Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Delémont (Delsberg, Kanton Jura, Schweiz)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Beschreibungen der Gemeinde im "Jüdischen Jahrbuch für die Schweiz" (1916-1921)  
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
   
In Delémont (Delsberg; gehörte 1271-1793 zum Bistum Basel, seit 1815 zum Kanton Bern) lebten einzelne Juden bereits im Mittelalter. 1279 schrieb ein dort lebender Jude französische Erklärungen zu schwierigen Teilen der Bibel. 1307 wurde in Delsberg ein jüdischer Ehevertrag geschlossen. Ein in Worms 1377 genannter Jude könnte nach seinem Beinamen aus Delsberg stammen.  
   
Erst im 19. und 20. Jahrhundert entstand wiederum eine jüdische Gemeinde. Seit den 1820er-Jahren erfolgte ein Zuge von jüdischen Personen / Familien vor allem aus südelsässischen Gemeinden wie Durmenach, Hagenthal und Seppois. Bereits 1834 konnte eine Gemeinde gegründet werden.   

Im 19./20. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1916 80 jüdische Einwohner (in etwa 20 Familien), 1917 75, um 1920 75 jüdische Einwohner (in etwa 20 Familien). Die jüdischen Gewerbetreibenden waren als Kaufleute und Viehhändler tätig. Mehrere von ihnen eröffneten Läden am Ort.  
   
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule, ein rituelles Bad und einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war zeitweise ein Kultusbeamter angestellt, der als Kantor und Religionslehrer tätig war. Um 1920 wird als solcher Jules Dreyfuss genannt (siehe Gemeindebeschreibungen unten). 
  
An jüdischen Vereinen bestanden ein Wohltätigkeitsverein Chevra-Kadischa und ein Israelitischer Frauenverein. Beide Vereine waren auch für das Bestattungswesen zuständig. Die Gemeinde bildete einen Vorstand aus Präsident, Vizepräsident und Sekretär sowie bis zu drei Beisitzern.  

Delemont Dok 140.jpg (132634 Byte) Von den in Delémont geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Charlotte (Lotte) Bergheimer geb. Brunschwig (geb. 15.6.1887 in Delémont, später wohnhaft in Offenburg, 1940 deportiert nach Gurs und 1944 nach Auschwitz) und Jeanne Haas geb. Ulmann (geb. 1.4.1870 in Delémont, später in Mülhouse und Lyon wohnhaft; umgekommen nach Deportation 1944).
Abbildung links: Gedenkblatt für Jeanne Haas geb. Ulmann in Yad VaShem.
 

Die jüdische Gemeinde in Délemont blieb klein und erhielt auch in und nach der NS-Zeit keinen wesentlichen Zuwachs von Gemeindegliedern. 
  
Bereits in den 1980er-Jahren war kein jüdisches Gemeindeleben mehr möglich. Nur noch wenige jüdische Einwohner wurden in den 1990er-Jahren verzeichnet (vgl. unten die Beschreibung zu dem in dieser Zeit gedrehten Film über die in Delémont lebenden jüdischen Personen und ihre Synagoge).    
        
        
         
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde     

In jüdischen Periodika des 19./20. Jahrhunderts wurden außer dem unten zitierten Bericht zur Einweihung der Synagoge noch keine Berichte zur jüdischen Geschichte gefunden.  

  
Beschreibungen der Gemeinde im "Jüdischen Jahrbuch für die Schweiz" (1916 - 1921) 
Beschreibung  von 1916:
   

Delemont JuedJahrbSchweiz 1916 S198.jpg (45801 Byte)Abschnitt im "Jüdischen Jahrbuch für die Schweiz" Jahrgang 1916 S. 198: "Delsberg. In Delsberg wurde im Jahre 1834 eine jüdische Gemeinde gegründet und zählt diese heute mit 20 Gemeindemitgliedern ca. 80 jüdische Seelen. Vorstand: M. Schmoll, Albert, Präsident; Jos. Levy, Vizepräsident; Samuel Schoppig, Sekretär; Ullmann-Haas und Meyer-Haas als Beisitzer. Beamter: Jules Dreyfus.
Institutionen: Synagoge (Route de Porrentruy), Friedhof, Armenpflege."      

Beschreibung von 1919:  

Delemont JuedJahrbSchweiz 1919 S256.jpg (39209 Byte)Abschnitt im "Jüdischen Jahrbuch für die Schweiz" Jahrgang 1919 S. 256-257: "Delsberg
In Delsberg wurde im Jahre 1834 eine jüdische Gemeinde gegründet und zählt diese heute mit 20 Gemeindemitgliedern zirka 75 jüdische Seelen. Vorstand: Albert Schmoll, Präsident; Samuel Schoppig, Sekretär; Joseph Levy, Isak Ulmann, Isak Meyer, Beisitzer. Beamter: Jules Dreyfus, Kantor. 
Institutionen
: Synagoge (Route de Porrentruy); Armenpflege: Chevros: Chevra-Kadischah, Frauenverein".   

