Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Thalmässing (Marktgemeinde, Kreis Roth bei Nürnberg)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

bulletZur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
bulletBerichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule    
Weitere Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde     
bulletZur Geschichte der Synagoge    
bulletFotos / Darstellungen  
bulletErinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  
bulletLinks und Literatur   

  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)  
    
In der ehemals den Markgrafen von Ansbach gehörenden Ortschaft Thalmässing gab es Juden bereits im späten Mittelalter, doch dürften im Bereich von Thalmässing bereits im 13./14. Jahrhundert Juden gelebt haben. Mitte des 15. Jahrhunderts (vor 1468) machten ein oder mehrere Thalmässinger Juden Pfandgeschäfte. 1489 handelte einer mit Getreide in Nürnberg. 1480 lebte am Ort ein Jude unter dem Schutz des Markgrafen. 1449 wird ein nach Thalmässing benannter Jude in Regensburg genannt. Auch in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts werden Juden am Ort genannt (vor 1531: erster markgräflicher Schutzbrief des Thalmässinger Juden Mayr / Meir), die jedoch 1560 und 1569 ausgewiesen wurden. Wie streng die Ausweisung gehandhabt wurde, ist nicht bekannt. 1600 erhielt ein Jude von Thalmässing einen fürstlichen Geleitsbrief. 
Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht in die Zeit des 17. Jahrhunderts zurück. 1618 lebten fünf jüdische Familien am Ort, nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges jedoch nur noch eine jüdische Familie oder Person. 1674 waren es acht, 1689 vierzehn, 1714 21 Familien, die in Thalmässing lebten. Eine Höchstzahl wurde 1743 erreicht, als 227 jüdische Einwohner gezählt wurden, darunter 118 Kinder. Die jüdischen Familien lebten in 32 Häusern. 
  
Bis Anfang des 19. Jahrhunderts war die Zahl der jüdischen Einwohner bereits leicht zurückgegangen. Es liegen für das 19. Jahrhundert folgende Zahlen vor: 1811/12 210 jüdische Einwohner (20,9 % von insgesamt 1.006 Einwohnern), 1835 335 (etwa ein Drittel der damaligen Bevölkerung), 1867 202 (17,0 % von 1.191), 1880 112 (10,1 % von 1.105), 1890 98 (8,4 % von 1.163), 1900 67 (5,9 % von 1.127).  
   
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Israelitische Religions- und Elementarschule, ein rituelles Bad und seit 1832 einen Friedhof (zuvor wurden die Toten der Gemeinde in Georgensgmünd beigesetzt). Die Gemeinde gehörte bis 1851 zum Bezirksrabbinat Schwabach und wurde in diesem Jahr dem Rabbinatsbezirk Sulzbürg zugeteilt. 
   
Für die Schule wurde 1840 ein jüdischen Schulhaus eingerichtet. An der Schule wirkten israelitische Religions- und Elementarlehrer. In besonderer Erinnerung blieb Lehrer Jesajas Prager (von 1830 bis um 1860 in Thalmässing) sowie Lehrer Samuel Loew Hammel (von 1859 bis 1907 in Thalmässing, seit 1906 als Oberlehrer). Außer den Lehrern hatte die jüdische Gemeinde im 19. Jahrhundert zeitweise als weiteren Kultusbeamten einen Vorbeter für die Wochentage angestellt, der zugleich als Schächter sowie als Gemeinde- und Begräbnisdiener tätig war (vgl. Ausschreibungstext unten).  
  
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Unteroffizier Siegfried Rosenfeld (geb. 18.11.1895 in Thalmässing, gef. 16.8.1918).   
  
Um 1925, als noch 42 Personen der jüdischen Gemeinde angehörten (3,8 % der Einwohnerschaft von etwa 1.100 Personen), waren die Gemeindevorsteher Siegmund Süß-Schülein und Ludwig Schülein. Als Religionslehrer und Kantor wirkte Sally Cohn. Es waren damals noch fünf jüdische Kinder an der Religionsschule zu unterrichten. An jüdischen Vereinen bestanden die Chewroh Kadischa (Sozial- und Bestattungsverein unter dem Vorsitz von Siegmund Süß-Schülein mit 1924 9 Mitgliedern) sowie der Israelitische Frauenverein unter dem Vorsitz von Rosa Schülein (1925 7 Mitglieder, 1932 Vorsitz Emma Neuburger). Die jüdische Gemeinde gehörte inzwischen zum Rabbinatsbezirk Nürnberg. 1932 waren die Gemeindevorsteher Siegmund Süß-Schülein (1. Vors.), Julius Schülein (2. Vors.) und Heinrich Holländer (3. Vors.). Als Kantor war inzwischen Elieser Rachelsohn tätig (1943 mit Frau und Tochter im KZ Auschwitz ermordet). 
  
1933 lebten noch 33 jüdische Personen am Ort (vor allem die vier Familien Neuburger, Süß, Rosenfeld und Schülein; 2,9 % von insgesamt 1.131 Einwohnern). Im Sommer 1933 kam es zu ersten Aktionen gegen jüdische Einwohner. Auf Grund der zunehmenden Repressalien und der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts wurden die Lebensbedingungen auch für die jüdischen Familien in Thalmässing immer schwieriger. Im Juli 1934 beschwerte sich Martin Rosenfeld, der (jüdische) Besitzer einer großen Lebensmittelfirma in Thalmässing beim bayerischen Wirtschaftsministerium darüber, dass ihn seine Kunden, vor allem Bauern aus der Umgebung, boykottierten, da am Ort die Devise ausgegeben worden sei: "Wer beim Juden kauft, ist ein Volksverräter".  Bis Mai 1939 verließen alle jüdischen Einwohner den Ort: 13 konnten emigrieren (sieben in die USA, je drei nach Frankreich und Argentinien), 20 verzogen innerhalb Deutschlands (sechs nach Nürnberg, vier nach München, zehn in andere Orte). Die letzten neun hatten sich zum Wegzug aus Thalmässing nach den Ereignissen beim Novemberpogrom 1938 entschlossen.
  
