Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Bad Brückenau (Kreis Bad Kissingen)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

bulletZur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
bulletZur Geschichte der Synagoge 
Die Synagoge in der Stadt Bad Brückenau  
Die Synagoge / Betsäle in den Hotels Kaufmann und Strauß in Bad Brückenau  
bulletFotos  
bulletErinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte    
bulletLinks und Literatur  

     
Es besteht eine weitere Seite mit Texten zur jüdischen Geschichte in Stadt und Bad Brückenau  
     
     
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)  
    
In (Bad) Brückenau bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung  geht in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück, doch gab es bereits im 16./17. Jahrhundert einige jüdische Familien in der Stadt, die eine Gemeinde gebildet haben. 1524 bis 1527 wird mehrfach "Jud David von Brückenau" genannt, danach ließ er sich in Zeitlofs nieder. In den folgenden Jahrzehnten werden jeweils mehrere Familien genannt (seit 1558 Jud Mosche aus Ilmenau in Brückenau; seit 1561 Jud Salomon von Brückenau Hoffaktor der Gräfin Helene von Pfalz-Simmern / Hanau; 1588 Jud Irmoldt aus Brückenau u.a.m.). 1576 lebten sieben oder acht jüdische Familien in der Stadt. Um 1600 dürften es acht bis zehn Familien gewesen sein, die bei einer geschätzten Zahl jüdischer Einwohner von etwa 500 ungefähr 10 % der Bevölkerung ausmachten. Auf die jüdische Ansiedlung in der Zeit des 16./17. Jahrhunderts dürfte die noch in der Stadt bestehende "Judengasse" zurückgehen.   
   
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts bestand die jüdische Gemeinde aus etwa 11 Haushaltungen. Die jüdischen Haushaltsvorstände lebten überwiegend vom Handel mit "Kram mit Ellen und Gewicht", Silber- und Goldwerk, Pferden, Fellen und Lederwerk, teilweise vom Fruchthandel. Die Gemeinde hatte an Einrichtungen eine Synagoge (Betraum, s.u.), eine Schule und einen Friedhof sowie einen Lehrer beziehungsweise Vorbeter. 1671 wurden die Juden aus der Stadt wie im ganzen Hochstift Fulda vertrieben (nur fünf Familien durften damals in Fulda, eine in Neuhof verbleiben). Einige der Brückenauer Familien zogen vermutlich nach Züntersbach, Unterriedenberg oder Geroda und fanden dort eine neue Heimat.  
   
Eine neue jüdische Niederlassung entstand seit dem 18. Jahrhundert. Seit den 1720er-Jahren konnten wiederum einige jüdische Personen in der Stadt wohnen. Zwei der ersten waren aus Uttrichshausen (Isaak Sißel) und Weyhers (Heyum Levi) zugezogen. In der Folgezeit werden weitere Juden in der Stadt genannt, die auch Hausbesitzer beziehungsweise Mitbesitzer geworden sind. 1763 waren drei Familien in der Stadt; 1789 vier Familien, die des Hejum Joseph, David Samuel, Meyer Löb und des Meyer Levi. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts blieb die Zahl der jüdischen Einwohner klein: 1803 waren vier jüdische Familien in der Stadt: Löb Feibel, Schneegold, Meyer Hirsch und Meyer Levi. Beim letztgenannten handelte es sich um den "Judenlehrer". Die Familien lebten vom Warenhandel, Viehhandel und kleinem Schnittwarenhandel. Auf Grund der durch das bayerische Matrikelgesetz festgelegten Zahl der jüdischen Familien pro Ort durften bis 1867 nur drei bzw. vier Familien in Brückenau leben. 1817 waren die drei in der Matrikelliste festgehaltenen Familien (mit neuem Familiennamen und Erwerbszweig): Joseph David Cahner (Waren- und Viehhandel), Jendelge, Witwe von Feibel Mosbacher (Viehhandel), Maier Löb Sommer (kleiner Schnittwarenhandel und Schlachten).              
  
Seit der Aufhebung des Matrikelparagraphen (1861) entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1867 19 jüdische Einwohner (1,2 % von insgesamt 1.571), 1880 55 (3,3 % von 1.654), 1900 114 (7,0 % von 1.627), 1910 124 (5,9 % von 2.098). Jüdische Familien sind in dieser Zeit u.a. von Züntersbach, Leichtersbach, Schondra, Geroda und Schmalnau zugezogen. 
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde in der Stadt Brückenau einen Betsaal (bis 1913), dann eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule, ein rituelles Bad und einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schächter fungierte. Bei anstehenden Neubesetzungen wurde die Stelle immer wieder ausgeschrieben (vgl. Ausschreibungstexte unten). In besonderer Erinnerung blieben die Lehrer David Lehmann (von 1877 bis 1922 in Brückenau), Samuel Gundersheimer (von 1922 bis 1939 in Brückenau). Die Gemeinde gehörte bis 1892/93 zum Bezirksrabbinat Gersfeld, danach zum Rabbinatsbezirk Bad Kissingen.   
    
Im Bereich von Bad Brückenau war das Hotel Kaufmann (s.u.) Mittelpunkt des religiösen Lebens. Es verfügte auch über eine schön eingerichtete Haussynagoge, in dem über Jahrzehnte während der Kursaison wie auch in der Stadtsynagoge täglich Gottesdienste abgehalten wurden.   

Brueckenau Denkmal 010.jpg (51858 Byte)Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Emil Goldschmidt (geb. 2.2.1897 in Züntersbach, gef. 27.4.1918). Sein Name steht auf dem Kriegerdenkmal der Stadt (neu aufgestellt vor dem alten Rathaus). Außerdem sind gefallen: Gefreiter Willy Frank (geb. 24.12.1883 in Brückenau, vor 1914 in Würzburg wohnhaft, gef. 6.9.1918), Ernst Maßmann (geb. 2.7.1896 in Brückenau, vor 1914 in Bamberg wohnhaft, gef. 21.7.1915) und Raphael Adler (geb. 8.8.1892 in Brückenau, vor 1914 in Zeitlofs wohnhaft, gef. 24.11.1924).  
  

Für das Leben in der Kurstadt Bad Brückenau waren für jüdische Kurgäste die drei streng rituell geführten Hotels von zentraler Bedeutung: im Bereich von Bad Brückenau die Hotels der Familien Kaufmann (seit 1876) und Strauss (seit 1900, zuvor Hotel Kullmann), im Bereich der Stadt Brückenau das Central-Hotel von Josef Schuster (seit 1923). 
   
Um 1924, als zur Gemeinde 128 Personen gehörten (damals wurden separat Ort Brückenau mit 120 und Bad Brückenau mit 8 jüdischen Einwohnern gerechnet; 5,3 % von insgesamt etwa 2.393), waren die Vorsteher der Gemeinde Nathan Grünebaum und Max Goldschmidt. Lehrer, Kantor und Schochet war Samuel Gundersheimer. Er unterrichtete an der Israelitischen Volksschule damals 10 Kinder. 1932 waren die Gemeindevorsteher Salomon Stern (1. Vors.) und Max Goldschmidt (2. Vors.). Lehrer und Kantor war weiterhin Samuel Gundersheimer; er betätigte sich auch als Schriftführer des Gemeindevorstandes. Im Schuljahr 1931/32 unterrichtete er acht jüdische Kinder in der Israelitischen Volksschule, dazu erteilte er 16 Kindern der Gemeinde den Religionsunterricht. An jüdischen Vereinen gab es den Wohltätigkeitsverein Chewro (gegründet 1924; 1932 unter Leitung von Abraham Grünebaum mit 40 Mitgliedern; Zweck und Arbeitsgebiet: Unterstützung Hilfsbedürftiger).        
   
