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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Baiertal (Stadt Wiesloch, Rhein-Neckar-Kreis)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts unterschiedlichen Herrschaften
(insbesondere Deutscher Ritterorden und Kurpfalz) gehörenden Baiertal bestand
eine jüdische Gemeinde bis 1937. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18.
Jahrhunderts zurück. Bald nach 1700 kamen die ersten jüdischen
Familien in den Ort. 1716 waren drei jüdische Familien ansässig.
Die höchste Zahl jüdischer Bewohner wurde um 1850 mit 170 Personen erreicht.
Danach ging die Zahl durch Aus- und Abwanderung zurück (1900 84, 1925 31
Personen).
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge, eine jüdische
Schule (1837 bis 1868 jüdische Elementarschule) und ein rituelles Bad
(vermutlich im Gebäude der jüdischen Schule). Die Toten der Gemeinde wurden im
jüdischen Friedhof
in Wiesloch beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war
- zumindest zeitweise - ein jüdischer Lehrer angestellt, der auch als Vorbeter
und Schochet tätig war (vgl. Ausschreibungen der Stelle unten). Die Gemeinde
gehörte (seit 1827) zum Bezirksrabbinat Heidelberg.
Im Krieg 1870/71 und im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen
Gemeinde insgesamt drei Männer; im Ersten Weltkrieg war es Gefreiter Leopold
Marx (geb. 4.9.1897 in Baiertal, gef. 24.10.1917). Ihre Namen stehen auf den
Gefallenendenkmalen auf dem Ortsfriedhof. Im Ersten Weltkrieg sind außerdem
gefallen: Heinrich Kaufmann (geb. 19.2.1891 in Baiertal, vor 1914 in Mannheim
wohnhaft, gef. 31.7.1916) und Nathan Kaufmann (geb. 13.1.1881 in Baiertal, vor
1914 in Mannheim wohnhaft, gef. 31.7.1916).
Um 1925 war Vorsteher der Gemeinde David Gumberich. Als Lehrer der jüdischen
Kinder (noch zwei besuchten in diesem Jahr der Religionsunterricht) kam A. Simon
aus Wiesloch
regelmäßig nach Baiertal.
Bis nach 1933 gehörten jüdischen Personen/Familien insbesondere folgende Handels-
und Gewerbebetriebe: Tabakhandlung Nathan Gumberich (Alte Bahnhofstraße
16), Pferdehandlung Raphael Maier (Hauptstraße 8, Elternhaus von Pauline Maier
s.u.), Mehlhandlung Betty und Johanna Marx (Hauptstraße 39),
Gemischtwarenhandlung Gustav Oppenheimer (Mühlstraße 2), Zigarrenfabrik Gebr.
Wolf (Alte Bahnhofstraße 45).
1933 lebten noch 25 jüdische Personen am Ort. Beim Novemberpogrom
1938 wurden durch einen SA-Truppe jüdische Wohnungen überfallen und schwer
beschädigt. Dabei wurden u.a. die Fensterläden ausgehängt und diese durch die
Fenster in die Wohnungen geworfen, auch versuchten SA-Leute mit Äxten schlimme
Zerstörungen; Außenwände jüdischer Häuser wurden mit Kalb bespritzt; zu den
Ereignissen um die Synagoge s.u. Die letzten 14 jüdischen Einwohner wurden am
22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert.
Von den in Baiertal geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen
Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Selma Beer (1889),
Siegmund Beer (1886), Wolf Bernheim (1889), Hermine Edheimer geb. Kaufmann
(1866), Babette Feibelmann geb. Marx (1890), Robertine Flegenheimer geb.
Bernheim (1892), Lina Frank geb. Kaufmann (1892), Elsa Gumberich (1885), Nathan
Gumberich (1899), Selma Kahn geb. Marx (1886), Caesar Kaufmann (1886), Hannchen
Kaufmann geb. Stern (1893), Hedwig Kaufmann (1880), Hermann Kaufmann (1874),
Josef Kaufmann (1891), Recha Kaufmann (1883), Rosa (Rachel) Kaufmann geb. Bierig
(1887), Berta Lauchheimer geb. Bernheim (1888), Betty Maier (1870), Elise Maier
(1868), Pauline Maier (1877), Babette Marx (1892), Berta Marx geb. Aumann
(1895), Betty Marx (1883), Simon Marx (1876), Gustav Oppenheimer (1878), Julchen
Oppenheimer geb. Bruchsaler (1882), Meta Oppenheimer (1916), Sophie Salomon geb.
