Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Stebbach (Gemeinde Gemmingen, Landkreis Heilbronn) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge 

Übersicht:  

bulletZur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
bulletAus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Berichte zu einzelnen Familien   
Sonstiges     
bulletZur Geschichte der Synagoge   
bulletFotos / Darstellungen   
bulletLinks und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde           
   
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts als kurpfälzisches Leben zuletzt den Grafen von Degenfeld gehörenden Stebbach bestand eine jüdische Gemeinde bis zu ihrer Auflösung 1915. Ihre Entstehung geht in die Zeit Anfang des 18. Jahrhunderts zurück. 1704 ist eine erste jüdische Familie am Ort nachzuweisen. In den folgenden Jahrzehnten zogen weitere Personen zu. 
  
Anfang des 19. Jahrhunderts waren neun jüdische Familien am Ort. Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich wie folgt: 1826 75 jüdische Einwohner (10,7 % der Einwohnerschaft), 1833 111, 1838 109, 1841 Höchstzahl von 124, 1855 12 jüdische Familien, 1864 69 jüdische Einwohner, 1871 49, 1875 42, 1880 34, 1883 7 jüdische Familien, 1885 29 jüdische Einwohner, 1887 34, 1888 25, 1890 15, 1892 19 (in 6 Haushaltungen), 1894 13 (in 5 Haushaltungen), 1900 10. Bei der Annahme von erblichen Familiennamen 1809 nahmen die 13 Familienvorstände die folgenden Namen an: Bär (3), Eppinger (1), Eisenmann (4, später in der Form Eisemann), Kahn (1), Kaufmann (1), Münzesheimer (1) und Wolf (2).  
   
Die jüdischen Familien lebten überwiegend vom Vieh- und Warenhandel. 1826 wurde in Stebbach die Bettfedernfabrik Michael Kahn gegründet, die 1854 nach Mannheim übersiedelte und zu einem Großunternehmen wurde (siehe unten Foto der Hinweistafel in Mannheim). Der Firmengründer ist 1861 in Mannheim gestorben. Seine Söhne errichteten in Mannheim zur Erinnerung an ihren Vater die Michael Kahn'sche Schulstiftung (1870), die in Stebbach zur Finanzierung der Schulbücherei, für allgemeine Schulbedürfnisse und zur Lernmittelbeschaffung für arme Schüler diente (die Stiftung bestand bis 1953).   
   
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge, eine jüdische Schule (Religionsschule) und ein rituelles Bad. Die Toten der Gemeinde wurden auf den jüdischen Friedhöfen in Heinsheim, Oberöwisheim oder Waibstadt, seit 1818/19 überwiegend in Eppingen beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war zeitweise ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter (teilweise auch als Schochet) tätig war (vgl. unten die Ausschreibungen der Stelle zwischen 1836 und 1854). Als Religionslehrer genannt werden 1838 Moses Münzesheimer aus Rohrbach, 1850 Samuel Rosenthal aus Randegg. Seit den 1860er-Jahren wird als Lehrer, Kantor und Schochet Jonas Eisinger genannt. Er unterrichtete 1892 noch 2 Kinder aus der Gemeinde. Die Gemeinde gehörte seit 1827 zum Rabbinatsbezirk Sinsheim, später zum Rabbinatsbezirk Bretten.
 
Von den Gemeindevorstehern werden genannt: um 1888/1892 R. Ottenheimer, F. Eisenmann und A. Ottenheimer.
  
In der Gemeinde gab es einen vom Synagogenrat der jüdischen Gemeinde verwalteten Israelitischen Krankenunterstützungsverein (1892 genannt) sowie eine vom Magistrat der politischen Gemeinde verwaltete M. Kahn'sche Armenstiftung (um 1889 genannt). 
    
Durch Aus- und Abwanderung ging die Zahl der Juden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schnell zurück. 1915 wurde die jüdische Gemeinde Stebbach aufgelöst beziehungsweise als Filialgemeinde der Gemeinde in Gemmingen zugeteilt (vgl. Mitteilung unten in der Zeitschrift "Der Gemeindebote"). 
    
An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden jüdischen Handelsbetrieben ist bekannt: Einzelhandelsgeschäft Josephine Ottenheimer (Haus Nr. 53). 
      
