Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Davos (Kanton Graubünden, Schweiz)
Jüdische Geschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis um 1920: 
Jüdische Kureinrichtungen / Gründung einer jüdischen Gemeinde

Davos Israelit 15071897a.jpg (98656 Byte) Davos F FfIsrFambl 06011905.jpg (73865 Byte)  Davos Etania 020.jpg (307125 Byte)
Abbildungen des von 1897 bis 1905 bestehenden streng koscher 
geführten "Internationalen Sanatoriums" von A. Hirsch  
Foto der "Jüdischen Heilstätte Etania"  
    

      
Übersicht: 
      

Texte zur Geschichte jüdischer Kureinrichtungen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis um 1920
  

Das "Internationale Sanatorium" und die Pension Schneider     
Allgemeiner Bericht über Davos und den Bau des "Internationalen Sanatoriums" (Mai 1897)  
Über den Bau des "Internationalen Sanatoriums" (Juli 1897)    
Anzeigen des streng koscher geführten "Internationalen Sanatoriums" von Direktor A. Hirsch (1900 / 1904 / 1905)  
Bericht aus dem "Naturwunder" Davos (1900) 
Bericht eines Kurgastes (Rabbiner H. Levy) über das "Internationale Sanatorium" (1900)  
Das (nichtjüdische) "deutsche Sanatorium" ist der Vollendung nahe sowie Bericht über das "Internationale Sanatorium" (1901)  
A
usschreibung der "Aktien-Gesellschaft Internationales Sanatorium" (1903   
Direktor A. Hirsch betreibt nun eine Pension und Restaurant in St. Moritz (1905)    
Hinweis, dass das "Internationale Sanatorium" nicht mehr in jüdischen Händen ist, aber dass die Pension Schneider rituell zuverlässig ist (1905)  
Anzeige der koscher geführten Pension Schneider (1905)  
Der "Hilfsverein für jüdische Lungenkranke in der Schweiz" und die Heilstätte "Ethania" ("Etania")  
Für das geplante Heim für Lungenkranke gehen Spenden ein (1918)    
Schaffung eines Heimes für jüdische Lungenkranke in Davos (1918) 
Der "Hilfsverein für jüdische Lungenkranke" erwirbt für sein Sanatorium das Hotel "Exzelsior" (1919)  
A
usschreibung der Stelle des Verwalters in der neuen Heilstätte (1919)      
Berichte über das Lawinenunglück im Dezember 1919 - die jüdische Heilstätte "Ethania" ist schwer betroffen  
Wiedereröffnung der Heilstätte "Ethania" (Juni 1920)   
Bericht des "Hilfsvereins für jüdische Lungenkranke" über die Arbeit in der Heilstätte "Ethania" (1920) 
Bericht von einem Besuch in der jüdischen Heilstätte Ethania (1921)  
A
nzeige des Hilfsvereins für jüdische Lungenkranke in der Schweiz (1922)     
Aufruf zur Unterstützung der jüdischen Heilstätte "Ethania" in wirtschaftlich schwieriger Zeit (1922)        

Texte zum jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben  

Aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben   
Ein zionistischer Verein wird am Ort gegründet (1918)    
Gründung einer jüdischen Gemeinde in Davos (1919)   
Anzeigen von Privatpersonen 
Verlobungsanzeige von Sophie Göttlich und Oskar Jurovics (1921)        

Presseartikel zur jüdischen Geschichte in Davos  
    
L
age der Etania-Heilstätte über Link bei den Google-Map)   
    
    
    
Vorbemerkung

    
In Davos, das sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem Kurort von europäischem Ruf entwickelte, wohnten auch alsbald jüdische Personen. Der Ort wurde zunehmend von jüdischen Kurgästen und Touristen besucht, die allerdings zunächst auf die Einquartierung in nichtjüdischen Pensionen oder Hotels angewiesen waren. In den späten 1890er-Jahren errichtete A. Hirsch mit dem "Internationalen Sanatorium" (erbaut 1896/97) ein Hotel ersten Ranges am Ort, das streng rituell geführt wurde. Im Hotel gab es auch eine Synagoge und ein rituelles Bad (Mikwe). Doch wurde Hirsch's Sanatorium in den kommenden Jahren jüdischerseits nicht so angenommen, dass es wirtschaftlich weitergeführt werden konnte. Im Herbst 1905 musste es geschlossen werden und kam in nichtjüdischen Besitz. A. Hirsch betrieb seitdem eine Pension mit Restaurant in St. Moritz.     
   
Seit 1. November 1905 gab es als streng koscher geführte Einrichtung in Davos die "Pension Schneider", die in der Villa Bel' Aria eingerichtet wurde. 
   
Auf Grund langjähriger Bemühungen des von jüdischen Gemeinden und Institutionen in der Schweiz getragenen "Hilfsvereins für jüdische Lungenkranke in der Schweiz" (Sitz in Zürich) konnte im Jahr 1919 ein jüdisches Sanatorium "Ethania" ("Etania") in Davos eröffnet werden (Einweihung am 16. Juni 1919). Es sollte vor allem eine Heilstätte für unbemittelte und minderbemittelte Kranke sein. Als Chefarzt war Dr. Oeri tätig. Das Haus wurde bei einem schweren Lawinenabgang am 23. Dezember 1919 weitgehend zerstört, konnte jedoch renoviert und im Mai 1920 wieder eröffnet werden. Auch im Sanatorium Etania wurde ein Betsaal (Synagoge( eingerichtet. 

Hinweis zur weiteren Geschichte: Die Heilstätte Etania ("Jüdisches Heil- und Erholungszentrum Davos") bestand bis 1991. 1962 gab es wie 1919 schwere Zerstörungen durch einen Lawinenabgang. Die hierbei beschädigten und dadurch unbrauchbar gewordenen jüdischen Gebetbücher wurden am 4. November 1963 auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt. Das Gebäude der Heilstätte Etania besteht bis zur Gegenwart (Richtstattweg 3), ist jedoch leerstehend.     
   
Anmerkung: der Trägerverein "Etania-Hilfsverein, Jüdisches Heil- und Erholungszentrum Davos mit Sitz in Zürich" besteht bis zur Gegenwart (Sitz: Lavaterstraße 37  8002 Zürich). 
   
   
   
Eine jüdische Gemeinde ist 1918 entstanden. 1931 konnte ein jüdischer Friedhof in Davos angelegt werden. 
   
Hinweis zur weiteren Geschichte: Eine Synagoge und ein koscheres Restaurant waren im Sommer 2008 im früheren "holländischen Sanatorium" eingerichtet (vgl. Presseartikel unten von 2008).   
   
   
   
Texte zur Geschichte jüdischer Kureinrichtungen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis um 1920  
  
Das "Internationale Sanatorium", die Pension Schneider und das "deutsche Sanatorium"       

Allgemeiner Bericht über Davos und den Bau des "Internationalen Sanatoriums" (Mai 1897) 

Davos Israelit 10051897.jpg (234027 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Mai 1897: "Davos (Schweiz). Glücklich das Haus, dreimal glücklich die Familie, für die der Name Davos nichts als ein gleichgültiger Laut, ein bloßer geographischer Begriff, vielleicht eine süße Erinnerung an eine heitere Ferienreise durch's Engadin oder Prättigau ist. Für Tausende aber ist dieses Bündner Hochtal ein Wallfahrtsort, zu dem sie bebenden Herzens, wenn auch mit stiller Hoffnung pilgern: 'Davos, die Gesundheitsstadt auf dem Berge', ist seit Dezennien eine unübertroffene Heim- und Heilstätte für Brustkranke, und die Zahl der dauernden Heilerfolge, die hier bei allen Formen der Tuberkulose erzielt werden, ist eine geradezu erstaunliche. - Ein deutscher Arzt, Dr. Alexander Spengler, hatte diesen Ort vor etwa vierzig Jahren 'entdeckt', und während dieser kurzen Zeit ist das arme, weltvergessene Alpendorf zu einem Kurort von europäischem Ruf emporgeblüht, wo, gleich den Perlen an der Seidenschnur, die herrlichsten Villen sich reihen und zahlreiche Palasthotels an Komfort und Bequemlichkeit einander zu überbieten suchen. Im Spätherbst, wenn der große Strom der Sommerfrischler und Touristen aus unseren bergen sich zurück in das Tiefland verläuft, sieht man in unserem sonnigen, windgeschützten Hochtale nahezu 2.500 gleichzeitig anwesende Gäste sich scharen, die die gleich dem Psalmensänger ihre Blicke hilfesuchend zu den Bergen erheben und dank dem Beistand Gottes und dem kräftigenden Einfluss des Hochgebirgsklimas auch Hilfe und Heilung finden. Dann entwickelt sich auf unseren Promenaden und Spaziergängen ein buntes, bewegtes Leben eigener Art: Vertreter aller Stände, Trachten aller Länger und Angehörige aller Nationen sieht man hier wie zu einer einzigen, großen Familie friedlich vereinigt, und im Theater und Konzertsaal, sowie auf den zahlreichen Sportplätzen hört man die Laute aller zivilisierten Sprachen an das Ohr schlagen, dass man sich mitten in das große, von unseren Propheten verheißene Fest der Völkerverbrüderung versetzt glaubt. Nur eine einzige große Gruppe, aus deren Reihen die Tuberkulose, diese Geißel der Menschheit, so zahlreiche Opfer fordert, ist zum großen Schmerz eines jeden treuen Israeliten von den Segnungen des Hochgebirges, von dem Gebrauch einer Kur in Davos ausgeschlossen; wir meinen diejenigen religiösen jüdischen Kreise, die streng auch eine rituelle Küche halten und daher unsern Kurort bisher nicht aufsuchen konnten, weil sie hier keine rituelle Verpflegung fanden. Diesem Schmerzlich empfundenen Mangel abzuhelfen, hat sich nun ein energisches Glaubensgenosse an unserem Orte zur Lebensaufgabe gemacht; Herr A. Hirsch beschäftigt sich seit einer Reihe von Jahren in anerkennenswerter Weise mit der Verwirklichung des Planes, ein israelitisches Sanatorium in Davos zu erbauen, das streng religiös geleitet werden und unter Aufsicht eines bedeutenden jüdischen Arztes stehen soll. Der Bau hat bereits vor neun Monaten begonnen. An einem klaren Herbsttage des verflossenen Jahres sahen das Tinzen- und das Schiahorn nicht ohne Verwunderung auf das Beginnen eines kleinen Häufleins hier weilender Israeliten herab. Am Eingang ins stille Dischmatal, wo dem Auge sich ein wunderbarer         
Davos Israelit 10051897b.jpg (147120 Byte)Ausblick über das herrliche Tal und den weiten Kranz der weiß schillernden Berge bietet, hatten sie sich in weihevoller Andacht zusammengefunden, um den ersten Spatenstich für das israelitische Krankenheim des Herrn Hirsch zu führen. Gegenwärtig wird am Bau bereits wacker gearbeitet. Die Kosten sind auf 250.000 Frs. veranschlagt, zu deren Deckung, nach Abzug der 1. Hypothek von 80.000 Frs., Obligationen à 500 Frs. zu 4 1/2 % emittiert worden sind. Dieselben werden durch eine jährlich stattfindende Amortisation von mindestens 10 Nummern bei einer Amtsstelle in Davos ausgelost und zurückbezahlt.
In Paris und London hat das Unternehmen des Herrn Hirsch, das einem wirklichen und dringenden Bedürfnis entspringt, mannigfache Teilnahme geweckt, und in Berlin haben die Herren Ginsberg, Louis Sachs, Prof. Senator, Prof. Fränkel, Sanitätsrat Dr. Lazarus, Julius Bodenstein, Dr. G. Karpeles, Dr. Hirsch Hildesheimer, Rabbiner Dr. Weiße durch einen warmen Aufruf, der guten Sache sich angenommen. Leider ist das nötige Kapitel noch nicht ganz beisammen, was alle diejenigen, die dem Zustandekommen des Sanatoriums ein inniges Interesse entgegenbringen, mit großer Sorge erfüllt. Obwohl die ersten Stützen jüdischer Mildtätigkeit sich mit Obligationen beteiligt haben, - es haben gezeichnet: Frau Baronin Willy von Rothschild in Frankfurt am Main 10.000 Frs., die Herren Gebrüder von Rothschild in Paris 5.000 Frs., Seine Exzellenz Lazare von Polliakoff in Moskau 2.000 Frs., - so fehlen noch immerhin 30.000 Frs., um das Unternehmen zu Ende zu führen. Herr Hirsch begibt sich nun nach Süddeutschland, um daselbst die letzten Bausteine zu seinem menschenfreundlichen Werke zusammenzutragen. Möge man ihn dort ein offenes Herz und eine offene Hand finden lassen, damit das im Dienste jüdischer Nächstenliebe begonnene Werk zum Segen zahlreicher lungenkranker Glaubensgenossen einen ungehemmten Fortgang und gedeihlichen Abschluss nehme."    

