Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Weingarten (Landkreis Karlsruhe) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge  

Übersicht:

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Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
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Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 
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Zur Geschichte der Synagoge   
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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)     
   
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zur Kurpfalz gehörenden Weingarten bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/40. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 16./17. Jahrhunderts zurück. Erstmals wird 1525 ein Jude Viselmann am Ort genannt. 1537 lebten bereits mehrere jüdische Personen (Familien in Weingarten. 1551 wurden sogenannte Geleitbriefe (für Reisen im badischen Unterland) für Jakob und Samuel zu Weingarten erneuert.   

Auch in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg waren jüdische Familien am Ort (1661, 1699 genannt). 1722 gab es fünf (Raphael, Josel, Jakob, Kalmann und Kaufmann), 1743 acht jüdische Familien am Ort. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts nahm die Zahl der Juden im Ort zu. 

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1825 120 jüdische Einwohner (4,1 % von insgesamt 2.923 Einwohnern), 1832 150, 1839 149, höchste Zahl um 1864 mit 183 Personen erreicht, 1871 177, 1880 155 (4,4 % von 3.506), 1885 142, 1890 164, 1895 146, 1900 150 (3,7 % von 4.091), 1905 140, 1910 110 (2,3 % von 4.751).  

An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (bis 1815 vermutlich im alten Synagogengebäude, danach besuchten die jüdischen Kinder zumeist die katholische Schule), ein rituelles Bad und seit 1833 einen eigenen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. unten Ausschreibung der Stelle von 1855). Die jüdische Gemeinde gehörte zum Bezirksrabbinat Karlsruhe, seit 1885 zum Bezirksrabbinat in Bruchsal.  

Im Ersten Weltkrieges fielen aus der jüdischen Gemeinde: Fritz Friedrich Baer (geb. in Weingarten, gef. 18.5.1915), Friedrich Fuchs (geb. 18.6.1897 in Weingarten, gef. 29.6.1917), Nathan Fuchs (geb. 13.6.1885 in Weingarten, gef. 18.4.1918), Sally Krieger (geb. 8.9.1894 in Weingarten, gef. 20.8.1914), Berthold Stengel (geb. 11.1.1892 in Weingarten, gef. 3.9.1914). Ihre Namen stehen auf einer Gedenktafel im jüdischen Friedhof (war ehemals in der Synagoge).   

Bereits im 19. Jahrhundert hatten die Weingartener Juden eine wichtige Funktion für die wirtschaftliche Versorgung des Ortes. Bis nach 1933 bestimmten der Viehhandel und die Großschlächtereien das Berufsbild der jüdischen Einwohner. An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Handels- und Gewerbebetrieben sind bekannt: Großschlachterei Adolf Bär (Bahnhofstraße 9, abgebrochen), Viehhandlung Gustav Blum (Marktplatz 18), Viehhandlung Nathan Fuchs (Friedrich-Wilhelm-Straße 7), Großschlachterei und Viehhandlung Max Fuchs (Durlacher Straße 24), Textilwarengeschäft Wilhelm Fuchs (Bahnhofstraße 7), Viehhandlung und Metzgerei Albert Hagenauer (Friedrich-Wilhelm-Straße 39), Eisenwaren und Landmaschinen Jakob und Julius Löwenstein (Durlacher Straße 2, abgebrochen), Viehhandlung Moritz Löwenstein (Jöhlinger Straße 6), Felle- und Tierhäutehandlung Leo und Max Stengel (Bahnhofstraße 2).
    
Um 1924, als zur Gemeinde 76 Personen gehörten (1,5 % von insgesamt 5.073), waren die Vorsteher der Gemeinde Max Fuchs, Sigmund Fuchs und Moritz Löwenstein. Als Kantor, Schochet und Religionslehrer war weiterhin Jakob Ehrlich in der Gemeinde tätig. Er unterrichte damals 5 Kinder in Religion. An jüdischen Vereinen gab es den Verein Bikkur Cholim (Krankenpflege, 1924 unter Leitung von Hermann Löwenstein mit 14 Mitgliedern), einen Frauenverein (1932 unter Leitung von Pauline Stengel) sowie die Zedokohkasse (Wohlfahrtspflege, Leitung Max Fuchs, 1924 12 Mitglieder). 1932 war Vorsteher der Gemeinde Leo Stengel. Als Lehrer kam Herr Godlewsky aus Untergrombach nach Weingarten. Er hatte im Schuljahr 1931/32 5 Kinder in Religion zu unterrichten. Als Kantor wird ein Herr Lupoliansky genannt. 
  