1933 lebten noch sechs jüdische Personen in Stebbach. Drei von ihnen starben in ihrer Heimat (zuletzt die am 25. März 1940 in Eppingen beigesetzte Rosa Eisemann). Josephine Ottenheimer ist in Gurs verschollen. Das gleiche Schicksal erlitt die bei der Deportation 73-jährige, von Geburt an blinde Jette Eisemann. Lisette Eisemann wurde aus dem Altersheim in Stuttgart erst nach Theresienstadt verschleppt und später in Auschwitz ermordet.  
   
Von den in Stebbach geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Ernestine Bernhard geb. Hanauer (1873), Wilhelm Bär (1882), Lisette Eisemann (1866), Elsa Kulb geb. Eisinger (1879, "Stolperstein" seit 2019 in der Seestraße 95 in Stuttgart, siehe unten), Wilhelm Rothschild (1859). 
   
Zum ersten Ehrenbürger der bürgerlichen Gemeinde Stebbach wurde 1912 das jüdische Gemeindeglied Jonas Eisinger ernannt. 40 Jahre lang war er als angesehener Ratsschreiber der Gemeinde tätig gewesen.  
     
     
     
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde    
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Ausschreibungem der Stelle des Religionslehrers und Vorsängers (1836 / 1846 / 1847 / 1848 / 1851 / 1852 / 1853 / 1854)   
(Quelle: alle Anzeigen erhalten vom Stadtarchiv Donaueschingen)    

Stebbach Anzeigenblatt 13041836.jpg (91186 Byte)Anzeige im Großherzoglichen Anzeigenblatt für den Seekreis vom 13. April 1836: "Erledigte Stelle. 
Bei der israelitischen Gemeinde Stebbach, Amts Eppingen, ist die Lehrstelle für den Religionsunterricht der Jugend, mit welcher ein Gehalt von 60 Gulden nebst freier Kost und Wohnung verbunden ist, erledigt, und durch Übereinkunft mit der Gemeinde unter höherer Genehmigung zu besetzen. 
Die rezipierten israelitischen Schulkandidaten werden daher aufgefordert, unter Vorlage der Rezeptionsurkunde und der Zeugnisse über ihren sittlichen und religiösen Lebenswandel binnen 6 Wochen sich bei dasiger Bezirks-Synagoge zu melden. 
Auch wird bemerkt, dass im Falle weder Schulkandidaten noch Rabbinatskandidaten sich melden, andere inländische Subjekte nach erstandener Prüfung bei dem Bezirks-Rabbiner zur Bewerbung zugelassen werden.
Sinsheim, den 28. März 1836. Großherzogliche Bezirks-Synagoge."      
 
Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 28. November 1846: " Bei der israelitischen Gemeinde Stebbach ist die Lehrstelle für den Religionsunterricht der Jugend, mit welcher ein Gehalt von 135 fl., nebst freier Wohnung, sowie der Vorsängerdienst samt den davon abhängigen Gefällen verbunden ist, erledigt, und durch Übereinkunft mit der Gemeinde unter höherer Genehmigung zu besetzen.  
Die rezipierten israelitischen Schulkandidaten werden daher aufgefordert, unter Vorlage ihrer Rezeptionsurkunde und der Zeugnisse über ihren sittlichen und religiösen Lebenswandel, binnen 6 Wochen sich bei der Bezirkssynagoge Sinsheim zu melden.  Auch wird bemerkt, dass im Falle sich weder Schul- noch Rabbinatskandidaten melden, andere inländische Subjekte, nach erstandener Prüfung bei dem Rabbiner, zur Bewerbung zugelassen werden."    
 
Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 3. Februar 1847: "Die Auskündigung der erledigten Religionsschullehrer- und Vorsängerstelle bei der israelitischen Gemeinde Stebbach wird hiermit erneuert; und zwar statt mit 135 fl. nun mit dem erhöhten Betrag 150 fl. jährlichen Gehalts."   
 
Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 1. März 1848 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): " Bei der israelitischen Gemeinde Stebbach ist die Lehrstelle für den Religionsunterricht der Jugend, mit welcher ein Gehalt von 1 50 fl. nebst freier Wohnung erledigt, und durch Übereinkunft mit der Gemeinde unter höherer Genehmigung zu besetzen.  
Die rezipierten israelitischen Schulkandidaten werden daher aufgefordert, unter Vorlage ihrer Rezeptionsurkunde und der Zeugnisse über ihren sittlichen und religiösen Lebenswandel, binnen 6 Wochen sich bei der Bezirkssynagoge Sinsheim zu melden.  
Auch wird bemerkt, dass im Falle sich weder Schul- noch Rabbinatskandidaten melden, andere inländische Subjekte, nach erstandener Prüfung bei dem Rabbiner, zur Bewerbung zugelassen werden." 
 
Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 26. Juli 1848 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Vakante Schulstellen. 
Unter Bezug auf diesseitige Bekanntmachung vom 7. Februar laufenden Jahres, in Betreff der in Erledigung gekommenen Religionsschullehrerstelle bei der israelitischen Gemeinde Stebbach, mit einem Gehalt von 150 fl., wird dieselbe, Behufs der Wiederbesetzung, anmit wiederholt ausgekündigt."   
 
Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 12. Juli 1851 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Die mit einem festen Gehalte von 135 fl. und einem jährlichen Schulgelde von 48 kr. für jedes die Religionsschule besuchende Kind und dem Vorsängerdienste samt den davon abhängigen Gefällen verbundene Religionsschulstelle bei der israelitischen Gemeinde Stebbach, Synagogenbezirks Sinsheim, ist zu besetzen.  
Die berechtigten Bewerber um dieselbe werden daher aufgefordert, mit ihren Gesuchen unter Vorlage ihrer Aufnahmeurkunden und der Zeugnisse über ihren sittlichen und religiösen Lebenswandel, binnen 6 Wochen mittelst des betreffenden Bezirksrabbinats bei der Bezirkssynagoge Sinsheim sich zu melden. 
Bei dem Abgange von Meldungen von Schul- oder Rabbinats-Kandidaten können auch andere inländische befähigte Subjekte nach erstandener Prüfung bei dem Bezirksrabbiner zur Bewerbung zugelassen werden."   
 
Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 24. April 1852 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Dienst-Nachrichten
Die Religionsschul- und Vorsängerstelle bei der israelitischen Gemeinde Stebbach wird, unter Bezug auf diesseitiges Ausschreiben vom 30. Juni vorigen Jahres, und zwar nun mit einem Gehalte von 150 fl. nochmals ausgekündigt."   
 
Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 9. Februar 1853  (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Vakante Schulstellen. 
Die Religionsschul- und Vorsängerstelle bei der israelitischen Gemeinde Stebbach mit einem festen Gehalte von 135 fl. und einem jährlichen Schulgelde von 48 kr. von jedem Schulkinde, wird anmit wiederholt ausgeschrieben."     
 
Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 23. Dezember 1854 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Vakante Schulstellen. 
Die mit einem festen Gehalte von 135 fl. und einem jährlichen Schulgelde von 48 kr. für jedes die Religionsschule besuchende Kind und dem Vorsängerdienste samt den davon abhängigen Gefällen verbundene Religionsschulstelle bei der israelitischen Gemeinde Stebbach, Synagogenbezirks Sinsheim, ist zu besetzen.  
Die berechtigten Bewerber um dieselbe werden daher aufgefordert, mit ihren Gesuchen unter Vorlage ihrer Aufnahmeurkunden und der Zeugnisse über ihren sittlichen und religiösen Lebenswandel, binnen 6 Wochen mittelst des betreffenden Bezirksrabbinats bei der Bezirkssynagoge Sinsheim sich zu melden. 
Bei dem Abgange von Meldungen von Schul- oder Rabbinats-Kandidaten können auch andere inländische befähigte Subjekte nach erstandener Prüfung bei dem Bezirksrabbiner zur Bewerbung zugelassen werden."  