Kaufmann (1890), Lina Stern geb. Marx (1894), Sitta Uffenheimer geb. Kaufmann
(1893), Betty Weimar geb. Marx (1892), Ida Westheimer geb. Kaufmann (1869).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1837 / 1892 /
1894
Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den
See-Kreis" vom 27. März 1837 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen):
"An der neukonstituierten öffentlichen Schule bei der israelitischen
Gemeinde Baiertal, Amtsbezirks Wiesloch, ist die mit einem fixen Gehalte
von 175 Gilden und 1 Gulden Schulgeld für jedes Schulkind verbundene
Lehrstelle, mit welcher bei künftiger Vakatur der Vorsängerdienst
vereinigt werden wird, zu besetzen. Die Kompetenten werden daher
aufgefordert, unter Anfügung ihrer Rezeptionsscheine und der Zeugnisse
über ihren sittlichen und religiösen Lebenswandel nach Maßgabe der
Verordnung vom 7. Juli 1836, Regierungsblatt Nr. 38, sich durch ihre
Bezirksschulvisitaturen bei der großherzoglichen, katholischen
Bezirksschulvisitatur Wiesloch in Balzfeld binnen vier Wochen zu
melden". |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Februar 1892:
"Auskündigung einer Religionsschulstelle. Die israelitische
Religionsschul-, Vorsänger- und Schächterstelle in Baierthal, Amts
Wiesloch, ist auf 1. März laufenden Jahres neu zu besetzen. Das Einkommen
besteht in 600 Mark Gehalt und etwa 400 Mark Gefällen. Für einen ledigen
Mann ist freie Wohnung vorhanden. Schulkandidaten belieben ihre mit
Zeugnis-Abschriften versehenen Meldungen behufs deren Übermittelung an
die Bezirks-Synagoge Heidelberg einzureichen bei dem Synagogenrat
in Baierthal." |
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| Nachdem sich auf die obige Ausschreibung
offenbar niemand geeignetes beworben hatte, wurde die Stelle mit leichter
Gehaltserhöhung nochmals ausgeschrieben: |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom vom 29. Februar 1892:
"Auskündigung einer Religionsschulstelle. Die israelitische
Religionsschul-, Vorsänger- und Schächterstelle in Baiertal, Amts
Wiesloch, ist auf 1. April laufenden Jahres neu zu besetzen. Das Einkommen
besteht in 600-700 Mark Gehalt und etwa 400 Mark Gefällen. Für einen
ledigen Mann ist freie Wohnung vorhanden.
Schulkandidaten belieben ihre mit Zeugnis-Abschriften versehenen Meldungen
behufs deren Übermittelung an die Bezirks-Synagoge Heidelberg
einzureichen bei dem
Synagogenrat in Baierthal." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Februar 1894: "Auskündigung
einer Religionsschulstelle.
Die israelitische Religionsschul-, Vorsänger- und Schächterstelle in Baiertal
bei Wiesloch, mit welcher ein fester Gehalt von 700 Mark, Nebeneinkommen
im Betrage von etwa 300 Mark und freie Wohnung für einen ledigen Mann
verbunden ist, ist auf 1. Mai laufenden Jahres neu zu besetzen.
