Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


Eingangsseite

Aktuelle Informationen

Jahrestagungen von Alemannia Judaica

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft

Jüdische Friedhöfe 

(Frühere und bestehende) Synagogen

Übersicht: Jüdische Kulturdenkmale in der Region

Bestehende jüdische Gemeinden in der Region

Jüdische Museen

FORSCHUNGS-
PROJEKTE

Literatur und Presseartikel

Adressliste

Digitale Postkarten

Links

 

  
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"  
zu den Synagogen in Baden-Württemberg  

   
Michelfeld (Gemeinde Angelbachtal, Rhein-Neckar-Kreis) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Aus dem jüdischen Gemeindeleben  
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen  
Links und Literatur   

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)   
    
In Michelfeld bestand eine jüdische Gemeinde bis 1935. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 16./18. Jahrhunderts zurück (erste Nennungen 1548, dann wieder seit 1721). 
   
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1807 125 jüdische Einwohner, 1825 172 (15,3 % von insgesamt 1.126 Einwohnern), höchste Zahl um 1839 mit 242 Personen, 1871 167, 1875 144 (11,0 % von insgesamt 1.304), 1887 134, 1900 54 (3,8 % von 1.433), 1910 22 (1,6 % von 1.417).  
 
Die jüdischen Gemeinden verdienten ihren Lebensunterhalt durch Handel mit Vieh, Landesprodukten und Textilien. Auch trugen sie zur Industrialisierung des Ortes bei: 1808 errichtete Zacharias Oppenheimer eine Wolltuchfabrik (später: Wolltuchfabrik Gebr. Oppenheimer). 1814 folgte eine mechanische Spinnerei und Walkerei. Die Fabrik beschäftigte 60-70 Personen. Auf der 5. Landesindustrieausstellung in Karlsruhe 1861 erhielt sie eine silberne Medaille für gute Tuche, die sich durch feine Wolle und schöne Appretur auszeichnete.   
Anmerkung: an die Wolltuchfabrik der Gebr. Oppenheimer erinnert bis heute die Fabrikstraße (Fabrikgebäude in der Fabrikstraße 7) 
   
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (Israelitische Volksschule / Elementarschule bis 1876, danach Religionsschule; die Schule war im Synagogengebäude), ein rituelles Bad sowie seit 1868 einen eigenen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. In besonderer Erinnerung blieb der Hauptlehrer Münzesheimer, der seit 1830 in der Gemeinde tätig war und 1870 hier sein 40-jähriges Ortsjubiläum feiern konnte (siehe unten). 1904 wurde die Lehrerstelle gemeinsam für Michelfeld und Eichtersheim ausgeschrieben (siehe unten). 1827 wurde die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Bruchsal zugeteilt. 
 
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Julius Lang (geb. 7.2.1897 in Michelfeld, gef. 21.10.1917). Sein Name steht auf dem Gefallenendenkmal bei der evangelischen Kirche. Außerdem ist gefallen: Gefreiter Hugo Scheuer (geb. 3.7.1892 in Michelfeld, vor 1914 in Bruchsal wohnhaft, gef. 20.9.1917).    
 
Um 1924, als zur Gemeinde noch 12 Personen gehörten (0,85 % von insgesamt etwa 1.400 Einwohnern), war Gemeindevorsteher Max Lang. Der Religionsunterricht der Kinder der Gemeinde durch wurde Lehrer Jakob Lewin aus Malsch erteilt. Auch 1932 wird als Gemeindevorsteher Max Lang genannt (damalige Adresse: Karlstraße 13). 
  
An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Handelsbetrieben in jüdischem Besitz sind bekannt: Krämerladen Hannchen Lang (Karlstraße 15), Landesproduktenhandlung Familie Strauß (Schallbachgasse 3).   
     
1935 lebten noch die beiden Familien Lang und Strauß am Ort, die die genannten Handelsbetriebe innehatten. Nach der Auflösung der Gemeinde am 18. November 1935 wurden die hier noch lebenden Juden der Gemeinde Eichtersheim zugeteilt. 
    