Nach 1933 (66 jüdische Einwohner, 1,3 % von insgesamt 5.056 Einwohnern) konnten sich die jüdischen Viehhandlungen und Großschlächtereien zunächst noch halten, da sie für die Versorgung der Stadt Karlsruhe mit Fleisch sehr wichtig waren. Erst seit 1936 wurden "Maßnahmen" gegen Inhaber dieser Geschäft vorgenommen. 1937/39 mussten auch die jüdischen Gewerbetreibenden in Weingarten ihre Geschäfte aufgeben. Beim Novemberpogrom 1938 wurde das Eisenwaren- und Landmaschinengeschäft Löwenstein ausgeräumt, die Synagoge demoliert und wenig später abgebrochen (siehe unten). Etwa die Hälfte des jüdischen Einwohner konnte bis 1940 emigrieren (32 Personen, die nach Frankfurt, den USA, Argentinien, Brasilien und England auswandern konnten). Die letzten 24 jüdischen Einwohner wurden am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert.   
       
Auf Grund der Judenverfolgungen und -ermordungen in der NS-Zeit kamen von den 1933 in Weingarten wohnhaften 66 jüdischen Personen mindestens 29 ums Leben. Von den in Weingarten geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Emma Auerbacher (1890), Meta Marta Auerbacher (1893), Anna Baer (1880), Berta Baer (1874), Betty Baer (1875), David Baer (1869),Karl Baer (1891), Siegmund Baer (1883), Alfred Blum (1871), Emil Blum (1866), Jakob Blum (1909), Julius Blum (1908), Fanny Ehrlich (1901), Fanny Eisemann geb. Stengel (1886), Jenny Emmerich geb. Rosenbusch (1875), Betty Fuchs (1886), Claire Fuchs (1883), Dora (Zipora) Fuchs geb. Weil (1867), Jeanette Fuchs geb. Blum (1858), Jeanette Fuchs (1864), Klara Fuchs geb. Fuchs (1883), Nanette Fuchs geb. Blum (1864), Elsa Grün geb. Fuchs (1901), Gustav Hagenauer (1888), Heinz Ludwig Hagenauer (1925), Hermann Hagenauer (1889), Nathan Hagenauer (1880), Selma Hagenauer geb. Simon (1891), Hedwig Hammel geb. Krieger (1890), Heinrich Hirsch (1868), Simon Holz (1871), Selma Judas geb. Stengel (1890), Bertha Kahn geb. Hirsch (1856), Julius Krieger (1896), Hermine Lacher geb. Wyler (1885), Hedwig Landmann geb. Gerson (1859), Rosa Löb geb. Eisemann (1883), Berta Löwenstein geb. Löb (1886), Helene Löwenstein geb. Bär (1881), Hilda Löwenstein geb. Fuchs (1888), Jakob Löwenstein (1876), Julchen Löwenstein geb. Fuchs (1860), Julius Löwenstein (1883), Leopold Löwenstein (1850), Moritz Löwenstein (1880), Frieda Mann geb. Fuchs (1890), Nanette Neuburger geb. Holz (1868), Henriette Odenheimer geb. Bär (1864), Emil Rosenbusch (1866), Selma Scharff geb. Bär (1885), Sophie Schlesinger geb. Bär (1875), Gretel Sonnheim (1920), Beatrice Lene Stengel (1932), Frieda Stengel (1885), Irma Stengel geb. Maier (1904), Max Stengel (1892), Pauline Stengel geb. Berlinger (1884), Sofie Stern geb. Löwenstein (1885), Rosa Süss geb. Gerson (1861), Cäcilie Wertheimer geb. Bär (1881), Frieda Wertheimer geb. Blum (1869).                          
   