Schulkandidaten belieben ihre mit Zeugnisabschriften belegten Meldungen
baldigst gelangen zu lassen an die
Bezirkssynagoge Heidelberg. Heidelberg, 23. Februar
1894." |
Die Lehrer- und Vorsängerstelle wird Lehrer Josef
Steinhardt von Dittigheim übertragen 1839)
Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den
See-Kreis" vom 21. Dezember 1839 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen):
"Die mit dem Vorsängerdienste vereinigte Lehrstelle an der
öffentlichen israelitischen Schule in Wangen im Seekreise wurde
dem bisherigen provisorischen Lehrer Lazarus Haarburger von da definitiv
und jene an der neukonstituierten öffentlichen israelitischen Schule in Baiertal
im Unterrheinkreise, dem Schulkandidaten Josef Steinhardt von Dittigheim
(vermutlich statt Dettigheim) übertragen". |
Landwirtschaftlicher Kursus für jüdische Lehrer
in Baiertal (1906)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 17. August 1906: "Karlsruhe, 12. August. Auf
Veranlassung des Großherzoglichen Oberrats der Israeliten fand auch in
diesem Jahre, und zwar in Beierthal (gemeint: Baiertal), ein
landwirtschaftliche Kursus statt, welcher sich auf Garten- und Obstbau
erstrecke und vom Landwirtschaftslehrer Klein von Augustenberg geleitet
wurde. An dem Kursus beteiligten sich zehn israelitische Lehrer, welchen
die durch diesen Kursus erwachsenden Kosten aus der Dukas-Stiftung
erstattet wurden. Die praktische Anleitung geschah in den von
Oberbaumzüchter Goos zur Verfügung gestellten Baumschulen. An den
Unterricht schloss sich eine gemeinsame Exkursion nach Augustenberg zum
Zwecke der Besichtigung der dortigen landwirtschaftlichen Anlagen an. Bei
einem Abschiedsschoppen wurde Herrn Klein der Dank für seine mühevolle
Arbeit in beredten Worten von den Herrn Lehrern Hahn und Ehrlich
ausgesprochen." |
Berichte
zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Zum Tod des in Baiertal geborenen Lehrer Max Meier (geb. 1833 in Baiertal, gest.
1880 in Tauberbischofsheim)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. September 1880: "Bonn, 12. September (1880). Man schreibt uns aus
Tauberbischofsheim: Am
27. August wurde unser hoch verdienter Lehrer Max Meier unter allgemeiner
Trauer zu Grabe getragen. Im Jahre 1833 in Baiertal geboren, absolvierte
er den Kursus im Lehrerseminar zu Karlsruhe, versah dann die
Religionslehrerstelle in Wiesloch, Hegenheim und
Neuchatel, bis er im
April 1860 als Lehrer und Vorsänger hierher berufen wurde, wo er sowohl
durch sein Lehrtalent, (er unterrichtete auch in modernen Sprachen usw.
und wurde sein Unterricht auch von christlichen und auswärtigen Zöglingen
gesucht,) als auch durch seinen tadellosen ehrenfesten Charakter die
allgemeinste Achtung sich erwarb. Dies erwies sich nicht allein durch die
Teilnahme an seinem Begräbnis aus allen Ständen und Konfessionen,
sondern auch durch die Fürsorge, welche die Gemeinde für seine
hinterlassene Familie – eine Mutter und eine Witwe mit 7 unmündigen
Kindern, betätigte. Die Gemeinde erwies aber dadurch nicht allein dem
Verstorbenen, sondern auch sich selbst wahrhafte Ehre." |
Über den Unfalltod des Viehhändlers Marx
(1916)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 23. Juni 1916:
"Baiertal (Baden). Ein schrecklicher Unglücksfall ereignete
sich letzten Freitag. Der noch ganz junge Viehhändler Marx wurde schon
seit zwei Tagen vermisst und nach langem Suchen fand man ihn als Leiche in
einem Bache. Eine Untersuchung wurde sofort eingeleitet. Am Sonntag wurde
er beigesetzt. Der große, imposante Leichenzug legte beredtes Zeugnis ab
von der allgemeinen Beliebtheit und Wertschätzung, die sich der
Verblichene sowohl bei Juden, wie bei Nichtjuden
erfreute." |
Über Pauline Maier (1877-1942)
Pauline Maier (1877
Baiertal - 1942 Auschwitz), seit 1922 Oberin am jüdischen Altersheim in Mannheim; nach Deportation nach Gurs 1940 bis 1942 dort als Krankenschwester tätig, ging freiwillig mit ihren Patienten 1942 nach Auschwitz. Nach ihr
sind die 'Pauline-Maier-Straße' und das Pauline-Maier-Haus benannt. In Mannheim besteht seit 1964 das Pauline-Maier-Heim (Alters- und Pflegeheim).
vgl. Wikipedia-Artikel
zu Pauline Maier.
