Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Wehen mit Bleidenstadt und Hahn (Stadt Taunusstein, Rheingau-Taunus-Kreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:  

bulletZur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
bulletBerichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
bulletZur Geschichte der Synagoge   
bulletFotos / Darstellungen  
bulletLinks und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)      
    
In Wehen bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. Bereits im Mittelalter werden einige Juden hier gelebt haben. Nachdem Wehen seit 1323 Stadtrechte hatte, bekam wenig später Graf Gerlach I. von Nassau-Weilburg auch das Recht, Juden in Wehen ansiedeln zu dürfen. Auf mittelalterliche Zeiten geht der jüdische Friedhof in Wehen zurück.    
 
Erst im 18. Jahrhundert lassen sich jüdische Bewohner wieder in der Stadt nachweisen. 1713 stellte Fürst Georg August dem Nathan, Jude zu Wehen, einen Schutzbrief aus. Mitte des 18. Jahrhunderts lebten mehrere jüdische Familien in Wehen. Einige Aufregung bereitete 1753 die Taufe von drei jüdischen Personen aus Niedernhausen in Wehen (Jakob, Gumbel, Sarah isaak). Die Taufe der Jüdin Rebekka aus Dotzheim wurde 1756 allerdings durch die jüdischen Einwohner in Wehen verhindert.  
  
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1843 26 jüdische Einwohner, 1871 43 (4,2 % von insgesamt 1.018 Einwohnern), 1885 26 (2,7 % von 956), 1895 33 (3,4 % von 967), 1905 22 (2,0 % von 1.100). Zur Gemeinde Wehen gehörten auch die in Hahn im Taunus (1924 8) und Bleidenstadt (1843: 17, 1905: 5, 1924 5) lebenden jüdischen Personen. 
1841
gab es nach Annahme fester jüdischer Familiennamen in Wehen die Familien Menko Simon, Moses Nassauer, Levi Simon, Bernhardt Simon und Jüdle David.     
  
In Bleidenstadt war bereits seit dem 16. Jahrhundert eine Familie Kahn ansässig. 1841 werden bei der Annahme fester Familiennamen genannt: Friedrike Kahn, Burmann Kahn, Abraham Kahn und Moses Kahn.     
 
Die jüdischen Familien lebten insbesondere vom Viehhandel; einige hatten auch Landwirtschaft. 

An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Schule (Religionsschule), ein rituelles Bad und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war - zumindest zeitweise in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts - ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (siehe unten Ausschreibung der Stelle von 1885). Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk in Wiesbaden. 
 
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Julius Nassauer (geb. 11.6.1884 in Wehen, gest. 29.7.1918 in Gefangenschaft) und Moritz Nassauer (geb. 14.10.1885 in Wehen, gef. 4.10.1916), beide Söhne von Simon Nassauer. Ein weiterer Sohn von Simon Nassauer ist gefallen: Salli Nassauer (geb. 31.7.1889 in Wehen, vor 1914 in Hann. Münden wohnhaft, gef. 21.3.1918). Als Simon Nassauer vom Tod des dritten Sohnes erfuhr (Moritz), nahm er sich das Leben. 
 
Um 1924, als noch 12 jüdische Personen in Wehen lebten (1,1 % von insgesamt 1.115 Einwohnern), war Vorsteher der Gemeinde Moritz Simon. Die Kinder der jüdischen Gemeinde wurden durch Lehrer Levy Spier aus Langenschwalbach (Bad Schwalbach) unterrichtet. 1932 waren die Gemeindevorsteher Moritz Simon (1. Vors.) und Siegfried Nassauer. Im Schuljahr 1931/32 erhielten zwei Kinder der Gemeinde Religionsunterricht.   

