Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Rottenburg am Neckar (Kreis Tübingen)
Jüdische Geschichte

Übersicht:

Zur jüdischen Geschichte in Rottenburg  
Berichte aus der jüdischen Geschichte in Rottenburg   
Allgemeine Beiträge aus der jüdischen Geschichte 
Dokumente zu jüdischen Gewerbebetrieben     
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen  
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte     
Links und Literatur   

   

Zur jüdischen Geschichte in Rottenburg       
   
In Rottenburg bestand eine Gemeinde im Mittelalter. Erstmals wird 1286 Jud Isaak von Rottenburg genannt. Die Judenverfolgung während der Pestzeit 1348/49 zerstörte das jüdische Leben in der Stadt. An der Gemarkungsgrenze zwischen Rottenburg und Hirschau wird 1360 und später eine Flur "Judenloch" als der Platz genannt, auf dem die Rottenburger Juden 1349 ermordet wurden.
 
Zwischen etwa 1392 und der Zeit um 1500 gab es wieder jüdische Familien in der Stadt. In dieser Zeit wurde 1436 eine Höchstzahl von 16 jüdischen Steuerzahlern (beziehungsweise Familien) erreicht. Etwa 100 jüdische Personen lebten in dieser Zeit in der Stadt. 1453/54 werden zwölf jüdische Familien genannt. Nach 1476 (Jahr einer möglichen Vertreibung der Juden aus der Stadt) werden keine Juden mehr in der Stadt genannt.  

Das mittelalterliche Wohngebiet befand sich im östlich-südöstlichen Teil der Altstadt und hat sich vermutlich durch die Verfolgung 1348/49 verlagert. Das ältere Wohngebiet könnte das Gebiet westlich der Stadtlanggasse gewesen sein, da der Platz der mittelalterlichen Synagoge vermutlich zwischen der Stadtlanggasse und der Schulergasse lag. An späteren Wohngebieten kommen das "Rote Meer" östlich der Stadtlanggasse und das heute noch sogenannte "Judengässle" südlich davon in Frage. Von weiteren Einrichtungen ist noch die ungefähre Lage des Friedhofes vor dem Kiebinger Tor bekannt (Gebiet zwischen dem südlichen Teil des östlichen Stadtgrabens und der Sprollstraße).  
 
19./20. Jahrhundert. Erst nach 1860 konnten sich wieder jüdische Personen in Rottenburg ansiedeln, die zur Synagogengemeinde Tübingen gehörten, darunter die Familie Rudolf Horkheimer, die aus Kirchardt (Kreis Heilbronn) nach Rottenburg gekommen ist. Horkheimer betrieb zunächst einen Kleiderladen, aus dem heraus ein Hadernschneideunternehmen und schließlich eine Putzwollfabrik entstand. Die höchste Zahl jüdischer Einwohner Bewohner wurde um 1885 mit 32 Personen erreicht.  
 
Im 19./20. Jahrhundert wurden die Einrichtungen in Tübingen mitbenutzt. Die aus Rottenburg in dieser Zeit Verstorbenen wurden in Wankheim bzw. ihren Herkunftsorten beigesetzt.
 
An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Handels- und Gewerbebetrieben in jüdischem Besitz sind zu nennen: das Herrenbekleidungsgeschäft Josef/Rosa Berlizheimer (Königstr. 73) und die  Putzwollfabrik Rudolf Horkheimer Söhne (Sprollstraße 27). Die Familie Siegfried Bauer (geb. 1886 in Buttenwiesen, verheiratet mit  Gertrude geb. Horkheimer, geb. 1902 in Rottenburg; Tochter Lilian, geb. 1931 in Stuttgart) lebte im Haus Mechthildstraße 32 (abgebrochen); die Familie Albert Horkheimer hatte ihr Zuhause in der Eberhardstraße 33.  
  