Von den in Thalmässing geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945", ergänzt durch einige Namen auf dem Gedenkstein an der Synagoge in Georgensgmünd):  Henriette (Jette, Henny) Benario geb. Schwarz (1875), Sophie Bock geb. Heydecker (1870), Babette (Babetta) Böhm geb. Pappenheimer (1856), Hermann Dachauer (1869), Dr. David Erlanger (1867), Dr. Michael Erlanger (1864), Bella Pauline Guggenheim geb. Haas (1869), Bernhard Haas (1871), Ludwig (Ludwik, Louis) Haas (1870), Alexander Heydecker (1887), Justus Hommel (1878), Max Hommel (1867), Hedwig Hubert geb. Schülein (1901), Frieda Kaiser geb. Schönfrank (1901), Emma (Esther, Ester) Lindner geb. Rosenfeld (1862), Berta Meier geb. Haas (1898), Bernhard Neuburger (1875), Moritz Neuburger (1868), Rosa Neuburger geb. Meyer (1873), Salomon Neuburger (1862), Selma Neuburger (1896), Mathilde Neuhaus geb. Schwarz (1869), Louis (Luis) Pappenheimer (1861), Jette (Henriette) Pessel geb. Hommel (1866), Kathi (Kathie) Pessel geb. Hommel (1869), Doris Rachelsohn (1921), Elieser Rachelsohn (1884), Hanna Rachelsohn geb. Schochet (1887), Max Rosenfeld (1859), Selly Rosenfeld (1894), Siegfried Schönfrank (1898), Berta Schülein (1883), Justin Schülein (1874), Ludwig Schülein (1872), Elise Seller geb. Schülein (1876), Recha Strauß geb. Hommel (1877), Bertha Süß-Schülein (1869), Sigmund Süß-Schülein (1868), Antonie (Antonia Toni) Weinfeld geb. Heydecker (1882).   
    
    
    
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Zur Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule  
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1871 (Schochet, Gemeindediener und Vorsänger), 1927 (Lehrer, Vorbeter und Schochet)

Thalmessing Israelit 18101871.jpg (70815 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Oktober 1871: "Erledigte Stelle. In der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde erledigt sich mit dem 1. Januar 1872 die Stelle eines Schächters, Gemeinde- und Begräbnisdiener und Vorsängers für die Wochentage. Der Gehalt besteht in 200 Gulden fix, 30 Gulden Wohnungsentschädigung, in Schächtergefällen, die mindestens 200 Gulden betragen und in sonstigen Akzidenzien und Zuflüssen aus Stiftungen. Die Stelle ist provisorisch, kann aber bei zufriedenstellenden Leistungen nach Ableben des in Quiescenz getretenen Schächters definitiv verliehen werden. 
Bewerber um dieselbe werden aufgeforderte, ihre Gesuche binnen 4 Wochen unter Beilage ihrer Befähigkeitszeugnisse bei dem Unterfertigten einzureichen und müssen in der Lage sein, zur Sicherheit der anzuvertrauenden Gelder und Gemeindeeigentümer eine Kaution von mindestens 300 Gulden aufrecht machen zu können. Unverheiratete Bewerber werden bevorzugt. 
Thalmässing (Mittelfranken), den 9. Oktober 1871. Der Kultus-Vorstand A. Erlanger."
 
Thalmaessing BayrGZ 09021927.jpg (30704 Byte)Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 9. Februar 1927: "Wir suchen zur sofortigen Besetzung unserer Stelle einen seminaristisch gebildeten Lehrer zugleich als Chasen und Schochet (Reichsdeutschen). Israelitische Kultusgemeinde Thalmässing in Mittelfranken."

  
Zuschuss der königlichen Kreisregierung zum Bau des jüdischen Schulhauses (1840)  

Thalmessing AZJ 15041843.jpg (34697 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. April 1843: "Im Jahre 1840 erwarb die jüdische Gemeinde zu Thalmessing ein eigenes Schulhaus, und die königliche Kreisregierung, an die sie sich deshalb wendete. wies ihr fünfhundert Gulden als Staatsbeitrag bei der königlichen Kasse an. - Gewiss ein eklatanter Beweis von Toleranz, den man im intelligenten, phrasenreichen Preußen vergeblich suchen dürfte." 

  
Zum Tod des israelitischen Schullehrers Jesajas Prager (1870; Lehrer in Thalmässing seit 1830)   

