Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Reilingen (Rhein-Neckar-Kreis) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen    
Zur Geschichte des Betsaals / der Synagoge   
Fotos / Darstellungen 
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  
Links und Literatur   

     

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)  
   
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zur Kurpfalz gehörenden Reilingen bestand eine jüdische Gemeinde bis zu ihrer Auflösung im Oktober 1937. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. Erstmals wird 1743 ein Jud Meyer am Ort genannt. Die jüdischen Familien wohnten zunächst vor allem in der "Judengasse" (heute: Wörschgasse).
  
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1815 74 jüdische Einwohner in 14 Familien, 1825 94 jüdische Einwohner (9,4 % von insgesamt 996 Einwohnern); Höchstzahl um 1864/71 mit 112 Personen. Danach ging die Zahl durch Aus- und Abwanderung schnell zurück: 1900 lebten noch 42 (1,8 % von insgesamt 2.349), 1910 28 (1,0 % von 2.679) jüdische Personen in Reilingen.     
 
Die jüdischen Familien lebten bis weit ins 19. Jahrhundert hinein überwiegend vom Viehhandel, aber auch vom Textil-, Stroh- und Fruchthandel. 1815 werden genannt (anlässlich der Annahme fester Familiennamen): Salomon Broda (führt Tücher, Kattunwaren), Nathan Wolf (Viehhändler), Calmann Kahn (geringer Viehhandel), Abraham Kahn (Metzger), Jacob Straßburger, Jakob Levi, Mayer Marx (Viehhändler), Elias Oppenheimer (Viehhändler), Elias Oppenheimer (Viehhändler), Moses Bär (Stroh- und Fruchthändler), Raphael Mayer (Viehhändler), Wolf Mayer (Viehhändler), Samuel Reilinger, Liebmann Oppenheimer (Viehhändler), Hayum Marx. 
 
Im Krieg 1870/71 nahmen aus der jüdischen Gemeinde auch Bernhard Broda und Liebmann Wolff teil. Ihre Namen finden sich auf einer Gedenktafel für die Kriegsteilnehmer 1870/71 am Rathaus.
 
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.) sowie eine Religionsschule und ein rituelles Bad (beide Einrichtungen im Gebäude der Synagoge). Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof in Wiesloch beigesetzt. Der Plan, neben dem allgemeinen Friedhof Reilingens 1895 auch einen jüdischen Friedhof einzurichten, wurde nicht verwirklicht.  Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. An Lehrern waren u.a. tätig: Bär Lazarus (1816-1826), Aron Bessels (um 1840/43, bei der Synagogeneinweihung genannt), Bär Bessel (gest. 1853), Abraham Willstätter aus Walldorf (ab 1853), Mayer Abraham Levi (um 1868), Weil (1869), Straßburger (1871), Abraham (auch Aron) Heimberger (1873-1908, danach weiterhin im Ruhestand in Reilingen tätig). An jüdischen Vereinen bestand um 1925 noch der Synagogenverein (unter Leitung von Josef Broda). Die Gemeinde gehörte zum Bezirksrabbinat Heidelberg
 
1925 wurden 21 jüdische Einwohner gezählt (0,7 % von 3.009 Einwohnern). Damals waren die Vorsteher der Gemeinde Josef Broda und Max Kahn. Als Lehrer war weiterhin der seit 1908 im Ruhestand lebende Aron Heimberger am Ort. Er war weiterhin auch als Schochet tätig. Es gab damals nur noch ein schulpflichtiges jüdisches Kind in der Gemeinde, das Religionsunterricht erhielt. 1932 wird als Gemeindevorsteher weiterhin Josef Broda genannt. Als Lehrer und Schochet kam in die Gemeinde Lehrer Heinrich Bloch aus Schwetzingen. Er unterrichtete in Reilingen im Schuljahr 1931/31 zwei jüdische Kinder. 
  