1933 lebten noch elf jüdische Personen in der Stadt. Kaufmann Josef Berlizheimer starb 1933 in Rottenburg, seine Frau wurde 1942 auf dem Weg in die Deportation in das "Altersheim" in Eschenau (Gemeinde Obersulm, Kreis Heilbronn) gebracht, wo sie verstarb. Die Tochter Sofie Berlizheimer kam nach der Deportation 1941 (nach Riga) ums Leben. Die Familie Bauer konnte über England in die USA emigrieren. Albertine Dierberger (Königstraße 13) wurde 1944 nach Theresienstadt deportiert und kehrte nach Kriegsende als einzige Rottenburger Jüdin zurück. Sie starb 1948 völlig mittellos im Altersheim.
  
Von den in Rottenburg geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Sofie Berlizheimer (1898), Albert Horkheimer (1873), Ferdinand Horkheimer (1866), Jenny Horkheimer geb. Levi (1870), Rosa Horkheimer geb. Levo (1879).
      
      
      
Berichte aus der jüdischen Geschichte in Rottenburg    
  
Allgemeine Beiträge aus der jüdischen Geschichte   
  
Über die Geschichte der Juden in Rottenburg am Neckar (Beitrag von 1933)      

Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 16. März 1933:   
Zum Lesen bitte Textabbildung anklicken.          

   
Antisemitisches von Bischof Paul Wilhelm von Keppler (1905)
  
Anmerkung: zu Bischof Paul Wilhelm von Keppler (1852-1926) siehe Wikipedia-Artikel  https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Wilhelm_von_Keppler   
Demnach äußerte sich Bischof von Keppler auch sonst in antisemitischer Weise: Nach einem Besuch im Heiligen Land meinte er, dass die dort lebenden Juden 'ein Teil desselben Volkes' seien, 'welches außerhalb Palästinas den Christenvölkern wie ein Pfahl im Fleische sitzt, welches ihnen das Blut aussaugt, sie knechtet […] mit den Rohrzeptern giftgetränkter Federn, die öffentlichen Brunnen der Bildung und Moral durch Einwerfen ekliger und eitriger Stoffe vergiftet“ (letzteres eine Anspielung auf die alte Verleumdung der Juden als Brunnenvergifter).     

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 1. Dezember 1905: "Berlin. Ein antisemitischer Bischof. Bischof Keppler in Rottenburg (Württemberg) schreibt in seinem neuesten Buche 'Aus Kunst und Leben' Seite 63 unter dem Titel 'Helgoland': 'Möge diese Zahl zwanzigtausend (nämlich Bade- und Kurgäste) nur Gutes für Helgoland bedeuten. Möge sie sich nicht allzu sehr aus den Stämmen Israels aus den traurigsten Elementen der 'oberen' Schichten rekrutieren. Möchte dieser Völkerstrom, dem zweifellos sehr viele schlechte Tropfen beigemischt sind, nicht den üblichen Schlamm der Unsitten und Laster der Hyperkultur und der oberen Kreise auf dem Boden der Insel ablagern, nicht das 'Heiligland' entweihen und schänden. Möge es ihm nie gelingen, dieses Inselvölkchen zu verderben. Noch scheint es gesund bis ins Mark hinein.' "   

  
Dokumente zu jüdischen Gewerbebetrieben  
(aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim / Ries)   
  
Werbevignette der Firma Rudolf Horkheimer Söhne, Mechanische Putzwollfabrik (um 1910-1920)     

