In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zum Hochstift
Straßburg gehörenden Ettenheim bestand eine jüdische Gemeinde zunächst im Mittelalter. Durch die Verfolgungen 1336 bis 1338
("Armleder"-Verfolgung") und während der Pestzeit 1349 wurde sie vernichtet.
Das 1609 erstmals genannte "Judenloch" (Flurstücke 3753-3780) an der
Einmündung der Kreisstraße 5348 in die Bundesstraße 3 westlich Ettenheims
könnte den Ort markieren, an dem 1349 die Ettenheimer Juden verbrannt worden
sind. Gestützt wird die Vermutung durch die Nähe des mittelalterlichen
Richtplatzes Ettenheims unweit des "Judenlochs".
Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht in das 17. Jahrhundert zurück.
1613 werden zwei Juden (jüdische Familienvorsteher) am Ort genannt: Latzarus
und Eliaß. 1682-85 nahm der Straßburger Fürstbischof Juden auf Grund einer
"Judenordnung" von 1658 in seinen rechtsrheinischen Ämtern
Ettenheim und Oberkirch auf. In einem 1682 geschlossenen Vertrag mit dem
Schmieheimer Grundherren Dagobert Wurmser von Vendenheim zu Sundhausen und
Philipp Christoph Böckel von Böcklingshausen "wegen der
Judenbegräbnus zu Schmieheim" unterzeichneten die Ettenheimer Juden
Mayer Bloch, Salomon Moses und Hirz Levi. 1705 wohnten fünf, 1710 sieben jüdische Familien
in der Stadt. 1716 wurden die jüdischen Familien durch Fürstbischof
Armand Gaston Maximilian von Rohan-Sobise vorübergehend aus der Stadt
vertrieben. 1717 kam es zu einem Vertrag zwischen der Stadt Ettenheim und
der Judenschaft. Nach diesem Vertrag wurde den jüdischen Einwohnern u.a. die
Handelsfreiheit und die Teilhabe an Wasser und Weide sowie die
Aufenthaltserlaubnis auch für die verheirateten Kinder eingeräumt. 1758
bestätigte der Fürstbischof Ludwig Constantin von Rohan-Guémené die
Judenordnung von 1658.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Zahl der jüdischen
Einwohner wie folgt: 1809 elf Familien, 1834 63 jüdische Einwohner, 1857 69 (2,4 % von insgesamt 2.867
Einwohnern), 1875 79 (2,7 % von 2.933), 1890 92, 1897 Höchstzahl von 100 Personen;
danach ging die Zahl zurück: 1900 89 (2,9 % von 3.106), 1910 72 (2,2 % von
3.205), 1925 44 (1,4 % von 3.091).
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge, eine
Religionsschule (bis 1876 besuchten die Kinder die jüdische Konfessionsschule
in Altdorf, nach deren Auflösung die
allgemeine Schule in Ettenheim) und ein rituelles Bad (in der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts im Stadtgraben; 1778 wird ein solides Badhaus aus Stein
erstellt [nicht erhalten]; im 19. Jahrhundert wurde das rituelle Bad in Altdorf
mitbenutzt). Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof in Schmieheim
beigesetzt. Einen eigenen Religionslehrer hatte die jüdische Gemeinde noch in
der Mitte des 19. Jahrhunderts (vgl. Ausschreibung der Stelle unten von 1838), danach wurde der Religionsunterricht von Lehrern
in Altdorf und seit Ende des 19. Jahrhunderts von dem Religionslehrer aus
Schmieheim erteilt, während der Religionsunterricht am Realgymnasium weiterhin
der Religionslehrer aus Altdorf übernahm (nach einem Bericht von Josef Lion von
1912). 1827 wurde die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Schmieheim
zugeteilt, dessen Sitz 1893 nach Offenburg
verlegt wurde.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Adolf Forsch (geb.
15.5.1872 in Teschenmoschel, gef. 22.11.1918) und
Berthold Levistein (geb. 25.5.1881 in Ettenheim, vor 1914 in Mannheim wohnhaft,
gef. 23.11.1915). Ihre Namen sind auf dem Gefallenendenkmal des jüdischen
Friedhofes in Schmieheim verzeichnet. Sie stehen auch - dazu die Namen von Adolf
Lion und Karl Lion - auf dem Kriegerdenkmal der Stadt Ettenheim auf dem
Friedhof der Stadtkirche beim östlichen Aufgang. Auf dem Gedenkbrunnen für die
gefallenen ehemaligen Schüler vor dem städtischen Gymnasium (Johann-Baptist-von-Weiß-Straße)
sind auch mehrere Namen jüdischer Schüler aus Altdorf,
Rust und Kippenheim
aufgeführt.
An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Handels- und Gewerbebetrieben
im Besitz jüdischer Familien / Personen sind bekannt:
Manufaktur-Aussteuer-Konfektion Fa. Adolf Forsch (Rohanstraße 17, Haus Forsch,
heute Teil des Rathauses), Viehhandlung Julius Levistein
(Festungsstraße 8), Viehhandlung Leopold Lion (Berggasse 1), Gastwirtschaft
"Krone", Inh. Mina Lion (Festungsstraße; abgerissen, Parkplatz der
Sparkasse), Metzgerei Raphael und Josef Lion
(Ecke Muschelgasse / Friedrichstraße 55), Woll- und Kurzwarenhandlung Karoline Schnurmann
(Thomasstraße, abgerissen), Rechtsanwalt Alfred Strupp (Rohanstraße 14. Weitere jüdische Wohnhäuser waren: Fanny Lion
(Festungsstraße 16), Helene und Sofie Lion I (Friedrichstraße 8), Julie Lion
(Friedrichstraße 6), Karoline Lion (Zunftgasse 1).
1933 lebten 31 jüdische Personen in Ettenheim (1,0 % von 3.149
Einwohnern). Auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden
Repressalien und der Entrechtung sind die meisten von ihnen in den folgenden
Jahren ausgewandert beziehungsweise in andere Städte verzogen. Beim Novemberpogrom 1938 wurde
die Inneneinrichtung der Synagoge völlig zerstört (s.u.), jüdische Geschäfte
und Wohnungen wurden demoliert. 1939 wurden
noch 20 jüdische Einwohner gezählt. Insgesamt konnten 23 jüdische Personen
emigrieren (Argentinien, England, Lettland, Kuba, USA, Frankreich und
Palästina/Israel). Die letzten sechs wurden am 22. Oktober
1940 nach Gurs deportiert (Raphael, Josef, Erna, Bernhard und Albert Lion aus
der Friedrichstraße 55 sowie Fanny Lion aus der Festungsstraße 16).