Nach den Deportationen in der NS-Zeit kam von den 1933 hier wohnhaften fünf jüdischen Einwohnern mindestens eine Person ums Leben. 
 
Von den in Michelfeld geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Karoline Blum geb. Zimmern (1860), Rosa Dahlheimer geb. Solinger (1895), Therese Groß (1896), Anna Haas geb. Kayem (1892), Rosa Kander geb. Menges (1883), Max Lang (1862), Moritz Mayer (1881), Klara Sommer geb. Scheuer (1877), Lina Wertheimer geb. Zimmern (1871), Emma Wilmersdörfer geb. Fleischmann (1883).      
    
    
    
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde       
    
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Ausschreibungen der Stelle des Lehrers, Vorsängers und Schochet (1884 / 1893 / 1900 / 1904)       

Michelfeld Israelit 130031884.jpg (49221 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. März 1884: "Die mit freier Wohnung, einem festen Gehalte von 600 Mark, mit den üblichen Nebeneinnahmen verbundene Stelle eines Kantors und Schächters in der Gemeinde Michelfeld soll baldigst besetzt werden. 
Mit den nötigen Zeugnissen versehene Bewerbungen sind an den Unterzeichneten zu richten. Bruchsal, den 10. März 1884. Die Bezirks-Synagoge. Dr. J. Eschelbacher."  
  
Michelfeld Israelit 31071893.jpg (55834 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Juli 1893: "Die mit freier Wohnung, einem festen Gehalte von 600 Mark und den üblichen Nebeneinnahmen im Betrage von ca. 400 Mark verbundene Stelle eines Lehrers, Vorsängers und Schächters in Michelfeld soll bis zum 24. August möglichst mit einem unverheirateten Lehrer besetzt werden. Meldungen mit Zeugnissen in Abschrift sind baldigst an die unterzeichnete Stelle zu senden. Die Originalzeugnisse sind erst bei einer etwaigen Berufung vorzulegen. Bruchsal, 27. Juli 1893. Die Bezirkssynagoge."  
Michelfeld Israelit 06121900.jpg (45333 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Dezember 1900: "Die Religionsschulstelle Michelfeld ist zu besetzen. Fixum 700 Mark, Nebengefälle für Schächten etwa 400 Mark, freie Wohnung und 40 Mark Aversum für Brennmaterial. Bewerbungen an die 
Bezirkssynagoge Bruchsal: Dr. Doctor."  
   
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. März 1904: "Die mit dem Vorbeter- und Schächterdienst verbundene Religionslehrerstelle für die zusammenhängenden Gemeinden Eichtersheim (Dienstsitz) und Michelfeld ist baldigst durch einen seminaristisch gebildeten Lehrer zu besetzen. Gehalt 1.000 Mark, freie Wohnung und etwa 300-400 Mark Nebengefällen. Bewerbungen an die 
Bezirkssynagoge Bruchsal: 
Rabbiner Dr. Doctor
."     

   
40-jähriges Dienstjubiläum von Hauptlehrer Münzesheimer (1870)    
Hauptlehrer Münzesheimer war im 19. Jahrhundert über vier Jahrzehnte wichtigste Persönlichkeit der jüdischen Gemeinde. Um 1850 besaß er 9 Viertel eigenen Ackers. Zur Bewirtschaftung zog er die Schüler der oberen Klassen an den beiden schulfreien "halben Spieltagen" heran. 

Michelfeld AZJ 31051870.jpg (72665 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 31. Mai 1870: "Michelfeld, 7. Mai (1870). (Baden). Gestern wurde das 40-jährige Dienstjubiläum unseres verehrten israelitischen Hauptlehrers Münzesheimer, welcher seit 6. Mai 1830 an der hiesigen israelitischen Volksschule mit allseitig anerkannter Berufstreue wirkt, festlich begangen. Hierbei wurde dem Jubilar nach einer Ansprache des hiesigen Pfarrers Becker ein von früheren Schülern gestiftetes Kapitel von 681 Gulden übergeben, worunter Beiträge aus den fernsten Gegenden (New York, San Francisco etc.). Im schön geschmückten Saale des Gasthauses zum Adler vereinigten sich die Festteilnehmer, gegen 70 an der Zahl und allen Ständen und Bekenntnissen angehörend, zu frohem Beisammensein bei Musik und Gesang bis zum Abende."   