    
Über Jonas Eisinger, jüdischer Religionslehrer und Ehrenbürger der Gemeinde      
Angaben überwiegend nach dem Wikipedia-Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Jonas_Eisinger   

Jonas Eisinger wurde als Sohn des Handelsmannes Pfeiffer (Pinchas) Eisinger und der Rosette (Rösle) Eisinger geb. Fisch am 15. September 1844 in Merchingen geboren (Eintrag im Geburtsregister siehe http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1116170-339). In den 1860er Jahren bewarb er sich erfolgreich auf die Stelle des Lehrers, Vorbeter und Schochet in Stebbach. 1872 wurde Jonas Eisinger zum Ratschreiber der Gemeinde Stebbach ernannt. 1875 heiratete er Jette geb. Eisemann (geb. 5. oder 6. August 1854 in Stebbach als Tochter von Emanuel Eisemann und seiner Frau Magdalene geb. Ottenheimer, Eintrag im Geburtsregister  http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1128884-245). Aus dieser Ehe entstammten die Kinder Bernhard (geb. 1877) und Elsa (geb. 7. September 1879). Nach 40 Dienstjahren konnte Jonas Eisinger 1912 in den Ruhestand treten und erhielt für seine großen Verdienste um die Gemeinde die Ehrenbürgerwürde von Stebbach verliehen. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde ihm diese 1936 auf Grund seines jüdischen Glaubens offiziell wieder entzogen, obwohl er bereits 1914 gestorben war. Jonas Eisinger starb am 4. Juni 1914 in Stebbach wurde auf dem jüdischen Friedhof in Eppingen beigesetzt (Eintrag in der Friedhofsdokumentation des Landesarchives http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=2-2396286). Jette Eisinger ist am 7. September 1924 in Stebbach gestorben und gleichfalls im jüdischen Friedhof Eppingen beigesetzt worden.
Nachkommen: 1. Der Sohn Bernhard Eisinger ließ sich um 1900 in Marseille nieder und baute ein Getreidehandelsunternehmen auf, das bald weltweite Geschäftsbeziehungen hatte. Bernhard Eisinger war mit Alice geb. Siegel aus Mülhausen im Elsass verheiratet. Aus dieser Ehe entstammten Roger Eisinger (1913–1992) und Eliane (geb. 1916).
Roger Eisinger lebte, nachdem er in den 1960er Jahren seine Arbeit als Getreidehändler aufgegeben hatte, als Schriftsteller in Marseille. Er schrieb unter dem Pseudonym Emmanuel Eydoux Gedichte und Theaterstücke.  
2. Die Tochter Elsa heiratete den Lehrer Moritz Kulb (geb. 1875 in Hösbach bei Aschaffenburg), der nach seinem Studium am Lehrerseminar in Esslingen bis 1926 als Lehrer an der jüdischen Volksschule in Sontheim (Heilbronn), danach bis 1936 als Lehrer und Kantor in Öhringen tätig war. Die beiden hatten drei in Sontheim geborene Kinder: Klara (geb. 1906), Rosa (geb. 1908) und Ilse (geb. 1910). 1936 verzogen Moritz und Elsa Kulb nach Stuttgart, wo Moritz am 20. März 1937 starb (Grab im Pragfriedhof, Israelitischer Teil). Elsa Kulb wurde zusammen mit ihren Töchtern Rosa und Klara verheiratete Freund 1941 von Stuttgart nach Riga-Jungfernhof deportiert. Alle drei wurden dort im Frühjahr 1942 ermordet.  Ausführliche Beschreibung der Familiengeschichte (Flyer zur Stolpersteine-Verlegung, pdf-Datei; Foto links Stolperstein aus Wikimedia Commons; alle drei Stolpersteine für Elsa und Rosa Kulb sowie Klara Freund geb. Kolb sind abgebildet und beschrieben in der Liste der Stolpersteine in Stuttgart Nord unter Seestraße 95  https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Stuttgart-Nord)  
Literatur: Wolfgang Ehret: Stebbach – Eppingen im Land. Erinnerungen des Roger Eisinger an ein Dorf, das es so nicht mehr gibt. In: "Rund um den Ottilienberg", 9/2010. 
- https://www.encyclopedia.com/religion/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/eydoux-emmanuel  
- Zur Geschichte der Familie Kulb  https://www.stolpersteine-stuttgart.de/biografien/elsa-und-rosa-kulb-seestr-95/        

    
  

Aus dem jüdischen Gemeindeleben 
Beleidigungsprozess vor dem Großherzoglichen Oberlandesgericht Karlsruhe - der Antisemitismus macht sich bemerkbar (1894) 