Zum Gedenken an die jüdischen Mitbürger wurde im Januar 1993 eine Tafel am Wartturm enthüllt. 
    
    

    
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer    
   
Ausschreibung der Stelle der Lehrers und Vorbeters (1855)      

Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 21. November 1855 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Die mit einem festen Gehalte von 175 fl. und einem jährlichen Aversum für das Schulgeld von etwa 30 Kindern im Betrage von 25 fl., freier Wohnung und dem Vorsängerdienste, samt den davon abhängigen Gefällen verbundene Religionsschulstelle bei der israelitischen Gemeinde Weingarten ist zu besetzen. 
Bewerber um dieselbe haben sich unter Vorlage ihrer Aufnahmeurkunden und der Zeugnisse über sittlichen und religiösen Lebenswandel binnen 6 Wochen anher zu melden.  
Bei Nichtbewerbungen von Seite Schul- oder Rabbinatskandidaten, können auch andere Inländer nach erstandener Prüfung bei dem Großherzoglichen Bezirksrabbinate zu Bewerbung zugelassen werden."     

  
Zum Tod von Lehrer J. Rosenbusch (1896) - 35 Jahre Lehrer in der jüdischen Gemeinde Weingarten  

Weingarten Israelit 30041896.JPG (165576 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. April 1896: "Weingarten (Amt Durlach), 23. April. Heute konnten wir wieder beobachten, dass der Wert eines Menschen meistens erst nach seinem Tode voll erkannt wird. Nachdem bekannt war, dass unser seit 6 Monaten von hier nach Karlsruhe verzogener, langjähriger Mitbürger Herr J. Rosenbusch, Lehrer a.D., nach kurzer Krankheit entschlafen und dass dessen irdische Hülle durch den hiesigen Platz nach dem Obergrombacher Friedhof verbracht wird, rüstete sich Alt und Jung zu einer würdigen Ehrung des Verblichenen. Am Eingang des Ortes von Durlach her hatte sich eine große Leichenbegleitung aus allen Konfessionen, unter welcher besonders das Lehrerkollegium vollzählig vertreten war, versammelt; außerdem hatten sich die Schüler der israelitischen Schule unter Führung ihres Lehrers Herrn Ehrlich aufgestellt, um den sterblichen Überresten ihres langjährigen Lehrers das Geleit zu geben. Kurz nach elf traf der Leichenzug ein. Vor dem Dorfe verließen die Leidtragenden den Wagen, und nun ging es in langem Zuge, an den sich immer mehr anschlossen, bis an den Ausgang des Ortes. Die Stimmung war eine äußerst feierliche und gedrückte. Hier hielt Herr Lehrer Ehrlich eine ergreifende, schön durchdachte Rede, er hob hervor, wie sehr der Mann, der 35 Jahre lang am hiesigen Platze segensreich gewirkt und geschafft, durch sein freundliches Wesen die Herzen aller eingenommen, bedauerte, dass er die wohl verdiente Ruhe, die er sich nach einem Leben voller Arbeit und Aufopferung im Kreise seiner Kinder gönnen wollte, nur so kurz genoss und dass er so bald seiner lieben Gattin im Tode folgte. Er tröstete die Leidtragenden durch den schönen Gedanken: Der Körper geht dahin, doch der Geist und das Andenken lebt fort und fort in seinen guten und edlen Werken. 
Vor der Abfahrt der Beerdigung von Karlsruhe hielt Herr Rabbiner Dr. Appel eine Rede, worin er die ganze Tätigkeit des seligen Herrn J. Rosenbusch in wahrheitsgetreuer Weise schilderte. Am Grabe in Obergrombach hielt Herr Bezirksrabbiner Dr. Eschelbacher von Bruchsal eine von Herzen kommende Grabrede, schilderte die rastlose Tätigkeit, Gewissenhaftigkeit und überhaupt alle edlen Eigenschaften des Verstorbenen. 
Bekannt ist auch der wohltätige Sinn des Verstorbenen und mancher Arme wird seinen raschen Tod bedauern."