Thalmessing Israelit 04051870.jpg (202933 Byte)Artikel aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Mai 1870: "Thalmessing (Bayern). Am 8. April starb dahier der israelitische Schullehrer, Herr Jesajas Prager, im 89. Lebensjahre. Das am 11. stattgefundene Leichenbegängnis desselben legte Zeugnis ab, wie sehr der Verblichene dahier in Ansehen stand und wie doch das Volk fortschreitet, wahres Verdienst um  die Jugenderziehung anzuerkennen. Es hatten sich hiezu nicht nur die Mitglieder und Angehörigen der gesamten israelitischen Gemeinde, die drei hiesigen protestantischen Herren Geistlichen, die Herren Lehrer von hier und mehrere der Umgegend, die sämtlichen Herren Gemeindebeamten, sondern auch ein sehr großer Teil der hiesigen christlichen Bürgerschaft eingefunden, um dem Entschlafenen das letzte Ehrengeleit zu geben. Am Grabe angekommen, ergriff der Distrikts-Rabbiner, Herr Dr. Löwenmeyer, aus Sulzbürg das Wort, um ein ebenso charakteristisches als treues Lebensbild des Seligen zu entrollen, indem er der aufopfernden Liebe, der treuen Hingabe und des unermüdeten Diensteifers gedachte, womit derselbe während seiner 60jährigen Aktivität als Erzieher und Lehrer zum Frommen der hiesigen Gemeinde in und außer der Schule wirkte, dessen anspruchslose Bescheidenheit und Demut, dessen  schlichtes, einfaches und von der reinsten Moral geregeltes Leben, sowohl im Kreise seiner Familie und Kollegen, als im Verkehre mit seinen Vorgesetzten und Mitbürgern rühmte, um so schließlich denselben als einen echten, wackeren und treuen Volksschullehrer zu bezeichnen, der für das Prinzip lebte und wirkte, in jedem Menschen den Mitbruder und das Kind des Vaters, der die ganze Menschheit mit gleicher Liebe umfasse zu erkennen. Hieran reihte sich eine gleich ausgezeichnete warme Ansprache des durch seine Toleranz und edle Menschenfreundlichkeit allgemein beliebten und hochverehrten hiesigen protestantischen Dekans und Distriktsschulinspektors Herr Reichenbach, worin er sich, bezüglich der vielen Verdienste des Verblichenen dem Herrn Vorredner anschloss und bemerkte, dass gerade die auch an dem Entschlafenen gerühmte, in der zivilisierten Welt sich mehrende Liebe und Toleranz es seien, die den gegenseitigen Hass der Konfessionen abgeschwächt haben und wie er hoffe, gänzlich beseitigen werden. Mit wahrhaft rührenden Worten sprach der Redner hierauf dem Seligen, bevor ihn die Mutter Erde aufnahm, seinen innigen Dank für alle erwiesene Liebe und traue aus. Mit gespannter Aufmerksamkeit und sich steigernder Empfindung folgte die einen großen Teil des Friedhofes ausfüllende Versammlung den Ausführungen beider Herren Redner, und Tränen sah man fließen aus den Augen dankbarer Schüler, väterlicher Vorgesetzten und treue Kollegen und Freunde.  

  
Volksschullehrer Samuel Loew Hommel erhält den Titel Oberlehrer (1906) 
 

Mitteilung im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 26. Januar 1906: "Thalmässing (Bayern). Herr Volksschullehrer Samuel Loew Hommel erhielt den Titel Oberlehrer."   

   
Abschiedsfeier von Oberlehrer Hommel (1907; war von 1859 bis 1907 als Religions- und Elementarlehrer in Thalmässing)  

Thalmessing Israelit 23051907.jpg (92514 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Mai 1907: "Thalmässing (Mittelfranken), 12. Mai (1907). Zu einer erhebenden Kundgebung gestaltete sich jüngst die von der jüdischen Gemeinde zu Ehren des in den Ruhestand getretenen Herr Oberlehrers Hommel arrangierte Abschiedsfeier, an welcher alle Stände und Berufsarten ohne Unterschied des Glaubens sich beteiligten. Mit tiefem Bedauern sieht man in allen Kreisen der Bevölkerung Herrn Hommel, der in Thalmässing 48 Jahre in überaus segensreicher Weise als Religions- und Elementarlehrer gewirkt, von dem Orte dieser seiner Wirksamkeit nunmehr scheiden. Herrn Hommel wurde bereits vor zwei Monaten unter Anerkennung seiner Verdienste die nachgesuchte Pensionierung bewilligt. Jetzt vor seinem Weggang nach Nürnberg ward ihm noch eine besondere Würdigung zu Teil, die Ernennung zum Ehrenbürger, worüber der Kunstmaler Hans Treiber in München ein Diplom anfertigte. Am 5. dieses Monats erfolgt die feierliche Überreichung des Diploms durch den Bürgermeister, Herrn Pfitzinger. Herr Dekan Gruber, der Lokalschulinspektor schilderte im Anschluss an die ehrenden Worte des Bürgermeisters die Leistungen Hommels als Schulmann.  Herr Kultusvorsteher Salomon Neuburger, brachte die Gefühle, die die israelitische Gemeinde für Herrn Hommel hegt, zum Ausdruck und überreichte in deren Namen als ein Zeichen dauernder Anhänglichkeit eine goldene Uhr. Tiefgerührt dankte der Scheidende für alle diese Beweise der Liebe und Dankbarkeit." 

  
Tod von Oberlehrer Hommel (1912 in Nürnberg)   

Thalmessing FrfIsrFambl 08031912.jpg (26000 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 8. März 1912: "Nürnberg. Der früher in Thalmässing amtierende und hier den Ruhestand genießende Oberlehrer Hommel starb vor einigen Wochen. Nach seinem Ableben ist nun die Ehrenmedaille des Luitpoldkreuzes für ihn eingetroffen." 

     
Wiederbesetzung der Schulstelle mit Lehrer W. Goldberg (1927)    

Thalmaessing BayrGZ 19091927.jpg (26220 Byte)Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 19. September 1927: "Unter Beihilfe des Verbandes wurden folgende Stellen wieder besetzt: Thalmässing durch W. Goldberg aus Ichenhausen, Bechhofen durch E. Heimann, früher in Odenbach, Schwanfeld durch M. Selmanson, bisher in Lübeck und Oberlauringen durch Schia Kraushaar, bisher in Frankfurt am Main."