1933 lebten noch 19 jüdische Personen in Wehen (drei Familien in Wehen, Familie Kahn in Bleidenstadt). In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Die Familie Kahn in Bleidenstadt gab 1935 (siehe Artikel unten) Haus, Hof und die Äcker am Ort auf, um mit einer geschlossenen Gruppe von insgesamt 20 jüdischen Landwirten nach Argentinien auszuwandern und dort eine JCA-Siedlung aufzubauen. Der Präsident dieser Auswanderergruppe war Salli Kahn. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge zerstört (s.u.); auch die Wohnung und der Laden einer jüdischen Familie wurden zertrümmert.  
1939 wurden noch acht jüdische Einwohner in Wehen gezählt. Von ihnen wurden 1941 Jakob, Siegfried und Rosa Nassauer sowie das Ehepaar Karl und Gerda Simon mit ihrem Kind deportiert. Die nichtjüdisch verheiratete Clothilde Schrank geb. Simon starb am 24. März 1943 an Suizid, um der Deportation zu entgehen.   
  
Von den in Wehen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Linda Abrahamsohn geb. Wilechberg (1916), Clothilde Adler geb. Nassauer (1882), Johanna Hirsch geb. Simon (1851), Rosa Liebenthal geb. Simon (1873), Ferdinand Nassauer (1872), Isidor Nassauer (1884), Jakob Nassauer (1895), Josefine Rufine Nassauer geb. Simon (1857), Rosa Nassauer geb. Kahn (1884), Siegfried Nassauer (1885), Emma Schönberg geb. Nassauer (1891), Clothilde Schrank geb. Simon (1872), Amalie Emma Simon (1889), Gerda Simon (), Karl Simon (1896), Karl Simon (1942), Max Simon (1874).  
Eine Verlegung von "Stolpersteinen" in der Weiherstraße in Wehen ist geplant.   
   
Hinweis:  An die Familie Wilhelm Simon (geb. 1867 in Wehen - 1941) und seine Frau Mathilde Simon geb. Wolff (1872 Griesheim - 1942) erinnert ein Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spielgasse in Wiesbaden. An den Sohn von Wilhelm und Mathilde Simon, den Frankfurter Rechtsanwalt und Notar Julius Simon (1888-1944) erinnert auch ein "Stolperstein" in Frankfurt, Große Friedberger Straße 44. Links: http://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=1907322&_ffmpar[_id_inhalt]=6963709  
   
Aus Bleidenstadt ist umgekommen: Jenny Wolf geb. Kahn (1882).    
 
Vor dem Wehener Schloss befand sich seit 1983 eine Bronze-Gedenktafel mit der Inschrift: "Stadt Taunusstein. Zum Gedenken an unsere während der nationalsozialistischen Herrschaft ermordeten und vertriebenen Mitbürger. Zur täglichen Mahnung uns allen  1933   1945  1983." Zur Einweihung der Tafel war eine der letzten damals noch lebenden jüdischen Personen aus Taunusstein gekommen, Alex Nassauer (1920 in Wehen geboren, 1937 in die USA emigriert). Er hielt eine Gedenkansprache. Die Gedenktafel wurde einige Jahre später zum Ehrenmal auf den Wehener Friedhof verbracht. Die Stadtverordnetenversammlung beschloss, die Gedenktafel wieder an das Wehener Schloss zurückzuholen (2015).   
   
   
   
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1885   

Wehen Israelit 25061885.jpg (44421 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Juni 1885: "Die israelitische Gemeinde Wehen sucht zum September dieses Jahres einen Religionslehrer und Vorbeter. Gehalt 600 Mark und freie Wohnung. Nur seminaristisch gebildete, unverheiratete Bewerber wollen sich unter Mitteilung beglaubigter Abschriften ihrer Zeugnisse melden bei 
Dr. M. Silberstein, Bezirksrabbiner in Wiesbaden."   

