedlingen lebenden erwachsenen Juden mussten ihren Vornamen Sara beziehungsweise Israel hinzufügen.
Zuletzt beleuchtete Knüppel die Bedeutung jüdischer Vieh- und Pferdehändler für die damals bedeutenden Riedlinger Viehmärkte für ganz Oberschwaben. Sie kamen aus Buchau, Buttenhausen und Haigerloch. Bestrebungen, für die jüdischen Händler ein Marktverbot auszusprechen, hatte sich Bürgermeister Fischer bis zum November 1937 entzogen, weil er fürchtete, die Märkte könnten an Attraktivität einbüßen. Danach fügte auch er sich. Doch konnte er nicht verhindern, dass einzelne jüdische Viehhändler in privaten Stallungen Handel trieben.
Die meisten jüdischen Kinder, die 1933 noch in Riedlingen lebten, konnten Deutschland rechtzeitig verlassen, informierte Knüppel zum Schluss. Der geistig behinderte Ludwig Oettinger jedoch viel in Grafeneck dem Euthanasieprogramm der Nazis zum Opfer. Ermordet wurden außerdem der 20-jährige Walter Oettinger und der 30-jährige Ernst Weil.
Bei seinen Recherchen zur jüdischen Familie Landauer haben Christoph Knüppel Erinnerungen von Siegfried Landauer, der seine Ferien in Riedlingen verbracht und darüber ein Tagebuch verfasst hatte, in die Donaustadt geführt. Motivation, sich mit dem Thema zu beschäftigen, war für ihn auch, dass man sich bislang bei der Geschichte der Juden auf ihre Opferrolle fixiert habe, wobei sehr viel von dem Reichtum ihrer Kultur und Menschlichkeit verloren gegangen sei."

Von den in Riedlingen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem): Albert Bernheim (1885), Elisabeth Bernheim (1920), Irma Irena Bernheim geb. Oettinger (1893), Selma Holzinger geb. Oettinger (1884), Herbert Siegfried Oettinger (1883), Karoline (Carolina, Carry) Oettinger geb. Mayer (1881), Ludwig Oettinger (1888), Nelly Oettinger geb. Mayer (1883), Walter Oettinger (1922), Ernst Weil (1912).
     
    
     
Berichte aus der jüdischen Geschichte in Riedlingen        

Außer dem oben zitierten Bericht aus der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" von 1878 wurden in jüdischen Periodika des 19./20. Jahrhunderts noch keine Berichte zur jüdischen Geschichte in Riedlingen gefunden.   

      
      
Fotos    

Zur jüdischen Geschichte in Riedlingen liegen noch keine Fotos vor 
(vgl. jedoch die Beiträge von Christoph Knüppel, siehe Literatur)  
  
      

  
   

Links und Literatur   

Links:  

Website der Stadt Riedlingen       

Literatur:  

Ausführliche Darstellung: Christoph Knüppel: Zur Geschichte der Juden in Riedlingen. Erschienen in "Heimatkundliche Blätter für den Kreis Biberach. Jahrgang 29. Nr. 2 November 2006. S. 38-65.  Online als doc-Datei zugänglich 
Dazu: Briefe von Rosa Landauer an Gustav Landauer (Anhang)   Online als doc-Datei zugänglich   
Erich Bernheim: Mein Leben bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Hg. und übersetzt von Christoph Knüppel (Erinnerungen, die Erich Bernheim aus Riedlingen im Dezember 1982, kurz vor seinem Tod für seine Angehörigen niederschrieb). Online als htm-Datei zugänglich
dazu Anhang: "Alles geht weg, nur wir sehen keinen Ausweg". Briefe aus den Jahren 1939 und 1943.  Online als htm-Datei zugänglich.
Christoph Knüppel: "Denn deine Kraft ist in den Schwachen mächtig". Leben und Briefe der jüdischen Christin Nelly Oettinger. In: BC - Heimatkundliche Blätter für den Kreis Biberach Jg. 31 Heft 2 (November 2008). S. 32-53.  Online als pdf-Datei zugänglich.   

  
    

                   
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Stand: 03. Mai 2014