1933 lebten 117 jüdische Personen in Bad Brückenau (4,8 % von 2.462 Einwohnern), dazu 14 in Wernarz . Auf Grund der sofort einsetzenden Folgen des wirtschaftlichen Boykottes, der zunehmenden Entrechtung und der diskriminierenden Maßnahmen verließen alsbald viele Gemeindeglieder die Stadt. Nur mit großer Mühe konnten bis Aufgaben der Gemeinde weitergeführt werden. 1936 besuchten noch 15 Schüler die jüdische Volksschule, darunter auch Kinder aus Zeitlofs und Unterriedenberg. Bis 1940 verzogen 95 jüdische Einwohner aus Brückenau in andere deutsche Orte (u.a. 58 nach Frankfurt am Main, acht nach Fulda, je drei nach Hamburg und München, 39 wanderten aus (13 in die USA, sieben nach Südafrika, fünf nach Palästina, drei nach England und einer nach Holland). Beim Novemberpogrom 1938, der sich in Bad Brückenau am 10. November 1938 während des ganzen Tages ereignete, wurde die Synagoge durch Brandstiftung stark beschädigt (siehe unten), auch das jüdische Schulhaus wurde schwer beschädigt, das Mobiliar zerstört. Die jüdischen Hotels der Stadt wurden durch SS- und SA-Leute vollständig demoliert. Die noch in der Stadt befindlichen jüdischen Männer wurden festgenommen und in das KZ Dachau verbracht. Nach ihrer Rückkehr ging die Zahl der jüdischen Einwohner vollends schnell zurück (Anfang 1939 42, Ende Juli 1939 noch 13). Die letzten sieben jüdischen Einwohner wurden bei den Deportationen 1942 in Vernichtungslager des Ostens abtransportiert.  
   
Von den in Bad Brückenau geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Max Adler (1894), Wilhelmine Binheim geb. Kaufmann (), Hedwig Böhm geb. Frank (1883, "Stolperstein" in Kronach), Bertha Ehrenreich (), Bernhard Frank (1898), Ferdinand Fröhlich (1898), Herbert David H. Fröhlich (1932), Selma Fröhlich geb. Goldschmidt (1901), Ludwig Goldschmidt (1923), Max Goldschmidt (), Sibylle Goldschmdt (), Ida Hecht (1906), Ricka Vera Hecht (1867), Rita Hecht (1893), Recha Heilbrunn geb. Frank (1878), Emilie Heimann geb. Strauß (1874), Jakob Jacob (1869), Hermine Kahn geb. Adler (1877), Isfried Kahn (1910), Siegfried Kamm (1880), Josef Kaufmann (1872), Sara Kaufmann geb. Goldschmidt (1877), Sigmund Kaufmann (1877), Helene Königsberger geb. Binheim (1899), Clara Leyens geb. Heller (1888), Josef Löwenstein (1893), Armin Meyer (), Erna Erika Meyer (1916), Recha Meyer (), Mirjam (Marianne) Nußbaum (1888), Ilse Judith Schönfärber (1935), Martha Schönfärber geb. Kaufmann (1901), Berta Spier (1876), Karolina Stern (), Mathilde Stern (), Siegmund Stern (), Moses Stern (1881), Rosa Strauss geb. Stern (1905), Siegfried Strauss (1881), Susi Strauss (1926), Walter Strauss (1928), Klara Tannenwald (1891), Lothar Tannenwald (1894), Theodor Vanderwart (), Regina Vanderwart (), Dora Zeller geb. Oppenheimer (1885), Moritz Zeller (1885), Reni Zeller (1926).   
             

Agnon Samuel.jpg (11501 Byte)Hinweis: Dem jüdischen Leben in Bad Brückenau hat der jüdische Schriftsteller und Nobelpreisträger Samuel Josef Agnon (1888-1970, Foto links) ein Denkmal in seiner Kurzgeschichte Ben Schtei Arim (Zwischen zwei Städten) gesetzt. Allerdings erscheint Brückenau hier unter dem Namen Katzenau.   

    
    
    
Zur Geschichte der Synagoge und Betsäle          
    
Die Synagoge in der Stadt Brückenau  

Die erste Synagoge beziehungsweise einen Betsaal gab es bereits Ende des 16. Jahrhunderts, also etwa zehn jüdische Familien in der Stadt lebten. 1628 bat die Judenschaft - bereits mitten in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges - "um Belassung in dem Gebrauch ihrer Synagoge und Schule", nachdem in dieser Zeit die Zahl der jüdischen Familien im Hochstift Fulda stark reduziert werden sollte. Mit der Ausweisung der Juden aus Brückenau 1671 endete auch das gottesdienstliche Leben. 
 
Die im 18. Jahrhundert zuziehenden jüdischen Familien besuchten die Gottesdienste in Unterriedenberg und Züntersbach. 1763 ist allerdings davon die Rede, dass die jüdischen Familien in einem Privathaus eine Schule eingerichtete hätten, "die sie wie eine Synagoge zu ihren Ceremonien gebrauchen". Allerdings hatte die jüdischen Familien dazu noch keine Erlaubnis, 1767 musste diese "geheime Synagoge" aufgehoben werden. 1769 erhielt Heyum Joseph das Recht, einen Privatandachtsraum zu betreiben. Dieser Raum blieb offenbar mehrere Jahrzehnte der Betraum der jüdischen Familien in der Stadt. 1817 wird über die Synagoge in Brückenau bereichtet: "Diese Synagoge besteht bloß in einem Zimmer". Da die Zahl der jüdischen Familien bis um 1867 klein blieb, wird es bei einem einfachen Betraum als Synagoge geblieben sein.   
   
Beim Stadtbrand 1876 wurde das Haus mit dem bisherigen Betraum (Synagoge) zerstört. 1878 wurde von Emanuel Cahner ein Bauplatz für den Neubau einer Synagoge erworben, doch ist auf diesem Grundstück keine Synagoge erstellt worden. Auf Grund der Spenden zum Neuaufbau der Gemeinde nach dem Stadtbrand waren zwar 15.000 Mark für einen Synagogenbau vorhanden. Doch wurde mit dem Geld "nur" das Gebäude Unterhainstraße 24 gekauft, in dem die jüdische Schule und ein Betraum eingerichtet wurden. Im Betsaal hatte es 1896 16 Plätze im Männerbereich, 19 im Frauenbereich.  

Nach 1900 wurden Forderungen nach einem repräsentativen Synagogenneubau laut. 1907 konnte eine Landeskollekte in den bayrischen jüdischen Gemeinden durchgeführt werden. Der Neubau selbst konnte nach längeren Vorplanungen 1911/13 errichtet werden.          
    
Kollekte zum Bau einer neuen Synagoge (1907)   

Bad Brueckenau Israelit 14031907.jpg (24357 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. März 1907: "Brückenau, 11. März (1907). Der israelitischen Kultusgemeinde Brückenau ist zur teilweisen Aufbringung der Mittel für den Neubau einer Synagoge in Brückenau eine Landeskollekte in den Synagogen bewilligt worden."

Der Neubau einer Synagoge wird geplant (1909)  

Bad Brueckenau Israelit 02121909.jpg (26342 Byte)Meldung in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Dezember 1909: "Brückenau (Unterfranken), 28. November (1909). Die hiesige Kultusgemeinde plant den Neubau einer Synagoge. Die Gesamtkosten für das geprüfte und festgestellte Projekt betragen 40.000 Mark für den Neubau und 6.000 bis 8.000 für die Inneneinrichtung." 

Kosten der neuen Synagoge (1913)  

Bad Brueckenau Frf IsrFambl 25071913.jpg (28008 Byte)Meldung im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 25. Juli 1913: "Brückenau. Mit einem Kostenaufwand von 40.000 Mark hat die hiesige israelitische Kultusgemeinde aus eigenen Mitteln, nachdem ihr die nachgesuchte staatliche Subvention wiederholt versagt worden war, eine neue Synagoge erbaut."

  
Die neue Synagoge konnte am 28. August 1913 eingeweiht werden.
Bei der Einweihung waren zahlreiche Repräsentanten des öffentlichen Lebens anwesend. Bürgermeister Reinwald versprach den Schutz der Synagoge durch die Stadt.    
    