   
   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben 
Über die Familie Kahn in Bleidenstadt sowie Wehen und der jüdische Friedhof (Artikel von 1936) 

Wehen GblIsrGF Juli1936.jpg (82339 Byte)Artikel im "Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt" vom Juli 1936: "Bleidenstadt. Schon zur Zeit Karls des Großen Benediktinerkloster, von dem noch der alte Kirchturm blieb. Seit dem 16. Jahrhundert wohnte hier eine und dieselbe Judenfamilie Kahn, deren heutige Sprossen voriges Jahr (1935) Haus, Hof und Acker aufgaben, um mit der ersten geschlossenen Gruppe von 20 jüdischen Landwirten aus Deutschland eine Siedlung der JCA in Argentinien zu gründen. Deren gewählter Präsident ist Sally Kahn aus Bleidenstadt, dessen Namen als den eines Pioniers jüdischer Landwirte aus Deutschland vielleicht einmal die jüdische Geschichte aufbewahren wird.  -  Durch Hahn hindurch in 1 Stunde zu dem zwischen Hahn und Wehen links vom Wege auf hoher Waldhalde gelegenen 300 Jahre alten Friedhof. Von dort wieder auf die Straße zurück und durch Wehen (kleine [sc. jüdische] Gemeinde), Neuhof und Eschenhahn (links - westlich - das berühmte Römerkastelle Zugmantel, 465 m hoch), den Limes überschreitend, in 2 1/2 Stunden nach dem besonders sehenswerten Luftkurort (Idstein)."      

   
   
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde 
Über die jüdische Familie Nassauer   

Arnsberg s. Lit. Bd. II S. 347: "Seit 1848 kommt der Name Nassauer in Wehen vor; um 1882-1883 war unter den 9 Steuerpflichtigen Elias Nassauer, von 1884-1886 waren unter den 9 Steuerpflichtigen allein vier mit dem Namen Nassauer; Gemeinderechner war Simon Nassauer, und zwar schon im Jahre 1874. Eine andere Familie Nassauer kam von Breithardt (vgl. Holzhausen über der Aar); dieser Familie entstammte Siegfried Nassauer, geboren 1868 in Würzburg, der bei der Frankfurter Zeitung tätig war (verheiratet mit Ida Sonnemann, einer Kusine des Begründers der Zeitung Leopold Sonnemann). Der Vater von Siegfried Nassauer hieß Jean (Jesaias Nassauer; sein Bruder Salomon Nassauer lebte bis zu seinem Tode in Breithardt)." 

     
     
     
Zur Geschichte der Synagoge            
    
Zunächst gab es vermutlich einen Betraum in einem der jüdischen Häuser. Eine Synagoge wurde in Wehen um 1800 errichtet; der Betraum hatte 24 Plätze für Männer und 16 für Frauen. Bei der Synagoge handelte es sich um ein zweigeschossiges, schlichtes Gebäude.    
    
Bereits einige Jahre vor 1938 wurden auf Grund der zurückgegangenen Zahl der jüdischen Gemeindeglieder keine oder kaum noch Gottesdienste in der Synagoge in Wehen abgehalten. 
    
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch einen Trupp auswärtiger SA-Angehöriger geplündert und zerstört.   
  
Im April 2015 wurde vor dem Haus Weiherstraße 15 eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Synagoge in Wehen angebracht. Sie hat den Text: "Unter der Herrschaft der Gewalt und des Unrechts zerstört. Hier stand die Synagoge der ehemaligen Cultursgemeinde Wehen. Wir widmen diese Gedenktafel den früheren jüdischen Mitbürgern der heutigen Stadt Taunusstein zur Erinnerung an ihre um 1800 errichtete Synagoge. Sie wurde in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November eingerissen. Diese Tafel wurde von SchülerInnen der Integrierten Gesamtschule Obere Aar entworfen und mit Unterstützung der Stadt Taunusstein, Museum im Wehener Schloss, 2014, aufgestellt." 
Vgl. Presseartikel: Gedenktafel an Synagoge in Wehen (Wiesbadener Tagblatt, 09.05.2015)   

Im August 2015 wurde ein Anschlag auf die Gedenktafel verübt. Sie wurde mit Farbe beschmiert und mit Gewalt zu zertrümmern versucht. 
Vgl. Presseartikel:  Anschlag auf Gedenktafel in Wehen (Wiesbadener Tagblatt, 22.08.2015)   
    
