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Friedhöfe in der Region"
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Niederhof (Brandshagen
bzw. Gemeinde
Sundhagen, Landkreis
Vorpommern-Rügen)
Jüdischer Friedhof
Zur Geschichte des Friedhofes
Der jüdische Friedhof in Niederhof ist der älteste erhaltene jüdische Friedhof an der
Ostseeküste. Er wurde von der seit 1765 in Stralsund bestehenden jüdischen
Gemeinde angelegt. Diese konnte in Stralsund keinen Begräbnisplatz anlegen und
war gezwungen, ihre Toten zunächst in (Bad)
Sülze
beizusetzen. 1776 verstarb die Tochter des Stralsunder jüdischen Münzagenten
Hertz. Diesem wurde vom Münzdirektor Joachim Ulrich Giese (Gründer der
Stralsunder Fayencenmanufaktur, vgl.
https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Ulrich_Giese) erlaubt, das Kind in dessen
Gutspark nahe Gut Niederhof beizusetzen.
Im Laufe der folgenden
Jahrzehnten erfolgten weitere Beisetzungen in Niederhof. Bis 1850 wurden hier
Juden aus Stralsund, Greifswald und anderen vorpommerschen Städten bestattet.
Die Beerdigungsgesellschaften der jüdischen Gemeinden brachten die Toten meist
mit kleinen Schiffen über die gelegene Anlegestelle zum Friedhof.
Die Friedhofsfläche umfasst etwa 2,80 ar. Es sind noch etwa 60
Grabsteine bzw. Grabsteinreste erhalten. 26 der gut erhaltenen und zuletzt nach
2008 restaurierten Grabsteine sind aufgestellt, die übrigen Grabsteinfragmente
sind zusammengefasst auf einem Betonfundament in einer Art "Erinnerungsmal" nahe
dem Eingang zum Friedhof. Andere Grabsteinfragmente liegen um den Gedenkstein.
Dieser Gedenkstein zur Erinnerung an die
in der NS-Zeit ermordeten Juden wurde 1964 aufgestellt. Er trägt die Inschrift:
"Jiskor (hebräisch: ER gedenke, gemeint: Gott
gedenke...). Errichtet im Gedenken derer, die hier in Frieden ruhn und zum
Gedenken der sechs Millionen ermordeter jüdischer Menschen". Der Friedhof ist in
der Liste der Kulturdenkmale eingetragen. 1999 wurde eine neue Umfriedung
angelegt. Verschiedentlich gab es Schändungen des Friedhofes.
Lage des Friedhofes
Der
Friedhof liegt an einem bewaldeten Wall - oberhalb des Bootshafen bzw. eines
kleinen Badestrandes - 200 m westlich des Gästehauses Niederhof und damit
auch unweit einer der größten Kormorankolonien Mitteleuropas
(Quelle der Luftaufnahme links: Googlemaps -
Link zur Lage auf den Google-Maps. |
Fotos
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum: 4.6.2020)
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| Hinweistafel
beim Parkplatz Niederhof |
Zur
Geschichte des Gutes Niederhof |
Hinweistafel
am Friedhof |
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| Blick über
den Friedhof beim Eingang |
Die zu einem "Erinnerungsmal"
auf einem Betonsockel zusammengefassten Grabsteinfragmente |
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Gedenkstein
von 1964
(siehe oben) |
Rückseite
Grabstein für
Rahel Nathan |
Rückseiten
Grabsteine für Mina Nathan und
Henriette Nathan (4.3.1800-6.7.1825) |
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Rückseite
Grabstein für Betty Hertel
geb. Hertel (8.12.1791-20.8.1828) |
Teilansichten des
Friedhofes: die nach Osten gerichteten Vorderseiten der Grabsteine
sind traditionell allesamt hebräisch beschriftet |
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Teilansicht
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Grabstein
mit "segnenden Händen" der Kohanim
für Mordechai Katz aus Greifswa(l)d |
Teilansichten
des Friedhofes
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| Einzelne
Grabsteine, jeweils hebräische - nach Osten gerichtete - Vorderseiten |
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Einzelne Presseberichte zum Friedhof
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November 2018:
Über den jüdischen Friedhof in
Niederhof |
Artikel von
Christine Senkbeil in "Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung" Nr.
44/2018 vom 4. November 2018: "Jüdischer Friedhof in Niederhof - Spuren
des Lebens in kaltem Stein
Niederhof/Brandshagen. 'Im grauen Monat November wars.' Als Heinrich Heine
sein Versepos 'Deutschland. Ein Wintermärchen' mit dieser Textzeile begann,
konnte er nicht ahnen, welches Grauen seine jüdischen Brüder und Schwestern
100 Jahre später erwarten würde – ebenfalls im grauen Monat November. Die
Reichspogromnacht wurde der finstere Auftakt zur Ermordung von sechs
Millionen Juden. Heute, 80 Jahre später, regt sich wieder Leben in den
jüdischen Gemeinden in Rostock oder Schwerin. Doch oft sind es nur noch
Spuren aus Stein, die von jüdischem Leben in den Städten und Gemeinden des
Nordens erzählen...
Ein stilles und ganz stummes Zeugnis jüdischen Lebens begegnet dem Wanderer
weit außerhalb der Stadt: an der Greifswalder Boddenküste in der Nähe von
Brandshagen. Führt der Schritt in den Schlosspark von Niederhof, ist eine
erste Überraschung die Kormorankolonie, in der Hunderte Brutpaare nisten.
Grabsteine ausgerichtet nach Jerusalem. In Richtung des Boddens führt
der Weg auf einen alten Burgwall aus der Slawenzeit – eine zweite
Überraschung auf diesem Spaziergang. Dort aber, an der Steilküste zum Meer,
eröffnet sich dann der Blick auf einen wahrhaft geheimnisvoll wirkenden Ort.