Rottenburg Dok 13200.jpg (189629 Byte)Der Kaufmann Rudolf Horkheimer (geb. 1837 in Kirchardt als Sohn von Meir und Auguste Horkheimer) meldete seine Handelstätigkeit mit Lumpen, Garn, Wolle und Baumwollabfällen am 19. April 1882 im Handelsregister Rottenburg als Fa. Rudolf Horkheimer an. Seine Frau war Mina geb. Gideon (geb. 1840 in Nordstetten als Tochter von Samuel und Lisette geb. Treubacher). 
Das Ehepaar hatte zusammen 13 Kinder, zehn davon sind in Rottenburg geboren.
Rudolf Horkheimer starb am 23. Juni 1889 im Alter von 52 Jahren.
Seine Frau und die Söhne Ferdinand und Max führten ab dem 17. August 1889 das Geschäft weiter. Am 24. Juni 1896 stirbt Max Horkheimer. Bis Ende Dezember 1899 führen Mina und Ferdinand Horkheimer das Geschäft weiter. Ab dem 2. Januar 1900 tritt an die Stelle von Mina Horkheimer Sohn Albert. 1907 wird den Anträgen von Ferdinand und Albert Horkheimer auf Erteilung des Bürgerrechts der Stadt
Rottenburg entsprochen. Am 27. Februar 1909 stirbt Mina Horkheimer im Alter von 68 Jahren durch einen Schlaganfall. Sie wurde im jüdischen Friedhof in Nordstetten beerdigt.
Quelle: Spuren sichern für alle Generationen. Die Juden in Rottenburg im 19. und 20. Jahrhundert, von Paula Kienzle   
Links bei zu den Horkheimers aus Rottenburg: 
http://www.zeit-zeugnisse.de/Home/orte/karte-landkreis-tuebingen/artikel-rottenburg_artikel,-Beraubt-entwuerdigt-vertrieben-_arid,184636.html 
http://www.de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Horkheimer

  
  
  
Zur Geschichte der Synagoge              
    
           
Die mittelalterliche Synagoge       
   
Die Synagoge ("Judenschule") befand sich außerhalb der Judensiedlung zwischen Stadtlanggasse und Schulergasse. 1392 mussten die damals vier Juden beziehungsweise jüdischen Familien jährlich fünf Gulden Zins für die Judenschule bezahlen. Auch 1471 ist von einer Zinszahlung für die Judenschule die Rede. 1513, als keine Juden mehr in der Stadt waren, befand sich das Haus, in dem die Judenschule war, im Besitz eines Bürgers namens Spitzhans. Nach dem Spitallagerbuch von 1537 befand sich des alten Spitzhansen Garten hinter dem Eckhaus des Hofschreibers Jörg Brecht, das in der Stadtlanggasse beim Brunnen stand. In der Chronik der Christoph Lutz von Lutzenhart von 1609 steht über die Rottenburger Juden: "Ihr Synagoge oder Schul haben sie gehabt bey der Deutschen Schul, darin dieser Zeit Adam Hofmeister wohnt". 
   
Beim großen Brand der Stadt am 1. Januar 1891 ist die ehemalige Synagoge eingeäschert worden; auf ihren Fundamenten wurde die damalige "Darlehenskasse" erbaut.   
    
    
Adresse/Standort der Synagoge:    ehemals zwischen Stadtlanggasse und Schulergasse           
     
     
Fotos                 

Es sind noch keine Fotos zur jüdischen Geschichte in Rottenburg vorhanden      
     
     

     
     
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   

Juli 2008: Das Buch von Paula Kienzle über die Geschichte der Rottenburger Juden ist erschienen.   
Artikel aus dem "Schwäbisch Tagblatt" - Rottenburger Ausgabe vom 23. Juli 2008:   Buch gewordene Mahnung 
Paula Kienzle hat recherchiert, was es vorher noch nicht gab: eine Geschichte der Rottenburger Juden 
"Spuren sichern für alle Generationen" heißt das allererste Buch zur Geschichte speziell der Rottenburger Juden. Autorin Paula Kienzle stellte es am Montag öffentlich vor. 