Von den in Ettenheim geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Rosa Regina Bloch
geb. Lion (1873), Jakob Dreifuß (1882), Hedwig Levistein (1883), Carl Lion
(1879), Fanny Lion (1871), Helene Lion (1866), Julius Lion (1880), Karoline Lion
(1854), Max Lion (1899), Mina Lion (1892), Luise Schwab geb. Lion (1876), Hedwig
Weil geb. Lion (1869), Helene Weil geb. Lion (1865), Herta Wiegand geb. Lion
(1890).
Am 12. Juli 2010 wurden in Ettenheim "Stolpersteine"
durch Gunter Demnig verlegt. Von den sechs vorgesehenen Steinen konnten
zunächst nur drei verlegt werden für Fanny Lion (Festungsstraße 16), Karoline
Lion (Zunftgasse 2) und Julia Lion (Friedrichstraße 6). Da die Hausbesitzer ihr
Einverständnis nicht gaben, konnten drei Steine zunächst nicht verlegt werden: für
Hedwig Levistein (Festungsstraße 8; Erinnerungstext
als pdf-Datei) sowie für Helene und Sophie (Frommele)
Lion (Friedrichstraße 8, Erinnerungstext
als pdf-Datei). Ein Beschluss des Ettenheimer Gemeinderates Ende März 2012
ermöglicht die Verlegung der Grabsteine.
Im Bürgersaal des Rathauses ist eine Gedenktafel mit dem
folgenden Text angebracht: "Seit dem Mittelalter lebten in Ettenheim Juden
und Christen einträchtig zusammen. Im Jahre 1933 waren noch 31 Juden ansässig.
Unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden sie gedemütigt und
vertrieben oder verschleppt. Ihre Synagoge in der Allee-Straße ist zerstört
worden. Die Ritualien wurden entweiht, verbrannt oder geraubt. Wir wollen das
Leid, das unseren jüdischen Mitbürgern widerfahren ist, nie vergessen. In
Ehrfurcht gedenken wir der Toten, den Lebenden bleiben wir in Achtung und
Duldsamkeit zugetan."
Allgemeine Berichte Vor der NS-Zeit: an Orten mit jüdischen Gemeinden
erringen die Nationalsozialisten bei den Landtagswahlen weniger Stimmen
(1929)
Artikel in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des
"Central-Vereins") vom 15. November 1929: "Auch eine
'Judenstatistik' - Aus badischen Wahlergebnissen. Wir haben stets den
Grundsatz aufgestellt, dass keine Aufklärung durch Schrift und Bild so
wirksam ist wie die menschliche Beziehung, wie das nachbarliche
Miteinanderleben zwischen Juden und Nichtjuden. Eine klare Bestätigung
dieses Grundsatzes geben uns die badischen Landtagswahlen im Amtsbezirk
Lahr-Ettenheim. Die nachstehende kleine Statistik zeigt, dass in den
Ortschaften, in denen Juden wohnen, der Anteil der nationalsozialistischen
Stimmen, mit Ausnahme des Ortes Lahr selbst, nicht über 2,5 vom Hundert
gestiegen ist, während in den Orten, wo keine Juden leben, die
Nationalsozialisten bis 30 Prozent der Stimmen erringen konnten....
für Ettenheim wird etwa 1,5 v.H.
angegeben."
Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den
See-Kreis" von 1838 S. 125 (Quelle: Staatsarchiv Donaueschingen): "Schmieheim.
(Vakante israelitische Schulstelle).
Bei der israelitischen Gemeinde Ettenheim ist die Lehrstelle für den Religionsunterricht
der Jugend, mit welcher ein Gehalt von 40 Gulden nebst freier Kost und
Wohnung sowie der Vorsängerdienst samt den davon abhängigen Gefällen
circa 50 Gulden verbunden ist, erledigt, und durch Übereinkunft mit der Gemeinde unter
höherer Genehmigung zu besetzen. Die rezipierten israelitischen Schulkandidaten werden daher aufgefordert,
unter Vorlage der Rezeptionsurkunde und der Zeugnisse über ihren
sittlichen und religiösen Lebenswandel binnen 6 Wochen sich bei der
Bezirks-Synagoge Schmieheim zu melden. Auch wird bemerkt, dass im Falle weder Schulkandidaten noch
Rabbinatskandidaten sich melden, andere inländische Subjekte nach
erstandener Prüfung bei dem Bezirks-Rabbiner zur Bewerbung zugelassen
werden.
Schmieheim, den 22. Januar 1838. Großherzogliche
Bezirks-Synagoge. J. Ginsburger"
Dr.
med. Hertha Wiegand geb. Lion: geb. 1890 in Ettenheim als Tochter des
jüdischen Viehhändlers Josef Lion und der Rosa geb. Maier; ausgewachsen
im Haus Friedrichstraße 55 in Ettenheim (Haus besteht nicht mehr); Besuch
des Realgymnasiums Ettenheim, hielt 1909 als eine der ersten weiblichen
Abiturienten des Ettenheimer Gymnasiums die Abiturrede; anschließend
Studium der Medizin; 1915 Heirat mit dem nichtjüdischen Arzt Dr. Otto
Wiegand (gest. 1925); nach dem Tod des Mannes Austritt aus der jüdischen
Religionsgemeinschaft (aber ohne Konversion). Als Ärztin war sie tätig:
im Ersten Weltkrieg im Lazarett, in Frauen- und Kinderklinik und in der
Psychiatrie Düsseldorf-Grafenberg; 1919 gemeinsame Niederlassung mit
ihrem Mann in Offenburg: er als Chirurg und Frauenarzt, sie als Frauen-
und Kinderärztin. Frau Dr. Hertha Wiegand war weit über Offenburg hinaus
als sozial engagierte Ärztin bekannt und beliebt. 1938 endgültiger
Entzug der Approbation als Ärztin. Im Januar 1944 im Alter von 53 Jahren
an Suizid gestorben.
Quelle: Jüdisches Leben in Ettenheim s.
Lit. S. 12-14.
Über mittelalterliche
Einrichtungen ist nichts bekannt.
Obwohl im 18. Jahrhundert einige wohlhabende jüdische
Familien in Ettenheim wohnten, erfahren wir in dieser Zeit noch nichts von einer
Synagoge oder einem Betsaal. Die Straßburger Fürstbischöfe hatten 1658 in
einer "Juden-Ordnung" bestimmt: "Zum dritten, sollen die Juden in unserm Stift
gesessen, an keinem Ort, weder in Städten noch auf dem Land, kein öffentliche
Synagog oder Schul halten, wohl mögen sie aber in ihren Häusern ihre Kinder in
ihrem Gesetz unterweisen lassen und ohne Beschwerde der Christen ihre Ordnung in
ihren Häusern halten". Diese Judenordnung ist von Fürstbischof Ludwig
Constantin von Rohan 1759 bestätigt worden. Trotz dieses Verbotes wird im 18.