   
Hauptlehrer Weil spricht bei einer Beisetzung im Friedhof in Wiesloch  (1877)   

Sandhausen Israelit 03101877.jpg (174036 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Oktober 1877: "Wiesloch, 20. September (1877). Am Tag nach Jom Kippur ereignete sich in dem eine Stunde von hier entfernten Dorf Mühlhausen ein sehr bedauernswerter Fall. Der allgemein geachtete und beliebte Bürger Heinrich Wahl von Sandhausen, Amts Heidelberg, ging Morgens 6 Uhr wohl und munter von seiner Familie nach Mühlhausen, um Hopfen einzukaufen, kam auf einen Speicher, der in Verbindung mit der Scheune steht, um Muster zu sehen; kaum dort, tat er einen Fehltritt und stürzte 25 Fuß hoch so unglücklich herunter, dass er sofort bewusstlos weggetragen werden musste und trotz aller ärztlichen Hilfe, nachts 12 Uhr, seinen Leiden erlag. 
Heute nun bewegte sich ein unübersehbarer Leichenzug durch hiesige Stadt um die irdischen Überreste des Verewigten auf den hiesigen Friedhof (Wiesloch) zu verbringen. Von Nah und Fern kamen Leute herbei, besonders viele Christen, darunter der ganze Gemeinderat von Sandhausen, um dem Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. Eine große Beteiligung an der Beisetzung fand schon in Mühlhausen statt, und ist hier das Zeugnis für den Verstorbenen abgelegt worden, mit welcher Anhänglichkeit die Bauern an dem Verstorbenen hingen, wegen seines aufrichtigen Handelns. Herr Hauptlehrer Weil aus Michelfeld gedachte in schönen Worten des Unglücklichen.  
Der zur Beisetzung hierher berufene Bezirksrabbiner Dr. Sondheimer aus Heidelberg sprach am Grabe über die Worte Jeremia 14, Vers 17. Er war sichtlich gerührt und entwarf in sehr ergreifenden Worten ein kurzes Lebensbild des Verstorbenen und seines Wirkens, sodass kein Auge tränenleer blieb.   
Der Unglückliche erreichte ein Alter von 44 Jahren, war Synagogenratsvorstand, auch war er aushilfsweise an den ehrfurchtgebietenden Tagen schon seit mehreren Jahren ehrenamtlicher Vorbeter. Er hinterlässt eine tief trauernde Witwe mit 6 noch kleinen, unmündigen Kindern. 
Möge der Allgütige, der da ist der Vater der Waisen und der Witwen der schwer heimgesuchten Gattin und den lieben Kleinen seinen himmlischen Trost senden, damit sie den Willen Gottes hoch achten und das Andenken des Verblichenen ehren. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens.  Ackermann, Lehrer."      

      
      
Aus dem jüdischen Gemeindeleben  
Die Auflösung der Gemeinde Ende 1935    

Michelfeld CV Ztg 09011936.jpg (70743 Byte)Artikel in der Zeitschrift des Central-Vereins ("CV-Zeitung" vom 9. Januar 1936: "Die Auflösung der Kleingemeinden. Der Oberrat der Israeliten Badens gibt bekannt, dass mit Genehmigung des Staatsministeriums und des Synodalausschusses die israelitischen Gemeinden Michelfeld und Richen aufgelöst worden sind. 
Gleichzeitig wird bekannt gegeben, dass aus den Beständen aufgelöster Gemeinden vom Oberrat Torarollen verwahrt werden, die anderen Gemeinden überlassen werden können. Der Oberrat bittet weiterhin bei der Auflösung von Gemeinden und bei der Abwanderung jüdischer Familien zu berücksichtigen, dass jüdische und hebräische Bücher, die von den Betreffenden nicht weiter verwendet werden können, wertvolle Dienste in Schulen, Bünden usw. leisten können. Der Oberrat hat in Karlsruhe eine Büchersammelstelle eingerichtet, die die Sichtung und die Weitergabe solcher Bücher vornehmen soll."   
 