  
Über den Bau des "Internationalen Sanatoriums" (Juli 1897)   

Davos Israelit 15071897a.jpg (98656 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Juli 1897 mit Abbildung links: "Israelitisches Sanatorium Davos".      
Davos Israelit 15071897b.jpg (159207 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Juli 1897: "Davos (Schweiz). (Das jüdische Sanatorium). In unserer Zeit der Tuberkulose und anderer Lungenkrankheiten ist Davos trotz seiner weltversteckten, von den Graubündner Bergriesen eingeschlossenen Lage ein so viel genannter und durch seine wunderbaren Heilerfolge bekannter Kurort, dass über die Örtlichkeit selbst wenig bemerkt zu werden braucht. - Seitdem es gar per Eisenbahn erreichbar ist, hat die Zahl derjenigen, die dort Heilung suchen und finden, von Jahr zu Jahr so überraschend zugenommen, dass sie sich gegenwärtig auf 15.000 - beläuft. - Wegen seiner milden, geschützten Lage, seiner unbedingten Reinheit und Dünne der Luft, absoluter Windstille und nebelfreier, klarer Wintertage, an welchen oft wochenlang bei tiefblauem Himmel die Sonnenausstrahlung 40 bis 50 Grad Celsius beträgt, wird David von Brust- und Lungenleidenden vor allem als Winter- und in den letzten Jahren auch als Sommerstation in immer größeren Dimensionen besucht. - Die Wintersaison beginnt mit dem Einschneien des Ortes, welches meist in der zweiten Hälfte des Oktober stattfindet und endet mit der Ende März oder April eintretenden Schneeschmelze.   
Zu den Kranken, welche in Davos Heilung suchen, stellen unsere Glaubensgenossen schon seit Jahren ein großes Kontingent. Denselben war es aber bisher nicht möglich, dem jüdischen Religionsgesetz gemäß zu leben. Dieser Mangel macht sich in Davos mehr, als in einem anderen Kurorte in empfindlicher Weise bemerkbar, was in der 5-6 Monate ausdauernden Kur seinen Grund hat. Am schmerzlichsten wird davon in erster Reihe der orthodoxe Jude betroffen, der die koschere Küche, Synagoge, Mikwe und alle anderen religiösen Gemeindeinstitutionen entbehren muss, die ihm zu unentbehrlichen religiösen Bedürfnissen geworden sind.  
Aber auch diejenigen, welche den Anforderungen des Religionsgesetzes sonst weniger gewissenhaft Rechnung tragen, empfinden als Kranke mehr als sonst das Bedürfnis der ergreifenden Wahrheit Rechnung zu tragen, die aus den göttlichen Worten spricht:  
'Wenn Du gewissenhaft gehorchst der Stimme Gottes, Deines Gottes, das in seinen Augen Rechte tust, Dein Ohr neigst seinen Geboten, und hütest alle seine Gesetze, so werde ich jede Krankheit, die     
Davos Israelit 15071897b2.jpg (164447 Byte)ich in Ägypten auferlegte, Dir nicht auferlegen, denn ich bin Gott, Dein Arzt' (2. Buch Mose Kap. 15, V. 26). 
Die judenfeindliche Strömung der letzten Jahre hat aber auch jüdischen Kurgästen, welche sich von den Satzungen des Judentums gänzlich emanzipiert haben, dennoch den Anschluss an Glaubens- und Leidensgenossen wünschenswert erscheinen lassen, weil der Verkehr in nichtjüdischen Hotels wiederholt mit Zurücksetzungen und Kränkungen der verletzendsten Art verbunden war.   
Auf Grund dieser Erwägungen hatte Herr A. Hirsch, der schon seit vielen Jahren mit seiner Familie in Davos wohnt und alle einschlägigen Verhältnisse zur Genüge kennt, den Plan zur Errichtung eines Israelitischen Sanatoriums in großem Stil gefasst. - Mit staunenswerter Energie und seltener Ausdauer hat Herr Hirsch die Verwirklichung dieses Ziels angestrebt und seiner unermüdlichen Ausdauer ist es gelungen, das Werk so zu fördern, dass der im Herbst 1896 begonnene Bau so Gott will in diesem Herbst seiner Vollendung entgegengeht und nunmehr das Ganze zweifellos gesichert ist. 
Zunächst ließ es sich Herr Hirsch angelegen sein, die finanzielle Seite des großen Unternehmens auf solider Basis zu sichern. In richtiger Erwägung, dass es sich um eine Tat von weitgreifender, internationaler Bedeutung handelte, war Herr Hirsch mit gutem Erfolg bemüht, die angesehensten Finanzgrößen und sonstige Kapazitäten in den verschiedensten Ländern für seine Idee zu interessieren. Die klangvollen Namen der Herren, aus welchen sich das Zentralkomitee zusammengesetzt, machen jede weitere Bemerkung nach dieser Seite hin überflüssig. Es sind dies die Herren: Rabbiner Dr. Ehrmann in Baden (Schweiz), Dr. med. W. Beeli in Davos - Platz, Dr. med. A. Nordmann in Basel, Dr. med. E. Rosenbaum in Frankfurt am Main, Rabbiner Dr. Kahn in Wiesbaden, Siegmund Kaufmann in Firma Gebrüder Feith in Mannheim, Dr. Hirsch Hildesheimer in Berlin, Julius Bodenstein in Berlin, Mr. le Grand-rabbin Zadok Kahn in Paris.  
Unter denen, welche das Unternehmen durch ansehnliche Beteiligungen in hervorragender Weise förderten, nennen wir hier nur: Frau Baronin Willy von Rothschild in Frankfurt am Main mit Frs. 10.000, Firma de Rothschild frères in Paris mit Frs. 5.000, Sr. Excellenz Lazare de Poliakoff in Moskau mit Frs. 1.000, Herr Wilhelm Moos in Gailingen mit Frs. 1.000. Ferner von christlichen Privaten  
Davos Israelit 15071897c.jpg (121224 Byte)und von den am Bau beschäftigten Handwerkern und Lieferanten in Davos selbst ca. Frs. 30.000.
Das erforderliche Baukapital beträgt 250.000 Frs., wovon Frs. 80.000 durch 1. Hypothek gedeckt, die noch verbleibenden Frs. 170.000, eingeteilt in 340 Partial. Obligationen à Frs. 500 bilden eine geschlossene II. Hypothek mit gleichen Rechten. Aller notariell eingetragen im Pfandprotokoll III. sub. Nr. 1054 der Landschaft Davos. Diese Partial-Obligationen sind bis auf noch fehlende ca. 30.000 Frs. bereits platziert worden, welche verhälnismä0ig kleine Summe noch aufzubringen ist und die Herr Hirsch gewiss ohne große Mühe von gutsituierten, edeldenkenden Glaubensgenossen erlangen wird, sodass auch die finanzielle Seite jedenfalls gesichert ist. 
Was die rituelle Seite betrifft, so dürfte es genügen, darauf hinzuweisen, dass ein von Herrn Rabbiner Dr. Ehrmann designierter verheirateter Beamter das ganze Kaschrus übernehmen wird, derselbe wird auch die Funktionen in der sich im Anbau über dem Speisesaal sich befindlichen Synagoge versehen, die, ebenso wie eine Mikwe vorgesehen ist.
Obwohl das Sanatorium nach jeder Richtung hin den rigorosesten Ansprüchen des Religionsgesetzes entsprechen wird, soll dasselbe doch nichts von den Schattenseiten haben, die - ob mit Recht oder Unrecht soll hier nicht erörtert werden - jüdischen Pensionen und Hotels vielfach zuerkannt wird. - Das Sanatorium soll, was Bau, Einrichtung, Küche, Personal usw. betrifft, eine Anstalt ersten Ranges werden, sodass sie auch den weitgehendsten Ansprüchen entsprechen wird.  
Wir wünschen dem Unternehmen den besten Erfolg und hoffen über das Fortschreiten des Baues und seine für die Wintersaison projektierte Fertigstellung unseren Lesern eingehenden bericht mitteilen zu können."   

  
Anzeigen des streng koscher geführten "Internationalen Sanatoriums" von Direktor A. Hirsch (1900 / 1904 / 1905)  

Davos Israelit 08021900.jpg (116881 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Februar 1900: "Streng Koscher - Streng Koscher
Hirsch's Internationales Sanatorium Davos-Dorf. 
 
Leitender Arzt: Dr. med. W. Holdheim, langjähriger Assistenzarzt des Herrn Medizinalrat Prof. Fürbringer in Berlin.
(Neu eröffnet, jedoch bereits seit 2 Jahren im Rohbau vollendet, daher völlig trocken). 
Vollständig rauch- und staubfreie Lage, isoliert gelegen, nur 5 Minuten vom Bahnhof Davos-Dorf entfernt, längste Sonnenschein-Dauer des ganzen Davoser Tales.  
Das ganze Jahr geöffnet
.  
Haus I. Ranges mit allem Komfort. - Große nach Süden gelegene Liegehallen. - Niederdruckdampfheizung - Elektrische Beleuchtung. - Bäder. - Duschen. - Alle Zimmer mit Linoleum belegt. - Reichhaltige beste Verpflegung. - Behandlung nach Brehmer-Dettweiler'schen Prinzipien. 
Prospekte gratis und franco zu beziehen durch den leitenden Arzt oder durch den Besitzer A. Hirsch. 
Referenz: Seiner Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Ehrmann in Baden, Schweiz."         
 
Davos Israelit 28011904.jpg (177504 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Januar 1904: 'Internationales Sanatorium. 
Streng Koscher - Streng Koscher
Schweiz  Davos - Dorf 
Kanton Graubünden  
1580 m ü.M. Das ganze Jahr geöffnet. 1580 m ü. M.  
Luftkurort für Lungenkranke  Asthma- und Nervenleidende.  
Haus I. Ranges in wundervoller Lage, unter weitest. Rücksichtnahme auf Hygiene mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattet.  
Niederdruckdampfheizung, elektrisches Licht, Personenaufzug, große Vestibüle und Gesellschaftssäle, geräumige, sonnige Terrassen für die Liegekur.  
Pensionspreis
für vollständige Verpflegung, ärztliche Behandlung, Bäder, Duschen, Abreibungen, Licht, Heizung und Bedienung 11 Francs pro Tag.  
Zimmer
je nach Lage und Ausstattung 1,50 bis 8,50 Francs pro Tag.  
Leitende Ärzte: Dr. med. P. Humbert. Dr. med. B. Tschlenoff, Privatdozent für physikalische Therapie an der Universität Bern.  
Geschultes Pflege-Personal.
Einziges Sanatorium mit streng Koscherbetrieb im schweizerischen Hochgebirge, welches in dem Verzeichnis des in Hamburg domilizierten Vereines für rituelle Speisehäuser aufgenommen ist. Die Leitung über die Kaschrut untersteht einem streng orthodoxen Torakundigen aus Krakau. 
Referenzen streng orthodoxer Rabbiner.
Ausführliche Prospekte franko durch Direktor A. Hirsch."           
     
Davos FfIsrFambl 06011905.jpg (156560 Byte) Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 6. Januar 1905: "Höhenkurort für Lungenkranke.
Internationales Sanatorium Davos - Dorf. Streng koscher

Das ganze Jahr geöffnet. 
Haus I. Ranges
in wundervoller Lage unter weitgehendster Rücksichtnahme auf Hygiene mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattet. 
Leitende Ärzte
: Dr. med. P. Humbert und Dr. med. B. Tschlenoff aus Russland, Privatdozent für physikalische Therapie an der Universität Bern. - Direktor: A. Hirsch. 
Geschultes Pflegepersonal.
Einziges Sanatorium mit strengem Koscherbetrieb im schweizerischen Hochgebirge, welches in dem Verzeichnis des in Hamburg domizilierten Vereins für rituelle Speisehäuser aufgenommen ist. Die Leitung über das Sanatorium untersteht einem streng orthodoxen Aufseher aus Krakau. 
Referenzen streng orthodoxer Rabbiner
. Ausführliche Prospekte franko durch Direktor A. Hirsch."        