Jahrhundert vermutlich ein Schulraum/Betsaal in einem jüdischen
Privathaus vorhanden gewesen sein. In einem Kaufvertrag vom 10. November 1759
wird berichtet, dass Moses Levy ein Haus von Rachel Levy, der Ehefrau von
Michael Samuel Gombrich kaufte und ihr zum einen dafür einen Platz "in der
Weibersynagoge auf Lebenszeit" garantierte sowie zum anderen ihrem Mann den
Platz seines Schwiegersohnes Hirschel Weyl zur Verfügung stellte.
Eine erste Synagoge unbekannten Baujahres wird seit
1816 genannt. Es handelte sich dabei um einen einfachen Betsaal in einem nicht
mehr vorhandenen Hintergebäude hinter einem Haus in der Friedrichstrasse (bis
1816 Anwesen der jüdischen Familie Gombrich, dann Witwe Reys, spätestens ab
1845 Anton Klotz, bis 1956 "Klotz Erben", die es an die Ettenheimer Volksbank
Friedrichstrasse 38 für einen südlichen Erweiterungsbau abgerissen haben). Die
Synagoge stand somit unweit des Spitals (heute Kirchliche Sozialstation
Spitalgasse 1) und grenzte mit der Ostseite an die Östliche Ringstrasse. Zu ihr
bestand ein Durchgangsrecht von der Friedrichstrasse am Klotz’schen Haus
vorbei. In einem Bericht von 1859 wird die Ettenheimer Synagoge als "klein und
in einem Winkel abgelegen" beschrieben. Sie sei "jetzt verbessert und so weit
tunlich zum Gebrauche hergerichtet". Offensichtlich waren kurz zuvor (1858?)
Renovierungsmaßnahmen durchgeführt worden.
Den Anlass zum Neubau einer Synagoge in Ettenheim ergab
eine Ortsbereisung des Bezirksamtes Ettenheim im Februar 1879, bei der
festgestellt wurde, dass die Hinterseite der Synagoge sehr baufällig sei. Dem
Synagogenrat wurde aufgegeben, alsbald Abhilfe zu schaffen. Dieser wollte alles
aufbieten, um möglichst schnell eine neue Synagoge bauen zu können, da man die
alte Synagoge sowieso nicht mehr renovieren könne und der Durchgang zu ihr eine
Zumutung sei, da man "an Dunghaufen und Dunglachen vorbei muss". Trotz dieser
Baufälligkeit der alten Synagoge blieb das Gebäude noch bis zum Abbruch 1951
stehen und wurde bis zuletzt als Schopf genützt.
Im Laufe des Jahres 1879 wurden die Planungen für einen neue
Synagoge vorangetrieben. Die größte Schwierigkeit war die Finanzierung des
Neubaus, der auf mindestens 11.500 Mark veranschlagt wurde. Dies war für die jüdische
Gemeinde eine nicht zu erbringende Summe. Vom Gemeinderat der Stadt und vom Bürgerausschuss
wurde ein Zuschuss von zusammen 600 Mark bewilligt. Über mehrere Sammlungen bei
Gemeindegliedern und auswärtigen Freunden der jüdischen Gemeinde Ettenheims
sowie über einen großen Kredit konnte die Bausumme schließlich
zusammengetragen werden. Ein geeigneter Bauplatz wurde in der Alleestrasse 22
gefunden. Die Baupläne der neuen Synagoge hatte der von 1878 bis 1882 am
Realprogymnasium Ettenheim tätige Gewerbeschullehrer Wendelin Ederle entworfen.
Die Einweihung der Synagoge fand am Freitag, 25. Februar 1881 statt. Am
Nachmittag dieses Tages war um 13 Uhr zunächst ein Gottesdienst in der alten
Synagoge mit einer Abschiedsrede des Bezirksrabbiners. Die Torarollen wurden aus
dem alten Toraschrein genommen und zu dem bereits aufgestellten Zug der
Festteilnehmer gebracht. Unter Begleitung der Musikkapelle der Stadt zog man zur
neuen Synagoge, bei der nach den dazu üblichen Gebeten durch den Vorsänger und
Bezirksrabbiner die Torarollen in die neue Lade gestellt wurden. Die Lahrer
Zeitung lobte in ihrem Bericht am 18. Februar 1881 den Neubau der Synagoge als "ein
schmuckes Gebäude", "eine Zierde der Stadt".
Die Einweihung der Synagoge
(1881)
Artikel in der "Breisgauer Zeitung" vom
5. März 1881: "Ettenheim, 3. März. Die in den jüngsten Tagen hier stattgehabte Synagogeneinweihung hat durch die zahlreiche Beteiligung aller Konfessionen und Stände an derselben von Neuem den Beweis geliefert, dass in hiesiger Stadt Friede und Eintracht unter den Menschen heimisch ist. Selbstverständlich hat daher auch die von echter Toleranz durchdrungene Ansprache des Großherzoglichen Amtsvorstandes gelegentlich der Übernahme des Synagogenschlüssels in den Herzen der Zuhörer den freudigsten Widerhall gefunden, während die nachfolgende Predigt des israelitischen Geistlichen nach Form und Inhalt (Schilderung der Tugenden des auserwählten Gottesvolks und Hinweisung auf die Antisemitenliga) nicht ansprach. Im Übrigen hat das Fest den schönsten Verlauf genommen und freuen wir uns, dass die langjährigen Bemühungen der hiesigen Israeliten für den Bau einer Synagoge nunmehr mit Erfolg gekrönt worden sind".
Die Ettenheimer Synagoge war für die damalige Zeit
charakteristisch gebaut in einem Mischstil von klassizistischen Formen mit
Anlehnungen an die Renaissance und die Romanik. Es war ein stattliches,
harmonisches Gebäude mit einem großen Portal, dessen Rundbogen von zwei Säulenpaaren
getragen wurde. Im Obergeschoss über dem Portal lag hinter den drei großen
Rundbogenfenstern in der Mitte der Eingangsfassade das heizbare Schulzimmer. Über
dem Eingang fand sich als Portalinschrift (links vom Portal deutsch, rechts hebräisch
geschrieben): "Öffnet mir die Pforten des Heiles, ich gehe hinein und danke dem
Herrn. Ps. 118,19".
Besuch des Großherzogs in der Synagoge
(1912)
Mitteilung
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. August 1912:
"Bei seiner Anwesenheit in Ettenheim (Baden) besuchte das
Großherzogpaar auch die Synagoge".
In der Synagoge wurden bis Mitte des 1920er-Jahre regelmäßige
Gottesdienste gefeiert. Dann wurde es durch den Wegzug vieler jüdischer
Familien immer schwieriger, die zum Gottesdienst nötige Zehnzahl der Männer
zusammen zu bekommen. Vermutlich wurden nach 1925 nur noch unregelmäßig
Gottesdienste abgehalten. Die jüdischen Männer aus Ettenheim besuchten die
Gottesdienste in der Synagoge in Altdorf.
