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Ellrich am
Harz (Kreis Nordhausen)
Jüdische Geschichte / Synagoge
("eine der ältesten und frömmsten Gemeinden
unserer Gegend...", 1846)
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
In Ellrich bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938. Bereits im Mittelalter lebten Juden in der Stadt. 1320
wird der Jude Jakob von Ellrich in Nordhausen als Bürger aufgenommen. Während
der Pestzeit 1348/49 kam es auch in Ellrich zu einer Judenverfolgung.
Danach werden erst wieder 1388/89 Juden aus Ellrich genannt (Jud Michel
von Ellrich und sein Sohn Vifelman in Erfurt; möglicherweise war Michel v.E.
jedoch vor der Pestzeitverfolgung in Ellrich ansässig). 1418 lebten
sicher Juden in der Stadt, doch waren es wohl nur wenige, da sie eine relative
geringe Abgabe von 4 Gulden an das Reich zu bezahlen hatten.
Im 16. Jahrhundert wurden 1570 sechs jüdische Familien in der
Stadt gezählt (Wolf, Moses, Mayer, David, Isaak und Michel). 1580
erfolgte eine vorübergehende Vertreibung der Juden aus der Stadt. 1591
wird wiederum ein Jude namens Jacob in der Stadt genannt. Er war vermutlich aus
Göttingen zugezogen, wo in diesem Jahr die Juden ausgewiesen worden waren. Jud
Jacob bat damals den Rat von Nordhausen, den Zuzug seiner vier Schwäger aus
Göttingen in der Reichsstadt zu gestatten. 1593 kam es - auf Bitten des
Rates von Ellrich - erneut zu einer Ausweisung aller Juden aus der Grafschaft
Hohnstein.
Im 17. Jahrhundert lassen sich ab 1614, sicher seit 1619 wieder mehrere
jüdische Personen / Familien in der Stadt nachweisen. Aus diesem Jahr (1619)
liegt eine Bitte der Juden aus Ellrich an den Rat der Stadt Nordhausen vor,
ihnen in der Stadt freier Geleit und den Handel zu gewähren. In der Zeit des
Dreißigjährigen Krieges wurde Ellrich mehrfach von durchziehenden Truppen in
Mitleidenschaft gezogen. 1627 hört man, dass die Häuser der Juden
Sussmann und Moses von Ellrich dabei abgebrannt wurden. Die beiden fanden
(vorübergehend oder beständig?) Aufnahme in Nordhausen.
Die Zahl der jüdischen Familien nahm in der Zeit nach dem Dreißigjährigen
Krieg in Ellrich zu, sodass 1727 26 jüdische Familien gezählt
wurden.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1812 129 jüdische Einwohner, 1816 141, 1840 146, 1861 93.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule
(vermutlich immer Religions- und nicht Konfessionsschule, vgl. Ausschreibungen
der Stelle des "Religionslehrers" unten)), ein rituelles Bad (im
Keller eines Anbaus zur Synagoge) und ein Friedhof.
Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer
angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl.
Ausschreibungen der Stelle von 1847 und 1861).
In den Listen der Gefallenen des Ersten Weltkrieges werden keine jüdischen
Gefallenen aus Ellrich genannt.
Um 1924, als zur Gemeinde noch 16 Personen gehörten (in vier Familien;
0,5 % von insgesamt ca. 4960 Einwohnern), war Gemeindevorsteher Wilhelm
Nußbaum. Die das Gymnasium Nordhausen besuchenden Schüler aus Ellrich
erhielten ihren Religionsunterricht durch den dortigen Rabbiner und Lehrer Dr.
Levy. 1932 gehörten 14 Personen der jüdischen Gemeinde an.
1933 lebten noch ca. 15 jüdische Personen in der Stadt. In
den folgenden Jahren ist ein Teil von ihnen auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. 1938 wurden noch neun
jüdische Einwohner gezählt. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge
geschändet, später abgebrochen (s.u.). Die jüdischen Männer wurden verhaftet
und in das KZ Buchenwald verschleppt, darunter Rechtsanwalt Walter Richter und
sein Sohn. Familie Richter wohnte in der Bahnhofstraße; er war Mitinhaber der
Harzer Papierfabrik und war bereits im Frühjahr 1933 in "Schutzhaft"
genommen worden. Bei seiner dritten Verhaftung nahm es sich 1939 im
Gerichtsgefängnis Nordhausen das Leben. Sein Sohn, zuletzt im KZ Gross-Rosen,
überlebte die Deportation.
Von den in Ellrich geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Max Ballin (1882), Selmar
Ballin (170), Max Baumgarten (1874), Michaelis Max Michael Bernstein (1863),
Rosa Bernstein (1861), Bertha Busch geb. Holländer (1871), Fanny Dessauer
(1860), Rahel Feldmann geb. Bergmann (1864), Johanna Fichtmann geb. Burchhardt
(1873), Henriette Ida Frohnhausen (1884), Moritz Frohnhausen (1864), Henriette
Grunsfeld (1904), Karl Grunsfeld (1884), Minna Grunsfeld (1886), Selmar (Selma)
Grunsfeld (1886), Leopold Rein (1858), Georg Schottländer (1859), Minna Wolf
geb. Rhein (1866).
An der Mauer des jüdischen Friedhofes Ecke Töpferstraße / Karlstraße
erinnert seit 1988 (ersetzt 1994) eine Gedenktafel an die frühere
jüdische Gemeinde der Stadt mit der Inschrift: "Zum Gedenken an die
jüdische Gemeinde 1591 - 1938".
Im Juni 2015 wurden insgesamt acht "Stolpersteine" in
der Stadt verlegt (siehe unten). Vgl. Wikipedia-Artikel
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Ellrich.
Hinweis: Über das KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte siehe
Informationen über den Wikipedia-Artikel
"KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte"
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1847 /
1861
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 9. August 1847:
"Gesuche.
Für die hiesige Gemeinde wird zum 1. Ijar 5608 (= 4. Mai 1848) ein
Religionslehrer, Vorbeter und Schächter gesucht. Derselbe erhält einen
fixen jährlichen Gehalt von 150 Thaler nebst der sogenannten Schechite
und Akzidenzien. Hierauf Reflektierende wollen sich unter portofreier
Einsendung ihrer Zeugnisse bis den 1. Oktober dieses Jahres bei
unterzeichnetem Vorstande melden.
Ellrich, den 27. Juli 1847.
Der israelitische Gemeindevorstand. J.H. Warburg."
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Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. August 1861:
"Anzeigen.
Ein jüdischer Religionslehrer, welcher zugleich Schochet und Vorbeter
ist, womöglich unverheiratet, wird von uns zu Mitte Oktober dieses Jahres
zu engagieren gesucht. Gehalt Thaler 200 pro Jahr. Bewerber wollen ihre
Zeugnisse franco richten an
den Vorstand der Synagogen-Gemeine L. Frohnhausen. Ellrich,
Regierungs-Bezirk Erfurt, Juli 1861." |
Aus dem
jüdischen Gemeindeleben
In Ellrich fehlt ein "geistlicher Redner" (1846)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. November
1846: "Das benachbarte Ellrich, eine der ältesten und
frömmsten Gemeinden unserer Gegend, wo ehemals eine rabbinische
Zelebrität, R. Hirsch lebte, entbehrt leider ebenfalls noch des
geistlichen Redners. Auch das weibliche Geschlecht und die Jugend müssen
bedacht werden". |
Brandkatastrophe in Ellrich am 13. und 15. September
1841
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 16. Oktober
1841: "Nordhausen, 22. September (1841). Nachdem in Ellrich
am 13. dieses (Monats) schon eine Feuersbrunst gewütet, welche 21 Häuser
in Asche gelegt hatte, wobei aber die jüdische Gemeinde verschont
geblieben, entstand am 15. dieses Monats, nachmittags 3 Uhr, als dieselbe
dem Beginn des Neujahrsfestes entgegensah, aufs Neue Feuer, und zwar in
den Straßen, die von dem größten Teil der jüdischen Gemeinde bewohnt
werden, welches mit rasender Schnelligkeit um sich griff, sodass binnen
einer Stunde 30 Wohnhäuser, darunter die 16 jüdischen Familien, in
vollen Flammen standen. Durch das rasche Umsichgreifen des Feuers und die
Bestürzung, in welche hierdurch die Bewohner versetzt waren, wurde es
denselben unmöglich, etwas von ihren Habseligkeiten zu retten. In wenigen
Stunden waren ihre Wohnungen, ihr Hab' und Gut eine Beute der Flammen, und
am ersten Tage des Neujahrsfestes standen sie - ein grässlicher Anblick -
auf den Trümmern ihrer Habe! Nur 6 der abgebrannten Familien sind
einigermaßen wohlhabend; die übrigen 10 hingegen, welche sich zwar
kümmerlich, aber rechtlich ernährt hatten, sind jetzt im tiefsten Elend.
Ohne Kleidungsstücke, ohne Betten, ohne Obdach, ohne Holz, ohne Mittel
endlich zur Subsistenz ihrer zum Teil starken Familien, sehen sie mit
Bangen dem nahenden Winter entgegen. Es ist unmöglich, das Elend zu
schildern, und wenn gleich die hiesige Gemeinde sehr hilfreich
eingeschritten, so reichen doch einzelne Kräfte nicht hin, dem Elend zu
steuern; es bedarf allgemeiner, rascher Hilfe, und deshalb hat das
unterzeichnete Komitee die Vorstände nicht zu entfernter Gemeinden
gebeten, von den Mitgliedern ihrer Gemeinde Gaben für die armen
Abgebrannten |
anzunehmen,
und die eingehenden Beiträge an den mitunterzeichneten Vorsteher Ph.