Ein umzäuntes Waldstück mit sehr alten Grabsteinen. Mit ungewöhnlichen
Zeichen sind sie beschrieben – und zwar nicht in der Sichtachse des
Betrachters, sondern scheinbar auf ihrer Rückseite. Eine Tafel am Eingang
klärt auf. Es ist ein jüdischer Friedhof mit 26 komplett erhaltenen
Grabsteinen. Der größte an der Ostsee, wie es heißt. Die Buchstaben sind
also hebräisch – und die Schrift richtet sich nach Jerusalem aus. Die
jüdische Gemeinde in Rostock betreut die Anlage. '2008 haben wir die Steine
restauriert', berichtet der Landesbeauftragte Igor Jesernitzki, der mehr als
40 Friedhöfe in MV betreut. Entstanden ist der Friedhof aufgrund von
Pogromen, die schon weit vor der Nazizeit auch hier im Norden liefen.
Stralsunder Juden war es nicht gestattet, ihre Toten in der Stadt
beizusetzen. Dem Stralsunder Münzdirektor Giese gehörte damals das Gut
Niederhof. 1776 erlaubte er seinem Münzagenten Hertz, seine Tochter hier zu
beerdigen. Schon mit 16 Jahren war diese verstorben. In den folgenden
Jahrzehnten erfolgten weitere Bestattungen auch aus Greifswald und Gnoien.
Per Boot über den Sund oder mit Pferdewagen seien die Toten nach Niederhof
überführt worden.
Ab 1933 verfiel der Jüdische Friedhof. Noch in den 50er-Jahren wurden
einzelne Grabsteine als Baumaterial entnommen, wie im Bericht eines
Forschungsprojektes 'Jüdische Friedhöfe' der Fachhochschule Neubrandenburg
auf klecks-online zu lesen ist. 'Es gab auch Schändungen', schreiben sie.
Seit 1964 ist der außerordentlich schöne Friedhof zum Kulturdenkmal erklärt
worden. Bruchstücke der Steine konnten gerettet werden. Und ein Gedenkstein
mit der Inschrift entstand: 'Errichtet im Gedenken derer, die hier in
Frieden ruhen, und zum Gedenken der sechs Millionen ermordeten jüdischer
Menschen.'"
Link zum Artikel
http://www.kirche-mv.de/Spuren-des-Lebens-in-kaltem-Stein.10252.0.html
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Zeugnisse jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in
Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und
Thüringen. Projektleitung: Kathrin Wolff. Gesamtredaktion: Cordula Führer.
Berlin 1992. S. 24. |
 | Michael Brocke/Eckehart Ruthenberg/Kai Uwe Schulenburg:
Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue
Bundesländer/DDR und Berlin). Berlin 1994. S. 268-271. |
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Karl-Heinz Bernhard/Fritz
Treichel: Der jüdische Begräbnisplatz in Niederhof. In: Baltische
Studien (Hamburg) N.F. 47 (1960) S. 111-136. |
 | Klaus-Dieter Ehmke: Der "Gute Ort von Niederhof". In: Der
faschistische Pogrom vom 9./10. November 1938 - Zur Geschichte der Juden in
Pommern. Wissenschaftliche Beiträge der Ernst-Moritz-Arndt-Universität
Greifswald 1989. |
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Andreas
Ruwe (Hrsg.): Der Friedhof von Niederhof. Der älteste jüdische
Friedhof in Vorpommern als Spiegel jüdischen Lebens. Rekonstruiert,
transkribiert, übersetzt und kommentiert. Unter Mitwirkung von Nathanja Hüttenmeister und Joachim
Krüger. 1. Aufl. 280 S. Inkl.
Stammbäume, Fotografien aller Grabsteine und Fragmente, weitere Abbildungen. Solivagus Verlag. Stralsund 2025. ISBN: 978-3-947064-26-7. 28,00 €.
Flyer
zum Buch
Link zu Verlagsseite
Zu diesem Buch: Auf dem Friedhof von Niederhof, gelegen an der Küste
Mecklenburg-Vorpommerns zwischen Stralsund und Greifswald, bestattete die
jüdische Gemeinde Stralsund zwischen 1776 und 1851 ihre Verstorbenen. Die
Gemeinde entstand etwa mit der Gründung der königlich-schwedischen
Münzstätte in Stralsund im Vorfeld des Siebenjährigen Krieges. Juden, die
Metalle verarbeiten konnten und mit ihnen handelten, durften sich fortan in
Stralsund niederlassen. Mit dem Friedhof von Niederhof erhielt die Gemeinde
einen festen Ort für ihre Toten.
Der Theologe und Hebraist Andreas Ruwe hat diesen Ort erstmals vollständig
erforscht. Unterstützt von Nathanja Hüttenmeister, Expertin für jüdische
Friedhöfe, hat Ruwe die Inschriften aller Grabsteine für dieses Buch
transkribiert und übersetzt. Dabei konnten mehrere Grabsteine aus den
vorliegenden Fragmenten rekonstruiert werden. Der Historiker Joachim Krüger
erarbeitete dazu einen detaillierten Überblick über die Geschichte jüdischen
Lebens in Vorpommern seit dem Mittelalter mit besonderem Augenmerk auf das
Münzwesen. Nicht nur wurden die Identitäten der bestatteten Personen so weit
wie möglich erschlossen, sondern auch ihre soziale und politische Bedeutung
innerhalb ihrer Gemeinde sowie im Zusammenhang mit der Münz- und
Geldgeschichte in Stralsund und Vorpommern. |

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