(Quelle des Fotos: Paul Sauer: Die Schicksale der jüdischen Bürger
Baden-Württembergs während der Nationalsozialistischen Verfolgungszeit
1933-1945. Stuttgart 1969 Fotoanhang Nr. 29). |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige der Witwe von Josef Frank (1906)
Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 31. August
1906: "Als Wöchnerinnenpflegerin empfiehlt sich Josef Frank Witwe in
Baiertal bei Heidelberg, Baden." |
Anzeige von Thekla Kaufmann (1912)
Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 13. Dezember 1912:
"Geprüfte Wochenpflegerin
übernimmt per sofort oder später Pflege, eventuell auch Krankenpflege.
Offerten an
Thekla Kaufmann. Baiertal bei Wiesloch." |
Zur Geschichte des Betsaals / der Synagoge
Zunächst war ein Betsaal
in einem jüdischen Wohnhaus im Unterdorf vorhanden (1740 erstmals genannt).
Als 1804 der Baiertaler jüdischen Gemeinde der Bau einer Synagoge
gestattet wurde, ist diese kurz darauf erbaut worden (Standort: heutiger
"Synagogenplatz", Ecke Mühlstraße /Pauline-Maier-Straße). Lange
hatte die Gemeinde an den Schulden für den Synagogenbau zu bezahlen. 1833 lag
noch eine Hypothekenlast auf dem Gebäude in Höhe von 1.000 Gulden. 1839 wurde
an der Nordseite der Synagoge in einem kleineren Gebäude die jüdische
Schule eingerichtet. Das Gebäude, in dem es oft sehr feucht war, eignete
sich freilich wenig als Schulhaus. Doch wurde erst 1864 in der Vorhalle der
Synagoge ein Klassenzimmer eingerichtet. Bis 1868 bestand die jüdische
Konfessionsschule. Ein besonderes Fest für die Gemeinde war die
Einbringung einer restaurierten älteren Torarolle in die Synagoge im August
1887:
Einbringung einer restaurierten Torarolle
(1887)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. August 1887: "Baiertal
in Baden. 20. August (1887). Ein seltenes Fest, das am vergangenen Schabbat (Paraschat
Re'e) in unserer Gemeinde stattfand, verdient wohl auch in weiteren Kreisen
bekannt zu werden. Vor 52 Jahren hat der hiesige Verein Gemilus Chassadim
unserer Synagoge eine neue Sefer HaTora (Torarolle) gespendet, im Laufe der Zeit
wurde solche einer namhaften Ausbesserung bedürftig. Am vergangenen Schabbat
konnte nun dieselbe wiederhergestellt ihrer Bestimmung zugeführt werden, was in
recht feierlicher Weise ausgeführt wurde. In feierlichem Zuge unter
wohlgeordneter Voranschreitung der Schuljugend wurde die festlich geschmückte
Torarolle von dem noch einzig lebenden der Spender derselben vom Hause des Gemeindevorstandes
nach der festlich dekorierten Synagoge getragen, wo die ältesten
Gemeindemitglieder mit den übrigen Torarollen zum Empfang aufgestellt waren, es
wurde der Vers Baruch HaBa ("gesegnet, der da kommt") in
feierlichster Melodie 3 mal abgesungen, wobei man auf allen Gesichtern Tränen
der Freude und Rührung bemerken konnte; als hierauf die andern Torarollen in
die Lade gestellt wurden, trug unser Lehrer H. Karrasch ein von ihm hierzu
verfasstes deutsches Begrüßungsgedicht vor. Nachher wurde auch die nun
hergestellte Torarolle in die Lage gestellt und es folgte (das Gebet) Jigdal
vom Vorbeter und der ganzen Gemeinde gesungen, wie auch Rezitation verschiedener
Psalmen. Nach dem Gottesdienst ergriff zuerst der Synagogen-Vorstand das Wort,
gedachte dankend der ehemaligen Spende dieser Torarolle und ermunterte die ganze
Gemeinde zur Nachahmung, dann hielt Lehrer Karrasch eine dem Fest angemessene
wohlgelungene Rede. Ein Festessen, woran sämtliche Gemeinde-Mitglieder
