Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Kuppenheim (Kreis Rastatt) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer    
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Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen   
Links und Literatur   

         

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  (english version)      
            
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zur Markgrafschaft Baden-Baden gehörenden Kuppenheim bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/40. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 15./17. Jahrhunderts zurück. Möglicherweise waren bereits vor 1433, sicher ab 1570 beziehungsweise nach dem Dreißigjährigen Krieg Juden in der Stadt.       
  
1683 lebten zehn jüdische Familien in Kuppenheim, 1701 jedoch nur drei, 1706 sechs, 1724 sieben. Das jüdische Wohngebiet konzentrierte sich bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die Löwengasse (im Volksmund auch "Judengasse" genannt). 
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Schule, ein rituelles Bad und einen Friedhof (jüdischer Verbandsfriedhof). Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Als Lehrer (Religionslehrer) werden genannt: Benedikt Moses Engel (aus Emmendingen, 1803 - 1824), Abraham Strauß (aus Eberstadt, ca. 1827 - 1831), Samuel Braunschweig (aus Rheinbischofsheim, ca. 1834 - ca. 1847), Abraham Model (aus Bühl, ca. 1850 - ca. 1860), Elias Jakob (ca. 1860 - ca. 1862), Karl Weill (aus Kippenheim, ca. 1862 - ca. 1865), Elias Eichstätter (aus Randegg, ca. 1866 bis ca. 1871), Levi Wolff (Wolf; 1873 - 1876), Nathan Billigheimer (ca. 1875 - 1885), Jakob Grünbaum (aus Oberaltertheim, 1886 - 1935, gest. 17. Juni 1935 in Worms). 1827 wurde die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Bühl zugeteilt. 
   
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1801 53 jüdische Einwohner (45,0 % von insgesamt 1.050 Einwohnern), 1925 108 (7,4 % von 1.457), 1865 höchste Zahl mit 142 (7,8 % von 1.829 Einwohnern), 1880 125 (6,3 % von 1.980), 1900 94 (4,6 % von 2.040). Die jüdischen Familien verdienten ihren Lebensunterhalt durch den Handel mit Vieh, Eisenwaren und Textilien.   
  
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Julius Grünebaum (geb. 31.5.1893 in Kuppenheim, gef. 25.2.1916), Joseph Kahn (geb. 20.6.1883 in Kuppenheim, gef. 15.5.1915), Karl Dreyfuß (geb. 21.3.1892 in Kuppenheim, gest. 6.8.1915 in Gefangenschaft) und Ludwig Herz (geb. 22.8.1891 in Kuppenheim, vor 1914 in Mainz wohnhaft, gef. 16.6.1915). Ihre Namen stehen auf einer bebilderten Gedenktafel im Bürgersaal des Rathauses und im Ehrenhain des städtischen Friedhofes. Außerdem ist gefallen: Moses Dreyfuß (geb. 16.1.1881 in Kuppenheim, vor 1914 in Karlsruhe wohnhaft, gef. 24.10.1918).  
  
Um 1924, als in Kuppenheim noch 74 jüdische Einwohner gezählt wurden (2,46 % von etwa 3.000 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Alfred Mayer, J. Grünbaum, Emil Kaufmann und Ludwig Kahn. Der bereits genannte Jakob Grünbaum war (bereits seit 1886) Religionslehrer der Gemeinde. 1932 waren die Gemeindevorsteher Alfred Mayer (1. Vors.), Ludwig Kahn (2. Vors.) und Berthold Dreyfuß (3. Vors.).  
      
Bis nach 1933 waren folgende Handels- und Gewerbebetriebe in jüdischem Besitz: Viehhandlung Berthold Dreyfuß (Schloßstraße 1), Manufakturwarengeschäft Heinrich Dreyfuß (Friedrichstraße 72), Manufakturwarengeschäft Max Dreyfuß (Murgtalstraße 2), Viehhandlung Hermann Kahn (Friedrichstraße 79), Viehhandlung Simon Kahn (Friedrichstraße 59, abgebrochen), Pferdehandlung Alfred Maier (Friedrichstraße 94, abgebrochen), Pferdehandlung Emil Maier (Obertorstraße 1), Viehhandlung Nathan Maier (Rheinstraße 9), Metzgerei Salomon Lehmann (Friedrichstraße 75), Eisenwarengeschäft Herz und Schlorch (Friedrichstraße 45).  
  