Anmerkung:
Zu Familie Beck in Stebbach: Die Familie Beck wird 1694 erstmals in den Stebbacher Kirchenbüchern erwähnt. Christoph Beck war Gastwirt im 'Weißen Roß', zugleich Jäger und Zolleinnehmer. Zwischen 1703 und 1723 amtierte er als Stebbacher Schultheiß. Johann Georg Beck war von 1851 bis 1868 Stebbacher Bürgermeister. Angehörige der Familie Beck waren als Gastwirte, Küfer und Bierbrauer, aber auch als Bauern, Handwerker und als Arbeiter tätig. Vgl. http://www.stebbach-ortsgeschichte.de/index_18.htm  

Berwangen Israelit 29011894.jpg (133841 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Januar 1894: "Aus Baden. Dieser Tage wurde ein Beleidigungsprozess durch das Großherzogliche Oberlandesgericht Karlsruhe beendet, der auch für die Leser Ihres geschätzten Blattes nicht ohne Interesse sein dürfte. Ausweislich der gerichtlichen Feststellungen und Beweisergebnisse hatte nämlich bei einer am 11. Mai dieses Jahres in Berwangen stattgefundenen konservativen Parteiversammlung, welche von Einwohner von Berwangen und anderen Orten, Christen und Juden besucht war, Röder, der nichtbadische Redakteur der 'Badischen Landpost' in seinem Vortrag den Juden den Vorwurf der Bewucherung der Bauern gemacht. 
Ein Jude, Ferdinand Hahn, wollte hierauf erwidern, wurde aber von dem Gemeinderat Martin Beck aus Stebbach mit erhobenem Stocke und mit den Worten: 'Du hältst das Maul, sonst schlag ich Dir auf den Kopf' daran verhindert, worauf der Metzger Nathan Kirchheimer von Berwangen dem Beck gegenüber äußerte: 'Der ist auch ein Wucherer, der hat ein Rind um 50 Mark zu teuer verkauft; ist das nicht auch gewuchert?' Beck hatte, wie weiter festgestellt, dem Nathan Kirchheimer von Berwangen ein Rind, für welches dieser ursprünglich nur 260 Mark geboten hatte, um 302 Mark verkauft, bei dessen Weiterverkauf dieser 40 Mark einbüßte. 
Beck erhob Klage gegen Metzger Nathan Kirchheimer wegen Beleidigung beim Schöffengerichte. Das Schöffengericht sprach den Angeklagten, der durch den Rechtsanwalt Frühauf von Karlsruhe vertreten war, frei. Gegen dieses Urteil legte der Privatkläger Berufung ein beim Großherzoglichen Landgerichte Karlsruhe. Die Ferien-Strafkammer des Großherzoglichen Landgerichts verurteilte den Angeklagten kostenfällig zu einer Geldstrafe von 20 Mark, eventuell 4 Tage Haft mit Befugnis des Anklägers, dieses Urteil auf Kosten des Angeklagten im amtlichen Bezirksverkündigungsblatt einmal zu veröffentlichen.
Berwangen Israelit 29011894b.jpg (166736 Byte)Gegen dieses Urteil legte der Angeklagte Revision ein beim Großherzoglichen Oberlandesgericht in Karlsruhe. Es handelt sich nämlich in allen Instanzen um die Auslegung des § 193 des Strafgesetzbuches. Der Strafsenat des Großherzoglichen Oberlandesgerichts unter Teilnahme des Großherzoglichen Senatspräsidenten Dr. von Stösser, der Gr. Oberlandesgerichtsräte Koos, Schember, Loes und Rothweiler hat nun das Urteil des Großherzoglichen Landgerichts aufgehoben und das Urteil des Schöffengerichts wieder hergestellt unter Zugrundelegung folgender Entscheidungs-Gründe: 
Bei dieser Sachlage hat das Schöffengericht von dem § 193 Strafgesetzbuch eine richtige Anwendung gemacht, wenn es den Angeklagten von der Anklage der Beleidigung freisprach. Hatte der Angeklagte von dem hier maßgebenden Standpunkte verständiger und billiger Beurteilung der Verhältnisse und Anforderungen des Lebens aus als Israelit und Teilnehmer der Versammlung, schon ein berechtigtes Interesse daran, die Juden gegen den ihnen in dieser Allgemeinheit gemachten Vorwurf und insbesondere in der Richtung zu verteidigen, dass Wucher nicht bloß bei Juden vorkommt, so war er zur Wahrung dieses Interesses umso mehr berechtigt, nachdem einer seiner Glaubensgenossen, bei dem Versuche einer Erwiderung, von dem Privatkläger in brutaler Weise vergewaltigt worden war, und er durfte dies, obgleich die Insulte nicht ihm persönlich widerfahren, mit Rücksicht auf das, ihm selbst nahe angehende Interesse der Abwehr auch dann tun, wenn er durch die Art und Weise seiner Abwehr den Privatkläger verletzte. Umstände, welche darauf schließen lassen, dass der Ankläger über den Zweck der Verteidigung hinausgehend, die Absicht hatte, den Privatkläger zu beleidigen, sind nicht festgestellt oder sonst ersichtlich und ein schon formell beleidigender Charakter kann, wie das Schöffengericht mit Recht annimmt, seiner Äußerung umso weniger beigemessen werden, als er durch die Art und Weise, wie er seine Äußerung unter Bezugnahme auf ein wahres Vorkommnis tatsächlich substanziierte, zu erkennen gab, dass er den Privatkläger nicht generell als einen Wucherer hinstellen, sondern nur eine einzelne bestimmte Handlung desselben als unter den Wucherbegriff fallend bezeichnen wollte, deshalb ist Angeklagter kostenlos freizusprechen." 