teilnahmen, wo es auch an gelungenen Toasten nicht mangelte, schloss die
herrliche Feier, die in unserer friedlichen Gemeinde noch lange in freudiger
Erinnerung bleiben möge. |
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge
demoliert und angezündet. Etwa 20 bis 30 SA-Männer und Zivilisten waren mit
Fahrzeugen und Fahrrädern aus Richtung Wiesloch gekommen. Sie drangen mit
Gewalt in die Synagoge ein, warfen Mobiliar, Bücher und die rituellen Gegenstände
aus dem Gottesdienstraum auf einen Haufen vor das Gebäude, den sie anzündeten
und verbrannten. Der Gemeinderat beschloss in seiner Sitzung vom 23. November
1938, dass die Synagogenruine abgebrochen werden sollte. Zusätzlich wurde am
20. März 1939 beschlossen, dass die Steine des Gebäudes zur Drainage des neu
angelegten Sportplatzes in den "Krautgärten" gegenüber dem
ehemaligen Bahnhof verwendet werden sollten. Am 10. April 1940 kaufte die
Gemeinde das Synagogengrundstück für 1.356 RM. Auf ihm wurde eine Sammelstelle
der Milchzentrale gebaut (besteht nicht mehr). 1949 wurde in einem Vergleich
zwischen der Gemeinde Baiertal und der jüdischen Vermögensverwaltung (JRSO)
vereinbart, dass die Gemeinde das Grundstück für den Betrag von 600 DM als ihr
Eigentum behalten könne und als Schadensersatz für den Abbruch der beschädigten
Synagoge 7.000 DM an die Organisation bezahlt. Diese insgesamt 7.600 DM wurden
der Gemeinde bis zum 15. April 1950 gestundet.
Eine Säule der Synagoge blieb erhalten und
erinnerte (mit einer Gedenktafel) einige Jahre lang vor dem Bürgerhaus an die
Synagoge. Inzwischen ist die Säule auf dem ehemaligen Synagogenplatz
aufgestellt und zum Gedenkstein für die Synagoge geworden (mit Hinweistafel).
Der Synagogenplatz wurde 2025 neu gestaltet und mit einer Gedenkfeier am 9.
November 2025 eingeweiht (siehe Pressebericht unten).
Weitere Erinnerung: Die Brücke der Schatthäuser Straße über den Maisbach – unweit dessen Einmündung in den Gauangelbach – wird im Volksmund
"Judenbrücke" genannt (Treffpunkt der jüdischen Bewohner am Sabbat nach dem Gottesdienst).
Fotos
Historische Fotos:
(Quelle der schwarz-weißen Abb.: Stadtarchiv Wiesloch)
| Historische Ansichtskarte |
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Zwei historische Karten (um
1905) mit Ansicht der
jüdischen Schule und der Synagoge |
Ausschnittsvergrößerung aus
der rechten Karte |
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Historisches Foto /
Darstellung
der Synagoge |
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Die Synagoge
in Baiertal |
Zeichnung der Synagoge, das
kleinere
Gebäude davor war das jüdische Schulhaus |
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Weitere Fotos aus der
jüdischen Geschichte Baiertals
(Fotos erhalten
von A. Willaschek) |
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Das Haus von Nathan Gumberich
(um 1950). Am Haus zieht gerade eine
Prozession der Kirchengemeinde
vorbei. |
Kriegerdenkmal-Einweihung am
24.6.1900 durch den Militärverein.
Untere Reihe 1.von links: Maier Marx I |
Fotos nach 1945/Gegenwart:
Fotos um 1985:
(Fotos: Hahn) |
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Gedenkplatz vor dem Bürgerhaus
mit Synagogensäule |
Die Säule aus
der Synagoge |
Hinweistafel
bei der Säule |
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Fotos 2003:
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 14.10.2003
bzw. mit *) J.