Rottenburg. Lange, sagte Alt-Oberbürgermeister Winfried Löffler vor den 160 Zuhörer/innen bei der Präsentation in der Zehntscheuer, habe er hiesige Lokalhistoriker angeregt, die Geschichte der Juden Rottenburgs zu erforschen. Denn während die Historie der jüdischen Gemeinde Baisingens weitgehend untersucht sei, "fehlte für die Kernstadt eine zusammenfassende Darstellung".
Letztere hat nun die bislang unter anderem mit Publikationen zu Anna von Hohenberg hervorgetretene Rottenburgerin Paula Kienzle erarbeitet. Vorgestellt wurde ihr gewichtiges Buch "Spuren sichern für alle Generationen" auf Einladung des Fördervereins Synagoge Baisingen, der die Publikation mit einem Druckkostenzuschuss unterstützte. Vorsitzender Winfried Löffler hatte schon 1989 in die Vereinssatzung nicht nur die Restaurierung der Synagoge als Zweck aufnehmen lassen, sondern auch die Förderung von Forschungsarbeiten. Förderbeiträge kamen auch von der Landeszentrale für politische Bildung und Bischof Gebhard Fürst. In der Reihe der Zuschussgeber fehlt bislang die Stadt Rottenburg.
Anders als bisherige heimatgeschichtliche Darstellungen behandelt das nun vorliegende Werk ausführlich den Zeitraum der Nazi-Herrschaft und ihre bis auf unabsehbare Zeit nachwirkenden Folgen. "Die Stadt", sagte Löffler, "muss sich auch dieser unbequemen Zeit ihrer Geschichte stellen." Was Kienzles Buch zu erzählen habe, sei "keineswegs nur etwas für die Archive, sondern auch eine ständige Mahnung an alle, ob jung oder alt, alles zu tun, auch unter Inkaufnahme persönlicher Nachteile, dass solches nie wieder geschehe."
Der Tübinger Theologe Rainer Bendel hielt die Festrede unterm Titel "Zeitgenossen zwischen Anpassung und Widerstand". Warum "unterstützten ganz normale Bürger den Unrechtsprozess, den Terror, das Morden ?", war seine Ausgangsfrage, und: "Wie konnte es dazu kommen, mitten unter uns ?".
Bendel zitierte Stimmen katholischer Würdenträger, die die Machtübergabe an Hitler jubelnd begrüßt hatten, wie der ermländische Bischof Maximilian Kaller. Er erinnerte an "die aufgeregte Diskussion in Deutschland" über Daniel Goldhagens Buch "Hitlers willige Vollstrecker" und dessen Thesen zum Versagen der Kirche und ihrer Amtsträger: Diese seien, in einer langen und mächtigen Tradition des Antijudaismus und Antisemitismus stehend, "nicht resistent genug gewesen gegenüber dem eliminatorischen (ausrottenden) Antisemitismus".
Wohl hält Bendel Kernsätze Goldhagens für differenzierungsbedürftig, widersprach aber jenen, die meinen, "sich wegen methodischer Mängel eine Auseinandersetzung sparen zu können". Als einen der wenigen katholischen Theologen in Deutschland, der gegen das Nazi-Einflüsse immun war, porträtierte Bendel den von 1881 bis 1969 lebenden Josef Bernhart. Dieser versuchte noch 1939, öffentlich "das Gerede von Rasse ad absurdum zu führen, indem er den Begriff auf eine andere, die theologische Ebene hob. Und mit Bernhard von Clairvaux vom Gottesvolk spricht, das aus allen Völkern gesammelt wird und die Prägung der acht Seligkeiten und des Vaterunser annimmt". Bernharts theologisches Konzept, laut Bendel im katholischen Mainstream kaum rezipiert, weist überraschende Übereinstimmungen mit Thesen des eher linken Denkers Walter Benjamin auf.