   
Lehrer und Kantor Ehrlich (seit 1899 Lehrer in Weingarten) wird in den Bürgerausschuss gewählt und zum Schöffen bestimmt (1913)

Weingarten AZJ 14021913.jpg (35951 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. Februar 1913: "Weingarten (Baden), 7.Februar 1913. Nachdem unser Lehrer und Kantor Herr Ehrlich vor einigen Wochen in den Bürgerausschuss gewählt wurde, hat ihn das Amtsgericht Durlach für zwei Sitzungstage im laufenden Jahre zum Schöffen bestimmt. Es ist gewiss eine erfreuliche Tatsache, wenn einem jüdischen Lehrer auch seitens der politischen Gemeinde so viel Achtung und Vertrauen entgegengebracht wird, dass ihm solche Ehrenämter übertragen werden."

   
Zum 30jährigen Dienstjubiläum von Lehrer Jakob Ehrlich (1929) 

Weingarten Israelit 10121925.jpg (16464 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Dezember 1925: "Weingarten (Baden), 6. Dezember (1925). Am Schabbat Chanukka (= 28. Dezember 1929) kann Herr Jakob Ehrlich auf eine 30jährige Wirksamkeit als Religionslehrer, Kantor und Schauchet in der hiesigen Gemeinde zurückblicken."

  
  
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
       
Fahndung nach dem Handlungslehrling Bernhard Fuchs (1840)    

Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" von 1840 S. 229 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Karlsruhe (Aufforderung und Fahndung. Handlungslehrling Bernhard Fuchs von Weingarten hat sich der Unterschlagung und des heimlichen Verkaufs von verschiedenen Waren zum Nachteil seines Lehrherrn, des Handelsmanns Lyon Seeligmann dahier, im ungefähren Wert von 6 Louisd'or, dringend verdächtig gemacht und der gegen ihn eingeleiteten Untersuchung durch die Flucht entzogen, ohne dass sein Aufenthalt bisher ermittelt werden konnte. Derselbe wird nunmehr aufgefordert, innerhalb vier Wochen sich bei diesseitiger Stelle zu sistieren und über das ihm zur Last fallende Vergehen zu verantworten, widrigenfalls nach Lage der Akten das weiter Rechtliche gegen ihn erkannt werden soll.  
Zugleich ersuchen wir sämtliche Polizeibehörden, auf den Bernhard Fuchs, dessen Signalement wir beifügen, zu fahnden und ihn im Betretungsfalle anher einzuliefern.  
Karlsruhe, den 14. März 1840.  Großherzogliches Stadtamt.  
Signalement des Bernhard Fuchs.  
Alter 20 Jahre, Größe 5* 3", Statur besetzt, Gesichtsform rund, Gesichtsfarbe frisch, Haare braun, Stirne hoch, Augenbrauen braun, Augen grau, Nase gewöhnlich, Mund mittelmäßig, Bart wenig, Kinn rund, Zähne gut."    

   
   
Ernst Fuchs (1859 Weingarten - 1929 Karlsruhe), Rechtsanwalt am Oberlandesgericht Karlsruhe, Dr.h.c. der Universität Heidelberg, war Hauptvertreter der Freirechtsschule, schrieb für viele Fachzeitschriften wie seit 1925 für die Reformzeitschrift "Die Justiz". Seine "Gesammelten Schriften" wurden 1969 herausgegeben.
      
      
Sonstiges        
Erinnerungen an die Auswanderungen im 19. Jahrhundert:  Grabstein in New York für Ricka Mann aus Weingarten (1822-1894)      
Anmerkung: das Grab befindet sich in einem jüdischen Friedhof in NY-Brooklyn; der Geburtsname von Ricke Mann wird nicht mitgeteilt.      

Weingarten NY Cyprus 1752.jpg (84264 Byte)   Grabstein für 
"Ricka, Beloved wife of 
Herrman Mann

Born in Weingarten - Baden. 
June 14, 1822. 
Died April 6, 1894".   

