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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Gernsbach (Landkreis Rastatt)
(ab 1928 mit Gaggenau,
Hörden und Bad Rotenfels)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
(Die Seite wurde erstellt unter
Mitarbeit von Irene Schneid-Horn)
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zwischen zwei
unterschiedlichen Landesherren (Baden und Hochstift Speyer) geteilten Gernsbach
bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des
17. Jahrhundert zurück. Erstmals wird 1683/84 im speyerischen Teil von Gernsbach
die jüdische Familie von "Israel, dem Juden" genannt (1683 ist noch
ohne Namensnennung von einer jüdischen Familie in Gernsbach die Rede, womit
sicher Israel gemeint war). 1694
verstarb der Dienstbote des Juden Israel in Gernsbach, der in
Kuppenheim
beigesetzt wurde; bereits 1689 war sein Schwiegervater gestorben. Bis zu seinem
Tod im August 1711 war Israel der einzige Schutzjude in Gernsbach; er lebte vom
Handel mit verschiedenen Waren und vom Geldverleih. Nach Israels Tod wurde 1712
Isaac Lazarus als Schutzjude in Gernsbach aufgenommen. Er stammte aus dem
pfälzischen Eisenberg; zu seiner Familie
gehörten 1722 zusammen neun Personen.
Hinweis auf den Beitrag von Cornelia Renger-Zorn:
Erste Juden in Gernsbach (online zugänglich).
Unbekannt ist der Ursprung der heute noch so genannten
"Judengasse" in der Altstadt. Es lässt sich nicht nachweisen, dass
sich hier die jüdische Bevölkerung konzentrierte. Nur ein jüdisches Wohnhaus ist
dort nachweisbar: 1798 brannte das Haus von Isaac Kaufmann an der Ecke heutige
Judengasse/Amtsgasse ab. Allerdings ist damals noch nicht von einer "Judengasse"
die Rede.
Die Zahl der jüdischen Familien blieb im 18. Jahrhundert klein:
bis 1711 war nur die Familie des Israel in der Stadt. 1721 wurden vier
jüdische Erwachsene und drei Kinder gezählt; bis 1784 waren es vier Familien. Im 19. Jahrhundert
entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: um 1825 56 jüdische Einwohner
(2,7 % von insgesamt 2.055), 1852 56 (2,6 % von 2.183), 1871 54 (2,3 % von
2.321), 1880 52 (2,1 % von 2.524), 1895 68 (2,5 % von 2.688), 1900 57 (2,1 % von
2.679), höchste Zahl um 1910 mit 71 Personen (2,5 % von 2.804).
An älteren jüdischen Wohnhäusern sind in besonderer Erinnerung
(weitere Adressen siehe unten): im Eckhaus
Judengasse/Amtsstraße wohnte um 1800 der vermögende Kolonialwarenhändler
Simon Kaufmann, ein Nachkomme des 1733 aus Untergrombach zugezogenen David
Kaufmann (siehe unter Lit. der Beitrag von C. Renger-Zorn), in der Loffenauer
Straße 9 Eli Neter, der Vater des berühmten Mannheimer Kinderarztes Dr. Eugen (Isaak)
Neter (siehe unten; an die Familie Neter erinnert die 1922 an einem Wanderweg Richtung
Müllenbild/Baden-Baden errichtete Schutzhütte, noch heute Neter-Hütte genannt). Die bis 1903 bestehenden Eisengroßhandlung der
Familie Neter war in der Hauptstraße 21.
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde einen Betsaal / Synagoge
(s.u.) und eine jüdische Religionsschule (der Religionsunterricht wurde im 19.
Jahrhundert zeitweilig in Räumen der Höheren Bürgerschule am Marktplatz
abgehalten). Ein rituelles Bad bestand nicht; die Einrichtung scheiterte im 19.
Jahrhundert am
Widerstand des Gemeinderates der Stadt. Die Toten der jüdischen Gemeinde wurden
auf dem jüdischen Friedhof in Kuppenheim
beigesetzt (Foto links: Grabstein für Karl Marx aus Gernsbach in Kuppenheim,
geb. 1908, gest. 1931). Auch die Anlage eines eigenen jüdischen Friedhofes in Gernsbach
scheiterte am Widerstand des Gemeinderates. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war zeitweise ein
Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. unten
Ausschreibungen der Religionsschulstelle Gernsbach bzw. Gernsbach-Hörden). Als Lehrer
werden genannt: Mitte des 19.
Jahrhunderts Lehrer Adler, 1857 bis 1861 Jakob Scherer, ab 1861
für wenige Jahre Baruch Frank, um 1871 Lehrer A. Heidingsfeld (in
"Der israelitische Lehrer" vom 14.6.1871 S. 191). Um 1887/1903 erteilte
Lehrer Moses aus Hörden den Religionsunterricht in Gernsbach;
1901 waren fünf Kinder aus Gernsbach zu unterrichten.
Die Gemeinde
gehörte zum Rabbinatsbezirk in Bühl.
Eine Stiftung wird um 1900 genannt: die Sal. Kaufmann'sche Stiftung (in
"Statistisches Jahrbuch des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" 1901 S. 114).
Als Gemeindevorsteher werden genannt: um 1848 "Synagogenrat zu Gernsbach"
S. Kaufmann (in: "Der treue Zionswächter" vom 15.9.1848 S. 296 und
"Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 25.9.1848 S. 584), um 1887/1897 Eli
Neter (1897 zusammen mit Gustav Dreyfuß und S. Stern; Eli Neter war zusammen mit
Leo Wertheimer zudem Bezirksältester im Synagogenbezirk Bühl, er starb 1908), um
1909 weiterhin Gustav Dreyfuß.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Vize-Wachtmeister Julius
Falk (geb. 19.3.1895 in Berwangen, gef. 22.8.1917), Max
Kohn und Albert Stern. Ihre Namen wurden auf dem 1936 erstellten
Gefallenendenkmal der Stadt nicht eingetragen, jedoch 1985 mit einer
Einweihungsfeier nachträglich ergänzt (Namen von Max Kohn und Albert Stern;
der Name des aus Berwangen stammenden
Julius Falk findet sich auf dem dortigen Gefallenendenkmal). Ausgezeichnet
für seinen Kriegseinsatz wurde Zahlmeister Max Baer: er erwarb sich neben dem
Eisernen Kreuz (EK II) die Badische Silberne Verdienstmedaille (Mitteilung im
"Israelitischen Familienblatt" vom 4. Januar 1917 S. 4).
Um 1924, als noch 62 jüdische Einwohner gezählt wurden (1,9 % von 3.368
Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde: Hermann
Nachmann, Josef Dreyfuß und Emil Nachmann. Als Lehrer, Kantor und Schochet kam regelmäßig
Lehrer J. Grünbaum aus Kuppenheim nach Gernsbach. Er hatte damals 12 Kinder in
Gernsbach zu unterrichten. 1932 waren die Gemeindevorsteher Hermann Nachmann (1.
Vors.), Julius Maier (Hörden, 2. Vors.) und Max Baer (2. Vors. und
Schriftführer). Inzwischen kam als Lehrer und Schochet regelmäßig Lehrer
Hermann Translateur aus Rastatt nach Gernsbach. Im Schuljahr 1931/32 hatte er 7 Kinder in Gernsbach zu unterrichten. Zur jüdischen Gemeinde in Gernsbach
gehörten in den Außenorten: Hörden 14 jüdische Personen,
Gaggenau 8 und
Rotenfels 4 (in
Rotenfels Arztfamilie Dr. Isidor Meyerhoff, siehe Presseartikel unten).
Seit Mitte 1928 gab es, nachdem die Zahl der jüdischen Einwohner in Hörden
stark zurückgegangen war, eine gemeinsame
Israelitische Religionsgemeinde Gernsbach – Hörden.
An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Handels- und Gewerbebetrieben
im Besitz jüdischer Familien sind bekannt: Gemischtwarengeschäft Friederike Baer
(Igelbachstraße 21, abgebrochen), Manufaktur- und Möbelgeschäft Julius und Max Baer
(Igelbachstraße 7), Eisenhandlung Emanuel Dreyfuß (Igelbachstraße 5),
Kleidergeschäft Leopold Dreyfuß (Bleichstraße 4), Metzgerei Adolf Maier
(Hauptstraße 14), Kaufhaus für Konfektions- und Manufakturwaren, Wäsche und Ausstattungsgeschäft, Möbellager, Inh. Emil Nachmann und Julius Ochs
(Igelbachstraße 8), Eisenwarengeschäft, Haus- und Küchengeräte, Inh. Hermann Nachmann und Herbert Walter
(Bleichstraße 2), Viehhandlung Josef Salomon Stern (Igelbachstraße 17, abgebrochen).
1933 lebten noch 54 jüdische Personen in Gernsbach. Auf Grund der Folgen
des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Repressalien und der Entrechtung
wanderten bis 1939 die meisten von ihnen aus (USA, Palästina, Uruguay und
Argentinien). Beim Novemberpogrom 1938 wurde durch auswärtige SA-Leute
die Synagoge angezündet und zerstört; die bis dahin noch bestehenden
jüdischen Geschäfte und Wohnungen wurden demoliert. Am 1. Januar 1939 wurden
noch 25 jüdische Einwohner gezählt; am 22. Oktober 1940 wurden
die letzten neun jüdischen Einwohner aus Gernsbach nach Gurs deportiert.
Von den in Gernsbach geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Ida Cahn geb. Stern (1874), Hilda Dreyfuß (1899), Arthur Kahn (1887), Erna Kahn geb. Dreyfuß
(1895), Eugen Lorsch (1884), Marianne Lorsch (1924), Hermann Nachmann (1867),
Else Neter (1883), Irma Pappenheim geb. Stern (1881), Mathilde Schlossberger
geb. Neter (1868), Johanna Schönberger geb. Dreyfuß (1892), Kätchen (Käthe)
Simon (1885), Eva Stern (1925), Hedwig Stern geb. Koch (1898), Ludwig Stern
(1886), Moritz Stern (1884), Ella Weil geb. Stern
(1888).
Von den in Gaggenau geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Nathan Kahn (1878),
Abraham Neumark (1863).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers (1836 /
1840)
Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den
See-Kreis" von 1836 S. 460 (Quelle: Stadtarchiv
Donaueschingen): "Erledigte Stelle. Bei der
israelitischen Gemeinde Gernsbach ist die Lehrstelle für den Religionsunterricht
der Jugend, mit welcher ein Gehalt von 60 Gulden nebst freier Kost und Wohnung
sowie der Vorsängerdienst samt den davon abhängigen Gefällen
verbunden ist, erledigt, und durch Übereinkunft mit der Gemeinde unter
höherer Genehmigung zu besetzen.
Die rezipierten israelitischen Schulkandidaten werden daher aufgefordert,
unter Vorlage ihrer Rezeptionsurkunden und der Zeugnisse über ihren
sittlichen und religiösen Lebenswandel binnen 6 Wochen sich bei der
Bezirks-Synagoge Bühl zu melden.
Auch wird bemerkt, dass im Falle weder Schulkandidaten noch
Rabbinatskandidaten sich melden, andere inländische Subjekte nach erstandener
Prüfung bei dem Bezirks-Rabbiner zur Bewerbung zugelassen werden.
Bühl, den 24. Mai 1836.
Großherzogliche Bezirks-Synagoge." |
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Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den
See-Kreis" von 1840 S. 426 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen):
"Bei der israelitischen Gemeinde Gernsbach ist die Lehrstelle für den
Religionsunterricht
der Jugend, mit welcher ein Gehalt von 60 Gulden nebst freier
Wohnung und ein hinreichender Ersatzbetrag für Verköstigung nach
Vorschrift der verehrlichen großherzoglichen Oberrats-Verordnung vom 22.
Oktober 1839 Nr. 383, sowie auch der Vorsängerdienst samt den davon abhängigen Gefällen verbunden ist, erledigt, und durch Übereinkunft mit der Gemeinde unter
höherer Genehmigung zu besetzen. Es werden daher Die rezipierten israelitischen Schulkandidaten aufgefordert,
unter Vorlage der Rezeptionsurkunde und der Zeugnisse über ihren
sittlichen und religiösen Lebenswandel binnen 6 Wochen sich bei der
Bezirks-Synagoge Bühl zu melden. Auch wird bemerkt, dass im Falle weder Schulkandidaten noch
Rabbinatskandidaten sich melden, andere inländische Subjekte nach
erstandener Prüfung bei dem Bezirks-Rabbiner Willstätter zu Bühl zur Bewerbung zugelassen
werden ." |
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet
1916 / 1920 / 1922
Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 15. Dezember 1916:
"Bekanntmachung. Die mit dem Kantor- und Schächterdienst
verbundene Religionsschulstelle Gernsbach - Hörden (Großherzogtum
Baden), ist auf den 1. Januar 1917 neu zu besetzen. Festes
Gehalt vorerst 1.200 Mark, mit Aussicht auf Erhöhung. Nebeneinkommen
mindestens 500 Mark, freie Dienstwohnung für einen Ledigen.
Meldungen mit beglaubigten Zeugnisabschriften sind sofort an die
unterzeichnete Stelle zu richten.
Bühl (Baden), den 21. November 1916. Die Bezirkssynagoge. Dr.
Mayer." |
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Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 15. Januar 1920: "Die
Kantor-, Religionsschul- und Schächterstelle
in Gernsbach-Hörden (Baden)
ist sofort neu zu besetzen. Gesamteinkommen garantiert 3000 Mark, freie
Wohnung. Ledige bevorzugt.
Meldungsschreiben nebst beglaubigten Zeugnisabschriften sind an die
unterzeichnete Stelle einzureichen.
Bühl (Baden), den 6. Januar 1920.
Die Bezirks-Synagoge. Dr. Meyer." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Oktober 1922:
"Die mit der Kantor- und Schächterstelle verbundene
Religionsschulstelle Gernsbach-Hörden (Baden) ist sofort zu besetzen.
Fixum 60.000.- Mark und Nebeneinkommen 15.000.- Mark nebst freier Wohnung.
Der Dienst in beiden benachbarten Gemeinden ist durch einen gemeinsamen
Lehrer zu versehen. Meldungen und Zeugnisabschriften sind an die
unterzeichnete Stelle einzusenden.
Die Bezirkssynagoge Bühl. Dr.
Mayer." |
Jacob Scherer aus
Sinsheim ist ab 1857
Lehrer in Gernsbach (Berichte von 1875, 1911 und 1926)
Anmerkung: Jakob Scherer ist am 7. Mai 1838 in
Sinsheim geboren und war bereits seit 1857
- Alter von 18 Jahren - als Lehrer in Gernsbach tätig. Vermutlich nach
seiner 1. Dienstprüfung in Karlsruhe 1861 wechselte er nach Freiburg. Die in den
Berichten gemachten Angaben sind teilweise unterschiedlich.
Jakob Scherer ist am 8. Februar 1926 in
Frankfurt gestorben.