Artikel in der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 8. Januar 1936: "Zwei jüdische Kleingemeinden in Baden aufgelöst. Karlsruhe. Der Oberrat der Israeliten Badens gibt bekannt, dass mit Genehmigung des Staatsministeriums und des Synodalausschusses die israelitischen Gemeinden Michelfeld und Richen aufgelöst worden sind."  

      
      
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde     

Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 27. April 1844 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Wiesloch. [Mundtoterklärung]. Bräunle Hochstätter, Tochter des verstorbenen Baruch Hochstätter zu Michelfeld, ist wegen Gemütsschwäche als entmündigt erklärt und der Handelsmann Simon Oppenheimer von da als ihr Vormund aufgestellt worden, was man anmit zur öffentlichen Kenntnis bringt.  Wiesloch, den 21. April 1844. Großherzogliches Bezirksamt."     

    
Moses Menges ist ohne Erlaubnis nach Amerika ausgewandert (1853)         

Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 18- Juni 1853 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Sinsheim [Aufforderung.] Der Soldat vom 4. Infanterie-Regiment Moses Menges von Michelfeld, hat sich heimlicher Weise von Hause entfernt und wahrscheinlich nach Amerika begeben.
Derselbe wird daher auffordert, sich binnen 2 Monaten dahier oder bei seinem Kommando zu stellen, widrigenfalls er, vorbehaltlich seiner persönlichen Bestrafung im Betretungsfalle, wegen Desertion in eine Geldstrafe von 1200 fl. verfällt werden würde, 
Sinsheim, den 7. uni 1853."     

  
Über Zacharias Oppenheimer (1830-1904)     

Zacharias Oppenheimer.jpg (53262 Byte)Zacharias Oppenheimer (geb. 8. [nicht 7.] Januar 1830 in Michelfeld, gest. 1904 in Heidelberg); im Oktober 1848 kam er zum Medizinstudium nach Heidelberg; im Mai 1849 nahm er am badisch-pfälzischen Aufstand teil. Nach Niederschlagung der Mairevolution floh er im Juni 1849 in die Schweiz, kehrte jedoch im Oktober 1849 wieder nach Deutschland zurück. Zunächst studierte er in Würzburg, seit Oktober 1851 wieder in Heidelberg. 1855 habilitierte er in Heidelberg, Er wurde 1863 ao. Professor der Medizin in Heidelberg, veröffentlichte Schriften zu neurologischen Fragestellungen.
Dr. Zacharias Oppenheimer war seit 4. März 1857 (Trauung in Weinheim durch Bezirksrabbiner Salomon Fürst) verheiratet mit Mathilde geb. Frank (geb. 26. Dezember 1833 in Oberelsbach*); eingestellt: Seite aus dem Personenstandsregister Heidelberg mit Eintragung der Trauung von Dr. Oppenheimer und Frau (Quelle: HStA Stgt Bestand 386 Bü. 249; Personenstandsregister online).   
(Foto links: Universitätsbibliothek Heidelberg - Der Lehrkörper Ruperto Carola zu Heidelberg im Jahre 500 ihres Bestehens. Link;
vgl. Wikipedia-Artikel "Zacharias Oppenheimer"
*) der Geburtsort Oberelsbach wurde auf Grund einer Recherche von E. Böhrer im Juli 2012 bestätigt; der in einigen Publikationen angegebene Geburtsort Veitshöchheim ist nicht korrekt (von Veitshöchheim stammt vielmehr die Mutter von Mathilde Oppenheimer geb. Frank: Charlotte Frank geb. Edenfelder, Tochter des Weinhändlers Simon Edenfeld[er]).  