Krüger, Karlsruhe vom Sommer 2004) |
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Hinweisschild
zum
Synagogenplatz |
Der Synagogenplatz |
Säule der ehemaligen Synagoge
als
Denkmal auf dem Synagogenplatz* |
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Erinnerungen
an
Pauline Maier |
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Unweit des Synagogenplatzes
erinnert
eine Straße an die in Baiertal 1877
geborene Pauline Maier
(Oberin des
jüdischen Altersheimes in Mannheim,
1942 in Auschwitz
ermordet) |
Auch das
"Pauline-Maier-Haus"
in Baiertal erinnert an die mit
ihren
Patienten 1942 freiwillig
nach Auschwitz gegangene
Pauline Maier |
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Fotos
2011:
(Fotos: Michael Ohmsen, die Fotos in höherer Auflösung
in der Website von M. Ohmsen: Fotos
zu Wiesloch) |
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Links Säule
am Synagogenplatz |
Hinweistafel
zur
Erinnerung an die Synagoge |
Darstellung
der
früheren "Judenbrücke" |
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| Das
"Pauline-Maier-Haus" |
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Das
"Pauline-Maier-Haus" mit Inschrift |
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Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| Februar 2012:
Workshop "Jüdische Standesregister von
Baiertal" |
Artikel in der
"Rhein-Neckar-Zeitung" vom 2. Februar 2012: "Gegen das
Vergessen gibt es noch viel zu tun.
Wiesloch-Baiertal. (aot). Die ersten Juden kamen Anfang des 18.
Jahrhunderts nach Baiertal... Dass Baiertal in der Region eine bedeutende
Niederlassung war, sieht man daran, dass hier ein bekannter
Thora-Schreiber wohnte und die Gemeinde einen eigenen Beschneider hatte,
der andere Orte wie Walldorf mit versorgte. Darüber informierten
Ortsvorsteher Karl-Heinz Markmann und der frühere Schuldekan Kurt
Glöckler das interessierte Publikum im Workshop 'Jüdische
Standesregister von Baiertal', der im Rahmen der Ausstellung 'Dem
Vergessen entrissen - Jüdisches Leben im Kraichgau'
stattfand..."
Link
zum Artikel |
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November 2025:
Neu gestalteter Synagogenplatz
in Baiertal eingeweiht |
Pressemitteilung der Stadt Wiesloch vom 10.
November 2025: "Feierliche Einweihung des Synagogenplatzes in Baiertal.
Am 9. November 2025 wurde der neu sanierte Synagogenplatz in Baiertal
feierlich eingeweiht. Ein Ort des Gedenkens, der Erinnerung und des
Miteinanders.
Der Tag, der sowohl an die Reichspogromnacht von 1938 als auch an den Fall
der Berliner Mauer im Jahr 1989 erinnert, war eine besondere Gelegenheit,
die dunklen Kapitel der Geschichte zu würdigen und gleichzeitig die
Bedeutung der Erinnerung und des Zusammenlebens in der Gegenwart zu betonen.
Zahlreiche Gäste aus Baiertal, Wiesloch und der Region versammelten sich an
diesem symbolträchtigen Ort, um gemeinsam der Vergangenheit zu gedenken und
die Neugestaltung des Platzes als Zeichen für die Zukunft zu feiern.
Ganz am Ende der Einweihung des Platzes trat Bruno Blaser, ein über 90.
Jähriger Baiertaler Bürger spontan ans Mikrofon und sorgte bei allen
Anwesenden für einen ganz besonderen Moment: 'Ich war dabei', so Blaser.
'Ich war dabei und sah als Kind, wie die Nazis die Synagoge stürmten und die
gläsernen Kerzenständer zertrümmerten und alles zerstörten.' Noch bis heute
wirken in ihm diese Erlebnisse nach. Unfassbar für den kleinen Bruno damals
und für den Senior Blaser noch heute, wie Menschen, mit denen er täglich in
Kontakt war aus der Mitte seines Dorfes, so behandelt werden konnten.
Wichtig war ihm zu betonen, dass es Mitbürgerinnen und Bürger in Baiertal
gab, die die jüdischen Familien aufgenommen und geschützt haben, eine Geste
Menschlichkeit und Mut, die ihn bis heute beeindrucken.