Nach Angaben der Firma Riegger wurde ihr schon vor 1933 das Gebäude von der
israelitischen Gemeinde zum Kauf angeboten.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde in den Vormittagsstunden des 10. November durch SA-Männer unter Beteiligung von Ettenheimer NS-Parteiangehörigen die Inneneinrichtung der Synagoge geplündert und zerstört. Ein Großteil der Einrichtung (auch Bücher und Ritualien) verbrannte man außerhalb der Synagoge. Beim späteren Verkauf des Gebäudes fehlte die gesamte Einrichtung samt den Fenstern. Das Gebäude wurde am
23. Dezember 1938 an den benachbarten Gerbereibetrieb G. Riegger oHG verkauft, von dem es zu einem Wohn- und Geschäftshaus umgebaut wurde. Beim Umbau wurden die Außenwände weiterverwendet; die Anordnung der Fenster blieb erhalten. Die Giebel wurden entfernt und ein Walmdach aufgesetzt. Die Fensterrahmungen und das Portal verschwanden gleichfalls, sodass nach dem Umbau aus der ehemaligen Synagoge ein Wohnhaus im Stil des Jahres 1939 geworden war. Eine Gedenktafel ist nicht angebracht.
Von der Ausstattung der Synagoge erhielten sich fünf Torarollen, die 1947 an die Israelitische Gemeinde in Freiburg abgegeben wurden. Die große Rosette im klassizistischen Giebel blieb erhalten und wird bis heute als Brunneneinfassung auf dem Friedhof in Ettenheimmünster verwendet. Das Stadtarchiv Ettenheim bewahrt noch einen Toraschrein-Vorhang (Parochet) auf sowie ein Festtagsgebetbuch und farbige Fensterscheiben.
Eine Gedenktafel am Synagogenstandort ist seit April 2007 in Absprache
mit der Stadt vorgesehen. Inschrift: "Ehemalige Synagoge der vertriebenen Israelitischen
Gemeinde Ettenheim. 1880 erbaut, am 25. Februar 1881 eingeweiht, am 10. November
1938 durch SA Männer und NS Parteiangehörige und Mitläufer aus Ettenheim und
der Region im Innenraum geschändet und geplündert. Die Kultgegenstände und
Inneneinrichtung wurden öffentlich verbrannt. Am 23. Dezember 1938 verkauft,
1939 als Wohnhaus umgebaut. Die Türbogeninschrift lautete: 'Öffnet mir die
Pforte des Heils, ich will durch sie eintreten, den HERRN zu preisen' Ps.
118,19".
Gesamtansicht von Ettenheim (aus neuerer Zeit)
mit Eintragung des
Synagogenstandortes
Stadtplan Ettenheim von 1910 - Ausschnitt
mit Eintragung der Synagoge in
der Alleestraße
Fotos
Historische Fotos (Quelle: aus dem Buch Schicksal und Geschichte... s. Lit. S. 87.89; die
Karte war abgedruckt im Ettenheimer Heimatkalender 1984, Monat Januar)
Die Synagoge in Ettenheim
Ausschnitt aus einer Ansichtskarte von Ettenheim
von 1893;
die Synagoge ist im Hintergrund links
(beschriftet)
Fotos nach 1945/Gegenwart:
Fotos 2003: (Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 2.9.2003)
Gebäude der ehemaligen
Synagoge
Ettenheim, 1939 zu einem Wohnhaus
umgebaut
Gebäude von Nord mit
dem Anbau
zur
ehemaligen Synagoge
Seitenansicht
Bauinschrift von 1939
(Quelle für die
Fotos unten: aus dem Buch Schicksal und Geschichte... s. Lit. S. 11.88):
Als wertvolle Erinnerung an die Synagoge blieb ein Toraschreinvorhang (Parochet)
erhalten (im Palais Rohan, Sitzungssaal der Stadtverwaltung). Inschrift lautet übersetzt:
"Diesen Vorhang spendeten (sic) die Gesellschaft / der
Frauen der Heiligen Gemeinde
Ettenheim / am Tag der Einweihung der Synagoge / (im Jahr) 641"
(1880/81)
Rosette von der Ettenheimer Synagoge,
die auf dem Friedhof in
Ettenheimmünster als
Brunneneinfassung dient
Hinweis: Bestellmöglichkeit für
Postkarten mit dem Toravorhang bei Robert Krais, im Altwick 11, 77955
Ettenheim E-Mail Preis pro Stück -.50 Cent.
Weitere Informationen und Führungen
auch über: Rathaus 77955 Ettenheim
Tourist-Info: 07822/432-210 - für Stadtführungen
Der
Gurs-Gedenkstein in der Rohanstraße 17 und in Neckarzimmern (Fotos)
Der
Gurs-Gedenkstein aus Ettenheim, aufgestellt sowohl in Ettenheim wie in der
zentralen Gedenkstätte in
Neckarzimmern. Der Stein wurde von einer Projektgruppe der Heimschule
Ettenheim unter der Leitung von Matthias Küchle zwischen Februar und
Oktober 2007 bei Steinmetz Anno Sieberts entworden und bearbeitet. Der
eine Stein wurde am 21. Oktober 2007 in Neckarzimmern aufgestellt, der
zweite vor dem zum Rathauskomplex gehörenden ehemaligen jüdischen
Geschäftshaus Forsch am 22. Oktober 2008. Der Stein weist in einem
Ausschnitt in Originalgröße auf die noch vorhandene Rosette der
Ettenheimer Synagoge hin. Auf der Rückseite symbolisieren Hände hinter
Stacheldraht die Internierung im Lager Gurs.
März - Juni 2009:
Der Toraschreinvorhang aus
Ettenheim wird in der Ausstellung "200 Jahre Jüdische
Religionsgemeinschaft" gezeigt
Artikel in der "Badischen Zeitung"
(Region Ortenau) vom 14. März 2009 (Artikel)
: Der Thoraschreinvorhang wird in Karlsruhe gezeigt.
ETTENHEIM. (BZ). Am vergangenen Sonntag wurde in Karlsruhe ein Festakt zum 200-jährigen Bestehen der Jüdischen Religionsgemeinschaft in Baden begangen. In einer Ausstellung zu diesem Jubiläum findet sich auch ein Thoraschreinvorhang aus Ettenheim.
In der umfangreichen Ausstellung des Generallandesarchivs Karlruhe werden die Entwicklung der Rechte der jüdischen Bevölkerung im 19. Jahrhundert, die völlige Entrechtung und Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten und der mühsame Versuch aufgezeigt, in der Nachkriegszeit wieder jüdisches Leben aufzubauen. Mehrere Bilder der Ausstellung sind dem Buch "Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden Ettenheim, Altdorf, Kippenheim, Schmieheim und Rust" entnommen, das der Historische Verein Ettenheim 1988 herausgegeben hat. Für die Ausstellung wurde von der Stadt Ettenheim auch der Thoraschreinvorhang zur Verfügung gestellt, den die Frauen der jüdischen Gemeinde Ettenheim 1881 zur Einweihung der Synagoge in der Alleestraße gestiftet hatten. Nach der Schändung der Ettenheimer Synagoge 1938 wurde der Vorhang auf den Speicher des Rathauses verbracht.