Solmitz einzusenden. Die Gemeinde zu Ellrich ist beinahe aufgelöst, und
außer Stande, für ihre armen Brüder auf diesem Wege zu sorgen.
Wir erlauben uns daher, es Ihrem Ermessen anheim zu stellen, ob Sie von
der gegenwärtigen Mitteilung - als Privatmitteilung - Gebrauch machen
wollen, um in Ihrer weitverbreiteten, vielgelesenen Zeitung des Judentums
das Unglück zur Kunde des Publikums zu bringen, und dasselbe aufzufordern,
den Unglücklichen Spenden zu reichen, was umso wirksamer sein würde,
wenn Sie sich geneigt finden, eingehende Beiträge anzunehmen. Auch die
Gemeinden, an welche wir uns bittend gerichtet haben, würden, wenn sie
die Anforderung in Ihrer Zeitung lesen, sich zur Beisteuer mehr angeregt
finden, da die Zeitung des Judentums schon so oft zur Beförderung guter
Zwecke hilfreich gewesen, und allgemein als ein hochgeachtetes Organ
betrachtet wird. Schließlich bitten wir Sie etc. etc.
Das Komitee zur Unterstützung der abgebrannten armen Ellericher
Israeliten.
Ph. Solmitz, Vorsteher. A. Cohn, Prediger. H. Bach.
Die Redaktion ist sehr gern erbötig, Beiträge anzunehmen, sie Herrn
Solmitz zu übersenden, und darüber Bescheinigung als Beleg zu
veröffentlichen. |
Danksagung für die Mithilfe bei der Brandkatastrophe
(Juli 1842)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 16. Juli
1842: Danksagung.
Im Namen der, durch die am 15. September vorigen Jashres hier
stattgefundene Feuersbrunst verunglückten jüdischen Familien unserer
Gemeinde sagen wir den edlen Herren: Ph. Solmitz, H. Bach und A. Cohn
zu Nordhausen für die uns zur Zeit der Not geleisteten Dienste den
herzlichsten und innigsten Dank! Es wird uns ewig unvergesslich bleiben,
mit welchem Eifer und mit welcher Menschenfreundlichkeit uns diese braven
Männer ihre hilfreiche Hand geboten haben! Der Allgütige wird ihre
niedere Tat belohnen!
Dem Herrn Dr. L. Philippson zu Magdeburg sind wir ebenfalls für
die in der Allgemeinen Zeitung des Judentums veröffentliche Unterstützungsaufforderung,
sowie für die durch denselben uns zugegangenen Beiträge sehr
verpflichtet. Möge der Himmel diesen Mann eine lange Reihe von Jahren
erhalten!
Auch besonders unsern wärmsten Dank Allen, die uns damals schwer
Bedrängten, ihre milde Hand geöffnet, und durch Zusendung ihrer
Unterstützungen uns dem Jammer und Elend entrissen haben. Der Allvater
möge unser, für ihr Wohl zu ihm aufsteigendes Gebet erhören, und sie
vor aller Gefahr gnädigst schützen!
Ellrich, den 23. Juli 1842. Der Vorstand der israelitischen
Gemeinde: A. Buttermilch." |
Brandkatastrophe in Ellrich am 25. September 1860
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. November
1860: "Ellrich, im Oktober (1860). Am Nachmittage des 25.
Septembers, wenige Stunden vor dem Beginne des Versöhnungstages, erscholl
Feuerruf in unserer kleinen, 450 Häuser zählenden Stadt. Mit rasender Schnelligkeit
griff das zügellose Element um sich, so dass in wenigen Minuten trotz der
herbeigeeilten Hilfe die halbe Stadt, darunter drei der angesehensten, von
jüdischen Familien bewohnte Häuser - in Flammen stand. Noch war das,
beinahe nur von Juden bevölkerte Viertel, in welchem auch unsere
130-jährige Synagoge steht, unversehrt; aber wer durfte sich der Hoffnung
hingeben, dass die entfesselte Himmelskraft gerade dies verschonen würde?
- Schon dämmerte es - niemand konnte daran denken, den Vorabend des
großen Tages in würdiger Weise zu begehen. Öde und vereinsamt stand
unser Tempel, der weiße Atlasvorhand vor der heiligen Lade war
abgenommen, die großen üblichen Wachslichter unangezündet - trauriges
Bild entweihter Heiligkeit! - Unter Furcht und Bangen schwand die Nacht,
zagend sahen wir den Morgen ergrauen, denn immer näher wälzte sich die
verheerende Macht sich zu uns heran, aber - Gott sah herab, und das
grausame Element schwand nichtig vor seinem Willen, ohne uns weiter
geschadet zu haben.
Erst am späten Nachmittage wurde es uns vergönnt, wenigstens den
scheidenden Jom-Kippur noch in den heiligen Klängen des Neilah-Gebetes
feiern zu können, und wenngleich manche den Verlust ihrer Habe beweinten,
stieg doch der innigste Dank vieler zum gnädigen Lenker des Geschicks,
der Israel an seinem großen Tage bewacht, und die geringen Opfer, die das
Unglück erheischt, zur Prüfung seines Vertrauens auf ihn ihm auferlegte.
...n." |
Spendenaufrufe für arme Gemeindeglieder (1892
/ 1897 / 1898)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. September
1892: "Herzliche Bitte.
Ein frommer, braver 67-jähriger Mann - Moses Holländer in Ellrich
a.H. - der bisher sich und seine 65-jährige Schwester durch Hausieren,
wenn auch nur kümmerlich ernährte, hat in Folge einer Operation sein
Augenlicht fast gänzlich verloren, sodass er nicht mehr im Stande ist,
seinem Erwerb nachzugehen und die beiden würdigen, alten Leute sich in
bitterster Notlage befinden.
Es ergeht daher an alle edlen Menschenfreunde die innige Bitte, sich der
schwer Heimgesuchten hilfreich annehmen zu wollen; möge Jeder, den Gott
mit dem ungetrübten Lichtquell des Auges begnadet und mit irdischen
Gütern gesegnet hat, dankbar hierfür des Ärmsten gedenken, dem ein
hartes Geschick Beides versagte und Herz und Hand öffnen, um das traurige
Los der braven alten Leute mildern zu helfen.
Die löbliche Expedition dieser Zeitung hat sich gütigst bereit erklärt,
freundliche Spenden, welche auch direkt an obige Adresse gesandt werden
können, in Empfang zu nehmen und weiter zu befördern, und wird darüber
seinerzeit in diesen Blättern quittiert werden.
Allen edlen Gebern aber schon jetzt herzinnigen Dank und der Allgütige
wolle es ihnen tausendfach lohnen!" |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Oktober
1897: "Herzliche Bitte!
Ein frommer, braver Mann, A. Lehmann in Ellrich a. H., der einst bessere
Tage gesehen, ist durch unverschuldetes Unglück und da derselbe infolge
hochgradigen nervösen Zitterns zu keinem Berufe fähig, jetzt völlig
verarmt und in bitterer Notlage.
Es ergeht daher an alle edlen Menschenfreund die innige Bitte, sich des
schwer Heimgesuchten hilfreich annehmen zu wollen. Möge jeder, den Gott
mit Gesundheit und irdischen Gütern begnadet hat, dankbar hierfür des
Ärmsten gedenken, dem ein hartes Geschick beides versagte und Herz und
Hand öffnen, um das traurige Los des schwergeprüften Bruders lindern zu
helfen.
Freundliche Spenden wolle man an obige Adresse oder unter Nr. 5499 an die
Geschäftsstelle dieses Blattes gelangen lassen und wird darüber
seinerzeit Quittung geleistet werden.
Allen edlen Gebern aber schon jetzt herzinnigsten Dank, und der Allgütige
wolle es ihnen tausendfach lohnen." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. September
1898: "Herzliche Bitte!
Ein frommer, braver Mann, A. Lehmann in Ellrich a. H., der einst
bessere Tage gesehen, ist durch unverschuldetes Unglück und da derselbe
infolge hochgradigen nervösen Zitterns zu keinem Berufe fähig, jetzt
völlig verarmt und in bitterer Notlage.
Es ergeht daher an alle edlen Menschenfreund die herzliche Bitte, sich des
Unglücklichen hilfreich anzunehmen.
Freundliche Spenden wolle man entweder direkt an obige Adresse oder unter
Nr. 5475 an die Geschäftsstelle dieses Blattes gelangen lassen, welch
letztere darüber seinerzeit in diesen Blättern quittieren wird.
Allen edlen Gebern aber jetzt herzinnigen Dank, und der Allgütige wolle
es ihnen durch eine Einschreibung und Besiegelung lohnen. |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Lehrlingssuche des Baumwollwarenfabrikgeschäftes A. Burchhardt (1871)
Anmerkung: auffallend ist die Hervorhebung "Sonn- und
Festtage streng geschlossen", da es sich um ein jüdisches Geschäft
handelt..
Anzeige
in der "Allgemeinen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 11.
April 1871: "Ein mit den nötigen Schulkenntnissen versehener junger
Mann, findet unter günstigen Bedingungen zum baldigen Antritt in meinem
Bauwollenwarenfabrikgeschäft Stellung als Lehrling. (Sonn- und Festtage
streng geschlossen).