Weitere Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinde 
Über die Anfänge der neuzeitlichen jüdischen Gemeinde - Artikel von 1842  

Thalmessing AZJ 24091842.jpg (78228 Byte)In seinem grundlegenden Beitrag "Über die ersten Niederlassungen der Juden in Mittelfranken" von 1842 kommt E. M. Fuchs auf diese erste Geschichte in Thalmässing zu sprechen: "Greding. Die Burggrafen Johann und Albrecht erhielten im Jahre 1355 von Karl IV. als einen besonderen Vorzug das Recht, Juden aufnehmen zu dürfen; im Jahre 1419 waren 3 Judenhäuser in Eysölden, und zu gleicher Zeit einige Judenfamilien zu Aue, eine halbe Stunde von Thalmässing. In den Jahren 1560 und 1569 wurden sie ausgeschafft; dieses Gebot scheint jedoch nicht mit gehöriger Strenge vollzogen worden zu sein, da sie 1618 die landesherrliche Bewilligung für fünf Familien in Thalmässing erhalten haben. Auf diese Zahl bestand man lange Zeit, indessen stieg sie 1674 auf acht und 1689 auf 14 Familien; im Jahre 1743 waren 42 Familien vorhanden, welche 32 Häuser, 118 Kinder und so viel Dienstboten hatten, dass die jüdische Bevölkerung auf 227 Seelen stieg. Die Synagoge ist 1690 und der Begräbnisplatz 1825 entstanden.

    
 Über eine 1845 in die Welt gesetzte Ritualmordlegende in Thalmässing (Artikel von 1892)       

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 29. Juli 1892: "Im Jahre 1845 tauchte das Märchen vom Christenblut in einem mittelfränkischen Dorfe auf. Die 'Deutsche Allgemeine Zeitung' vom 3. Juni 1845 berichtet aus Nürnberg Folgendes: 'In Thalmessingen, einem mittelfränkischen Dorfe, hat sich dieser Tage ein Fall ereignet, welcher lebhaft an die berüchtigte Geschichte von dem Morde des Pater Thomas in Damaskus erinnert und den nicht eben erfreulichen Beweis liefert, dass auch in unseren zivilisierten Ländern Vorurteile, deren Haltlosigkeit eine gründliche Forschung und die Aufklärung des Jahrhunderts längst dargetan hat, noch nicht ganz erloschen sind. Eine Lumpenhändlerin hatte ihr Kind verloren: sofort erklärte sie, die Juden hätten dasselbe beiseite geschafft und in einen Schweinestall gesperrt, damit es von den Scheinen gefressen werde und sie dann dessen Blut bekämen! Auf die Frage: woher sie das wisse? gab sie zur Antwort: der heilige Geist habe es ihr gesagt. Die Aufregung in dem Örtchen war groß; glücklicherweise aber fand sich das Kind, noch ehe die drohenden Exzesse zum Ausdruck kamen, in dem Hause der Mutter selbst unversehrt und wohlbehalten wieder. Als man der Lumpenhändlerin die Nachricht brachte, erklärte sie: sie wisse es schon, auch dies habe ihr der heilige Geist gesagt. Gegen die Lumpenhändlerin wurde nun kriminell verfahren, und die Juden drangen auf Veröffentlichung des Prozessergebnisses.' Dieser Vorfall mag zugleich als Beleg gelten für das inhumane Beginnen gewisser Leute, die einer gelehrten Grille zu Liebe aus vermoderten Scharteten bogenreiche Schriften zusammentragen, um das Vorurteil von dem Gebrauche des Christenblutes bei den Juden wieder in Aufnahme zu bringen --- ein Vorurteil, das, so oft ein Ereignis es zu bestätigen scheint, durch genaue Erforschung des Tatbestandes nur um so schlagender widerlegt wird."    

 
Scharlachepidemie (1852)   

Thalmessing AZJ 15111852.jpg (32389 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. November 1852: "In der Gemeinde Thalmessingen grassiert der Scharlach bösartig unter den Kindern. Der zuständige Rabbiner, Herr Dr. Löwenmaier in Sulzbürg, soll deshalb ein dreitägiges Fasten und zweimaliges Psalmensagen des Tages angeordnet haben. Wie gut ist's doch, dass so viele Rabbinen Doktoren sind.*
(*Letzteres ist als ironische Anmerkung der fortschrittlich-liberalen "Allgemeinen..." gegen den konservativ-orthodoxe Rabbiner zu verstehen).

    
Thalmässing schließt sich dem Rabbinatsbezirk Sulzbürg an (1851)  

Dittenheim AZJ 15121851.jpg (124611 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. Dezember 1851: "Am 3. Oktober starb in Lehrberg im 60ten Jahre der tüchtige, vielgeprüfte Lehrer, Herr Marx Gotthelf, Bruder des Redakteurs des 'Eilboten', und am 8. November im 65ten Jahre der Distriktsrabbiner Herr Uri Veitel in Dittenheim. Nach einem sehr bewegten Leben hatte der Letztere bei einem mäßigen Einkommen und einem überaus glücklichen Familienleben den Hafen der Ruhe gefunden und wahrhaft fromm und bieder und einer mäßigen Reform zugetan, besonders auch wegen seiner Uneigennützigkeit, die Liebe seiner Gemeinden und die Achtung Aller sich erworben, während Ersterer fortwährend mit dem Elend und der Kleinlichkeit zu kämpfen hatte. In beiden Fällen hatte der Distriktsrabbiner Herr Grünbaum aus Ansbach durch extemporierte Vorträge dem gerechten Schmerz würdigen Ausdruck gegeben, sich selbst aber viele Herzen aufs Neue gewonnen.
Da der Distrikt Dittenheim in dem seltenen Fall ist, eine erhebliche Stiftung zum Rabbinatsgehalte zu besitzen, so wird hier nach Umfluss des der Witwe zu gewährenden einjährigen Nachsitzes ein Rabbinatskandidat eine Stelle finden. Schwabach aber ist bereits angeschlossen, d.h. die das Rabbinat Schwabach gebildet habenden Gemeinden sind, mit Ausnahme Thalmessingens (Thalmässing), das sich an Sulzbürg angeschlossen, dem Rabbinate Oettingen definitiv zugeteilt, dass allmählich ein kleines Bistum zu werden scheint."

