Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Unterdeufstetten (Gemeinde Fichtenau, Landkreis Schwäbisch Hall) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge 

Übersicht:   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Berichte aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Anzeigen und Dokumente jüdischer Gewerbebetriebe und sonstige Anzeigen    
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen    
Links und Literatur   

     

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde       
   
In dem bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ehemaligen Rittergut Unterdeufstetten bestand eine jüdische Gemeinde bis 1912. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. 1713 wurden die ersten jüdischen Familien am Ort im Bereich der alten Ziegelei ("Ziegelhütte") aufgenommen. Die höchste Zahl jüdischer Einwohner dürfte im 18. Jahrhundert um 1730 mit etwa 25 jüdischen Haushaltungen erreicht wurden sein (1761 15 Haushaltungen). 
  
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1822 33 jüdische Einwohner, 1826 53, 1838 50, 1844 43, 1846 47, 1858 Höchstzahl im 19. Jahrhundert mit 65 jüdischen Einwohnern, 1864 56, 1871 46, 1875 41, 1880 37, 1890 46, 1895 48, 1900 46, 1905 29, 1910 11.   
  
Seit 1832 war die jüdische Gemeinde Unterdeufstetten, die als ärmste jüdische Gemeinde in ganz Württemberg galt, Filialgemeinde zu Crailsheim
  
Die meisten Familien lebten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom Lumpensammeln, von kleinen Tauschgeschäften oder vom Bettel. Nachdem die Zahl der jüdischen Einwohner bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückging, wanderten die letzten von ihnen nach dem Ersten Weltkrieg ab. 
  
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule und ein rituelles Bad. Die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof in Schopfloch beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. Ausschreibungen der Stelle unten). Als Lehrer waren zwischen 1838 und 1869 tätig: Hermann Schlesinger von Hochberg (1838 bis 1839 Lehrer in Unterdeufstetten, siehe Seite zu Mergentheim), Jakob Kuhn von Gerabronn, M. Schönmann, Moritz Einstein, Karl Kahn von Nordstetten (war um 1850 Lehrer in Gerabronn, danach in Unterdeufstetten, ab 1854 in Mühlen am Neckar usw.), Lämlein Stern aus Bieringen, Leopold (Moses) Rosenthaler von Bonfeld (war bis 1849 Lehrer in Unterschwandorf, dann kurzzeitig Rottweil, danach wohl in Unterdeufstetten), Jesaias Hilb aus Haigerloch (1863 Lehrer in Unterdeufstetten, dann in Oberdorf), Moses Falk von Braunsbach, Lazarus Bernheim von Laupheim (war 1863 bis 1865 Lehrer in Hohebach, danach in Unterdeufstetten, seit 1867 Lehrer in Buchau), Isidor Neumann von Lübben bei Berlin, Maier Rosenthal aus Oberlauringen.    
  
Bei den Volkszählungen 1925 und 1933 wurden keine jüdischen Einwohner mehr am Ort festgestellt.      
   
Von den in Unterdeufstetten geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Rosa Berlinger (1850), Sally Birk geb. Weinberger (1900), Ida Einstein geb. Schlossberger (1890), Isaak Künzelsauer (1895), Siegfried Schlossberger (1887), Siegmund Schlossberger (1860), Paulina Stengel geb. Berlinger (1854).
    
    
    
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1867 / 1874  1876 / 1901 / 1904  

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 29. Oktober 1867:     
  
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. Dezember 1874:     
 