A. Burchhardt in Ellrich am Harz." |
Verlobungsanzeige von Edith Morgenroth und Arnold Meyer
(1937)
Anzeige
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15.
Februar 1937:
"Edith Morgenroth - Arnold Meyer. Verlobte.
Ellrich - Bamberg Januar 1937
Nordhausen - Ellrich." |
Zur Geschichte der Synagoge
Eine erste
Synagoge lässt sich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts nachweisen. Sie
befand sich nach Angaben eines Notariatsinstrumentes vom 9. November 1620
im Haus von Lazarus dem Älteren. Eine ausführliche Beschreibung der
Inneneinrichtung liegt vor (wiedergegeben bei Stefan Litt s.Lit. S. 190-191). Da
die Synagoge damals gegen Bestimmungen eines Schutzbriefes von 1614 verstieß,
ließ der Amtmann zu Klettenberg damals die Bücher und den Toraschrein
beschlagnahmen und auf das Rathaus bringen. Weitere Informationen liegen nicht
vor.
1730 konnte eine Synagoge in einem einfachen Fachwerkbau eines
Hintergebäudes des Hauses Jüdenstraße 25 eingerichtet werden. Es war das
älteste, bau- und kunstgeschichtliche interessanteste jüdische Gebetshaus des
Landkreises Nordhausen. Kostbare Einrichtungsgegenstände und Ritualien befanden
sich in der Synagoge.
Von den Brandkatastrophen in der Stadt - 1841 und 1860 (siehe Berichte oben) -
blieb die Synagoge verschont.
1927 wurde die Synagoge letztmals renoviert.
Im Jahr zuvor erschien in der Zeitschrift "Menorah" der folgende Bericht über
die Synagoge:
Artikel in der Zeitschrift "Menorah" 1926 Heft 9 S. 528: "Die
Synagoge in Ellrich. Die vielen kleinen Judengemeinden Deutschlands
mit ihrer eigenartigen Physiognomie sind in den letzten Jahrzehnten immer
stärker dem Untergang preisgegeben. Zu ihnen gehört auch die Gemeinde
von Ellrich, einem Städtchen am Rande des Südharzes auf der kürzesten
Strecke von Hannover nach Thüringen. Hier lebte noch vor etwa einem
halben Jahrhundert eine kleine, aber wertvolle jüdische Gemeinschaft. Berühmte
jüdische Führer brachte sie wohl nicht hervor, aber unter ihren
Mitgliedern waren einzelne geradezu klassische Typen harmonisch
ausgebildeter Persönlichkeiten, bei denen es keine Dissonanz zwischen
Leben und Lehre gab, und deren Angedenken noch heute bei allen fortlebt,
die das Glück hatten, ihren Umgang zu genießen. Jetzt ist die Gemeinde
am Aussterben. Einige wenige Familien sind übrig, die aus eigenem nicht
in der Lage sind, die Gemeinde wiederaufzubauen. Die schwache in den
Anfängen befindliche Organisation der preu0ßuschen Gesamtjudenheit kann
auch nicht viel Hilfe bringen.
Aber noch steht in Ellrich die alte Synagoge, ein Denkmal früherer
großer Opferfreudigkeit; doch auch sie ist nahe daran, ein Opfer der Zeit
zu werden. Das Äußere des rechteckigen Baues ist im Zustand starker
Verwahrlosung: Dach und Mauern sind schadhaft und voll von Sprüngen und
Rissen. Das Innere zeigt noch deutlicher die Spuren des langsamen
Unterganges; die Malereien verblichen, das Schnitzwerk an vielen Stellen
zerbrochen, die metallenen Leuchter beschädigt. In wenigen Jahren muss
der Bau zur Ruine werden, wenn keine helfende Hand ihn stützt. Die
Synagoge von Ellrich aber sollte im jüdischen Gesamtinteresse erhalten
bleiben, weil sie ein künstlerisches Kulturdenkmal ist. Das ist der
schön geschnitzte Almemor, der eigenartig verzierte Oron hakodesch mit dem
großen geschnitzten Löwen, die überreichliche Verzierung der Wände mit
Sprüchen aus der Bibel, die noch nicht ganz aufgeklärte Inschrift unter
der Frauenschul, die auf einen früheren, aus Wilna stammenden Raw
hinzudeuten scheint, die eigenartige Vergitterung der Frauenschul, die den
Raum harmonisch gliedert, die Leuchterarbeit, die an russische oder
polnische Wappenembleme erinnert.
Wenn die Synagoge von Ellrich dem Untergang anheimfällt, so würde eine
Quelle zerstört werden, aus der wir Kenntnis empfangen können von den
Wanderungen der Juden in Deutschland und Europa, den Kulturelementen,
welche sie aus fernen Landen mitgebracht und wieder verwertet haben. Die
Bestimmung der künstlerischen Quellen, aus denen die einzelnen
Inventarstücke der Synagoge von Ellrich ihren Ursprung nehmen, wäre eine
dankbare Aufgabe für den jüdischen Kunsthistoriker und Ethnographen.
Wäre es da nicht wichtig, dieses für die historische Kenntnis vom
Judentum wichtige Denkmal zu erhalten? Die Synagoge von Ellrich und gar
manche Synagoge der untergehenden jüdischen Kleingemeinden in
Deutschland, die zu Ruinen zu zerfallen drohen, könnten durch die
helfende Hand der Gemeinschaft zu historischen Kulturstätten werden, die
der jüdischen Jugend sinnfällig die eigene Geschichte vor Augen
führen.
Nachwort: Die Redaktion der 'Menorah' hat diesen Ausführungen gerne Raum
gegeben. Wie in Ellrich ist auch anderswo - in Deutschland, der Tschechoslowakei
und in den Oststaaten - wertvolles jüdisches Kulturgut, das Generationen
gehütet haben, der Vergessenheit und dem Verfalle preisgegeben. Bevor
aber die organisierte Hilfe der Gesamtheit einsetzen kann, sollten alle
Freunde jüdischen Lebens die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf diese
Rest verschwindender jüdischer Wohnstätten lenken. Wir würden gerne
jede Mitteilung veröffentlichen und bitten stets Abbildungen sakraler
oder profaner Gebäude (auch Innenräume) sowie einzelner Gegenstände
beizufügen. Über Wunsch vergüten wir Kosten der photographischen
Aufnahme. Der Herausgeber." |
Im März 1937 konnte Rachel Wischnitzer-Bernstein die Synagoge in Ellrich
besuchen und auf Grund ihres Besuches eine ausführliche Beschreibung der
Synagoge publizieren:
Rahel
Wischnitzer-Bernstein: Die Synagoge in Ellrich am Südharz (Beitrag,
erschienen 1939)
(erschien in: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 83
1939 Heft 1 Januar 1939 S. 4.
Beitrag auch eingestellt als pdf-Datei)
Über die Autorin (geb.1885 Minsk - gest.1989 Manhattan) siehe
https://de.wikipedia.org/wiki/Rachel_Wischnitzer
Die
Synagoge in Ellrich bei Nordhausen im preußischen Regierungsbezirk Erfurt
wurde in der kunstwissenschaftlichen Literatur verschiedentlich erwähnt,
ohne eingehender behandelt zu werden.
Heinrich Frauberger veröffentlichte eine Außenansicht und eine
Grundriss-Skizze der Synagoge (Anm. 1), jedoch ohne Vermessungen und
Erläuterungen. Bei Alfred Grotte (Anm. 2) wird die Ellricher Synagoge
unter anderen 'polnischen Synagogen in Süddeutschland' mit aufgeführt. 1926
erschien in der Wiener 'Menorah' eine Notiz mit zwei Innenansichten, deren
ungenannter Verfasser, — es war Arthur Warburg in Nordhausen, — auf die
bemerkenswerten Inschriften der Synagoge hinwies.
In seinen 'Mittelalterlichen Synagogen' (1927) führte Richard Krautheimer
(Anm. 3) die Ellricher Synagoge als Beispiel an für eine
Synagogenbauart, die besonders in Hessen im 18. Jahrhundert verbreitet war.
So wird denn die Synagoge in Ellrich sowohl für den importierten polnischen,
als für einen landesüblichen Synagogentyp in Anspruch genommen. Wo gehört
sie hin ?
Das wesentliche Merkmal der polnischen Holzsynagogen, das entscheidend wurde
auch für die Gestaltung des Innenraums der fränkischen Synagogen in
Bechhofen (Anm. 4) bei Ansbach,
in Horb (Anm. 5)
Anm. 1: Zeichnungen von Albert Hochreiter in Notizblatt d. Gesellschaft zur
Erforschung Jüdischer Kunstdenkmäler, 1911, Nr. 11.
Anm. 2: Deutsche, Böhmische und Polnische Synagogen in Mitteilungen der
Gesellschaft zur Erforschung Jüdischer Kunstdenkmäler, VII/VIII, 1915, S.
63.
Anm. 3: Anhang S. 253.
Anm. 4: E. Toeplitz, Synagogale Malereien, Rimon־Kunstzeitschrift, Heft 3,
1923 (Hebr.). Derselbe in Milgrom, Heft 3, 1923 (Jidd,). Derselbe, Die
Malerei in den Synagogen (bes. Franken), in Beiträge z. Jüdische
Kulturgeschichte hrsg. Ges. z. Erforsch. Jüd. Kunstdenkm., Heft 3, 1929.
Anm. 5: Die Synagoge wurde von Pfarrer H. Pöhlmann entdeckt, vgl. seine
Geschichte des Marktfleckens Küps mit Umgegend, 1909. Nach Untergang |
a.