   
Bericht aus dem "Naturwunder" Davos (1900)  

Davos Israelit 15011900a.jpg (317586 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Januar 1900: "Aus der Winterfrische (Ein Naturwunder)
Davos-Dorf, im Januar. Zweimal jährlich führt mich meine Geschäftstour seit Jahren in die Schweiz; einmal im Sommer und einmal im Winter. Sie ist und bleibt ein merkwürdiges Land, von welcher Seite man sie auch ansieht, so merkwürdig, dass selbst eine fahrende Krämerseele meines Schlages auftaut, dass es ihr in den Fingern zu prickeln anfängt, und dieselben zur Feder greifen, diesem Ableiter für alles, wovon das Herz voll ist.  
Ich spreche nicht von dem, was alljährlich Hunderttausende von Fremden in die Schweiz zieht, nicht von den Alpen mit ihren Firnen und Gletschern, nicht von der Schweizerischen Eidgenossenschaft, deren Eigenart als Hort politischer Freiheit nicht weniger als die Eigenart der Natur den Fremdenstrom aus aller Herren Länder hierher leitet, was verstände auch ein auf Tuch und Buckskin gerichteter Reiseonkel von dieser schönen, sublimen Sache!  
Auch von der jüdischen Schweiz spreche ich heute nicht, obwohl die merkwürdige Wendung zum Besseren, die sich hier vollzogen und sich täglich, trotz Schächtverbot, immer nachhaltiger vollzieht, auch unter die Naturwunder dieses merkwürdigen Landes gehört. Wenn einer einem das, was sich da heute verwirklicht hat, vor zehn oder fünfzehn Jahren prophezeit hätte, man hätte ihm besorgt den Puls gefühlt, um sich zu vergewissern, dass er nicht fiebert! In Basel haben sie ein prächtiges Bes-Hamidrasch gegründet, in einem eigenen Hause, in dem allabendlich gelernt wird, altmodisch gelernt wird, Baale Battim und junge Geschäftsleute. Dort haben sie sogar eine richtige Schaß-Chewra, in der jeden Abend mehr als ein Minjan Teilnehmer sich zu einem Schiur Gemoro zusammenfindet und die einzelnen Mitglied abwechselnd vortragen! In Zürich haben sie nicht nur ein Bes-Hamidrasch, sondern eine orthodoxe Religionsgesellschaft, die unabhängig von der Reformgemeinde, alle Gemeinde-Institutionen und selbst einen eigenen Friedhof hergestellt hat! Und das alles in einer Entfernung von nicht drei Stunden Bahnfahrt!! Warum gibt's das bei uns in Deutschland nicht? Wie viel mal drei Stunden könnte man auf den deutschen Bahnen zurücklegen, ohne auch nur auf eine Gelegenheit zum 'lernen', ohne auf ein Bes-Hamidrasch zu stoßen!  
Doch von alledem will ich heute nicht reden, sondern es handelt sich um ein wirkliches Naturwunder, da ich hier erlebe und unter dessen Bann ich augenblicklich stehe, während ich diese Zeilen schreibe. Ich fuhr von Zürich weiter in der Richtung nach Chur ins Graubündener Land. 
Dort gibt's keine jüdischen Gemeinden; es finden sich da vereinzelte Niederlassungen isolierter, jüdischer Familien. Die Gedanken werden daher unwillkürlich auf die Herrlichkeiten der alpinen Winterlandschaft gelenkt, durch die der Schnellzug braust - wenn man kein Geschäftsreisender ist, dieser hat dafür wenig Zeit und Muße und noch weniger empfänglichen Sinn. Er grübelt und rechnet, vertieft sich in seine Bestellungen, die er bereits hat und noch mehr in diejenigen, die er nicht hat, sieht seine ihm nachgehende Korrespondenz durch und wenn er selbst damit fertig ist, hängt er seinen eigenen Gedanken und Grillen nach und hat kein Auge für die Schneeriesen, die ihm mit ihren weißen Kitteln und Kuppen ihren stimmen Gruß entbieten. Er ist ja Reisender wider Willen; er wäre lieber zuhause bei den teuren Seien und alle Herrlichkeit der Natur verliert ihren Reiz vor der Herrlichkeit des Verkehrs in der Familie, auf welche der Reisende verzichten muss. 
Er hat so seine ganz eigenen Gedanken über das Reisen und je mehr er ihnen nachhängt, desto mehr neigt er sich der Ansicht derjenigen zu, welche meinen, dass die Menschen doch recht komische Leute seien. Im heißen Sommer reisen sie in die Alpen, um die kühle, kräftige Berglust einatmen zu können. Im Winter haben sie diese kühle, kräftige Luft vor ihrer Haustüre, aber dann wollen sie warme Luft haben und reisen deshalb nach dem sonnigen Süden. Das Ideal dieser sensationssüchtigen Reisenden wäre ein grün angestrichener Winter und ein eingeschneiter Sommer, wäre Kälte und Wärme in einem und demselben Atemzuge, wäre ein Zustand, den man selbst im Schlaraffenland vergeblich suchte und der außerhalb einer exaltierten Phantasie nirgends zu finden ist.    
So habe ich's bis zum gestrige Tage immer angesehen. Aber heute bin ich belehrt und bekehrt, heute muss ich gesehen, was die ausschweifendste Phantasie sich kaum auszumalen vermag, Kälte und Wärme, Sonnenglut mitten im Eisen und Frost, 45 Grad Celsius bei meterhohem Schnee, diese unvereinbaren Gegensätze, hier in Davis-Dorf sind sie in einer Weise vereinigt, die ich selber noch jetzt für unmöglich hielte, wenn ich sie nicht sähe, fühlte, wenn ich sie nicht atmete und nicht mit den Fingern tasten könnte.   
Ich war früher nie in Davos. Es liegt mit seinen 1650 Metern für einen orthodoxen Magen doch etwas zu hoch und abgelegen von der breiten Heerstraße, wo man ihn noch auf koschere Weise befriedigen kann. Dazu empfang ich auch ein gewisses Gruseln vor dem Ort, der mir als das Mekka aller Lungenkranken seit Jahren bekannt war. Aber einer meiner besten Kunden 
Davos Israelit 15011900b.jpg (334541 Byte)war nach Davos gezogen und ich musste notwendig in den sauren Apfel beißen und ihm dorthin nachreisen, nach Davos, dieser Hochburg der Tuberkulose und Schwindsucht, wo ich glaubte, das Tuberkelbazillen und Krankheitspilze aller Art ihre tollsten Orgien feiern, und von dem ich mich deshalb bis jetzt immer in respektvoller Entfernung gehalten habe. 
Wer von Zürich talaufwärts in der Richtung von Chur fährt, gelangt nach kurzer Fahrt zur Station Landquart, die den Ausgangspunkt der Eisenbahn Landquart - Davos, der höchsten Adhäsions-Bahn Europas bildet. Fährt an auf dieser Bahn durch das wald- und wiesenreiche Tal des Prättigau, so gelangt man etwa in zwei Stunden zu dem 1200 Meter hoch gelegenen Dorf und Sommerkurort Klosters. Von hier führt die Bahn in mächtigen Kehren an der südlichen Berglehne durch Wiesen und Tannenwälder bergan. Immer großartiger entfaltet sich der Blick auf das tief unten liegende Prättigau und die herrlichen Gipfel des Rhätikon- und Schlappinerkette, sowie des vergletscherten Silvrettenstocks. Man gelangt zur Station Laret, einem kleinen, auf einer Stufe des Berghangs liegenden, rings von Wald umschlossenen Dorfe, das bereits zu Davos gehört (Davos ist der Name nicht einer einzigen Ortschaft, sondern eines ganzen, im schweizerischen Kantone Graubünden gelegenen Talers).
Wieder führt die Bahn bergan, und bald erreicht man die niedrigste Stelle eines bewaldeten Bergrückens, Station Wolfgang, 1632 Meter hoch. Von hier geht es rasch hinunter in das eigentliche Davoser Tal. An den bewaldeten Ufern eines stillen Bergsees vorüber gelangt man nach Davos - Dorf und dann nach Davos - Platz. 
Es ist kein Zufall, dass unter den vielen Hochtälern der Alpen gerade Davos zum großen Sommer- und Winterkurort geworden ist. Die verschiedenen Bedingungen, ohne welche ein Kurort für Brustkranke im Hochgebirge undenkbar ist, treffen bei Davos in einer Weise zusammen, wie es kaum bei einem anderen Hochtale der Fall sein dürfte. 
Ich halte mich bei diesem Punkte nicht auf, da für mich die anerkannte Heilkraft des hiesigen Klimas hinlänglich aus der Kurliste hervorgeht, die zur Zeit 2455 Kurgäste aus aller Herren Länder aufweist; meistens aus Deutschland und England. Trotzdem hätte ich keine Spur von Krankheit bemerkt, wenn ich nicht darnach gesucht hätte. Die Gäste verkehren auf der Straßen, treiben Eis- und Schneesport aller Art. Die Patienten, welche schwer krank sind, befinden sich in den Hotels und Villen und liegen in freier Luft auf Balkonen und in Liegehallen. Auf diese Weise wird man nirgends in unliebsamer Weise daran erinnert, dass man sich an einem Kurort befindet.  
Mich interessierte mehr die phänomenale Erscheinung, in der hier Sonne und Schnee, Hitze und Kälte zusammen auftreten, sowie die zahlreichen Villen, Hotels, Sanatorien und ähnliche Anstalten, welche einen Wert von Millionen repräsentieren und in die weite Schneefläche wie hingezaubert erscheinen.   
Hochgelegene Orte sind im Allgemeinen reicher an Sonnenschein, ärmer an Bewölkung und Niederschlägen als die Tiefländer. Aber die Strahlen der Sonne gewinnen in ganz unglaubliche Weise an Intensität durch die weite Schneefläche, welche sie zurückstrahlt. Wer diese Wirkung der Sonnenstrahlung nicht selber gesehen hat, kann sich davon schwerlich einen Begriff machen. Durch dieselben können bei einer Lufttemperatur von 5-10 Grab unter dem Gefrierpunkt selbst Kranke stundenlang im Freien sitzen, ohne wärmer bekleidet zu sein, als im geheizten Zimmer. Ein dunkler Filzhut wird an solchen Tagen bald lästig, die Kurgäste tragen dann gerne Strohhüte - inmitten meterhohen Schnees.  
Im Februar scheint die Sonne gewöhnlich schon so warm, dass man den Oberkörper vor ihren Strahlen durch einen Schirm oder ein Schattentuch zu schützen genötigt ist, wenn man im Freien sitzen will. Man hat aber auch schon im Dezember und Januar an kalten, sonnigen Tagen auf den Terrassen der Davoser Kurhäuser das Gefühl, in recht warmer Luft zu sitzen. 
Es kann in Davos in jedem Monat des Jahres Schnee fallen, am seltensten geschieht es im August. Regen im Winter ist selten, seltener als Schnee im Sommer. Von der zweiten Hälfte des November an bis Ende April, zuweilen auch bis in den Mai hinein, in der Regel volle fünf Monate hindurch, ist das Tal mit Schnee bedeckt. Der Winterschnee ist nicht zäh und feucht, sondern staubartig und trocken. Nur der frischgefallene und im Schmelzen begriffene Schnee lässt sich ballen. Die Hohe der Schneedecke ist sehr ungleich. Während sie in manchen Jahren kaum 50-60 cm misst, erreicht sie in anderen 1 Meter und mehr. Im allgemeinen ziehen sowohl die Einwohner als die Kurgäste die schneereichen Winter den schneearmen vor. Der Schnee auf den Straßen wird durch schwere Walzen festgedrückt. Dann spaziert man darauf so angenehm, wie auf dem besten Trottoir. Auch in gesundheitlicher Beziehung ist die Schneedecke, welche volle fünf Monate hindurch allen Staub, alles Faulende und Übelriechende gebunden hält, von hohem Wert. 
Einen besonderen Reiz erhalten diese Naturschönheiten für den gewissenhaften Juden noch dadurch, dass er für ihren Genuss nicht auf die nötigsten Bedingungen des Daseins, auf koscheres Essen und Trinken verzichten muss. Es ist dies für Leidende, welche hier Heilung suchen, von gar nicht hoch genug anzuschlagender Bedeutung. Eine solche Gelegenheit, zuverlässig koscher leben zu können, mitten im Schnee und Eis des Hochgebirges, ist ein Wunder, das fast dem geschilderten Naturwunder ebenbürtig zur Seite steht. 
Dieses Wunder repräsentiert Hirsch's Internationales Sanatorium in Davos - Dorf. Ich muss gestehen, dass ich von dieser An-      
Davos Israelit 15011900c.jpg (115210 Byte)stalt freudig überrascht war. Ein Haus ersten Ranges, mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattet, und dabei auch ein Kaschrus ersten Ranges, habe ich in dieser harmonischen Vereinigung auf meinen vielen Reisen noch nicht zum zweiten Male angetroffen. Es hier eben anzutreffen, überstieg meine kühnsten Erwartungen.   
Mögen die Hoffnungen und Wünsche, welche die Bekenner des gesetzestreuen Judentums an dieser Heilstätte knüpfen dürfen, sich in schönster Weise verwirklichen! Möge sie recht vielen Leidenden Genesung und Freunden der Natur den Genuss bringen, den sie mir in so hohem Maße bereitet hat! Möge sie recht Viele veranlassen, durch eigene Anschauung sich selber einmal vor dem Naturwunder zu überzeugen, das die Davoser Winterfrische in ganz hervorragender Weise bedeutet.   
Bei dieser Anregung denke ich nicht so sehr an meine Konkurrenten in der Manufakturwaren-Branche, als an alle Diejenigen, welchen von ihrem Arzte, zu welcher Jahreszeit auch immer, der Besuch eines Luftkurortes vorgeschrieben wird. Für die Brust- und Lungenleidenden war die ärztliche Verweisung an eine solche Heilstätte bis jetzt vielfach mit der Notwendigkeit verbunden Trefah (nicht koscher) zu essen. Wie dieser Zwang verstimmend auf Geist und Gemüt eines gewissenhaften Jehudi wirken und die Heilung durch diese deprimierende Stimmung beeinträchtigen muss, braucht nicht erst gesagt zu werden. Ich schließe deshalb diese Betrachtung mit dem Rate eines mir vorliegenden heiteren Büchleins, das mit den Worten beginnt: 
'Wenn du die Phthisis (= Schwindsucht) hast, mein Sohn, Tuberkeln in der Lunge schon, Dazu Kavernen, klein und groß, 
Dann reise schleunigst nach Davos; Nur dort ist Heilung dir gewiss, Wo anders nirgends. Merk dir dies!'" 