Im Jahr 1988, fünfzig Jahre nach der Reichspogromnacht, wurde dieses kostbare religiöse Kunstwerk beim Besuch ehemaliger Ettenheimer Juden zum ersten Mal wieder zugänglich gemacht. Bald danach erfolgte eine Restaurierung, wobei der ursprüngliche Samtstoff durch einen neuen Stoff ersetzt und die Original-Verzierung wieder verwendet wurde. Der Vorhang wurde im Sitzungssaal im Palais Rohan in einem Schaukasten untergebracht, wo er nach der Karlsruher Ausstellung wieder seinen Platz finden wird...".
Links
(Foto: Hahn): der Ettenheimer Toraschreinvorhang in der Ausstellung zum
"200 Jahre Jüdische Religionsgemeinschaft in
Baden".
Erklärung auf einer Hinweistafel in der Ausstellung: "Vorhang
für den Torarollenschrank, Ettenheim 1881.
Roter Samt, bestickt mit einer Krone, zwei Tauben, die diese halten.
Blumenranken und den hebräischen Buchstaben Kaw Taw für Keter Tora, d.h.
Krone der Tora, den Anfängen der Zehn Gebote auf zwei Gesetzestafeln
(dahinter Symbol für einen Altar). seit 1945 Stadt Ettenheim, Provenienz
unbekannt.
Eine vornehme Aufgabe jüdischer Frauenvereine war es, für die
Ausschmückung der eigenen Synagoge zu sorgen. Frauenvereine entstanden
oft aus den traditionellen Beerdigungsschwesternschaften (Hebräisch 'Chewra
Kaddischa'), welche die Beerdigung von Frauen vorbereiteten, aber auch
Fürsorgeinstitutionen waren. Im 19. Jahrhundert betrieben Frauenvereine
oft auch Bildungsarbeit. Sie gehörten zu den ältesten und größten
Vereinen einer jüdischen Gemeinde.
Übersetzung der hebräischen Inschrift: 'Diesen Vorhang spendeten (sic!)
die Gesellschaft / der Frauen der Heiligen Gemeinde Ettenheim / am Tag der
Einweihung der Synagoge / (im Jahr) 641' (sc. nach der kleinen Zählung,
gemeint 5641 = 1880/81)".
Januar
2010: Anregung zur Verlegung von
"Stolpersteinen" in Ettenheim wird geprüft
Artikel in der "Badischen
Zeitung" vom 20. Januar 2010 (fi, Artikel):
"Vorstoß für Verlegung von Stolpersteinen - Metz will Grundlage prüfen. ETTENHEIM (fi). Mit den sogenannten Stolpersteinen im öffentlichen Raum – eine Aktion des Kölner Bildhauers Gunter Demnig, die bereits in
mehreren deutschen Städten unter anderen auch in Lahr läuft – soll an die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung in den Kommunen erinnern. Unter den Nationalsozialisten hatten auch jüdische Mitbürger in Ettenheim zu leiden. Sie wurden wie 7500 Juden aus Baden und der Pfalz im Oktober 1940 in das südfranzösische Konzentrationslager Gurs deportiert. Die Stolpersteine – in den öffentlichen Straßenraum vor den ehemaligen Wohnhäusern dieser Opfer des Nationalsozialismus eingelassene, Pflasterstein-große Messing-Quader – sollen diese deportierten Juden erinnern.
So ist jedenfalls der neuerliche Vorstoß von Robert Krais, Vorsitzender des deutsch-israelischen Arbeitskreises und Ettenheimer, zu verstehen. Er hatte bei Stadträtin Beate Kostanzer (SPD) vorgesprochen und diese gebeten. Das Projekt Stolpersteine in Ettenheim im Gemeinderat vorzubringen. Elisabeth Lüdemann (FLE) hatte vor Jahren schon einmal einen ähnlichen Vorstoß gemacht. Er war vom Gemeinderat nicht aufgenommen worden, weil das Schicksal der deportierten Juden nicht eindeutig zu belegen war. Damals galt der Grundsatz, dass Stolpersteine dann gelegt werden können, wenn gesichert ist, dass ehemaligen jüdischen Mitbürger einer Stadt durch die Deportation oder in den Konzentrationslagern ums Leben kamen.
Beate Kostanzer wie Elisabeth Lüdemann ("Die Aktion passt zu unserem Motto des Stadtfestes ’Steine erzählen’") erklärten in der Sitzung, dass Robert Krais neue Forschungsergebnisse über ermordete Ettenheimer Juden vorlägen, die Grundlage für mindestens fünf bis sechs Stolpersteinen in der Kernstadt sein könnten. Bürgermeister Bruno Metz erinnerte in dem Gremium daran, dass der Gemeinderat schon einmal eine Stolperstein-Aktion abgelehnt habe, erklärte aber auch, dass er die neuen Erkenntnisse prüfen und sich des Themas annehmen werde.
"
Juli
2010: In Ettenheim werden am 12. Juli
2010 "Stolpersteine" verlegt / neue Publikation zur
jüdischen Geschichte Ettenheims
Mitteilung von Robert Kreis,
Deutsch-Israelischer Arbeitskreis südlicher Oberrhein e.V. vom 26. Juni
2010: "Der Künstler Gunter Demnig wird am Montag, 12.7. ab 9 Uhr in der
Festungsstraße, Thomasstraße und Friedrichstraße in Ettenheim Stolpersteine verlegen. Beantragt wurde diese Verlegung für sechs Steine
an fünf Häusern im Januar 2010 von der Gemeinderätin Beate Kostanzer (SPD).
Die Verlegung wurde als Beitrag des DIA zum Ettenheimer Stadtfest am 24./25.7. unter
dem Thema "Steine erzählen" angeregt.
Zu diesem Stadtfest wird der DIA in der Reihe "Orte jüdischer
Kultur" im Verlag "Medien und Dialog" das Heft "Jüdisches Leben in
Ettenheim" herausgeben, in dem ausführlich die Geschichte der Stolpersteine, des Gurs - Gedenksteines vor dem Rathaus sowie der
Sandsteinrosette der ehemaligen Ettenheimer Synagoge behandelt wird.
Diese Broschüre wird beim Stadtfest am Stand des DIA beim Gurs - Gedenkstein zum Preis von 3,00 Euro zu erwerben sein.
Zur Stolpersteinverlegung am 12. Juli mit Gunter Demnig die Stolpersteinverlegung
ist die Bevölkerung herzlich eingeladen.
