Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Mannheim (Stadtkreis)
Texte/Berichte zur jüdischen Geschichte der Stadt 
   
Hier: Berichte aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben des 19./20. Jahrhunderts (bis 1938)  

Die nachstehend wiedergegebenen Texte mit Beiträgen zur jüdischen Geschichte in Mannheim wurden in jüdischen Periodika gefunden. 
Bei Gelegenheit werden weitere Texte eingestellt.
Die Texte wurden dankenswerterweise von Frau Susanne Reber, Mannheim, abgeschrieben und mit Anmerkungen versehen.  
    
    
Übersicht:   

bullet Berichte aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben seit der Mitte des 19. Jahrhunderts    
-   Über die jüdische Gemeinde in Mannheim (1843)   
-   Kritischer Bericht über die "Zustände" in der jüdischen Gemeinde und ihre Synagoge (1845)  
-   Petitionen zur Religionsfreiheit im Revolutionsjahr (1848)   
-   Antijüdisches aus dem Revolutionsjahr (1848)    
-   Antijüdische Stimmung anlässlich von Vorfällen in der Bankierwelt in Mannheim (1848)    
-   Zum Ergebnis der Synagogenratswahl (1848)   
-   Kritischer Bericht über die Gemeindeverhältnisse (1849) 
-   Tätigkeitsbericht des "Vereins zur Erziehung armer Waisen und Kinder dürftiger Eltern israelitischer Religion" (1861)   
-   Ungewöhnliche Ziviltrauung: der deutschkatholische Prediger heiratet eine jüdische Frau (1862)   
-   Tätigkeitsbericht des "Vereins zur Erziehung armer Waisen und Kinder dürftiger Eltern israelitischer Religion" (1865)   
-   25-jähriges Jubiläum des Israelitischen weiblichen Kranken-Unterstützungs-Vereins (1866)   
-   Über das Mannheimer Gebetbuch (1869)   
-   Kritischer Bericht aus konservativ-orthodoxer Sicht zu einer "Konfirmanden-Prüfung" in der Gemeinde (1869)   
-   200-jähriges Jubiläum der Beerdigungsbruderschaft (1874)    
-   50-jähriges Bestehen des "Israelitischen Studienvereins" (1883)   
-   Anzeigen der Michael Mai'schen Stiftung (1877 / 1878 / 1880 / 1883 /1886)  
-   Spende der Großherzogin für den Israelitischen Frauenverein (1888)  
-   Ausschreibungen von Stellen im israelitischen Kranken- und Pfründnerhaus (1890)   
-   Mitteilungen über ältere Archivalien (1894) 
-   Würdigung von Geheimrat Dr. August Lamey anlässlich seines Rücktrittes aus dem politischen Leben (1894) 
-   Der jüdische Gesangverein "Liederkranz" gewinnt einen ersten Preis beim badischen Sängerbundfest (1890)  
-   Das Haus des Waisenvereins wurde eröffnet (1894)   
-   Enthüllung des Kaiser-Wilhelm-Denkmales und weitere Mitteilungen (1894)  
-   Vortrag im Verein für jüdische Geschichte und Literatur (1895)  
-   Purimfeier des "Vereins zur Förderung des israelitischen Religionsunterrichts" (1901)  
-   Die zionistische Ortsgruppe stellt Vertreter bei der Wahl zur Gemeindevertretung (1901)  
-   Antijüdische Tendenzen im Landgericht und in der Handelskammer (1902)  
-   Ein örtlicher Zweigverein des "Hilfsvereins der Deutschen Juden" wurde gebildet (1905)     
-   Kinderfest der zionistischen Ortsgruppe an Purim (1905) 
-   Kinderhilfstag der jüdischen Frauenvereinigung (1905)   
-   Als Stadtverordnete werden sieben jüdische Männer gewählt (1905)   