Ein Diskussionsabend gab den Anstoß.  " Schämen werden sie sich müssen", hatte Bernhart 1944 über Kirchenleitung und Kirchenvolk gesagt, die Niederlage des Nazireichs vorausnehmend. "Was da geschehen ist", knüpfte Bendel an, "ist nicht nur Historie, das ist Geschichte, die sich nicht auslöschen lässt. Man kann die Wunden, die da geschlagen wurden, nicht einfach zudecken". 
Darin, dass Kienzle nun "die Erfahrungen Einzelner aktualisiert, eine lange Geschichte auch des Alltags einer geliebten Stadt, einer Region ans Licht bringt", sieht Bendel eine Haupttugend ihres Buchs, weil "die Spuren und die Quellen ein sehr vielschichtiges Bild ergeben, den linearen Ablauf der Geschichte stören, nicht selten die uns geläufigen Bilder konterkarieren". 
Die Journalistin Karin Lutz-Efinger, die als Lektorin des Buchs tätig war, skizzierte knapp dessen Aufbau samt dem behandelten Zeitrahmen vom 19. Jahrhundert bis 2008, ehe die Autorin selbst den vielen Helfer(inne)n dankte und kurz die Entstehungsgeschichte ihres Werks resümierte. 
Angefangen hatte ihr Interesse am Thema vor über drei Jahren, als im Eugen-Bolz-Gymnasium ein Diskussionsabend zur Nazi-Zeit stattfand, an dem von den Rottenburger Juden nicht die Rede war. Kienzle begann zu lesen, sich Tipps von der Tübinger Geschichtswerkstatt holen, in Archiven zu forschen und Zeitzeugen zu befragen.

Paula Kienzle: Spuren sichern für alle Generationen – die Juden in Rottenburg im 19. und 20. Jahrhundert. Lit-Verlag, Berlin. 480 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Preis 39.90 Euro 
 
März 2010: Lesung aus dem Buch von Paula Kienzle in der ehemaligen Synagoge in Haigerloch  
Artikel von Wilfried Selinka in der "Südwestpresse" vom 17. März 2010 (Artikel): "Haigerloch. Die ehemalige Haigerlocher Synagoge war der geeignete Ort, für die Lesung aus den Erinnerungen der Jüdin Lilian S. Barber an ihre schwere Kindheit und Jugendzeit.
Paula Kienzle berichtete zwischen den einzelnen, durch Margarete Kollmar gelesenen Passagen des Buches "Meine Mutter lehrte mich keine Lieder mehr" über die Lebensgeschichte der Jüdin Lilian S. Barber. Nach ihrer Emigration mit den Eltern, zunächst nach England und später in die USA, war sie dort Journalistin und hat in ihrem Buch ihre Kindheitserinnerungen aufgeschrieben, vom Heranwachsen in einer zusammengebrochenen Welt. Aufgewachsen in Rottenburg, lebte die damals Siebenjährige mit ihren Eltern, Großeltern und Verwandten.
Die jüdische Familie wurde von den Nazis zur Auswanderung gezwungen. Das junge Kind wusste lange nicht warum sich ihre Spielkameradinnen von ihr zurückzogen, sie die deutsche Schule verlassen und Privatunterricht beim Großvater nehmen musste oder warum der Vater für Monate im KZ Dachau gefangen gehalten wurde. Die erschütternde Antwort: "Weil wir Juden sind".
In den Kapiteln "Zeugnis" und "1938" vermittelt die Autorin ihre kindlichen Erfahrungen an diese schreckliche Zeit, welche auch vor Rottenburg nicht Halt machte, wo selbst der katholische Bekennerbischof Johannes Baptist Sproll Repressalien der Nazis ausgesetzt war und seinen Bischoffstuhl verlassen musste.
Ausgrenzung und Einsamkeit bestimmte lange Zeit das Leben der Familie der Eltern und als Kind fühlte sich die kleine Lilian allein gelassen. Da verstummten die sonst in der Familie gern gesungenen Lieder. Daher auch der Name des Buches.
1939 flohen die Autorin und ihre Eltern aus Rottenburg, während die Großeltern samt Großonkel mit Familie in Rottenburg verblieben und 1942 in einem Todestransport nach Theresienstadt deportiert wurden und dort ums Leben kamen. 
Vor der Emigration bekam die inzwischen Achtjährige von den Nazis einen neuen Pass mit einem großen "J" auf der Vorderseite und einem zweiten Vornamen "Sarah", den sie "stolz wie eine Medaille" trug. Die Flucht aus Nazi-Deutschland über Holland, bloß mit dem, was sie tragen konnten, wird ebenfalls aus kindlicher Sichtweise dargestellt. Elf Monate wohnte die Familie in London und wartete, nur von dem von Freunden geliehenen Geld lebend, auf die "Emigrationsquotenkarte" für die Einreiseerlaubnis in die USA. 
Noch ohne Englischkenntnis, doch schon damit konfrontiert, in der ihnen fremden Welt zurechtzukommen, bemerkten die Eltern der achtjährigen Lilian manchmal nicht, dass auch ein Kind in fremden Umfeld sehr große eigene Probleme haben kann, so dargestellt in dem Kapitel "Mister Tommes", welches Margarete Kollmar las. Das Leben in England war so trostlos wie das englische Wetter, lediglich Tommes brachte etwas Licht in die triste Welt.
Schließlich wird die recht gefährliche Überfahrt nach den USA beschrieben, weil inzwischen England und Amerika mit Deutschland im Krieg waren. Die sozial ausgegrenzte Familiengeschichte liest sich äußerst spannend, was zum Schluss in Dankesworten Klaus Schubert zusammenfasste. Das Buch konnte an einem Extrabüchertisch erworben werden."  
 