Bis zur NS-Zeit gehörte jüdischen Einwohnern noch ein kleiner Textilhandel, eine Handlung mit Vieh und Hopfen sowie eine Zigarrenfabrik. Auch ein jüdischer Arzt hatte 1933 vorübergehend seine Praxis am Ort. Die Eigentümer dieser Handels- und Gewerbebetriebe waren (mit Anschrift): Zigarrenfabrik Gebr. Bär (Hauptstraße 68 und 74), Textilhandlung Hedwig Broda (Hauptstraße 101), Vieh- und Hopfenhandlung Nathan Falk (Hauptstraße 54), Textilhandlung Geschwister Else und Betty Kahn (Hauptstraße 182) sowie die Arztpraxis Dr. Herbert Kohn (Hauptstraße 159).
  
1933 lebten noch 11 jüdische Personen am Ort (0,4 % von insgesamt 3.114 Einwohnern). Auf Grund der zunehmenden Repressalien und der Entrechtung sowie der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts verließen die meisten von ihnen in den folgenden Jahren Reilingen, verzogen in andere Orte oder konnten emigrieren. Beim Novemberpogrom 1938 wurden jüdische Wohnungen überfallen und verwüstet, u.a. drangen halbwüchsige Schulkinder unter Führung ihres Lehrers in die Wohnung der Geschwister Kahn ein und demolierten sie völlig. Die alten Damen mussten durch ein Fenster in den Garten springen 1939 wurden noch drei jüdische Einwohner gezählt. Der letzte jüdische Einwohner - Max Kahn, kaufmännischer Angestellter in einer Zigarrenfabrik, bis 1933 Schriftführer beim Turnerbund in Reilingen - wurde am 22. Oktober 1940 von Reilingen aus in das KZ Gurs nach Südfrankreich deportiert. 
 
Von den in Reilingen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Hermann Baer (1860), Fanny Beißinger geb. Kahn (1873), Hedwig Broda (1873), Minna Fränkl geb. Reilinger (1881), Johanna Imber geb. Kahn (1889), Benny Kahn (1886), Betty Kahn (1880), Elise Kahn (1878), Max Kahn (1883), Irmtraud Kohn (), Max Moses Oppenheimer (1883), Nathan Oppenheimer (1875), Tekla Sander geb. Reilinger (1882), Adelheid Westheimer (1858), Nanette Wolf geb. Mayer (1853).
   
   
   
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet bzw. eines Hilfsvorbeters (1907)
Anmerkung: bislang wurde nur die Anzeige zur Suche eines Hilfsvorbeters für die hohen Feiertage gefunden.

Reilingen Israelit 08081907.jpg (68330 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. August 1907: 
"Hilfsvorbeter für die hohen Feiertage 
gesucht

Meldungen an S. Broda II. Reilingen bei Mannheim."

    
Schulkandidat Aron Bessels wird Lehrer und Vorsänger in Reilingen (1843)     

Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 5. Juli 1843 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Die mit dem Vorsängerdienste vereinigte Lehrstelle an der neu errichteten öffentlichen israelitischen Schule bei der israelitischen Gemeinde Reilingen im Unterrheinkreise, wurde dem bisherigen Religionsschullehrer bei derselben, Schulkandidaten Aron Bessels von dort, bertragen."   


Zum 25-jährigen Dienstjubiläum des Lehrers A. Heimberger (1881; Lehrer in Reilingen seit 1874)  

