Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Bechtheim (VG Westhofen, Landkreis Alzey-Worms)
Jüdische Geschichte / Synagoge
   

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos     
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde          
   
In Bechtheim bestand eine jüdische Gemeinde bis um 1880. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. 

Bei der Volkszählung 1804 wurden 60 jüdische Einwohner am Ort erfasst. Die Zahl stieg bis um 1840/50 auf über 100 (bis zu 30 Familien) an, doch begann bereits damals eine starke Ab- und Auswanderung der jüdischen Familien. 1855 wird davon berichtet, dass in den vergangenen Jahren zwei Familien nach Worms verzogen und sieben nach Amerika ausgewandert seien (vgl. die Familie von Joseph Simon s.u.). 1861 wurden noch 96 jüdische Einwohner gezählt, die freilich in den folgenden Jahren gleichfalls weggezogen sind. Mehrere Familien verzogen in der benachbarte Osthofen. 1885 wurden keine Juden mehr gezählt.  

Bechtheim Israelit 09081897.jpg (29626 Byte)Über die Auflösung der Gemeinde berichtete die Zeitschrift "Der Israelit" am 9. August 1897: "Aus Rheinhessen. Die noch vor wenigen Jahren ziemlich starke israelitische Gemeinde in Bechtheim ist infolge Wegzuges sämtlicher Israeliten aufgelöst. Das Gemeindevermögen fiel der israelitischen Kultusgemeinde Osthofen zu, wohin die meisten der ehemaligen Gemeindemitglieder verzogen sind. Die Kultusgegenstände werden an bedürftige israelitische Gemeinden verteilt."  

An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule und ein rituelles Bad. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der auch als Vorbeter und Schochet tätig war.  
 
Von den in Bechtheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Paul Joseph (1886), Regina Schmidt geb. Wendel (1879), Jacob Wendel (1876).  
      
      
      
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde  
    
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde wurden in jüdischen Periodika des 19./20. Jahrhunderts - außer den oben und den unten zitierten Berichten - noch nicht gefunden.  
    
    
Zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde    

Hinweis auf den US-Senator Joseph Simon (1851-1935)  
Joseph_Simon_of_Oregon.jpg (57895 Byte) Joseph Simon ist am 7. Februar 1851 in Bechtheim geboren als Sohn von David Simon und seiner Frau. 1852 ist die Familie in die USA ausgewandert und ließ sich in Portland, Oregon nieder. Joseph Simon war von 1889 bis 1892 und von 1895 bis 1898 President of the Oregon State Senate und von 1898 bis 1903 United States Senator from Oregon. Er starb 1935 in Portland und wurde im Beth Israel Cemetery ebd. beigesetzt. Er blieb unverheiratet. 
Weitere Informationen siehe http://en.wikipedia.org/wiki/Joseph_Simon.  

    
    
    
Zur Geschichte der Synagoge                   
    
Die jüdische Gemeinde hatte bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Einrichtungen in der heutigen Unteren Klinggasse. Hier stand auf dem Grundstück Untere Klinggasse 8 das Wohnhaus des jüdischen Lehrers, in dem sich auch der Unterrichtsraum der jüdischen Schule befand. Auf dem Nachbargrundstück (Untere Klinggasse 10) standen die alte Synagoge und das rituelle Bad. Um 1850 befand sich die alte Synagoge jedoch in sehr schlechtem baulichen Zustand. "Aus Sanitätsgründen" drängten die Behörden die jüdische Gemeinde zu einem Synagogenneubau. 1855/56 konnte unweit der älteren Einrichtungen eine neue Synagoge erbaut werden. Die Grundsteinlegung war am 4. März 1855

Im Gemeindearchiv findet sich ein Dokument mit einem Bericht zu Grundsteinlegung: "Bechtheim, den 4. März im Jahre 5615 - ist das Jahr 1855 - nach Erschaffung der Welt. Heute versammelt sich die israelitische Gemeinde dahier zu Bechtheim im Großherzogtum Hessen - Provinz Rheinhessen Kreis Worms und legte den Grundstein zu einer neuen Synagoge, - welche aus Mitteln der Gemeinde und verschiedene milde Beiträge von manchen Wohltätern erbaut wird, - und zwar unter den Verwaltung des derzeitigen Vorstandes [...] Das Grundeigentum der Gemeinde besteht gegenwärtig aus: a. einem Wohnhaus für den Lehrer, - worin zugleich das Lokal, in welchem der Unterricht der Schuljugend erteilt wird sich befindet [Untere Klinggasse 8], nebst angrenzendem Garten auf dessen oberen Teil die Synagoge erbaut wird [Martin-Luther-Straße 4]. b einem alten Wohnhäuschen an dem Raum, wo bisher die alte Synagoge gestanden, und nahe dabei ein Frauenbad [Untere Klinggasse 10.]