    
Adresse/Standort der Synagoge   Weiherstraße 15     
    
    
Fotos 

Historische Fotos Fotos zur jüdischen Geschichte und zur ehemaligen Synagoge in Wehen liegen noch nicht vor; 
über Hinweise oder Zusendungen freut sich der Webmaster der "Alemannia Judaica"; 
Adresse siehe Eingangsseite
     
         
Zu Familie Kahn in Bleidenstadt
(Quelle: www.alt-bleidenstadt.de)
Bleidenstadt Kahn 011.jpg (56296 Byte) Bleidenstadt Kahn 010.jpg (78710 Byte)
   Untere Stiftstraße mit der 
Metzgerei Salli Kahn 
Schule Bleidenstadt - Geburtsjahrgänge
 1920-1922. Gretel Kahn auf Foto Nr. 3 
hintere Reihe, stehend 
   
       
  Gedenktafel am Synagogenstandort 
(2015; Foto: Stadt Taunusstein) 
 Wehen Synagoge 15010.jpg (105660 Byte)
   Die Gedenktafel wurde einige Monate Jahr nach ihrer Anbringung (Mai 2015) im August 2015 mit schwarzer Farbe beschmiert und mit roher Gewalt zertreten, daraufhin von der Stadtverwaltung ersatzlos entfernt.

    
    
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte     

September 2008: Führung über den jüdischen Friedhof / Informationen zur jüdischen Geschichte     
Artikel von Christin Lilge vom 16. September 2008 im "Aar-Bote" (Main-Rheiner, Artikel
Führung über jüdischen Friedhof -  Am Tag des offenen Denkmals eine Reise in das damalige Leben.  
WEHEN Seit mehr als vier Jahren organisiert das Museum im Wehener Schloss jeweils am Tag des offenen Denkmals eine Führung über den jüdischen Friedhof am Halberg. Museumsleiter Harald Lubasch vermittelte Einblicke in die Geschichte der früheren jüdischen Gemeinde. 
Das Areal des nach Osten und somit nach Jerusalem ausgerichteten jüdischen Friedhofs (dem einzigen verbliebenen Zeugnis jüdischer Geschichte in Taunusstein) fügt sich beinahe unscheinbar in den bewaldeten Hang des Halbergs ein. Es gibt dort keine Trauerhalle, einige der circa 55 noch existierenden Grabsteine sind verfallen oder zumindest verwittert, ein paar einzelne sind noch erhalten. Der älteste Stein wurde am 11. Adar im Jahr 5454 nach dem hebräischen Kalender (8. März 1694) aufgestellt. Während die älteren Grabsteine aus meist hellrotem bis ockerfarbenem Sandstein bestehen, sind die jüngeren aus Granit. Viele haben eine einfache oder doppelt gerundete Oberkante, die der Überlieferung nach der von Moses auf dem Berg Sinai in Empfang genommenen Gesetzestafeln entspricht..."     
 