    
    
    
Zur Geschichte des Betsaals / der Synagoge         
   
Zunächst bestand vermutlich ein Betsaal. Noch im 18. Jahrhundert dürfte ein Synagoge erbaut worden sein. Ende der 1820er-Jahre war das Gebäude zu klein geworden. Der damalige Gemeindevorsteher Simon Oppenheimer schrieb am 19. Mai 1829 an das Bezirksamt Sinsheim, dass durch die Zunahme der Gemeindemitglieder auf inzwischen 120 bis 130 Personen die Synagoge zu klein und inzwischen auch in baufälligem Zustand sei. Er habe mehrere Baupläne und Kostenüberschläge fertigen lassen. Die Gemeinde habe einstimmig eine Vergrößerung des Synagoge bei einem Kostenaufwand von 900 bis 1000 Gulden beschlossen und bitte das Bezirksamt um Genehmigung. Das Bezirksamt ließ die Pläne prüfen. Vom Direktorium des Neckarkreises kam am 14. September 1830 die Baugenehmigung. Inzwischen hatte Simon Oppenheimer mit der Gemeinde auch einen Finanzierungsplan abgesprochen. Demnach hatte die Gemeinde auf einem Konto 400 Gulden angespart, 142 Gulden waren in der Kasse vorhanden, der Restbetrag von 400 bis 500 Gulden sollte durch wöchentliche Beiträge der Familienvorstände in Höhe von 2 Gulden gesammelt werden. Bevor der Bau der Synagoge begann, wurde von einem Wieslocher Werkmeister ein Gutachten des Synagogenbaus im Blick auf den Umbau erstellt. Dabei stellte er fest, dass die Synagoge in einem "zerrüttetem und nicht gut zu verbesserndem Zustande sei" und "die alte Synagoge weggeschafft und eine neue dafür erbaut werde". Vermutlich wurden auf Grund dieses Gutachtens die Baupläne nochmals neu überdacht und 1838 eine neue Synagoge in der Schallbachgasse ("Judengässel") erstellt. Es handelte sich um ein Gebäude mit Betsaal, Lehrerwohnung und Schulzimmer, in dem bis 1876 auch der Schulunterricht der Kinder stattfand, danach - bis um 1920 - noch der Religionsunterricht der Kinder.
     
Mitte der 1920er-Jahre konnten bereits keine Gottesdienste in der Synagoge gefeiert werden, da keine zehn jüdische Männer mehr am Ort wohnten. Die jüdische Gemeinde vermietete daher den Betsaal an die politische Gemeinde zu einem jährlichen Mietpreis von 90 RM. Als sich nach 1933 die Beziehung zwischen politischer und jüdischer Gemeinde schnell verschlechterte, stellte die politische Gemeinde 1935 und 1936 die Zahlung der Miete für den Betsaal ein. Erst auf Grund mehrerer Mahnungen des Oberrates der Israeliten wurde die Miete überwiesen, aber zugleich das Mietverhältnis vom Bürgermeister zum 1. Januar 1937 beendet. Die politische Gemeinde stellte ihrerseits Überlegungen zur künftigen Nutzung der Synagoge an. Im Januar 1936 stand die freiwillige Sanitätskolonne in Michelfeld mit dem Oberrat der Israeliten dazu in Verhandlungen. Freilich war das Gebäude inzwischen in höchst baufälligem Zustand. Der Bezirksbaumeister stellte bei seiner Bestandsaufnahme im Februar 1936 fest, dass die Außen- und Innenwände völlig durchfeuchtet waren. Außerdem waren der Dachstuhl teilweise eingedrückt, der Decken- und Wandverputz in mehreren Räumen abgefallen, die Holzböden in der Wohnung im ersten Stock angefault und die Steinböden in Keller und Decke in sehr schlechtem Zustand. Auch die Ziegeldeckung, Dachgesimse und Kamine hätten dringend eine Reparatur nötig. Der Bezirksbaumeister schloss seinen Bericht mit der Bemerkung: "Eine gründliche Instandsetzung würde sehr viel Geld kosten und würde von niemand durchgeführt werden können“ und schätzte das Gebäude mit Grundstück gerade noch auf einen Wert von 1.500 RM ein. Inzwischen hatte der Oberrat der Israeliten Ferdinand Strauss mit der Wahrnehmung der Interessen der ehemaligen jüdischen Gemeinde beauftragt. Strauss bat beim Bürgermeister im September 1936 darum, die Synagogenbänke öffentlich versteigern zu dürfen, was der Bürgermeister jedoch mit der Begründung ablehnte, dass "es mit der heutigen Zeit unvereinbar ist, die Interessen der jüdischen Rasse oder Religionsgemeinschaft zu vertreten". Strauss konnte die Bänke wenig später allerdings auch ohne Versteigerungstermin verkaufen. Da auf Grund des schlechten Bauzustandes der Synagoge an keine andere Verwendung mehr zu denken war, wurde das Gebäude am 20. Dezember 1936 an den Gewerbefortbildungsschullehrer Ernst Henny aus Adelsheim verkauft. Er wollte das Gebäude abbrechen und das Grundstück als Garten nützen.  
  