1933 lebten noch 51 jüdische Personen in Kuppenheim (1,8 % von insgesamt 2.838 Einwohnern). In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert (21 in die USA, je eine Person nach England, Frankreich und Chile). Am 1. Januar 1938 wurden noch 32 jüdische Einwohner gezählt. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge zerstört (siehe unten); die jüdischen Männer wurden in das KZ Dachau verschleppt,, wo Heinrich Dreyfuß an den Folgen der erlittenen Misshandlungen am 24. November 1938 starb. Die letzten 16 jüdischen Einwohner wurden im Oktober 1940 in das Konzentrationslager nach Gurs in Südfrankreich deportiert.         
     
Von den in Kuppenheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Anna Billig geb. Herz (1864), Emilie Brumlik geb. Kaufmann (1888), Heinrich Dreyfuss (1883), Marie Dreyfuss geb. Friedmann (1857), Leopold Friedmann (1866, Foto des Grabsteins in Gurs siehe unten), Nathan Herz (1857), Samuel Herz (1861), Sara Herz geb. Maier (1866), Ida Heumann geb. Dreyfuss (1887), Jeanette Hirsch geb. Kahn (1887), Berta Joseph geb. Grünbaum  (1891), Adolf Kahn (1876), Blondine Kahn (1877), Cölestine Kahn (1881), Klara Kahn (1900), Ludwig Kahn (1873), Ludwig Kahn (1881), Max Kahn (1871), Siegfried Kahn (1899), Regina Katz geb. Dreyfuss (1894), Rosa Kramer geb. Kaufmann (1884), Fanny Kreuzer geb. Kaufmann (1882), Johanna Kuhn geb. Kahn (1887), Salomon Kuppenheimer (1865), Salomon Lehmann (1868), Elise Loeb geb. Herz (1859), Mina Maier (1873), Karoline Meier geb. Kahn (1885), Josef Monatt (1851), Viktor Nöther (1863), Irma Platz geb. Kahn (1895), Günther Schlorch (1920), Rosa Schlorch geb. Herz (1893), Semi Schlorch (1889), Frieda Valfer geb. Kahn (1887).                   
    
    
    
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer     
  
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers und Vorsängers (1847)      

Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 11. Dezember 1847 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Vakante Schulstellen.
Bei der israelitischen Gemeinde Kuppenheim ist die Lehrstelle für den Religionsunterricht der Jugend, mit welcher ein Gehalt von 135 fl., nebst freier Wohnung, sowie der Vorsängerdienst samt den davon abhängigen Gefällen verbunden ist, erledigt, und durch Übereinkunft mit der Gemeinde unter höherer Genehmigung zu besetzen. Die rezipierten israelitischen Schulkandidaten werden daher aufgefordert, unter Vorlage ihrer Rezeptionsurkunde und der Zeugnisse über ihren sittlichen und religiösen Lebenswandel, binnen 6 Wochen sich bei der Bezirkssynagoge Bühl zu melden.  Auch wird bemerkt, dass im Falle sich weder Schul- noch Rabbinatskandidaten melden, andere inländische Subjekte, nach erstandener Prüfung bei dem Bezirksrabbiner, zur Bewerbung zugelassen werden."    


Lehrer Levi Wolff schreibt eine Broschüre gegen eine antijüdische Publikation von Alban Stolz (1874)  

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. März 1874: "Durch alle Buchhandlung zu beziehen. In unserem Kommissionsverlage erschien soeben: Handel, Schacher und Wucher der Juden im Kalender für Zeit und Ewigkeit von Alban Stolz. Ein Wort der Verwahrung und zur Abwehr von Lehrer Wolff in Kuppenheim. Preis 15 Kr. = 4 Sgr.  Der Verfasser weist in dieser Broschüre mit vielem Witz und schlagenden Gründen die übertriebenen Beschuldigungen des Herrn Stolz gegen die Juden in seinem diesjährigen berüchtigten Kalender für Zeit und Ewigkeit zurück, sodass dieses Büchlein allen Interessenten gewiss willkommen sein wird. Karlsruhe, im Februar 1874. Macklot’sche Buchhandlung."  