Unterdeufstetten AZJ 01041876.jpg (99637 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. April 1876: "Unterdeufstetten. Oberamt Crailsheim, Württemberg, den 26. März 1876. Da unser bisheriger Lehrer nach der größeren israelitischen Gemeinde Pflaumloch berufen worden, so ist die hiesige Stelle als Religionslehrer, Kantor und Schächter sofort wieder zu besetzen. Fester Gehalt 550 Mark nebst üblichen Emolumenten, freier Wohnung und Heizung. Das Schächteramt wird extra bezahlt und dürfte mehr als 100 Mark abwerfen. 
Da nur einige Schüler vorhanden sind, so könnte in der eine Stunde von hier entfernten bayerischen Stadt Dinkelsbühl durch Privat-Religionsunterricht noch ein schöner Nebenverdienst erzielt werden. Geeignete Bewerber, welche sich über ihre Fähigkeiten und religiös-sittliches Betragen auszuweisen vermögen und bei unserem Bezirksrabbiner in Religionsfächern und Schächterfunktion einer Prüfung unterwerfen können, haben Aussicht, wie schon mehrere Vorgänger, eine bleibende Stätte und ihr Glück in Württemberg zu finden. Hierauf Reflektierende wollen sich unter Vorlegung ihrer Zeugnisse direkt wenden an den 
israelitischen Vorstand Ballenberger."  
    
Unterdeufstetten Israelit 10051876.jpg (122856 Byte)Dieselbe Anzeige erschien am 10. Mai 1876 in der orthodox-jüdischen Zeitschrift "Der Israelit".  
   
Nach dem Tod der Lehrers Samuel W. Eppstein (s.u.) suchte die Gemeinde Unterdeufstetten noch einmal einen Nachfolger auf die Stelle:   
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Mai 1901: "Lehrerstelle vakant. Durch Ableben unseres bisherigen Lehrers, welcher 20 Jahre hier wirkte, ist die hiesige Religionslehrer-, vorbeter- und Schächterstelle sofort zu besetzen. Fixer Gehalt Mark 550, Nebeneinkommen ca. Mark 400 nebst freier Wohnung und Holz. Inländer und Unverheiratete sind bevorzugt. Offerten sind zu richten an 
Anwalt Levi,
Unterdeufstetten, Württemberg."   
 
Unterdeufstetten Israelit 10101904.jpg (80947 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Oktober 1904
"Lehrer-Gesuch!  
Die hiesige israelitische Gemeinde sucht per 15. Oktober, eventuell 1. November dieses Jahres einen seminaristisch gebildeten Lehrer, der zugleich das Vorsänger- und Schächteramt mit zu übernehmen hat. Fixumgehalt beträgt Mark 800 nebst freier Wohnung und Mark 50 Holzentschädigung. Nebenverdienst beläuft sich inklusive Schechita auf circa Mark 400. Offerten sieht entgegen 
Vorstand Levi, Unterdeufstetten
(Württemberg)." 

     
Lehrer Samuel W. Eppstein empfiehlt sich als Sofer (Toraschreiber usw.) (1885)  

Unterdeufstetten Israelit 19111885.jpg (75103 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. November 1885: "Hierbei erlaube mir die ergebene Anzeige zu machen, dass ich den Beruf meines seligen Vaters, Simon Eppstein - seligen Andenkens - als Sofer, wie bisher fortführe und sehe ich gefälligen Aufträgen in Torarollen, Tefillin, Mesusot, Wimpeln malen usw. entgegen. Alle Reparaturen in diesen Arbeiten werden gewissenhaft, pünktlich und baldmöglichst besorgt. 
Zeugnisse von orthodoxen Rabbinen können auf Wunsch vorgelegt werden. 
Samuel W. Eppstein, Lehrer, 
Unterdeufstetten bei Crailsheim Württemberg).

  
Anzeigen von Lehrer Samuel W. Eppstein (1900)
   

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Juli 1900: 
"Anfrage
Welches Geschäft, das Schabbat und Feiertag geschlossen ist, nimmt einen jungen Mann, ohne Vermögen, der Lust zum Kaufmannstande hat, in die Lehre? Ein etwas längere Lehrzeit würde gerne zugegeben. Gefällige Offerten sieht entgegen 
Lehrer Eppstein

Unterdeufstetten, Württemberg."       
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. November 1900: "Suche 
per sofort eine alleinstehende Witwe, eine ältere, zuverlässige Person als Haushälterin
Gute Behandlung wird zugesichert. Offerten mit Lohnansprüchen sieht entgegen 
Lehrer Eppstein, Unterdeufstetten, Württemberg."  