November 2018: Nach der mehrfachen Schändung (vgl. oben August 2015) der Gedenktafel für die Synagoge wird nach neuen Möglichkeiten des Gedenkens gesucht   
Artikel von Mathias Gubo im "Wiesbadener Kurier" vom 9. November 2018: " Keine Erinnerung an die Juden von Wehen
Frühere Gedenktafeln wurden versetzt oder zerstört: Nach der Sanierung der Weiherstraße in Wehen fehlt noch immer ein Hinweis auf die einstige Synagoge im Wehener Ortskern.
WEHEN
- 'Man brach in jüdische Häuser ein und schlug alles in Scherben oder nahm es mit', berichteten Augenzeugen von den Vorgängen in der Nacht des 9. November 1938 in Wehen. In der Pogromnacht, wie dieser Tag später in die deutsche Geschichte eingehen sollte, wurden in ganz Deutschland von den Nazis jüdische Synagogen zerstört, jüdische Geschäfte geplündert und verwüstet, jüdische Mitbürger misshandelt oder gar totgeschlagen. Auch in Wehen und den umliegenden Orten brannten die jüdischen Gebetshäuser. Die Synagoge an der Weiherstraße wurde von SA-Trupps aus benachbarten Orten mit Seilen und lauten Hauruck-Rufen regelrecht niedergerissen.
Gedenktafel von Unbekannten zerstört. Heute präsentiert sich die Weiherstraße in neuem Gewand. Nach der millionenschweren Sanierung des Wehener Zentrums ist die Fahrbahn frisch, die Parkplätze sind neu angelegt, die Bürgersteige breiter und ohne Treppen. Allein es fehlt jeglicher Hinweis auf die einstige Synagoge von Wehen, die an der Weiherstraße etwa gegenüber dem dortigen Schloss stand. Dabei gab es solche Hinweisschilder. So war schon 1983 eine Gedenkplatte mit der Inschrift 'Zum Gedenken an unsere während der nationalsozialistischen Herrschaft ermordeten und vertriebenen Mitbürger – zur täglichen Mahnung an uns alle' auf der Grünfläche vor dem Schloss feierlich eingeweiht worden. Doch einige Jahre später wurde dieser Gedenkstein an das Ehrenmal auf dem Wehener Friedhof verlegt. Angeblich, weil Hundebesitzer und ihre Vierbeiner keine Rücksicht darauf genommen hätten.
Auch ein zweiter Versuch, an die Wehener Juden und ihr Gebetshaus zu erinnern, scheiterte kläglich. Schülerinnen der Gesamtschule in Wehen hatten eine Tafel mit dem Judenstern und der Aufschrift 'Unter der Herrschaft der Gewalt und des Unrechts zerstört' in einem Pflanzbeet vor dem Haus Weiherstraße 15, dem Standort der ehemaligen Synagoge, platziert. Offenbar zum Unmut von Unbekannten. Denn nach nur einem Jahr wurde die Tafel mit schwarzer Farbe beschmiert, in der Nacht darauf dann mit roher Gewalt zertreten.
Stele auf der Grünfläche vor dem Schloss vorgesehen. Bürgermeister Sandro Zehner (CDU) nannte den Anschlag damals 'sehr unschön' und stellte fest, dass es eine Form von 'latentem Antisemitismus am Bodensatz unserer Gesellschaft' gebe. Bei der Polizei wurde Anzeige erstattet, die Ermittlungen blieben offenbar erfolglos. Kurz darauf rollten dann die Bagger, um die Weiherstraße zu verschönern.
Nun aber soll es Bewegung in der Sache geben. Die Stadt werde eine Stele zur Erinnerung an die einstige Synagoge und die Juden in Wehen aufstellen lassen, versichert Zehner auf Anfrage. Die Arbeitsgruppe 'Geschichte sichtbar machen' der Lokalen Agenda habe diese Aufgabe übernommen.
Nach 'langem hin und her' habe man auch einen Platz für die Stele gefunden, erklärt Zehner weiter. Nämlich die Grünfläche vor dem Schloss, links von der Bushaltestelle. Man habe das Einverständnis der Erbpachtberechtigten des Schlosses erreicht, die Stadt werde im Gegenzug die Pflege der Grünfläche übernehmen. Wann die Stele aufgestellt werden soll, wusste Zehner allerdings nicht zu sagen, obwohl der Abschluss der Bauarbeiten in der Weiherstraße nun fast schon ein Jahr rum ist. Auf die in anderen Städten verlegten 'Stolpersteine' will man in Taunusstein verzichten, da man laut Bürgermeister sonst 'dem Protagonisten zu sehr ausgeliefert ist'. " 
Link zum Artikel    
 