 
Lehrer Levi Wolff initiiert eine "Deutsch-Israelitische Zeitung" (1875)  
Lehrer Wolff wollte in einer Zeit starker Auseinandersetzungen zwischen orthodox-konservativen und liberalen Gruppierungen im deutschen Judentum, die auch zwischen den großen jüdischen Periodika (einerseits der orthodox geprägten Zeitschrift "Der Israelit" und andererseits der liberalen "Allgemeinen Zeitung des Judentums") ausgetragen wurden, einen Mittelweg suchen. Freilich wurde die erste Ausgabe seiner dazu gegründeten "Deutsch-Israelitischen Zeitung" von der Zeitschrift "Der Israelit" kritisch ablehnend beurteilt:

Kuppenheim Israelit 08121875.jpg (138648 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Dezember 1875: "Mainz, 28. November (1875). In Karlsruhe in Baden soll vom 1. Januar an eine neue, jüdische Zeitung unter Redaktion des Lehrers L. Wolff von Kuppenheim, unter dem Titel ‚Deutsch-Israelitische Zeitung’ erscheinen. Die Probenummer liegt uns vor. Dem Programm zufolge soll dieses Pressorgan für diejenigen bestimmt sein, welche von der einen Partei als die Gesinnungslosen, von der anderen als Zwischenträger bezeichnet werden, die sich selbst aber eine Partei des Friedens nennt!! An Aufrichtigkeit und Selbsterkenntnis lässt das Programm wohl nichts zu wünschen übrig. – Die Berechtigung zu einer Umbildung unserer heiligen Religion wird im ersten leitenden Artikel als Dogma hingestellt. Und das soll Mittelweg sein! Das ist unserer bescheidenen Ansicht nach schon äußerste Reform, ja, schlimmer als solche. Unser Gottesgesetz ist ewig unveränderlich. (hebräisch und deutsch:) ‚Gott wird niemals sein Gesetz verwechseln oder vertauschen mit einem anderen’. So steht es am Anfange eines jeden israelitischen Gebetbuches, so ist es jedem wahrhaften Israeliten Glaubenssatz. Dass es gewisse Gesetze gibt, die Zeit und Ort uns auszuüben, oder so wie vorgeschrieben, auszuüben, hindern, das hat das Gottesgesetz von vornherein vorgesehen, das ist weder eine Umwandlung, noch eine Entwicklung der heiligen Religion Israels.   Die ‚Deutsch-Israelitische Zeitung’ versichert feierlichst, sich von der Polemik mit anderen jüdischen Zeitungen fernhalten zu wollen; ob sie das wird durchführen können? ‚Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.’ Wir werden uns durch jene feierliche Versicherung nicht abhalten lassen, energisch gegen alle Versuche aufzutreten, die dahin zielen, falsche Lehren und Ansichten für echtes Judentum auszugeben."  

  
Schochet und Mitarbeiter für Lehrer Wolff gesucht (1875) 

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Dezember 1875: "Gesucht zum sofortigen Antritt ein junger Mann, welcher den Religionsunterricht in einer kleinen Schule versehen kann und praktischer Schochet ist. Engagement vorläufig drei Monate; wenn derselbe mit schriftlichen Arbeiten vertraut ist, findet er in meiner Expedition später dauernde Beschäftigung. Honorar bei freier Station nach Übereinkunft. Offerten mit Zeugnissen zu richten an die Redaktion der ‚Deutsch-Israelitischen Zeitung’, Kuppenheim bei Rastatt."