-   Die neue Volkslesehalle wird eröffnet (1906)  
-   Ernennung der Handelsrichter für die Jahre 1912 bis 1914 (1911)   
-   Das israelitische Waisenhaus unterstützt Hinterbliebene gefallener Kriegsteilnehmer (1914)    
-   Die Großherzogin besucht das israelitische Krankenhaus (1914)    
-   Ein jüdischer Bäckermeister hat seine Berches unerlaubt zu früher Morgenstunde an (christlichen) Feiertagen gebacken (1915)   
-   Der Jüdische Jugendbund wird nach der Kriegsunterbrechung wieder aktiv (1918)  
-   Gedenktafeln für die im Krieg Gefallenen wurden angebracht (1921)  
-   Anzeige des israelitischen Krankenhauses (1922)  
-   Vortragsabende der Vereinigung für das liberale Judentum (1928)    
-   Jüdischer Jugendtag in Mannheim (1928)   
-   Quartett mit hebräischen Motiven (1929)    
-   60. Geburtstag des Gemeindevorsitzenden Dr. Julius Moses (1929)  
-   Vortrag von Rabbiner Dr. Dienemann (Offenbach) in Mannheim (1929)  
-   "Friede und Einheit in der Gemeinde" als Ziel einer "Religiösen Mittelpartei" in der Gemeinde (1929) 
-   Verschiedene Mitteilungen aus dem Gemeindeleben (1929)      
-   Vortrag von Ludwig Herrmann über den religiösen Liberalismus (1929)  
-   Veranstaltungen in der Mannheimer Gemeinde und weitere Mitteilungen (1931)    
-   Im Nationaltheater haben "nichtarische" Presseberichterstatter keinen Zugang mehr (1933)   
-   Uraufführung eines Oratoriums Balak und Bileam von Hugo Adler (1934) 
-   Auf der Verkaufsmesse in Mannheim wurde eine besondere Abteilung für die jüdischen Händler eingerichtet (1934)     
-   Entlassung eines Angestellten in einem Mannheimer Betrieb, der die NS-Presse als "Lügenpresse" darstellte und ein Gerichtsurteil dazu (1934)  
-   Für Juden ist der Besuch des Hallenschwimmbades und des Rheinstrandbades verboten (1935)  
-   Verschiedene Mitteilungen aus der Gemeinde (1936)  
-   Festmahl der Chewra Kadischa - Beisetzung von Rechtsanwalt Dr. Moritz Pfälzer in Hemsbach (1936)  
-   Eine Anlernwerkstätte für Schlosser und Schreiner wird eingerichtet (1936)  
-   Kundgebung der Agudas Jisroel in Mannheim (1936)  
-   Bevorstehende Wahl des Synagogenrates und der Gemeindevertretung mit einer Einheitsliste (1936)  
-   Aufführung von Mozarts Oratorium "Judith" (1937)  
-   Starke Auswanderung aus der jüdischen Gemeinde (1937)   
-   Vorträge von Redakteur S. Schachnowitz in Karlsruhe, Gailingen und Freiburg, organisiert von Prof. Dr. Darmstädter, Mannheim (1937)      
-   Ergebnisse der Ersatzwahl der Synagogenräte - Mitteilung zu Prof. Darmstädter - Abschied von Kantor Epstein (1938)      
bullet Zur Geschichte der Lemle Moses Klaus-Stiftung         
-   200-jähriges Bestehen der Lemle Moses Klaus-Stiftung (1908)   
-   Zur Geschichte der Mannheimer Klaus-Stiftung (1909)     
-   Über die Geschichte der Mannheimer Klaus (1909)  
-   Zum Tod von Aron Ettlinger, Vorsteher der Klaus-Synagoge, Sohn von Klausrabbiner Löb Ettlinger (1929)  
-   Zum Tod des Klaus- Gemeindevorstehers Bernhard Kauffmann (1933)  
-   Veranstaltungen der Klausstiftung (1934)  
-   Über die 1934 an der Klaus gegründete Jeschiwa (Toralehranstalt) (1936)        