Beschreibung von 1921:  

Delemont JuedJahrbSchweiz 1921 S179.jpg (40701 Byte)Abschnitt im "Jüdischen Jahrbuch für die Schweiz" Jahrgang 1921. S. 179: "Delsberg
In Delsberg wurde im Jahre 1834 eine jüdische Gemeinde gegründet und zählt diese heute mit 20 Gemeindemitgliedern zirka 75 Seelen. Vorstand: Albert Schmoll, Präsident; Samuel Schoppig, Selretär; Joseph Lévy, Isak Ulmann, Isak Meyer, Beisitzer. Beamter: Jules Dreyfus, Kantor. 
Institutionen
: Synagoge (Route de Porrentruy); Armenpflege. Chevros: Chevrah-Kadischah, Frauenverein".   

   
Statistik der jüdischen Einwohner 1917      

Artikel im "Jüdischen Jahrbuch der Schweiz" von 1917 S. 220: Es werden angegeben an jüdischen Einwohnern: 
"Kanton Zürich: Zürich 5212, Winterthur 133, Bülach 24; 
Baselstadt 2452; 
Genf 2236; 
Kanton Bern
: Bern 1062, Biel 413, Delsberg 75, Burgdorf 50, Langental 32, Laufen 27, Thun 27; 
Kanton Waadt:
Lausanne 989, Vevey 127, Yverdon 102, Montreux 96, Avenches 74, Nyon 64, Morges 40, Mondon 32, Cossonay 24".      

   
   
   
Zur Geschichte der Synagoge               
   
In den ersten Jahrzehnten des Bestehens der Gemeinde wurden die Gottesdienste in Privathäusern abgehalten. Ab 1862 konnte man gegen Mietzahlungen an die bürgerliche Gemeinde in der Orangerie des Schlosses von Delémont die Gottesdienste abhalten. Dieser Raum wurde allerdings Ende Mai 1909 gekündigt. 1910 heißt es dazu: "die israelitische Gemeinde von Delsberg feierte bis vor kurzem ihren Gottesdienst in einem Lokal, das sie von der Gemeinde mietete. Nachdem der Mietvertrag aufgelöst wurde, musste sie sich in einem kleinen Zimmer versammeln, das natürlich den Anforderungen an einen solchen Ort nicht genügen kann."   
 
Hierauf beschloss die Gemeinde den Bau einer Synagoge an Ort. Ein Grundstück konnte unterhalb des Schlosses vor den Toren der Altstadt erworben werden. Unter großen finanziellen Anstrengungen der Gemeindemitglieder und mit Hilfe von Spenden konnte das zum Bau notwendige Kapitel zusammengebracht werden. Als Architekt war Arthur Roos aus Mülhausen beauftragt. 
  
Die Einweihung der Synagoge am 20. September 1911   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Oktober 1911: "Delsberg (Kanton Bern), Schweiz, 1. Oktober (1911). Die hiesige Gemeinde, die nur aus 20 Familien besteht, hat andere größere beschämt, indem sie durch ihre Opferwilligkeit es dahin gebracht hat, eine kleine, aber schöne Synagoge zu errichten, deren Baukosten 30.000 Frs. betrogen. Die Synagoge, an der Straße gelegen und im orientalischen STil gebaut, enthält 40 Männer- und ebenso viel Frauenplätze. Zur Einweihung, die am 20. September stattfand, waren der Vizepräsident Advokat Gotschel, ein Glaubensgenosse, der Maire Zurbrugg, ferner Vertreter der Bürger, des Gemeinderates, der katholischen und evangelischen Kirche erschienen. Die Einweihungsrede hielt (Delsberg liegt im französischen Jura) Herr Rabbiner Dr. Cohn von Basel in französischer Sprache. Der gesangliche Teil hatte Herr Oberkantor Drujan von Basel übernommen. Der Parnes der Gemeine, Herr Albert Schmok, begrüßte die Behörden und der Maire gab in längerer Rede seiner Freude über das Aufblühen der jüdischen Gemeinde und über ihre schöne Synagoge, die eine Zierde der Stadt sei, Ausdruck."   

Über dem Eingangsportal findet sich eine hebräische Portalinschrift aus Jesaja 56,7: "Mein Haus soll ein Bethaus für alle Völker genannt werden". 
 
1999 wurden die Synagoge und die noch in Delémont lebenden jüdischen Einwohner bekannt über den Film des Schweizers Franz Rickenbach "Une synagogue à la campagne" (deutscher Titel: "Eine Synagoge zwischen Tal und Hügel"; englischer Titel: "A Synagogue in the Hills").   
   
 Im Jahr 2000 wurde die Synagoge umfassend renoviert. 
   