Reilingen Israelit 31081881.jpg (184811 Byte) Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. August 1881: "Wiesloch. Es dürfte den verehrlichen Lesern des 'Israelit' nicht uninteressant sein von einer Feierlichkeit zu lesen, die in unserem Nachbarorte Reilingen zu Ehren des Herrn Lehrers A. Heimberger, der am verflossenen Schabbat Nachamu sein 25jähriges Dienstjubiläum feierte, veranstaltet wurde. Den Glanzpunkt der Feierlichkeit bildete die Rede des Herrn Jubilars während des Gottesdienstes, der in schönen Zügen mit ergreifenden Worten sein 25jährige Wirksamkeit als Religionslehrer vorführte, auf die Worte: 'Bis hierher hat uns Gott beigestanden' (1. Samuel 7,12) sich stützend, warf er einen Rückblick auf seine verflossene Amtstätigkeit. Wenn er sein Verhältnis zu der Gemeinde während seiner hiesigen Wirksamkeit betrachte, müsse er sagen, dass es Gott zu danken sei, wenn sich Gemeinde und Lehrer in einem guten Einvernehmen befänden, auch das Judentum brauche nicht zu verzagen, wenn, wie in der neuesten Zeit gefahrdrohende Wolken am Himmel sich aufzutürmen scheinen. 'Bis hierher hat Gott geholfen, Gott wird auch weiter helfen, wenn Euch Tora und Gebote heilig sind.' Tut Eure Pflicht und Schuldigkeit, so werde ich auch das ausführen, was ich Euch besprochen habe. (Entsprechend dem letzteren Gedanken ein Zitat von Raschi). - Den weiteren Ausführungen des geehrten Redners zu folgen, würde zu weit führen. Ich will nur noch anführen, dass sich eine recht gemütliche Festesstimmung bei der im Hause des Jubilars stattfindenden dritten Mahlzeit bei sämtlichen Teilnehmern zeigte und dass es an Toasten und sinnreichen Trinksprüchen nicht fehlte. Als Beweis für die Liebe und Anhänglichkeit zu ihrem Lehrer überreichte der Synagogenrat Namens der Gemeinde und der Schuljugend dem Jubilar einen prachtvollen, silbernen Pokal und noch verschiedene sehr nennenswerte Geschenke. Möge es dem Jubilar vergönnt sein, noch viele Jahre zum Heile seiner Gemeinde in dem schönen Berufe eines Religionslehrers wirken zu können; möge der Allgütige ihn bewahren vor jedem Ungemach in Frieden und Freuden, noch lange bei seinen Angehörigen verbleiben zu können, damit wir nach weiteren 25 Jahren von einem ähnlichen Feste berichten können. A."  

   
Festrede von Lehrer Abraham Heimberger zur Fahnenweihe des Militärvereines (1891) 
    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Juni 1891: "Reilingen (Baden). Zu der am 10. Mai stattgehabten Fahnenweihe des hiesigen Militärvereins war der israelitische Lehrer, Herr A. Heimberger, vom Vorstande eingeladen worden, die Festrede zu halten. Seine ungefähr eine halbe Stunde dauernde Rede wurde von der wohl 3.000 Köpfe zählenden Menge begeistert aufgenommen. Diese Vorgang ist ein sichtlicher Beweis, dass dahier die verschiedenen Konfessionen in Frieden und Eintracht zusammenleben."     
 
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 19. Juni 1891: "Bei der Fahnenweihe des Militärvereins in Reilingen hielt der dortige israelitische Lehrer Herr Heimberger auf Einladung des Vereinsvorstandes die Festrede."    

   
Auszeichnung für Lehrer Abraham Heimberger (1898)   

Reilingen AZJ 21101898.jpg (91576 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. Oktober 1898: "Nachdem aus dem Vermächtnis der Michel Weil Eheleute in Straßburg zur Verleihung von Preisen auf 2. August dieses Jahres die Summe von 640 Mark der Behörde zur Verfügung gestellt worden ist, hat dieselbe dem Hauptlehrer Elias Jakob in Bühl einen Preis von 200 Mark und den Religionsschullehrern Nathan Wolf in Sennfeld, Abraham Heimberger in Reilingen, Jesaias Schwarzwälder in Schluchtern und Moses Lippmann in Karlsruhe je einen Preis im Betrage von 100 Mark in Anerkennung ihrer langjährigen, verdienstlichen Leistungen auf dem Gebiet des israelitischen Religionsunterrichts zuerkannt. Der Restbetrag von 40 Mark wurde zum Ankauf geeigneter Bücher, welche als Aufmunterungspreise an jüngere strebsame Lehrer verteilt werden sollen, bestimmt."     