Synagogeneinweihung (1913)   

Bad Brueckenau Frf IsrFambl 29081913.jpg (23447 Byte)Meldung im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 29. August 1913: "Brückenau. Die Synagogeneinweihung ist in schönster Weise verlaufen. Ansprachen hielten Vorsteher Nathan Grünebaum, Distriktsrabbiner Dr. Bamberger und Bürgermeister Reinwald."  
 
Bad Brueckenau AZJ 05091913.jpg (24512 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. September 1913: "In Brückenau fand dieser Tage die Synagogeneinweihung statt, die in schönster Weise verlaufen ist. Ansprachen hielten der Distriktsrabbiner Dr. Bamberger und Bürgermeister Reinwald."   
 
Bad Brueckenau AZJ 26091913.jpg (118612 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. September 1913: "Brückenau, 19. September (1913). Der langgehegte Wunsch der Gemeinde Brückenau nach einer neuen Synagoge ging nun in Erfüllung. Nachdem wiederholte Gesuche um Gewährung von Zuschüssen aus Staatsmitteln wegen Mangel eines vordringlichen Bedürfnisses abgelehnt worden waren, entschloss sich die Gemeinde, aus eigenen Mitteln eine neue Synagoge zu erbauen. Ein neben der alten Synagoge befindlicher Bauplatz konnte käuflich erworben werden; nach nicht ganz sechsmonatiger Bauzeit steht der Bau, mit einer hübschen, das Städtebild zierenden Kuppel vollendet da. Am 28. August nachmittags 3 Uhr versammelten sich vor der alten Synagoge die Ehrengäste mit den Mitgliedern der Gemeinde. In feierlichem Zuge ging's von der alten in die neue Synagoge, an deren Pforte der Gemeindepräses Nathan Grünebaum eine Ansprache hielt, dankend der Mitwirkung der Staats- und Gemeindebehörden gedenkend. Nachdem in poetischer Weise Fräulein Rosa Lion die Schlüssel zur Synagoge übergeben, königlicher Bezirksamtmann Freiherr von Ruffin namens der Staatsbehörde, Bürgermeister und Landrat Reinwald namens der Stadt zum Neubau Glück gewünscht und auch fernere Fürsorge zugesichert hatten, erfolgte durch Distriktsrabbiner Dr. Bamberger, Kissingen, die Eröffnung der Synagogenpforte. Unter Gesang zur Begrüßung des Gotteshauses fand der Einzug statt, dem sich die üblichen Zeremonien anschlossen. Das Städtchen hatte zu der Feier reichen Flaggenschmuck angelegt."     

      
      
      
Die Betsäle in den Hotels Kaufmann und Strauß in Bad Brückenau  
 
Neben der Synagoge gab es in den jüdischen Hotels Kaufmann und Strauß je einen eigenen Betsaal bzw. eine Privatsynagoge. Das Hotel Kaufmann war 1876, das Hotel Strauß 1900 eröffnet worden, beide Hotels wurden streng rituell geführt und waren Treffpunkt orthodoxer Kurgäste. 1909 wurde im Betsaal des Hotels Kaufmann mit einem besonderen Fest eine neue Torarolle eingeweiht.
   
Anzeigen der jüdischen Hotels und Berichte über das religiöse Leben siehe auf der Textseite, besondere den "Badebrief" von 1928 Teil 2.

Einweihung einer Torarolle im Betsaal des Hotels Kaufmann (1909)
Bad Brueckenau Israelit 03061909.jpg (25596 Byte)Bericht in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Juni 1909: "Bad Brückenau, 30. Mai (1909). Am ersten Tag von Schawuot (Wochenfest) fand im festlich geschmückten Saale des Hotel Kaufmann die Einweihung einer Torarolle (Sefer Tora) statt, die vom Inhaber, Herrn Kaufmann zum Andenken an seine Mutter gestiftet und der Privat-Synagoge des Hauses übergeben wurde."  

     
     
In der NS-Zeit gab es alsbald Einschränkungen des gottesdienstlichen Lebens. Im Juli 1936 wurde die Abhaltung von Gottesdienstes in den Hotels unter Hinweis auf das Vorhandensein einer Synagoge in der Stadt behördlich verboten. Das Bezirksrabbinat bemühte sich vergeblich um die Aufhebung dieser Verfügung und wies darauf hin, dass der Weg zu Synagoge für die zumeist alten und kranken Hotelgäste zu beschwerlich sei.  
    
Am 10. November 1938 wurden die Brückenauer Synagoge und das jüdische Schulhaus nach 0.30 Uhr von Männern des SA-Sturms Brückenau in Brand gesetzt und schwer beschädigt. Der NSDAP-Kreisleiter von Brückenau/Hammelburg, Hermann Heinritz, der auch SA-Sturmführer in Brückenau war, soll eigenhändig – kurz nach dem fernmündlichen Erhalt des Pogrombefehls Goebbels durch die Gauleitung Würzburg - nach Mitternacht in der Pogromnacht (9./10. November 1938) das Feuer im Innenraum der Synagoge mit einem petroleumgetränkten Heubündel entfacht haben. Die Brückenauer Synagoge stand nun stundenlang in Flammen und brannte bis in die Morgenstunden des 10. November 1938. Das gesamte Inventar und alle Kultgeräte wurden vernichtet. Die Fenster barsten und im Laufe des Pogromtages stürzte auch das Dach ein. 
Während die Synagoge in Flammen stand, demolierten Männer des SA-Sturms Brückenau schon in der frühen Nacht des Pogromtages jüdische Geschäfte, Hotels, Häuser und Wohnungen in barbarischer Weise. Auswärtige Schläger und Männer der SS suchten im weiteren Tageslauf die jüdischen Familien ein zweites Mal heim. Die SA-Sturmführer der Region - Hermann Heinritz (Brückenau), Karl Hartmann (Hammelburg) und Emil Otto Walter (Bad Kissingen) - hatten sich telefonisch darauf verständigt, dass sie ihre Sturmverbände nicht nur am eigenen Ort, sondern auch "ortsvertauscht" einsetzen.
Quellennachweis: Spruchkammer Hammelburg, Akten von Männern der SA und des NSKK Hammelburg; Staatsarchiv Würzburg; www.mainpost.de, 08.11.2013, Bad Brückenauer Synagoge brannte vor 75 Jahren; Claudia Roth: Parteikreis und Kreisleiter der NSDAP unter besonderer Berücksichtigung Bayerns, Schriftenreihe zur Bayerischen Landesgeschichte, Band 107, Volkach 1997. 
   
Nach 1945 wurde das Synagogengebäude mit einem Großteil des erhaltenen Mauerwerks in ein Wohn- und Geschäftshaus umgebaut. Auch das unweit davon befindliche ehemalige Schulhaus ist erhalten und wurde zu einem Geschäftshaus umgebaut.  
   