 
Bericht eines Kurgastes (Rabbiner H. Levy) über das "Internationale Sanatorium" (1900)  

Davos Israelit 08031900.jpg (151864 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. März 1900: "Davos-Platz, Ende Februar (1900). Ein Reisender hat jüngst schon Ihre Leser mit dem Kurorte Davos in so lobenswerter Weise bekannt gemacht, dass eine nochmalige Erwähnung seiner Natur- und Heilwunder unnötig ist. Besonders hat ihn außer den landschaftlichen Reizen die Existenz eines streng-rituellen Hotels ohne die sprichwörtliche 'polnische Wirtschaft' entzückt. Diese Freude wird ihm wahrscheinlich keine Zeit gelassen haben, zu untersuchen, mit welcher Mühe es Herrn Hirsch gelungen ist, den frommen Juden diese Annehmlichkeit zu bereiten, und welche Kämpfe es ihn jetzt noch kostet, unseren kranken Glaubensgenossen ein Heim zu erhalten, welches selbst für die Nichtfrommen in Folge des auch hier grassierenden Antisemitismus ein lebhaftes Bedürfnis ist, um in Ruhe ihrer Gesundheit wieder herstellen zu können; denn dieses Hotel ist in erster Linie ein Sanatorium und bezweckt unter der Leitung eines bewährten, tüchtigen Arztes, des Herr Drn. Holdheim, den an Tuberkulose Leidenden, deren Bazillen Arme und Reiche, Neologe und Fromme nicht verschonen, Heilung zu bringen. Dass das Unternehmen des Herrn Hirsch für uns Juden ein großes Bedürfnis, ja eine Wohltat ist, das kann jeder Arzt und auch jeder jüdische Kurgast bezeugen. Umso mehr muss man sich wundern, wie wenig Interesse die frommen Juden für das Zustandekommen dieser Anstalt gezeigt haben. Da die Baukosten durch Verteuerung der Materialien über den Voranschlag hinausgegangen sind, ist zur Sicherstellung des bereits in Betrieb befindlichen Unternehmens noch tatkräftige Unterstützung erforderlich, und würde die Zukunft der rituellen Küche, die Ihren Reisenden so entzückt hat und deren Fortbestehen gerade den Frommen am Herzen liegen muss, sehr gefährdet sein, wenn in den jüdischen Kreisen die bisherige Gleichgültigkeit andauern würde. 
Die zukünftige Rentabilität des Unternehmens kann nicht angezweifelt werden, da es in der ganzen Welt das einzige jüdische Sanatorium für Kranke besseren Standes ist. 
H. Levy, Rabbiner,
zur Zeit Kurgast."          

   
Das (nichtjüdische) "deutsche Sanatorium" ist der Vollendung nahe sowie Bericht über das "Internationale Sanatorium" (1901)   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. August 1901:  "Aus der Schweiz. Bei meinem jüngsten Aufenthalt in den über alle Beschreibung herrlichen Schweizer Bergen war ich auch in Davos, diesem Kurplatz, der 1500 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, wegen seinen vorzüglichen klimatischen Verhältnissen das Eldorado aller Lungenkranken ist, von denen viele, von den Ärzten aufgegeben, hier gefunden und dem Leben wiedergewonnen werden. Der Vollendung nahe ist das riesige deutsche Sanatorium, für lungenkranke deutsche Beamte erbaut. Nicht weit davon, direkt am Wald, erhebt sich die seit 4 Jahren segensreich wirkende 'Baseler Heilstätte' und ganz in der Nähe, auf einem sonnigen Berge herrlich gelegen, präsentiert sich uns das 'Internationale' jüdische Sanatorium. Es ist nicht nur komfortabel, sondern sogar äußerst elegant eingerichtet, hat einen eigenen tüchtigen Arzt und kann sich in jeder Hinsicht den besten Etablissements an die Seite stellen. In ritueller Beziehung wird das Institut musterhaft geleitet. Herr Rabbiner Dr. Cohn in Basel, dessen Aufsicht es untersteht, war kürzlich dort, um nach dem Rechten zu sehen. Eine zuverlässige, jüdische Frau überwacht die aus einer Fleisch- und einer Milchding-Küche bestehenden Kochräume, und außerdem waltet ein von Herrn Rabbiner Dr. Cohn empfohlener junger jüdischer Gelehrter, dem die Ärzte das Höhe-Klima verordnet haben, als Aufseher daselbst. 
Und trotz alledem weilen die meisten Juden in den christlichen Hotels, wo man sie scheel ansieht und heimlich über sich lacht. 'Wann wird die Einsicht kommen diesem Volke?'".   

   
Ausschreibung der "Aktien-Gesellschaft Internationales Sanatorium" (1903)       

Davos Israelit 30071903.jpg (319769 Byte) Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juli 1903:   
Zum Lesen bitte Textabbildung anklicken            

 
Hinweis, dass das "Internationale Sanatorium" nicht mehr in jüdischen Händen ist, aber dass die Pension Schneider rituell zuverlässig ist (1905)  

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 8. Dezember 1905: "Ein Davoser Kurgast. Anonyme Mitteilungen können grundsätzlich nie berücksichtigt werden. - Im vorliegenden Falle wollen wir dem Inhalte Ihrer Zeilen insoweit entsprechen, als wir wiederholt darauf aufmerksam machen, dass das dortige Internationale Sanatorium nicht mehr in jüdischen Händen ist und dass die neuerdings, nach den Ansprüchen der Neuzeit und der modernen Hygiene errichtete Pension Schneider nach dem Rufe, der dem Besitzer derselben vorausgeht, den Anspruch auf rituelle Zuverlässigkeit erheben darf."    

   
Direktor A. Hirsch betreibt nun eine Pension und Restaurant in St. Moritz (1905)   

Davos FrfIsrFambl 08061905.jpg (91717 Byte)Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 8. Juni 1905: "Streng koscher - streng koscher
Neu eröffnet in St. Moritz - Bad. Engadin - Schweiz.  
Pension und Restaurant International. 
Erstklassig eingerichtetes großes Restaurant - schöne Zimmer - zivile Preise - (Telephon). 
Die Kaschrut ist wie bisher in Davos-Dorf, dem Herrn Hirsch Marcus aus Krakau unterstellt. Der Besitzer: A. Hirsch (früher in Davos-Dorf)."   

 
Anzeige der koscher geführten Pension Schneider (1905)   

Davos FrfIsrFambl 03111905.jpg (71442 Byte)Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 3. November 1905: 
"1560 m über dem Meer. Schweiz. Davos - Dorf. 
Koscher Pension Schneider Koscher.
 
Neu eröffnet Villa Bel' Aria. 2 Minuten vom Bahnhof. 
Höhenluftkurort für Lungenkranke, Asthma- und Nervenleidende.  
Komfortabel und hygienisch eingerichtet. - Große luftige Zimmer. Sonnige Terrassen zur Liegekur. - Beste Verpflegung. - Portier am Bahnhof. - Mäßige Preise. - Referenz: Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser, Hamburg. 
Eröffnung: 1. November 1905."        

  
  
  
Der "Hilfsverein für jüdische Lungenkranke in der Schweiz" und die Heilstätte "Ethania" (Etania)"   

Für das geplante Heim für Lungenkranke gehen Spenden ein (1918)
    

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 8. Februar 1918: "Zürich. Ein jüdisches Heim für Lungenkranke. Der hier vor einem Jahr gegründete 'Hilfsverein für jüdische Lungenkranke' hat mit einem Kostenaufwand von rund Fr. 230 für jeden Einzelfall mehr als zwanzig Personen den Aufenthalt in Davos ermöglicht. Jetzt soll ein Schritt weitergegangen, ein jüdisches Heim in Davos errichtet werden. Es hat sich in der ganzen Schweiz für diesen edlen Zweck ein jüdisches Komitee gebildet. Spenden möge man an M. Horn, Zürich, Bahnhofstraße 55, senden."        
 
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 1. März 1918: "Zürich. Die Initiative für das jüdische Lungenkrankenhaus in Davos geht vorwärts. In der Sitzung vom letzten Sonntag wurde von Herrn Saly Guggenheim (Allschwil) ein Beitrag von Fr. 25.000 gezeichnet. Die Zeichnungen ergaben bis heute die Summe von 50.000 Francs. Es gehen fortgesetzt neue Zeichnungen ein."      