    
    
    
Berichte aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben seit der Mitte des 19. Jahrhunderts      
Über die jüdische Gemeinde in Mannheim (1843)   

Mannheim AZJ 04121843a.jpg (252260 Byte) Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 4. Dezember 1843: "Mannheim, im November (Privatmitteilung). Wohl muss es besonders auffallen, wenn eine bedeutende Gemeinde, wie die hiesige jüdische ist, die an 250 Mitglieder zählt und der sonst doch nicht bewegungslosen Rheingegend angehört, bis jetzt in den jüdischen Zeitblättern auch kein Folio hat, wenn sie ihr Tun und Wirken der öffentlichen Kritik auf diese Weise entzieht. Es ist dies zugleich zu bedauern, da man sich leicht dem Wahne hingibt, dass das, was nicht zur öffentlichen Kunde gelangt, auch eben nicht dahin zu gelangen würdig sei, und da, wo man sich nicht durch ein öffentliches Urteil den besseren Bestrebungen anschließt, überhaupt das Interesse an denselben fehle. So hört man in der Tat vielfach in der Nähe über den in der hiesigen Gemeinde herrschenden Indifferentismus Klage führen, und werden Tatsachen als Beweise dafür in Anspruch genommen, die wirklich für den in die hiesigen Verhältnisse nicht eingeweihten schwer zurückzuweisen sein dürften. Gelingt es uns im Folgenden, die Verhältnisse der wahren Sachlage gemäß schauen zu lassen und ein vorurteilfreieres Urteil herbeizuführen: so ist der Zweck, den wir uns dabei gesetzt, völlig erreicht. –
Das erste Zeichen von dem Interesse eines Publikums in Zeitfragen, sagen die Gegner der hiesigen Zustände, ist unstreitig dies, dass es die Zeitblätter hält, in denen diese Fragen erörtert werden. Welche Lauheit muss man hier gegen alle jüdischen Bestrebungen der Neuzeit herrschen, wenn man bedenkt, dass man hier die jüdischen Zeitschriften kaum dem Namen nach kennt und von Haus zu Haus wandern kann, ohne auch nur ein Exemplar von der Allgemeinen Zeitung des Judentums, die doch jetzt auch in der unbedeutenden Landgemeinde ihre Leser hat. Sie vergessen aber dabei, dass die Lektüre in den Landgemeinden sich fast ausschließlich auf diese Zeitung beschränkt, dass man in hiesiger Gemeinde so Vieles zu lesen bekommt und hat, was die Mußestunden hinlänglich in Anspruch nimmt; sie vergessen dabei und wollen es vergessen, wie es scheint, dass in einer hiesigen jüdischen Gesellschaft, die Ressource genannt, ein Exemplar von diesem Blatte ist, das jedem Mitgliede zur Disposition steht. Wenn es die Mitglieder nur selten in die Hand nehmen, so zeigt diese von einer anerkennenswerten Resignation, dass man es nämlich dem Fremden,   
Mannheim AZJ 04121843b.jpg (424836 Byte)der das Glück hat, eingeführt zu werden, nicht vorenthalten will. Jedenfalls will uns so was besser gefallen, als in ähnlichen Gesellschaften anderer Gemeinden, wo man Stundenlang warten kann, bis diese Zeitung wieder frei ist, weil derjenige, der sie einmal in Händen hat, obgleich viele Andere darauf warten, sie nicht eher hergibt, bis er sie ganz durchgelesen hat. Hier sieht man die Frucht wahrer Bildung, wahrer Urbanität!
Ferner ist es die Klaus, die den Gegnern Gelegenheit zu Vorwürfen gibt. Nur sehr wenige Gemeinden, bringen sie vor, haben das Glück, eine so reich dotierte Stiftung zu besitzen, bei der noch dabei der Fundator die Verbreitung jüdischer Wissenschaftlichkeit, wie sie seine Zeit kannte, bezwecken wollte. Von welchem segensreichen Einflusse, fragen sie, könnte die Klaus sein selbst auf die entferntesten Schwestergemeinden in Deutschland, wenn es nur am wahren Geiste nicht fehlte? Eine jüdische Fakultät ist der Zielpunkt, auf den Alle, die die Gebrechen der Zeit, wie ihre Vorzüge kennen, sehnsuchtsvoll hinblicken, für ein solches Institut hat man sich vor einigen Jahren als für das wichtigste, das der Zeit noch tut, bemüht – wie leicht hätte die Klaus zu einer Fakultät sich umgestalten lassen? So viel Geld wird auf sie verwendet, was leistet sie, welchen Einfluss hat sie, nicht anderswo, sondern in hiesiger Gemeinde?