Mitteilung
in der "Einladungsschrift zu der... öffentlichen Prüfung in der Real- und
Volksschule der israelitischen Gemeinde" in Frankfurt am Main 1876 S. 28: "Jacob
Scherer, geb. den 7. Mai 1838 zu
Sinsheim bei Heidelberg, erhielt den ersten Unterricht in der höheren
Bürger-Schule seiner Geburtsstadt. Im Jahr 1855 trat er in das Seminar in
Karlsruhe ein. Nach seiner Abiturientenprüfung wurde ihm die Schulstelle in
Gernsbach übertragen. 1861 bestand er die Dienstprüfung in Karlsruhe.
Vom Frühjahr 1865 bis Herbst 1866 bekleidete er die Stelle eines
ordentlichen Lehrers in Freiburg und hörte während 2 Semester Vorlesungen an
der dortigen Universität. Darauf wurde er an die Stadtschule und im Jahre
1872 an das Gymnasium in Karlsruhe berufen, welche Anstalt er verließ, um am
1. April 1875 die ihm übertragene Lehrerstelle an der Realschule der
israelitischen Gemeinde in Frankfurt zu übernehmen." |
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Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 12. April
1911: "Frankfurt am Main. Mit Beginn dieses Monats
schied Herr Jakob Scherer, Lehrer am Philanthropin, aus seiner
54-jährigen Lehrtätigkeit, um in den wohlverdienten Ruhestand zu treten.
In Sinsheim (Baden) im Jahre 1838 geboren, besuchte er die dortige
höhere Bürgerschule und bezog hierauf das Karlsruher Lehrerseminar. Nach
bestandener Lehrerprüfung wirkte er seit 1857 in Gernsbach
und Freiburg in Baden, später an
der israelitischen Stadtschule und dem Großherzoglichen Gymnasium in Karlsruhe.
Von dort wurde er 1875 als ordentlicher Lehrer an die Realschule der
israelitischen Gemeinde zu Frankfurt berufen, welcher er während 36
Jahren mit voller Hingebung seine ganze Kraft und sein großes
Lehrgeschick widmete. Zahlreiche Schülergenerationen sind ihm in treuer
Anhänglichkeit dankbar, und auch früher schon wurde ihm die öffentliche
Anerkennung seines ersprießlichen Wirkens durch Verleihung des
Kronenordens 4. Klasse zuteil aus Anlass der Einweihung des neuen
Schulgebäudes des Philanthropins im Herbste 1908.
Sein Abschied von der Schule und der Lehrtätigkeit nach mehr als einem
halben Jahrhundert, gestaltete sich zu einer erhebenden Familienfeier, an
der alle, die zu dieser Schule in Beziehung stehen, herzlichen Anteil
nahmen. In warmen, herzlich empfundenen Worten gab Direktor Adler den
Gefühlen Ausdruck, die in erster Linie die Kollegen und Schüler des
greisen Lehrers bewegen, der - trotz seiner 73 Jahre - noch ungebeugt von
den Beschwerden des Alters, sich in den im wahren Sinne wohlverdienten
Ruhestand zurückzieht, um jüngeren Kräften Raum zu geben. Indem der
Direktor ferner auch den Dank und die Anerkennung des Vorstandes und des Schulrates
der israelitischen Gemeinde aussprach, überreichte er dem verdienten
Pädagogen die ihm vom Kaiser verliehene Auszeichnung, den Roten
Adlerorden 4. Klasse, als weitere Anerkennung für den schon mit dem
Kronenordnen Ausgezeichneten, dabei dessen weitere Verdienste um die
Gemeinde wie auch auf sozialem Gebiete hervorhebend. Die warme
Anhänglichkeit der gegenwärtigen, wie der früheren Schüler des
Gefeierten brachten ein paar kräftig herausgeschmetterte Worte eines
Sextaners sowie die Ansprache eines Vertreters des Vereins der ehemaligen
Schüler des Philanthropins zum Ausdruck. Für alle diese Ehrungen dankte
der Scheidende mit bewegten Worten des Abschieds an Schule, Kollegen und
Schüler." |
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Zum Tod von Lehrer Jakob
Scherer (1926 in Frankfurt) |
Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 18. Februar 1926: "Frankfurt a. M.
(Persönliches). Am 8. dieses Monats verstarb der im Ruhestand lebende
Lehrer Herr Jakob Scherer im 88. Lebensjahre. Mit ihm verliert die
Frankfurter Gemeinde einen Mann, dessen Leben bis zum letzten Augenblick
beneidenswert genannt werden kann. In dem badischen Städtchen
Sinsheim geboren, kam er mit 18
Jahren als Lehrer nach Gernsbach und von da im Jahre 1866 an das
Großherzogliche Gymnasium in
Karlsruhe, wo er bis zum Jahre 1875 wirkte. Von hier wurde er an das
Frankfurter Philanthropin berufen und an dieser an Tradition so reichen
Schule fand er seine Lebensaufgabe. Der Verstorbene, dem ein glückliches
Gemisch von Frohsinn und Würde eigen war, verstand es kraft seiner
natürlichen Veranlagung, sich die Herzen und Seelen seiner Zöglinge — und
gerade die jüngsten waren ihm aus diesem Grunde anvertraut — zu gewinnen,
sodass sie mit einer geradezu stürmischen Verehrung an ihm hingen. 54
Jahre, davon 36 in Frankfurt, hat er so in der ihm eigenen fröhlich-ernsten
Weise Menschen für das Leben vorbereitet. mit denen er auch später
freundschaftlich verbunden blieb und denen er auch nach der Schulzeit,
selbst als gereiften Männern noch, das vertrauliche Du schenkte. Als er 1911
im Alter von 73 Jahren in den Ruhestand trat, fühlte er sich noch zu jung
zur Muße des Alters und bezog die Akademie für Sozial- und
Handelswissenschaften, den Vorläufer der hiesigen Universität, als Hörer.
Daneben widmete er sich der sozialen Tätigkeit in ausgedehntem Maße,
besonders für seine Standesgenossen. Jahrzehntelang gehörte er dem Vorstand
der hiesigen Hauptsynagoge an, dessen Ehrenvorsitzender er
zuletzt war. Bei Ausbruch des Krieges, als durch die Einberufung jüngerer
Lehrer Mangel an Lehrkräften eintrat. stellte er sich, auch ein
Kriegsfreiwilliger, mit 76 Jahren wieder in den Dienst der Schule. Alt ist
der Lebenskünstler Scherer nie geworden. Fröhlich, wie er gelebt hat, ist
er, bereit, wie er war, in eine bessere Welt eingegangen. Die überaus starke
Beteiligung bei der Beerdigung dieses seltenen Mannes und die Reden an
seiner Bahre legten Zeugnis ab von der Liebe und Verehrung, die die
Frankfurter Gemeinde dem Dahingeschiedenen zollt." |
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Links: Erinnerungen an Jakob Scherer im
"Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main" 1926 3 S.
8+10.
Text wird nicht abgeschrieben - bei Interesse bitte Textabbildungen
anklicken. |
Baruch Frank aus
Nonnenweier ist 1861 Lehrer in
Gernsbach (Berichte von 1875 und 1895)
Anmerkung: die Berichte enthalten unterschiedliche Angaben zur Zeit als Lehrer
in
Gernsbach. Baruch Frank war sehr wahrscheinlich direkter Nachfolger von Jakob
Scherer. Der Bericht von 1875 dürfte korrekt sein, wonach Baruch Frank in
Hechingen und nicht in Sigmaringen als Lehrer gewirkt hat.
Mitteilung
in der "Einladungsschrift zu der... öffentlichen Prüfung in der Real- und
Volksschule der israelitischen Gemeinde" in Frankfurt am Main 1875 S. 2: "In
das Lehrer-Kollegium eingetreten sind:
1. Mit dem Beginn des Schuljahrs: Herr B. Frank, bis dahin Lehrer in
Hechingen. Baruch Frank wurde am
18. Januar 1840 zu Nonnenweier im
Großherzogtum Baden geboren. Er besuchte die dortige Volksschule und wurde
nebenbei von zwei Lehrern, bei denen er Real- und fremdsprachlichen
Unterricht erhielt, für das Seminar in Karlsruhe, das er 1856 bezog,
vorbereitet. Nach seiner Abiturientenprüfung 1858 bekleidete er die
Religions-Schulstelle in Hörden-Gernsbach, bis er Ende 1860 an die
Elementarschule nach Hechingen
als erster Lehrer berufen wurde. 1862 bestand er zu Sigmaringen die
Lehrer-Prüfung für Mittelschulen und war seitdem neben der Elementarschule
auch als Lehrer an der höheren Töchterschule und als Translator bei dem
Königl. Kreisgericht zu Hechingen tätig, bis er Ende März v. I. einem Rufe
an die Realschule der israelitischen Gemeinde (sc. in Frankfurt am Main)
folgte." |
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Mitteilung
in "Programm der Realschule der israelitischen Gemeinde (Philanthropin) zu
Frankfurt Ostern 1895 S. 26-27: "Einen sehr schmerzlichen Verlust haben wir
noch gegen Ende des Schuljahres erlitten. Unser Kollege Frank, der
schon lange leidend war, der aber für die geringe Stundenzahl, die ihm auf
sein Verlangen belassen wurde, sich mannhaft aufrecht erhielt und noch am
Montag 25. Februar in unserer Schule unterrichtete, ist wenige Tage darauf,
Samstag 2. März sanft verschieden. Am 5. März vormittags wurde er zur ewigen
Ruhe geleitet. An seiner Bahre widmeten ihm die Herren Rabbiner Dr. Plaut,
Dr. med. Blumenthal (im Namen des Schulrats) und, in Vertretung des
Direktors, Kollege Dr. Brüll (namens des Lehrerkollegiums) einen ehrenden
Nachruf. Am Nachmittage desselben Tages fand unter Teilnahme der ganzen
Schule eine Trauerfeier statt, bei der Herr Oberlehrer Dr. Kracauer die
Gedenkrede hielt. — Baruch Frank wurde am 18. Januar 1840 zu
Nonnenweier (Baden) geboren, besuchte
das Lehrerseminar in Karlsruhe und bestand dort 1858 die erste, 1862 in
Sigmaringen die zweite Lehrerprüfung. Er war zuerst Religionslehrer in
Hörden-Gernsbach, dann Lehrer an der Elementarschule in Sigmaringen,
von wo er im März 1874 an unsere Schule berufen wurde. (Vergleiche unser
Programm von 1875. Schulnachrichten S. 2). Hier hat er hauptsächlich an der
Vorschule unterrichtet, daneben aber auch, naturgeschichtlichen Unterricht
in der Mädchenschule erteilt. Er war ein wohlunterrichteter, geschickter,
fleißiger und gewissenhafter Lehrer, dem unsere Schule stets ein dankbares,
ehrendes Andenken bewahren wird." |
Zum Tod von Religionslehrer Sam. Moses (1931)
Artikel in der "Jüdisch-liberalen Zeitung"
vom 28. Januar 1931: "Hörden-Gernsbach (Todesfall). Im Alter
von fast 83 Jahren starb Religionslehrer Sam. Moses. Dr. Lewin aus
Offenburg widmete dem Entschlafenen Worte der Anerkennung für die im Amte
bewiesene Pflichttreue. Herzliche Abschiedsworte fand Lehrer Grünbaum aus
Kuppenheim, während Bürgermeister
Schwan die allgemeine Wertschätzung des Verstorbenen mit den Worten
betonte: 'Er war nicht nur der Religionslehrer seiner Gemeinde, nein, er
war unser aller Berater und Führer.' Weitere Gedenkreden hielten noch
Kantor Grünfeld aus Baden-Baden und
Gemeindevorsteher Hermann Nachmann aus Gernsbach".
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Berichte zu einzelnen Personen und Familien aus der Gemeinde
100jähriges Bestehen des Bankgeschäftes Jakob Dreyfuß
(1906)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 14. September
1906: "Gernsbach in Baden. Das Bankgeschäft Jakob Dreyfuß blickt
Mitte September auf ein 100-jähriges Bestehen zurück. Von 1806 bis 1833
waren Leopold Dreyfuß und David Kauffmann Inhaber, von 1833 bis 1844
lautete die Firma Leopold Dreyfuß, von 1844 bis 1845 L. Dreyfuß Sohn und
ab 1845 Jakob Dreyfuß, dessen Sohn Gustav Dreyfuß der jetzige Inhaber
der Firma ist." |
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Dazu der Umschlag eines
Geschäftsbriefes aus der Sammlung von
Peter Karl Müller,
Kirchheim/Ries: der am 27. Mai 1827 von Frankfurt nach
Gernsbach
geschickte Brief ist adressiert an die damaligen Inhaber
der Bank
Leopold Dreyfuß und David Kauffmann (verschickt in der Zeit,
als es
noch keine Briefmarken gab) |
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Über den aus Gernsbach stammenden Professor Robert Dreifuß (Artikel zu seinem
Tod 1931)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Juni 1931:
"Zum Tode von Professor Robert Dreifuß - er ruhe in Frieden
-. Über den vor kurzem in Frankfurt heimgegangenen Professor Dr. Robert
Dreifuß wird uns noch geschrieben:
Professor Dr. Robert Dreifuß war am
13. März 1866 in Gernsbach in Baden geboren, er habilitierte sich
1908 an der Universität Straßburg für Ohrenheilkunde und wurde bereits
1909 zum Professor ernannt. In Frankfurt am Main, wo er sich nach dem
Kriege niederließ, erwarb er sich bald eine angesehene Stellung, er wurde
städtischer Schul- Ohrenarzt und konnte noch auf dem internationalen
medizinischen Kongress in Kopenhagen 1928 sein Fachgebiet vertreten. Prof.
Dreifuß gehört seinerzeit in Straßburg dem Vorstand der Gemeinde
an, war dort Präsident der Unitas-Loge und Vorsitzender der zionistischen
Ortsgruppe. Auch in Frankfurt zeigte er reges Interesse für jüdische
Angelegenheiten. Sehr oft sah man ihn früher bei den Geschichtsvorträgen
des Mekor Chajim. Ein großer Kreis von persönlichen Freunden trauert
neben der Familie und der Wissenschaft um den großen Gelehrten und guten Menschen.
Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
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Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 29. Mai 1931: "Mitten aus seiner
ärztlichen Tätigkeit heraus wurde am 20. Mai der Ohrenarzt Prof. Dr. Robert
Dreyfuß jäh dahingerafft. Wahrlich, man hat diesem Manne, der, ein großer
Naturfreund, noch wenige Wochen zuvor wie ein Jüngling seinen Schwarzwald,
seinen heimatlichen Baden durchwandert hatte, seine 00 Jahre nicht
angesehen. In Gernsbach (Baden) geboren, studierte Robert Dreyfuß in
Freiburg, München und Straßburg und erhielt die Grundlage seiner Ausbildung
in der Hals-,. Nasen- und Ohrenheilkunde in Berlin als Assistent von
Professor Baginsky sowie an den Spezialkliniken in Wien und Paris. Vor etwa
40 Jahren ließ er sich dann in Straßburg als Ohrenarzt nieder, widmete sich
aber neben der praktischen Tätigkeit noch in weitem Maße der
wissenschaftlichen Arbeit und gab verschiedene Schriften aus seinem
Fachgebiet heraus. Aus dem reichen Material seiner Poliklinik hielt er gut
^besuchte Kurse für Studierende und jüngere Acrzte. Im Jahre 1909 erfolgte
seine Ernennung zum Titularprofessor. Nur schweren Herzens vermochte sich
Robert Dreyfuß, durch die politischen Verhältnisse gezwungen, nach
Kriegsende von seinem ihm lieb gewordenen Wirkungskreise in Straßburg zu
trennen. Er siedelte nach Frankfurt über und erwarb sich auch hier bald
wieder eine angesehene Stellung. Ein neues Arbeitsgebiet eröffnete sich ihm
hier als städtischer Shulohrenarzt. eine Tätigkeit, der er mit Eifer und
Tatkraft oblag. Bei allem Ernst, der seinen Charakter kennzeichnete und der
ln seiner wissenschaftlichen wie in seiner praktischen ärztlichen Tätigkeit
zum Ausdruck kam, verfügte Robert Dreyfuß auch über einen sonnigen Humor,
einen treffenden Witz und große Schlagfertigkeit. Er war ein Mann von
umfassender Bildung, von hohem Verstände und reichen Kenntnissen, nicht nur
in seinem Spezialfache. Auch auf dem Gebiete der alten und neuen jüdischen
Literatur besaß er eine außerordentliche Belesenheit. Sein Lieblingsgebiet
war die Geschichte der badischen Juden, der Juden seiner Heimat. Alle
Veröffentlichungen zur Soziologie der Juden fanden sein warmes Interesse.
So war Professor Dreyfuß ebenfalls führend tätig in der
„Arbeitsgemeinschaft für Demographie und Statistik der Juden". Mehrfach hat
er hier Referate gehalten, vor allem über die Juden des badischen Landes.
Die Bibliothek der drei Frankfurter Logen des Ordens Bnei Brith verliert in
Professor Dreyfuß ihren hervorragenden Förderer, wie er überhaupt an der
Logenarbeit lebhaften Anteil nahm und vor dem Kriege auch in Straßburg das
Amt des Präsidenten der Unitas-Loae inne hatte. Professor Dreyfuß war ein
begeisterter Ziomst und wirkte lange Jahre in dem Vorstände der Frankfurter
Ortsgruppe mit. " |
Über den aus Gernsbach stammenden Dr. Eugen Neter
(1876-1966)
Eugen (Isaak) Neter (1876
Gernsbach - 1966 Degania/Israel): in Gernsbach in einer großen Familie
mit 11 Geschwistern aufgewachsen; seit 1893 Studium der Medizin in
Heidelberg; seit 1903 Kinderarzt
in Mannheim; 1914-18 Arzt im Ersten Weltkrieg; Verfasser zahlreicher Schriften zur Kleinkinderpflege und –erziehung; Mitbegründer des Mannheimer Fröbelseminars für angehende Kindergärtnerinnen; 1940 bis 1945 im KZ Gurs, danach Auswanderung nach Palästina. An seiner ehemaligen Praxis in Q 1,9
in Mannheim erinnert eine Gedenktafel an den Arzt; im Stadtteil Blumenau ist die
"Eugen-Neter-Schule" nach ihm benannt
(Siehe die Website der Schule: www.ens.ma.schule-bw.de,
von wo auch das Foto übernommen wurde). |
Brief aus Gurs - geschrieben von dem Gernsbacher Arthur
Kahn (1941)
(erhalten von Irene Schneid-Horn)
 |
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Dazu eingestellt:
Stammbaum
der Familie Dreyfuss
(erstellt von Irene Schneid-Horn)
eingetragen: Artur Kahn mit seiner Frau
Erna geb. Dreyfuss und den Kindern
Lieselotte und Margit: alle vier wurden
am 22. Oktober 1940 nach Gurs
deportiert |
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Den obigen Brief verfasste Arthur Kahn am
5. Februar 1941 im Lager Gurs. Er bittet das Bürgermeisteramt in
Gernsbach, mit Genehmigung der Geheimen Staatspolizei von den in der
Gernsbacher Wohnung zurückgelassenen Sachen vor allem Decken,
Handtücher, Kleidung usw. zuzusenden. Alle Unkosten sollten von dem
Sperrkonto bei der Deutschen Bank oder bei den Konten bei der Dresdner
Bank Karlsruhe abgebucht werden. "...wir befinden uns hier mit
unseren kleinen Kindern wirklich in der größten Not, weshalb ich
nochmals bitte, die Zusendung auf dem bestmöglichsten und schnellsten
Wege erfolgen zu lassen, ohne Rücksicht nehmen zu wollen auf die Höhe
der Unkosten...".
Drei Monate nach Abfassung des Briefes ist Arthur Kahn am 9. Juni 1941 im
Internierungslager Rivesaltes umgekommen; seine Frau Erna geb. Dreyfuß
wurde im August 1942 nach Auschwitz deportiert und dort
ermordet. |
Kleine Mitteilungen zu einzelnen
Personen aus der Gemeinde
- 1900: Notar Emil Edesheimer
in Gernsbach wird von Seiner Königlichen Hoheit dem badischen Großherzog
zum Rang eines Oberamtsrichters ernannt (Mitteilung in der Zeitschrift
"Der Israelit" vom 8. Januar 1900 S. 51 und "Jüdisches Volksblatt" vom 19.
Januar 1900 S. 4 sowie "Israelitisches Familienblatt" vom 31. Januar 1900 S.
3).
- 1904: Verlobung von Stefanie Dreyfuss (Gernsbach) mit Otto
Isay (Trier) (Mitteilung im
"Israelitischen Familienblatt" vom 14. Januar 1904 S. 6).
- 1906: Verlobung von Ritta Baer (Künzelsau)
mit Emil Nachmann (Gernsbach) (Mitteilung im "Israelitischen
Familienblatt" vom 20. April 1906 S. 6).
- 1906: Verlobung von Else Dreyfuß (Gernsbach) mit Eduard Weil
(Speyer) (Mitteilung im "Frankfurter
Israelitischen Familienblatt" - "Neue jüdische Presse" vom 9. November 1906
S. 6).
- 1908: Geburt von David Marx in Gernsbach (Mitteilung in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Februar 1908).
- 1908: Tod von Eli Neter in Gernsbach, Mitbegründer der
Carl-Friedrich-Loge in Karlsruhe, geb. 10. April 1837 in Gernsbach, gest.
22. Mai 1908 (Mitteilung im "Bericht der Großloge für Deutschland"
Oktober 1908 S. 131); der Tod von Eli Neter wird auch im Bericht des
Landesvereins zur Erziehung israelitischer Waisen im Großherzogtum Baden
(Sitz in Bruchsal) bekannt gegeben, da Eli Neter dort Ausschussmitglied war
(in: "Der Gemeindebote" vom 30. Juli 1909 S. 3).
- 1911: Verlobung von Jenny Mann in
Höheinod (Pfalz) mit Julius Baer in Gernsbach (Mitteilung in
"Frankfurter Israelitisches Familienblatt" - "Neue jüdische Presse" vom 11.
August 1911 S. 6).
- 1913: Verlobung von Rosa Baer in Gernsbach mit Edmund Salmon in
Homburg (Pfalz) (Mitteilung in
"Frankfurter Israelitisches Familienblatt" - "Neue jüdische Presse" vom 20.
Juni 1913 S. 6).
- 1914: Gemeindevorsteher Bankier Gustav Dreyfuß in Gernsbach
erhält für seine Verdienste von Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog
Friedrich II. das Ritterkreuz II. Klasse vom Zähringer Löwen (Mitteilung
in "Das jüdische Blatt" vom 17. Juli 1914 S. 11 und in "Der Gemeindebote"
vom 31. Juli 1914 S. 4).
- 1922: Verlobung von Hedwig Koch (Alzey)
mit Moriz Stern (Gernsbach) (in: Israelitisches Familienblatt" vom 7.
September 1922 S. 5).
- 1928: 75. Geburtstag am 17. August 1928 von Johanna Ruben geb.
Seeliger in Gernsbach (in: "Israelitisches Familienblatt" vom 9.
August 1928).
- 1928: Zu Synagogenräten wurden in der Gemeinde Gernsbach-Hörden
gewählt: der seitherige Vorsteher Hermann Nachmann und die Herren
Julius Maier und Max Baer (in: "Israelitisches Familienblatt"
vom 16. August 1928). |
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und
Privatpersonen
Anzeige von Heinrich Dreyfuß, Manufaktur- und Kolonialwarengeschäft (1867)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 9. April 1867:
"Lehrlings-Gesuch.
In meinem Manufaktur- und Kolonialwarengeschäft wird ein Lehrling (Israelit)
unter annehmbaren Bedingungen zu nächsten Ostern gesucht.
Reflektierende wollen sich deshalb wenden an
Heinrich Dreyfuß. Gernsbach, im Murgtale." |
Anzeige von Julius Kauffmann,
Manufakturwarengeschäft (1871)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. November 1871: "Lehrlings-Gesuch.
In meinem Manufakturwaren-Geschäfte (Samstag geschlossen), ist unter
günstigen Bedingungen eine Lehrlings-Stelle zu besetzen. Tüchtige
Schulkenntnisse unerlässlich. Kost und Logis im Hause.
Julius Kauffmann in Gernsbach (Großherzogtum Baden)." |
Mädchen für Hausarbeiten bei Josef Dreyfuß gesucht
(1900)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Mai 1900:
"Tüchtiges Mädchen,
das kochen kann und die Hausarbeiten
verrichtet, per sofort gesucht.
Josef Dreyfuß, Gernsbach,
Baden." |
Anzeigen der Eisenhandlung (/Ausstattungsgeschäft /Möbelgeschäft
/Haushaltungsgeschäft) A. Nachmann (1898 / 1900 / 1903 / 1910)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Mai 1898: "In meinem Eisenwaren-
und Ausstattungsgeschäft ist eine
Lehrlingsstelle
offen. Samstags und israelitische Feiertage geschlossen. Kost und Logis im
Hause
A. Nachmann, Gernsbach, Baden." |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. September 1900: "Suche
zum sofortigen Eintritt in mein Eisenwaren- und Möbelgeschäft einen
Lehrling
unter günstigen Bedingungen.
Kost und Logis im Hause.
A. Nachmann, Gernsbach in Baden." |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. November 1903:
"Suche per 1. Januar künftigen Jahres einen
Lehrling
aus
achtbarer Familie für mein Eisen- und Haushaltungsgeschäft unter
günstigen Bedingungen. Eventuell nehme ich auch einen angehenden Commis.
A. Nachmann, Eisenhandlung, Gernsbach (Baden)." |
| |
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 1910: "Lehrlings-Gesuch.
Suche für mein Eisen- und Haushaltungsgeschäft einen Lehrling zum baldigen
Eintritt, aus achtbarer Familie, unter günstigen Bedingungen.
A. Nachmann, Gernsbach (Baden)." |
Anzeigen des Manufaktur- und
Ausstattungsgeschäftes, später Kaufhauses Emil Nachmann (1907 / 1921 / 1925)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Februar 1907: "Ich suche
per Ostern einen
Lehrling
mit guter Schulbildung. Samstag und Feiertage geschlossen. Kost und Logis im
Hause.
Emil Nachmann.
Manufaktur- und Ausstattungsgeschäft, Gernsbach in Baden." |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Oktober 1921: "Intelligenter
Lehrling
für mein Manufaktur-Aussteuer- und Möbelgeschäft bald gesucht gegen
sofortige Vergütung.
Kaufhaus Emil Nachmann
Gernsbach in Baden." |
| |
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 5. Februar 1925: "Tüchtiger
Dekorateur und Verkäufer
der zugkräftig Schaufenster zu dekorieren versteht,
jüngerer Verkäufer und Lagerist und tüchtige Verkäuferin
für meine Manufakturwaren- und Konfektionsabteilung per sofort oder später
gesucht.
Offerten mit Lebenslauf, Bild, Zeugnisabschriften und Gehaltsansprüchen an
Kaufhaus Emil Nachmann
Gernsbach in Baden." |
Anzeigen des Manufaktur- und
Konfektionsgeschäftes Gebrüder Baer (1907 / 1909)
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 15. August 1907: "Lehrling
mit guter Schulbildung aus achtbarer Familie per bald gesucht.
Gebrüder Baer, Manufakturwaren und Konfektion. Gernsbach in Baden." |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. November 1909: "Lehrling
mit guter Schulbildung aus guter Familie per sofort gesucht.
Gebrüder Baer, Manufakturwaren und Konfektion. Gernsbach in Baden "
|
Anzeige der Viehhandlung David Marx
(1907)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Oktober 1907: "Viehhandlung.
Ein Gehilfe oder Metzger,
der den Viehhandel erlernen will, kann sofort eintreten bei
David Marx, Gernsbach (Baden)." |
Anzeige des Manufaktur- und Herrenkonfektionsgeschäftes Dreifuss & Lorsch (1911)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. September 1911: "Wir suchen für
unser Manufaktur- und Herrenkonfektionsgeschäft einen
Lehrling oder Volontair
aus achtbarer Familie.
Dreifuss & Lorsch Gernsbach in Baden". |
Anzeige des "Kaufhauses Gernsbach",
Inh. P. Stern (1924)
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 2. Oktober 1924: "Für unser
Manufakturwaren- und Herrenartikel-Geschäft
in Gernsbach wird zu sofortigem oder baldigem Eintritt eine äußerst tüchtige
Verkäuferin gesetzten Alters bei freier Station und Familienanschluss
gesucht. Dauernde, angenehme Stellung zugesichert.
Kaufhaus Gernsbach, Inhaber P. Stern in Gernsbach (Murgtal)." |
Geburtsanzeige von Siegfried Jacob
Stern, Sohn von Sally Stern und Paula geb. Ruben (1924)
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 8. Januar 1925: "Siegfried Jacob
Stern.
Die glückliche Geburt eines gesunden Jungen zeigen an
Sally Stern und Frau Paula geb. Ruben.
Gernsbach, Dezember 1924." |
Die Frau von Julius Ochs sucht eine
Kinderbetreuung (1926)
Anzeige im "Israelitischen Familienblatt" vom 21. Januar 1926: "KINDERGÄRTNERIN
zweiter Klasse oder einfaches Fräulein, mit durchaus gutem Charakter und
zuverlässig, zu meinem vierjährigen Töchterchen per 1. oder 15. Februar
gesucht. Familienanschluss, gute Behandlung und Bezahlung.
Frau Julius Ochs, Gernsbach im Murgtal in Baden." |
Geburtsanzeige von Heinz Julius
Lorsch, Sohn von Eugen und Sabine Lorsch (1925)
Anmerkung: Todesanzeige für die Mutter Sabine Lorsch geb. Moch siehe unten.
Der Vater Eugen Michael Lorsch (geb. 7. Januar 1884 in Gernsbach) war nach dem
Novemberpogrom 1938 im KZ Dachau interniert, wurde am 22. Oktober 1940 in das
südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert, dann nach Rivesaltes, wo er
am 21. August 1941 umgekommen ist.