  
Zum Tod von Lehrer Samuel W. Eppstein (1901)
   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Mai 1901: "Unterdeufstetten. Am 6. Nissan starb hierselbst der Lehrer S. W. Eppstein im Alter von 40 Jahren, von seiner Gemeinde und seinen Kollegen tief betrauert. Derselbe versah sein Amt mit der größten Gewissenhaftigkeit, die ihm die Liebe und Hochachtung seiner Gemeinde erwarb."  

 
Mit dem Tod des Lehrers Samuel W. Eppstein in Unterdeufstetten starb der damals einzige "Sofer" Württembergs (1902)  

Unterdeufstetten Israelit 12051902.jpg (39339 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Mai 1902: "Aus Württemberg. Vor ungefähr einem Jahre verschied in Unterdeufstetten bei Crailsheim der einzige Sofer in Württemberg, Lehrer Eppstein, dessen Heimgang allgemein betrauert wurde. Es dürfte deshalb an dieser Stelle berichtet werden, dass zur Zeit in Württemberg kein Sofer ist. Es wäre darum einem strebsamen Manne Gelegenheit geboten, sich hierzulande (am geeignetsten im Jagstkreise) ansässig zu machen. Die Unterstützung des Herrn Kirchenrats Dr. Kroner, der gesetzestreuen Rabbiner und der gleichgesinnten Lehrer dürfte derselbe sicher sein." 

   
   
Berichte aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben  
  
Über "Die Judenfrauen von Deufstetten" (Artikel von 1932)   
Anmerkung: Beitrag über den christlichen Lehrer Johannes Lämmerer (1783-1831, seit 1807 Lehrer in Unterdeufstetten), dessen Frau 1817 an der Ruhr erkrankte; er erfuhr Hilfe von drei jüdischen Frauen am Ort, die er in einem Gedicht erwähnte.       

Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. August 1932:                          

 
50-jähriges Jubiläum des Wohltätigkeits-Vereins (1891)
   

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. November 1891: "Unterdeufstetten, 1. November (1891). Am Samstag, den 24. Oktober feierte die hiesige kleine israelitische Gemeinde das 50-jährige Jubiläum ihres Wohltätigkeits-Vereins. Ein Festgottesdienst, bestehend in Gesang, Gebet und Festrede, wurde in der schön dekorierten Synagoge abgehalten. Abends, als Vorabend des Freudenfestes, war im Walter'schen Saale, welcher voll besetzt war, musikalische Unterhaltung in Abwechslung von Toasten, Reden und Tanzbelustigung. Die christlichen Mitbürger beider Konfessionen nahmen lebhaften Anteil. Die Herren Lehrer, Schultheiß, selbst der katholische Pfarrer und Vikar beehrten uns. Herr Ober-Amtmann Kilbel und andere gratulierten schriftlich."  

       
       
Berichte zu einzelnen Personen der Gemeinde 
Zum Tod von Wolf Massenbacher und Ernestina Ballenberger (1856)   

Unterdeufstetten AZJ 21071856.jpg (490328 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. Juli 1856:  "Württemberg. Deufstetten. Oberamt Crailsheim, den 25. Juni 1856. Nekrolog. Aus unserer kleinen Gemeinde haben wir als einen sehr seltenen Fall, innerhalb drei Wochen leider zwei Todesfälle zu beklagen. Gestern begleiteten die Mitglieder des hiesigen israelitischen Wohltätigkeits-Vereins (ganze Gemeinde) statutengemäß den 70jährigen Wolf Massenbacher von hier nach dem zwei Stunden entfernten Friedhofe nach Schopfloch, wo schon seit Jahrhunderten unsere Ahnen ruhen. Wenn nun dieser Fall nur insofern ein trauriger zu nennen ist, dass niemand der Angehörigen des Verstorbenen anwesend war, dass seine zwei eigenen Kinder, Sohn und Tochter, in Amerika sich befinden und der Schwiegersohn 

    
    
Anzeigen und Dokumente jüdischer Gewerbebetriebe und sonstige Anzeigen 

Rechnung von D. Ballenberger (1881;
aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries)  

Unterdeufstetten Dok 06.jpg (60277 Byte)Die Rechnung wurde am 27. März 1881 ausgefertigt. 