   
   
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde  
Über Josef Schülein (1854-1938)  

Thalmaessing Schuelein 010.jpg (62708 Byte)Gemälde links im Stadtmuseum München.  
Joseph Schülein (1854 in Thalmässing - 1938 in Kaltenberg) gründete 1895 in Haidhausen die "Unionsbrauerei Schülein & Co." (heute Gaststätte Unionsbräu-Haidhausen). 1905 wurde von dieser die Münchner-Kindl-Brauerei übernommen. 1923 ging die Unionsbrauerei in der Münchner Löwenbräu auf. In der NS-Zeit zog sich Schülein auf seinen Besitz Kaltenberg zurück, wo er 1938 starb. In Berg am Laim wurden eine Strauße und ein Platz (mit Schüleinbrunnen) nach ihm benannt (nach Umbenennung in der NS-Zeit) 1945 wieder Rückbenennung.  
Links:  Seite des Berg-am-Laim-Kalenders zu Joseph Schülein 
Beitrag von Rolf HofmannDie Liebmann Brauerei in New York und ihre Beziehung zu den Familien Schülein und Steiner (interner Link, pdf-Datei)

    
    
    
Zur Geschichte der Synagoge           
    
Eine erste Synagoge wurde 1690 in der ehemaligen Badstube eingerichtet. 
  
1857/58 wurde am selben Standort wie die alte Synagoge eine neue Synagoge erbaut.
  
Bei der Auflösung der jüdischen Gemeinde Thalmässing 1937 wurde die Synagoge geschlossen. Sechs Torarollen kamen in Verwahrung zum Verband der Bayerischen israelitischen Gemeinden nach München. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge mit allen noch vorhandenen Möbeln und Ritualien zerstört. 
  
Das Synagogengebäude wurde im Zweiten Weltkrieg als Getreidespeicher, später als Turnhalle (noch in den 1960er-Jahren) zweckentfremdet und blieb bis zum Abbruch im Jahr 1972 erhalten. 
    
Nach dem Abbruch der ehemaligen Synagoge wurde auf dem Grundstück ein Wohnhaus erstellt. Ein Gedenkstein für die Synagoge ist unweit des Standortes der Synagoge aufgestellt.
     
     
Adresse/Standort der SynagogeRingstraße /  Merleinsgasse 
Die ehemalige jüdische Schule, ein zweigeschossiger Walmdachbau befindet sich in der Schulgasse 10; das Gebäude der ehemaligen Mikwe befindet sich in der Nähe des Synagogengrundstücks Ringstraße 6 (Mikwe zugeschüttet). 
   
   
 
Fotos / Abbildungen
(Aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries; neuere Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 4.12.2009)  

Thalmessing Synagoge 010.jpg (46134 Byte) Thalmessing Synagoge 011.jpg (85124 Byte) Thalmessing Synagoge 012.jpg (55728 Byte)
Ansichtskarte von Thalmässing 
um 1900, rechts
 Ausschnittsvergrößerungen:
Pfragnerei (Kaufladen) des 
jüdischen Gemeindeglieds Isack Schülein,
 dahinter die Synagoge
Die 1857/58 erbaute Synagoge 
von Thalmässing mit separaten 
Eingängen für Männer und Frauen
       
     
Die ehemalige Synagoge 
vor dem Abbruch
(Fotos erhalten von 
Renate Pannenbecker, Kaarst)
Thalmaessing Synagoge 190.jpg (184739 Byte)  Thalmaessing Synagoge 191.jpg (103313 Byte)
   Das Foto ist auch eingestellt 
in höherer Auflösung
 Innenraum der ehemaligen Synagoge; die
 Frauenempore ist erkennbar; die Ringe
 erinnern an die Nutzung als Turnhalle
   
     
     
 Der Gedenkstein für die ehemalige Synagoge   
Thalmaessing Synagoge 190.jpg (63184 Byte) Thalmaessing Synagoge 199.jpg (57101 Byte) Thalmaessing Synagoge 198.jpg (88732 Byte)
Blick auf den Gedenkstein für die ehemalige Synagoge Meditation zur Bedeutung der Zahl 7 in Judentum und Christentum - unten Markierung eines vorbeiführenden Jakobsweges
   
      
Thalmaessing Synagoge 192.jpg (108101 Byte) Thalmaessing Synagoge 194.jpg (114639 Byte) Thalmaessing Synagoge 195.jpg (102700 Byte)
Gedenkstein mit Erinnerungen an die Gedenkfeier von 2009 zum Novemberpogrom 1938 (siehe Bericht unten); 
Inschrift der Gedenktafel
"Zum Gedenken (hebräisch) - 'What is so awesome about this place, it's a place of God.' (Genesis 28,17; deutsch: 'wie ehrfurchtgebietend ist dieser Ort, hier ist nichts anderes als Gottes Haus'). Im Gedenken an die jüdische Gemeinde in Thalmässing. 1531 Erste Erwähnung von Juden - 1690 Bau der Synagoge - 1832 Errichtung des Friedhofes - 1857 Neubau der Synagoge - 1938 Pogrom und Vertreibung der Juden - 1972 Abriss der Synagoge".  
     