Zuvor eröffnete Ortsvorsteher Michael Glaser die Feierlichkeiten und
begrüßte die Anwesenden mit einer bewegenden Ansprache. 'Es erfüllt mich mit
großer Freude und Dankbarkeit, Sie heute zur Einweihung des Synagogenplatzes
willkommen zu heißen', sagte Glaser und fuhr fort: 'Der 9. November ist ein
Tag, der untrennbar mit den Ereignissen der Reichspogromnacht von 1938
verbunden ist. Ein Tag, an dem die jüdische Gemeinschaft in Deutschland
unsagbares Leid erfahren musste. Doch dieser Tag ist auch der 9. November
1989, der Tag des Falls der Berliner Mauer, ein Symbol für die Freiheit und
den Neubeginn.' Mit diesen Worten machte Glaser deutlich, dass der 9.
November eine doppelte Bedeutung hat: Er ist nicht nur ein Tag der
Erinnerung an das erlittene Unrecht, sondern auch ein Tag, an dem der Blick
nach vorne gerichtet wird – auf eine Zukunft, in der Toleranz, Demokratie
und friedliches Miteinander die Grundlage unseres Zusammenlebens bilden.
Der Ortsvorsteher erinnerte an die Geschichte des Synagogenplatzes. Im Jahr
1805 wurde an dieser Stelle die Synagoge der jüdischen Gemeinde Baiertals
errichtet, die über viele Jahrzehnten hinweg ein bedeutender Ort des
Glaubens, der Begegnung und des gemeinschaftlichen Miteinanders war. Doch
mit der Reichspogromnacht 1938 wurde diese Synagoge zerstört, und das Leben
der jüdischen Gemeinde in Baiertal nahm eine dramatische Wendung. 'An diesem
Ort, der uns mit seiner Geschichte mahnt, gedenken wir heute all jener, die
Opfer des Nationalsozialismus wurden – derer, die vertrieben, verfolgt und
ermordet wurden. Wir halten ihr Andenken in Ehren', sagte Glaser und bat die
Anwesenden, sich in einer Schweigeminute zu vergegenwärtigen, was an diesem
Tag verloren gegangen war. Nach der Schweigeminute ging Glaser auf die
Neugestaltung des Platzes ein, die den Abschluss einer langen und
sorgfältigen Sanierung darstellt. Der Synagogenplatz soll nicht nur als
Denkmal dienen, sondern auch ein lebendiger Ort des Alltags sein. 'Dieser
Platz ist ein Ort der Erinnerung und Mahnung, aber auch ein Ort des Lebens.
Hier treffen sich Vergangenheit und Gegenwart', erklärte Glaser. Die im
Boden eingezeichneten Sandsteinbänder, die den Grundriss der ehemaligen
Synagoge nachzeichnen, und die zwei erhaltenen Säulen seien sichtbare
Zeugnisse der Geschichte und des Verlusts, aber auch Symbole der
Verbundenheit und Verantwortung der heutigen Generation. Der Platz solle
auch ein Ort der Begegnung sein, an dem Menschen unterschiedlicher Herkunft,
Religion und Orientierung zusammenkommen und sich austauschen können. 'Es
ist unsere Verantwortung, diesen Platz zu einem Ort des Friedens, der
Toleranz und des respektvollen Miteinanders zu machen', so Glaser weiter.
Dabei betonte er, wie wichtig es sei, dass der Synagogenplatz nicht nur als
Mahnmal fungiere, sondern als Raum für die Gemeinschaft, an dem sich auch
junge Menschen mit der Geschichte und den Werten der Demokratie
auseinandersetzen können.