Wer die Übernahme der Kosten für einen Stein von 95,00 Euro als Spende übernehmen will, sollte sich bei
Robert Krais melden. Die Personen, für die ein Stein gelegt werden soll, werden in der Lahrer Zeitung, Seite Ettenheim,
nach und nach vorgestellt.
E-Mail von Robert Krais bzw. RoKrais[et]web.de".
Ergänzende Mitteilung von
Robert Krais vom 1. Juli 2010: "Die Verlegung von 6 Stolpersteinen war in Ettenheim vorgesehen, bei drei
Steinen haben zwei Hausbesitzer Einwand gegen die Verlegung erhoben."
Artikel von Erika Sieberts in der "Badischen Zeitung" vom 12.
Juli 2010 (Artikel):
"Gedenken - Stolpersteine erinnern jetzt auch in Ettenheim an NS-Opfer
Alltägliches Gedenken in Ettenheim: Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat drei Stolpersteine in das Pflaster gelegt, die an drei aus Ettenheim vertriebene jüdische Frauen erinnern: An Fanny Lion, Karoline Lion und Julia Lion. ETTENHEIM. Für die Schülerinnen und Schüler der Klasse acht von der Hauptschule Münchweier passte die Stolpersteinaktion am Montagmorgen genau ins Programm.
'Wir haben gerade ’Ich bin ein Stern’ von der in Kippenheim geborenen Jüdin Inge Auerbacher
gelesen', sagte Matthias Münchbach. 'Da haben wir uns schon mit der jüdischen Vergangenheit im Dritten Reich beschäftigt. Auch über die Familie Lion haben wir einiges
gelesen.' Die Lehrerin Sybille Rieder hatte den Stoff vorgezogen, weil sie fand, dass er im neunten Schuljahr zu spät komme.
'Morgen werden wir die Stolpersteinaktion nachbereiten', sagte sie, und im nächsten Schuljahr fahren wir nach Berlin, wo wir auch die neue Gedenkstätte auf dem Potsdamer Platz
besichtigen.'
Fanny Lion, die in dem Häuschen in der Festungsstraße wohnte, erlebte den Terror der Reichspogromnacht, als man die Fensterscheiben ihres Hauses zerschlug und ihre Kleider auf die Straße warf. Sie flüchtete zunächst zu Verwandten, kehrte aber wieder nach Ettenheim zurück und wurde am 22. Oktober 1940, wie alle badischen Juden, ins südfranzösische Lager Gurs deportiert. Sie starb am 15. Juli 1944 in einer Klinik in Frankreich an den Folgen der Internierung. Tod im Lager Gurs. Während Gunter Demnig die Pflastersteine setzte, berichtete Robert Krais vom deutsch-israelischen Arbeitskreis südlicher Oberrhein aus dem Leben der Vertriebenen, die hier ihren letzten frei gewählten Wohnort hatten. Karoline Lion starb, ebenso wie Julia Lion, Ende 1940 im Lager Gurs an der Ruhr.
Für den Künstler Gunter Demnig ist Ettenheim die 573. Kommune in Deutschland, in der er seine Stolpersteine verlegt. Die Aktion werde nie langweilig versicherte er den Anwesenden. Denn immer wieder würden neue Fragen aufgeworfen, entstünden neue Geschichten, wie etwa vor einigen Jahren, als sich bei der Aktion zwei Familien kennen gelernt und festgestellt haben, dass sie verwandt sind.
Vor zwei Jahren hat die Regisseurin Dörte Franke einen Dokumentarfilm über die Stolpersteine gedreht. Darin komme ihm das Engagement von Jugendlichen etwas zu kurz, sagte Demnig in einem Gespräch mit der Badischen Zeitung. Auch gestern durfte er feststellen, dass die Schüler sehr interessiert und auch informiert sind.
'Mein Geschichtsunterricht hörte mit der Weimarer Republik auf', beklagte der 63-jährige das Schulsystem seiner Zeit.
'Auch in der Familie sprach niemand über die Verbrechen der Nazis.'
Inzwischen sei das zum Glück anders, sagte Stadträtin Ulrike Schmidt und bedankte sich beim Organisator der Aktion, Robert Krais dafür, dass die Gedenksteine im Jahr des Stadtfestes mit dem Titel
'Steine erzählen' eingebaut werden. Keine Stolpersteine gegen den Willen der Hausbesitzer. 'Leider können wir nur drei von sechs Steinen
versetzen', sagte Krais. Zwei Hausbesitzer (vor einem Haus sollten zwei Steine verlegt werden) wollten keine Gedenksteine vor ihrem Haus haben. Obwohl die Bürgersteige zum öffentlichen Raum gehören, habe der Gemeinderat beschlossen, keine Stolpersteine gegen den Willen der Hausbesitzer zu verlegen.
'Feige' nannte das der in Altdorf aufgewachsene Hans-Peter Goergens, der sich das Gedenken an die Verbrechen im Dritten Reich auf die Fahnen geschrieben hat. In Offenburg sei man über solche Einwände hinweggegangen.
'Mit etwas Geduld kommen auch wir irgendwann zum Ergebnis', antwortete Stadtrat Peter Frey. Die anderen Anwesenden vermittelten:
'Solche Diskussionen gehören mit zum Projekt.'"
Video zur Verlegung von
"Stolpersteinen" in Ettenheim - eingestellt bei Youtube
Juli
2010: Auf den Spuren der jüdischen
Geschichte in Ettenheim
Artikel in der "Badischen Zeitung" vom (Artikel):
"Auf den Spuren der Juden in Ettenheim
Margret Oehlhoff führt durch die Stadt und erzählt von den eigenen Recherchen.
ETTENHEIM. Jüdisches Leben in Ettenheim ist kürzlich durch das Setzen der "Stolpersteine" wieder ins Bewusstsein gelangt. In Ettenheim haben eine Handvoll Menschen in den 1980er Jahren damit angefangen, sich mit den Ettenheimer Juden zu beschäftigen, wer sie waren und ob welche von ihnen den Holocaust überlebt haben. Unter ihnen auch Margret Oelhoff, die vergangene Woche eine Stadtführung durch das jüdische Ettenheim angeboten hat.
Es sei ein langer Weg gewesen, bis es erste Informationen über Ettenheimer Juden gab, sagte sie vor 15 Zuhörern im Palais Rohan. Bereits als Kind habe sie sich interessiert, warum über dem Haus Blank (jetzt Rathaus) "Forsch" geschrieben stand und warum das Haus, in dem sich heute Fahrrad Schulz befindet, lange Zeit mit "Lion" betitelt war, obwohl niemand namens Forsch oder Lion dort wohnte. "Das wissen wir nicht", sei die lakonische Antwort aller gewesen, die sie danach fragte, erzählt
Oelhoff.