 
  
Berichte aus dem jüdischen Gemeindeleben  
   
Verlegung des Jahrmarktes in Kuppenheim mit Rücksicht auf das Laubhüttenfest (1829)     

Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" von 1829 S. 523  (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Bekanntmachung. Wegen des israelitischen Laubhüttenfestes wird der Jahrmarkt zu Kuppenheim vom 12. auf Montag den 19. Oktober verlegt, was andurch zur allgemeinen Kenntnis gebracht wird. 
Rastatt, den 14. September 1829. 
Großherzoglich Badisches Oberamt. Müller".          

  
  
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde 
Zum Tod von Karoline Cahn (1894)  

Kuppenheim Israelit 14061894.jpg (46291 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Juni 1894: "Aus dem Murgtal. Sonntag, den 3. Juni (1894) verstarb zu Kuppenheim nach kurzem Krankenlager, Fräulein Karoline Cahn im Alter von 37 Jahren; die Verstorbene lebte streng nach den Satzungen unserer heiligen Religion. Ein neu erbautes Haus für die jüdische Armen bestimmt, sowie ein Legat von Mark 1.000 verewigen das Andenken der Verblichenen. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."    

      
Erinnerung an die Deportation in das südfranzösische Internierungslager Gurs im Oktober 1940: Grabstein für Leopold Friedmann in Gurs        

Kippenheim Gurs BK 020.jpg (198065 Byte)  Grabstein im Friedhof des ehemaligen Internierungslagers Gurs für   
Leopold Friedmann, 
geb. am 7. September 1866 in Kuppenheim, später wohnhaft in Hilzingen,  
am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert, wo er am 11. Januar 1941 umgekommen ist.
(Foto: Bernhard Kukatzki)      

    
Persönlichkeiten 

Julius Kahn (1861 Kuppenheim-1924 San Francisco), ursprünglich Schauspieler und Rechtsanwalt; in die USA ausgewandert, 1892 Abgeordneter des Repräsentantenhauses für den Staat Kalifornien, 1898 bis 1924 im Kongress, dem er damit während 12 Legislaturperioden angehörte.

  
  
  
Zur Geschichte des Betsaals / der Synagoge         
    
Um 1700 lebten die jüdischen Familien in drei Häusern am Kirchhof unweit der Stadtkirche. Später wohnten sie an der Hauptstraße, Friedrichstraße, auch in der Löwengasse, die auf Grund der dort befindlichen Synagoge im Volksmund auch "Judengasse" genannt wurde.  
     
Da es um 1580/90 etwa zehn jüdische Familien in Kuppenheim gab, werden sich diese auch zum Gebet und zu Gottesdiensten getroffen haben. Vermutlich war in einem Privathaus ein Betsaal eingerichtet, über den keine näheren Angaben mehr vorliegen. Auch im 17. und bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts werden – sobald wieder die Zehnzahl der Männer erreicht wurde – Gottesdienste in Privathäusern abgehalten worden sein. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts war allerdings die Zahl der jüdischen Familien gering und noch in Dokumenten um 1720/30 ist weder von einem Vorsänger (Judenschulmeister) noch von einer Synagoge (Judenschule) am Ort die Rede. Die wenigen jüdischen Familien wollten sich damals mit den benachbarten Familien in Rastatt zusammentun, um Gottesdienste feiern zu können. Um 1740/50 untersagte allerdings der Obervogt Lassolye von Rastatt den Judenschaften in Rastatt und Kuppenheim, gemeinsame Andachtsübungen in einem Hause abzuhalten.  
     