     
Kleine Mitteilungen aus der Gemeinde   

-  Dokumente zu Moses Münzesheimer, geb. 2. Februar 1823 finden sich in der Sammlung des Jüdischen Museums Berlin:  https://objekte.jmberlin.de/gperson/jmb-pers-62549 
-  1848: Synagogenrat Münzesheimer zu Stebbach spendet für "die unversorgte Familie des verstorbenen Rabbiners J. L. Wormser zu Michelstadt" 3 fl. 30 kr. (in: "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 25. September 1848 S. 584)
-  1872: Vorsteher Rudolph Ottenheimer in Stebbach sammelt für eine Spendenaktion "Zur Linderung der Hungersnot in Persien" in der Gemeinde Stebbach 8 fl. 34 kr. (in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Februar 1872)
-  1879: im Rahmen einer Spendenaktion "für einen verarmten Kaufmann" sammelt der Mohel (Beschneider) Herrmann Hanauer in Stebbach unter dem Motto: 'Wer dem Armen leihet, leihet Gott' etc. von Frau Lazarus Roß jr. 1, Frau Simon Kahn 1,50, Sigmund R. Kahn 1, Frau M. Kahn 1, Frau J. M. Oppenheimer 0,50, Frau Max Oppenheimer 0,50, Adolf Gutmann 0.50 (sämtlich in Gemmingen), Frau Hermann Hanauer in Stebbach 1, Frau Rud. Ottenheimer das. 1, zus. 10."  (Mitteilung in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Mai 1879).

  
Auflösung der jüdischen Gemeinde Stebbach (1915)     

Mitteilung in "Der Gemeindebote" vom 23. April 1915: "Die israelitische Gemeinde Stebbach im Synagogenbezirk Bretten ist aufgelöst worden. Das Vermögen dieser Gemeinde ist der israelitischen Religionsgemeinschaft des Großherzogtums Baden für den israelitischen Religions- und Pensionsfonds zugewiesen worden. Die in Stebbach wohnenden Israeliten wurden der israelitische Religionsgemeinde Gemmingen zu geteilt."   

     
    
Berichte zu einzelnen Familien und Personen    
  
Zu Familie Kahn in Stebbach   

Die Familie Kahn kam wohl Ende des 18. Jahrhunderts nach Stebbach. Michael Kahn gründete hier 1826 die erste Badische Bettfedernfabrik, deren Sitz er 1851 nach Mannheim verlegte. Seine Söhne Bernhard und Hermann agitierten in der Revolution von 1849. Nach der Flucht und seiner Rückkehr wurde Bernhard Kahn Bankier in Mannheim. Einige seiner acht Kinder erlangten wegen ihrer überdurchschnittlichen Fähigkeiten auf dem Gebiet der Musik (Robert Kahn), der Rechtswissenschaften (Franz Kahn) oder dem Finanzwesen (Otto Hermann Kahn) deutschlandweit oder sogar weltweit hohen Bekanntheitsgrad. 
  