   
Schaffung eines Heimes für jüdische Lungenkranke in Davos (1918)  

Davos Israelit 24101918.jpg (320479 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Oktober 1918:  "Ein Heim für jüdische Lungenkranke in Davos. 
Über die Errichtung eines Heimes für jüdische Lungenkranke in Davos macht Herr A. H. Rom, Zürich, im 'Jüdischen Jahrbuch für die Schweiz' u.a. folgende erfreuliche Mitteilungen: 
Den guten Willen zur Errichtung einer Heilstätte fanden wir bei allen Juden der Schweiz. In der Generalversammlung des Hilfsvereins vom 22. September 1917 wurde der Paragraph 11, der die Schaffung eines jüdischen Sanatoriums vorsieht, aufgenommen. Darüber war man sich von vornherein klar, dass dies nur mit Hilfe aller jüdischen Organisationen und Gemeinden durchgeführt werden könne und dass die Mitarbeit aller Kreise unumgänglich nötig sei. Täglich mehren sich die Anforderungen an den Verein. Heute unterstützt er bereits 35 Patienten mit über 5.500 Fr. monatlich. Ohne ein eigenes Heim zu besitzen, müssen jetzt schon über 65.000 Fr. jährlich aufgebracht werden. Und diese Ausgaben werden selbstverständlich steigen, sobald das Heim errichtet ist. Fachmännische Gutachten schätzen die jährlichen Betriebskosten auf ca. 100.000 Fr. Außerdem ist ein größerer Fonds zum Kauf eines geeigneten Objektes erforderlich. Allerdings werden manche bemittelte Patienten dazu beitragen, die Kosten zu vermindern und außerdem darf man mit Sicherheit auf ansehnliche Beiträge aus dem Auslande rechnen. - Doch nun zurück zum Berichte. In Zürich begann die Tätigkeit. Von hier war die Idee gekommen, hier war die Not der Verhältnisse am eindringlichsten, von hier aus sollte die praktische Verwirklichung erfolgen. Am 29. Dezember 1917 tagte der Vorstand des Hilfsvereins mit den Vertretern der jüdischen Gemeinden und Organisationen Zürichs in gemeinsamer Sitzung. Sie erbrachte die einmütige Willenskundgebung, das Heim für jüdische Lungenkranke zu schaffen. Nach gründlicher, von hohem Idealismus getragener Aussprache, wurde ein Initiativkomitee gebildet, das die Vorarbeiten zur Zentralversammlung für die Schweiz und die Einleitung der Werbetätigkeit zum Ziele hatte. - Ein Aufruf wurde erlassen, unterschrieben von den namhaftesten Persönlichkeiten der Juden Zürichs. - Ein warmherziger Freund und Förderer unserer Sache spornte mit einer erstmaligen Spende von 25.000 Fr. die Gebefreudigkeit der übrigen an.  
Der Erfolg des Aufrufs war ein günstiger, für das Werk ein gutes Omen. 
Die Ausbreitung der Sammel- und Werbetätigkeit auf die ganze Schweiz war die nächste Aufgabe. Am 24. Februar 1918 fand in Baden die allgemeine schweizerische Versammlung statt. Es war ein Ehrentag für die schweizerischen Juden. Fast alle jüdischen Gemeinden und Organisationen hatten Delegierte entsandt. Zu unserer großen Freude sagen wir dort alle einig           
Davos Israelit 24101918a.jpg (95556 Byte) in dem Bestreben, das Werk edler Menschenliebe zu schaffen. Diese von echt jüdischem Geist erfüllte Versammlung bedeutet einen Markstein in der Entwicklung des mit so vieler Mühe begonnenen und mit so großem Wohlwollen begrüßten Unternehmens.  Die Generalversammlung des Hilfsvereins vom 26. Mai 1918 brachte die entscheidende Wendung. Auf breite Basis wurde das Hilfswerk gestellt, alle jüdischen kreise und alle Teile der Schweiz zur Mitarbeit herangezogen. Die Statuten wurden genehmigt und in Kraft erklärt. Einige Punkte von prinzipieller und grundlegender Bedeutung seien hier darin erwähnt. Als Zweck wird angegeben: 'die Unterstätzung jüdischer Lungenkranken und die Errichtung und Erhaltung einer Heilstätte für jüdische Lungenkranke in Davos'. Die Gesamtführung der Heilstätte beruht auf der Grundlage der religiös-jüdischen Tradition. Einzelmitglieder zahlen mindestens 12 Fr. pro Jahr, Kollektivmitglieder (Gemeinden, Organisationen), mind. 100 Fr. Der Vorstand besteht aus 20 bis 25 Mitglieder, von denen mindestens 5 bis 7 ihren Wohnsitz in Zürich haben müssen. In allen Gemeinden der Schweiz, wo Mitglieder des Vereins in großer Zahl wohnen, sind Lokalkomitees zu gründen, die für die Werbung neuer Mitglieder     
Davos Israelit 24101918b.jpg (171647 Byte)zu sorgen, für die Interessen des Vereins zu wirken und die Gesuche von Lungenkranken aus ihrem Orte zu begutachten haben. -
Die Überwachung der religiös-rituellen Führung der Heilstätte liegt einer Ritualkommission von 5 Mitgliedern ob, die in Lehre und Leben auf dem Boden des überlieferten Judentums stehen. Die Bestimmungen über die jüdisch-religiöse Leitung der Heilstätte dürfen bei einer eventuellen Statutenrevision nicht abgeändert werden. Damit sind nun die rechtlichen, finanziellen und jüdisch-religiösen Grundlagen und Gewährleistungen für einen richtigen Ausbau gegeben. An der Spitze des Vereins steht ein Vorstand, neben den Initianten des Werks die berufensten Vertreter der jüdischen Gemeinden und Organisationen der Schweiz. Nun wird es an uns allen sein, dem Verein durch rege Beteiligung zu seinem edlen Ziele zu verhelfen. 
Wenn auch bereits die Zeichnungen die Höhe von 100.000 Fr. erreicht haben und wenn dies auch als schöner Erfolg bezeichnet werden muss, so ist es bei weitem nicht genug? Noch werden große Opfer gebracht werden müssen, um das Werk zu errichten, wie es geplant ist. Und die Hoffnung auf den Opfersinn der Schweizer Juden wird nicht unberechtigt sein. Wir sind alle gewiss, die Schweizer Juden werden ihre moralische Pflicht erfüllen, eingedenk des Talmudwortes (hebräisch und deutsch): 'wer ein Leben dem Judentum erhält, erhält eine ganze Welt.'  
Wohl niemand wird an der Notwendigkeit des zu errichtenden Sanatoriums zweifeln. Sollte es aber dennoch Leute geben, die der Sache skeptisch gegenüber stehen, so mögen sie die von den Ausdrücken des Glücks erfüllten Briefe derer lesen, die sich glücklich schätzten, teilzunehmen an dem vom Hilfsverein eingerichteten Pessachbetrieb in Davos. Etwa 30 Jehudim haben während der letzten Sederabende ihren Krankheitszustand, wenn auch nur vorübergehend, vergessen. 
Wir sind überzeugt, dass die Juden des Auslands es freudig begrüßen werden, wenn wir später oder später in Davos ein internationales, jüdisches Sanatorium errichten wollen, oder wenn wir gar mit dem Plane an die Öffentlichkeit treten, in Palästina ein Lungensanatorium zu errichten, in dem Lande, das infolge der klimatischen Verhältnisse wie geschaffen für diesen Zweck ist."     

     
Der "Hilfsverein für
jüdische Lungenkranke" erwirbt für sein Sanatorium das Hotel "Exzelsior" (1919)  

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 10. Januar 1919: "Davos. Heim für jüdische Lungenkranke.
Die rührige schweizerische Judenheit hat sich wieder ein Ehrendenkmal errichtet: Der 'Hilfsverein für jüdische Lungenkranke in der Schweiz' hat für die Errichtung seines Sanatoriums das Hotel 'Exzelsior' angekauft. 
Das Haus, 1912 gebaut, hat 42 erstklassig eingerichtete Fremdenzimmer und in einem Nebengebäude noch acht Zimmer. Es können 125 Patienten untergebracht werden. Der Kaufpreis beträgt 575.000 Frcs. bei einer Anzahlung von 150.000 Frcs. Der Betrieb wird im April begonnen..."    

     
Ausschreibung der Stelle des Verwalters in der neuen Heilstätte (1919)      

Anzeige im "Frankfurter Jüdischen Familienblatt" vom 7. März 1919:  "Für unsere demnächst zu eröffnende Heilstätte in Davos, suchen wir einen tüchtigen Verwalter. 
Bewerber, die bereits in ähnlichen Betrieben tätig waren, erhalten den Vorzug. Offerten mit Referenzen und Gehaltsansprüchen, sind zu richten an Moritz Horn, Präsident des 'Hilfsvereins für jüdische Lungenkranke in der Schweiz' Zürich, Bahnhofstraße 55".        

  
Berichte über das Lawinenunglück im Dezember 1919 - die jüdische Heilstätte "Ethania" ist schwer betroffen   

Davos AZJ 16011920.jpg (184127 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 16. Januar 1920: "Zürich, im Januar. Infolge starken Schneefalls ereignete sich am 23. Dezember vorigen Jahres in Davos ein tragisches Unglück. Eine der Lawinen, die durch das Schiatobel hinuntersauste, stürzte sich mit ungehemmter Kraft u.a. auch auf die jüdische Heilstätte 'Ethania', die erst kürzlich auf Anregung des Herrn A.H. Rom von der Schweizer Judenheit für 575.000 Franken erworben und am 16. Juni vorigen Jahres eingeweiht worden war. Die Schneemassen, die auch auf die weiter unten liegenden Häuser fielen, drangen, ohne die Außenmauern zu beschädigen, durch Türen und Fenster auf der Bergseite ein, drückten im Innern der Häuser Wände und Türen ein, stürzten durch Treppenhäuser und Lichtschächte hinunter, die Zimmer, Gesellschaftsräume und sogar teilweise noch die Kellerräumlichkeiten mit Schnell füllend. Unter den sechs Toten, die das Unglück forderte, sind auch zwei jüdische Opfer zu beklagen, die jedoch nicht im jüdischen Sanatorium, sondern im Sanatorium Davos Dorf vom Tode ereilt wurden. Es sind dies die Krankenschwester Berta Silberer aus Zürich und die zur Kur in Davos weilende Rebekka Vaksmann aus Kischinew. Die jüdische Heilstätte 'Ethania' selbst hat, abgesehen von dem gewaltigen Materialschaden, der mit 125.000 Franken nicht zu hoch angegeben sein dürfte, glücklicherweise kein Menschenleben zu beklagen. Dank der Geistesgegenwart und Energie des Chefarztes Dr. Oeri gelang es, die Patienten an der Südterrasse der Heilanstalt zu bergen und sie von der Flucht auf die Straße abzuhalten, so sie zweifellos von den nachfolgenden Lawinen verschüttet worden wären. Später konnten sämtliche Patienten und Angestellte unversehrt die Heilstätte verlassen. Durch die rührige Arbeit der Lokalkommission Davos sind sämtliche Patienten in zwei Sanatorien bis auf weiteres untergebracht. Die Verhandlungen mit einem Sanatorium sind soweit gediehen, dass dort die Patienten sofort einziehen und in der gleichen Weise wie in der 'Ethania' verpflegt werden können, bis der Betrieb der jüdischen Heilstätte 'Ethania' wieder aufgenommen werden kann."           
 
Davos Israelit 08011920.jpg (129585 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Januar 1920: "Davos, 23. Dezember (1919). Wenn uns die Herbstfeiertage besonders in Erinnerung geblieben sind, da wir sie in so schöner und würdiger Weise begehen konnten, so werden wir die Chanukkatage 1919 auch niemals vergessen. Auch in diesen Tagen entbehrten wir nichts, was wir von Hause aus gewohnt waren und herrschte fröhliche Stimmung bei Groß und Klein. 
Abermals ereignete sich in diesen Tagen ein großes Wunder und kann man auch die Worte anwenden: 'Ein großes Wunder geschah hier', denn dass wir alle heil davon gekommen sind, ist nur als 'großes Wunder' zu bezeichnen. Was wir in diesen wenigen Stunden am vorletzten Chanukkatage erlebt haben, lässt sich durch kurze Schilderungen nicht veranschaulichen. Zwei kurz aufeinanderfolgende Lawinen, die vom Schiahorn kamen, beschädigten auf ihrem Wege in nicht geringem Maße die jüdische Heilstätte 'Ethania'. Große Schneemassen drückten die Fenster und einzelne Wände ein und füllten viele Zimmer und Treppenhaus bis zur 3. Etage und versperrten den Ausgang. Mit Hilfe der herbeigeeilten Feuerwehrmannschaften gelangten wir ins Freie. Dank der guten Organisation des in unserer Mitte weilenden Vorstandsmitgliedes, Herrn Gans, wurden wir noch am selben Abend in zwei Häuser untergebracht. 
Geraume Zeit wird verstreichen, bis die 'Ethania' wieder heilsuchende Patienten beherbergen kann. Große Mittel sind erforderlich, um dies so edle Menschenwerk weiter zu unterhalten, und es ist Pflicht eines jeden Juden, nach seinen Kräften mitzuhelfen. Es ist doch die einzige Institution ihrer Art, die es uns neben dem Sanatoriumsleben ermöglicht, ganz nach unseren Gesetzen zu leben. Wir zweifeln nicht daran, dass es, dank der Hilfe aller gelingen wird, unsere Hoffnung auf Wiedereröffnung der 'Ethania' zu verwirklichen."         
 