   
Adresse/Standort der SynagogeSynagoge Alter Schlachthofweg  / Schule Unterhainstraße 24 
   
   
Fotos
(Pläne aus U. Debler, s.Lit. S. 152; neuere Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 31.5.2007) 

Die "Judengasse"  Brueckenau Judengasse 01.jpg (58631 Byte) Brueckenau Judengasse 02.jpg (77005 Byte)
    Die "Judengasse" dürfte an die jüdische Ansiedlung im 16./17. Jahrhundert erinnern 
      
Pläne für den Synagogenbau 1912/13
Bad Brueckenau Synagoge 040.jpg (53269 Byte) Bad Brueckenau Synagoge 043.jpg (44530 Byte) Bad Brueckenau Synagoge 045.jpg (46547 Byte)
Südseite  Nordseite  Ostseite 
     
Bad Brueckenau Synagoge 041.jpg (53570 Byte) Bad Brueckenau Synagoge 042.jpg (42814 Byte) Bad Brueckenau Synagoge 044.jpg (59764 Byte)
Grundriss des Erdgeschosses  Grundriss auf Höhe der Empore  Westseite 
     
     
Historische Fotos der Synagoge
(Quelle: links aus Pinkas Hakehillot s.Lit. 
S. 432; rechts aus U. Debler S. 150 mit 
Angabe: Foto: Kalmund)  
Brueckenau Synagoge 005.jpg (127097 Byte) Bad Brueckenau Synagoge 046.jpg (53197 Byte)
   Die 1913 eingeweihte Synagoge 
   
     
Foto der Synagoge  
(Quelle: W. Weigand, Minden) 
Bad Brueckenau Syn 0174.jpg (61663 Byte)  
      
     
Die zerstörte Synagoge  
(Quelle: W. Weigand, Minden)
Bad Brueckenau Syn 0172.jpg (62439 Byte) Bad Brueckenau Syn 0172a.jpg (32492 Byte)
  Auf dem Foto ist rechts die Ruine der ehemaligen Synagoge erkennbar 
      
Enthüllung einer 
Gedenktafel am 4. April 2001  
Bad Brueckenau Syn 0173.jpg (68411 Byte)   
  vgl. dazu den Presseartikel unten  
     
Reste des Gebäudes der 
ehemaligen Synagoge
Brueckenau Synagoge 121.jpg (62730 Byte) Brueckenau Synagoge 120.jpg (74596 Byte)
      Gedenktafel
     
Brueckenau Synagoge 122.jpg (68609 Byte) Brueckenau Synagoge 123.jpg (75881 Byte) Brueckenau Schule 01.jpg (78218 Byte)
 Das ehemalige Synagogengebäude von Westen. Erhalten ist der Rundturm, in dem 
sich der Aufgang zur Frauenpore befand (vgl. Pläne oben)  
  
Gebäude der ehemaligen jüdischen Schule 
unweit der Synagoge - im 1. Stock befand 
sich bis 1913 der alte Betsaal  
           

 Gedenktafel am Alten Rathaus 
(Fotos: Cornelia Mence) 

   
 Bad Brueckenau Gedenktafel 022.jpg (205567 Byte)  Bad Brueckenau Gedenktafel 021.jpg (208340 Byte)  Bad Brueckenau Gedenktafel 020.jpg (298688 Byte)
 Die am 8. November 2008 am Alten Rathaus in Bad Brückenau angebrachte Gedenktafel erinnert "an die Brückenauer jüdischen Bürger, die während des nationalsozialistischen Terrors in den Jahren 1933-1945 deportiert und ermordet wurden". Namentlich genannt werden: Max Adler, Wilhelmine Binheim, Hedwig Böhm, Bertha Ehrenreich, Bernhard Frank, Ferdinand, Selma und David Herbert Fröhlich, Ricka Fröhlich, Max, Sybille und Ludwig Goldschmidt, Nathan und Regina Goldschmidt, Ricka Vera und Ida Hecht, Recha Heilbrunn, Emilie Heimann, Hermine und Isfried Kahn, Siegfried Kamm, Josef und Sara Kaufmann, Helene Königsberger, Armin, Recha und Erika Erna Meyer, Gidda Oppenheimer, Irma Reis, Martha und Ilse Judith Schönfärber, Bertha Spier, Siegmund und Mathilde Stern, Karoline Stern, Walter Strauß, Klara und Lothar Tannenwald, Theodor und Regina Vanderwart, Max, Dora und Reni Zeller.    

    
    
    
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   

April 2001: Enthüllung einer Gedenktafel am ehemaligen Synagogengebäude am 4. April 2001  
Bad Brueckenau Syn PA 0170.jpg (267790 Byte)Artikel von Ralf Ruppert in der "Saale-Zeitung" im April 2001: "Gedenken an die Synagoge..."
Zum Lesen bitte die Textabbildung anklicken
    
  
Bad Brueckenau Syn PA 0171.jpg (172035 Byte)Artikel "Nur 25 Jahre Gotteshaus": Zum Lesen bitte die Textabbildung anklicken      
 
Juli 2016: Erinnerungen an die jüdische Geschichte im Rahmen der Bezirkskulturtage   

Brueckenau Kulturtage P1.jpg (123545 Byte) 

Brueckenau Kulturtage P2.jpg (104910 Byte) Innerhalb der Unterfränkischen Kulturtage in Bad Brückenau: Führung zum jüdischen Leben - Exkursion "Auf den Spuren von S.J. Agnon" unter Leitung von Kreisheimatpflegerin Cornelia Mence am 13. Juli 2016     Brueckenau PA 15072016.jpg (280560 Byte) Artikel von Ulrike Müller in der "Saale-Zeitung" vom 15. Juli 2016: "Jüdische Orte gestern und heute. Führung. Im Rahmen der Unterfränkischen Kulturtage wanderte eine Gruppe vom Staatsbad in die Stadt. Viele Gebäude erzählen bis heute von der jüdischen Geschichte - auch wenn die Juden selbst aus dem Altlandkreis verschwunden sind..." 
Link zum Artikel     
     
Dezember 2017/Februar 2018: In Bad Brückenau werden "Stolpersteine" verlegt    
Artikel in inFranken.de vom 4. Dezember 2017: "BAD BRÜCKENAU Gedenken. Termin für die Stolpersteine steht
Mit der Aktion von Schülern des Franz-Miltenberger-Gymnasiums soll an ermordete Juden erinnert werden.