Heute befindet sich auf dem Synagogengrundstück ein Garten. Spuren oder eine Gedenktafel sind nicht vorhanden.  
    
    
   

Fotos 
Historische Darstellung: 

Michelfeld Synagoge 003.jpg (82849 Byte)

Zeichnung der ehemaligen Synagoge in Michelfeld
(Quelle: hier anklicken - Zeichnung von Richard Weigel, Angelbachtal)
   

    
Pläne: 
  

Michelfeld Plan 004.jpg (82713 Byte) Michelfeld Synagoge 100.jpg (157022 Byte)
Plan von Michelfeld 1870 aus: Johann Jenne, Michelfeld 
s. Lit. S. 187; die Eintragung der Synagoge mit 
einem "S" von Hahn  
In obigem Plan von Michelfeld mit einem roten Kreis markiert: 
der Standort der ehemaligen Synagoge in der 
Schallbachgasse ("Judengässel") (topographischer Plan aus den 1970er-Jahren)


Fotos nach 1945/Gegenwart: 

Fotos um 1985:
(Fotos: Hahn)
Michelfeld Synagoge 101.jpg (65509 Byte) Michelfeld Synagoge 102.jpg (105029 Byte)
     Straßenschild für die "Schallbachgasse",
 auch "Judengässel" genannt.  
Im Bereich dieser Gärten in der
 Schallbachgasse war der Standort 
der ehemaligen Synagoge 
   
           
Neuere Fotos Neuere Fotos des Synagogengrundstückes werden bei Gelegenheit erstellt; über Zusendungen freut sich der Webmaster von "Alemannia Judaica", Adresse siehe Eingangsseite

     
     

Links und Literatur 

Links: 

Website der Gemeinde Angelbachtal 

Literatur:  

Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 201-202. 
"Die jüdische Gemeinde in Michelfeld" und "Die Tuchfabrik Oppenheimer", in: Heimatbuch Michelfeld. 1986. 
Johann Jenne: Michelfeld. Das Dorf und seine Geschichte. Hg. von der Gemeinde Angelbachtal. 1990. 1994². Darin: Die jüdische Gemeinde in Michelfeld S. 105-106. 
Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern - Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem 1986. S. 402-403.  
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.

  
    

Hinweis auf online einsehbare Familienregister der jüdischen Gemeinde Michelfeld 
In der Website des Landesarchivs Baden-Württemberg (Hauptstaatsarchiv Stuttgart) sind (soweit vorhanden) die Personenstandsregister jüdischer Gemeinden in Württemberg, Baden und Hohenzollern einsehbar: https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/struktur.php?bestand=5632     
Zu Michelfeld sind keine Register vorhanden.               

        
         


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Michelfeld  Baden. A community existed from the late 16th century, reaching a peak population of 242 in 1841 and operating a synagogue, cemetery, and elementary school. The two Jewish families present in 1933 dispersed in the Nazi era.   
    
      

                   
vorherige Synagoge  zur ersten Synagoge nächste Synagoge   

              

 

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an Alemannia Judaica (E-Mail-Adresse auf der Eingangsseite)
Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 22. Mai 2014