Februar 2019: Ein Konzept für ein angemessenes und würdiges Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus soll entwickelt werden  
Artikel von Mathias Gubo im "Wiesbadener Kurier" vom 18. Februar 2019: "Würdiges Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in Taunusstein
Auf dem Platz am Wehener Schloss soll an einstiges jüdisches Leben in Taunusstein erinnert werden. Auch die Schulen sollen einbezogen werden.
TAUNUSSTEIN
- Die Taunussteiner Stadtverordnetenversammlung hat den Magistrat beauftragt, ein Konzept für ein angemessenes und würdiges Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in Taunusstein zu entwickeln. Dabei sollen auch die Taunussteiner Schulen mit einbezogen werden. Dies wurde bei einer Gegenstimme beschlossen.
Stolpersteine eine mögliche Form des Gedenkens. Die SPD-Fraktion hatte zuvor beantragt, zur Stärkung der Erinnerungskultur in der Stadt sogenannte 'Stolpersteine' zu verlegen. Das sind kleine von dem Künstler Gunter Demnig entworfene Messingtafeln mit Namen und Lebensdaten ermordeter Juden, die im Bürgersteig eingebaut werden. Weiß verwies darauf, dass solche Stolpersteine inzwischen in 1265 deutschen Kommunen und 21 europäischen Ländern zur Erinnerung an NS-Opfer installiert worden seien. 'Die Stolpersteine sollen Teil der Taunussteiner Stadtgeschichte sein', so der Wunsch der SPD. Finanziert werden sollen sie durch Spenden. Die ersten Reaktionen seien ermutigend. So habe sich der Leistungskurs Geschichte des Jahrgangs 2013 des Taunussteiner Gymnasiums bereit erklärt, an dem Vorhaben mitzuarbeiten. Stolpersteine seien 'eine mögliche Form' des Gedenkens, betonte der CDU-Fraktionsvorsitzende Andreas Monz, aber auch 'keine unumstrittene Form'. Deshalb müsse man überlegen, ob es auch andere angemessenere Formen des Gedenkens gebe. Wichtig sei dabei die Wissensvermittlung. Monz: 'Wenn Gedenken einen Sinn machen soll, dann müssen die Lehren aus dieser Zeit in die Zukunft getragen werden'. Dazu hatten CDU und FWG einen Änderungsantrag eingebracht, der schließlich gemeinsam mit dem SPD-Antrag zur weiteren Beratung in den Ausschuss für Soziales und Kultur überwiesen wurde.
Bis 1939 habe es jüdisches Leben in Wehen, Hahn und Bleidenstadt gegeben, rief Bürgermeister Sandro Zehner in Erinnerung. Ihm sei deshalb ein angemessener Hinweis auf die ehemalige Synagoge an der Weiherstraße in Wehen wichtig. Dazu sei der Platz vor dem Schloss, der genau gegenüber dem einstigen jüdischen Gebetshaus liege, wichtig. Man habe deshalb bereits den Auftrag für ein architektonisches Konzept für den Platz erteilt."
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August/September 2019: Diskussion um die Verlegung von "Stolpersteinen": die Stadtverwaltung lehnt ab - die SPD spricht sich dafür aus     
Artikel im "Wiesbadener Kurier" vom 2. September 2019: " SPD Taunusstein für das Projekt 'Stolpersteine'
Die SPD spricht sich für das Projekt 'Stolpersteine' aus und kritisiert in diesem Zusammenhang die ablehnende Haltung der Taunussteiner Stadtverwaltung.