Faltprospekt "Jüdische Heimat Thalmässing" 
(erschienen 1998; verantwortlich Ev. Kirchengemeinden Thalmässing und Ralf Rossmeisl)
  
Thalmaessing P112.jpg (169309 Byte) Thalmaessing P111.jpg (258865 Byte) Thalmaessing P114.jpg (235113 Byte)
     
Thalmaessing P115.jpg (208454 Byte) Thalmaessing P110.jpg (284326 Byte) Thalmaessing P113.jpg (191993 Byte)
     
     
Andernorts entdeckt  Augsburg Friedhof 0411031.jpg (103459 Byte)
  Grabsteine im jüdischen Friedhof in Augsburg für Jacob Waitzfelder 
(geb. 1844 in Mönchsdeggingen  - 1903 in Augsburg) und Deborah Waitzfelder 
geb. Oettinger (geb. 1854 in Thalmässing - 1927 in Augsburg)
      

   
   
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte 

1998 gab es in Thalmässing einer Ausstellung "jüdische Heimat Thalmässing", in der die Ergebnisse der Forschungen des Historikers Ralf Rossmeissl gezeigt wurden.  
  
November 2009: Gedenken zum 71. Jahrestag des Novemberpogroms 1938   
Artikel in der "Hilpoltsteiner Zeitung" vom 11. November 2009 (Artikel): 
"Steine als mahnende Erinnerung - Thalmässinger gedachten der Reichspogromnacht vor 71 Jahren.  
Mit einer schlichten, aber würdigen Gedenkveranstaltung an der Stelle der früheren Thalmässinger Synagoge gedachten rund 20 Leute der Pogromnacht am 9./10. November 1938, die vor 71 Jahren in ganz Deutschland den Auftakt zur systematischen Judenverfolgung darstellte. 
THALMÄSSING
- Musikalisch umrahmten Ursula Klobe an der Querflöte und Margot Schwab aus Eysölden am indischen Harmonium die Gedenkveranstaltung. Im Namen der Marktgemeinde Thalmässing und der SPD-Fraktion legte 2. Bürgermeisterin Ursula Klobe ein Blumengesteck vor dem Gedenkstein nieder. 
Klobe und der evangelische Geistliche Rudolf Hackner aus Thalmässing gestalteten die Gedenkfeier und Andacht vor dem Gedenkstein, der an die Synagoge erinnert. Zunächst wies Klobe auf die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Thalmässing hin: Bereits 1409 seien drei Judenhäuser in Eysölden und einige jüdische Familien in Aue nachgewiesen. 'Der 1531 vom Fürstentum Ansbach aufgestellte Schutzbrief wurde 1560 aufgehoben, und Juden aus dem Staufer Land wurden vertrieben', berichtete sie. 'Um 1582 war das Oberamt Stauf judenfrei.' Nach dem 30-jährigen Krieg habe 1648 in Thalmässing nachweislich nur ein Jude oder eine jüdische Familie gelebt. 
'1690 wurde die Synagoge in der ehemaligen Badstube errichtet', berichtete Klobe. 'Damals ist bereits Jud Löw als maßgeblich beteiligt erwähnt.' 1712 habe Thalmässing zu den wohlhabendsten jüdischen Siedlungen in Franken gezählt. Seitdem habe die Zahl der jüdischen Bewohner in Thalmässing stetig zugenommen. 
'An der Leiten' sei 1825 der jüdische Friedhof angelegt worden. '1835 waren in Thalmässing 335 jüdische Einwohner bekannt, das entsprach etwa einem Drittel der damaligen Bevölkerung des Kernortes Thalmässing.' 1857 sei der Neubau der Synagoge auf den Grundmauern der alten vonstatten gegangen. 1933 seien nur noch die vier jüdischen Familien namens Neuburger, Süß, Rosenfeld und Schülein ansässig gewesen. 
'Das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden verlief bis dahin friedlich', sagte die 2. Bürgermeisterin. 'So war es völlig normal, bei jüdischen Geschäftsleuten einzukaufen und mit ihnen Handel zu treiben.' Thalmässinger Frauen hätten sich ihr Haushaltsgeld aufgebessert, indem sie bei jüdischen Familien putzten, im Haushalt halfen oder Näharbeiten verrichteten. Die Mikwe, das rituelle Badehaus, sei von einer Nichtjüdin beheizt worden. Die zu Ostern von Juden gebackenen Mazzen, das ungesäuerte Brot, sei auch an Nichtjuden verteilt worden. 
Ab 1933 habe sich das Zusammenleben der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung schlagartig verändert. Von örtlichen Parteiorganisationen seien Tafeln angebracht worden, die zum Ausdruck brachten, dass Juden am Ort unerwünscht seien. 'Wegen des Verbots, bei Juden zu kaufen und zu arbeiten, wurden die geschäftlichen Aktivitäten nachts abgewickelt', so Ursula Klobe. 
Den Satz 'Wer von Juden kauft, ist ein Volksverräter' hätten die jüdischen Thalmässinger Geschäftsleute deutlich zu spüren bekommen. Schließlich seien viele von ihnen gezwungen gewesen, ihre Geschäfte aufzugeben und ihren Besitz zu verkaufen. So habe sich die jüdische Gemeinde in Thalmässing aufgelöst. 1936, noch vor der Reichspogromnacht, sei die Synagoge als Getreidelager umfunktioniert worden. 
'So lange es noch so viele Menschen gibt, die nicht wissen, was damals geschah, es sogar leugnen, so lange ist es unsere Pflicht, die Erinnerung wach zu halten', unterstrich Klobe. 'Mit unserem Gedenken an unsere jüdischen Mitbürger zeigen wir den Überlebenden des Holocaust, ihren Nachkommen und Freunden in aller Welt, dass auch wir in Thalmässing unsere ehemaligen Mitbürger nicht in Vergessenheit geraten lassen werden.' 
'Wir gedenken, was am 9. November 1938 hier in Thalmässing geschehen ist', sagte Pfarrer Hackner und bedauerte, dass in diesem Jahr nur rund 20 Personen zu der kleinen Gedenkfeier gekommen waren. 'Gedenken heißt zu erschrecken vor den Möglichkeiten, schuldig zu werden.' Gedenken heiße auch, sich an die Leiden der vielen Opfer zu erinnern, deren Fensterscheiben zu Bruch gingen, deren Synagogen zerstört, deren Häuser abgebrannt und die ermordet wurden, erklärte er. 
Gedenken sei nur fruchtbar, wenn man neue Wege im Umgang mit jüdischen Mitbürgern gehe. 'Hier in unserem Land wurden Juden über Jahrhunderte entrechtet und verfolgt, es wurde geplündert und gemordet, Tausende wurden in Lager gebracht', sagte Hackner. 'Wie konnten Menschen so unmenschlich werden?', fragte der Pfarrer. 'Wir spüren die Kälte des Herzens, wir erschrecken über das Schweigen unserer Kirchen, über die Lästerung des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs, wir erschrecken über das Schweigen danach und das Verdrängen der Schuld. 
'Jeder lasse einen Stein zur mahnenden Erinnerung zurück, wie es die Juden an ihren Gräbern tun', erinnerte Pfarrer Hackner an einen jüdischen Brauch. 'Damit wollen wir ausdrücken: Du bist nicht vergessen. Und das wollen wir auch heute tun.' Anschließend legte jeder Teilnehmer der Gedenkveranstaltung einen Stein auf dem Gedenkstein nieder. Gemeinsam sang man zum Ausklang die jüdische Volksweise 'Shalom chaverim'.""   
 