Nachdem seit der Mitte des 18. Jahrhunderts die Zahl die Juden in Kuppenheim zugenommen hatte (1783 zehn jüdische Familien), wurde zwischen 1755 und 1789 eine erste Synagoge am Ende der Löwengasse (damals "Geitzengasse") erbaut. Die jüdische Gemeinde hatte zum Bau ein Grundstück durch Kauf oder Schenkung von dem Juden Meyer erhalten. Auf dem Grundstück befand sich zuvor ein Stall. Vielleicht ist dieser zur Synagoge umgebaut worden. Auch ein rituelles Bad wurde eingebaut. Im Laufe der Jahre ist die Judenschule allerdings schnell baufällig geworden. Nach einem Bericht des Oberamtes Rastatt vom Juli 1825 sieht "die Synagoge in Kuppenheim mehr einem schlechten Stall gleich als nur entfernt einem Tempel". Eine Reparatur sei "ganz unzweckmäßig". Das Oberamt riet zu einem Neubau. Die Gottesdienste wurden zunächst wohl von Gemeindegliedern ehrenamtlich geleitet (um 1800 vermutlich von Judenvorsteher Samuel Herz). Erst 1803 konnte die Kuppenheimer Gemeinde einen Vorsänger und Religionslehrer anstellen (Benedikt Moses Engel). 
    
Nach der Empfehlung des Oberamtes 1825, wegen des schlechten baulichen Zustandes der alten Judenschule eine neue Synagoge in Kuppenheim zu erstellen, ging die jüdische Gemeinde an die Planungen für einen Neubau. Als Grundstück kam ein Platz neben der bisherigen Synagoge in Frage. Als Vermögen hatte man 300 bis 400 Gulden angespart, doch war dies viel zu wenig für den auf 2.000 Gulden geschätzten Neubau. Gemeindevorsteher Löw Samuel Herz sprach sich dafür aus, die Synagogenplätze bereits vor dem Neubau zu versteigern. Andere in der Gemeinde waren für einen späteren Verkauf der Plätze: "Da aber der Reiche keinen religiösen Vorteil vor dem Armen haben sollte", wollte eine Gruppe von zehn Männern um Jakob Kuppenheimer erst eine spätere Versteigerung der Synagogenplätze. Man erhoffte dabei, 200 statt 80 Gulden für den ersten Betplatz zu erzielen. Lange konnte man sich in der Gemeinde nach dem Bericht des Oberamtes Rastatt nicht einigen, weil sich diese Gemeinde sowieso "durch Uneinigkeit auszeichne und jede Partie über die andere einen Vorteil zu erringen hofft oder einen Nachteil befürchtet". Schließlich kam es dann doch zur Versteigerung der Synagogenplätze.  
  
Den Bauplan für die Synagoge zeichnete Baumeister Professor Oehl aus Rastatt. Er schlug vor, nach Fertigstellung der Synagoge einen Anbau mit Lehrerwohnung und einem rituellen Bad zu errichten. Im Laufe des Sommers 1826 ist die Synagoge gebaut worden. Über ein Einweihungsdatum sind wir nicht informiert. Anstelle des alten Synagogengebäude wurde 1838 ein neues "Judenschulhaus" eingerichtet mit einem Unterrichtsraum, der Wohnung für den Vorsänger/Religionslehrer und einem neuen rituellen Bad, das bis etwa 1910 benutzt wurde. Immer wieder wurden in den folgenden Jahrzehnten einzelne bauliche Veränderungen und Renovierungen vorgenommen. 1911 erhielten Synagoge und Judenschulhaus Anschluss an die elektrische Stromversorgung.
  
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge am Nachmittag des 10. November von auswärtigen und Kuppenheimer SA-Leuten (SA-Sturm 3/111 Gaggenau) und anderen NSDAP-Partei-Mitglieder in Zivil niedergebrannt. Kreisleiter Dieffenbacher, sein Stellvertreter Bürgermeister Kalmbacher aus Rastatt und der SA-Standartenführer Eberhard waren beim Brand der Synagoge in Kuppenheim gleichfalls in Zivil anwesend. Die Feuerwehr war zum Schutz der Nachbargebäude angefordert worden. Dennoch entstanden auch an Nachbargebäuden Brandschäden. Eine große Menschenmenge, darunter auch viele Kinder schauten dem Synagogenbrand zu. Im "Kuppenheimer Generalanzeiger" vom 11. November 1938 wurde der Brand der Synagoge mit einer phantasiereichen Lügengeschichte so erklärt, dass man in der Synagoge "Sprengpulver in großem Quantum" gefunden habe. "Von unkundiger Seite wurde dieses gefährliche Pulver achtlos beiseite geworfen. Dieses sollte dazu führen, dass durch einen noch glimmenden Zigarettenstummel, der achtlos beiseite geworfen wurde, sich das Pulver entzündete und eine mächtige Stichflamme verursachte. Im Handumdrehen stand der ganze Stall in Flammen. An ein Eindämmen des Feuers konnte nicht mehr gedacht werden, zumal man weitere Pulvervorräte vermutete, die eventuell eine katastrophale Auswirkung hätte nach sich ziehen können".   
  