TAUNUSSTEIN - (red). Die SPD wundert sich über die Begründung, mit der sich die Stadtverwaltung Taunusstein gegen die Verlegung von 'Stolpersteinen' im Stadtgebiet ausspricht. Es sei nicht nachvollziehbar, dass die Verlegung von Stolpersteinen 'insbesondere wegen der teilweise unzulänglichen Dokumentation nicht vollumfänglich empfehlenswert' sei, heißt es in der Pressemitteilung. Die Aufstellung einer Stele mit Gedenktafel gegenüber dem Standort der ehemaligen Synagoge in Wehen mit der Streichung des Projekts 'Stolpersteine' zu verbinden, ist nach Auffassung des SPD-Fraktionsvorsitzenden Dieter Weiß der völlig falsche Ansatz für das geplante Projekt 'Geschichte sichtbar machen in Taunusstein.' Auch das Argument der Stadtverwaltung, wonach 'eine Teilverlegung der Steine für diejenigen Betroffenen, deren Adresse zweifelsfrei ermittelt werden konnte, nicht sinnvoll erscheine', gehe an der Sache vorbei. In keiner der umliegenden Städte, in denen 'Stolpersteine' verlegt wurden, habe man flächendeckend alle 'Stolpersteine' auf einmal verlegt. Das sei stattdessen ein auf mehrere Jahre angelegtes Projekt. Außerdem müssten die 'Stolpersteine' nach Auffassung der SPD nicht aus Steuergeldern finanziert werden. 'Das geht, wie bereits in vielen anderen Städten, auch über eine Spendenaktion', ist Weiß überzeugt. 'Taunusstein muss beim Thema Erinnerungskultur endlich handeln. Das gehört zu einer lebendigen Demokratie', ergänzt SPD-Ausschussmitglied Dieter Jacobi. Sollte die Verlegung einzelner 'Stolpersteine' in den Gehwegen nicht realisierbar sein, wurde vom Sozialausschuss bereits eine zentrale Verlegung aller 'Stolpersteine', beispielsweise im Gehweg am Standort der ehemaligen Synagoge in Wehen, vorgeschlagen."
Link zum Artikel
 
Artikel von Mathias Gubo im "Wiesbadener Tagblatt" vom 28. August 2019: "Keine Stolpersteine in Taunusstein. Eine Stele statt Stolpersteinen schlägt die Taunussteiner Stadtverwaltung zum Gedenken an die einstige jüdische Cultusgemeinde in Wehen vor.
WEHEN -
Seit Jahren schon wird dieses Thema diskutiert, nun scheint eine Entscheidung in Sicht zu sein: die Art und Weise, wie man in Taunusstein den ehemaligen jüdischen Mitbürgern in würdevoller Weise gedenken will. Denn alle bisherigen Versuche sind auf die eine oder andere Weise gescheitert.
Frühere Tafel beschmiert und zerstört. Zur Erinnerung: Im Beisein einer der letzten noch lebenden Juden aus Taunusstein war in den 80er-Jahren ein Gedenkstein im Grünbereich vor dem Wehener Schloss errichtet worden. Der wurde irgendwann später ziemlich still und leise auf den Friedhof in Wehen versetzt. Der Versuch von Gesamtschülern in Hahn, mit einer kleinen Tafel vor dem Gebäude der ehemaligen Synagoge in Wehen an die jüdische Cultusgemeinde zu erinnern, endete ebenso kläglich. Die Tafel wurde beschmiert und zerstört. Zu Beginn der Straßenbauarbeiten in der Weiherstraße wurde sie demontiert. Seit vergangenem Jahr setzt sich die Gruppe 'Basis für Demokratie' dafür ein, sogenannte 'Stolpersteine' vor den letzten bekannten Wohnadressen der ermordeten Juden zu verlegen. Ein Vorschlag, der im Taunussteiner Rathaus auf wenig Gegenliebe stößt. Dies ist auch aus dem Beschlussvorschlag herauszulesen, der den Taunussteiner Stadtverordneten jetzt zur Beratung von der Verwaltung vorgelegt wurde. Darin wird vorgeschlagen, eine Stele / Gedenktafel für die jüdischen Bewohner Taunussteins, die Opfer des Nationalsozialismus wurden, gegenüber des Standorts der ehemaligen Synagoge in Wehen am Schloss aufzustellen. Aus Sicht der Verwaltung wäre solch ein Gedenkort 'realisierbar'. Der Verwaltung liegt eine Zustimmungserklärung der Erbbauberechtigten des Schlosses für die mögliche Aufstellung einer Stele vor. Die Aufstellung einer Sitzgruppe wird allerdings abgelehnt. Die Verwaltung sieht dies 'in Verbindung mit einer Gedenktafel zu einem derart sensiblen historischen Thema als unangemessen' an. Eine Nutzung beispielsweise für Picknicks und die mögliche Verschmutzung 'wäre absehbar und Anlass für Ärgernisse'. Das Ziel sei eine Stele, wie sie von der Lokalen Agenda 21 zu verschiedenen Themen bereits installiert wurden.
Das Projekt 'Geschichte sichtbar machen in Taunusstein' könnte in Kooperation mit dem Museum, der Lokalen Agenda 21, den Beruflichen Schulen und dem Gymnasium Bleidenstadt einen Entwurf erarbeiten. Solche Stelen weisen bisher jedoch nur auf historisch interessante Punkte und Gebäude in Taunusstein hin, haben also keinen Gedenk-Charakter.
Erhebliche Bedenken bringt die Verwaltung gegen die Verlegung von 'Stolpersteinen' vor: Das Kunstprojekt 'Stolpersteine' von Gunter Deming sei nicht unumstritten. Ein Stolperstein koste 120 Euro. Somit kämen auf die Stadt Kosten in Höhe von 3240 Euro für 27 Steine zu. Zudem Verpflegungs- und Übernachtungskosten für den Künstler, der darauf besteht, sie immer persönlich zu verlegen.
'Nicht vollumfänglich empfehlenswert'. Geradezu zynisch klingt die in bestem Beamtendeutsch formulierte Einlassung der Stadtverwaltung: 'Für Taunusstein konnten 27 Bürgerinnen und Bürger jüdischer Religion ermittelt werden, die 1933 ihren Wohnsitz vor Ort hatten. Dabei besteht jedoch die Schwierigkeit, dass die exakten letzten selbst gewählten Wohnorte (Änderung von Straßennamen und angepasste Haus-Nummerierung) für einen Teil der Personen nicht ermittelt werden konnten und die Verlegung von Stolpersteinen am falschen Ort unbedingt vermieden werden muss. Lediglich eine Teilverlegung der Steine für diejenigen Betroffenen, deren Adresse zweifelsfrei ermittelt werden konnte, erscheint nicht sinnvoll.' Fazit: 'Wegen der teilweise unzulänglichen Dokumentation ist die Verlegung von Stolpersteinen nicht vollumfänglich empfehlenswert.' Ein Entwurf für die Tafel auf der Stele liegt im Übrigen schon vor." 
Link zum Artikel   