Adresse/Standort der Synagoge12, Route de Porrentruy      
  
  
Fotos     

Außenansichten der Synagoge 
in Delémont
Delemont Synagogue 163.jpg (82215 Byte) Delemont Synagogue 162.jpg (26701 Byte)
   Quelle: Wikimedia Commons über den 
Wikipedia-Artikel zu Delémont 
Quelle:  
Herkunft unbekannt 
     
Innenaufnahmen 
(vorläufig eingestellt aus 
Quelle: judaicultures.info
Delemont Synagogue 170.jpg (45725 Byte) Delemont Synagogue 171.jpg (37261 Byte)
   Blick zum Toraschrein mit
Besuchergruppe
Blick zur Frauenempore und 
die Eingangstüre von Westen

     
     

Einzelne Presseberichte  

August 2001: Film über das jüdische Leben in Delémont in den 1990er-Jahren   
Artikel von Volker Müller in der "Berliner Zeitung" vom 31. August 2010 (Artikel): 
"Die letzten Sieben aus der Synagoge von Delémont - Filmreihe über jüdisches Leben in Kino Arsenal
Eine alte Dame kocht zum Sabbat nach traditioneller Vorschrift das koschere Essen und deckt den Tisch festlich für sich allein. Munter schwatzend putzen Glaubensschwestern mit Wischeimer und Staubtuch das Innere ihrer Synagoge, deren Bänke schon lange verwaist sind und an deren Außenwänden der Putz bröckelt. Es sind schöne und anrührende Bilder, mit denen der Schweizer Regisseur Franz Rickenbach in seinem breit ausladenden, 139 (!) Minuten langen Film "Eine Synagoge zwischen Tal und Hügel" ein verfallendes Stück Kultur festhält. Sieben Jahre lang, von 1992 bis 1999, rekonstruierte er in der jurassischen Kleinstadt Delémont das Leben der letzten jüdischen Landgemeinde in der französischsprachigen Schweiz. Deren physisches Erlöschen ist unabwendbar: Rickenbach traf nur noch sieben betagte Menschen an, vier Witwen, ein Ehepaar und den Gemeindevorsteher; zwei seiner Darstellerinnen haben den fertigen Film nicht mehr erlebt.
Ja, man muss von Darstellern sprechen, denn Rickenbach hat seine einfühlsame Erzählung vom Dasein dieser Glaubensgemeinschaft fernab eines nüchternen Dokumentarismus groß inszeniert. Im opulenten Rahmen des 35-mm-Films, den marginalen Gegenstand bewusst kontrastierend, begleitet von einer emotionsgeladenen Filmmusik (Komposition: Antoine Auberson), tragen die Akteure die Bilder ihrer Erinnerung im buchstäblichen Sinne herbei, werden in ihren Gesichtern und in ihrer Umgebung die Anmut und Würde des Vergehenden nachgerade zelebriert (Kamera und Licht: Pio Corradi).
Eigentlich sind sie schon keine Gemeinde mehr, bringen sie doch seit Jahren nicht die zehn erwachsenen Männer zusammen, die nach jüdischer Regel für das Abhalten des Gottesdienstes gefordert sind. Zum Tribut an die moderne Zivilisation, die die jungen Mitglieder fortziehen ließ, kam eine eigentümliche biologische Schicksalsmacht: Über Jahrzehnte wurden in der Gemeinde ausschließlich Mädchen geboren.
Aber diese Sieben waren da, unerschütterlich in ihrem Glauben. Sie berichteten mit Freude, Witz und auch Wehmut von den Zeiten, da ihre Familien als Viehhändler und Geschäftsinhaber das Leben des Städtchens mitgeprägt hatten, nicht immer wohlgelitten, doch in ihrer schweizerischen Nische von tödlicher Verfolgung verschont.
Aus ihrem kleinen Zirkel erinnern Rickenbachs Akteure das prosperierende Delémont im beginnenden 20. Jahrhundert. Sie schlagen Erzählbögen zu Menschen, die aus der Stadt gegangen sind. Exkursionen führen ins Elsass, wo die Nazis die jüdischen Gemeinden vertrieben und ausrotteten, die Synagogen heute mißnutzt und verfallen sind. So wird der Film über das kleine Delémont hinaus zu einer Elegie auf den verlorenen Reichtum jüdischer Lebenswelten und kultureller Pluralität überhaupt. 
"Eine Synagoge zwischen Tal und Hügel" ist am 6.9., um 18.30 Uhr und am 9. 9. um 21 Uhr in Anwesenheit des Regisseurs im Kino Arsenal 1&2 an der Potsdamer Str.2 zu sehen - innerhalb einer Reihe, die die Freunde der Deutschen Kinemathek anläßlich der Eröffnung des Jüdischen Museums Berlin veranstalten. Begonnen wird die Filmreihe am 3. September um 14 Uhr mit "Jew Suss" von Lothar Mendes aus dem Jahre 1934 (Wiederholung am 9.9., 19.30 Uhr). Claude Lanzmanns Filmwerk "Shoah" folgt am 12. (1. Teil) und 13.9. (2.Teil), jeweils 19Uhr. ARTE zeigt heute um 22.15 Uhr eine stark gekürzte Fassung von "Eine Synagoge zwischen Tal und Hügel"." 
 
 

 

Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Delémont     

Literatur:  

Germania Judaica II,1 S. 159 
Ron Epstein-Mil: Die Synagogen der Schweiz. Bauten zwischen Emanzipation, Assimilation und Akkulturation. Fotografien von Michael Richter  
Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz. Schriftenreihe des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, Band 13. 2008. S. 222-227.   (hier auch weitere Quellen und Literatur)   
  

    

            

   

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 03. November 2012