Was sie leistet? - genug um diejenigen in Harnisch zu bringen, die alles Hohe begeifern und besudeln möchten. Zehn jüdische Gelehrte hat sie angestellt, einen mit dem Titel Primator, andere als Rabbinen, andere wiederum als Beter, die sämtlich den Beruf und die Pflicht haben, täglich Morgens und Abends in die Synagoge zu gehen, täglich einen Schiur (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Schi%27ur) im Talmud zu lernen. – und sie leisteten Nichts?! Das Institut der 'asarah batlanim' (= zehn Männer ohne Geschäft, oft fromme Arme, die den Minjan stellten), das leider fast überall verfallen ist, hält sie durch diese aufrecht – und sie leistete Nichts?! Man macht ihr den Vorwurf, dass der eine und der andere unter ihnen Angestellte nicht einmal ein wahrer 'Batlan' ist. Wo aber in der Welt besteht ein menschliches Institut, das nicht auch seine Gebrechen hätte? Genug, sie hat sie zu diesem Behufe angestellt und wenn Einer seiner Aufgabe nicht ganz nachkommt, so ist das wahrlich ihre Schuld nicht. Unter diesen Gelehrten sind hier, die ihre Studien in deutschen Hochschulen gemacht und teilweise Philosophie bei dem sel. Wagner in Würzburg gehört haben, werden diese Männer nicht auf die Veredelung ihres Kreises bedacht sein? Wie interessant muss nicht ein solcher Schiur sein, an dem sich solche Männer kollegialisch beteiligen! Daß sie die dabei stattfindenden, gelehrten Diskussionen nicht veröffentlichen, leidet ihre anerkannte Bescheidenheit nicht, dass sie aber nicht minder interessant sind, das beweist so manches interessante Anekdötchen, das man sich im nächsten Kreise davon erzählt. Dass sie ihre Synagoge – die Klaus hat eine solche besondere für ihre Angestellten – so ganz auf altem hergebrachtem Fuße lassen, dass sie in ihr keine Reform des Gottesdienstes veranlassen, macht man ihnen zum Vorwurfe. Wäre das aber nicht bedeutende Anmaßung, wollten sie der großen Synagoge hierin vorgreifen?
Aber auch die Gemeinde tadeln die Gegner deshalb, dass sie in der Hauptsynagoge nicht ohne Reform des Gottesdienstes vorbereitet, und zeigen gerade dadurch, wie blind sie ihr Vorurteil gegen alles Bessere, das schon besteht, macht. Ist ja in diesem Gotteshause schon längst ein Choralgesang eingeführt, der noch dazu vom Hofmusikus geleitet wird. Dass das Gebäude selbst noch das alte ist, mit allen Merkmalen einer verknöcherten und geknechteten Zeit; dass der Ritus noch der alte ist, ohne, dass die Fortschritte, die man in Landgemeinden im mindesten Etwas modifiziert hätten, das verdient doch wahrlich keinen Tadel – soll man denn dem folgenden Jahrhunderte, das doch auch seinen Ruhm davon haben will, Alles vorwegnehmen?
Das Gotteswort wollen die saubern Gegner allsabbatlich im Gotteshause verkündet wissen, weil dies am meisten zur Erweckung eines echt religiösen Bewusstseins beitragen könnte, weil der Gottesdienst dadurch so einen integrierenden Bestandteil, der ihm in den Zeiten des Druckes und der Verfinsterung abhanden gekommen ist, wieder erlangen müsste und sehen nicht ein, dass sie damit eine Forderung stellen, die wohl überall, aber nicht hier, eine gerechte ist. Wozu hier eine Belehrung im Gotteshause, die sich ein Jeder selbst und überall geben kann? Keine andere Gemeinde hat es in allseitiger Bildung so weit, als die hiesige gebracht. Viele junge Leute, denen man so was gar nicht ansieht, sprechen Französisch,  
Mannheim AZJ 04121843c.jpg (364501 Byte)Englisch und obendrein noch Italienisch, viele können den Text der bekanntesten Opern fast auswendig; viele können die bekanntesten Sänger und Sängerinnen an den Fingern herzählen; auf der Ressource ist durch Zeitungen wie z.B. das Kursblatt für Belehrung in allen Fächern des menschlichen Wissens gesorgt: wozu noch in der Synagoge belehren? Überdies würde, durch gottesdienstliche Vorträge nur der konfessionelle Dünkel gehegt und gepflegt werden, der ja immer mehr und mehr verschwinden soll und hier in der Tat verschwindet. Das ist der Ruhm der hiesigen jungen Leute, dass vom Partikularismus in ihr fast keine Spur mehr ist, dass viele unter ihnen den ausschließlichen Umgang mit Christen suchen und sich freuen, wenn sie ihn gefunden haben.