Am 23. Februar ist es endlich so weit: Das P-Seminar 'Jüdisches Leben in Bad Brückenau-Erinnerung, Mahnung und Auftrag' der Oberstufe des Franz-Miltenberger-Gymnasiums erreicht einen bedeutenden Meilenstein: In der Bad Brückenauer Ludwigsstraße werden die ersten acht Stolpersteine zum Gedenken an jüdische Mitbürger, die unter der Herrschaft der Nationalsozialisten ermordet wurden, gesetzt. Bei dem Projekt der Stolpersteine handelt es sich um ein länderübergreifendes Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Vor jedem Haus, in dem jüdische Bürger lebten, die zur Zeit des NS-Terrors deportiert und ermordet wurden, soll eine im Pflaster eingelassene Messingplatte mit biografischen Daten an die Opfer erinnern. Der Gedanke, der dahinter steht, ist den im Konzentrationslager zu Nummern degradierten Menschen ihren Namen und ein Stück ihrer Würde zurückzugeben. Aktuell wurden im Rahmen dieser Aktion rund 63000 Steine in 21 Ländern verlegt. Nun also auch in Bad Brückenau: 'Diese zunächst auf acht Steinen dargestellten Biografien stellen kein Nein zu den übrigen jüdischen Schicksalen in Bad Brückenau dar', führt der Seminarleiter Dirk Hönerlage aus. Man wolle initiativ tätig werden, die Arbeit des Seminars sei nicht als abgeschlossenes Projekt zu betrachten, da es noch weitere deportierte und in den Todeslagern ermordete Bürger aus Bad Brückenau gibt. Auf die Fragen, warum zunächst nur acht Steine verlegt werden sollen, und weshalb genau diese acht Schicksale ausgewählt wurden, können die Schüler Rede und Antwort stehen. Man habe sich bei der Auswahl der Biografien an den Quellen orientiert. Bei den ausgewählten Biografien verfüge man über gesicherte Quellen, die fehlerloses Arbeiten ermöglichen würden. Doch das ist nicht das einzige Projekt, das von den Schülern um den Seminarleiter Dirk Hönerlage umgesetzt wird. 'Das Seminar beschränkt sich nicht nur auf die Nazizeit', erklärt mir Fabian Meißner, 'es gab auch Zeiten in Bad Brückenau, in denen das Zusammenleben zwischen Juden und Nichtjuden gut geklappt hat'. So entsteht unter anderem seminarintern eine Broschüre, die versucht, ein umfassendes Bild des jüdischen Lebens in Bad Brückenau zu zeichnen. Diese soll in einer Auflage von 500 bis 1000 Stück gedruckt werden. 'Die Broschüre ist bewusst nicht zu wissenschaftlich gehalten, so können engagierte Schüler diese für ein Referat verwenden, aber auch Kurgäste sollen die Möglichkeit haben, sich über jüdisches Leben in Bad Brückenau informieren zu können', führt der Seminarleiter Dirk Hönerlage den Gedanken hinter der Broschüre aus. Daneben soll als Begleitschrift zur Stolpersteinverlegung ein begleitendes Programmheft entstehen, in welchem unter anderem die Biografien der jüdischen Opfer des Nazi-Regimes zu finden sind. Unterstützt wird das Seminar dabei von einer Fülle an Sponsoren wie Firmen, Kirchen und der Stadt Bad Brückenau. Aber wie kam es überhaupt zu einer solchen Fülle an Projekten? Die Antwort lässt sich in der Findungsphase des Seminars finden. 'Viele der anfangs 13 Teilnehmer hatten Wissenslücken über das jüdische Leben in Bad Brückenau. Also haben wir zunächst bewusst jüdische Orte aufgesucht, um Hintergrundwissen zu schaffen, wie den Friedhof in Altengronau oder das Shalom-Haus in Würzburg. Quasi hinfahren um zu erfahren', führt Dirk Hönerlage aus. Aus diesen vielfältigen Eindrücken entstanden dann die Projekte. Auch wenn das Praxisseminar bereits im Januar 2018 enden wird, ziehen die Schüler bei der Stolpersteinverlegung alle an einem Strang. Beeindruckend ist das Engagement der Schüler im Rahmen des Seminars. Keiner drückt sich vor den noch anstehenden Aufgaben. So müssen neben den anderen Projekten zum Beispiel noch Paten für die ersten acht Stolpersteine bestimmt werden, Einladungsschreiben formuliert werden und ein Programm für die Stolpersteinverlegung ausgearbeitet werden. Allerdings ist die Arbeit des Seminars weder am 31. Januar noch mit der Erstverlegung am 23. Februar beendet: Es gilt, die Fackel der Erinnerung an die nächste Generation weiterzugeben."  
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Artikel von Johannes Schlereth in der "Saale-Zeitung" (infranken.de) vom 24. Februar 2018: "Erinnerung. Stolpersteine gegen das Vergessen nun auch in Bad Brückenau. Stolpersteine erinnern jetzt auch in Bad Brückenau an ehemalige jüdische Mitbürger, die während der NS-Zeit deportiert und ermordet wurden.
'Vergesst nur nicht!', appelliert der 1944 in Auschwitz ermordete Peter-David Blumenthal-Weiss in einem Gedicht an die Nachwelt. Dieser Appell wurde von den Jugendlichen des Projektseminars 'Jüdisches Leben in Bad Brückenau-Erinnerung, Mahnung und Auftrag' gehört und in Zusammenarbeit mit der Stadt sowie dem Künstler Gunter Demnig durch eine Erstverlegung von acht Stolpersteinen in der Brückenauer Innenstadt in die Tat umgesetzt. Stolpersteine gibt es mittlerweile in ganz Europa. Es handelt es somit um Europas größtes dezentrales Mahnmal, bei dem vor jedem Haus, in dem jüdische Bürger lebten, die zur Zeit des NS-Terrors deportiert und ermordet wurden, eine im Pflaster eingelassene Messingplatte mit biografischen Daten an die Opfer erinnern soll. Hierdurch soll den zu Nummern degradierten Menschen ein Stück Würde zurückgegeben werden. Die ersten beiden Steine in Bad Brückenau wurden im alten Schlachthofweg verlegt. Den Beginn der Verlegung markierten Worte von der Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks, die betonte 'Stolz auf das Engagement der Jugendlichen zu sein'. Knapp 100 Anwesende wohnten dem Ereignis bei, darunter Vertreter aus der Politik, wie der stellvertretende Landrat Alfred Schrenk, dem öffentlichen Dienst, wie der Polizei, aber auch an der Thematik interessierte Bürger der Stadt Bad Brückenau. Die Stellen im Trottoir waren bereits im Voraus durch den Bauhof der Stadt Bad Brückenau präpariert worden. Während der Verlegung der Steine wurde von Schülern des Praxisseminars die Biografie des Ermordeten vorgetragen. Auch der Künstler äußerte sich kurz dahingehend, dass es 'noch immer keine Routine' für ihn sei. Eine musikalische Darbietung mit anschließender Gedenkpause schloss sich an, bevor die Gruppe sich in die Ludwigsstraße aufmachte, um weitere Steine zu verlegen. Ungeachtet der kalten Temperaturen dünnte sich die Menschenmenge die der Verlegung beiwohnte nicht aus. Die Erstverlegung endete mit Dankworten des Praxisseminars an alle Unterstützer des Projektes im Rathaus, Bauhof, Paten, finanzielle Unterstützer, aber auch an die Musiker sowie an Gunter Demnig. Seminarleiter Dirk Hönerlage nutzte die Gelegenheit, um Worte des Dankes an alle Beteiligten zu richten und betonte, dass die Jugendlichen es geschafft haben, 'mit viel Einsatz eine nachhaltige Erinnerungskultur in Bad Brückenau zu etablieren'. Es sei eine Wegmarke gesetzt worden; diese gebe nun die Richtung an, in die der Weg fortgeführt werden müsste, so Hönerlage. Wie die Fackel der Erinnerung an die nächste Generation weitergegeben wird, ist jedoch noch nicht klar. 'Der Stein wurde vom Seminar ins Rollen gebracht, jetzt gilt es ihn am rollen zu halten', betonte Hönerlage. So bestehen aktuell die Möglichkeiten, dass sich auch in den nächsten Abiturjahrgängen ein Praxisseminar zum jüdischen Leben bilden könnte, oder aber die Stadt oder Interessierte sich der Stolpersteine oder einer Patenschaft annähmen, so Brigitte Meyerdierks und Dirk Hönerlage. Der Verlegung schloss sich ein Empfang bei Kaffee und Kuchen im Rathaus an. Der Tenor der Anwesenden bezüglich der Erstverlegung war durchweg positiv. So betonte Margerita Huppmann-Fronczek, die der Veranstaltung als Gast beiwohnte: 'Es war sehr würdevoll und die Jugendlichen haben ein sehr gutes Konzept gehabt'. Auch die Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks war von dem Praxisseminar begeistert: 'Vor allem das Engagement der Schüler hat uns im Stadtrat nachhaltig beeindruckt'. Auch die Hauptakteure des Nachmittages waren gänzlich mit sich und ihrer Arbeit zufrieden, wie beispielsweise Sarah Hofmeister aus dem Praxisseminar, die betonte, dass man gemeinsam Höhen und Tiefen erlebt habe, sich der Einsatz jedoch letztlich 'echt gelohnt' habe."
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Anmerkung: Die Steine wurden verlegt: Alter Schlachthofweg 22 für 'Matzenbäckerei ' Siegmund und Mathilde Stern; Ludwigstraße 31 für 'S. Tannenwald Söhne Bankgeschäft/Manufakturwaren - Allgemeine Verkaufsstelle der Preußen-Südd. Klassenlotterie' - Lothar und Klara Tannenwald; Ludwigstraße 20 für Modegeschäft 'Spieri' - Berta Spier; Ludwigstraße 24 für 'Bankgeschäft Gebrüder Zeller'- Max, Dorothea und Reni Zeller 
 
November 2018: In Bad Brückenau sollen weitere "Stolpersteine" verlegt werden   
Artikel von Rolf Pralle in der "Saale-Zeitung" (inFranken.de) vom 16. November 2018: "Stolpersteine. Erinnerung hat keine Grenzen
Die Verlegung von Stolpersteinen im vergangenen Februar soll keine einmalige Aktion bleiben. Darüber sind sich die Bad Brückenauer Initiatoren und engagierte Bürger einig.