  
Ausschreibung der Distrikts-Arzt-Stelle (1883)  

Unterdeufstetten AZJ 21081883.jpg (48138 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. August 1883: "Unterdeufstetten, Oberamt Crailsheim (Württemberg). Erledigte Distrikts-Arzt-Stelle.  
Die Distrikts-Arzt-Stelle in Unterdeufstetten mit einem Wartgeld von ca. 500 Mark ist erledigt und soll wieder besetzt werden.
Unterdeufstetten mit ca. 1500 Einwohnern hat Post und Telegraphen und sind auf den Arzt noch weitere 4 umliegende Schultheißerei-Gemeinden angewiesen, sodass der Distrikt lohnende Praxis in Aussicht stellt. 
Bewerbungen wollen binnen 14 Tagen eingereicht werden, und ist Schultheiß Bauer hier zu jeder weiteren Auskunft gerne bereit.  
Unterdeufstetten, den 5. August 1993. Der Gemeinderat."    

  
Alexander Maier sucht eine Stelle für seine Tochter (1890)  

Unterdeufstetten Israelit 24071890.jpg (44537 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Juli 1890: "ich erlaube mir hierbei anzuzeigen, das meine Tochter, die sowohl im Kochen, als in allen andern häuslichen Arbeiten sehr tüchtig ist, die Stellen als Pflegerin, wie meine selige Frau, übernimmt, und sieht dieselbe gefälligen Anträgen entgegen.  
Alexander Maier,
Unterdeufstetten bei Crailsheim."     

  
Anzeigen des Manufakturwarengeschäftes Wolf Maier, Inhaber M. Eppstein (1901 / 1904)  

Unterdeufstetten Israelit 01081901.jpg (73925 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. August 1901: "Commis-Gesuch. 
Für mein gemischtes Warengeschäft Endetail, hauptsächliche Manufakturwaren, suche längstens per 1. September dieses Jahres fürs Hausgeschäft zuverlässigen, tüchtigen Verkäufer, der solchen Posten in Detail-Geschäft mit Landkundschaft bereits bekleidet hat. Samstags und Feiertage streng geschlossen. Freie Station im Hause. Offerten mit Gehaltsanspruch und Referenzenangabe erbeten an 
Wolf Maier, 
Inhaber M. Eppstein, Unterdeufstetten, Württemberg."        
  
Unterdeufstetten Israelit 04081904.jpg (55646 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. August 1904
"Für mein gemischtes Warengeschäft, hauptsächlich Manufakturwaren, suche per 1. Oktober einen tüchtigen 
jungen Mann 
für Laden und kleinere Landtouren. Schabbos und Jomtof (Feiertag) streng geschlossen. 
M. Eppstein, U.-Deufstetten (Württemberg)."       

  
  
  
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge              
   
Die 1713/14 aufgenommen Familien wohnten in der Ziegelhütte, wo sie sich alsbald eine Synagoge eingerichtet hatten, die sie auf eigene Kosten unterhielten. Für die Erlaubnis, Gottesdienst zu halten, musste die Judenschaft nach der Jahresrechnung der Gutsherrschaft von 1730/31 jährlich am jüdischen Neujahrstag 2 Gulden zahlen. Der Gemeindevorsteher war um 1731 Abraham Eppstein. Als die jüdischen Familien einen Schulmeister anstellen wollten, erklärte Eppstein sich bereit, den neuen Lehrer zwei Jahre lang kostenlos zu beherbergen, wenn seine beiden Söhne von Abgaben in der Synagoge befreit würden und ihre Sitze kostenfrei behalten dürften. In den folgenden Jahren werden mehrere jüdische Schulmeister in Unterdeufstetten genannt. Um 1750 fungierte als solcher der als Rabbiner bezeichnete Hirsch Levi.  
       