    
Zum 50jährigen Dienstjubiläum des Lehrers Abraham Heimberger (1904)  

Reilingen Israelit 27061904.JPG (212465 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Juni 1904: "Hockenheim, 22. Juni (1904). Gestern beging Herr Lehrer A. Heimberger in Reilingen sein 70. Geburtstagsfest und den Gedenktag einer 30jährigen Wirksamkeit an diesem Orte, bei einer gesamten Dienstzeit von 50 Jahren. Eine kleine, aber erhebende Vorfeier wurde am 19. dieses Jahres von den israelitischen Religionslehrern des Rabbinatsbezirkes Heidelberg und Reilingen abgehalten. Eine Deputation von sechs Kollegen übergab dem Gefeierten einen Ruhesessel mit einem Glückwunschschreiben, worin die Verdienste erwähnt waren, die sich der Jubilar als tüchtiger Schulmann und als Gründer und Präsident des Pensionsfonds für israelitische Lehrer und Kantoren in Baden erworben hatte. Herr Rabbiner Dr. Pinkuß - Heidelberg übersandte ein herzlich gehaltenes Anerkennungsschreiben, die besten Wünsche für einen glücklichen Lebensabend noch anfügend. Die israelitische Gemeinde Reilingen nahm durch ihre Vertreter freudige Veranlassung, ihren schon oft durch erkenntliche Aufmerksamkeiten bedachten Beamten mit einem schönen Silbergeschenk zu erfreuen. Tief bewegt dankte der Jubilar für die Ehrung,; es freue sich, dass seine berufliche Tätigkeit und das Wirken für den Lehrerstand anerkannt wird. Bei dem darauf folgenden gemütlichen Zusammensein, wobei die Familie Heimberger eine gute Bewirtung erfolgen ließ, wurden noch herzliche Worte gewechselt von dem Vorstande der dortigen Gemeinde und den Lehrern zum Wohle der Familie. Mit den besten Eindrücken verlief das Fest für den Geehrten der Ehrenden. 
Am Geburtstage selbst wurden Herrn Heimberger zahlreiche Beweise der Liebe und Freundschaft gebracht. Im Auftrage des Großherzoglichen Oberrats der Israeliten überbrachte Herr Rabbiner Dr. Pinkuß persönlich ein Gratulationsschreiben und ein Geldgeschenk von hundert Mark."    

     
     
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen 
Jacob Baer sucht eine Stelle für ein Mädchen aus der Gemeinde (1887)   

Reilingen Israelit 11071887.jpg (52139 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Juli 1887: "Für ein israelitisches Mädchen aus achtbarer Familie, welches seine Lehrzeit in einem Glas, Porzellan-, Kurz-, Galanterie- und Spielwarengeschäft beendet, wird in einem ähnlichen Geschäft, am liebsten in Süddeutschland, eine Stelle als Verkäuferin gesucht. 
Gefällige Anfragen wolle man an Jacob Baer in Reilingen (Baden) richten."

     
     
     
 
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge        
   
Anfang des 19. Jahrhunderts wird erstmals ein Betsaal beziehungsweise eine Synagoge genannt. Um 1812 brannte es in der Synagoge, wobei mindestens eine Torarolle verbrannt ist. Der damalige Lehrer und Vorsänger war Lazarus Bär. Bis 1841 war der Betsaal im Haus des Jakob Levi in der Wörschgasse (frühere Judengasse; erstes Haus auf der linken Straßenseite) untergebracht. Um 1830 war dieser Betsaal zu eng und das Gebäude baufällig. Es wurde einige Zeit später (nach 1840) abgebrochen (hier ist heute ein Parkplatz). 
      
Zur Finanzierung eines neuen Bethauses wurde 1831 ein Synagogenbauverein gegründet. Die Mitglieder verpflichteten sich zu regelmäßigen Zahlungen, die einem Fonds zugeflossen sind. 1839 war so viel Geld zusammengekommen, dass man an den Bau der Synagoge gehen konnte. 1839/40 wurde sie nach Plänen des Mannheimer Bezirksbaumeisters Friedrich Dyckerhoff (Schüler von Friedrich Weinbrenner) in der Hockenheimer Straße 18 erbaut. Die Bauarbeiten mussten mehrmals ausgeschrieben werden, um möglichst günstige Angebote der Handwerker zu bekommen. Ein jüdischer Maurer namens Raphael Mayer übernahm die Maurerarbeiten einschließlich des rituellen Bades und der "gepflasterten Kandel" für 2.400 Gulden. Die Synagoge wurde laut Plan des Bezirksbaumeisters gebaut. Lediglich  statt der breiten Speicherfenster sollte im vorderen Giebel ein dreifach gekoppeltes Fenster oder ein Rundbogenfenster angebracht werden. Offensichtlich einigte man sich auf das Dreifach-Fenster, das noch heute im Giebel erhalten ist. Auch die jüdische Schule war in dem Gebäude untergebracht.   
   