Das Grundstück der Synagoge wurde von einem Privatmann von der jüdischen Gemeinde für den Betrag von 3.000 RM gekauft. Obwohl die politische Gemeinde die Synagoge schon Ende 1938 hatte abreißen wollen, ließ der neue Eigentümer die Ruine bis nach 1945 zum Zweck einer "baulichen Ergänzung" stehen. 1945 wurde das Grundstück beschlagnahmt und kam an die jüdische Vermögensverwaltung JRSO, die es 1950 an einen örtlichen Transportunternehmer verkaufte. Die Synagogenruine wurde in dieser Zeit abgebrochen. Das Grundstück der ehemaligen Synagoge vor dem - inzwischen stark umgebauten Haus des Vorsängers -  ist als Gedenkstätte gestaltet (seit 1999: "Synagogenplatz"). Vom Synagogengebäude ist noch ein Türstock erhalten.  
    
Synagogenprozess 1948  

Kuppenheim Karlsruhe 1947.jpg (43507 Byte)Aus einem Artikel im "Jüdischen Gemeindeblatt für die Britische Zone" vom 10. November 1947: "Der Dentist Otto Leidig wurde von der Strafkammer Baden-Baden wegen schweren Landfriedensbruches zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Er hat nach der Anklage während der Ausschreitungen der Nationalsozialisten in den ersten Novembertagen des Jahres 1938 die Synagoge in Kuppenheim in Brand gesetzt und an den anschließenden Durchsuchungen der jüdischen Wohnungen teilgenommen. Die Mittäterschaft bei den Durchsuchungen konnte ihm nachgewiesen werden."  

    
    
Fotos 
Historische Fotos: 

Vor 1938 Kuppenheim Synagoge 002.jpg (47163 Byte)  
  In der Synagoge Kuppenheim 
(Quelle: Sammlung Hahn) 
 
     
Fotos von der Pogromnacht in Kuppenheim:
(Quelle: Hundsnurscher/Taddey s. Lit. Abb. 123 und G. F. Linder s.Lit. S. 78)
  
Kuppenheim Synagoge 010.jpg (51091 Byte) Kuppenheim Synagoge 199.jpg (41936 Byte) Kuppenheim Synagoge 051.jpg (49919 Byte)
Kinder an der brennenden Synagoge  Die ausgebrannte Synagoge  Nach dem Brand blieb nur noch eine Ruine 

  
Fotos nach 1945/Gegenwart:  
(Fotos: Hahn) 

Fotos um 1985:  Kuppenheim Synagoge 040.jpg (73205 Byte) Kuppenheim Synagoge 041.jpg (67995 Byte)
  Die Synagoge stand auf der Fläche
im Bereich des Tores und dem 
kleinen Rasenstück 
Das Gebäude links hinten ist das 
völlig umgebaute Rabbinerhaus 
  
     
Fotos 2003:
(Aufnahmedatum 16.9.2003) 
Kuppenheim Synagoge 155.jpg (74283 Byte) Kuppenheim Synagoge 156.jpg (34893 Byte)
  Der Synagogenplatz  Straßenschild 
     
Kuppenheim Synagoge 151.jpg (53246 Byte) Kuppenheim Synagoge 150.jpg (78923 Byte) Kuppenheim Synagoge 153.jpg (63844 Byte)
Blick in die Löwengasse, an deren 
Ende die Synagoge stand
Der Gedenkstein 
  