'Es soll immer weiter gehen', sagte Dirk Hönerlage beim Treffen eines offenen Arbeitskreises. In einem zweiten Schritt werde das Projekt nun aus der Schule hinaus getragen und auf eine breitere Basis gestellt. Denn entstanden war die Idee, auf eindrucksvolle Weise an jüdische Mitbürger zu erinnern, am Franz-Miltenberger Gymnasium. Unter der Leitung des Studiendirektors hatten sich seit September 2016 Jugendliche im Rahmen eines anderthalbjährigen Seminars mit der Thematik 'Erinnerung - Mahnung - Auftrag' auseinander gesetzt. 'Wir wollen darüber nachdenken, welche Opfer der Gewaltherrschaft wir als nächstes mit einem Stolperstein würdigen', skizzierte Hönerlage die Aufgaben für die kommenden Monate. Damit verbunden sind dann erneut intensive Recherchen, Fragen zur Übernahme von Patenschaften sowie die Vorbereitung einer angemessenen Feier. Denn die Mitwirkung am 'größten dezentralen Denkmal der Welt', das seinerzeit der Kölner Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufen hat, folgt einem genau vorgeschriebenen Prozedere. 'Wir können Stolpersteine nur für diejenigen Personen setzen, deren biographische Daten wir exakt verifiziert haben', betonte Hönerlage. Damit war die Richtung für das Arbeitsgespräch vorgegeben, an dem 2. Bürgermeister Jürgen Pfister (PWG), Kulturbüroleiter Jan Marberg, der evangelische Pfarrer Gerd Kirchner sowie die ehemalige Schülerin Sarah Hofmeister und die aktuelle Gymnasiastin Melissa Witzke teilnahmen. Dass der Arbeitskreis zum Auftakt nur in überschaubarer Runde tagte, lag allein an der momentan grassierenden Erkältungswelle. Etliche Interessenten, die ihre Mitwirkung für die Zukunft signalisiert haben, mussten das Treffen krankheitsbedingt kurzfristig absagen. Trotzdem könne man laut Hönerlage auf einer soliden Basis aufbauen. Denn schon jetzt gibt es etliche Bürger, die bereits Patenschaften für die Stolpersteine übernommen und ihren Obolus von 120 Euro bezahlt haben, bei der ersten Aktion aber nicht berücksichtigt werden konnten. Ihr gespendetes Geld sei momentan treuhänderisch auf dem Konto des Schulvereins 'sicher geparkt', machte der Studiendirektor deutlich. Er erinnerte bei dieser Gelegenheit daran, dass die Erstverlegung der symbolträchtigen Quader Anfang des Jahres auch über die Grenzen Bad Brückenaus hinaus auf enorme Resonanz gestoßen sei. Jürgen Pfister als Vertreter der Stadt zeigte sich erfreut darüber, dass bereits jetzt eine weitere würdevolle Veranstaltung geplant werde. So könne in einem relativ kurzen Abstand erneut in einem angemessenen Rahmen auf das Schicksal der ehemaligen jüdischen Mitbürger, die während der NS-Zeit deportiert und ermordet wurden, aufmerksam gemacht werden. Als Termin für die dann zweite Stolperstein-Verlegung fasste der Arbeitskreis den August 2019 ins Auge. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass auch Gunter Demnig zu diesem Zeitpunkt nach Bad Brückenau kommen kann. Sarah Hofmeister wird sich deswegen umgehend mit dem Künstler in Verbindung setzen. Die nun anstehenden Recherchen, an denen weitere interessierte Bürger jederzeit noch mitwirken können, folgen einem bewährten Schema. Denn bereits im Vorfeld der ersten Aktion hatte Hönerlage einen Merkzettel entworfen, der die umfangreiche Arbeit wesentlich erleichtert. In dem Papier ist nicht nur die einheitliche Vorgehensweise festgehalten, sondern es wird auch auf Quellen in Büchern und Broschüren sowie im Internet verwiesen. Darüber hinaus existiert ein Namensregister. Außerdem gibt es eine Liste der Häuser, deren Umfeld für die Verlegung von Stolpersteinen infrage kommt. Dafür hatte sich der Geschäftsleiter der Verwaltung im Rathaus, Michael Worschech, intensiv mit historischem Kartenmaterial und alten Akten beschäftigt.
Nähere Informationen zum Thema Stolpersteine allgemein und über eine konkrete Beteiligung am neu installierten Arbeitskreis gibt es im Franz-Miltenberger-Gymnasium, bei der Stadt Bad Brückenau sowie im Kulturbüro."  
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Juli 2019: Zweite Verlegung von "Stolpersteinen" in Bad Brückenau 
Artikel in der "Saale-Zeitung" (inFranken.de) vom 30. Juni 2019: "Gedenken. Stolpersteine erinnern ans Schicksal von Bad Brückenauer Juden. In der zweiten Marge wird unter anderem an Hermine Kahn und ihre Tochter Irma gedacht.
Zum zweiten Mal werden am 4. Juli in Bad Brückenau Stolpersteine verlegt. Dazu lädt die Stadt Bad Brückenau alle Bürger ein. Nach der Verlegung von acht Stolpersteinen im Frühjahr 2018 gab es schnell Interesse von Privatpersonen, als Paten weitere Steine zu stiften, und so begannen ab Ende 2018 die Vorbereitungen für eine zweite Runde. Dazu hatte sich der Arbeitskreis Stolpersteine gegründet, ein Zusammenschluss des Franz-Miltenberger-Gymnasiums, des städtischen Kulturbüros sowie Privatpersonen. Unter Federführung von Gymnasiallehrer Dirk Hönerlage, der mit seinem damaligen P-Seminar die erste Verlegung initiiert hatte, wurden acht weitere Schicksale von Brückenauer Juden, die unter dem Terror des Nationalsozialismus ums Leben kamen, recherchiert und die zweite Verlegung vorbereitet. Die Verlegung beginnt um 14.30 in der Kissinger Straße 11, wo dem Schicksal von Hermine Kahn und ihrer Tochter Irma gedacht wird. Im Anschluss wird vor der Ludwigstraße 31 dem Schicksal von Karoline Tannenwald gedacht. Als dritter Ort des Gedenkens fungiert die Ludwigstraße 18, wo für die Familie Fröhlich, bestehend aus Selma, Ferdinand und deren Sohn Herbert David, Stolpersteine verlegt werden. Im Anschluss steht ein Bus für den Transfer ins Staatsbad bereit. Dort wird in der Wernarzer Straße 7 den ehemaligen Hotelbesitzern Sara und Josef Kaufmann gedacht. Die Steine werden Gunter Demnig, dem initiierenden Künstler hinter den Stolpersteinen, selbst verlegt. Nach Abschluss der Verlegung sind alle Teilnehmenden zu einem Empfang ins Café Carpe Diem und dem angrenzenden Sonnenplateau im Staatsbad eingeladen.
Weitere Informationen beim Kulturbüro, Tel. 09741 / 804 55, oder unter kulturbuero@bad-brueckenau.de."   
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Artikel von Ulrike Müller in der "Saale-Zeitung" (inFranken.de) vom 8. Juli 2019: "Erinnerung. Bad Brückenau: Acht Stolpersteine verlegt
Der Künstler Gunter Demnig verlegt acht weitere Stolpersteine in der Stadt. Das Projekt haben einst Schüler des Franz-Miltenberger-Gymnasiums angestoßen.
An einer Straßenecke eröffnete Zweiter Bürgermeister Jürgen Pfister (PWG) am Donnerstag die zweite Verlegung von Stolpersteinen in Bad Brückenau. Er begrüßte Gunter Demnig, den Künstler, der mit seiner Idee inzwischen bereits mehr als 70.000 Erinnerungssteine für jüdische Bürger in Europa geschaffen und verlegt hat. Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks (CSU) weilte bei einem Termin in Bad Kissingen, stieß aber später zu der Runde. Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, schickte ein Grußwort. Seine Vorfahren stammen aus Bad Brückenau. Es kamen sicherlich etwa 80 Menschen zur Verlegung - darunter etliche Schüler des Franz-Miltenberger-Gymnasiums. Sie hatten sich dafür eingesetzt, dass sich Bad Brückenau am größten dezentralen Mahnmal für die Opfer der Schoah (der hebräische Ausdruck für Holocaust) beteiligt.
Ergriffene Stille. "Alle jüdischen Mitbürger waren in Brückenau gesellschaftlich integriert und anerkannt, bis die Nationalisten sie ab 1933 aus der Mitte der Gesellschaft rissen", sagte Pfister. Acht Schicksale habe der Arbeitskreis nachgezeichnet, die "Erinnerung, Mahnung und Auftrag" seien. Während der Künstler die Steine einsetzte, lasen Schüler die einzelnen Biografien vor, es herrschte ergriffene Stille unter den Zuhörern.
Erstaunlich viel ist belegt. In akribischer Arbeit haben Heimatpflegerin Cornelia Mence und der frühere Pfarrer Ulrich Debler das Leben vieler jüdischer Bürger rekonstruiert. Der Arbeitskreis "Jüdisches Leben in Brückenau" am Gymnasium konnte auf diese Vorarbeit zurückgreifen. Manche Puzzleteile fügte der inzwischen entstandene Arbeitskreis "Stolpersteine" noch hinzu - zum Beispiel den von Irma Kahn.
Ehemalige Schülerin ermordet. Das Schicksal des in Brückenau zur Schule gegangenen jüdischen Mädchens war lange ungewiss. Erst kürzlich gelang es, die Umstände ihres Todes zu klären. "Im Frühjahr 2019 hatten wir Geburtsdatum und Schulzeit erfahren, dann einen alten Schülerbogen im Archiv entdeckt", berichtete Dirk Hönerlage vom Gymnasium. Inzwischen ist klar: Die junge Frau kam in eine Nervenheilanstalt und wurde im Rahmen des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms Aktion T4 ermordet. So ist es kein Zufall, dass das Franz-Miltenberger-Gymnasium den Stein für die ehemalige Schülerin stiftete. Wer eine Patenschaft für weitere Stolpersteine übernehmen möchte, kann sich ans städtische Kulturbüro im Alten Rathaus oder das Gymnasium wenden.