  
  
Links und Literatur   

Links:  

bulletWebsite der Stadt Taunusstein   
bullet"Wehen" auf der Website der Stadt Taunusstein  
bulletWebsite www.alt-bleidenstadt.de 
bulletListe der 1841 angenommenen jüdischen Familiennamen in Wehen und Bleidenstadt 
bulletWebportal HS 010.jpg (66495 Byte)Webportal "Vor dem Holocaust" - Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen mit Fotos zur jüdischen Geschichte in Wehen 

Literatur:  

bulletPaul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 346-348.   
bulletKeine Artikel bei Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 und dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. 
bulletStudienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 307.  
bulletPinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 460-461.   
bulletJuden in Taunusstein - Eine Sonderausstellung des Heimatmuseums Taunusstein (Wehener Schloss), 1983/84.   
bulletMagistrat der Stadt Taunusstein (Hg.): Der jüdische Friedhof am Halberg - Die jüdische Cultusgemeinde Wehen. Taunusstein 2003. 
Die Broschüre ist erhältlich im Museum im Wehener Schloss (Weiherstraße 6): A4, 125 Seiten, 12.- € Informationen zum Museum im Wehener Schloss

   
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Wehen (now part of Taunusstein) Hesse-Nassau. Founded in the 18th century, the community built a synagogue in 1800 and numbered 43 (4 % of the total) in 1871, dwindling to 12 in 1925. In 1937 a member of the community led a group of 20 German-Jewish farmers who emigrated to Argentina. Only one family remained when the synagogue was destroyed on Kristallnacht (9-10 November 1938).   
   
     

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 15. Oktober 2013