Die Inschriftentafel 
auf dem Gedenkstein 
     
  Kuppenheim Synagoge 152.jpg (58895 Byte) Kuppenheim Synagoge 154.jpg (47793 Byte)
  Informationstafel zur jüdischen Geschichte Kuppenheims am Synagogenplatz

     
   

Links und Literatur

Links:  

Website der Stadt Kuppenheim mit Hinweisen zum Synagogenplatz und jüdischen Friedhof beim "Stadtrundgang"  
Seite der Katholischen Jugend Kuppenheim-Oberndorf: hier anklicken  
US-Seiten mit Foto der brennenden Synagoge Kuppenheim: hier anklicken und hier anklicken       
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Kuppenheim (interner Link)        

Quellen:  

Hinweis auf online einsehbare Familienregister der jüdischen Gemeinde Kuppenheim 
In der Website des Landesarchivs Baden-Württemberg (Hauptstaatsarchiv Stuttgart) sind die Personenstandsregister jüdischer Gemeinden in Württemberg, Baden und Hohenzollern einsehbar: https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/struktur.php?bestand=5632     
Zu Kuppenheim sind vorhanden:    
J 386 Bü. 333 Kuppenheim Eheschließungen 1853 - 1858 http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-445941    
J 386 Bü. 334 Kuppenheim Geburten 1739 - 1857, Eheschließungen 1754 - 1851 Sterbefälle von Erwachsenen 1789 - 1869 und von kleinen Kindern 1813 - 1842 
sowie Begräbnisbuch der auswärtigen Judengemeinden 1814 - 1832 http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-446493 
   
Hinweis auf die Dokumentation der jüdischen Grabsteine in Baden-Württemberg des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg   
Im Bestand  https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/struktur.php?bestand=24368  auf der linken Seite bei "Kuppenheim" über das "+" zu den einzelnen Grabsteinen; es sind 1054 Grabsteine dokumentiert (mit Fotos).     
Im Bestand EL 228 b I Bü. 232 finden sich zum Friedhof Kuppenheim Belegungslisten und eine Dokumentation ausgewählter Grabsteine 7 bis 1054    http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=2-1907182  
Ebd. Bü. 209 findet sich eine Dokumentation Grabstein 1 bis 500 (online kein Inhalt)   http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=2-1906574  
Ebd. Bü. 210 findet sich eine Dokumentation Grabstein 501 bis 850 (online kein Inhalt) http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=2-1906583   
Ebd. Bü. 211 findet sich eine Dokumentation Grabstein 851 bis 1054 (online kein Inhalt) http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=2-1906586     

Literatur:   

Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 171ff.   
Oskar Stiefvater: Geschichte und Schicksal der Juden im Landkreis Rastatt, in: Um Rhein und Murg 5 (1965) S. 42-83.
Kuppenheim_Lit01.jpg (8533 Byte)Gerhard Friedrich Linder: Die jüdische Gemeinde in Kuppenheim. Verlag Regionalkultur Ubstadt-Weiher 1999. Link zum Verlag Regionalkultur: hier anklicken  
Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern - Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem 1986. S. 470-472.  
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.  

Günther Mohr: Der "Ort des Lebens in Kuppenheim" - steinerne Zeugnise der jüdischen Lebenswelt im mittleren Baden. In: Die Ortenau. Zeitschrift des Historischen Vereins für Mittelbaden. Bd. 91. 2011 S. 421-428.     

  
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Kuppenheim  Baden. The 16th century community was expelled in 1584 together with most of the Jews in the principality. The Jewish settlement was renewed after the Thirty Years War (1618-1648) and was stil subject to numerous disabilities in the early 19th century. The cemetery consecrated in 1692 was one of the most beautiful in the region and served many communities until the end of the 19th century. A synagogue was erected in 1825. In 1865 the Jewish population reached a peak of 142 (total 1,829). In 1922, 51 Jews remained. Nineteen emigrated by November 1938 (17 to the United States) and six left for other German cities. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue was burned and Jews were detained in Dachau. Another four left for the United States and on 22 October 1940 the remaining 16 were deported to the Gurs concentration camp; five survived the Holocaust.
   
     

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 05. März 2016