Es wurde lange geschwiegen, auch in der Schule sprach niemand über die jüdische Vergangenheit, sagt die 63-jährige. Einen Anstoß für intensivere Recherchen habe ihre erste Reise nach Israel gegeben, die sie mit dem Deutsch-Israelischer Arbeitskreis 1980 machte. Bevor sie sich ein Jahr später noch einmal auf die Reise begab, half ein Zufall, eine konkrete Adresse aufzusuchen. Bei einem Krankenbesuch in Ettenheim erfuhr Oelhoff von einer "Julia" – Judith Shapira – die in Haifa wohnen sollte. Und tatsächlich führte die besagte Frau dort eine Kaffeerösterei und war sichtlich betroffen, als Ettenheimer in ihren Laden kamen. Von dort aus entspann sich ein Netz aus Adressen, das vor allem von "Sigger" – Sigmund Lion – genährt wurde. Der inzwischen in Paris wohnende Sohn der aus der Friedrichstraße 6 verzogenen Julia Lion, die 1940 im Lager Gurs starb und für die kürzlich ein Stolperstein ins Pflaster gelegt wurde, kannte einige Juden, die aus Nazi-Deutschland geflohen waren.
Bald hatten die Ettenheimer Geschichtsforscher Adressen von Juden in Uruguay, Argentinien, Philadelphia, der Schweiz, Offenburg und Kreuzlingen. Die lokalen Historiker erarbeiteten ein Gedenkbuch, das Margret Oelhoff an die überlebenden Juden verschickt hat. "Besser gesagt, ich durfte es verschicken und so auch die Reaktionen erleben, die sehr herzlich waren", erinnert sich Oelhoff. 1988, als die Stadt die ehemaligen jüdischen Bürger Ettenheims eingeladen hatte, hat Dieter Weis für einen weiteren Höhepunkt in der örtlichen Geschichtsforschung gesorgt: "Er wusste, dass der Toravorhang aus der ehemaligen Synagoge auf dem Speicher des Rathauses lag", sagte Margret Oelhoff. "Die Gäste haben sich gefreut, den bestickten Samtvorhang im Ratssaal zu sehen." Inzwischen hängt der restaurierte Toravorhang hinter Glas im Sitzungssaal des Palais
Rohan.
Margret Oelhoff führte die Gruppe zu den Stätten jüdischer Vergangenheit in der Stadt, vom neu geschaffenen Gedenkstein der St. Landolin-Schüler vor dem Rathaus zu den beiden ehemaligen Lion-Häusern in der Friedrichstraße, der Zunftgasse und der Berggasse zur ehemaligen Synagoge in der Alleestraße, die 1881 eingeweiht und in der Pogromnacht von 9. auf den 10. November des Jahres 1938 geschändet worden war. Das Pogrom, die organisierte Massenausschreitung, sei in Ettenheim besonders heftig gewesen, sagte Margret Oelhoff. Lehrer, Schüler, Arbeiter und Bürger hätten sich am Rathaus versammelt und zunächst im Haus Forsch gewütet, wo sie Betten, Kleider und Einrichtungsgegenstände aus dem Fenster geworfen hätten.
Alle jüdischen Männer seien morgens um fünf Uhr über Altdorf nach Kippenheim getrieben worden, wo sie auf Transportern nach Lahr und von dort nach Dachau verladen wurden. Zwei jüdische Schüler von damals, Hedi Epstein und Hans Durlacher, mussten in der Schule bleiben, während draußen der aufgebrachte Mob jüdische Häuser verwüstete und von Ettenheim nach Altdorf und schließlich nach Schmieheim zog, wo er von den dortigen Bürgern gestoppt wurde: "Ihr kommt hier nicht rein", sollen die Schmieheimer, damals mit einem jüdischen Bevölkerungsanteil von mehr als 50 Prozent, dagegen gehalten haben.
Aufgeschreckt durch die Wucht der Pogromnacht seien die meisten Juden aus Ettenheim, zunächst zu Verwandten und Bekannten geflohen. So weit die Ergebnisse der Ettenheimer Geschichtsforscher, die sechs Stolpersteine vom Kölner Künstler Gunter Demnig anfertigen ließen. Drei davon sollen nach dem Willen des Gemeinderats erst verlegt werden, wenn die heutigen Bewohner der Häuser damit einverstanden sind."
August
2010:Die drei noch nicht verlegten
"Stolpersteine" waren auf dem Stadtfest zu sehen
Artikel in der "Badischen Zeitung" vom 18. August 2010
(Artikel): "Noch drei Stolpersteine warten auf ihren Platz
Helene Levistein wurde Auschwitz vergast / Helene Lion starb in Gurs, von ihrer Schwester Sofie fehlt jede Spur.
ETTENHEIM (eri). Drei der sechs für Ettenheim angefertigten "Stolpersteine" sind noch nicht verlegt. Die Pflastersteine mit der Messinginschrift, die an aus ihren Häusern vertriebenen und unter dem Naziregime ermordete Juden erinnern sollen, sind im Auftrag des deutsch-israelischen Arbeitskreises südlicher Oberrhein (DIA) angefertigt worden. Drei der Steine hat der Künstler Gunter Demnig vor wenigen Wochen vor den ehemaligen Wohnhäusern in den Bürgersteig eingelassen.
Zwei Hausbesitzer allerdings hatten Vorbehalte, die der Stadtrat respektiert, womit das Versetzen der restlichen drei Steine zunächst aufgeschoben ist. Beim Stadtfest mit dem Titel "Steine erzählen" hat der DIA die Gelegenheit ergriffen, diese Steine auf seinem Stand auszustellen und auf die Geschichte der drei Frauen hinzuweisen.
Hedwig Levistein, geboren 1883, war gehörlos, hatte sechs Geschwister und wollte mit ihrer Familie nach den gewaltsamen Übergriffen von Teilen der Ettenheimer Bevölkerung nach der Pogromnacht des 10. November 1938 auswandern. Da sie kein Visum bekommen hatte, ist sie nach Auskunft von Robert Krais vom DIA ins jüdische Landesasyl- und Altersheim in Gailingen am Hochrhein gebracht worden. Von dort aus wurde sie, wie alle Juden aus Baden am 22. Oktober 1940 in das südfranzösische Lager Gurs transportiert. Von dort aus ist sie mit vielen anderen Lagerinsassen nach Auschwitz deportiert und vergast worden. Die beiden anderen Frauen waren den Ettenheimern als die "Frommeles" bekannt, sagt Krais. Helene, geboren 1866 und Sofie Lion, geboren 1871 wohnten in der Friedrichstraße unter ärmlichen Verhältnissen und verdienten ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Nähbedarf.