Die Bauaufsicht hatte der Techniker Binz aus Worms übernommen. Finanziert werden konnte der Bau nur mit Hilfe von großzügigen Spenden, darunter eine in Höhe von 1.000 Gulden von dem in Alzey lebenden Herrn A. Florian Belmont sowie mehrere von inzwischen in Amerika lebenden Familien. Anfang 1857 war das Gebäude fertig. Die Einweihung wurde am 23. Januar 1857 gefeiert; ein dreitägiges großes Fest für den ganzen Ort schloss sich an. Am Sabbat, 24. Januar 1857 (28. Tevet 5617) fand ein vierstündiger Gottesdienst statt. Prediger Dr. Levysohn aus Worms hielt die Einweihungspredigten; als Vorbeter wirkte Lehrer S. Sonnenberg. Ein Bericht in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 9. Februar 1857 enthält weitere Einzelheiten:

Bechtheim AZJ 09021857.JPG (185082 Byte)"Bechtheim in Rheinhessen, 26. Januar (1857). Bechtheim im Rabbinatssprengel Worms, zählte vor wenigen Jahren noch über 30 israelitische Familien, reduzierte sich jedoch in Folge der Auswanderung nach Amerika auf 20 Familien. Dieselben, unterstützt von einigen auswärtigen Gönnern, von welchen insbesondere Herr A. F. Belmont aus Alzey, der 1000 Gulden vorgeschossen und nach 20 Jahren erst als rückzahlbar erklärte, erwähnt werden muss, haben nun größtenteils aus eigenen Mitteln eine Synagoge erbaut, deren Geschmack, Eleganz und reichliche Ausstattung sicherlich in keiner Landgemeinde ganz Süddeutschlands zum zweiten Mal anzutreffen sein dürfte. Dieses Gotteshaus ist jetzt die einzige und wahre Zierde des Orts geworden. Freitag, den 23. dieses Monats, fand die Einweihung durch den Prediger Herrn Dr. Levysohn in Worms statt. Herr Dr. Lewysohn predigte auch Samstag, an welchem der Gottesdienst von 10 bis 2 Uhr dauerte, sowie am Sonntag, an dem noch einmal die Gemeinde und die Schuljugend zum Abschiede von dem Herrn Prediger in das Gotteshaus sich versammelten. Mehr als 300 Glaubensgenossen von inner- und außerhalb des Kreises fanden sich zur Feier ein, und alle begingen ein dreitägiges Fest, das jedem Teilnehmer unvergesslich bleiben wird. - Die Einweihungspredigt nebst einem geschichtlichen Anhang über den Bau der Synagoge sind dem Drucke übergeben worden. Ref. (Referent) kann nicht schließen, ohne des dortigen Gemeindelehrers, Herrn S. Sonnenberg, rühmlich zu gedenken, welcher den Gesangs- und musikalischen Teil der Feier auf das Befriedigendste zu besorgen wusste. Möglich die fernen Freunde in Amerika, die ebenfalls ihr Scherflein zum Bau dieses wahrhaft prächtigen Gotteshauses beigetragen, beim Lesen dieser Zeilen die gerechte und wohlverdiente Freude sich gönnen. Sie werden später vom hiesigen Vorstand Predigt und Programm zum Andenken zugesandt erhalten."   

Von der Architektur des Gebäudes her handelt es sich um einen kleinen klassizistischen Saalbau, der sein besonderes Gepräge durch die Ecklisenen sowie die Rund- und Rundbogenfenster erhielt.

Bechtheim AZJ 01061857.jpg (34051 Byte)Über das gottesdienstliche Leben in der Synagoge in Bechtheim liegen nur wenige Berichte vor. Die Gemeinde nahm offenbar noch einige Reformen im gottesdienstlichen Leben vor. So wurde die gemeinsame Konfirmation (für die sonst übliche einzelne Bar Mizwa / Bat Mizwa - Feier) eingeführt. Die "Allgemeine Zeitung des Judentums" berichtet in einem Artikel vom 1. Juni 1857 von 10 Kindern, die am Schawuotfest 1857 (30. Mai 1857) gemeinsam konfirmiert wurden: "Während hier in Worms am bevorstehenden Schebuothfeste 22, ja in der hierher gehörenden Landgemeinde Bechtheim 10 Kinder konfirmiert werden, besteht in Frankfurt a.M., welches 4.000 jüdische Seelen zählt, die Anzahl der Konfirmanden nur in 8; die Gründe dieser befremdenden Erscheinung gedenken wir, wann es uns geeignet erscheinen wird, an dieser Stelle etwas ausführlicher zu besprechen." 
 