Main, in Kirchheim (Anm. 6)
bei Würzburg, sind die Wand- und Deckenmalereien, die in den genannten
Synagogen übrigens ein aus dem Osten eingewanderter Synagogenmaler Elieser
Sußmann ausgeführt hatte. Die Synagoge in Ellrich weist jedoch außer einem
Löwenpaar an der Schreinwand keinerlei Malereien auf.
Aber auch architektonisch zeigt die Ellricher Synagoge keine nähere
Verwandtschaft mit den Holzsynagogen in Polen, — weil jene vorwiegend eine
reine Holzkonstruktionsweise bieten, — es sind das entweder Blockbauten oder
Ständerbauten mit Bretterfüllung, — während die Synagoge in Ellrich in
ausgemauertem Holzfachwerk hergestellt ist.
Übrigens muss festgestellt werden, dass auch die nicht mehr bestehenden
Synagogen in Horb und in Kirchheim
Fachwerkbauten gewesen sind, wie die meisten hessischen Synagogen auch. Die
Synagoge in Bechhofen allein ist ein
Holzbau, mit einem Anbau in Fachwerk.
Die polnische Beeinflussung war in diesen Synagogen hauptsächlich in der
Bemalung zum Ausdruck gekommen, weniger betroffen war von ihr die
architektonische Gestaltung. Sie bieten baugeschichtlich keine weiter
bemerkenswerten Lösungen. Die Horber
und die Kirchheimer Synagoge
befanden sich im Obergeschoß von Wohngebäuden. Die
Bechhofener liegt zu ebener Erde, die
Frauenabteilung im Westen in gleicher Bodenhöhe mit einem Wohngeschoß
darüber. Derartige einfache Anlagen sind kaum auf fremde Einflüsse
zurückzuführen.
Forts. Anm. 5: der Horber Gemeinde wurde die Synagoge als Heuschober
benutzt. Mit Hilfe einer Stiftung von Herrn Max Gutmann, Bamberg, wurde die
innere Holzverschalung der Synagoge mit den Malereien herausgelöst und 1914
in die Städtische Gemäldegalerie in Bamberg überführt. Vgl. Rabb. Dr. A.
Eckstein, Die Synagogenmalereien von Horb a. M. usw., Bamberger Volksblatt,
Beilage, 1924, Nr. 7; E. Toeplitz, op.cit. Vgl. auch Abb. bei Grotte, op.
cit., fig. 7.
Anm. 6: Wegen Baufälligkeit abgetragen. Die bemalten Putzwände und die
Innenraumschale der Decke wurden herausgelöst und mit Hilfe einer Stiftung
von Herrn Reiß, Würzburg, 1912 in das fränkische Luitpoldmuseum zu Würzburg
überführt. Vgl. Max Untermayer in C.V.-Zeitung vom 16. April 1936.
|
Nur
die bretterverschalte Tonnendecke mit Fugenleisten wird mitsamt den
Malereien in diesen Synagogen aus osteuropäischen Synagogen übernommen
worden sein, wo mit ihr übrigens die Scheinkuppel rivalisierte.
Im Hessenland ist die Holztonne selten zu finden. R. Hallo (Anm.7)
hatte dort keine einzige Synagoge mit Tonnendecke gesehen. Epstein
(Anm.8) nennt nur die Synagoge in
Zwesten. Grotte wiederum hat mit Holztonne gedeckte Synagogenräume in
verschiedenen Gegenden nachgewiesen: in Königsberg a.d.Eger aus dem
Jahre 1802 (Anm.9), in Pinne (Anm.10) im Posenschen, in
Deutsch-Krone (Anm.10) in Westpreußen (vermutlich aus dem
Jahre 1824). Die Brettertonne, ein Scheingewölbe, ersetzt in den kleineren
Dorfsynagogen das gemauerte Gewölbe.
Die Ellricher Synagoge weist eine Tonnendecke auf. Jedoch gegenüber den
polnischen und den fränkischen Synagogen ist diese Tonne als besonders flach
zu bezeichnen. Es ist eigentlich eine waagerechte Decke mit
Bretterverschalung und einer sehr starken Hohlkehle, die ein Gewölbe
vortäuscht.
Die Synagoge in Ellrich befindet sich in einem Hintergebäude der Jüdenstraße
7, jetzt Horst-Wessel-Straße 25. Man erreicht sie vom Vorderhaus aus, durch
den Hof. Sie bietet dem Beschauer ihre nördliche Längsfront. Rechts stößt
sie an einen Querflügel. Links ist ihr ein freistehender Holzschuppen zum
Teil vorgelagert. Die übrigen Fronten grenzen an Gärten der
Nachbargrundstücke.
Die Ausmaße der Synagoge sind bescheiden. Der Männerraum ist ein nur wenig
gestrecktes Rechteck von nahezu 8 zu 6,7 Metern. (Horb
8 : 5; Bechhofen 8,5 : 9;
Kirchheim 5,5 : 5,5. Eine hessische
Synagoge von ähnlicher Anlage in Borken
bei Kassel misst beispielsweise 8 : 6,9 (Anm.11). Die Innenhöhe
des Männerraumes der Ellricher Synagoge ist 4,5 Meter. (In
Bechhofen beträgt sie 7 Meter,
Anm. 7: Jüdische Volkskunst in Hessen, 1928, S. 49.
Anm. 8: Fritz Epstein, Kultusbauten und Kultusgegenstände in der Provinz
Hessen, Notizblatt der Gesellschaft zur Erforschung Jüdischer
Kunstdenkmäler, 1906, Nr. 6, S. 12.
Anm. 9: Grotte, op. cit., S. 90, Abb. 53.
Anm. 10: Grotte, op. cit., S. 92.
Anm. 11: F. Epstein, op. cit., Abb. 5. |
in
Horb 5,5, in
Kirchheim 3,5.) Dem Betraum ist an
der westlichen Schmalseite ein Vorraum von 3 zu 6,5 Metern angeschlossen.
Über dem Vorraum erhebt sich die Frauenempore. Der Treppenaufgang zur Empore
liegt im Querflügel, in dessen Keller sich, angrenzend an die Synagoge, das
jetzt verschüttete Frauenbad befand. (Die Zorge fließt in der Nähe.) Die
Emporenlage auf der westlichen Schmalseite und nur auf dieser spiegelt die
bescheidenen Verhältnisse einer Kleingemeinde wider. Die Absonderung des
Aufganges zur Frauenschule, die von dem anstoßenden Flügel aus zugänglich
ist, ist für viele Synagogen kennzeichnend. Eine Ausnahme bildet die
Synagoge in Vollmerz in Hessen, mit
ihren räumlich beieinander liegenden Zugängen zu Männerraum und Frauenempore
in der Vorhalle (Anm.12).
Das Eingangsportal der Ellricher Synagoge befindet sich an der Nordseite, am
äußersten Ende der Front, am Knick, den sie mit dem Querflügel bildet. Die
rundbogige zweiflügelige Holztür ist ein schönes Beispiel der Schreinerkunst
des Barock, mit ihrer Bretterfüllung in Rautenmusterung, nicht unähnlich dem
Portal der 1759 erbauten Synagoge in
Mergentheim. Man steigt eine Stufe hinab, möglicherweise, um des
Psalmverses 130.1 (Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir) zu gedenken.
Vielfach ist die Tiefenlage jedoch auf spätere Aufschüttungen der Straße
zurückzuführen. Eine vertiefte Fußbodenlage weist u.a. die Synagoge in
Hofgeismar, 1763 erbaut, auf.
Man betritt den Vorraum der Ellricher Synagoge von seiner Schmalseite her
und wendet sich nach links in Ostrichtung zum Männerraum hin, der durch zwei
Säulen vom Vorraum getrennt ist. Hauptraum und Vorhalle fließen ineinander.
(In der Grundriss-Skizze von Hochreiter von 1911 sieht man die Betpulte auch
im Vorraum eingezeichnet.) Der Vorraum war als Verlängerung des Betraumes
gedacht. Nur ein kleiner Teil desselben, von der Nordwand zur nordwestlichen
Säule, ist durch eine Schranke abgetrennt, aber auch diese ist durchbrochen
und nicht hoch. Sie ist durch ein
Anm. 12: P. Epstein, op. cit., Abb. 22. |
Gitter
in Laubsägearbeit abgeschlossen. Die Schranke dient als Windfang für die
dahinter liegende Eingangstür.
Der Männerraum der Ellricher Synagoge ist ein einschiffiger Saal, eine
stützenlose Halle. Merkwürdigerweise hat sich in die Literatur die irrige
Meinung eingeschlichen, die Ellricher Synagoge habe Mittelstützen. In einem
Manuskript von Architekt A. Pinthus im Besitz des Archivs des Preußischen
Landesverbandes Jüdischer Gemeinden wird von einer zweischiffigen Anlage mit
zwei Stützen gesprochen. R. Hallo spricht von Innensäulen in der Synagoge
von Ellrich, die die Eckpfosten des Almemor bilden sollen. Beide Annahmen
beruhen offenbar auf einer falschen Deutung des Grundrisses von Hochreiter
von 1911. Der Almemor steht in der Ellricher Synagoge frei im stützenlosen
Mittelteil der Männerschule. Die einzigen vorhandenen Säulen sind die
zwischen Haupt- und Vorraum, sie tragen die Empore.