An diese jüdischen Mitbürger erinnert die Stadt Bad Brückenau:  Hermine Kahn wohnte in der Kissinger Straße 11. Ihr Mann Abraham Kahn führte ein Geschäft für technische Öle, Fette und Lacke. Er starb im Jahr 1927 mit 49 Jahren. Aufgrund der Repressionen zog sie im Jahr 1939 nach Frankfurt Main. Der Arbeitskreis Stolpersteine geht davon aus, dass Hermine Kahn nach ihrer Deportation aus Frankfurt ermordet wurde.
Irma Kahn war die Tochter von Hermine und Abraham Kahn. Im Jahr 1930 machte sie ihren Abschluss am so genannten Progymnasium und gehörte zur ersten Abschlussklasse. 1934 zog sie nach Frankfurt Main, kam später in die Landesheilanstalt Weilmünster bei Limburg und wurde dort am 25. April 1940 im Rahmen des Euthanasieprogramms ermordet.
Familie Fröhlich lebte in der Ludwigstraße 18. Der Vater führte das Schuhhaus J. Adler in der Ludwigstraße. Mit Frau und Sohn siedelte er im Jahr 1939 nach Frankfurt Main um. Die Familie wurde am 25. November 1941 in Kowno im heutigen Litauen ermordet.
Karoline Tannenwald lebte in der Ludwigstraße 31. Sie stammte aus Würzburg und heiratete in eine Bad Brückenauer Bank- und Manufakturfamilie ein. Die Familie verließ die Stadt nicht. Vermutlich erst 1942 erfolgte die Zwangsübersiedlung nach Würzburg. Für die Deportation in ein Konzentrationslager war sie wohl zu schwach. Nach Recherchen starb sie einen Tag nach ihrem 80. Geburtstag im Jahr 1943.
Josef und Sara Kaufmann führten das Hotel Kaufmann in der Wernarzer Straße 7 im Staatsbad. Die Gestapo führte 1937 eine Razzia durch, aufgrund derer das Hotel ein Jahr später schließen musste. Auch das Ehepaar Kaufmann wurde gezwungen, 1942 nach Würzburg umzusiedeln. Von dort folgte die Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt. Josef Kaufmann wurde am 10. August 1943 ermordet, seine Frau am 26. Dezember." 
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Juli 2020: Weitere Verlegung von "Stolpersteinen"
Artikel von Stefan W. Römmelt in der "Jüdischen Allgemeinen" vom 24. Juli 2020: "Bad Brückenau. Erinnern in Unterfranken.
Der vergangene Sonntag war ein besonders emotionaler Tag für Zentralratspräsident Josef Schuster. Anlässlich der dritten Verlegung von 'Stolpersteinen' in Bad Brückenau durch den Künstler Gunter Demnig war Schuster in die nordbayerische Heimat seiner Vorfahren gekommen. 'Wie vielleicht einige von Ihnen wissen, hat meine Familie bis zur Schoa hier in Bad Brückenau gelebt, wo mein Großvater unweit des heutigen Verlegungsortes Unterhainstraße 25 das ›Central Hotel‹ geführt hat. Mein seliger Vater David Schuster wurde in der Ludwigstraße 4 geboren.' So erklärte Schuster, warum er an diesem Vormittag an der Zeremonie in der fränkischen Kleinstadt, rund 80 Kilometer von Würzburg entfernt, teilnahm.
NS-REGIME. Schuster erinnerte sodann an die auf den Stolpersteinen genannten jüdischen Bad Brückenauer, die dem NS-Regime zum Opfer fielen: Max, Sybilla und Ludwig Goldschmidt, Paula Spier, Bernhard Frank, Theodor und Regina Vandewart. Die Lebensgeschichten der ehemaligen Bad Brückenauer endeten tragisch: in Fort IX außerhalb Rigas, im Vernichtungslager Majdanek oder an unbekanntem Ort. 'So ist das Andenken an die sieben Bad Brückenauer Bürger auch ein besonders emotionaler Tag für mich, denn in Bad Brückenau sind auch meine, meiner Kinder und meiner Enkel Wurzeln', sagte Schuster. Diese Wurzeln waren in der NS-Zeit vorübergehend gekappt: In einer 2010 veröffentlichten Biografie über David Schuster schreibt der Würzburger Historiker und Journalist Roland Flade über die Umstände der Emigration der Familie Schuster nach Palästina: 'Die Gestapo wollte Julius Schuster und seinen Sohn durch ständigen Druck und durch grausame Behandlung so weit bringen, dass sie ihren Brückenauer Besitz, vor allem das ›Central Hotel‹, für einen geringen Betrag verkauften.'
Verkaufsklausel Nachdem sich Vater und Sohn lange dem Druck der Nationalsozialisten widersetzt hatten, gelang es ihnen, in die Verkaufsverträge die Klausel aufnehmen zu lassen, dass der Verkauf erst nach der Auswanderung der Familie gültig würde. Laut Flade bemerkte David Schuster später: 'Das Hotel hat uns das Leben gerettet.' Die Entlassung aus dem KZ Buchenwald am Abend des 16. Dezember 1938 habe sein Vater immer als seinen zweiten Geburtstag bezeichnet, erzählt Schuster. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erhielten die Schusters, die nach Palästina emigriert waren, ihren Bad Brückenauer Besitz zurück. Da das Eigentum in der Rhön von Palästina aus nur schwer zu verwalten war, kehrte David Schuster 1956 nach Deutschland zurück und holte seine Frau Anita und den damals zweijährigen, 1954 in Haifa geborenen Sohn Josef nach. Der Rest ist eine Geschichte – in Würzburg, Bayern und Deutschland. Das Projekt liege ihm am Herzen, weil sich vor allem junge Menschen engagieren, sagt Schuster. Eine Erfolgsgeschichte sind auch die Stolpersteine, befindet der heutige Zentralratspräsident Josef Schuster. 'So ist mit Ihrem großen Engagement und vielen hilfreichen Paten in der Bevölkerung und in Zusammenarbeit mit Gunter Demnig dieses großartige und zugleich berührende Projekt zustande gekommen, das mir sehr am Herzen liegt. Nicht zuletzt deshalb, weil junge Menschen es angestoßen haben', lobte Schuster das Engagement des Bad Brückenauer 'Arbeitskreises Stolpersteine' und der zahlreich vertretenen Jugendlichen. Das Gedenken gewinne in einer Zeit, in der es nur noch wenige Überlebende der Schoa gibt, die berichten können, was ihnen, ihren Familien und den Juden Europas geschehen ist, noch mehr an Bedeutung.
Erinnerungskultur Der Arbeitskreis ist aus einem von Dirk Hönerlage, Geschichtslehrer am örtlichen Franz-Miltenberger-Gymnasium, geleiteten Projektseminar 'Jüdisches Leben in Brückenau' hervorgegangen. Hönerlage dankte sichtlich erfreut 'den Bürgern, die sich mit der so wichtigen Erinnerungskultur identifizieren und sie mittragen und durch ihre Anwesenheit würdigen – zivilgesellschaftliches Engagement, das gegen das Gift des Hasses und des Antisemitismus zu Felde zieht'. An der Verlegung der Stolpersteine, des 'größten dezentralen Mahnmals der Welt', wie sie in der Broschüre Jüdisches Leben in Brückenau bezeichnet werden, nahmen auch der Erste Bürgermeister der Stadt Bad Brückenau, Jochen Vogel, und der Bad Kissinger Landrat Thomas Bold teil. Auch Bad Brückenaus sollte im Deportationsdenkmal Würzburg mit einem Gepäckstück vertreten sein, regt Josef Schuster an. Die Erinnerungskultur sei für die Gegenwart besonders bedeutsam, betonten beide. 'Es liegt an uns allen, dass die Geschichte präsent bleibt und wir ein Augenmerk darauf haben, damit so etwas nie wieder geschehen kann', sagte Vogel.
Tradition Landrat Bold wies auf die lange Tradition der jüdischen Gemeinden im Landkreis Bad Kissingen hin, die dessen Geschichte über viele Jahrhunderte geprägt haben. 'Ich finde es toll, dass die Abiturienten das Thema im Seminar zur Studien- und Berufsorientierung aufgegriffen haben', lobte Bold. 'Tragen wir alle dazu bei, dass diese schrecklichen Ereignisse der 30er- und 40er-Jahre sich nicht wiederholen!' 'Künftig werden Spaziergänger, Alte und Junge, Schulkinder und Geschäftsleute an diesen kleinen goldfarbenen Stolpersteinen vorübergehen und die Inschriften mit Geburtsdaten und – soweit bekannt – Todesdaten und den Namen der Ermordeten ihrer ehemaligen Nachbarn lesen', sagte Schuster. Um diese wenigen Daten eines ganzen Lebens überhaupt lesen zu können, müssten sie sich hinunterbeugen. 'Wer das tut, zollt mit dieser Verbeugung den ehemaligen Bad Brückenauern Respekt und ihrem Andenken Ehre.' 'Gemessen an der Zahl der sechs Millionen ermordeten Juden in Europa gibt es noch viele Gedenksteine zu verlegen. Aber ich freue mich über jeden Stolperstein, der zu ihrem Andenken verlegt worden ist und verlegt werden wird.'
Deportationsdenkmal Schuster verwies in diesem Zusammenhang auf ein anderes, ebenfalls dezentrales Mahnmal – den jüngst eröffneten Würzburger 'DenkOrt Deportationen' (vgl. Jüdische Allgemeine vom 25. Juni). 'Vor dem Hauptbahnhof sollen in absehbarer Zeit einmal 109 Gepäckstücke stehen, eines für jeden Ort in Mainfranken, aus dem Juden deportiert wurden. Hunderte Gepäckstücke, übereinandergeworfen, Koffer, Bündel, Taschen, herrenlos zurückgelassen, während ihre Besitzer verjagt, verschleppt und in den Tod deportiert worden sind.'
Bad Brückenau ist im Deportationsdenkmal noch nicht vertreten. Von den 109 Städten, Dörfern und Gemeinden Unterfrankens mit jüdischen Gemeinden vor 1939 hätten bislang 55 ihre Teilnahme zugesagt. 'Die Heimatstadt meiner Großeltern, Bad Brückenau, ist bisher leider noch nicht dabei', sagte Schuster und fragte, an Bürgermeister Jochen Vogel gewandt: 'Wäre dieser Tag, lieber Herr Vogel, geeignet, darüber nachzudenken, ob Bad Brückenau nicht auch zu den 109 unterfränkischen Orten gehören sollte, die auf diese Weise ihrer ehemaligen Bürgerinnen und Bürger gedenken?'"  
Link zum Artikel  
Vgl. Artikel in nr.de vom 19. Juli 2020:  "Neue Stolpersteine in Bad Brückenau mit Josef Schuster verlegt..." 
Link zum Artikel   