  
Zur Geschichte von Ernestine Bernhard geb. Hanauer (geb. 1873 in Stebbach, ermordet 1942 im Vernichtungslager Treblinka)   

  

Ernestine (Esther) Bernhard geb. Hanauer ist am 26. April 1873 in Stebbach geboren als Tochter von Herrmann Hanauer und seiner Frau Rahel geb. Ettlinger. Sie heiratete Hermann Bernhard und lebte mit ihm zunächst in Crossen an der Oder (heute Krosno Odrzańskie, Polen, https://de.wikipedia.org/wiki/Krosno_Odrzańskie), danach in Berlin.
Ernestine Bernhard wurde am 20. Juli 1942 von Berlin aus in das Ghetto Theresienstadt deportiert, am 19. September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka, wo sie ermordet wurde.           
Ernestine und Hermann Bernhard Ernestine Bernhard und ihre Tochter Meta   

      
     
Sonstiges        
Erinnerungen an die Auswanderungen im 19. Jahrhundert: 
Grabstein in New York für 
 David Minzesheimer aus Stebbach (1823-1892) und Clara Minzesheimer aus Osthofen (1839-1915)    
Anmerkung: das Grab befindet sich in einem jüdischen Friedhof in NY-Brooklyn; der Geburtsname von Clara Minzesheimer wird nicht mitgeteilt.       

Stebbach New York Salem 1673a.jpg (90137 Byte)   Stebbach New York Salem 1673.jpg (94210 Byte)   Grabstein für 
"My Beloved Husband and our Dear Father 
David Minzesheimer 
 
Born in Stebbach - Baden July 22, 1823  
Died Aug. 14, 1892" 
und für "Beloved Wife and Mother  
Clara Minzesheimer
  
Born in Osthofen - Germany Oct. 15, 1839  
Died Jan 5, 1915".    

  
  
  
Zur Geschichte des Betsaals / der Synagoge         
   
Ein Betsaal beziehungsweise eine Synagoge war in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts vorhanden, da 1757 Rabbi Faiß als Schulmeister und Vorsänger am Ort genannt wird. Der 1781 in Massenbach bezeugte Alexander Samuel war "vorhinniger Judenvorsänger" in Stebbach.   
   
Spätestens um 1800 wird eine Synagoge erbaut oder das frühere Bethaus weiter genutzt worden sein. Das Grundstück war damals von den Vorfahren des Mayer David Eisemann und Mayer Marx Eisemann der jüdischen Gemeinde geschenkt worden.  
   
1826 sollte die Synagoge renoviert und erweitert werden. Über die Bezahlung der Maurerarbeiten für die Erweiterung des Baus kam es zu einem langwierigen Streit innerhalb der jüdischen Gemeinde, weil einige Mitglieder die Meinung vertraten, die Auftraggeber hätten auch alleine die Rechnungen zu begleichen. Schließlich wurde festgestellt: "Die Synagoge ist Miteigentum der ganzen dahiesigen Judenschaft. Die Petenten haben sich, da von ihren Vorfahren der Platz, auf welchem die Synagoge steht, der Judengemeinde unentgeltlich überlassen wurde, nur unter der Synagoge einen Stall und eine Metzel vorbehalten, der ganze obere Teil dieses Baus gehört aber, wie schon erwähnt, der ganzen hiesigen Judenschaft". Mit Stall und Metzel (Metzgerei) waren die Räume gemeint, die die Familie Eisemann weiterhin für sich nutzte. Die Bauarbeiten zur Erweiterung der Synagoge wurden 1829 ausgeführt. 
   