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 27. August 1925: "HEINZ-JULIUS.
Statt Karten! Die glückliche Geburt eines kräftigen Stammhalters zeigen
hocherfreut an
Eugen Lorsch und Frau Sabine geb. Moch.
Gernsbach-Baden." |
Hochzeitsanzeige von Dr. Alfred
Grünebaum (Rastatt) und Ruth geb. Nachmann (Gernsbach) (1928)
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 26. Januar 1928:
"Dr. med. Alfred Grünebaum - Ruth Grünebaum geb. Nachmann
Vermählte
Rastatt -
Gernsbach." |
Verlobungsanzeige von Erna Dreyfuss
(Gernsbach) und Arthur Kahn (Mannheim/Albersweiler) (1930)
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 21. August 1930:
"Statt Karten
Erna Dreyfuss - Arthur Kahn
Verlobte
Gernsbach Baden - Mannheim
R 1.7 - Albersweiler
August 1930." |
Todesanzeige für Sabine Lorsch geb. Moch
(1937)
Anmerkung: Sabine Lorsch geb. Moch ist am 8. März 1896 geboren und am 26. Juli
1937 gestorben. Sie wurde beigesetzt im jüdischen
Friedhof Kuppenheim.
Anzeige
in der "CV-Zeitung" (Zeitung des "Central-Vereins") vom 29. Juli
1937:
"Unerwartet rasch verschied nach kurzer schwerer Krankheit
meine innigst geliebte unvergessliche Frau, unsere herzensgute, treu
besorgte Mutter, Tochter und Schwester,
Frau Sabine Lorsch geb. Moch
im
blühenden Alter von 41 Jahren.
Gernsbach (Baden), Pforzheim, Akoon (USA), Paris.
In tiefster Trauer:
Eugen Lorsch und Kinder, Marianne und Heinz, M. Moch und Frau, Friedel
Moch, Max Moch und Frau, Josef Moch und Frau, Berthold
Moch." |
Sonstiges
Nur ein Gerücht: der
Antisemitenführer (Max) Liebermann von Sonnenberg hätte seinen Wohnsitz in
Gernsbach genommen (1901)
Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Gemeindebote" vom 26. April 1901: "Liebermann
von Sonnenberg hat seinen Wohnsitz in der Stadt Gernsbach
genommen und beabsichtigt nach der 'Kreuzzeitung' innerhalb der
antisemitischen Partei Badens eine regsame Wirksamkeit zu entfalten. Nach
der 'Neuen Badischen Landeszeitung' will Liebermann für die nächsten
Landtagswahlen 'einen großartigen antisemitischen Sieg inszenieren'." |
| |
Mitteilung
im "Israelitischen Familienblatt" vom 29. Mai 1901: "Gernsbach. Gegenüber
der Meldung, dass der Antisemitenführer Liebermann v. Sonnenberg
nach Gernsbach in Baden übergesiedelt sei, wird uns mitgeteilt, dass zwar
eine Familie Liebermann von Sonnenberg schon seit vielen Jahren in Gernsbach
wohnt, aber mit Antisemitismus nichts zu tun hat. Die
Namensgleichheit in Verbindung mit dem Umstand, dass der antisemitische
Abgeordnete Agitationsreisen in Baden unternahm, hat wohl das irrige Gerücht
hervorgerufen." |
| Der Antisemitenführer war Max
Liebermann von Sonnenberg (1848-1911), der unter Bismarck die
"Antisemitenpetition" initiierte und jahrzehntelang ein Zugpferd der
antisemitischen Bewegung war. In Gernsbach lebte die Familie (bereits die
Eltern) von Felix Liebermann von Sonnenberg (geb. 6. Juli 1856, gest.
8. November 1932 und beigesetzt in Scheuern, Stadtteil von Gernsbach), der
jedoch politisch nicht in Erscheinung trat, vgl.
https://www.wikitree.com/wiki/Liebermann_von_Sonnenberg-5; zur
"Kreuzzeitung", die die Falschmeldung verbreitete:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzzeitung |
Zur Geschichte des Betsaals / der Synagoge
Ab wann ein Betsaal vorhanden war, ist nicht bekannt. 1748
ließ der Speyrer Vogt den Besitz des nach
Muggensturm gezogenen Herz Lazarus beschlagnahmen, darunter eine Torarolle.
Sie wurde später als "die in die schul gehabte 10 gebott" bezeichnet, wobei
"Schul" für einen Betraum beziehungsweise eine Synagoge steht.
Um 1830 plante die jüdische Gemeinde die Einrichtung einer (neuen?) Synagoge
beziehungsweise eines Betraumes. Dies geht aus den Unterlagen zu einer Kollekte
der Eschelbacher jüdischen Gemeinde hervor. Die Gernsbacher teilten am 19. Juli
1833 nach Eschelbach mit, dass sie nichts geben könnten, weil sie selbst eine
Synagoge bauen wollten. Spätestens in der Mitte des 19. Jahrhundert wurde zunächst
im Haus Hauptstraße 45 ein Betsaal eingerichtet.
Nachdem dieser Betsaal nicht mehr ausreichte, wurde 1860 eine Synagoge
erbaut. Sie befand sich in der Färbertorstraße gegenüber der Einmündung in
den Mühlgraben außerhalb des Altstadtbereichs, der durch einen Überrest der
Stadtmauer in diesem Bereich angezeigt wird. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts
entsprach das Gebäude nicht mehr den Verhältnissen und Bedürfnissen der
Gemeinde. So sammelte man einige Jahre lang Gelder für einen geplanten Neubau,
die dann freilich mit der Inflation 1922/23 entwertet wurden.
Nochmals wurden die Neubaupläne um einige Zeit verzögert, bis endlich eine von
Architekt Richard Fuchs aus Karlsruhe entworfene neue Synagoge 1927/28 in
einem damaligen Neubaugebiet der Stadt erstellt werden konnte (heutiges Grundstück
Austraße 3). An der Bauausführung waren zahlreiche Gernsbacher Firmen
beteiligt. Die feierliche Einweihung war am Sonntag, 15. Juli 1928.
Anwesend waren dabei der Offenburger Bezirks-Rabbiner Dr. Isidor Zlociski, der
die Festpredigt hielt, und Konferenzrabbiner Dr. Julius Zimels aus Freiburg, der
die Glückwünsche des Oberrates der Israeliten überbrachte. Weitere Vertreter
der jüdischen Gemeinden, der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde
sowie Regierungsrat Götz aus Rastatt sprachen Grußworte. Für einen würdigen
musikalischen Rahmen sorgte der Synagogenchor aus Weinheim. Eine weltliche Feier
im Gernsbacher Löwensaal schloss sich an die Synagogeneinweihung an. Dankbar
war man über einige wertvolle Stiftungen, die für die Synagoge eingegangen
waren. So stammte von Familie Emil Neter aus Mannheim wertvoller Toraschmuck
(Schild und Zeiger). Der vielfach bewunderte, aus rotem Samt mit Goldstickerei
bestehende Toravorhang kam aus der Kunststickerei W. Grünebaum in Kassel. Den
Gebetsraum prägte ein in der Mitte angebrachter Beleuchtungskörper in der Form
eines Davidsternes. Rechts der Apsis des Toraschreines stand ein schöner
Leuchter aus Messing, ein bisheriges Prunkstück der Synagoge in Hörden.
Das Gebäude der alten Synagoge wurde 1927 verkauft und später
als Wohnhaus, zuletzt als städtische Notunterkunft verwendet (nach 1960
abgebrochen).
Einweihung der Synagoge in Gernsbach (1928)
|
Bericht aus der allgemeinen Tagespresse von der Einweihung der neuen Gernsbacher Synagoge
(Quelle: O. Stiefvater s. Lit. S. 60ff.): "Die neue Synagoge der
israelitischen Gemeinden Gernsbach und Hörden wurde am Sonntag, dem 15. Juli
1928, in feierlicher Weise eingeweiht. Mit der Vollendung des Baues, in der
Austraße zu Gernsbach, ging ein jahrzehntelanger Wunsch der Gemeinde in Erfüllung.
Bereits vor dem Ersten Weltkrieg war man darauf bedacht, eine neue Synagoge zu
erbauen, da das alte Gebäude in der Färbertorstraße in keiner Weise mehr den
Verhältnissen und Bedürfnissen entsprach. Man hatte für den geplanten Neubau
Jahr und Jahr Gelder zurückgelegt, die dann mit der Inflation, nach dem Ersten
Weltkrieg, entwertet wurden. Als man in der Austraße ein Grundstück erwerben
konnte, war die Möglichkeit gegeben, die jahrelangen Pläne zu realisieren,
zumal die Nachbargemeinde Hörden damit einverstanden war, ihre Synagoge zu
schließen und zu verkaufen, um dann gemeinsam mit der Gemeinde in Gernsbach
eine neue Synagoge zu erbauen.
Die Planfertigung stammt von Dr. Ing. Richard Fuchs, Karlsruhe. An der Ausführung
des Baues waren zahlreiche Gernsbacher Firmen beteiligt. Der Gebetsraum war wie
folgt ausgestattet: Unter anderem wurde in der Mitte des Gebetsraumes ein
Beleuchtungskörper in der Form eines Davidsternes angebracht, vor dem
Toraschrank das ewige Licht und an der rechten Seite ein schöner Leuchter aus
Messing, ein bisheriges Prunkstück der Synagoge in Hörden. Die von der
Majolika-Fabrik in Neureut bei Karlsruhe gelieferte Altarstelle war von einer
Majolikaumfassung umrahmt, darüber war eine hebräische Inschrift in Gold auf
blauem Grunde, oberhalb des Toraschrankes die Gesetzestafeln mit den Zehn
Geboten.
Der 'Heilige Schrank' mit den Torarollen war in weißer Farbe gehalten. Rechts
und links des Toraschrankes befand sich ein Ehrenstuhl für die Rabbiner,
anschließend standen die Bänke für die Besucher, dazu gehörte noch eine geräumige
Empore. Eine Reihe von Nebengelassen befanden sich links vom Eingang, die ganze
Anlage war von einer Mauer umschlossen.
Zur Einweihung der Synagoge waren viele Gäste erschienen, Ehrengäste und
Vertreter der Stadtverwaltung Gernsbach, der katholischen Kirchengemeinde
Gernsbach, der evangelischen Gemeinden Gernsbach und der staatlichen Behörden.
Nach einem Präludium sang der Synagogenchor aus Weinheim das Eingangslied.
Architekt Fuchs, Karlsruhe, übergab anschließend die Schlüssel des
Toraschrankes und wies darauf hin, dass durch Glaubensstärke und guten Willen
ein Heim geschaffen worden sei, welches das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken
solle.
Der Synagogenchor Weinheim sang ein weiteres Weihelied, dann wurden die
Torarollen in feierlicher Form aus- und eingehoben. Die feierliche Predigt hielt
Dr. Zlociski, Offenburg. Konferenz-Rabbiner Dr. Zimels, Freiburg, übermittelte
die Glückwünsche der Landessynagoge und des Oberrates der Israeliten. Er
erinnerte an die alte Synagoge, in der die Gernsbacher Israeliten sechs
Jahrzehnte lang sich in Andacht zusammengefunden hätten und die trotz ihrer
Schlichtheit alte Erinnerungen wach halten wird. Gewerbeschuldirektor Münz,
Gernsbach, überbrachte die Grüße der evangelischen Gemeinden Gernsbach,
desgleichen Stadtpfarrer Ernst Bernauer im Namen der katholischen Gemeinde
Gernsbach. Regierungsrat Götz, Rastatt, sprach die Glückwünsche der
Staatsverwaltungsbehörde aus und Gemeinderat Heiliger, Gernsbach, überbrachte
die Glückwünsche der Stadtverwaltung. Der Synagogenvorstand Hermann Nachmann
dankte im Namen der Synagogengemeinde Gernsbach-Hörden."
|
| |
| Weitere Berichte aus der jüdischen
Presse, Zeitschrift "Der Israelit" und "Israelitisches
Familienblatt" : |
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. August 1928: "Baden-Baden,
26. Juli (1928). Rechts der Murg, an einem stillen, idyllischen Platz
steht das kleine, herrliche Gotteshaus, der kürzlich in Anwesenheit der
stattlichen und kirchlichen Behörden und den Vertretern der Bezirks- und
Nachbargemeinden feierlich eingeweiht wurde. Es ist eine Zierde des
lieblichen Murgtalstädtchens Gernsbach, dieses schöne Gotteshaus,
und macht dem Erbauer, Architekt Dr. Richard Fuchs,
Karlsruhe, alle
Ehre.
Der Synagogenchor Weinheim leitete die Feier mit dem Lewandowskyschen Chor
'Ma towu' ein, worauf Frl. Bär, Gernsbach, einen sinnreichen Prolog
vortrug.
Kantor Marx Meier, Weinheim, verrichtete das Michagebet und alsdann
übergab Architekt Dr. Fuchs dem Gemeindevorsteher Hermann Nachmann den Schlüssel
zum Toraschrank. In feierlicher Weise wurden die neu
eingekleideten Torarollen ausgehoben und Kantor und Chor sangen
freudeerfüllt in tiefer Ergriffenheit 'Ono adonoy, hoschiono', 'Hilf, o
Ewiger hilf!'
Es folgte alsdann die eigentliche Weihe des Hauses durch den zuständigen
Bezirksrabbiner Dr. Zlocisti aus Offenburg. Dieser eindrucksvollen Rede
folgten die von Begeisterung getragenen Worte des Konferenz-Rabbiners Dr. Ziemels,
Freiburg, der im Namen des Oberrats der Israeliten sprach.
Der Vertreter der evangelischen Gemeinde sprach von der Eintracht der
verschiedenen Konfessionen in Gernsbach und drückte den Wunsch aus, dass
es immer so bleiben möge. Herzliche Worte fand der katholische
Geistliche, Stadtpfarrer Bernauer im Namen der beiden katholischen
Gemeinden Gernsbach und Hörden.
Regierungsrat Dr. Götz brachte die Glückwünsche des Staates und der
Vertreter der Stadtgemeinde Gernsbach fand begeisternde, aufmunternde
Worte namens der Stadt.
Allen Rednern und Vertretern dankte der bewährte Gemeindevorsteher
Hermann Nachmann, dem das neue Gotteshaus in erster Linie zu verdanken
ist, für ihr Erscheinen und insbesondere für ihre tatkräftige Mithilfe
zur Ausführung dieses edlen Werkes.
Der auf beachtenswerter Höhe stehende Weinheimer Synagogenchor beschloss
die ernste, freudige Feierstunde mit dem Lewandowski-Chor 'Der Herr hat
unser gedacht'.
Der zweite Teil des Tages der Einweihung galt der Gemütlichkeit und der
Freude beim gemeinsamen Abendessen im Hotel Löwen, wobei Oberrat Dr.
Ellenbogen, Rechtsanwalt Lion, Rastatt,
Dr. med. Neter, Mannheim, Architekt
Dr. Fuchs, Karlsruhe, schöne Worte sprachen. Besondere Anerkennung fand
der verdienstvolle Vorsteher der Gemeinde Gernsbach, Hermann Nachmann.