Davos Israelit 15011920.JPG (171819 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Januar 1920: "Das Lawinenunglück in Davos. 
Zurück,
2. Januar (1920). Nach weiteren berichten aus Davos ist von den Patienten und den Angestellten des Sanatoriums 'Etania' glücklicherweise niemand ernstlich beschädigt worden. Doch kamen leider zwei Arbeiter, die sich vor der Lawine in das Sanatorium von der Straße geflüchtet hatten, ums Leben. Der materielle Schaden beträgt etwa hunderttausend Franken, zu dessen Deckung der Gesamtvorstand einen Aufruf erlässt. Das hiesige Israelitische Wochenblatt veröffentlicht den Brief einer Patientin aus Davos, dem wir folgendes entnehmen: 
'... Wir können alle von einem großen Glücke sprechen und dem lieben Gott dankbar sein, dass er uns errettet hat. Ich habe schon viel von Lawinen gelesen und mir das schrecklichste vorgestellt, aber wenn man es selbst erlebt, dass sieht man erst das richtige. - Die 'Etania' liegt sehr schön, gerade am Waldabhang. Ein anderes Sanatorium in derselben Lage hat jedoch noch mehr gelitten als sie. - -
Beim ersten Sturz wurde schon unser Küchenmädchen im Saal begraben. Herr Dr. Oeri, die Schwester und Herr Jurowitsch hatten sie gerade ausgegraben, sie und sich selbst in die Südzimmer des Hauses gerettet, als schon die zweite Lawine kam. Es wurde ganz dunkel. Frl. K. saß bei mir auf dem Bette und sagte: 'Wir wollen doch zusammen sterben!' - Als dann alles vorbei war, mussten sich die Hilfsmannschaften erst einen Weg bahnen. Die Nordzimmer sind eingestürzt und die Treppen auch. Dr. Oeri ist vom dritten Stocke den Terrassen entlang auf die Straße hinunter geklettert und musste unten vor dem Hause erst die Verschütteten ausgraben. Dann sind alle, die gehen konnten, durch die geschaffene Bahn gerutscht und sind zum Teil in einem Hotel und im 'Neuen Sanatorium 'Davos-Dorf' untergebracht. Wir waren drei Personen, die man tragen, vielmehr ziehen musste. Nun wir sind auch hinausgekommen. 'Wie' ist ja ganz egal, die Hauptsache ist, dass wir in Sicherheit sind. Wir waren dann bis 10 Uhr abends in einem Hotel, wo man uns sehr freundlich aufgenommen hatte. Um 10 Uhr wurden wir mit Schwester Rosa, die am ganzen Körper blaue Flecken hat, und bis zuletzt aufopferungsvoll auf dem Platze arbeitete, nach dem neuen Sanatorium gerbacht. Wir waren so glücklich, als wir endlich in ein Bett kamen. Die anderen Patienten waren schon seit 7 Uhr in diesem Sanatorium. Am anderen Morgen kamen auch alle Insassen der 'Etania' in mein Zimmer, und Ihr könnte Euch kaum denken, wie glücklich wir alle waren, uns gesund wiederzusehen...'."       

    
Wiedereröffnung der Heilstätte "Ethania" (Juni 1920) 

Davos Israelit 10061920.jpg (26369 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Juni 1920: "Zürich, 27. Mai (1920). Die Heilstätte für jüdische Lungenkranke in Davos, die bekanntlich im Dezember einem Lawinenunglück zum Opfer fiel, ist dank der unermüdlich betriebenen Wiederherstellungsarbeiten soeben wieder eröffnet worden."         

 
Bericht des "Hilfsvereins für jüdische Lungenkranke" über die Arbeit in der Heilstätte "Ethania" (1920)   

Davos Israelit 17061920.jpg (102691 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Juni 1920: "Zürich, 10. Juni (1920). Nach dem eben erschienenen Bericht des Hilfsvereins für jüdische Lungenkranke in der Schweiz über die Heilstätte 'Etania' in Davos haben in der Zeit vom 16. Juni bis Ende Dezember 1919, 68 Patienten in der Heilstätte Aufnahme gefunden, worüber ein ausführlicher Bericht des Chefarztes, Herrn Dr. Oeri, Auskunft gibt. Aus demselben ist klar und deutlich zu ersehen, welch' großen Segen die Heilstätte den Lungenkranken gebracht hat. Ein spezieller Bericht gibt über das Betriebsergebnis der Heilstätte Aufschluss. Die darin enthaltene Aufstellung der Verpflegungstage beweist, dass das Ziel, eine Heilstätte für Unbemittelte und Minderbemittelte zu besitzen, im vollsten Sinne des Wortes erreicht wurde, denn es sind bis jetzt 66 % Un- und Minderbemittelte und nur 33 % Vollzahlende aufgenommen und verpflegt wurden. Damit dürften alle in dieser Richtung aus mangelhafter Orientierung entstandenen Vorwürfe hinfällig werden. Es ist die nächste Aufgabe des Vorstandes, neben der Aufbringung der Mittel für den laufenden Betrieb, der mit einem Minimum von 100.600 Frcs. nicht zu hoch gerechnet ist, einen Reservefonds zu schaffen. Edlen Menschen ist hier Gelegenheit geboten, durch Zuwendungen von Stiftungen und Legaten für diesen Fonds ihren Namen für alle Zeiten zu verewigen."           

   
Bericht von einem Besuch in der jüdischen Heilstätte Ethania (1921)     

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 2. Juni 1921: "Ein Besuch in der jüdischen Heilstätte Ethania, Davos. 
Wilhelm von Humboldt sagt: 'Der körperliche Zustand hängt sehr viel von der Seele ab. Man suche sich vor allem zu erheitern und von allen Seiten zu beruhigen'.   
Steigt man den kleinen Hügel hinauf, so isoliert auf schönster Stelle des Ortes die Etania steht, wird man von einer Schar heller, klarer Kinderstimmen empfangen, die vergessen Sorge und Leid, hier neu aufleben und Kraft sammeln für jetzt und spätere Zeiten.   
Der Schnee liegt fußhoch, es stürmt und windet, aber Sonne ist im Herzen der kleinen Wesen, ihre Augen leuchten ob der mannigfaltigen Schönheit, die ihnen geboten wird. Lieder kommen von ihren Lippen in fröhlichstem Klang. Nur immer singen und fröhlich sein: der Himmel scheint ihnen auf Erden, wie im Märchenreich ist ihnen die Welt voller Wunder. Man spielt, lacht und scherzt, Freude, Freude überall. 
Man glaubt nicht, dass vor ca. 2Wochen die Kinder, müde und matt, zum Teil mit offenen tuberkulosen Wunden, von Deutschland gekommen sind, die nur in dieser Höhe, unter sorgfältiger Pflege der Ärzte und Schwestern geheilt werden können. 
Fern von dem Weltgetümmel, von des Alltags Hast, ist dort oben auf steiler Felsenhöhe, in freier Bergesluft, eine Heimstätte im wahrsten erhebendsten Sinne des Wortes     
Davos FrfIsrFambl 02061921a.jpg (266249 Byte)den armen kranken Menschen geschaffen worden mit unermüdlichem Eifer, mit den größten Opfern, mit eisernem Willen. Aufs Neue wurde alle Kraft angespannt, als die Tücke des Schicksals den herrlichen Bau unter seinen Schneemassen begrub. Und gerade, weil wir vor den Trümmern standen, ist uns jeder Stein, jedes Stück doppelt teuer geworden. Zum neuen Leben musste man wecken; durch Liebe im Dienste der Menschlichkeit steigt aus den Ruinen das Leben neuer Tatkraft, neues Wollen entgegen.   
Man verlässt das sonnige 'Winterheim' der Kinder, geht ein paar Schritte weiter in das Hauptgebäude der Etania. In der schönen, breiten Vorhalle überkommt einem schon das Gefühl des Geborgenseins, der wirklichen Ruhe, der schönsten Harmonie. - Aufs allerherzlichste wird man vom Direktor, Herrn Oscar Jurovics, begrüßt, der von den Kindern 'Papa' genannt wird.   
Wo man hinschaut, blitzt alles von Sauberkeit, die Tische mit Blumen verziert, Bilder, die Gemütlichkeit mit sich bringen, Stühle, die zum ruhen einladen. Rechts in dem Salon sitzen einige Patienten, sich unterhaltend, Schach und Klavier spielend, schreibend, lesend, oder wozu sie sonst Lust haben. Neben dem Salon ist ein kleines Gebetzimmer, in dem allwöchentlich Gottesdienst abgehalten wird. Der Speisesaal ist ein herrlicher Raum. An zwei großen Tafeln speisen die Insassen des Heims mit den Schwestern gemeinsam. Und wie groß ist die Freude, wenn der Chefarzt erscheint, wie es zum Beispiel an Purim der Fall war, voller Lust wurden da Deklamationen, Lieder, Possen aller Art aufgeführt, bis zum späten Abend.  
Die freundliche Art, das Interesse, die Herzlichkeit, die von allen Vorgesetzten ausgeht, wird von den Patienten auf Schritt und Tritt verspürt.  
In vier Stockwerken, zu denen breite Treppen führen, sind die Patienten in schönen, sauberen, geschmackvoll eingerichteten Zimmern mit anschließendem Balkon untergebracht. Und wo man auch eintritt, zu welchem Patienten man kommt, aus Ost oder West stammend, überall hört man das gleich große Lob: 'Ich fühl mich hier daheim', das Gefühl des Fremdseins kommt nicht auf. Man sicht jeden Menschen zu verstehen, ihm zu helfen mit zartem Fühlen. Wohl tun und Freundlichsein heißt die Parole, glücklich machen, Leid in Freud verwandeln. Neuer Mut, neues Lebensglück erhebt das Menschenherz durch alles Schöne und Gute, das gereicht wird.   
Ganz besonderer Erwähnung bedarf es, wie geschmackvoll und ansprechend serviert wird - die Speisen selbst sind so vorzüglich und bekömmlich zubereitet, dass es kein Wunder ist, wenn die Insassen bald und viel zunehmen. Der ganze Küchenbetrieb untersteht der Leitung des verehrten Herrn Lichtenstein.   
Das ganze Haus gehört zu den modernst eingerichteten in Davos, nicht fehlt an Komfort: Fahrstuhl, Laboratorium, eine schöne Röntgeneinrichtung ist vorhanden.   
Die Liegehallen, der Hauptaufenthaltsort der Patienten, verbreiten so viel Behaglichkeit, so viel Schönheit, dass sich jeder, auch wenn sich die Sonne am Firmament versteckt hält, reich und glücklich fühlt. 
Alle diese Eindrücke sind nicht das Ergebnis einer flüchtigen vor- oder Nachmittagsvisite, sondern Wahrnehmungen mehrtägigen Wohnens in der Etania.  
Was heute gefordert werden kann, ist die Anerkennung, die im vollsten Maße den Herrn Moritz Horn und A. J. Rom zukommt.  
Wohl hat die ganze Schweiz dieses philanthropische Werk materiell unterstütz, was aber weitaus nicht dem gleichkommt, was die beidenb verehrten Herrn von erster Stunde an bis zum heutigen Tag gegeben, ihre Kraft, ihr Streben, ihr starkes Wollen, in allem ihr Bestes zu tun. Und es ist ihnen gelungen, durch ihre echte Freude am Wirken, durch ihre rührige, nie endende Arbeitsamkeit, durch ihr hohes Pflichtbewusstsein gegenüber der Menschheit, wohl auf steilem, aber sicherem Pfad ein Heiligtum zum großen Zweck für alle. Alle, Nah und Fern zu bauen mit des Allmächtigen Hilfe sich segnend fortsetzend.  
'Nicht was ich habe, sondern was ich schaffe ist mein Reich.' 
Selma Guggenheim, Allschwil bei Basel".    

   
Anzeige des Hilfsvereins für jüdische Lungenkranke in der Schweiz (1922)     

Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 26. April 1922: "Hilfsverein für jüdische Lungenkranke in der Schweiz, Zürich.
Die Verwalterstelle in der Jüdischen Heilstätte Etania, Davos, ist per sofort zu besetzen. Bewerber oder Bewerberinnen, die in ähnlichen Betrieben tätig waren, belieben ausführliche Offerte nebst Beilage von Zeugnisabschriften zu richten an 
M. Horn, Zürich, Bahnhofstraße 55".      