Während der Männerraum mit einer ostwestlich gerichteten Flachtonne gedeckt
ist, die auf der Tünche, wie in mancher hessischen Synagoge, Spuren blauer
Farbe zeigt, ist die Empore mit einer horizontalen Decke in gleicher Höhe,
mit sichtbaren nord-südlich gerichteten Balken, gedeckt. Die Empore öffnet
sich in der Schildwand der Tonne, die in fünf Pfeiler aufgelöst ist, zum
Männerraum mit sechs Öffnungen. Eine hohe Brüstung mit Holzgitterabschluss
entzieht das Innere der Empore den Blicken. Beide Räume, mit Tonne und
Balkendecke, sind mit einem abgewalmten Ziegeldach gemeinsam gedeckt, das
vor der Renovierung um 1926, wie aus der Hochreiterschen Zeichnung
ersichtlich, die gleiche Form hatte.
Auf seinen freien drei Seiten weist der Männerraum je drei hochgelegene
Fenster auf, die, mit Ausnahme des kleinen rechteckigen Mittelfensters
oberhalb des Schreines an der Ostwand, rundbogig sind. Die Frauenempore
erhält Licht durch ein Nordfenster und drei Südfenster. Zwei Fenster im
Querflügel beleuchten im Obergeschoß den kleinen Vorraum der Weiberschule.
An der Fassade der Synagoge fällt auf, dass die Sturze, in die die
Fensterrahmen eingebaut sind, sich am achten Ständer tot-
|
laufen
und die Sturzriegel im Portalabschnitt der Front in abweichender Höhe
liegen. Es will scheinen, dass dieser Frontteil mit Vorhalle und Empore
darüber dem Bau erst nachträglich angegliedert wurde. Die Synagoge war
offenbar ursprünglich ein freistehender Bau, wohl ein einfacher Speicher.
Auf dem Sturz über dem Außenportal der Synagoge lesen wir die in hebräischer
Quadratschrift eingeritzten Worte: לפרט פדות Das Wort ergibt die Jahreszahl
490 = 1730.
Von Synagogen des gleichen Bautyps sind der Ellricher Synagoge zeitlich am
nächsten die fränkischen Synagogenbauten.
Bechhofen wurde 1733 (Anm.13), Horb
1735 (Anm.14) und Kirchheim
1740 (Anm.15) ausgemalt. Die erhaltenen hessischen Synagogen sind,
nach Epstein, ungefähr in die gleiche Zeit zu datieren. Es sind durchweg
Fachwerkbauten, viele darunter aus Speicheranlagen für den sakralen Zweck
hergerichtet. Wir sehen, dass das Holzfachwerk für den Landsynagogentyp in
Deutschland kennzeichnend ist. Außer den fränkischen und hessischen
Synagogen, die von Toeplitz, Epstein und Hallo untersucht wurden, liegen
Vorarbeiten vor über die Fachwerksynagoge in Burgsteinfurt in Westfalen
(Anm.16), Hechingen in Hohenzollern
(Anm.17), Dramburg in Pommern (Anm.18), Hallo hat sich
eingehender mit der nicht mehr erhaltenen Töpfermarktsynagoge in Kassel
(Anm.19) beschäftigt, einem Hintergebäude in Fachwerk (wie die Synagoge
in Ellrich), das Johann Friedrich Jussow 1756 vollendet hat, und mit der
Fachwerksynagoge in Hofgeismar, die 1763 entstand. (Sie wurde seinerzeit
verkauft und ihrer Bestimmung entzogen.) In Hofgeismar (Anm.20) haben
wir die Empore im Westen, wie in Ellrich, die Dachformen sind jedoch
differenzierter: es ist ein
13 E. Toeplitz, Die Malerei in den Synagogen (bes. Franken), in Beiträge
z. Jüd. Kulturgesch. usw., 1929, S. 6.
14 A. Eckstein, Die Synagogenmalereien von Horb a. M. usw., Barnberger
Volksblatt, Beilage, 1924, Nr. 7.
15 Toeplitz, Die Malerei in den Synagogen usw., S. 6.
16 Notizblatt der Gesellschaft zur Erforschung Jüdischer Kunstdenkmäler, Nr.
25, S. 9.
17 Notizblatt d. Ges. usw., Nr. 26, S. 7.
18 Notizblatt d. Ges. usw., Nr. 25, S. 12.
19 R. Hallo, Kasseler Synagogengeschichte, 1931, S. 21.
20 R. Hallo, Jüdische Volkskunst in Hessen, 1928, S. 61. |
Mansardendach
mit anschließendem normal zur Außenseite gerichtetem Satteldach. Die Fenster
weisen neugotische Gliederungen auf.
Die Ellricher Synagoge ist, wie aus dem Vergleichsmaterial zu ersehen, ein
durchaus bodenständiger Bau und ein zeitlich frühes Beispiel des Bautyps,
den sie repräsentiert.
Wir werden auf die osteuropäischen Einflüsse, die sich immerhin in ihr
geltend machen, noch zurückkommen. Um uns das Bauprogramm der Synagoge des
18. Jahrhunderts zu vergegenwärtigen, wird es jedoch nötig sein, an die
größeren, führenden Synagogenbauten der Zeit zu denken.
Da ist die 1855 abgerissene 'Neuschule' in Frankfurt a.M. (Anm.21).
Sie ist 1711 entstanden, ein Steinbau mit einer noch gotisierenden Fassade
und mittelalterlichen Kreuzrippengewölben. Eine dreigeschossige Frauenempore
auf der nördlichen Breitseite des Betraumes zeugt für die zahlenmäßige
Bedeutung der Gemeinde. Wir haben hier eine Großstadtsynagoge vor uns, die
wichtigste Synagoge der Zeit. Die Berliner Synagoge in der
Heidereuter Gasse (Anm.22), von Kemmeter 1712—1714 erbaut, hat als
Repräsentationsbau eine vielleicht etwas geringere Bedeutung, was schon aus
der Lage des Grundstückes zu ersehen ist. Während der Frankfurter Bau seine
Fassade der Straße (Bernheimer Straße) zuwendet, wurde die Berliner Synagoge
auf einem Hintergrundstück (des Hauses des Kammergerichtspräsidenten Sturm)
erbaut (Anm.23). Sie besaß eine doppelgeschossige Empore, aber nur
auf der westlichen Schmalseite (die jetzige dreiseitige Empore, die von
Treppenhäusern flankierte Vorhalle, sogar die Decke des Betraumes, die
Vorlesekanzel und der Schrein gehören nicht zum ursprünglichen Bau).
Der Synagogentyp, der in Berlin im Anfang des 18. Jahrhunderts geschaffen
wurde: einschiffiger Saal mit flacher durch eine Hohlkehle vermittelter
Decke und Westempore ist das Vor-
Anm. 21: Krautheimer, op. cit., Abb. 90 u. 91.
Anm. 22: Krautheimer, op. eit., Abb. 100.
Anm. 23: Singermann, Jüdische Denkwürdigkeiten Berlins, Gemeindeblatt der
Jüdischen Gemeinde Berlin, 5. Mai 1935. |
bild
vieler kleinerer Synagogen geworden, darunter auch der Ellricher Synagoge.
Der Wert der Ellricher Synagoge leitet sich hauptsächlich von der Beziehung
dieses Baues zum Synagogentyp her, der in Berlin geschaffen wurde. In ihrer
provinziellen Abgeschiedenheit konnte sie sich manches bewahren, was in
Berlin dem fortschreitenden Geschmack zum Opfer fiel. Die Atmosphäre des 18.
Jahrhundert, die uns Göblins Stich der Berliner Synagoge, um 1720 entstanden
(Anm.24), vermittelt, ist in Ellrich noch zu spüren.
Mit welchen Formmitteln ist sie erzeugt worden ? Da ist von dem alten
Zubehör der Synagoge das Gestühl noch vorhanden, während das der
Berliner Synagoge in der Heidereuter Gasse verschwunden ist. Es befindet
sich in Ellrich auf dem alten Standort, läuft an den Längswänden entlang,
setzt sich zu beiden Seiten des Schreines an der Ostwand fort, sowie auch an
der Westseite, wo es an die Schranke gelehnt erscheint. Der Almemor in der
Mitte bildet somit den natürlichen Blickpunkt für die ganze Gemeinde. Die
gleiche Anlage zeigte die Frankfurter Neuschule, wie aus einer
Zeichnung von 1855 (Anm.25) zu ersehen ist. Nicht nur die Wandsitze
stehen in Ellrich unverrückt da, auch die beweglichen Schulstände' mit ihren
Schubfächern bzw. Schränkchen für die Gebetbücher (solche sind auch noch in
der Synagoge in Eckershausen erhalten (Anm.26) befinden sich auf
ihren alten Plätzen.
Der Almemor der Ellricher Synagoge stammt allerdings nicht aus der Zeit der
Synagoge, aber er bewahrt die traditionelle Anlage mit den Zugängen in Nord
und Süd. Wie durchweg im 18. Jahrhundert, bildet dieser Almemor eine nur
wenige Stufen hohe Estrade von ziemlicher Ausdehnung (3,10 Meter
Durchmesser).
Die achteckige Brüstung des Almemors (sie hatte die früher vorherrschende
viereckige Gestalt verdrängt) ist mit Rokoko-Kartuschenfüllungen geschmückt,
die weder in den schweren Profilen des Rahmenwerks, noch in den geradlinigen
strengen Grund- und Aufrissformen Entsprechung finden. Es handelt sich hier
um
Anm. 24: Krautheimer, op. cit., Abb. 100.