Speise und Trank der bekannten Adlerwirtin, Frau Stern,
Hörden, waren
vorzüglich." |
| |
Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 26. Juli 1928: "Gernsbach (Baden).
(Einweihung der neuen Synagoge.) Rechts der Murg, an einem idyllischen
Platz steht das kleine Gotteshaus, das vorige Woche in Anwesenheit der
staatlichen und kirchlichen Behörden und der Vertreter der Bezirks- und
Nachbargemeinden feierlich eingeweiht wurde. Es ist eine Zierde des
lieblichen Schwarzwaldstädtchens, dieses Gotteshaus, und macht dem Erbauer,
Architekt Dr. Richard Fuchs,
Karlsruhe, alle Ehre. Der Synagogenchor
Weinheim leitete die Feier mit dem Lewandowskyschen Chor 'Mahtauwo' ein,
worauf Frl. Bär einen Prolog vortrug. Kantor Marx Meier,
Weinheim, verrichtete das Minchahgebet,
und dann übergab Architekt Dr. Fuchs dem Gemeindevorsteher Hermann
Nachmann den Schlüssel zum Toraschrank. In feierlicher Weise wurden die
neu eingekleideten Torarollen unter Chorgesang ausgehoben. Alsdann folgte
die eigentliche Weihe des Hauses durch den zuständigen Bezirksrabbiner
Dr. Zlocisti (Offenburg). Nach
seiner Weiherede kam Konferenz-Rabbiner Dr. Ziemels,
Freiburg, zu Wort, der im Namen des
Oberrats der Israeliten sprach. Der Vertreter der evangelischen Gemeinde
rühmte die Eintracht der Konfessionen in Gernsbach, und drückte den Wunsch
aus, das es immer so bleiben möge. Herzliche Worte fand der katholische
Stadtpfarrer, der im Namen der katholischen Gemeinden Gernsbach und
Hörden gratulierte. Regierungsrat Dr.
Götz brachte die Glückwünsche des Staates, und der Vertreter der
Stadtgemeinde Gernsbach fand herzliche Worte namens der Stadt. Allen Rednern
dankte der Gemeindevorsteher Herr Nachmann, dessen Initiative das
neue Gotteshaus in erster Linie zu verdanken ist. Der Präsident des
Oberrats, Prof. Dr. Stein, übergab dem Gemeindevorsteher die amtliche
Urkunde über die Verschmelzung der beiden Gemeinden Gernsbach und Hörden und
wünschte der Gemeinde zur Vermählung besten Erfolg, während Oberrat Dr.
Ellenbogen in humorvoller Weise die Stärkung und Vergrößerung dieser 'Ehe'
wünschte. Im Namen der Bezirksgemeinden sprach Rechtsanwalt Lion (Rastatt)
und toastete auf den Oberrat. Die Grüße und Glückwünsche der Nachbar- und
Tochtergemeinde Baden-Baden
überbrachte Kantor Grünfeld. Dr. med. Eugen Neter,
Mannheim, ein geborener Gernsbacher,
erzählte aus seinen Gernsbacher Jugendtagen. Die dankbaren
Gemeindemitglieder überbrachten ihrem opferbereiten Vorsteher Hermann
Nachmann einen prachtvollen, wohlverdienten Ruhestuhl als Zeichen der
Anerkennung für seine Verdienste um das Gelingen des Werkes."
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Nachtrag
im "Israelitischen Familienblatt" vom 9. August 1928: "Nach Gernsbach.
Wunschgemäß tragen wir unserem Bericht über die dortige Synagogeneinweihung
in der vorletzten Nummer noch nach, dass der Solo-Gesang ('O hätt' ich
Jubels Harf'') von Fräulein Freya Wolfsbruck aus
Emmendingen, der im badischen
Musikleben bekannten Sängerin und Dirigentin, zur Verschönerung der Feier
erheblich beigetragen hat."
Anmerkung: - über Freya Wolfsbruck (1893 Randegg - 1973 Lengnau),
Klavierlehrerin, Gesangslehrerin, Chorleiterin siehe
https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00004270
|
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Artikel
im "Mitteilungsblatt des Landesverbandes Israelitischer Religionsgemeinden
Hessen" im August 1928 S. 4: "Eingesandt.
Wie ich durch einen unvorhergesehenen Aufenthalt zu einer seltenen Mizwoh
kam!
Auf der Fahrt nach dem Schwarzwald benutzte ich den Frühschnellzug
Mainz-Karlsruhe-Rastatt, um von letzterer Station aus die neu eröffnete
direkte Bahnlinie Rastatt-Freudenstadt zu befahren. Meine Annahme, dass der
direkte Schnellzug auch an diese Linie sofort Anschluss haben würde, war
insofern falsch, da ich erfahren musste, dass der Zug nur bis Gernsbach
fahre. Ich war deshalb genötigt, in dem schön gelegenen Gernsbach mich
aufzuhalten, die Gelegenheit benutzend, eine mir bekannte Familie Dreifuß zu
besuchen, und wurde mir anlässlich meines Besuchs mitgeteilt, dass am
Nachmittag die neu erbaute Synagoge eingeweiht würde. Durch die
Liebenswürdigkeit der Familie D. wurde mir noch eine Einlasskarte zur Feier
zur Verfügung gestellt, und so hatte ich die große Freude der Synagogenweihe
beizuwohnen. Die Synagoge war von einer großen Anzahl fremder Gäste,
Regierungsvertretern, Geistlichen beider Konfessionen und geladenen Gästen
überfüllt. Nach der Predigt des Bezirksrabbiners, Herrn Dr. Zlocisti,
und der Ansprache des Herrn Konferenzrabbiners Dr. Ziemels, als
Vertreter des badischen Oberrats der Israeliten, sprachen die Geistlichen
beider Konfessionen, so auch der Vertreter der badischen Regierung, der
Stadtverwaltung von Gernsbach. Es machte ganz besonders auf die fremden
Gäste einen erhebenden Eindruck, dass in dem netten Städtchen Gernsbach
unter den sämtlichen Konfessionen Friede und Eintracht herrscht, was durch
die Ansprachen der katholischen und evangelischen Geistlichkeit zum Ausdruck
gebracht wurde. Hervorgehaben seien die wundervollen Gesänge des
Synagogenchors von Weinheim a. d. B.,
der dazu beigetragen, die Feier zu einer glanzvollen und erhebenden zu
machen. Durch die eifrige Bemühung der Frau Dreifuß wurden Gelder
gesammelt, und so konnten am Tage der Weihe der Synagoge zwei herrliche
Brochaus der Gemeinde im Namen der Stifterinnen übergeben werden, eine
kunstvolle Arbeit, die der liefernden Firma B. Grünebaum in Kassel alle Ehre
macht. Es sei hervorgehoben, dass die israelitische Gemeinde Gernsbach sich
nur aus zirka 14 Familien zusammensetzt. Daran können sich die kleineren
Landgemeinden auch in Hessen ein Beispiel nehmen, was Opferwilligkeit selbst
in kleinen jüdischen Gemeinden vermag. Die Synagoge ist ein prachtvoller
Bau, errichtet durch den Architekten Herrn Dr. Fuchs. Das Gotteshaus steht
auf einem der schönsten Plätze von Gernsbach und gereicht zur Zierde der
Stadt. Möge das neu geweihte Gotteshaus ein Ansporn geben, den Zusammenhalt
der Judenschaft zu fördern zur Ehre Gottes auch in religiösem Sinne!
Oppenheimer, Gau-Bickelheim."
Anmerkungen: - Die durchgehende Bahnlinie Rastatt-Freudenstadt
("Murgtalbahn") wurde im Juli 1928 nach Fertigstellung eines letzten
Streckenteiles eröffnet - vgl.
https://de.wikipedia.org/wiki/Murgtalbahn
- Brochaus = Parochot (Vorhänge vor dem Toraschrein) siehe
https://de.wikipedia.org/wiki/Parochet
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| Ein weiterer Bericht zur Einweihung der
Synagoge Gernsbach erschien in der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 3. August
1928 Beilage S. 1. |
Zur Architektur der
Gernsbacher Synagoge (1928)
Artikel
in "Aus alter und neuer Zeit" vom 30. August 1928: "'Neue Sachlichkeit'
im Synagogenbau. Die neue Synagoge in Gernsbach
Die neue Synagoge der Israelitischen Gemeinde Gernsbach-Hörden ist nun
fertig gestellt und wurde vor kurzem feierlich eingeweiht. Damit ist ein
Wunsch in Erfüllung gegangen, den viele Juden Badens seit Jahrzehnten
erstrebt hatten. Schon lange vor dem Kriege war man darauf bedacht, eine
neue Synagoge zu erhalten, denn das alte Gebäude entsprach nicht mehr den
Verhältnissen. Jahr für Jahr wurden Ersparnisse zurückgelegt. Es kam der
Krieg und damit die Verschiebung der Baupläne; es kam die Inflation und
damit der Verlust der Ersparnisse. Es musste von vorn angefangen werden in
einer Zeit, in der Rücklagen nicht allzu reich gemacht werden konnten. Ein
bescheidener Grundstock ließ den Plan zur Wirklichkeit reifen, als man ein
geeignetes Gelände fand. Es kam ferner hinzu, dass die Nachbargemeinde
Hörden damit einverstanden war, ihre
bisherige Synagoge zu veräußern und gemeinsam mit Gernsbach eine neue
Synagoge zu erbauen. Nachdem die Verhandlungen mit der Gernsbacher
Stadtverwaltung über den Ankauf der alten Synagoge durch die Stadt ebenfalls
zufrieden stellend verlaufen waren, ging es unter der tatkräftigen Förderung
des bewährten Vorstandes der Gernsbacher Synagogengemeinde, Herrn Hermann
Nachmann , mit Hochdruck an den Bau der neuen Synagoge.
Herr Architekt Dr. Ing. Richard Fuchs (Karlsruhe) hatte einen Plan
entworfen, der die Billigung der Bauherren fand. Architektonische Schönheit
vereinte sich mit vollständiger Zweckmäßigkeit, und es darf von vornherein
gesagt werden, dass auch dem Laien das nun fertige Gebäude gefällt.
Denn der neue Bau wird in einer für eine Kleingemeinde geradezu idealen
Weise seiner Bestimmung gerecht. Der Würde eines Gotteshauses ist vollauf
Rechnung getragen, und dabei ist doch unsere moderne Zeit und der
landschaftliche und bauliche Charakter der Umgebung berücksichtigt
worden. Schaudern erinnern wir uns an so manche Synagogenbauten, die mit
ihrer pseudomaurischen, überladenen Architektur in schreiendem Gegensatz zu
den sie umgebenden europäisch-westlich-deutschen Profanbauten standen
und dabei alles andere waren als jüdisch. Denn wir Juden haben
bekanntlich keine eigene, spezifische Architektur. So ist es am sinnvollsten
— und das haben unsere mittelalterlichen Vorfahren auch immer und überall
getan —, wenn wir auch unsere Gotteshäuser harmonisch in das Straßen- und
Stadtbild einfügen, und bei den neu zu erbauenden Synagogen ist die größte
'Sachlichkeit' zu beobachten, genau wie eben die übrige Architektur unserer
Tage von rein sachlichen und dabei — ja, vielleicht darf man sagen: dadurch
— schönen Formen bestimmt ist. An einem Monumentalbau, der neuen Synagoge in
Amsterdam, haben wir unsern Lesern vor kurzem die strenge, herbe,
kühle Schönheit der neuen sachlichen Architektur auch des jüdischen
Gotteshauses zu demonstrieren versucht; dass ähnliche wohltuende,
beruhigende Wirkungen auch von einer ganzen kleinen und schlichten
Kultstätte ausstrahlen können, zeigen unsere heutigen Bilder von der
Synagoge Gernsbach-Hörden." |
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Fotos aus dem obigen
Artikel
zur Synagoge in Gernsbach |
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Synagoge Gernsbach
(Außenansicht) |
Blick auf die Heilige
Lade |
Blick auf die
Frauenempore |
| KI-Rekonstruktionen
auf Grund der obigen Fotos, koloriert (erstellt im April 2026) |
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Über den Architekten der Gernsbacher Synagoge: Richard Fuchs (1887-1947)
Aus
dem Buch von Werner Skrentny: Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet.
Biografie eines jüdischen Fußballers.
Verlag
"Die Werkstatt" Göttingen 2012.
Nachfolgend wird - mit freundlicher Genehmigung des Autors - aus den
Seiten 248-249 dieses Buches zitiert: |
"Dr. Richard Fuchs, Architekt der Synagoge
Architekt der Gernsbacher Synagoge war Dr. Richard Fuchs (geb. 26.4.1887 in Karlsruhe). Als das Gotteshaus in Brand gesteckt wurde, lebte Fuchs noch in Deutschland.
Der älteste Bruder des Fußball-Nationalspielers Gottfried Fuchs / Godfrey E. Fochs hatte 1923 an der Technischen Hochschule Karlsruhe promoviert. In der Pogromnacht 1938 wurde Dr. Richard Fuchs festgenommen; kahlgeschoren kehrte er aus dem KZ Dachau zurück. Nachdem das denkmalgeschützte
'Café Stübinger' in Karlsruhe einer Erweiterung des 'Karstadt'-Kaufhauses geopfert wurde, gilt als einzig erhaltenes Hauptwerk des Architekten der Moderne heute der Wohnblock
'Gottesauer Hof' (um 1928, Ecke Mozartstraße 1-3/Moltkestraße 55-57 in Karlsruhe).
Der ehemalige Kriegsfreiwillige erhielt 1935 als Architekt Berufsverbot. Er gründete den Jüdischen Kulturbund Baden mit, war Präsident der Loge B’nai B’rith – und komponierte. In Neuseeland, wohin er über Großbritannien flüchtete, galt er mit Beginn des Zweiten Weltkriegs als
'feindlicher Ausländer' und wurde erneut arbeitslos. Josef Werner schrieb in seinem Standardwerk
'Hakenkreuz und Judenstern. Das Schicksal der Karlsruher Juden im Dritten
Reich': 'Desillusioniert starb der Karlsruher Architekt und Komponist am 22. September 1947 im Alter von 60 Jahren. Die lebenslang nachwirkende Ausgrenzung und die Demütigung in seinen letzten Karlsruher Jahren sowie die Distanzierung seiner Asylgeber von dem
' Deutschen’ bewirkten, dass sich Fuchs’ seltenes Doppeltalent nicht voll entfalten konnte und nicht erkannt
wurde.'
In der früheren Heimatstadt Karlsruhe erfuhr der Emigrant 2007 'Eine
Rehabilitation': Am 19. Juni gestalteten Studierende der Hochschule für Musik unter diesem Titel im Schloss Gottesaue einen Abend mit den Werken von Richard Fuchs. Es gibt in Neuseeland inzwischen The Richard Fuchs Archive (www.richardfuchs.org.nz), und Danny Mulheron, ein Enkel von Richard Fuchs, hat den Dokumentarfilm
'The Third Richard' produziert.