 
Aufruf zur Unterstützung der jüdischen Heilstätte "Ethania" in wirtschaftlich schwieriger Zeit (1922)   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. August 1922: 'Noch einmal: Die jüdische Heilstätte in Davos
Die verschiedenen Artikel über die 'Jüdische Tuberkulosenfürsorge' in den letzten Nummern des 'Israelit' dürften wohl kaum unbeachtet geblieben sein, da dieser Gegenstand ja leider zu den Hauptfragen der Gegenwart gehört. Trotz aller Aufklärung auf diesem Gebiet ist es nicht möglich, Laien von dieser verheerenden und Leid bringenden Krankheit ein richtiges Bild zu geben. Wer nicht selbst aus diesem Becher des Elends gekostet oder längere Zeit in der Umgebung dieser vom Schicksal hart betroffenen Menschen geweilt, wird niemals die Tragweite dieser Krankheit und das Los dieser Heimgesuchten ermessen können. 
So höret denn Ihr, die Ihr Gott nicht genug für Euere Gesundheit danken könnet, Ihr, von denen nur die wenigsten das Kleinod der Gesundheit zu schätzen wissen, was einige aus dem Munde Tausender und Abertausender, die den Wert einer 'Jüdischen Heilstätte' kennengerlernt, zu Euch sprechen. Lasset diese Worte nicht ungehört an Eueren Ohren und unberührt an Euerem Herzen vorüberziehen! 
Die praktischen Erfahrungen, die wir in den Monaten und Jahren unseres Krankseins erworben haben sind viele. Einer dieser Hauptfaktoren ist die schon lange feststehende Tatsache, dass gerade die Psyche bei Lungenkranken eine bedeutende Rolle spielt. Daher ist es leicht verständlich, dass wir Juden uns in einem jüdischen Milieu weit behaglicher fühlen, als wenn wir durch Umstände gezwungen wären, unseren Aufenthalt in einer christlichen Anstalt zu nehmen. Wie schön ist es doch in unserem Hause, der 'Etania', wenn an den Sabbaten und Feiertagen sich alles in dem Speisesaal versammelt und in feierlicher Stimmung dem 'Kiddusch' lauscht. Aber auch welche Sehnsucht nach den Lieben zu Hause kann man gerade in diesem Augenblick von manchem Gesicht ablesen. Nur das Zusammengehörigkeitsgefühl der Patienten untereinander, was auch zum größten Teil wieder durch die jüdische Atmosphäre bedinght ist, verstärkt durch das Band gemeinsamer Leiden, lässt auch diese wehmütigen Schatten weichen und durch Zurückstellung des eigenen 'Ich' und durch Teilnahme für den Leidensgefährten, versucht man sich gegenseitig Trost und Mut zuzusprechen, - denn man befindet sich doch in dem gesundheitsversprechenden Davos - und ge-      
Davos Israelit 31081922a.jpg (218600 Byte)langt allmählich wieder in heitere Stimmung. Man gestaltet sich sein Leben nach bestem Können, unterstützt durch die Leitung des Hauses, so angenehm als möglich. Aber nicht darf man vergessen, dass alle diese Annehmlichkeiten und Erleichterungen, die dem Kranken in der 'Etania' erwachsen, einzig und allein ihren Ursprung in der Tatsache finden, dass diese ihrer Art nach einzige Institution in diesem hervorragenden Klima besteht. Dieses Haus, das im Jahre 1919 erst gegründet wurde, das, wie statistisch nachgewiesen glänzende Erfolge aufweist, das kein Patient verlässt ohne das größte Dankgefühl gegen diejenigen zu empfinden, die es ins Leben gerufen und unterhalten, in dessen ganzem Leben diese Periode unvergessen bleiben wird, dieses Haus unterliegt jetzt infolge der schweren Zeiten einer finanziellen Krisis, sodass wirtschaftliche Einschränkungen erforderlich sind. Selbst Kinder, die heute mehr denn je von der Tuberkulose befallen werden oder ihrer Gefahr ausgesetzt sind, können aus diesem Grund - wie bereits berichtet - keine Aufnahme dort finden. Hättet Ihr sie gesehen, diese schon so früh zum Leiden bestimmte Kinder, wie sie schon nach kurzer Zeit sich körperlich und auch demzufolge geistig entwickelten, wie die Knaben über 'Chummisch' (= Fünf Bücher Moses) und 'Mischnajoth' gebeugt mit Interesse und Verständnis den Worten des Lehrers lauschten, hättet Ihr gehört, wie fröhlich ihre Lieder vom Liegestuhl in die herrliche Natur erschallen, es hätte nicht eindruckslos an Euch vorübergehen können, und Ihr würdet alle Euere Kräfte aufbieten, dafür zu sorgen, dass diese Zeit wiederkommt, um die der Heilung harrenden Kinder nach Davos schicken zu können, um Eltern das Glück zu bereiten, ihre Kinder der Todesgefahr zu entreißen, um manches Leben, das jetzt schon Talente und Intelligenz in sich birgt, und darum heute schon ein für die Menschheit nützliches und heilbringendes Glied zu werden verspricht, zu erhalten. Wer sollte sich ihrer nicht erbarmen! 
Es ist nicht mit Worten zu schildern, welcher Jammer heraufbeschworen werden würde, wenn die 'Etania' aus Mangel an nötigen Geldmitteln ihre Tore schließen müsste, wenn dieser Hoffnungsschimmer gleich einem Sonnenstrahl am trüben Himmel erlöschen würde, der so manchen Kranken noch aufrecht erhielt, da er wartet und wartet, bis dass er aufgenommen werden könnte, um dort seine Heilung zu finden, wenn die Patienten der 'Etania', das in Davos zu ihrem Heim gewordene Haus verlassen müssten, und alle Hoffnung und Mut, die sie aus ihr geschöpft, nunmehr sich in ein leeres Nichts verwandelt. Denn was sollten sie beginnen, wohin sollten sie gehen! Kein Ort, sei es im Schwarzwald oder im bayerischen Hochgebirge, gibt ihnen die Garantien, die Davos dank seinem welt-   
Davos Israelit 31081922an.jpg (146434 Byte)berühmten und vorzüglichen Klima ihnen zu geben vermag, und auch in der Schweiz kommt für sie nur die 'Etania' in Frage. Darum seid Euch Euerer Verantwortung bewusst, und unterstützt in erster Linie Ihr Juden in valutahohen Ländern, die bereits zum Allgemeingut der gesamten Judenheit gewordene internationale Anstalt, mit Euerer ganzen materiellen Kraft, und Ihr Übrigen, die Ihr nur geringe Summen zur Verfügung stellen könnt, gewinnt Euere Angehörigen und Bekannten im Ausland - denn nicht an alle wird unser Ruf dringen können - überzeuget sie von dieser zwingenden Notwendigkeit und veranlasset sie, viel zu geben, denn große Summen sind erforderlich, um ein Kapital zu schaffen, das jährlich reichlich Zinsen ab wirkt, die Unterhaltungskosten zu bestreiten. Auch den Rabbinern - in allen Ländern - eröffnet sich hier ein fruchtbringendes Arbeitsfeld, wenn sie die ihnen kraft ihres Amtes zur Verfügung stehende Autorität dahin verwenden, ihre Gemeinden auf diese Notlage hinzuweisen, eventuell Sammlungen zu veranstalten, und die reichen Mitglieder für große Gaben zu gewinnen. - Welch' tiefe Befriedigung muss diejenigen erfüllen, die Kranken zu ihrer Heilung verhelfen, heißer Dank für alle Zeiten harret ihrer! 
Spenden werden entgegengenommen vom: 'Hilfsverein für jüdische Lungenkranke in der Schweiz', Zürich, Stockerstraße 62. 
(Wir bitten die jüdischen Zeitungen in England, Amerika, Holland, Schweiz, Belgien, um Abdruck dieses Notschreies. Redaktion des 'Israelit')."  

   
   
  
 
   
Texte zum jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben 
        
Aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben     
Ein zionistischer Verein wird am Ort gegründet (1918)  

Davos FrfIsrFambl 18101918.jpg (16605 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 18. Oktober 1918: "Davos. Hier ist ein zionistischer Verein gegründet worden. Präsident: A. Graupe. Der Verein will eine Lesehalle und Bibliothek eröffnen".      

   
Gründung einer jüdischen Gemeinde in Davos
(1919)  

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 10. Januar 1919 (unterer Abschnitt): 
"Davos...  Es hat sich hier jetzt auch eine jüdische Gemeinde gebildet, deren Vorstand Sally Guggenheim - Allschwil, früher in Berlin, angehört".    

   
Gemeindebeschreibungen 1920 / 1921  

Davos JuedJahrbuchCH 1920 S255.jpg (93374 Byte)Gemeindebeschreibung im "Jüdischen Jahrbuch für die Schweiz" Jahrgang 1920 S. 255: "Davos. Aus den Anregungen einiger Kurgäste, die sich im Dezember 1917 zusammenfanden zwecks Abhaltung eines regelmäßigen Gottesdienstes (Abodah), sowie zwecks Fürsorge für Sterbende und Tote (Gemilluth Chesed), entstand die im September 1918 rechtlich eingetragene Stiftung der Jüdischen Gemeinschaft Davos, welche die Funktionen der jüngsten Gemeinde ausübt. Vorstand: M. Gans, Dr. Wehl, M, Marcus, C. Rosenthal, J. Juda, sämtlich in Davos; A. I. Rom, Zürich. Die Anzahl der in Davos weilenden Juden wechselt ständig; sie beträgt schätzungsweise 100-150 im Sommer, 400 - 500 im Winter. 
Institutionen
: Synagoge, Chewrah Kadischah; in der jüdischen Heilstätte Etania eine Bibliothek.   
Vereine
: Zionistischer Verein Davos, Präsident E. Grünspohn."     
   
Gemeindebeschreibung im "Jüdischen Jahrbuch für die Schweiz" Jahrgang 1921 S. 179: 
derselbe Text wie oben von 1920, nur wird unter den Vereinen auch eine "Chevra Kadischa" genannt (Wohltätigkeits- und Bestattungsverein) 

  
  
Anzeigen von Privatpersonen 
Verlobungsanzeige von Sophie Göttlich und Oskar Jurovics (1921)      

Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 18. August 1921: 
"Statt Karten.  
Sophie Göttlich - Oskar Jurovics. Verlobte. 
Menachem Aw 5681.  Amsterdam - Davos."        
Hinweis: auf der genealogischen Seite http://familytreemaker.genealogy.com/users/j/o/f/Alan-D-Joffe-1/ODT1-0003.html wird das Paar genannt: Sophy Göttlich ist demnach am 22. Februar 1895 in Amsterdam geboren; von Oscar Jurovics wird nur das Sterbejahr 1977 erwähnt. Er war nach dem Bericht (von 1921 siehe oben) Direktor der Lungenheilstätte "Etania". 
Nachkommen leben in Israel. 