Anm. 25: Krautheimer, op. cit., Abb. 89.
Anm. 26: F. Epstein, op. cit., Notizblatt Nr. 6, S. 15.
|
ein
Spätrokoko aus dem ]Ende der 40er-Jahre des 19. Jahrhunderts (Anm.27).
Diese Annahme findet eine Bestätigung in den Mitteilungen von Arthur
Warburg, Nordhausen, des Nachkommen der Ellricher Warburgs, denen das
Synagogengrundstück gehört hatte. Die Vorlesekanzel war eine Stiftung der
Warburgs, die Anfang der 50er-Jahre aus Ellrich nach Nordhausen
übersiedelten. Es waren das Levi Jehuda und Josef Warburg.
Sehr wertvoll ist das in der Ellricher Synagoge erhaltene Lichtgerät.
Da sind die fünf Kronleuchter in Gelbkupfer, die vor der Ostfront des
Almemors hängen. Über den Wandsitzen sind noch etliche sehr reizvolle
Wandblaker, ebenfalls in Gelbkupfer mit Ovalschild und Muschelaufsatz
darüber erhalten. Ähnliche Blaker besaß die Berliner Synagoge.
Der Hl. Schrein der Ellrieher Synagoge gehört zu ihrem alten Bestand.
Der zweiflügelige Eichholzschrank ist 1,80 breit (mit den Schnitzereien an
den Außenseiten misst er 2,20 Meter) und 2 Meter hoch. Er trägt außerdem
einen Aufsatz von 1,40 Höhe. Es ist eine Dreipilasterädikula mit verkröpftem
geradlinigem Gebälk auf einem sockelförmigen Unterteil. Das durchbrochene
Schnitzwerk, das den Schrein seitlich umrahmt, — eine Weiterentwicklung der
Voluten des Barock, — ist aus Akanthus und Stabwerk gebildet, die Kapitelle
der Pilaster aus je einem aufsteigenden Akanthusblatt. Der Schrein hat
nichts von den mehrflügeligen, mehrgeschossigen, mit reichem Tierdekor in
Kerbschnitt geschmückten Schaufassaden der osteuropäischen
Synagogen-Schreine. Der Ellricher Schrein ist eine durchaus bodenständige
Schöpfung, etwas bäuerlich in seiner untersetzten Gestalt. Das Schnitzwerk
an den Außenseiten des Schreines ist von Kirchenaltären her bekannt, man
denke etwa an den Schnitzaltar der 1680 erbauten Johanneskirche in
Halberstadt. Nur die Bekrönung mit den Gebotetafeln erscheint als eine
Besonderheit des Synagogenschreins.
Anm. 27: Ebenso liegen wohl die Dinge in der Synagoge in Märkisch
Friedland, die 1840 erbaut wurde. Ihr Rokokoschrein wird wohl aus der
gleichen Zeit stammen und kaum aus der älteren, 1770 entstandenen Synagoge
übernommen worden sein. |
Der
Schreinaufsatz ist wappenartig aufgebaut. Au der Stelle des Wappenschildes
sehen wir die Doppeltafel des Bundes, die Schildträger sind steigende Löwen,
die Krone ist die symbolische Krone der Lehre. Ähnliche Löwen mit bleckenden
Zungen, pelzkragenartigen Mähnen und einer Bügelkrone begegnen uns in der
Umrahmung des Fürstengebetes im Kasseler Memorbuch von 1725
(Anm.28). Bauernkunstmäßige Blumenvasen ergänzen den Schmuck des
Schreines. Drei Stufen, eingefasst von einer gemauerten geradlinigen
Brüstung, führen zum Schrein hinauf.
Unter den Holzarbeiten fällt in der Ellricher Synagoge der alte schöne
Opferstock auf, der an der nordwestlichen Säule, unweit des Eingangs,
aufgestellt ist. Der pfahlartige, in Baluster aufgelöste Almosenständer
findet ein Gegenstück in der Synagoge in Münden (Anm.29), wo er
allerdings als Herme im Geschmack des Louis Seize behandelt ist. Ein
einfacher ungegliederter Block ist der Armenstock in der Synagoge in
Rotenburg a. F. (Anm.30).
Neben der Ellricher Form, die der des kirchlichen Almosenstocks verwandt
ist, kennen wir den Opferstock in Gestalt eines Armes mit ausgestreckter
Hand. Diese Form leitet sich von der Bettlerfigur (gelegentlich der des
Lazarus) her, die als Armenstock in der Kirche ebenfalls Verwendung findet.
In dem nahen Witzenhausen (Anm.31)
hat der synagogale Opferstock die Form eines Armes. Besonders schön ist der
Arm mit dem barock gebauschten Ärmel, der den Opferstock in der Synagoge in
Halberstadt bildet.
Die Ellricher Synagoge erhält ihre Bedeutung nicht zuletzt auch von ihrem
Inschriftenschmuck. Wir kennen die Portalinschrift mit dem
Entstehungsjahr, das in das Wort 'Erlösung' hineingeheimnisst ist. Auf dem
Verputz der Kopfstücke der beiden Emporenstützen liest man in erhaben
ausgeführter Frakturschrift auf deutsch den Psalmvers 150,6; auf dem
südwestlichen Kopf-
Anm. 28: R. Hallo, Kasseler Synagogen, Abb. 4.
Anm. 29: F. Epstein, op.cit., Fig. 15, S. 16.
Anm. 30: E. Epstein, op.cit., Fig. 14.
Anm. 31: Mitteilung der Gesellschaft zur Erforschung Jüdischer
Kunstdenkmäler III/IV, Abb. 91. |
stück:
'Alles, was Odem hat'; auf dem nordwestlichen: 'Lobe den Herrn. Alleluja.'
Die Wahl des Psalmverses ist nicht zufällig. So begegnen uns die
voraufgehenden Verse des gleichen Psalmes 150, 3-5 (Lobet Ihn mit
Posaunenschall. Lobet Ihn mit Saitenspiel und Flöten usw.) in der Neuen
Betschule in Posen, die, nach Grotte, 1803 erbaut wurde. Dort sind
sie hebräisch als Erläuterung zu den auf der Schreintür geschnitzten
Musikinstrumenten zu lesen (Anm.32). Anfang des 19. Jahrhunderts wird
der Hl. Schrein häufig mit Darstellungen der Musikinstrumente, mit denen
Gott im Psalter verherrlicht wird, geschmückt. Solche 'Instrumentenschreine'
sind in einer Reihe von Synagogen, von denen wir nur Kempen (1815)
nennen, zu finden (Anm.33). Die Psalmverse werden gelegentlich
fehlen, das Bild bleibt. In der Synagoge in Ofen, Ungarn, schmücken
Leier, Harfe und Trompeten Brüstung und Geländer der Almemortreppe (Anm.34).
In der Synagoge in Horb gehören die
Musikinstrumente zu einer symbolischen Vision, die ikonographisch von großem
Interesse ist. Hier sehen wir an der östlichen Schildwand der Tonnendecke,
also oberhalb des Toraschreines, ein Gemälde mit Darstellungen Jerusalems,
des Ölbergs mit der Taube auf einem Ölbaum, ferner des Feststraußes des
Lulab und der Etrogim, die durch eine Beischrift aus Lev 23,40
gekennzeichnet sind. Früchte, offenbar Symbole der Fruchtbarkeit der
künftigen Zeit, füllen Körbe und Vasen, Löwen stoßen in Trompeten, zwei
Schofarim hängen an Ketten herunter. Die zweite Beischrift des Bildes ist
der etwas abgewandelte Psalmvers 98.6 : Mit Trompeten und Schofar posaunt
vor dem Herrn und König. Es ist hier nicht der Platz, die messianische
Bedeutung dieser Vision zu erörtern (Anm.35).
Anm. 32: Die Neue Betschule in Posen ist 1908 abgebrochen. Der
geschnitzte Schrein ist in die Latzsche Siechenanstalt in Posen überführt
worden, vgl. Grotte, op. cit., S. 47.
Anm. 33: Grotte, op. cit., S. 46—48.
Anm. 34: R. Wischnitzer-Bernstein, Jüdische Kunsteindrücke in Budapest,
Jüdische Rundschau vom 3. Sept. 1937, Nr. 70/71 mit Abb.
|
Man
wird jedoch wohl nicht fehlgehen, wenn man den in der Synagoge in Ellrich
vorkommenden Psalmvers 150,6 , der sich auf die Verherrlichung des Herrn mit
Musikinstrumenten bezieht, als Überrest eines messianischen Bilder- und
Textekreises auffasst, der in zahlreichen osteuropäischen Synagogen
Verbreitung gefunden hatte.
Wir wenden uns nun den hebräischen Inschriften der Emporenbrüstung der
Ellricher Synagoge zu. Sie laufen in 6 Spalten. Spalte 1 (von rechts
nach links gelesen) lautet in deutscher Übersetzung: Der Mensch grämt sich
um den Verlust seines Geldes, er sorgt sich nicht um den Verlust seiner
Tage. Sein Geld steht ihm nicht bei, seine Tage kehren nicht wieder
(Anm.36). Spalte 2: Sprüche 3,25; Jesaja 8,10 und Jesaja 46,4
(dem Siddur entnommen). Spalte 3 enthält das Sabbatgebet für
Neumondverkündigung: Der unseren Voreltern Wunder getan und sie aus der
Sklaverei zur Freiheit geführt, er erlöse uns bald... Spalte 4 bringt
den Segensspruch zum Aufheben der Tora (Anm.37). Spalte 5
bringt die Worte des Auftaktes zum Ofan für Sabbat und Feste (dem Machsor
entnommen): Und die Tiere (der Vision Ezekiel) singen und die Cherubim
verherrlichen, die Seraphim jubeln und die Erelim preisen . . . Spalte 6
enthält eine Ermahnung zur Ruhe während der Toraverlesung (Anm.38).