'Den Glauben endgültig begraben'
Seinen letzten Auftrag als Architekt in Deutschland erhielt Dr. Fuchs 1934/35 durch seinen Bruder Gottfried, erfolgreich im Holzhandel und Immobiliengeschäft. Gottfried Fuchs verkaufte sein Karlsruher Grundstück Beiertheimer Allee 42 a unter einer Bedingung an den Bezirkskaminfegermeister Ernst Giessler: Architekt des Neubaus musste sein Bruder Dr. Richard Fuchs sein. Das Schreiben von Richard Fuchs an seinen Auftraggeber Giessler am 19. März 1935 ist ein bemerkenswertes Zeugnis zum Selbstverständnis jüdischer, deutschnationaler Menschen in der Nazi-Zeit:
'Es war für Sie ein mutiger Entschluss nötig, mir, dem Nichtarier, die Gestaltung Ihres Heimes anzuvertrauen. Dass wir zusammen ein deutsches Kunstwerk gestaltet haben, das hat ja ein Amtswalter der NSDAP schon beim Richtfest mit diesen gleichen Worten anerkannt.
Es ist überhaupt symbolisch gewesen, wie sehr die Hauptentstehungsdaten des Hauses mit den großen Geschehnissen des deutschen Vaterlandes zusammenfinden: das Richtfest in die Zeit der Bestätigung der Führerschaft Hitlers (Anm.:
'Volksabstimmung' 19.8.1934), die Vollendung zur Saarbefreiung (Anm.: Saarabstimmung 13.1.1935) und zur Rückkehr des deutschen Kraftbewusstseins im neuen Volksheer (Anm.: Allgemeine Wehrpflicht
16.3.1935).'
Richard Fuchs sieht voraus, dass dem von ihm geplanten Haus Beiertheimer Allee 42 a kein anderes Projekt mehr folgen würde:
'Für mich war dieser Bau doch in jeder Sekunde, Tag und Nacht, mit dem an meiner Seele zehrenden Schmerz verbunden, dass er wohl der letzte sein werde, den ich in diesem deutschen Land werde ersinnen und gestalten können.'
Im Brief an seinen Auftraggeber reflektiert Fuchs auch seine Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben:
'Ich stelle so ungefähr das genaue Gegenteil von dem dar, was die heutige öffentliche Meinung sich unter dem Charakterbild eines Juden vorstellt und sagen Sie ja nicht, ich sei eine Ausnahme (...) für mindestens 60 v. H. meiner Schicksalsgenossen bin ich die Regel! Niemals werde ich begreifen können, was die Erneuerung des deutschen Nationalgefühls mit dem Hass und Kampf gegen uns Juden zu tun
habe.'
Seine Kriegsauszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg erwähnt Richard Fuchs, doch möchte er sie nicht mehr öffentlich zeigen, um sich nicht
'anzubiedern'. Die Hoffnung, 'dass in dem (...) Vaterland endlich auch für uns Juden ein Dasein in Ehren möglich sein werde, diesen Glauben habe ich endgültig
begraben'. Er verbleibt mit der 'Hoffnung, uns gegenüber Gerechtigkeit zu üben.'" |
Am frühen Nachmittag des 10. November 1938 wurde die Gernsbacher Synagoge durch SA-Leute aus Gaggenau niedergebrannt. Die bis auf die Umfassungsmauern zerstörte Synagoge ist zunächst durch einen Gernsbacher Architekten gekauft worden, der plante, ein Wohnhaus für "Volksdeutsche" unter Verwendung der stehenden Mauern zu bauen, was durch Bürgermeister und Kreisleiter des NSDAP mit der Begründung abgelehnt wurde: "Es ist eines deutschen Mannes unwürdig, vorhandene Bauteile einer Synagoge zur Errichtung eines Wohnhauses zu verwenden, in dem nachher deutschblütige Menschen wohnen sollen". Das Landratsamt Rastatt genehmigte jedoch den Bau, wonach das Haus an Privatleute weiterverkauft wurde, die ein Wohnhaus auf dem Grundstück errichteten (nur noch Keller und Fundamente der ehemaligen Synagoge waren vorhanden).
1944 wurde dieses Wohnhaus bei einem Luftangriff durch einen Volltreffer völlig zerstört - es gab drei Todesopfer. Bei diesem Luftangriff war nur ein einziges Flugzeug zu sehen, das sehr hoch flog, die abgeworfene Bombe traf das auf dem Synagogengrundstück stehende Haus.
Nach 1945 wurde das Grundstück wieder neu mit einem Wohnhaus bebaut (Austraße 3). Seit der Aufstellung bei einer Gedenkfeier am 10. November 1985 erinnert eine
Bronze-Gedenktafel an die Synagoge.
Adresse der Synagoge:
Austraße 3
Fotos:
1. Die
"Judengasse" und jüdische Häuser
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Erinnerung an die
Zeit der ersten Niederlassung von Juden in Gernsbach: die ehemalige
Judengasse,
vermutlich aus dem 17./18. Jahrhundert (Fotos 2004) |
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| Oben: Fotos von
2012 (von Irene Schneid-Horn) |
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Aufnahme der
Igelbachstraße aus den
1920er-Jahren mit den nebeneinander liegenden
jüdischen Geschäften Dreyfuß, Bär und Nachmann |
An der Ecke
Amtsstraße / Judengasse wohnte um 1800 der reiche Kolonialwarenhändler
Simon Kaufmann, ein Nachfahr des im Jahre 1733 aus
Untergrombach zugewanderten
David
Kaufmann (Foto links: Irene Schneid-Horn; Mitte/rechts: Hahn) |
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3. Das Gebäude mit dem Betsaal bis 1860 (Synagoge Hauptstraße 45)
3. Die alte Synagoge (1860-1928)
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Die alte Synagoge Färbertorstraße |
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4. Die neue Synagoge
(Quelle der oberen Fotos: Foto Hahn, Gernsbach; linkes Foto der zerstörten
Synagoge: Staatsanwaltschaft Baden-Baden KLs 11/47)
5. Gedenken:
Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| November
1985: Eine Gedenktafel soll an die
Zerstörung der Synagoge erinnern |
Artikel
im "Badischen Tagblatt" (Rastatter Tagblatt / Der Murgtäler)
vom 6.11.1985: Artikel "Gedenktafel soll an Zerstörung der Synagoge
in Gernsbach erinnern. Brigitte Rein erinnert sich an das Leiden der
jüdischen Gemeinde 1938."
Zum Lesen des Artikels bitte Textabbildung anklicken. |
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| Herbst
2008: "Woche des Gedenkens" |
Artikel
von Irene Schneid-Horn den "Badischen Neuesten Nachrichten" vom
31. Mai / 1. Juni 2008 über die Planungen für die
"Woche des Gedenkens" Ende Oktober / Anfang November 2008 in
Gernsbach. |
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| Juni
2009: Artikel über Eyal Grunebaum,
Nachkomme der Gernsbacher Familie Nachmann, und seine Forschungen |
Artikel von Irene Schneid-Horn in den "Badischen Neuesten
Nachrichten" vom 3. Juni 2009: "Kanadier forscht nach seinen
Wurzeln. Eyal Grunebaum ist ein Spross der einst in Gernsbach lebenden
jüdischen Familie Nachmann..."
Der Artikel
ist als pdf-Datei (ganze Zeitungsseite) eingestellt. |
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| Oktober
2011: Gedenken an die Deportation nach
Gurs im Oktober 1940 |
Artikel
von Irene Schneid-Horn in den "Badischen Neuesten Nachrichten"
vom 24. Oktober 2011: "Namen gegen das Vergessen. Gedenkfeier
für die von den Nazis nach Gurs deportierten jüdischen
Mitbürger..."
Der Artikel
ist als pdf-Datei (ganze Zeitungsseite) eingestellt. |
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Fotos der
Gedenkstunde
(erhalten von Irene Schneid-Horn) |
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| September
2013: Ein "Sabbatweg" wird
vorgestellt |
Artikel in den "Badischen Neuesten Nachrichten" vom 13. September
2013:
"Jüdische Spurensuche. 'Sabbatweg' wird am 28. September
vorgestellt.
Gernsbach (BNN). Zum Gedenken an die
Mitbürger jüdischen Glaubens in Gernsbach hat der Arbeitskreis Stadtgeschichte
Gernsbach in diesem Jahr einen 'Sabbatweg' vorbereitet. Aus Anlass des
Europäischen Tags der jüdischen Kultur wird dieser Weg am Samstag, 28. September,
in einer öffentlichen Führung erstmals vorgestellt...."
Zum Lesen des Artikels bitte Textabbildung anklicken |
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Artikel
im "Badischen Tagblatt" vom 1. Oktober 2013 zur Premiere des
Sabbatweges in Gernsbach.
Zum Lesen des Artikels bitte Textabbildung anklicken |
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Januar 2017:
Die "Stolpersteine" in Bad
Rotenfels werden gereinigt |
Artikel von Irene Schneid-Horn
in den "Badischen Neuesten Nachrichten" vom 29. Januar 2017: "Stolpersteine
als Zeichen der Sorge und des Mitgefühls
Aus Anlass des Holocaust-Gedenktags, der alljährlich zur Erinnerung an die
Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahre 1945 begangen wird,
richteten die Schülerinnen und Schüler der Realschule Gaggenau den Blick auf
einstige jüdische Mitbürger. In Hörden, Gaggenau und Bad Rotenfels wurden in
den vergangenen Jahren sogenannte Stolpersteine auf den Gehwegen vor den
einstigen jüdischen Wohnhäusern eingelassen.
Putzaktion in Bad-Rotenfels einmal im Jahr. Einmal im Jahr werden die
Messingplatten von den Realschülern gesäubert und so die Erinnerung wach
gehalten. Zur diesjährigen Putzaktion in Bad Rotenfels kamen sogar
Nachfahren der jüdischen Familie Meyerhoff. Schüler und Schülerinnen der
Klasse 9 b mit Lehrerin Elena Wunsch sowie Joachim Peters und Ulrich Behne
vom 'Arbeitskreis Gedenken' gestalteten die Zeremonie, die von Heidrun
Haendle vom Kulturamt der Stadt Gaggenau organisiert wurde.
Erinnerung an die jüdische Familie lebt bis heute. Das prachtvolle
gelbe Jugendstilhaus in der Murgtalstraße 101 sticht bis heute ins Auge.
Während des ersten Weltkrieges ließ es der praktische Arzt Isidor Meyerhoff
erbauen, bis 1938 wohnte er mit seiner Frau Frieda und den Kindern
Liselotte, Gertrud und Friedrich in der geräumigen Villa. Die Familie war
wohlhabend, besaß sogar ein Auto. Meyerhoff war 'ein Arzt, der immer kam,
manchmal auch ohne Honorar,' erläuterte Lehrerin Elena Wunsch. Heinz Wolf
von der Kuppenheimer Stolpersteingruppe fügte hinzu, dass die Erinnerung an
den Arzt bis auf den heutigen Tag in Kuppenheim lebendig sei: 'Man hört von
Zeitzeugen nur Gutes über ihn.'
Ein Arzt mit sehr gutem Ruf. 1938 verließ die Familie nach
Misshandlungen bei einem Hausbesuch das Murgtal und zog nach Mannheim.
Isidor Meyerhoff verstarb 1940 dort, seine Frau Frieda und Tochter Liselotte
wurden im Oktober dieses Jahres nach Gurs deportiert. Wie Ulrich Behne erst
kürzlich in Erfahrung bringen konnte, stand Frieda 1942 bereits auf der
Liste zur Verschickung nach Auschwitz, wurde aber durch Fürsprache ihrer
Tochter, die dem Lagerkommandanten als Sekretärin diente, in letzter Minute
gestrichen. Seit 2013 erinnern fünf Stolpersteine an die Arztfamilie, die
durch glückliche Fügung den Holocaust überlebte. Schon seit dem Schuljahr
2008/09 kümmern sich Realschüler um die jüdische Ortsgeschichte und
erstellten dazu eine Website mit virtuellen Stolpersteinen. Die Umsetzung in
die Realität erfolgte in Kooperation mit dem Gaggenauer 'Arbeitskreis
Gedenken'.
Meyerhoff-Urenkel reist aus Stuttgart an. Bei einer Internetrecherche
wurde die Amerikanerin Susan Baum, die Enkelin von Isidor Meyerhoff, auf
diese Website aufmerksam. Ihr Sohn Aaron machte daraufhin 2015 einen
Abstecher nach Gaggenau, als er seine Arbeit bei den amerikanischen
Streitkräften in Stuttgart antrat. Susan kam dann während eines Besuchs im
letzten Jahr nach Rotenfels, um das Haus ihrer Vorfahren aufzusuchen. 'Ich
habe sie nie so bewegt gesehen,' sagte ihr Sohn Aaron rückblickend.
Gedenktafel von der Familie. Mit seiner Frau Laurie und seinen
Kindern Camden, Carter und Brinley war er zur diesjährigen Putzaktion
gekommen. Mit strahlenden Augen sagte er zu den Schülern: 'Thank you, thank
you, thank you', und überreichte der Realschule von seiner Mutter gestaltete
Gedenktafel, mit der sie den Schülerinnen und Schülern für ihre wertvolle
Erinnerungsarbeit dankte: 'Das Projekt Stolpersteine und Ihre Fürsorge jedes
Jahr erinnern alle, dass Gutes und Mitgefühl noch in der Welt existieren.
Sie können nicht wissen, wie viele Mitmenschen Sie damit berührt haben. Die
Nachkommen von Frieda und Isidor Meyerhoff werden Sie nie vergessen.'"
Link zum Artikel |
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Juli 2017:
Gräber von Gernsbacher Juden
auf dem jüdischen Friedhof in Kuppenheim |
Links: Artikel in den "Badischen Zeitung" (Lokalausgabe) vom 15.
Juli 2017: "Auf den Spuren der Gernsbacher Juden - 69 Gräber auf
dem Jüdischen Friedhof Kuppenheim".
Zum Lesen bitte Textabbildung anklicken. |
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April 2018:
Nach Dr. Isidor Meyerhoff wird in
Bad Rotenfels eine Straße benannt |
Artikel von Irene Schneid-Horn
und Thomas Dorscheid in den "Badischen Neuesten Nachrichten" vom 12. April
2018: "Straße wird umbenannt. Späte Ehre für jüdischen Arzt aus Gaggenau
Vor 80 Jahren verließ der beliebte Rotenfelser Landarzt Dr. Isidor Meyerhoff
seine Heimat – er tat es nicht aus freien Stücken. 32 Jahre wirkte er 'als
Arzt, der immer im Einsatz war'. Als ein Arzt, der bekannt dafür war, dass
er ärmere Einwohner nicht nur in seiner Praxis ohne Rechnung behandelte; er
machte auch Hausbesuche und brachte den Menschen, die kein oder nur wenig
Geld hatten, kostenlos Medizin mit. Nationalsozialistische Gesetze
behinderten ihn allein wegen seines jüdischen Glaubens mehr und mehr an der
Ausübung seines Berufes. Dennoch konsultierten viele Menschen rund um
Rotenfels weiterhin den beliebten Mediziner, an den sich Ältere aus Bad
Rotenfels bis heute erinnern.