Nachdem die johlende Menge am 10. November 1938 ihre Wohnung und den gesamten Hausstand zerstörte zusammen "mit dem Gymnasialprofessor Schaaf und dem Ortsgruppenleiter Dr. Klein", die "tatenlos dem verbrecherischen Treiben zusahen", so Krais, wurden die Schwestern noch einige Zeit von den Nachbarn versorgt, mussten aber ausziehen und ebenfalls in Gailingen Schutz suchen. Auch sie wurden von dort aus nach Gurs transportiert. Helene starb im April 1941 in einem weiteren Lager. Von Sofie fehlt bis heute jede weitere Spur, so die Auskunft des DIA. Info: Jüdisches Leben in Ettenheim, Broschüre für drei Euro erhältlich im Bürgerbüro der Stadt Ettenheim."
März
2012: Über die (immer noch nicht)
verlegten drei "Stolpersteine" in Ettenheim
Artikel in der "Badischen
Zeitung" vom 28. März 2012: "Streitpunkt: Stolpersteine.
Heute wieder im Gemeinderat..." Link
zum Artikel
Artikel in der "Badischen
Zeitung" vom 29. März 2012: "Gemeinderat revidiert seine
Entscheidung. Drei weitere Stolpersteine dürfen in Ettenheim verlegt
werden. Der Ettenheimer Gemeinderat hat nun doch genehmigt, dass drei
Stolpersteine, die an jüdische Opfer des Nationalsozialismus erinnern,
auch gegen den Willen der Hausbesitzer verlegt werden
können..." Link
zum Artikel
mit Kommentar von Klaus Fischer: "Die Stadt hat gewonnen" (Link
zum Kommentar).
Artikel in der "Badischen
Zeitung" vom 24. Mai 2012: "Stolpersteine noch im Depot.
DIA soll Verlegung organisieren..." Link
zum Artikel.
Rückblick (interner Link): Presseartikel (Badische Zeitung
vom 31.8.2005) mit Hinweisen auf Veranstaltungen zum "Tag der
Europäischen Jüdischen Kultur" am 4.9.2005: hier
anklicken
Literatur:
Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden.
1968. S. 79-81.
Hubert Kewitz: Die Juden in Ettenheim, in: St. Bartholomäus Ettenheim.
Beiträge zur 200. Wiederkehr der Weihe der Ettenheimer Stadtpfarrkirche.
1982. S.142-143.
Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden Ettenheim, Altdorf,
Kippenheim, Schmieheim, Rust, Orschweier. Ein Gedenkbuch. Hg. vom
Historischen Verein für Mittelbaden e.V. - Mitgliedergruppe Ettenheim. 1988.1998².
Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern -
Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from
their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem
1986. S. 251-252.
Joachim
Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als
Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte
und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt,
Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial,
Jerusalem. Stuttgart 2007.
Robert
Krais / Bernhard Pilz: Jüdisches Leben in Ettenheim - Steine
erzählen. Hrsg. Deutsch-Israelischer Arbeitskreis Südlicher Oberrhein e.V.
DIA. Verlag Medien und Dialog Haigerloch 2010.
Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden Ettenheim, Altdorf, Kippenheim, Schmieheim, Rust, Orschweier
Bernhard Uttenweiler u.a., Ettenheim, 1988, Historischer Verein Ettenheim, 456 Seiten, 1997 2. Auflage 487 Seiten, viele Abbildungen, Restbestand antiquarisch 42,00 €
Ein Rundgang durch das ehemalige jüdische Kippenheim
Robert Krais, Kippenheim, 1996, 30 Seiten, 7 Abbildungen, Restbestand 3,00 €
Der jüdische Friedhof in Schmieheim – MEMOR-Buch
Naftali Bar-Giora Bamberger, Kippenheim, 1999, Gulde - Druck, 2 Bände 24x32 cm, 1078 Seiten, 2500 Abbildungen, Sonderpreis 49,90 €
Briefe an meinen Sohn aus Gurs
Maurice Meier, erweiterte Neuausgabe von Robert Krais, Ettenheim, 2000, 2. Auflage 2001, Eigenverlag, 246 Seiten, 7 Abbildungen, Restbestand antiquarisch 10,00 €
Karl Günther: Das Mohelbuch des Heinrich Epstein. Emmendingen/Ettenheim, 2003, Sonderdruck aus 'die
Pforte', 30 Seiten, 7 Abbildungen, Sonderpreis: 2,50 €
Jenseits des gelben Sterns Inge Auerbacher, Nach Theresienstadt ein neues Leben in Amerika für die Versöhnung, Ettenheim, 2005, Hartung - Gorre Verlag, 144 Seiten, 9,80 €
Jüdisches Leben in Ettenheim Robert Krais, Bernhard Pilz, Ettenheim, 2010, Medien und Dialog, 36 Seiten, 13 Abbildungen, 3,00 €
Postkarten • Parochet (Thoravorhang) der ehemaligen Ettenheimer Synagoge
• Ehemalige Synagoge Kippenheim, Außenansicht
Im Versteck - Die Geschichte einer Rettung. Nach
Naomi Morgenstern, mit zwei Kurzgeschichten von Ehud Loeb und einem Nachwort
von Noa Mkayton. 52 S. 27 Abb. Hrsg. von der International School for
Holocaust Studies Yad Vashem Israel. Weitere
Informationen siehe eingestellte pdf-Datei. "...Aus der Perspektive des heute bald 80-jährigen Ehud Loeb,
geboren als Herbert Odenheimer in Bühl in Baden, wird erzählt, wie er Ende
1940 im Alter von sechseinhalb Jahren mit seiner Familie, sämtlichen
jüdischen Bürger seiner Heimatstadt und der gesamten Region Baden und
Saarplatz in das südfranzösische Lager Gurs deportiert wurde..."
Hinweis: Das Buch ist sehr geeignet für den Schulunterricht für Jugendliche schon
ab 12 Jahren. Insbesondere für den Raum Mittelbaden (Offenburg, Bühl, Achern, Rastatt,
Karlsruhe) ist das Buch ein wichtiges Zeitdokument. 11,50 €
zuzüglich Porto/Verpackung
Bestellmöglichkeit im Buchhandel, Postkarten über Robert
Krais, im Altwick 11, 77955
Ettenheim E-Mail
Ettenheim Baden. The
Jewish settlement began in the 14th century. Many Jews were victims of the
Armleder massacres of 1336-39 and most were burned alive in the Black Death
persecutions of 1348-49. A new settlement was founded in the 1660s with the Jews
enjoying unrestricted trade. A new synagogue was built in 1881 and the Jewish
population rose to a peak of 100 in 1897 (3 % of the total). The majority were
cattle traders. In 1933, 31 remained, with others subsequently joining the
community. By 1938, 16 had left. Eighteen emigrated in 1939 after the synagogue
was destroyed and Jewish homes and stores were heavily damaged by rioters on Kristallnacht
(9-10 November 1938). The last family of six Jews was deported to the Gurs
concentration camp in October 1940.
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