Unter den sechs Spalten läuft auf dem Horizontalbalken, der auf den Säulen
ruht, die Inschrift: בזאת יבא אהרן אל הקודש אהרן במהודר משה יצו מקק וילגא
הבירה במדעות ליטא יאע . So soll Aaron ins Heiligtum kommen. Aaron, Sohn des
R. Moscheh aus der Heiligen Gemeinde Wilna, Hauptstadt von Litauen. Sein
Gott und Erlöser möge ihn bewahren.
Aaron von Wilna, der in der Synagogeninschrift erwähnt erscheint, stand
offenbar in einer Beziehung zur Synagoge. Wir
Anm. 36: Gleiche Inschrift in der Syn. in Gwozdziec, dat. 1718, vgl. A.
Breier, M. Eisler und M. Grunwald, Holzsynagogen in Polen, 1934, S. 14.
Anm. 37: In der Synagoge in Gwozdziec ist in einer Inschrift die Bede vom
Aufgerufenen, der den Segensspruch sagt. Vgl. Breier usw., op. cit., S. 13.
Anm. 38: In den Inschriften der Synagoge in Gwozdziec ist diese Ermahnung
ebenfalls zu lesen. Der Spruch ist Sota Anm. 39: entnommen. Vgl. Breier
usw., op. cit., S. 13.. |
dürfen
in dem Mann wohl den Rabbiner vermuten und den Kompilator der Schrifttexte,
die die Synagoge schmücken. Die Anspielung auf Lev 16,3, wo vom Hohepriester
Aaron die Rede ist, berechtigt vielleicht zu der Annahme. Wir erwähnen in
diesem Zusammenhang, dass ein Mosche Aschkenas von Wilna im Jahre 1775
Rabbiner in Hessen war (Anm.39).
Auf der Schildwand der Ostseite über den rundbogigen Fenstern, zu beiden
Seiten des Schreins, sehen wir je einen Schriftstreifen, von gemalten Löwen
gehalten. Sie enthalten das Gebet, das beim Ausheben der Tora gesagt wird,
und das Gebet, das beim Hineinstellen der Torarolle gesprochen wird. Unter
den Schrifttafeln läuft in größerer Quadrata der Vers Amos 3,8: Der Löwe
brüllt, wer sollte sich da nicht fürchten? (Anm.40).
Der Amosvers bezieht sich auf die gemalten Löwen, die als einziger Bilddekor
in der Ellricher Synagoge auftreten, abgesehen von den plastischen Löwen des
Schreinaufsatzes. Es ist recht gut denkbar, dass die Ellricher Synagoge,
bevor sie den gegenwärtigen klassizistischen, sehr nüchternen Palmetten und
Lorbeerdekor in Schablonenmalerei erhielt, mit Malereien geschmückt war, die
die Inschriften illustrierten. Die Schriftzeichen der Inschriften mit ihren
blumigen Enden und den gegliederten Vertikalbalken verraten noch den Duktus
des 18. Jahrhunderts. Sie sind später aufgefrischt worden.
Die Verwandtschaft der Ellricher Inschriften mit Inschriften galizischer
Synagogen aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts, die wir feststellen konnten,
ist wohl auf die Mitarbeit des Aaron von Wilna zurückzuführen, der in ihrer
Zusammenstellung einer östlichen Tradition folgte. Es wäre interessant,
Näheres über das Inschriftenmaterial der litauischen Synagogen zu wissen,
jedoch liegen uns keine Arbeiten auf diesem Gebiete vor.
Unter den datierten Gegenständen in der Ellricher Synagoge
Anm. 39: R. Hallo, Kult- und Kunstdenkmäler im Hessischen Landesmuseum zu
Kassel, Morgen, 4. Jahrgang, Berlin 1928 S. 26.
Anm. 40: Der Amosvers erläutert in der Synagoge von Chodorow, dat. 1714, das
Sternzeichen des Löwen; vgl. Breier usw., op. cit., S. 11.
|
ist
die Misrachtafel vom Vorbeterpult zu nennen, die mit 1776 bezeichnet
ist. Die an der Nordwand der Männerschule hängende Tafel mit dem
Fürstengebet für Friedrich Wilhelm III. ist 1813 datiert. (Das Edikt
Friedrich Wilhelm III., das die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in
Preußen regelte, war am 11. März 1812 erlassen worden.)
In der Vorhalle der Synagoge steht an der Rückwand eine einfache Truhe
mit Spuren von Bemalung. Sie bewahrt ein kupfernes Waschbecken mit
Wasserbehälter. An der Südwand des Männerraumes, unweit der Schreinwand,
hängt eine gusseiserne Laterne, eine Arbeit des 19. Jahrhunderts, für
das Ewiglicht. In der Grundriss-Skizze von Hochreiter ist die Laterne in der
Vorhalle eingezeichnet, wo sie wohl früher gehangen hat. Über den Standort
des Ewigen Lichts herrschte in den Synagogen keine Übereinstimmung. Die
Westlage, die dem früheren Standort in der Ellricher Synagoge entspricht,
ist in Bechhofen, Kempen, Kurnik,
Deutsch-Krone und in älteren Synagogen in Lemberg, der
Vorstadtsynagoge (1632) und der Alten Synagoge, sowie in Zolkiew,
Ende des 17. Jahrhunderts, festzustellen (Anm.41).
Als datiertes Stück im Besitz der Ellricher Gemeinde ist der Toraschild
von 1769 zu nennen. Es wurde der Synagoge von der Chewra Kadischa gestiftet
und trägt auf zierlich getriebenen Rokokoschildchen die eingravierten Namen
von 13 Mitgliedern der Begräbnisbruderschaft. Im Innern des Wechselrahmens
für die Täfelchen des Festkalenders ist auf hebräisch der Name 'Schelomo
Pach, Dessau' eingraviert. Die Abbreviatur 'Pach' wurde häufig zur
Bezeichnung des Stempelschneiders und des Medailleurs gebraucht. So ist J.
Abraham auch in seiner Grabschrift und der Grabschrift seines Sohnes, des
Medailleurs Abraham Abramson, auf dem Friedhof in der Großen Hamburger
Straße in Berlin so bezeichnet (Anm.42).
Der Toraschild trägt auf seiner Schauseite die Inschrift: Dies
Anm. 41: Grotte, op. cit., S. 41 und Taf. 4 u. 5.
Anm. 42: Alb. Wolf, Einiges über jüdische Kunst und ältere jüdische
Künstler, Mitt. z. jüd. Volkskunde, XV, 1905, S. 18. |
ist
eine Spende der Chewra Kadischa der Hl. Gemeinde Ellrich. Im Jahre 529 nach
der kurzen Zeitrechnung (1769 der gewöhnlichen Zeitrechnung).
Unter den Beleuchtungskörpern haben wir die fünf Kronleuchter für Kerzen aus
Messing genannt, von denen einer mit dem preußischen einköpfigen Adler und
die übrigen mit dem Doppeladler geschmückt sind. Auf den Brüstungen der
Schreintreppe sind eiserne Stacheln für Jahrzeitlichter vorgesehen.
Besondere Gestelle für die Totenlichtstacheln sehen wir dagegen in
Bechhofen (Anm.43) und in
Rotenburg a.F. (Anm.44).
Auf der rechten Brüstung der Schreintreppe erhebt sich ein Chanukkaleuchter
aus Gelbkupfer mit mächtig profiliertem Schaft, grazilen Armen und
Aufsteckblumen am Schaft. Außer den neun Armen für die Chanukkakerzen mit
ihrem Dienerlicht, weist er einen Dorn am Schaft und einen rückwärtigen Arm
auf. Auf der Brüstung des Almemors stehen schlanke doppelarmige
Empireleuchter und einkerzige Leuchter.
Für die Entstehungszeit der Ellricher Gemeinde liefert einen Anhaltspunkt
die Totenliste von Ellrich (Anm.45). Sie ist in einem Statuten- und
Rechnungsbuch der Ellricher Chewra Kadischa enthalten. Sie beginnt mit dem
Jahre 1704 (und schließt mit 1898), also lange vor dem Datum der Vollendung
der Synagoge, das auf dem Synagogenportal zu lesen ist.
Der vorliegenden Arbeit liegt ein Reisebericht zugrunde, den ich für die
Jüdische Gemeinde in Berlin verfasst habe. Ich besuchte Ellrich im März 1937
(Anm.46). Späterhin wurde mir das Familienarchiv von R.-A. Arthur
Warburg zugänglich, das im Preußischen Lan-
43 Mitt. d. Ges. z. Erforsch. Jüd. Kunstdenkm., III/IV, fig. 35.
44 F. Epstein, op. cit., S. 14, Abb. 13.
45 Ich spreche hier meinen Dank Herrn Dr. Jacob Jacobson aus, der mich auf
die im Besitz des Jüdischen Gesamtarchivs, Berlin, befindliche Totenliste
von Ellrich hinwies.