Von Nazis zusammengeknüppelt. Als Meyerhoff 1938 zu einem fingierten
Hausbesuch nach Michelbach gerufen wurde, misshandelten ihn junge
Nazischergen brutal, er wurde zusammengeknüppelt. Schwer gedemütigt, zog der
damals 63-Jährige mit seiner Frau und Tochter Liesel nach Mannheim. Dort
starb der schwerkranke Mann im Mai 1940, die beiden Frauen wurden im Oktober
ins Lager Gurs (Südfrankreich) deportiert. Glücklichen Umständen war es zu
verdanken, dass die beiden Frauen den Holocaust überlebten und in die USA
auswandern konnten. Die Kinder Fritz und Gertrude waren schon 1936
beziehungsweise 1938 ausgewandert.
20 Nachfahren aus den USA kommen. Jetzt kommen 20
Meyerhoff-Nachfahren aus den USA (aus den Bundesstaaten Kalifornien und
Utah) nach Gaggenau, um am Montag, 16. April, Augenzeugen zu sein, wenn
ihrem Ahn eine späte Ehrung zuteil wird und ein Straßenzug seinen Namen
erhält. Die frühere Bruchgrabenstraße, eine wichtige Erschließungsstraße,
wird zur Dr.-Isidor-Meyerhoff-Straße. Das neue Straßenschild ist bereits
angebracht worden; jedoch hat die Stadtverwaltung mit dem 'Widmungsakt' bis
zum Besuch der Meyerhoff-Nachfahren gewartet. Ausgewählt wurde genau diese
Straße auch deshalb, weil es nur wenige Anwohner gibt, die ihre Adresse
hätten ändern müssen.
'Widmungsakt' ist am 16. April. Das ehemalige Wohnhaus der Familie
Meyerhoff liegt in der Murgtalstraße 101, nur rund 100 Meter von der
Dr.-Isidor-Meyerhoff-Straße entfernt. Nach dem 'Widmungsakt' steuert am 16.
April die gesamte Gruppe um Oberbürgermeister Christof Florus den Hof dieses
Anwesens an. Die Initiative für die Straßenumbenennung ging vom
'Arbeitskreis Gedenken' um Ulrich Behne aus. Dem ehemaligen leitenden
Geschichtslehrer am Goethe-Gymnasium liegt die deutsche Geschichte insgesamt
sehr am Herzen; insbesondere aber motiviert ihn 'das Bewusstsein, dass die
Zeit des Nationalsozialismus aufgearbeitet werden muss, damit sie nicht
vergessen wird'.
Ulrich Behne hat recherchiert. Sensibilisiert für die Verbrechen an
Juden wurde der inzwischen pensionierte Lehrer Ulrich Behne durch
Erzählungen seiner Mutter, deren jüdische Freundin verschleppt und
umgebracht worden war. Ein Buch zur der jüdischen Geschichte seines
Geburtsortes Vechta (Niedersachsen) ging daraus hervor. In einer
mehrteiligen Serie veröffentlichte die BNN-Redaktion Gaggenau im Jahr 2009
exklusiv Ulrich Behnes umfangreiche Recherchen über 'Das jüdische Leben in
Gaggenau'.
Stolpersteine verlegt. Eine führende Rolle spielte Behne wiederum,
als sich im Jahr 2009 der 'Arbeitskreis Gedenken' in Gaggenau formierte, um
durch die 'Aktion Stolpersteine' an die einstigen jüdischen Mitbürger zu
erinnern. 2013 wurden für die fünf Mitglieder der Familie Meyerhoff
Stolpersteine vor dem ehemaligen Wohnhaus in der Murgtalstraße in Bad
Rotenfels verlegt. Auf diese Aktivität wurde Susan Baum, die heute
70-jährige Enkelin der Meyerhoffs, bei ihrer Ahnenforschung im Internet
aufmerksam. Sie nahm Kontakt auf und besuchte Bad Rotenfels im Sommer
letzten Jahres.
Behne legt Dokumentation vor. Bereits im Rahmen des
Stolperstein-Projektes recherchierte Behne ausführlich zur jüdischen
Geschichte von Gaggenau. Inzwischen ist seine Gesamtdokumentation fast
fertig und soll im Herbst erscheinen. Im Rahmen von Zeitzeugen-Interviews
fiel laut Behne einmal der Satz: 'Er hätte es verdient, dass eine Straße
nach ihm benannt wird.' Das griff Behne umgehend auf und wandte sich an die
Stadtverwaltung.
Programm für die Gäste aus den Staaten. Den 20 Enkeln, Urenkeln und
Ururenkeln von Isidor Meyerhoff wird er vorab einen 80-seitigen Auszug zu
ihrer Familiengeschichte überreichen. Sie reisen am Sonntag aus Utah und
Kalifornien an; Susan Baum kommt sogar aus Panama, wo die gläubige Mormonin
derzeit einen Missionsauftrag ausübt. Über sie lief auch der Kontakt mit den
anderen Familienmitgliedern. Die Besucher werden bei Gaggenauer Familien
wohnen und vom 'Arbeitskreis Gedenken' betreut. In Zusammenarbeit mit der
Stadt Gaggenau gibt es ein umfangreiches Programm – mit einem Ausflug nach
Heidelberg und auch zum Grab von Isidor Meyerhoff in Mannheim.
Öffentliche Buchvorstellung. Ulrich Behne stellt sein Buch
'Erinnerungen an Dr. Isidor Meyerhoff und seine Familie' am Montag, 16.
April, ab 18 Uhr im Bürgersaal des Gaggenauer Rathauses vor. Alle
interessierten Bürger sind zu dieser Vorstellung eingeladen. In der
Einladung der Stadt heißt es hierzu: 'Die Dokumentation ist dem jüdischen
Arzt gewidmet, der 32 Jahre lang überaus segensreich in Rotenfels wirkte,
bis er von den Nationalsozialisten vertrieben wurde und 1940 in einem
sogenannten Judenhaus in Mannheim starb.'"
Link zum Artikel |
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Oktober 2018:
Gedenken an die Deportation nach
Gurs im Oktober 1940 |
Artikel von Irene Schneid-Horn
in den "Badischen Neuesten Nachrichten" vom Oktober 2018: "Rosen und
Kerzen zum Gedenken. Feier in Gernsbach für die letzten neun am 22.
Oktober 1940 deportierten Juden..."
Artikel eingestellt als pdf-Datei
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November 2018:
Gedenken an den Novemberpogrom
1938 - Veranstaltungen und Zeitzeugenbericht |
Artikel von Irene Schneid-Horn
in den "Badischen Neuesten Nachrichten" vom 9. November 2018:
"Vielfältiges Gedenken an jüdisches Leben. Mehrere Veranstaltungen in
Gernsbach / Christ warnt vor wieder aufkeimendem Antisemitismus..."
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Artikel von Thomas Dorscheid in
den "Badischen Neuesten Nachrichten" vom 9. November 2018: "Gernsbacher
Zeitzeuge erzählt. Der Tag, an dem die Synagoge brennt
Am Mittag des 10. November 1938 steht ein Rauchpilz über Gernsbach. Die
Synagoge steht in Flammen. Das Zerstörungswerk der Nazis vor 80 Jahren
vollzieht sich in der Alten Amtsstadt nicht in der 'Reichskristallnacht' am
9. November, sondern einen Tag später. Doch es trifft nicht nur die erst
zehn Jahre zuvor eingeweihte Synagoge, es werden auch Wohnungen und
Geschäfte demoliert, Menschen misshandelt. Walter Stradinger aus Gernsbach,
Geburtsjahrgang 1924, ist Zeitzeuge. Heute 94 Jahre alt, schildert er im
BNN-Gespräch: 'Ich habe gesehen, wie die SA in mehrere Häuser rein ist,
Sachen rausgeworfen und demoliert hat.'
Auch Häuser werden gestürmt. Die Demütigung und die Angst der
Betroffenen lässt sich kaum in Worte fassen. Bekannt ist, dass der
SA-Hauptsturm 3/111 Gaggenau, zu dem auch Männer aus den umliegenden Orten
gehören, den Auftrag hat, gegen die Synagogengemeinden der Umgebung massiv
vorzugehen. In Gernsbach wird der Gaggenauer Trupp beim Brandanschlag auf
die Synagoge und beim 'Häusersturm' von Einheimischen wie auch halbwüchsigen
Hitlerjungen unterstützt. Gleichaltrige hat auch Walter Stradinger dabei
gesehen. Er selbst habe aber nicht mitgemacht. 'Du gehst in kein Haus
hinein', habe ihn sein Vater ('Der wollte vom Dritten Reich nichts wissen')
angeherrscht.
'Wir haben Euch doch gar nichts getan!' Walter Stradinger wird später
zur Wehrmacht einberufen, in Belgrad gerät er in Kriegsgefangenschaft. Ein
Jahr wird er in russischer und noch weitere drei Jahre in serbischer
Gefangenschaft zubringen müssen, schildert er. Er ist kein gebürtiger
Gernsbacher, stammt vielmehr aus dem Nagoldtal. Als der Vater 1926 Arbeit in
der Papierfabrik Schoeller & Hoesch bekommt, zieht die Familie nach
Gernsbach. Das Bild der völlig aufgelösten Frau Marx an jenem 10. November
1938 hat Stradinger noch immer vor Augen; draußen vor der Tür habe sie
gestanden und auf die völlig zerstörte Wohnungseinrichtung geschaut: 'Sie
war völlig verzweifelt und rief immer nur: Wir haben Euch doch gar nichts
getan!' Die jüdische Familie Marx habe in der Altstadt nahe der
evangelischen Kirche gewohnt.
Zuschauer an brennender Synagoge. Als die Synagoge an der Reihe ist,
sei er in der Schule gewesen. 'Einer hat gerufen: Die Synagoge brennt – und
dann sind alle dorthin gelaufen. Viele standen da und haben zugeschaut',
erinnert er sich. Die Feuerwehr hat wie überall in Deutschland die
Anweisung, beim Brand der Synagogen nicht einzuschreiten, wohl aber darauf
zu achten, dass das Feuer nicht auf Nachbargebäude übergreift. Stradinger
erinnert sich auch, zwei Kameraden jüdischen Glaubens in seiner Schulklasse
gehabt zu haben. Sie seien mit ihren Familien in die USA beziehungsweise
nach Paris emigriert, sehr viel später aber wieder zu Klassentreffen nach
Deutschland gekommen.
'Kleine Hitlers' machen mit. Nach der Schandtat in Gernsbach zieht es
die Gaggenauer SA nachmittags nach Kuppenheim, am Abend folgt Malsch. In
Hörden, so ist es aus weiteren Zeitzeugenberichten bekannt, plündert und
verwüstet ein SA-Trupp aus Gernsbach die Gastwirtschaft 'Zum Adler' und das
Textilgeschäft von Julius Maier. Die Eheleute Maier sind als anständige
Geschäftsleute im Flößerdorf geachtet. Jetzt müssen sie unter Angst und
Schrecken zusehen, wie nicht nur die SA, sondern auch Zehn- bis Zwölfjährige
vom 'Jungvolk' – 'kleine Hitlers' genannt – Mobiliar auf die Straße werfen
und zerstören."
Link zum Artikel |
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November 2020:
Weg bei der ehemaligen Synagoge
als "Synagogenweg" benannt |
Artikel in den "Badischen
Neuesten Nachrichten" vom 2020: "Erinnerung an früheres Gotteshaus.
Gernsbacher 'Synagogenweg' soll jüdische Vergangenheit der Stadt ins
Bewusstsein der Menschen rücken
Der Fuß- und Radweg zwischen der Gernsbacher Austraße und dem Blumenweg
hatte lange Zeit keinen Namen. Seit Mittwoch heißt er nun offiziell
'Synagogenweg'. Damit soll an ein dunkles Kapitel in der Gernsbacher
Geschichte erinnert werden.
Der bislang namenlose Fuß- und Radweg zwischen Austraße und Blumenweg trägt
jetzt den Namen 'Synagogenweg'. Am Mittwochvormittag weihte Bürgermeister
Julian Christ das Straßenschild im Beisein von Regina Meier als Vertreterin
des Arbeitskreises für Stadtgeschichte ein. Der Arbeitskreis hatte die
Namensgebung angeregt. Seit Juli 1928 stand in der Austraße 3 die
Gernsbacher Synagoge. Die feierliche Einweihung des von dem renommierten
Karlsruher Architekten Richard Fuchs entworfenen Gotteshauses fand
seinerzeit unter Teilnahme von Vertretern der politischen Gemeinde sowie der
katholischen und der evangelischen Kirchengemeinden statt.
Gernsbacher Synagoge wurde 1938 zerstört. Doch keine fünf Jahre
später begann in der Zeit des NS-Regimes auch in Gernsbach die systematische
Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung der Menschen jüdischen Glaubens.
Während der Novemberpogrome 1938 wurde die Synagoge von Nazi-Schergen
geschändet, angezündet und zerstört. Der Arbeitskreis für Stadtgeschichte
beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem jüdischen Leben in Gernsbach,
das im Oktober 1940 mit der Deportation der letzten neun Juden nach Gurs
sein Ende fand. Neben vielen anderen Aktionen zur lokalen jüdischen
Geschichte veranstaltete der Arbeitskreis 2018 eine Ausstellung zur
Gernsbacher Synagoge, an die seit 1985 ein Gedenkstein erinnert. 'Im Rahmen
der Ausstellung wurde uns bewusst, dass vielen Menschen aus der Region
nichts von der Existenz einer Synagoge in Gernsbach bekannt war. Dieses
Bewusstsein zu stärken und die Vergangenheit der jüdischen Gemeinde
Gernsbachs vermehrt ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, ist uns ein
wichtiges Anliegen', begründete Regina Meier vom Arbeitskreis
Stadtgeschichte den an die Stadt Gernsbach gerichteten Antrag, dem Fuß- und
Fahrradweg zwischen Austraße und Blumenweg den Namen ' Synagogenweg' zu
geben.
Verbindungsweg hat keine direkten Anwohner. Die Stadt Gernsbach stand
dem Antrag von Anfang an wohlwollend gegenüber. Nach Prüfung der rechtlichen
und verwaltungstechnischen Aspekte gab das Rathaus grünes Licht, zumal der
Verbindungsweg keine direkten Anwohner hat und somit keine Adressänderungen
mit der Umbenennung einhergehen. 'Gerne unterstützen wir das Ansinnen des
Arbeitskreises Stadtgeschichte zur Namensgebung 'Synagogenweg' für den
bisher namenlosen Fuß- und Fahrradweg. Mein Dank gilt hier den Aktiven des
Arbeitskreises für ihren Einsatz. Gemeinsam mit ihnen setzen wir als Stadt
damit ein weiteres Zeichen des Erinnerns und der Verbundenheit mit unseren
ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in Gernsbach', betont
Bürgermeister Julian Christ."
Link zum Artikel vgl.