September 2018: Zum 80. Jahrestag des Novemberpogroms wurde ein neuer Gedenkstein aufgestellt  
Artikel von Robert Unterburger im "Hilpoltsteiner Kurier" vom 17. September 2018: "Den Ermordeten ein Andenken. Thalmässing ergänzt die Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof um einen Gedenkstein für 33 Deportierten.
Thalmässing
'Den Thalmässinger Juden, die der Nazidiktatur zum Opfer fielen. Sie haben weder Grab noch Grabstein.' So lautet die Inschrift eines Gedenksteins, der am Sonntag neben dem jüdischen Friedhof mit einem Festakt eingeweiht worden ist. Initiator war der hiesige Schriftsteller Willi Weglehner.
Auf der dreieckigen Granitsäule stehen die Namen der 33 Bürger Thalmässings jüdischen Glaubens, die in den Jahren 1938 bis 1943 deponiert und in verschiedenen Vernichtungslagern ermordet worden sind. Der Stein steht direkt neben dem jüdischen Friedhof. Das Umfeld ist im Vorfeld schön hergerichtet worden: Ein Platz wurde mit Granitsteinen gepflastert und vier Birken wurden an den Ecken gepflanzt.
Der Festakt erregte Interesse: Rund 70 Menschen wohnten der Einweihung des Gedenksteins bei. Bürgermeister Georg Küttinger hob in seiner Begrüßung besonders hervor, dass Nachfahren der zum Großteil ermordeten jüdischen Familie Neuburger eigens aus Israel, den USA und aus Berlin angereist waren. 'Die Nachfahren der jüdischen Familien Schülein und Rosenfeld konnten nicht kommen', bedauerte Küttinger, der auch hervorhob, wem man den Gedenkstein verdanke: 'Ohne Willi Weglehner wären wir heute nicht hier', sagte Georg Küttinger. Der Stein sei auf Initiative des umtriebigen Schriftstellers und ehemaligen Lehrers aufgestellt worden.
'Wir alle sind uns der historischen Verantwortung bewusst', erklärte der Bürgermeister, 'wir erinnern uns an die historischen Wurzeln der jüdischen Gemeinde Thalmässing.' Die jüdische Vergangenheit Thalmässings sei ein wichtiger Teil der Ortsgeschichte, der Gedenkstein sei ein Mahnmal und Symbol gegen Nationalsozialismus und Faschismus. 'Es darf keinen Antisemitismus mehr bei uns geben', forderte der Bürgermeister, 'wir müssen uns für die freiheitlich-demokratische Grundordnung starkmachen.' In diesem Zusammenhang sprach Küttinger auch die jüngsten Vorkommnisse in Chemnitz an. Notwendig sei 'ein friedliches Miteinander der Kulturen und Religionen'. So sei der Gedenkstein auch ein Symbol für eine offene Gesellschaft: 'So etwas wie im ,Dritten Reich' darf sich niemals wiederholen.'
Auch die Bundestagsabgeordnete Marlene Mortler machte ihre Aufwartung. 'Der heutige Tag ist ein ganz besonderer Tag für die Gemeinde Thalmässing und für den Landkreis Roth', sagte sie. Sie selbst beschäftige sich 'seit Jahrzehnten mit der Geschichte der Juden', so Mortler, so habe sie schon als Schülerin am Gymnasium in Lauf ein Referat über das Judentum gehalten. 'Ich weiß, wie wichtig es ist, sich der Geschichte bewusst zu sein und zu werden.'
Ein Grab helfe, die Erinnerung in Trauer wachzuhalten, führte Mortler aus. '33 Thalmässinger Juden hatten bisher kein Grab', sprach sie Weglehners Intention an, sich für den Gedenkstein einzusetzen. 'Das Gedenken an sie hat jetzt einen Ort.' Der Gedenkstein setze nun ein klares Zeichen gegen Judenhetze: 'Lasst uns die Menschenrechte bewahren und schützen!', appellierte Mortler, die ebenfalls einen Bogen in die Gegenwart spannte: 'Wir dürfen nicht schweigen, nicht nachgeben, das wäre der falsche Weg', sprach die Bundestagsabgeordnete die jüngsten antisemitischen Vorfälle in Deutschland an. 'Die Bundesregierung distanziert sich klar vom Antisemitismus.' Die Nazi-Ideologie sei mit dem 'Dritten Reich' nicht untergegangen, bedauerte sie. Gegen Geschichtsklitterung müsse man nach wie vor kämpfen: 'Ich bitte Sie alle, dass wir die ganze Wahrheit verbreiten.'
Ähnlich äußerte sich Landrat Herbert Eckstein: 'Viele Menschen heute haben aus der Geschichte nichts gelernt.' Vor 20 Jahren - im November - sei die Ausstellung 'Jüdische Heimat Thalmässing' im Gemeindezentrum St. Marien eröffnet worden. Er selbst habe seinerzeit noch ein mulmiges Gefühl gehabt. Erst die Begegnung mit einer alten Dame habe ihm die Augen geöffnet und er habe gelernt, mit der Geschichte umzugehen. 'Vergangenheitsbewältigung darf keine Vergangenheitsverdrängung sein', forderte der Landrat, 'es geht um das miteinander leben.'
Landrat Eckstein dankte der Marktgemeinde Thalmässing dafür, dass sie die eigene Geschichte aufarbeite. Schließlich sei heute jedem klar: 'Menschen aus Thalmässing haben fliehen müssen und sind umgebracht worden.' Ecksteins hob hier vor allem die Leistungen von Hermann Beckstein und Willi Weglehner, hervor, die Entscheidendes beigetragen hätten, die jüdische Geschichte des Ortes aufzuhellen. 'Lernen wir aus dieser schlimmen Vergangenheit!', wünschte sich der Landrat.
Auch heute stehe unsere Gesellschaft vor einer großen Herausforderung. Und auch heute gelte, dass jedes Opfer ein Opfer zu viel sei. 'Warum sucht unsere Gesellschaft immer Schuldige?', stellte Eckstein fragend in die große Runde der Zuhörer. Und gab selbst die Antwort: 'Als Schuldige werden immer nur die Schwächsten genommen - das macht mich betroffen.'
Nach so langer Zeit einen Gedenkstein aufzustellen, mach den Tag zu etwas Besonderem, sagte Joino Pollak vom Landesverband der israelitischen Kultusgemeinde Bayern. Mit Auswirkungen für das Heute und die Zukunft: 'Nur wenn wir gedenken, können wir verhindern, dass so etwas wie Verfolgung und Vernichtung der Juden wieder geschieht.' Pollak zeigte sich dankbar, dass die Schüler der Thalmässinger Mittelschule den jüdischen Friedhof von Thalmässing pflegen.
Ursula Klobe, die stellvertretende Bürgermeisterin von Thalmässing, gab einen Abriss der jüdischen Geschichte Thalmässings, die schon seit 1419 nachweisbar sei, wie sie ausführte. Ihr Dank für die Erforschung der Historie galt Hermann Beckstein und Martin Hauke, der am Gymnasium Hilpoltstein in der zwölften Klasse eine Facharbeit über das jüdische Leben in Thalmässing geschrieben hat. Danach las sie die Namen aller 33 ermordeten Thalmässinger Juden vor.
Die Nachfahren der Familie Neuburger legten für jeden Toten einen Stein an der Granitsäule des Gedenksteins ab. Dies ist ein Brauch, der noch heute von den Juden auf der ganzen Welt ausgeübt wird. Abschließend sprach der Urenkel eines der ermordeten Thalmässinger Bürger das Totengedenken in hebräischer Sprache."   
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 Fotos des Gedenksteines
(Fotos: Markus Schirmer)
       