Die Einweihung der Synagoge war am 13. November 1840 (17. Cheschwan 5601) durch Bezirksrabbiner Salomon Fürst aus Heidelberg. Aus dem nebenstehenden Artikel geht hervor, dass anlässlich der Einweihung eine (aus diesem Anlass übliche) Prozession (mit den Torarollen) vom bisherigen Betsaal in die neue Synagoge stattgefunden hat. Offenbar gab es damals auch einen Synagogenchor unter Leitung des Schullehrers Aron Bessels.  

Reilingen IsraelitAnnalen 19021841.jpg (75654 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Israelitische Annalen": 19. Februar 1841: Literatur. Vorträge bei der Einweihung der neuen Synagoge zu Reilingen, gehalten am 13. November 1840. Von S. Fürst, Großherzoglich Badischer Bezirksrabbiner zu Heidelberg. (Das. bei Groos.) 
Mit einem herzlichen Vorworte, worin der schönr Eifer des dortigen Schullehrers Aron Bessels in Förderung des Choralgesanges gerühmt wird, werden diese Vorträge eingeführt, deren einer das Verlassen des alten Gebäudes, der andere die Einweihung des neuen feiert. Wir bedauern, dass wir diese Rede erst so spät lesen konnten, und machen alle unsere jungen Theologen auf diese salbungsreichen, kräftigen Predigten aufmerksam, die ebenso populär als gefühlvoll ausgedrückt, jeden Kenner ansprechen müssen, auch einen erfreulichen Beweis von dem Streben des Verfassers darbieten."
 
Reilingen AZJ 24041841.jpg (106115 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. April 1841: "Vorträge bei der Einweihung der neuen Synagoge zu Reilingen, von S. Fürst, Großherzoglich Badischer Bezirksrabbiner zu Heidelberg. Preis geh. 3 1/2 Ngr. = 3 gGr. = 15 Kr.  Folgendes Urteil eines kompetenten Richters findet sich über diese Vorträge in den Israelitischen Annalegen dieses Jahres No. 8 von Herrn Dr. J. M. Jost in Frankfurt am Main.:   es wird obiger Artikel zitiert."

Nach ihrer Fertigstellung erfüllte die Synagoge ihren Zweck zur Zufriedenheit der Gemeinde. Einige Jahre nach der Fertigstellung musste noch ein Ofen für das rituelle Bad angeschafft werden. 1873 wurden vor der Synagoge zwei junge Linden zur Erinnerung an den siegreichen Frankreichfeldzug 1870/71 gepflanzt. Auch ein jüdischer Soldat aus Reilingen - Wolf Liebmann - war als Soldat dabei gewesen.   
  
Bereits um 1910 hatte die kleiner gewordene Gemeinde Schwierigkeiten, die für den Gottesdienst nötigen 10 Männer zu sammeln. 1929 wurde das Gebäude verkauft und zu einem Wohnhaus umgebaut (zeitweise mit einem Friseurgeschäft und bis 1960 einem Volksbad). Die Kultgegenstände wurden dem Israelitischen Oberrat in Karlsruhe übergeben. 
    
Bis heute erinnern die neuromanischen Formelemente an der Fassade des Gebäudes an die frühere Geschichte des Hauses. Seit 1984 befindet sich zudem eine Hinweistafel am Gebäude. Ein Tora-Vorhang aus der Synagoge, der 1936 von Rechtsanwalt R. Weill aus Karlsruhe nach Israel gebracht wurde, wird in der Synagoge von Kfar Schemarjahu (nördlich von Tel Aviv) in einer Vitrine aufbewahrt. Dieser Tora-Vorhang war 1880 von einer oder mehreren Frauen aus Reilingen gestickt und vor dem Tora-Schrein aufgehängt worden. Nachdem er seit 1936 zum Schmuck des Toraschreines in der Synagoge von Kfar Schemarjahu verwendet wurde, kam er aus Altersgründen zunächst in das Israel Museum in Jerusalem, von dort wieder zurück in eine Vitrine der Synagoge Kfar Schemarjahu.   
  