Bechtheim Israelit 29061870.jpg (61794 Byte)Die von Bechtheim nach anderen Orten wegziehenden Familien machten es den zurückbleibenden Familien nicht leicht, was die Rückzahlung der noch vorhandenen Schulden für die Synagoge. Nachdem jedoch Hauptsponsor für den Synagogenbau - Florian Belmont aus Alzey - im Frühjahr 1870 verstarb, verzichtete sein Erbe Dr. Ludwig Bamberger auf eine Rückzahlung der noch ausstehenden Schulden. Darüber berichtete die Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Juni 1870: "Bechtheim (bei Worms), 22. Juni 1870. Vor 15 Jahren wurde die hiesige israelitische Gemeinde aus Sanitätsgründen angehalten, eine neue Synagoge zu bauen. Die finanziellen Verhältnisse waren jedoch der Art, dass dies ohne eine Anleihe nicht auszuführen war. Herr Florian Belmont in Alzey übermachte der Gemeinde ein Darlehen von 1.000 Gulden zu dem niederen Zinsfuß von 2 1/2 % nach 20 Jahren zehntelweise rückzahlbar. Nach dem im vorigen Monat erfolgten Tode des Herrn Belmont hat dessen Schwiegersohn und Erbe Dr. Ludwig Bamberger in Mainz der Gemeinde das Darlehen nebst den rückständigen Zinsen geschenkt."

Nur wenige Jahrzehnte (bis 1874) diente die Synagoge ihrer ursprünglichen Zweckbestimmung. Nach dem Wegzug der jüdischen Familien wurde das Gebäude 1894/1900 an die politische Gemeinde verkauft. Im Kaufvertrag wurde bestimmt, dass die Synagoge nicht als "Scheune, Stall oder Abtritt" verwendet werden durfte. Von der politischen Gemeinde wurde sie zu einer "Kleinkinderschule" beziehungsweise zu einem Kindergarten umgebaut und in dieser Weise bis 1962 genutzt. Danach ging das Gebäude in den Besitz der evangelischen Kirchengemeinde über, die es zunächst abbrechen wollte, um hier ein Gemeindehaus zu erbauen. Auf Grund des Einspruches der staatlichen Denkmalpflege kam es nicht zum Abbruch. So blieb das Synagogengebäude erhalten und wird bis zur Gegenwart als evangelisches Gemeindehaus verwendet.  
  
  
 
Adresse/Standort der SynagogeMartin-Luther-Straße 4.  
  

  
Fotos
(Fotos Hahn, Aufnahmedatum 30.3.2005 beziehungsweise Michael Ohmsen, Aufnahmen von Anfang Juli 2011) 

Die ehemalige Synagoge 
im Frühjahr 2005 
Bechtheim Synagoge 200.jpg (57240 Byte) Bechtheim Synagoge 203.jpg (64052 Byte)
  Die ehemalige Synagoge in Bechtheim
  
Bechtheim Synagoge 201.jpg (46020 Byte) Bechtheim Synagoge 202.jpg (40142 Byte)   Bechtheim Synagoge 204.jpg (74577 Byte)
Hinweistafel und Bauinschrift der Bechtheimer Synagoge aus 1. Mose 28.7: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus 
und hier ist die Pforte des Himmels" und in der unteren Zeile der Jahreszahl (5)616 = 1855/56  
   
   
Die ehemalige Synagoge 
im Sommer 2011
Bechtheim Synagoge 191.jpg (202432 Byte) Bechtheim Synagoge 190.jpg (235492 Byte)
  Die ehemalige Synagoge in Bechtheim
   
   
Denkmal am Marktplatz      
Bechtheim Denkmal 122.jpg (92437 Byte) Bechtheim Denkmal 120.jpg (126018 Byte) Bechtheim Denkmal 121.jpg (168510 Byte)
Obelisk mit 
einzelnen Denkmalen
Denkmal für die jüdische Geschichte in der Inschrift:  
"Die ehemalige Synagoge. Das Erbauungsjahr der Synagoge ist nach jüdischer Zeitrechnung mit 5615 angegeben. 
30 israelische Familien wohnten einst in Bechtheim und erbauten die Synagoge aus eigenen Mitteln. 
Nach einem Ratsprotokoll von 1885 waren alle israelische Familien verzogen oder nach Amerika ausgewandert. 
Die Gemeinde Bechtheim erwarb die Synagoge im Jahr 1900, um sie bis 1963 als Kindergarten zu nutzen. 
Seit 1963 dient sie als evangelisches Gemeindehaus."  
 
 
 
     

   
   

Links und Literatur

Links:

Website der Gemeinde Bechtheim  
Seite zur Synagoge Bechtheim bei regionalgeschichte.net  
Sonstiges:
Ausflug des Heimat- und Kulturvereins Ober-Flörsheim nach Bechtheim im Mai 2004 (Fotos)

Literatur:  

"...und dies ist die Pforte des Himmels" Synagogen - Rheinland-Pfalz. Saarland. Hg. vom Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz mit dem Staatlichen Konservatoramt des Saarlandes und dem Synagogue Memorial Jerusalem. 2005. S. 99-100 (mit weiterer Lit.) 

       
       

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 07. Januar 2015