 

  
    

Links und Literatur

Links:  

bulletWebsite der Gemeinde Thalmässing  

Literatur:  

bulletS(igfried) Haenle*: Geschichte der Juden im ehemaligen Fürstentum Ansbach. Ansbach 1867 (Reprint Hainsfarth 1990. Reihe: Bayerische jüdische Schriften Hg. von Karl W. Schubsky und Hermann Süß Bd.1).
* geboren als Salomon Haenle 1814 in Heidingsfeld, 1854 Übertritt zum Protestantismus, Taufname Franz Theodor Sigfried Haenle, gest. 1889 in Ansbach.
bulletGermania Judaica Bd. III,2 S. 1457.
bulletBaruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979 S. 230-231.
bulletIsrael Schwierz:  Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 183.
bulletPinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany - Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 308-309.
bulletBayern SynGedenkband II.jpg (63426 Byte)"Mehr als Steine...." Synagogen-Gedenkband Bayern. Band II: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager, unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner. Hg. von Wolfgang Kraus, Berndt Hamm und Meier Schwarz. Reihe: Gedenkbuch der Synagogen in Deutschen. Begründet und herausgegeben von Meier Schwarz. Synagogue Memorial Jerusalem. Bd. 3: Bayern, Teilband 2: Mittelfranken. Lindenberg im Allgäu 2010. 
Kunstverlag Josef Fink Lindenberg im Allgäu

ISBN 978-3-89870-448-9.   Abschnitt zu Thalmässing S. 639-651.

     
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Thalmaessing Middle Franconia. Jews are first mentioned in 1531 and were expelled in 1560 and 1569. Though restricted to five families in 1618, the community thereafter grew steadily, numbering 227 in 1743 and being among the wealthiest and most important in the Ansbach principality. A cemetery was consecrated in 1832 and a new synagogue was erected in 1857. By 1880 the Jewish population had fallen to 112 (total 1.105). In 1933, when the Nazis came to power, there were 33 Jews left. The synagogue was vandalized on Kristallnacht (9-10 November 1938). By May 1939 all Jews had left Thalmaessing, 13 emigrating and 20 moving to other German cities.        
    
      

                   
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Stand: 15. Oktober 2013