   
    

Links und Literatur   

Links:  

bulletWebsite der Stadt Bad Brückenau   
bulletZur Seite über den jüdischen Friedhof in Bad Brückenau (interner Link)  

Literatur:  

bulletBaruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979 S. 273-275.
bulletIsrael Schwierz:  Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 37-38.
bulletPinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany - Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 431-433.   
bulletUlrich Debler: Die jüdische Gemeinde in Bad Brückenau. In: Würzburger Diözesangeschichtsblätter. Bd. 66 2004. S. 11-212. 
Der Autor (geb. 1941 in Stuttgart, Pfarrer in verschiedenen unterfränkischen Gemeinden), von dem zahlreiche weitere Beiträge zur jüdischen Geschichte im unterfränkischen Bereich stammen, ist im November 2005 im Alter von erst 63 Jahren verstorben. 
bulletCornelia Binder und Michael (Mike) Mence: Last Traces / Letzte Spuren von Deutschen jüdischen Glaubens im Landkreis Bad Kissingen. Schweinfurt 1992. 
bulletdieselben: Nachbarn der Vergangenheit / Spuren von Deutschen jüdischen Glaubens im Landkreis Bad Kissingen mit dem Brennpunkt 1800 bis 1945 / Yesteryear's Neighbours. Traces of German Jews in the administrative district of Bad Kissingen focusing on the period 1800-1945.  Erschienen 2004. ISBN 3-00-014792-6. Zu beziehen bei den Autoren/obtainable from: E-Mail.    Info-Blatt zu dieser Publikation (pdf-Datei). 
bulletDirk Rosenstock: Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle. Reihe: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13. Würzburg 2008. S. 97. 
bulletLebensgeschichte und Lebenswerk des 1910 in Bad Brückenau geborenen David Schuster
Alexander von Papp: Ein fränkisch-jüdisches Leben im 20. Jahrhundert - Zum 100. Geburtstag von David Schuster. In: Frankenland. Zeitschrift für fränkische Landeskunde und Kulturpflege. Verlag Frankenbund Website www.frankenbund.de. Heft 4. August 2011 S. 284-295. 
Mit Genehmigung des Verfassers und des Verlages online eingestellt (pdf-Datei).   

     
      


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Brueckenau  Lower Franconia. Jews are mentioned in the late 16th century. The modern community was founded in the mid-19th century by Jews from Zuentersbach in Prussia. The synagogue and talmud torah were destroyed in a fire in 1876 that left most of the Jews homeless. A new synagogue was built in 1913 and a Jewish public school was opened in 1924. Brueckenau was a Jewish health resort with three kosher hotels and summer camps for children. The Jewish population grew from 55 in 1880 to 114 in 1910 (total 1.627). With the Nazi economic boycott in 1933 the wealthier Jews began to leave. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue was burned and nearly all jewish men were sent to the Dachau concentration camp. In all, 29 Jews emigrated in 1933-40 (13 to the United States) and 95 left for other German cities, including 58 to Frankfurt. The last seven Jews were deported to Izbica in the Lublin district (Poland) and the Theresienstadt ghetto in 1942.    
     
       

                   
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Stand: 30. Juni 2020