Die Synagoge wurde bis zum Wegzug der meisten jüdischen Bewohner Ende des 19. Jahrhunderts benutzt. Schon 1883 hatte der (jüdische) Löwenwirt Karl Bär vergeblich um die Auflösung der jüdischen Gemeinde nachgesucht, weil zur Aufrechterhaltung des Gottesdienstes mindestens zehn jüdische Männer anwesend sein mussten. Man hatte damals bereits regelmäßig Mitbeter aus Gemmingen holen und über Schabbat beherbergen müssen, was aus den jährlich unter den Juden erhobenen Umlagen bezahlt werden musste. Der Löwenwirt hatte sich benachteiligt gefühlt, weil er als "Nichtverwandter" unter den ansonsten miteinander näher oder entfernter verwandten Stebbacher Juden bei der Einschätzung seiner Steuerkraft seiner Meinung nach zu hoch angesetzt wurde. Der Stebbacher Synagogenrat war damals noch entschieden gegen eine Auflösung der Gemeinde. Dies geschah erst mit Beschluss des Badischen Staatsministeriums vom 23. Januar 1915, nachdem die israelitische Gemeinde Stebbach in diesem Jahr nur noch aus wenigen Personen bestand, die der Nachbargemeinde in Gemmingen zugeteilt wurden. Der Oberrat der Israeliten Badens teilte mit Schreiben vom 4. Juni 1915 die Auflösung der Stebbacher Gemeinde mit. Gleichzeitig bat der Oberrat um Übersendung der beweglichen Güter aus der nicht mehr benutzten Synagoge, nämlich den Vorhang des Toraschreines sowie die drei Torarollen mit Mänteln.   
    
Das Synagogengebäude wurde 1947/48 mit staatlicher Genehmigung wegen Baufälligkeit abgebrochen. 
      
      
      
Fotos 
Historische Fotos: 

Historische Fotos sind nicht bekannt, eventuelle Hinweise bitte an den 
Webmaster von Alemannia Judaica: Adresse siehe Eingangsseite

   
Fotos nach 1945/Gegenwart:  

Da der Standort der Synagoge noch nicht in Erfahrung gebracht werden konnte, können auch vom ehemaligen Standort keine Fotos
 gemacht werden, eventuelle Hinweise bitte an den Webmaster von Alemannia Judaica: Adresse siehe Eingangsseite

 
 Erinnerung im Mannheimer Industriehafen
 (Industriestraße 35) in die frühere
Bettfedernfabrik M. Kahn Söhne
(Foto: S. Frowein, April 2021)
   
    Text der Tafel: "Was klein im Kraichgau beginnt, entwickelt sich im Laufe von Jahrzehnten zu einer der großen Bettfedernfabriken in Deutschland: 1826 sammelt der jüdische Kaufmann Michael Kahn aus dem Dorf Stebbach in der Nähe von Heilbronn bei den Bauern der Umgebung Federn zum Herstellen von Kissen. Das Geschäft läuft so gut, dass er aus verkehrstechnischen Gründen 1854 nach Mannheim zieht. In der Innenstadt wird es zu eng, deshalb wird der Firmensitz der Bettfedernfabrik M. Kahn Söhne 1905 an den neu geschaffenen Industriehafen verlegt..."
Weitere Informationen: https://www.rhein-neckar-industriekultur.de/objekte/ehemalige-bettfedernfabrik-heute-hafenpark  

   
    
   

Links und Literatur

Links:    

bulletWebsite der Gemeinde Gemmingen       
bulletWebsite zur Stebbacher Ortsgeschichte von Wolfgang Ehret mit Seite zur jüdischen Gemeinde in Stebbach    
bulletWikipedia-Artikel zur Jüdischen Gemeinde in Stebbach     

Literatur:

bulletFranz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 107.
bulletWolfram Angerbauer/Hans Georg Frank: Jüdische Gemeinden in Kreis und Stadt Heilbronn. 1986. S. 221-224;
bulletWolfgang Ehret: Dorf Stebbach und Burg Streichenberg. Hg. Gemeinde Gemmingen. ca. 1997 (hierin Abschnitt: Die jüdische Gemeinde in Stebbach. S. 479-492).
bulletders.: Die jüdische Familie Kahn aus Stebbach - Fabrikanten, Revolutionäre, Bankiers. In: Kraichgau. Beiträge zur Landschafts- und Heimatforschung. Folge 17 2002 S. 231-256.
bulletders.: Stebbach - Eppingen im Land, Erinnerungen des Roger Eisinger an ein Dorf, das es so nicht mehr gibt. In: Rund um den Ottilienberg 9. 2010. 
bulletsynagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.   

 
      

                   
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Stand: 31. Januar 2026