Juni 2014: In Rottenburg wurden "Stolpersteine verlegt   
Artikel von Marly Scharnowski im "Schwarzwälder Boten" vom 26. Juni 2014: "Rottenburg. Stolpersteine erinnern an grausame Schicksale
Rottenburg.
Vor dem Eugen-Bolz-Gymnasium fand sich eine große Menge von Schülern ein. Der Grund: Zehn neue "Stolpersteine" wurden innerhalb der Stadt verteilt und zwar an Häusern, in denen jüdische Mitbürger gelebt hatten, bis sie aus ihrem Alltagsleben gerissen wurden. Andreas Kroll, auch Jugend-Guide für die KZ-Gedenkstätte Hailfingen/Tailfingen, hatte zu dieser Aktion aufgerufen. Für ihn war eine "Stolpertafel" zu klein und zu wenig, daher seine Initiative..."  
Link zum Artikel    weiterer Artikel im "Schwäbischen Tagblatt"     
Anmerkung: Insgesamt zehn Stolpersteine wurden verlegt in der Mechthildstraße 32 für Albert Horkheimer (1873), Rosa Horkheimer geb. Levi (1879), Gertrude Bauer geb. Horkheimer (1902, emigrierte in die USA), Siegfried Bauer (1902), Lilian Bauer (1931); in der Eberhardstraße 33 für Ferdinand und Jenny Horkheimer, in der Königstraße 13 für Albertine Dierberger (1944 deportiert, überlebte), in der Königstraße 73 für Rosa Berlizheimer und Sofie Berlizheimer (1898). 

       
        

Links und Literatur   

Links:     

Website der Stadt Rottenburg am Neckar    

Literatur:  

Germania Judaica II,2 S.719.     
H. Veitshans Historische Atlas 5, S.51-52.; 6, S. 5.26.     
H. P. Müller Die Juden in der Grafschaft Hohenberg, in: Der Sülchgau 25 (1981) S.36-43.   
Frowald Gil Hüttenmeister, Der jüdische Friedhof in Wankheim 1995 (Grab 31 für den im Zuchthaus Rottenburg verstorbenen Max Kirschbaum) 
Paula Kienzle: Spuren sichern für alle Generationen: Die Juden in Rottenburg im 19. und 20. Jahrhundert.  Berlin 2008.   

Stefan Lang: Ausgrenzung und Koexistenz. Judenpolitik und jüdisches Leben in Württemberg und im "Land zu Schwaben" (1492-1650). Reihe: Schriften zur Südwestdeutschen Landesbunde. Band 63. Sigmaringen 2008.      

   
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Stand: 31. Oktober 2015