    
    
    
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge        
   
Eine erste Synagoge wurde im 17. oder 18. Jahrhundert erbaut. Sie stand an der Kirchstraße schräg gegenüber dem evangelischen Pfarrhaus beziehungsweise dem Kirchgäßle. Es handelte sich um ein relativ hohes zweistockiges Gebäude, das die umstehenden Gebäude überragte. Vermutlich war im Betsaal eine Stuckdecke vorhanden. 1836 war das Gebäude in gefährlicher Weise baufällig geworden und konnte nur noch unter Lebensgefahr betreten werden. Dennoch sah sich der Weingartener Synagogenrat in diesem Jahr noch außerstande, eine neue Synagoge zu bauen. 1839 wurde gemeldet, dass inzwischen Teile der Stuckdecke herabgestürzt waren, das Gebäude schon mehrfach abgestützt werden müsse und bei Sturm die Gefahr bestehe, dass das ganze Gebäude einstürze und dabei auf dem Nachbaranwesen schwere Zerstörungen anrichte. Die Nachbarn – ein jüdischer Viehhändler - beschwerte sich daher über den untätigen Synagogenrat beim Großherzoglichen Oberamt. Dieses veranlasste sofort, dass ein örtlicher Maurermeister und zwei Gemeinderäte, die als tüchtige Handwerker ausgewiesen waren, die Synagoge besichtigten. Alle drei bestätigten die Angaben und empfahlen den sofortigen Abriss der Synagoge.  
  
Am 15. März 1839 versammelten sich die stimmberechtigten Mitglieder der jüdischen Gemeinde, um über den Bauplatz für eine neue Synagoge abzustimmen. Man entschied sich für einen Bau an der Ecke Kirchstraße/Keltergasse und auch dafür, die Synagoge nur als Bethaus und nicht zugleich als Schule zu benutzen sei. Der Neubau erforderte große finanzielle Anstrengungen. Es musste Kapital aufgenommen werden. Die Stühle der alten Synagoge wurden versteigert, um auch dadurch etwas für den Neubau einzunehmen. Die alte Synagoge wurde bald nach 1840 abgebrochen.  
   
Im folgenden Jahr 1840 konnte die neue Synagoge an der Ecke Kirchstraße/Keltergasse erbaut und eingeweiht werden. Bald schon hieß die Keltergasse in Weingarten nur noch "Synagogengasse" (bis zur Rückbenennung 1933). Der Eingangsbereich der Synagoge war von einem großen, von zwei Säulen getragenen Hufeisenbogen geprägt, über dem sich eine hebräische Inschrift und ein Rundfenster mit Maßwerk befand. Auch die Seitenfenster waren mit hufeisenförmigen Bögen verstehen. Es war damit die erste im Gebiet Badens erbaute Synagoge in neuislamischem Stil. Vorbild für diesen Stil waren die 1830-1832 im pfälzischen Ingenheim und die 1837 in Speyer erbauten Synagogen. In die Synagoge gelangte man von der Kirchstraße aus durch einen Vorhof, der durch Eisengitter von der Straße abgetrennt war. Vom Vorhof aus erreichte man über eine siebenstufige Treppe den Synagogeneingang. Charakteristisch für das Weingartener Ortsbild war, dass die beiden christlichen Kirchen und die Synagoge unmittelbar nebeneinander standen.  
   
In den Morgenstunden des 10. November 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge von zehn bis fünfzehn auswärtigen Nationalsozialisten (aus Karlsruhe und Durlach) zerstört. Sie kamen nach Zeitzeugenberichten mit einem Lastwagen angefahren. Ein nichtjüdischer Nachbar konnte das Niederbrennen der Synagoge verhindern, da der Brand leicht auch andere Gebäude hätte übergreifen können. Das Gebäude wurde wenig später auf Befehl der Partei abgebrochen. Die anfallenden Steine wurden zur Einfassung des Walzbachbettes benutzt.  
   
Die in der Synagoge angebrachte Gedenktafel für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges ist im Frühjahr oder Sommer 1939 auf Veranlassung eines noch in Weingarten lebenden Juden durch den Weingartener Steinmetz auf dem jüdischen Friedhof im Effenstiel aufgestellt worden. 
   