1755 wurde die Ziegelhütte auf Grund ihres "liederlichen und baufälligen" Zustandes abgebrochen. Dafür wurden für die jüdischen Familien zwei neue Judenhäuser mit je sechs Wohnungen erbaut. Im oberen Stockwerk eines der beiden Häuser blieb eine Wohnung leer, in der man einen Betsaal einrichtete. Bis 1765 hatten die jüdischen Familien Miete für diese Häuser zu bezahlen, danach wurden sie ihnen von der Ortsherrschaft einschließlich dem vor den Häusern stehenden Schlachthaus mit der Backküche und dem Judenbad geschenkt. Bei einem Umbau der Häuser 1765 wurde der Betsaal aufgelöst und für diesen drei Kammern eingerichtet. Die jüdische Gemeinde und die Ortsherrschaft bemühten sich, Kapital für den Bau einer Synagoge zu beschaffen. Bettelbriefe wurden an verschiedene kapitalkräftige Hoffaktoren geschickt, worauf mehrere Spenden eintrafen, mit denen man die Schulden für die damals bereits gebaute Synagoge erheblich reduzieren konnte. 
       
Diese neue Synagoge hatte nach einem Vertrag mit der Judenschaft Joseph Eichmann gebaut. Die Kosten beliefen sich nach Fertigstellung des Gebäudes Ende Juli 1765 auf 414 Gulden. Die Plätze in der Synagoge wurden zugunsten der Gemeinde in bestimmten Abständen meistbietend versteigert. Auf Grund innerer Spannungen in der Gemeinde und durch hohe Schulden der zumeist in armen Verhältnissen lebenden jüdischen Familien schrumpfte die jüdische Gemeinde bis 1775 auf vier Haushalte, da viele ein besseres Auskommen an anderen Orten erhofften. Damals waren freilich noch 227 Gulden an Kapitalschulden und Zinsen aus dem Synagogenbau vorhanden. Es blieb nichts anderes übrig, als die Synagoge am 1. Oktober 1777 mit allem Inventar außer den kultischen Gegenständen und drei Messingleuchtern an zwei Christen für 140 Gulden zu verkaufen.  
      
Bis um 1785 waren wieder einige jüdische Familien zugezogen, sodass sogar wieder ein Schulmeister, Vorsänger und Schächter aufgenommen werden konnte. Damals war offensichtlich auch wieder ein Betsaal in einem der jüdischen Häuser vorhanden. Von der Herrschaft waren zwei Juden deshalb in den Schutz aufgenommen worden, damit die Beterzahl am Schabbat verstärkt wurde.
       
Nachdem 1832 Unterdeufstetten Filialgemeinde zu Crailsheim geworden war, durfte nach den neuen Bestimmungen kein öffentlicher jüdischer Gottesdienst mehr in der Gemeinde abgehalten werden. Nur noch Privatandachten waren offiziell erlaubt. Dies war freilich ein unhaltbarer Zustand, da Crailsheim vier Stunden von Unterdeufstetten entfernt war. Anlässlich einer Visitation schlug der Braunsbacher Rabbiner 1837 vor, dass in Unterdeufstetten wieder ein regelmäßiger Gottesdienst stattfinden und auch ein geprüfter Lehrer angestellt werden solle. Dem wurde von Seiten der Israelitischen Oberkirchenbehörde und dem Ministerium des Inneren noch im selben Jahr zugestimmt. Einige Jahre später wurde von Seiten der Behörden der Bau einer Synagoge in Unterdeufstetten angeregt. Die Gottesdienste wurden bis dahin in einer "erbärmlichen Dachstube" abgehalten. Man wollte der Gemeinde helfen, von der es hieß, dass es "eine unglücklichere Gemeinde im ganzen Land nicht mehr gibt". 
      