    
    
    
Presseartikel zur jüdischen Geschichte in Davos     

Mai 2009: Artikel zu den Quellen und zum Forschungsstand zur jüdischer Geschichte in Graubünden  
Artikel von Olivier Berger in südostschweiz.ch vom 17. Mai 2009 (Artikel): "Kaum dokumentierter Abschnitt Geschichte
Die Geschichte jüdischer Gäste und Gemeinden in Graubünden ist weitgehend unerforscht. Zum Teil sind Dokumente nicht mehr auffindbar oder im Laufe der Zeit vernichtet worden, wie eine neue Publikation zeigt.
St. Moritz/Davos.
– Das jüdische Museum im voralbergischen Hohenems hätte in seiner aktuellen Ausstellung 'Hast Du meine Alpen gesehen?' gerne zwei Exponate mehr gezeigt: Karteieinträge des Hotels 'Waldhaus' in Vulpera und Briefe jüdischer Gäste an die St. Moritzer Hotels aus dem Jahr 1938. Beide Dokumentensammlungen seien 'verschollen, bzw. vernichtet worden, wenn auch unter unterschiedlichen Umständen', schreibt die Zürcher Literaturwissenschafterin Bettina Spoerri in der Publikation zur Schau.
Die Forscher suchen vergebens. Die Unterlagen aus dem Engadin sind offenbar kein Einzelfall: Quellen und Dokumente zum jüdischen Leben in Graubünden sind dünn gesät. Eine der wenigen Ausnahmen ist das Archiv der jüdischen Davoser Lungenheilstätte Etania. 'Außerdem haben wir den Nachlass des früheren Davoser SP-Politikers Moses Silberroth erhalten', erklärt Uriel Gast, Leiter der Dokumentationsstelle Jüdische Zeitgeschichte in Zürich. Auch Gast ist aber 'längst zu Ohren gekommen, dass viele Dokumente und Aufzeichnungen über das jüdische Leben in den Bündner Alpen nicht mehr auffindbar sind'.
Auch an systematischen Aufarbeitungen der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart Graubündens fehlt es weitgehend, wie Jürg Simonett, Direktor des Rätischen Museums in Chur, bestätigt. 'Es gibt zwar einige Kapitel in Publikationen wie 'Bedrohung, Anpassung und Widerstand' von Martin Bundi, aber meist stehen die entsprechenden Nachforschungen eher im Zusammenhang mit der Präsenz der Nationalsozialisten im Kanton.' Auch Simonett ist – abgesehen vom erwähnten Silberroth-Nachlass – keine umfassende Sammlung von Dokumenten zum 'jüdischen Graubünden' bekannt.
In der Flut untergegangen. Hinter dem Verschwinden und der Vernichtung von Dokumenten und Archiven stehe in der Regel kaum böser Wille, glaubt der Bieler Ethonologe Daniel Kessler. Kessler hatte sich für den Beitrag 'Hotels und Dörfer. Oberengadiner Hotellerie und Bevölkerung in der Zwischenkriegszeit' im Jahr 1997 unter anderem auch mit dem jüdischen Einfluss auf die Entwicklung des Tourismus in Graubünden befasst.
Kesslers Forschungsarbeit ist zu verdanken, dass die Nachwelt überhaupt um die – inzwischen verschollenen – 15 Briefe weiß, die jüdische Stammgäste im Jahr 1938 an Hotels im Oberengadin geschickt hatten. In den Schreiben drückten die Betroffenen ihr Bedauern darüber aus, dass sie wegen des so genannten Judenstempels in ihren Pässen in diesem Jahr nicht ins Oberengadin in die Ferien kommen konnten.
Laut Kessler waren die Hotels angewiesen worden, entsprechende Briefe an die Gemeinde oder den Kurver- ein weiterzuleiten. 'Möglicherweise wollte man in Chur oder Bern gegen die 'Judenstempel' - Praxis intervenieren oder hat das sogar getan. 'Einen Grund, die Schreiben aus dem St. Moritzer Gemeindearchiv verschwinden zu lassen, um die eigene Geschichte zu verleugnen, habe es jedenfalls nicht gegeben. 'Ganz im Gegenteil, das wäre ja Werbung für St. Moritz.'
Die St. Moritzer Gemeindeschreiberin Barbara Stecher ist überzeugt, dass die 15 Briefe aus dem Jahr 1938 irgendwo in der Fülle des archivierten Materials noch vorhanden sind. Allerdings betreue die Gemeinde St. Moritz das Gemeinde- und das Kurvereinsarchiv sowie eine Dokumentationsbibliothek. 'Das sind Zehntausende von Unterlagen, und wir wissen noch nicht einmal, wo wir genau mit Suchen beginnen sollen.'
Das Archiv größtenteils entsorgt. Anders verhält es sich mit den Karteikarten jüdischer Gäste aus dem in den späten Achtzigerjahren abgebrannten Hotel 'Waldhaus' in Vulpera. Diese waren eine Zeitlang Teil eines kleinen Museums, welches Rolf Zollinger, Besitzer des benachbarten Hotels 'Villa Post', in seinem Haus unterhielt. Inzwischen hat die 'Villa Post' neue Besitzer erhalten, welche laut Zollinger an einer Weiterführung des Museums nicht interessiert gewesen seien. Darauf hin habe er die historischen Exponate und Unterlagen 'auch aus Bitterkeit' zum Teil entsorgt und zum Teil irgendwo verstaut, so Zollinger.
Zollingers Vorgehen ist laut Ethnologe Kessler kein Einzelfall. 'Viele Archive sind verschwunden, weil die Hotels nicht mehr von Familiendynastien weitergeführt wurden und die neuen Besitzer alte Dokumente entsorgt haben.' Andere Datensammlungen, weiß Dokumentationsstellen-Leiter Gast, 'sind schon vor Jahren nach Israel transportiert worden, weil man dachte, die gehören dort hin'.
Hanno Loewy, Gerhard Milchram (Hrsg.): 'Hast Du meine Alpen gesehen? Eine jüdische Beziehungsgeschichte'. Bucher Verlag, Hohenems. 448 Seiten, 48 Franken. Ausstellung bis 4. Oktober."   
  
August 2008: Bericht über die aktuelle Situation jüdischen Lebens in Davos  
Artikel von Peter Bollag in der "Jüdischen Allgemeinen" vom 28. August 2008 (Artikel): 
"Davos - Koscher auf dem Zauberberg 
Schweiz: Jedes Jahr im August strömen orthodoxe Gäste aus aller Welt nach Davos

Auf dem Bahnhof in Davos stehen zwei Jungen und diskutieren über die feuerrote Lokomotive der Rhätischen Bahn, die eben einfährt. 'Ist dies das Modell 2000?', fragt der eine. Der andere schüttelt den Kopf, dann zeigt er auf seine Uhr: 'Der Zug hat zwei Minuten Verspätung!' Das Besondere an diesem Dialog ist, dass die beiden Jungen Hebräisch sprechen. Sie tragen schwarze Kippot, an ihren kurzen Hosen baumeln weiße Schaufäden im Wind. Die beiden Jungen sind zusammen mit ihrem Großvater, einem Chassiden mit langem weißen Bart, auf dem Bahnhof erschienen, um Verwandte vom Zug abzuholen.
Orthodoxe jüdische Touristen, oft mit Rucksack und Wanderschuhen, zieht es in diesen Augusttagen nach Tischa B'Aw zu mehreren Hundert in die Schweizer Berge. Viele reisen in die Berner, Walliser und Bündner Alpen. Dort, im Kanton Graubünden, der sich gerne 'die Ferienecke der Schweiz' nennt, zählt Davos zu den attraktivsten Zielorten jüdischer Gäste aus der ganzen Welt.
Weniger präsent dürfte den meisten die dunkle Seite der kleinen Stadt sein: Davos war in den ersten Jahren der Nazi-Herrschaft eine Hochburg der Schweizer Hitler-Jünger – bis 1936 der jüdische Student David Frankfurter den 'Gauleiter' Wilhelm Gustloff erschoss und die Berner Regierung dem Treiben der braunen Gesellen danach Einhalt gebot.
In jenen Jahren gab es bereits die Lungenheilstätte 'Etania'. Sie wurde nach dem Ersten Weltkrieg gegründet, jüdische Gäste erholten sich hier in der Höhe der Bündner Berge von ihrer heimtückischen Krankheit – ähnlich wie Hans Castorp, dem Thomas Mann in seinem Zauberberg zusammen mit der Stadt Davos zu Weltruhm verholfen hat. Die 'Etania' ist längst Vergangenheit, auch als Hotel. Das Gebäude, um das sich heute ein Verein kümmert, müsste dringend saniert werden, doch dafür fehlt das Geld. Und weil das altehrwürdige Haus in der Lawinenzone liegt, darf es nicht abgerissen werden. 
In der Nähe der 'Etania' ballt sich diesen Sommer jüdisches Leben: Im ehemaligen holländischen Sanatorium, das geraume Zeit leer gestanden hat, wurde ein kleines Hotel mit Synagoge und koscherem Restaurant eingerichtet. Wer dieser Tage am Morgen hier herkommt, kann zwischen sieben und elf Uhr fast im Stundentakt am Morgengottesdienst teilnehmen. Auf diese Art verteilen sich die Beter, denn der Andrang ist groß. Kinder und Erwachsene stehen am Eingang um einen Eisverkäufer, ein Plakat kündigt verschiedene Schiurim, religiöse Unterrichtsstunden, an. Die düsteren Räumlichkeiten strahlen allenfalls dezente Ferienstimmung aus, doch es scheint niemanden zu stören, ist es doch allemal besser als im vergangenen Jahr: Damals mussten sich die Beter mit einer provisorischen Synagoge in einem Luftschutzkeller begnügen.
'In der 'Etania' hatten wir früher im Sommer maximal 100 Leute', erinnert sich der aus Deutschland stammende Nathan Königshöfer, der die Heilstätte zwischen 1973 und 1991 leitete. Dass große Rabbiner wie der Kalewer Rebbe nach Davos kamen, machte den Ort unter Chassiden schnell – und dauerhaft – populär.
Das freut auch Rafi Mosbacher. Der Zürcher Kaufmann möchte jüdisches Leben in der 13.000-Einwohnerstadt nicht nur im Sommer, sondern das ganze Jahr über verankern. 'Es ist ein idealer Platz für jüdische Touristen', schwärmt er und nennt die relativ leichte Erreichbarkeit des Ortes mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Auch lobt er den Umstand, dass auch große Familien sich hier gut bewegen können.
'Wenn ihr jüdischen Tourismus wollt, müsst ihr mir helfen', wandte Mosbacher sich unlängst an die Davoser Kurverwaltung – und war wohl selbst ein wenig überrascht, als er positive Antwort erhielt. Denn noch vor wenigen Jahren geisterten Berichte durch die Medien, die nichts Gutes von orthodoxen jüdischen Touristen in Schweizer Kurorten erzählten: Besitzer von Ferienwohnungen klagten über Schäden, Café- und Restaurantbetreiber jammerten, die jüdische Klientel konsumiere allenfalls Mineralwasser oder bleibe völlig aus.
Solche Vorwürfe, glaubt Rafi Mosbacher, seien zwar noch nicht ganz verschwunden, ebenso wenig wie manche antisemitische Äußerung, die oftmals von anderen Touristen kommt. Aber blickt man auf die Promenade und andere Straßen im Zentrum von Davos, so merkt man, dass die zahlreichen, meist schwarz gekleideten Gäste aus Israel, den USA, Antwerpen kaum auffallen. Man hat sich an sie gewöhnt, so wie sich in großen europäischen Städten niemand mehr über japanische oder arabische Gäste wundert.
Denn: Auch jüdische Touristen geben Geld aus. Die gut sortierten Koscher-Abteilungen eines Großhändlers werden in diesen Tagen schon am Morgen oft regelrecht gestürmt. Andere Lebensmittelgeschäfte profitieren ebenso – etwa ein örtlicher Bäcker, der sich entschlossen hat, auch koschere Produkte anzubieten. 
Zusammen mit chinesischen, indischen und russischen Feriengästen haben jüdische Touristen in den vergangenen Jahren für zweistellige Zuwachsraten im Urlaubsland Schweiz gesorgt. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn die Gäste würden nach Nationalität und nicht nach Religionszugehörigkeit erfasst, beteuert Cornelia Lindner vom Tourismusbüro Davos. Doch wenn an einem Schabbat im August in der Stadt rund 1.300 Challot bestellt werden, kann man davon ausgehen, dass sich im Sommer gewiss mehrere hundert, wenn nicht gar tausend jüdische Kurgäste in Davos aufhalten.
Ideal sei, meint Lindner, dass man in Rafi Mosbacher einen Gesprächspartner habe, der beide Mentalitäten gut kenne. So entstand in den vergangenen Jahren auch ein Merkblatt 'Tipps und Hinweise für jüdische Feriengäste in der Landschaft Davos'. Das Merkblatt klärt jüdische Gäste über Erlaubtes und Verbotenes auf und scheint nach Lindners Worten durchaus Früchte zu tragen: 'Wir haben kaum Klagen von Ferienwohnungsbesitzern.'
Rafi Mosbacher hofft, dass sich in Davos dauerhaft ein koscheres Hotel etablieren kann – denn die Lösung mit dem holländischen Sanatorium ist auf diesen Sommer beschränkt. Der Besitzer möchte an dieser Stelle, nur einen Steinwurf vom Davoser Kongresszentrum entfernt, ein Luxushotel errichten. Falls er die Bewilligung zum Abriss nicht erhält, dann könne er sicher sein, so Rafi Mosbacher, dass man wieder bei ihm anklopfen werde für den Sommer 2009 – und vielleicht darüber hinaus."
   

  
Lage der Etania-Heilstätte über Link bei den Google-Maps 
 


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Stand: 22. Februar 2017