  
  
Fotos
Historische Fotos 
(Quelle: Stadt Reilingen; Foto von 1925 Quelle: hier anklicken):

Reilingen Synagoge 101.jpg (110407 Byte) Relingen Synagoge 111.jpg (41345 Byte) Reilingen Synagoge 100.jpg (74917 Byte)
Postkarte von 1904 - Ausschnitts-
vergrößerung mit Synagoge links 
Die Synagoge - 
Fotografie um 1925 
Aufnahme der zu einem Wohnhaus
 umgebauten Synagoge, ca. 1938 

    
Fotos nach 1945/Gegenwart:  

Fotos um 1985
(Fotos: Hahn) 
Reilingen Synagoge 001.jpg (55152 Byte) Reilingen Synagoge 002.jpg (120834 Byte)
  In der Hockenheimer Strasse überragt 
die Synagoge bis heute 
die Nachbarhäuser 
Ansicht von Westen mit den noch
 erhaltenen neuromanischen
 Formelementen
     
Reilingen Synagoge 003.jpg (108319 Byte) Reilingen Synagoge 004.jpg (100623 Byte) Reilingen Synagoge 005.jpg (74600 Byte) 
      Toravorhang aus Reilingen, 1880 von
 Reilinger Frauen gestickt, jetzt in Kfar
 Schemarjahu/Israel
        
Fotos 2003
(Fotos: Hahn) 
Reilingen Synagoge 150.jpg (60622 Byte) Reilingen Synagoge 151.jpg (68331 Byte)
  Straßenseite der ehemaligen Synagoge 
   
Reilingen Synagoge 152.jpg (53328 Byte) Reilingen Synagoge 153.jpg (46935 Byte)
     

   
   
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte 

März 2012: Presseartikel über die Geschichte des Synagogengebäudes  
Artikel von Gisela Jahn in der "Schwetzinger Zeitung" vom März 2012: "Serie 'Alte Häuser und ihre Geschichten' (4): Hockenheimer Straße 18 beherbergte von 1836 bis 1927 die Synagoge. Zeugnis jüdischer Geschichte.  
Reilingen. Es ist noch immer ein schmuckes Gebäude, die ehemalige jüdische Synagoge in Reilingen in der Hockenheimer Straße 18. Von Autofahrern wird es kaum bemerkt, weil dort ein hohes Verkehrsaufkommen den Blick hinauf zu dem dreifach gekoppelten Fenster und den neuromanischen Formelementen an der Fassade des Gebäudes kaum zulässt. Das Haus hat eine wechselvolle Geschichte..."   
Link zum Artikel    
   

     

Links und Literatur 

Links: 

Website der Gemeinde Reilingen     

Literatur: 

Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 246-247.  
Bildband 700 Jahre Reilingen. 1984.  
Philipp Bickle: Aus der Geschichte der Reilinger Juden, in: Ortschronik Reilingen. 1986. S. 361-368.  
Hans Huth: Die Kunstdenkmäler des Landkreises Mannheim, in: Die Kunstdenkmäler Badens X,3. 1967. S. 310. 
Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern - Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem 1986. S. 495-496.  
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007. 

Synagogen Lit 201305.jpg (108213 Byte)Christiane Twiehaus: Synagogen im Großherzogtum Baden (1806-1918). Eine Untersuchung zu ihrer Rezeption in den öffentlichen Medien. Rehe: Schriften der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg. Universitätsverlag Winter Heidelberg 2012. 
Zur Synagoge in Reilingen: S. 56-58.    

      
        


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.  

Reilingen  Baden. The first Jews settled in the 18th century, erecting a synagogue in 1840. The community reached a peak population of 112 in 1871, dropping to 42 in 1900 (total 2,349) after the exodus of the young. In 1933, the Jewish population was 11, with Jews owning two textile stores and a cigarette factory. Four perished in the camps after 1940; a few managed to reach the U.S.  
  
    

                   
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Stand: 09. Oktober 2013