1848/49 wurde die neue Synagoge unter dem Vorsänger und Lehrer Ludwig Stern erbaut. Die Kosten beliefen sich auf 2.591 Gulden. Spenden aus dem ganzen Land in Höhe von 350 Gulden waren eingegangen. Dazu hoffte noch auf einen Betrag von Bankier Rothschild aus Frankfurt, der freilich bis Sommer 1850 noch nicht eingegangen war. Von staatlicher Seite wurde ein Beitrag in Höhe von 300 Gulden bewilligt. Dennoch blieben nach der letzten Abrechnung 1.300 Gulden Schulden. Da die Gemeinde so arm war, dass sie nicht einmal für die jährlichen Zinsen dieses Betrages aufkommen konnte, wurde eine weitere Kollekte in Württemberg veranstaltet. Über die Einweihung der Synagoge am 10. August 1849 liegt folgender Pressebericht vor:  

Unterdeufstetten AZJ 03091849.jpg (179492 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. September 1849: "Deustetten (für Unterdeufstetten; Württemberg), 12. August (1849). [Es ist uns nicht möglich, den ausführlichen Bericht aufzunehmen, und müssen wir uns mit einem kurzen Referat begnügen. Redakt.] Was ein geordneter Zustand, was eine tüchtig wirkende Oberinstanz zu schaffen vermag, das hat die hiesige kleine, aus circa 50 Seelen bestehende Gemeinde erfahren. Aus meist armen, hier sich zusammengefundenen Mitgliedern bestehend, war sie vor 12 Jahren noch ein Bild der Verwahrlosung. Da brachte der damalige Bezirksrabbiner Dr. Frankfurter den ersten, seminaristisch gebildeten Lehrer hierher, und die israelitische Oberkirchenbehörde verwilligte einen jährlichen Zuschuss von 100 Gulden aus der Zentralkasse. Von der Zeit an ging die Gemeinde Schritt vor Schritt vorwärts, und gedieh sichtlich, sodass sie an Schule und Synagoge wuchs, bis es endlich gelang, mit den größten Opfern eine neue, geschmackvolle Synagoge zu erbauten, die am 10. August mit vieler Feierlichkeit eingeweiht wurde. Unter der Anwohnung der Behörden und Geistlichen aller Konfessionen geschah die Einweihung auf verherrlichende Weise, die durch die Reden des Bezirksrabbiners Dr. Hirsch und des sehr verdienten Lehrers Stern gehoben wurde. letzterem ward als Anerkennung ein silberner Pokal überreicht. Wir haben jetzt einen geregelten Gottesdienst, Chorgesang, eine schöne Synagoge, eine blühende Schule, Wohltätigkeitsvereine, und - wenn auch Schulden, hoffen wir doch bei der Eintracht, die unter uns heimisch ist, sie mit der Zeit abzutragen. Ja, diese kleine Gemeinde kann vielen und großen zum Muster dienen, und - frage man, wo ist noch eine Religionspartei, die in einer Gemeinde von 12 Familien Solches zu leisten vermag?"   

Seit den 1860er-Jahren ging die Zahl der jüdischen Einwohner durch Abwanderung stark zurück. Am 20. November 1891 wird in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" berichtet (siehe Artikel links), dass am 24. Oktober 1891 ein "Festgottesdienst, bestehend in Gesang, Gebet und Festrede, in der schön dekorierten Synagoge" in Unterdeufstetten abgehalten wurde. Grund war das 50jährige Jubiläum des Wohltätigkeits-Vereins der Gemeinde. An dem danach im voll besetzten "Walter’schen Saale" gefeierten Fest nahmen neben den Gemeindeglieder die Lehrer des Ortes, der Bürgermeister, der katholische Pfarrer und sein Vikar sowie christliche Mitbürger beider Konfessionen lebhaften Anteil.   

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. November 1891: "Unter-Deufstetten, 1. November 1891: "Am Samstag, de 24. Oktober feierte die hiesige kleine israelitische Gemeinde das 50jährige Jubiläum ihres Wohltätigkeits-Vereins. Ein Festgottesdienst, bestehend in Gesang, Gebet und Festrede, wurde in der schön dekorierten Synagoge angehalten. Abends, als Vorabend des Freudenfestes, war im Walter'schen Saale, welcher voll besetzt war, musikalische Unterhaltung in Abwechslung von Toasten, Reden und Tanzbelustigung. Die christlichen Mitbürge beider Konfessionen nahmen lebhaften Anteil. Die Herren Lehrer, Schultheiß, selbst der katholische Pfarrer und Vikar beehrten uns. Herr Ober-Amtmann Kilbel und andere gratulierten schriftlich." 