Bericht in der Website
der Stadt Gernsbach |
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Februar 2023:
Zum Tod von Ulrich Behne -
Forscher an der jüdischen Geschichte in Gaggenau
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Nach dem Wikipedia-Artikel:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_Behne: "Ulrich Behne (1939-2023)
war ein deutscher Heimatforscher aus Gaggenau.
Er machte sein Abitur in Hannover, nach seiner Wehrpflicht studierte er
Germanistik und Geschichte in Göttingen und Freiburg. Sein Staatsexamen
legte er in Freiburg ab. Nach seinem Referendariat am Tulla-Gymnasium
Rastatt war er von 1969 bis 2003 als Lehrer und Vertrauenslehrer am
Goethe-Gymnasium Gaggenau tätig. Nach seiner Pensionierung 2003 übte er
sechs Jahre lang das Amt des ersten Vorsitzenden des Kulturrings Gaggenau
aus. Er war der erste, der mit Unterstützung des Stadtarchivs ausgiebig um
die Geschichte der Juden in Gaggenau recherchiert hat. Seine Ergebnisse
erschienen zwischen Anfang 2009 und Januar 2010 in einer Serie der BNN
('Jüdisches Leben in Gaggenau') sowie in seinem Buch 'Verstreute Spuren –
verblasste Erinnerungen'." (siehe Literatur)
Dazu Artikel von Thomas Senger in "Badische Neueste Nachrichten" vom Februar
2023: "Gaggenauer Geschichtsforscher und Lehrer Ulrich Behne ist tot..."
Link zum Artikel |
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2022:
Zweite Stolpersteinverlegung 2022: es wurden "Stolpersteine" für
Opfer der sogenannten "Euthanasie"-Aktionen verlegt |
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2023:
Gedenken an die Deportation nach
Gurs am 22. Oktober 2023 |
Artikel von Regina Maier /
Arbeitskreis Stadtgeschichte in
https://stadtgeschichte-gernsbach.de/gemeinsam-schulter-an-schulter-stehen/:
"Jüdisches Leben - Gemeinsam Schulter an Schulter stehen
Gedenkstunde am 22. Oktober 2023.
Alljährlich veranstaltet der Arbeitskreis Stadtgeschichte ein Gedenken an
die Menschen jüdischen Glaubens, die einst inmitten Gernsbachs gelebt haben.
Am 22. Oktober 1940, dem vorletzten Tag des jüdischen Laubhüttenfestes,
wurden in Baden, dem Saargebiet und der Pfalz von Polizeibeamten und
Gestapoleuten in der ersten großen Deportationsaktion rund 6.500
Mitbürgerinnen und Mitbürger, die jüdischen Glaubens waren, aus ihren
Häusern und Wohnungen geholt. Sie wurden von Sammelpunkten aus in tagelangen
strapaziösen Zugtransporten nach Gurs in die französischen Pyrenäen
verschleppt. Für zwei Drittel von ihnen bedeutete die Deportation den Tod.
Entweder starben sie an Entkräftung, Krankheiten und Unterversorgung oder
sie wurden ab August 1942 in die Vernichtungslager im besetzten Osteuropa
verbracht und ermordet. Auch aus Gernsbach wurden am 22. Oktober 1940 neun
Mitbürgerinnen und Mitbürger abgeholt. Andere hatten bereits ihre Heimat
verlassen oder mussten den Druck der Ausgrenzung und Verfolgung ertragen.
Andere entkamen der Verfolgung nicht und wurden Opfer in einem der
Konzentrationslager. Bei dem diesjährigen Gedenken wirkten Schülerinnen und
Schüler der Realschule mit ihren Lehrerinnen Elvira Schulz und Johanna Lang
sowie des Albert-Schweitzer-Gymnasiums unter der Leitung von Gabriela Guth
mit. Außerdem trug Lisa Schwelle, eine junge Gernsbacherin, die in den
Pfarrgemeinden aktiv und derzeit ein FSJ im Jugendhaus absolviert, einen
Beitrag vor. Anne Dresel sorgte mit ihrem Waldhorn für die musikalische
Umrahmung und trug mit den von ihr gewählten tragenden Weisen zur
stimmungsvollen Gestaltung der Veranstaltung bei.
Regina Meier vom Arbeitskreis Stadtgeschichte betonte in ihrer Begrüßung,
dass durch die Einbindung neuer Gruppen die Gedenkarbeit lebendig bleibt und
ein starkes Signal gerade in diesen Zeiten von Krieg und Geiselnahme
aussendet. Sie ging auf den Krieg in Israel und Palästina ein. Der Überfall
der Terrorgruppe Hamas auf unschuldige Zivilisten in Israel am 7. Oktober
hat ein Blutbad verursacht, das weltweit Erschrecken ausgelöst hat. Die
weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen fordern täglich Opfer. Und mit
dem versuchten Anschlag auf die Synagoge in Berlin und weitere
antisemitischen Handlungen ist der Konflikt hier vor unserer Haustür
angekommen. 'Wir hätten nie gedacht, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland
Angst haben müssen. Wir sind erschüttert, dass sie von Anschlägen bedroht
sind, dass sie Hass, Gewalttätigkeiten und Drohungen erleben müssen.' Das
könne man nicht tolerieren, auch hier nicht weit weg von Berlin. 'Daher
stehen wir hier und stehen ein für ein freies und gefahrloses Leben von
Jüdinnen und Juden in unserer Gesellschaft. Wir stehen gegen Antisemitismus
und Israelhass.'
Dazu hatte sich auch Eyal Grunebaum in einem Schreiben an Irene Schneid-Horn
vom Arbeitskreis Stadtgeschichte gewendet. Er ist ein Nachfahre der
Gernsbacher Familie Nachmann, die in der Igelbachstraße ein Geschäft
unterhielt und der bereits mehrfach in Gernsbach auf den Spuren seiner
jüdischen Familie war. Er schrieb anlässlich des diesjährigen Gedenken an
die Gurs-Deportation: 'I applaud you and the community for continuing the
ceremony, particularly during this time, as it is a reminder of how easy it
is for people to forget their humanity, regardless of nationality, faith,
and identity. I wish I was able to stand shoulder-to-shoulder with you!'
Frei übersetzt: 'Ich applaudiere euch und der gesamten Gemeinde, dass dieses
Gedenken weitergeführt wird. Vor allem in dieser Zeit, da es ein Erinnern
daran ist, wie leicht es für Menschen wird, ihre Menschlichkeit zu
vergessen, ungeachtet der Nationalität, Schicksal und Identität. Ich
wünschte, ich könnte neben euch stehen Schulter an Schulter.' So war es von
besonderer Bedeutung, dass bei der Gedenkfeier viele junge Menschen anwesend
waren. Die Schülerinnen und Schüler der Realschule Gernsbach hatten das
Schicksal von Eva Stern, die in der Igelbachstraße 17 mit ihren Eltern
gewohnt hatte, aufgegriffen. Sie war 15jährig mit ihren Eltern aufgrund der
Ausgrenzung und Verfolgung der Juden nach Stuttgart geflüchtet, von dort
wurde sie nach Riga deportiert und wegen ihres jüdischen Glaubens ermordet.
Die Realschülerinnen versuchten sich in die Lage der verfolgten Eva Stern zu
versetzen und formulierten in eigenen Worten ihre Gedanken zu diesem
Unrecht. In 15 Textbeiträgen machten die Schülerinnen und Schüler des
Albert-Schweitzer Gymnasiums Gernsbach das grausamste Verbrechen gegen die
Menschlichkeit – den Holocaust – zum Thema. Sie formulierten die Mahnung,
niemals gleichgültig zu sein und für eine Welt des Friedens, der Toleranz
und der Versöhnung einzustehen. Sie sind voller Entsetzen, Trauer und
Unverständnis, wenn sie über das Leid nachdenken, das Andersdenkenden,
Homosexuellen und Juden und vielen mehr zur Zeit des Nationalsozialismus
angetan wurde. Sie hatten sich dem Schicksal von zwei Gernsbachern, Eugen
Neter und Hermann Maas, beschäftigt und sprachen auch deutlich aus, dass
Gernsbach, die Stadt ihrer Kindheit, diesen Vorbildern zu wenig gedenkt. Ihr
Schlussappell ging allen Anwesenden unter die Haut: 'Die Erinnerung an die
im Zweiten Weltkrieg ermordeten Juden ist kein rückwärtsgewandter Blick,
sondern ein Aufruf zur Wachsamkeit. Möge ihr Leid uns dazu anspornen, heute
und morgen für eine Welt einzustehen, die auf Respekt, Toleranz und
Mitgefühl gegründet ist. In ihren Namen verpflichten wir uns, das Erbe der
Menschlichkeit zu bewahren.'
Den Schluss der Redebeiträge wurde Lisa Schwelle gesetzt. Sie führtet die
Ereignisse am 20. Oktober 1940 aus und formulierte am Ende einen ebenso
eindringlichen Aufruf: 'Damit die Worte 'Nie wieder' nicht zu einer leeren
Phrase werden: Nie wieder darf Menschen ihr Wert als Menschen abgesprochen
werden. Nie wieder dürfen Menschen aus unserer Mitte zu Sündenböcken gemacht
werden. Wir müssen der Menschenfeindlichkeit, die immer wieder neu aufkommt,
mutig entgegentreten!' Mit einem herzlichen Dank ging Michael Chemelli,
Bürgermeister-Stellvertreter, auf die Beiträge der Schülerinnen und Schüler
ein. Sie hätten mit eigenen Worten die Trauer, das Unverständnis, den
Protest gegen das Unrecht während der Nazi-Herrschaft eine Stimme gegeben.
Er sprach Worte des Dankes an die Aktiven aus, zum einen den jungen
Beteiligten mit den vorgetragenen Gedanken sowie der Musik. Sein Dank galt
auch der Initiative des Arbeitskreises Stadtgeschichte, die in jedem Jahr
das Schicksal der einstigen Gernsbacherinnen und Gernsbachern jüdischen
Glaubens lebendig hält.
Zum Schluss verlas er die Namen der 1940 Deportierten: 'Wir gedenken Hilda
Dreyfuß – Arthur Kahn – Erna Kahn – Lieselotte Kahn – Margit Kahn - Eugen
Lorsch - Heinz Lorsch - Bertha Marx und Hermann Nachmann.' Dabei wurde
jeweils eine Kerze entzündet und zu den Gedenksteinen getragen. Danach ging
die Versammlung in Stille auseinander." |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Heinrich Langenbach: Gernsbach im Murgtal. Eine
Stadtgeschichte während 700 Jahre. 1922. |
 | Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden.
1968. S. 107-110. |
 | Oskar Stiefvater: Geschichte und Schicksal der Juden im Landkreis
Rastatt, in: Um Rhein und Murg. Heimatbuch des Landkreises Rastatt Bd. 5 (1965)
S. 42-83. |
 | Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern -
Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from
their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem
1986. S. 297-299. |
 | Joachim
Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als
Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte
und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt,
Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial,
Jerusalem. Stuttgart 2007.
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 | Günther
Mohr: "Neben, mit Undt bey Catholischen*. Jüdische Lebenswelten
in der Markgrafschaft Baden-Baden 1648-1771. Böhlau-Verlag Köln u.a. 2011.
248 Seiten. ISBN 13: 978-3412207397. Website
des Verlags mit Informationsseite
zur Publikation
Die Studie widmet sich den Lebensmöglichkeiten von Juden und Jüdinnen in der katholisch geprägten Markgrafschaft Baden-Baden und damit Fragen der ländlichen Gesellschaft und Kultur in Südwestdeutschland. Es entsteht ein neues Bild des Landjudentums in seinen vielfältigen Kontakten zur christlichen Nachbarschaft und mit einem überraschenden Selbstbewusstsein. Das Buch analysiert u.a. die Aufnahme der Juden in den Schutz, die wirtschaftlichen Aktivitäten von Juden und Christen, ihr spannungsreiches Verhältnis zueinander, innerjüdische Verhältnisse sowie Fragen der jüdischen Religion. Dabei stehen immer die wechselvollen Schicksale einzelner Protagonisten im Vordergrund.
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 | Cornelia Renger-Zorn: Juden in Gernsbach. Löw
Dreyfuß in Gernsbach nicht willkommen. Schwieriger Start einer jüdischen
Familie.
Online zugänglich über
https://literaturdesign.de/Juden_in_Gernsbach/juden_in_gernsbach.html;
der Text (ohne Abbildungen) ist auch
als
pdf-Datei eingestellt.
Anmerkung: der Gernsbacher Schutzjude Salomon Kaufmann (1739-1818) hatte
mehrfach bei der badischen Regierung um Aufnahme seines Neffen Löw Dreyfuß
(1783-1855) aus Weißenburg gebeten.
In Gernsbach formierte sich vehementer Widerstand gegen Salomon Kaufmann und
seinen Neffen... Dennoch wurde von der Regierung Löw Dreyfuß aus Weißenburg
im August 1806 als so genannter Schutzjude in Gernsbach aufgenommen...
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 | dies.: Erste Juden in Gernsbach. Online zugänglich über
https://literaturdesign.de/Juden_in_Gernsbach/Erste_Juden/erste_juden.html
|
 | Ulrich Behne: Verstreute Spuren – verblasste
Erinnerungen. 2019, Verlag Regionalkultur, ISBN 978-3-95505-131-0.
|
 | Sabine Giersiepen / Arbeitskreis Stadtgeschichte
Gernsbach. Beitrag zum 9. November 1938 für einen Vortragsabend am 9.
November 2023. 3 Seiten.
Eingestellt als pdf-Datei. |
Hinweis: Online zugänglich ist die 2008 erschienene
Publikation:
Irene Schneid-Horn: Jüdisches Leben in Gernsbach. Eine
Spurensuche. 20 Seiten.
Link: die Publikation
ist als pdf-Datei eingestellt.
Im Herbst 2008 wurde aus Anlass des 70. Jahrestages der
Reichspogromnacht in Gernsbach mit "Wochen des Gedenkens" der
ehemaligen jüdischen Mitbürger gedacht. In der Murgtalstadt erinnern
Gedenksteine an die Zerstörung der Synagoge im November 1938 sowie an die
Deportation im Oktober 1940.
Die Autorin Irene Schneid-Horn richtete in einer neunteiligen Serie der
"Badischen Neuesten Nachrichten" (Juli bis Oktober 2008) den
Blick auf über 250 Jahre jüdisches Leben in Gernsbach. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Gernsbach Baden. Jews first settled in
1683, concentrating in a Jewish quarter in the old city and later in a suburb
outside the town walls. From the early 19th century, to the Nazi era the Jews
maintained a population of around 60 (2,5 % of the total). A new synagogue was
erected in 1860. A number of smaller communities were attached to Gernsbach,
including Hoerden with its 14 Jews. Of
Gernsbachs 54 Jews (1933), 29 emigrated in the Nazi era, mostly to the U.S., and
12 left for other German cities. On Kristallnacht (9-10 November 1938),
the synagogue was burned, Jewish homes and businesses were heavily damaged, and
20 jews were sent to the Dachau concentration camp. The last nine Jews were
deported to the Gurs concentration camp on 22 October 1940. Of the Jews in Hoerden,
eight emigrated and four were deported to Gurs.

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