46 Bei der Besichtigung der Synagoge waren mir besonders Herr und Frau Fritz
Lieberg und Herr Wilhelm Nußbaum in Ellrich behilflich, denen ich zu großem
Danke verpflichtet bin. Frau Käthe Katzenstein, jetzt Palästina, machte mich
zuerst auf die Synagoge aufmerksam. |
desverband
Jüdischer Gemeinden aufbewahrt wird. Es enthält einen Bericht von Rabbiner
Martin Koppenheim, dessen Untersuchung der Inschriften der Ellricher
Synagoge von mir zum Teil verwertet wurde. Jedoch habe ich beim Nachweis der
Quellen der Schriftstellen nicht nur die Bibel, sondern hauptsächlich den
Siddur und den Machsor herangezogen, weil es wichtig war zu zeigen, wie die
Synagogeninschriften vom liturgischen Gebetzyklus bestimmt waren. In Polen
bildeten sie das Programm für die Wand- und Deckenmalereien der Synagogen.
Bild und Gebet waren eine Einheit.
Der Landesverband besitzt unter seinem Ellricher Material ein
handschriftliches Gutachten des Architekten Alex Pinthus, Köln-Sülz, vom
Jahre 1927. Es erwies sich in seinem geschichtlichen Teil insofern als
überholt, als seit 1927 eine Reihe von einschlägigen Veröffentlichungen
erschienen sind. Die architektonische Beschreibung der Synagoge wurde von
Herrn Pinthus lediglich auf Grund von ihm zugegangenen schriftlichen
Mitteilungen unternommen, ohne Untersuchung des Baues an Ort und Stelle.
Hierdurch erklärt sich die irrtümliche Annahme des Verfassers, die Ellricher
Synagoge sei zweischiffig.
Eine Schilderung meiner Reise nach Ellrich habe ich im Gemeindeblatt der
Jüdischen Gemeinde Berlin vom 28. November 1937, Nr. 48, veröffentlicht, mit
Abbildungen des Toraschildes und des Chanukkaleuchters der Ellricher
Synagoge." |
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die kunsthistorisch so wertvolle Synagoge verwüstet und anschließend
abgebrochen. Vom Gebäude ist nichts mehr erhalten.
Adresse/Standort der Synagoge: Jüdenstraße
25, Hintergebäude
Fotos
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum
28.4.2011)
Erinnerung an das
frühere
jüdische Wohngebiet |
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Blick in die
"Jüdenstraße" |
Straßenschilder
"Jüdenstraße" |
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Die Synagoge in
Ellrich
(Quelle: Zeitschrift "Menorah" 1926) |
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Blick in den
Betraum der Männer |
Bimah und
Frauenempore |
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Gebäude "Jüdenstraße
25"
(vor Synagogengrundstück) |
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Hinter dem
Gebäude "Jüdenstraße 25"
stand bis zu ihrem Abbruch die Synagoge |
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| Erinnerung an frühere
jüdische Geschäfte |
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In
einer Schaufensterauslage des Heimatmuseums in der Jüdenstraße finden
sich
Erinnerungen an das frühere Ellrich, u.a. mit einer Übersicht
über "alte Geschäfte"
um 1930 mit Namen jüdischer Geschäfte wie Max Bernstein (Konfektion), E.
Frohnhausen,
Inh. W. Nussbaum (Manufaktur- und Modewaren). Auf einer historischen
Ansichtskarte
findet sich das Geschäft von E. Frohnhausen. |
Das Gebäude des
früheren Manufaktur-
und Modewarenhauses E. Frohnhausen
zeigt sich wenig verändert |
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Gedenken an die Opfer der
NS-Zeit
auf dem Platz vor der Kirche |
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Gedenkstein mit
Inschrift "Zum Gedenken an die Gefallenen und Vermissten des 1. und
2. Weltkrieges
und Opfer jeglicher Gewaltherrschaft"; eine
Gedenktafel speziell für die jüdische Gemeinde
findet sich am jüdischen
Friedhof. |
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Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
März / Juni 2015:
In Ellrich werden "Stolpersteine"
verlegt
Vgl. Wikipedia-Artikel
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Ellrich |
Artikel in nnz-online vom 6. März 2015:
"Stolpersteine in Ellrich
Seit über einem Jahr forschen Schüler der Oberschule Ellrich, unterstützt von ihren Lehrerinnen und dem Familienverein Ellrich, zum Schicksal ehemaliger jüdischer Familien in ihrer Heimatstadt. Zum Abschluss des Projekts
werden Stolpersteine in Gedenken an die ehemaligen Ellricher Mitbewohner am 18. Juni 2015 gesetzt. Zu den ursprünglich vorgesehenen zwei Standorten kommt nun ein dritter Ort hinzu...."
Link
zum Artikel |
| Anmerkungen: Es werden Stolpersteine
verlegt: in der Lindenstraße 1 für Max Bernstein und Selma Bernstein
geb. Nußbaum, in der Bahnhofstraße 4 für Selmar Ballin, Bertha Ballin,
Elsa-Margarete Kleimenhagen geb. Ballin, Elisabeth Süsskind-Ballin geb.
Ballin, in der Bahnhofstraße 13 für Walter Richter und Hans
Richter. |
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Artikel in der "Thüringer
Allgemeinen" vom 19. Juni 2015: "Acht Stolpersteine in
Ellrich gesetzt..."
Link
zum Artikel |
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Artikel in nnz-online vom 22. Juni 2015: "Stolpersteine
gesetzt - Projekt beendet
Das Projekt: 'Miteinander in Ellrich – Spurensuche – jüdische Familien
damals' ist formal mit der Setzung von acht Stolpersteinen beendet worden.
Das Gemeinschaftsprojekt der Oberschule Ellrich und des Familienvereins
Ellrich wurde seit September 2013 betrieben...
Unter großer Anteilnahme, moderiert durch den Bürgermeister Matthias Ehrhold
wurden in der vergangenen Woche in der Jüdenstraße Ecke Lindenstraße die
ersten beiden Steine für Max und Selma Bernstein gesetzt. Der aus Berlin
stammende Künstler Gunter Demnig bekundete, mit der Stadt Ellrich den 1052.
Ort mit Stolpersteinen bereichert zu haben. Zum Sinn der Stolpersteine
äußerte der Künstler 2009 im Hamburger Abendblatt: 'Wer den Namen des Opfers
lesen will, muss sich herunterbeugen. In diesem Moment verbeugt er sich vor
ihm. Ein Mensch ist vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Mit einem
Stolperstein soll an das individuelle Schicksal erinnert werden - und zwar
an dem Ort, wo das Grauen begann.' Die beteiligten sechs Schüler der
Oberschule Ellrich legten zum Gedenken an die ehemaligen Mitbewohner ihrer
Heimatstadt Rosen nieder. Sie gedachten auch in der Großen Bahnhofstraße 04
der Familie Ballin und in der Nr. 13 Walter und Hans Richter. Mit den
Steinen vor den Häusern wurde die Erinnerung an die Menschen wieder
lebendig, die hier wohnten. Durch die Folgen des Rassenwahns der
Nationalsozialisten getrennt, wurden ihre Namen und ihr Schicksal 70 Jahre
nach Ende des 2. Weltkrieges wieder zusammengeführt. Es war immer ein
Anliegen des Projekts, den Schülern einen Zugang zur besonderen Geschichte
ihrer Heimatstadt Ellrich zu gewähren. Mit ihren Forschungen, ihren
Exkursionen zu den Orten des Geschehens, dem Besuch der 'Alten Synagoge' in
Erfurt, der Ausstellung zum jüdischen Leben in der Flohburg und vor allem
durch Gespräche mit älteren Menschen, die noch aus ihren
Kindheitserinnerungen aus der Zeit des Nationalsozialismus berichten
konnten, sind sie selbst zu Zeitzeugen geworden. In der öffentlichen
Stadtratssitzung am 6. Juli werden drei Schüler der Projektgruppe ihre
schriftliche Arbeit zum Thema vorstellen. Allen Beteiligten und
Unterstützern des Projekts sei an dieser Stelle ausdrücklich gedankt. Für
den Familienverein Ellrich, Torsten Fuhr."
Link zum
Artikel |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
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Germania Judaica II,1 S. 201; III,1 S. 297. |
 | Peter Kuhlbrodt: Die Synagoge in Ellrich (1730-1938) In: Meyenburg-Museum (Herausgeber) Beiträge zur Heimatkunde aus Stadt- und Kreis Nordhausen, Heft 9, Nordhausen 1984, S. 72-77. |
 | Zeugnisse jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in
Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und
Thüringen. Berlin 1992. S. 260-261. |
 | Israel Schwierz: Zeugnisse jüdischer Vergangenheit
in Thüringen. Eine Dokumentation - erstellt unter Mitarbeit von Johannes
Mötsch. Hg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen ( www.lzt.thueringen.de)
2007. Zum Download
der Dokumentation (interner Link). Zu Ellrich S. 100-103. |
 | Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des
Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Band 8 Thüringen. Frankfurt 2003. S.
182. |
 | Stefan Litt: Juden in Thüringen in der Frühen
Neuzeit (1520-1650). Veröffentlichungen der Historischen Kommission für
Thüringen. Kleine Reihe Band 11. 2004. u.a. S. 55-58. |
 | Peter Kuhlbrodt: Verzeichnis der Nordhäuser
jüdischen Familien zur Zeit des Neuanfanges im Jahre 1808, 1922 und 1829. Beitrag
von 2006 - online zugänglich. Hierin findet sich eine Zusammenstellung
der in Ellrich 1808 lebenden jüdischen Familien. |
n.e.

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