Das Grundstück der Synagoge ist mit einem kleinen Wirtschaftsgebäude überbaut, der Platz mit einer Mauer umgeben worden. Neben der Synagoge stand das – heute noch erhaltene – Haus des jüdischen Lehrers. Seit 1985 erinnert gegenüber dem Synagogenplatz an der katholischen Kirche eine Gedenktafel an die Synagoge. Eine weitere Gedenktafel "Zum Gedenken an unsere jüdischen Mitbürger 1933-1945" wurde im Februar 1993 im Beisein eines Vertreters des Oberrats der Israeliten Badens, Gideon Nissenbaum, am Wartturm angebracht. 
   
   
   
Fotos 
Historische Fotos  
(Quelle: A. W. Steinert, Weingarten)  

Weingarten Synagoge 001.jpg (38639 Byte) Weingarten Synagoge 002.jpg (86496 Byte) Weingarten Synagoge 003.jpg (69563 Byte)
Die Synagoge in Weingarten 
(Vergrößerung aus dem Foto rechts) 
Lage der Synagoge 
gegenüber der Kirche  
Prägend für die Synagoge in Weingarten: 
das neo-islamische Portal  

  
Fotos nach 1945/Gegenwart 

Fotos um 1985:
(Fotos: Hahn)
Weingarten Synagoge 010.jpg (61960 Byte) Weingarten Synagoge 011.jpg (67144 Byte)
   Das Grundstück der 
ehemaligen Synagoge
Dasselbe. Eine Gedenktafel durfte an 
der Mauer nicht angebracht werden.
     
     
Foto von 1993
(Quelle: Turmberg-Rundschau 
Weingarten 19.2.1993)  
Weingarten Synagoge 018.jpg (41842 Byte)
  Gideon Nissenbaum (links) vom Oberrat der Israeliten Badens und Bürgermeister 
Scholz bei der Enthüllung der Gedenktafel am Wartturm im Februar 1993  
   
    
Fotos 2003/04:
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 15.9.2003
 bzw. mit * J. Krüger, Karlsruhe,
 aufgenommen 2004)
     
Weingarten Synagoge 211.jpg (46698 Byte) Weingarten Synagoge 151.jpg (54023 Byte) Weingarten Synagoge 153.jpg (86032 Byte)
Blick auf das ehemalige
 Synagogengrundstück* 
Blick von der Mauer am ehemaligen
 Synagogengrundstück auf die katholische
 Kirche mit der Gedenktafel  
Die Gedenktafel von 1985 
an der katholischen Kirche 
     
     
Weingarten Synagoge 150.jpg (63095 Byte) Weingarten Wb 005.jpg (54580 Byte) Weingarten Wb 006.jpg (86324 Byte)
Blick vom Wartturm auf katholische Kirche.
 Links daneben das ehemalige
 Synagogengrundstück (Aufnahme wie
 historisches Foto oben) 
Der Wartturm mit den Gedenktafeln; 
die rechte erinnert an die jüdischen
 Mitbürger Weingartens  
   
Die Gedenktafel von 1993 
am Wartturm 
 

     
     

Links und Literatur  

Links:  

Website der Gemeinde Weingarten  

Literatur:  

Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 287-289.  
Karl Diefenbacher: Ortssippenbuch Weingarten. 1980. 
Hayo Büsing: Die Geschichte der Juden in Weingarten (Baden). Seminararbeit WS 1982/83. Wissenschaftlich-Theologisches Seminar Universität Heidelberg.  
ders.: Die Geschichte der Juden in Weingarten (Baden) von den Anfängen im Mittelalter bis zum Holocaust. 1991.  
Wilhelm Kelch: Die Weingartener israelitische Gemeinde und ihre Synagoge (mschr.).  
Jürgen Stude: Geschichte der Juden im Landkreis Karlsruhe. 1990. 

  
   


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Weingarten  Baden. (*) The first mention of Jews in Weingarten dates back to the first half of the 16th century. The community expanded in the early 19th century. A synagogue was built in 1830 and the Jewish population reached 177 in 1871. The Jewish population declined steadily to 60 in 1933 (total 5,056). During the Kristallnacht disturbances (9-10 November 1938), the synagogue was destroyed. Thirty-two Jews emigrated. the last 24 were deported to the Gurs concentration camp on 22 October 1940 and another seven to other camps after leaving Weinarten. In all, 20 perished in Auschwitz and four survived the Holocaust.   
      
        

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 31. Oktober 2013