1910 wurde die Gemeinde Unterdeufstetten aufgelöst. Die Synagoge, das Schulhaus und das Badhaus (Gebäude 142, 130 und 125) wurden 1912 öffentlich meistbietend versteigt und erbrachten 5.516 Mark. Die Synagoge wurde bald darauf zu einem bis heute bestehenden Wohnhaus umgebaut. Die letzten jüdischen Familien haben vor 1925 den Ort verlassen.  
  
  
  
Fotos   
  
1. Alte Synagoge vor 1850/51   

Unterdeufstetten Judenhaus 01.jpg (85247 Byte)

Eines der beiden von der Ortsherrschaft im 18. Jahrhundert erbauten 
"Judenhäuser". In einem befand sich zeitweise die Synagoge
(Quelle: Taddey s. Lit. Abb. 17)  

   
 
2. Synagoge von 1850/51          

Foto um 1930  
(Quelle:
 Jüdische Gotteshäuser... 1932)  
Unterdeufstetten Synagoge 001.jpg (91105 Byte)
  Als das obige Foto um 1930 entstand, war die ehemalige Synagoge bereits
 zu einem Wohnhaus umgebaut.  
     
Foto um 1965:
(Quelle: Sauer s. Lit. Abb. 124)
Unterdeufstetten Synagoge 010.jpg (75245 Byte)   
  Veränderungen gegenüber dem Foto um 1930 sind kaum festzustellen    
      
Fotos um 1985
(Fotos: Hahn)
Unterdeufstetten Synagoge 023.jpg (71487 Byte)  Unterdeufstetten Synagoge 022.jpg (101358 Byte) 
   Inzwischen wurde das zweite Rundfenster
 zugemauert und ein Anbau vorgesetzt 
Die ehemalige Synagoge 
von der Westseite 
      
  Unterdeufstetten Synagoge 021.jpg (64117 Byte)  Unterdeufstetten Synagoge 020.jpg (76977 Byte) 
  Die ehemalige Synagoge (Mitte) im Winter  
   
Foto 2003
(Foto: A. Winkler) 
Udeufstetten1 Kopie.jpg (36229 Byte)   
  Das Gebäude im weitgehend selben 
Zustand wie 20 Jahre zuvor
 

    
     

Links und Literatur  

Links:   

Website der Gemeinde Fichtenau   
   
Seite zu Familie Ballenberger von Rolf Hofmann: Ballenberger Family of Unterdeufstetten - display of a general family structure by Rolf Holfmann (HarburgProject) eingestellt als pdf-Datei.  
Seite zu Familie Schlossberger von Rolf Hofmann: Schlossberger Family of Wachbach + Unterdeufstetten + Ellwangen. Extract of ancestral chart - eingestellt als pdf-Datei.   

Quellen:    

Hinweis auf online einsehbare Familienregister der jüdischen Gemeinde Unterdeufstetten 
In der Website des Landesarchivs Baden-Württemberg (Hauptstaatsarchiv Stuttgart) sind die Personenstandsregister jüdischer Gemeinden in Württemberg, Baden und Hohenzollern einsehbar: https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/struktur.php?bestand=5632     
Zu Unterdeufstetten sind vorhanden:    
J 386 Bü. 598 Unterdeufstetten Geburten 1896-1908 http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-446820    
J 386 Bü. 599 Unterdeufstetten Todesfälle 1897-1904  http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-446821  
J 386 Bü. 600 Unterdeufstetten Familienbuch 1841-1893 - Eheschließungen 1896 http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-446822  

Literatur:  

Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. 1968. S. 185-186. 
Gerhard Taddey: Kein kleines Jerusalem. Geschichte der Juden im Landkreis Schwäbisch Hall. 1992. S. 183-207.  
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.    

    
     

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 25. Dezember 2015