Bürgermeister Sauer: 'Ein stilles Zeichen der Erinnerung'
Bürgermeister Ludwig Sauer schloss sich den Worten von Ortsvorsteher Glaser
an und sprach von der tiefen Bedeutung des Synagogenplatzes für die Gemeinde
Baiertal und die Stadt Wiesloch. 'Es war keine leichte Entscheidung, diesen
Platz ausgerechnet an diesem Gedenktag einzuweihen. Doch wir glauben, dass
es genau der richtige Moment ist, um die Erinnerung an das Unrecht mit der
Freude über den gelungenen Umbau dieses zentralen Ortes zu verbinden', sagte
Sauer in seiner Ansprache. Er erinnerte an die Geschichte des Platzes und
der Synagoge, die hier bis 1938 stand, als sie im Zuge der Reichspogromnacht
zerstört wurde. 'Die Synagoge war ein fester Bestandteil des
Gemeinschaftslebens in Baiertal – ein Ort des Glaubens und des
Zusammenhalts, der mit der Zerstörung in jener Nacht für immer verloren
ging.' Mit der Sanierung und der Neugestaltung des Synagogenplatzes, so
Sauer, werde nicht nur die Geschichte bewahrt, sondern auch eine neue
Bedeutung für die Zukunft geschaffen. Der Platz solle ein 'stilles Zeichen
der Erinnerung' sein – ein Ort, der zum Innehalten, Nachdenken und
Miteinander ins Gespräch kommen einlade. 'Er lädt uns alle ein, achtsam,
aufgeschlossen und sensibel zu sein. Der Synagogenplatz soll ein Ort
bleiben, an dem Geschichte lebendig bleibt und die Erinnerung nicht
verblasst', erklärte der Bürgermeister abschließend.
Gert Weisskirchen: 'Nie wieder – das war das immerwährende Bekenntnis'.
Den Abschluss der Reden bildete Prof. Gert Weisskirchen, ehemaliger
Bundestagsabgeordneter und ein herausragender Fürsprecher des jüdischen
Gedenkens. In seiner Rede sprach Weisskirchen von der doppelten Bedeutung
des 9. Novembers – sowohl als Tag des Gedenkens an das Leid der Opfer der
Reichspogromnacht als auch als Tag des Aufbruchs und der Hoffnung, der mit
dem Fall der Berliner Mauer verbunden ist. '1938 war der Vorhof zur Hölle.
Doch 1989 war der Tag der Freude. Der 9. November trägt beides in sich – die
Erinnerung an das Unfassbare und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft',
sagte Weisskirchen. Er hob hervor, dass der 9. November uns immer wieder
daran erinnern müsse, dass es die Verantwortung der heutigen Generation sei,
gegen Antisemitismus und jede Form der Barbarei einzutreten. 'Nie wieder –
das war das immerwährende Bekenntnis Deutschlands. Nie wieder
Antisemitismus, nie wieder Barbarei. Dies ist unsere Antwort auf die
Zerstörung der Synagoge mitten unter uns', sagte Weisskirchen eindringlich
und mahnte, das Gedächtnis an das erlittene Leid stets lebendig zu halten.
Die Feierlichkeiten wurden vom Männerchor des Gesangvereins MGV Frohsinn
Baiertal umrahmt. Am Ende konnte dann die extra geschaffene Gedenktafel duch
den Spätlese e.V. übergeben werden, die als sichtbares Zeichen auf die
Vergangenheit des Platzes hinweist."
Pressemitteilung in der Website der Stadt (mit Fotos)
|
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden.
1968. S. 42. |
 | Christian Sachs: Die Geschichte der Wieslocher und Baiertaler Juden im
Dritten Reich (maschinenschriftlich; Schülerarbeit im Gymnasium Wiesloch). 1983. |
 | Stadtteilverein Baiertal (Hg.): Von Buridal bis Baiertal. Eine
Gemeinde erzählt ihre Geschichte. Wiesloch 1988. |
 | Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern -
Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from
their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem
1986. S. 216-217. |
 | Joachim
Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als
Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte
und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt,
Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial,
Jerusalem. Stuttgart 2007. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Baiertal, Baden. The first Jews
arrived after the Thirty Years War and the Jewish population grew to a peak of
160 in 1863 (15 % of the total). A synagogue was in existence by 1740 and a new
one was built in 1833 while a Jewish elementary school was opened in 1839. The
Jewish population dropped steadily to 25 in 1933. On Kristallnacht (9-10
November 1938) the synagogue and Jewish homes were vandalized and Jewish stores
looted. Nine Jews left Baiertal in 1936-40. The last 13 were deported to the
Gurs concentration camp on 22 October 1940.

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