Einen eklatanten Beweis, wie hier die Scheidewand, die Konfession von Konfession trennt, fast gänzlich gestürzt ist, wie man sich gegenseitig entgegenzukommen und auszusöhnen strebt, hatten wir erst neulich, der zugleich auch als Maßstab für die fast schwindelnde Höhe unserer Bildung dienen könnte. Der Klausrabbiner Wagner (Anm.) hat vor einigen Wochen in der hiesigen Abendzeitung seine Absicht kund gegeben, in zwei Abendstunden wöchentlich Vorlesungen über jüdische Geschichte von der ältesten bis zur neuesten Zeit zu halten. Um seine Kosten für Saal, Heizung etc. zu decken, ließ er in den zwei christlichen Gesellschaften, in der Harmonie (Anm.) und im Kasino, Subskriptionslisten auflegen, ebenso in der erwähnten jüdischen, aus mehr als hundert Mitgliedern bestehenden Ressource (Anm.). In den beiden ersten Gesellschaften erhielt er, obgleich es ihm dort an Bekannten und somit an solchen, die sich der Sache angenommen hätten, fehlte, mehrere Subskribenten in den letzteren auch nicht einen einzigen! Könnte man einen schöneren Beweis dafür liefern, wie man hier jeden konfessionellen Separatismus hasst, wie man das Leben von einem höheren Gesichtspunkte aufzufassen weiß, von dem aus die verschiedenen Nuancen unseres Alltagslebens schwinden oder vielleicht ihre Versöhnung feiern?! Konsequent in diesem Geiste scheint man auch neulich hier gehandelt zu haben, als man gegen die Verordnung, die den Rabbinen sich einen Ornat anzuschaffen, vorschreibt, protestierte und geradezu behauptete, die Rabbinen seien keine Geistliche. Wozu in der Tat Ornat, wozu Geistliche, wo der Standpunkt schon ein so hoher, allgemeiner ist? Mögen immerhin andere Gemeinden, wo der konfessionelle Standpunkt noch nicht zum Durchbruche gekommen ist, ihren Geistlichen haben; hier in Mannheim sind diese schon ganz und gar überflüssig. Es ließe sich allerdings fragen – und die Gegner tun dies – wozu bei einem solchen Standpunkte noch Rabbinen? wozu Rabbinen, wenn sie keine Geistliche sein sollen? – Wer kann aber auch alle Fragen beantworten? Auch das allgemeine humane Prinzip muss sich bescheiden und eingestehen, dass es noch Dinge gibt, zu derer Erklärung sogar ihm noch die Mittel fehlen.
Mit dem Rabbinenthum ist es ihm indes auch nicht ganz ernst, wie das aus folgendem Umstande zur Genüge vorgeht. Die jüdischen Gemeinden in Baden genießen bekanntlich vor denen in den meisten deutschen Landen den Vorzug, eine Kirchenbehörde zu besitzen. Das Oberrabbinat in Karlsruhe, das theologische Oberhaupt dieser Behörde, ist schon seit geraumer Zeit unbesetzt, und dem Kollegium fehlt natürlich die Seele. Anderswo würde so Etwas Aufregung verursachen, Opposition hervorrufen, die Gemüter in Anspruch nehmen und beschäftigen; die verschiedenen theologischen Ansichten würden sich geltend machen, jede für ihre Partei einen Sieg erringen wollen, man würde auf die Besetzung dringen oder sie zu hintertreiben suchen, sie nach der Fahne, der man angehört: hier von all dem keine Spur. Hier sind die Ansichten versöhnt, die Konfessionen versöhnt, Alles versöhnt! Und das nennen die Gegner, die so Etwas nicht kapieren, Indifferentismus - !!! Akibon." 
Anmerkungen:  Klausrabbiner Wagner: Rabbiner Hayum Wagner (geb. 1807, gest. 1892, siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/c1-b-07-01-wagner-chaimhajum 
Harmonie, Kasino siehe Website der Harmonie-Gesellschaft http://www.harmonie-1803.de/index.html 
Ressource-Gesellschaft: C 1,2, gegründet 1817, aus dem jüdischen Erholungsverein hervorgehend. 1828 von Bankier Josef Hohenemser (1794-1875, verheiratet mit Regine geb. Ladenburg, 1796-1876) wiederbegründet, diente die Ressourcegesellschaft der Freizeitgestaltung mit Gleichgesinnten. In dem Haus C 1,2 lebte im 18. Jahrhunderts die so genannte Katzengräfin, Katharina von Ottweiler.  https://www.morgenweb.de/mannheimer-morgen_fotostrecke,-fotostrecke-alt-mannheim-vor-100-jahren-_mediagalid,14402.html. Die Ressource-Gesellschaft hatte eine große Bibliothek.
 

   
Kritischer Bericht über die "Zustände" in der jüdischen Gemeinde und ihre Synagoge (1845)     

Mannheim Israelit19Jh 15061845.jpg (199178 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit des 19. Jahrhunderts" vom 15. Juni 1845: "Jüdische Zustände
(Mannheim im Mai). Die hiesige israelitische Gemeinde vereinigt alle Elemente in sich, wodurch sie hier am Mittelrhein ein Muster jüdisch-religiösen Fortschritts werden könnte. Mit Gemeindemitteln versehen, in ihren einzelnen Gliedern reich und unabhängig, aufgeklärt und mit der zeitlichen Bildung vertraut, besitzt sie alle Requisite, die sie an die Spitze der religiösen Bewegung zu stellen geeignet sind. Was aber ist der Grund, dass sie faktisch dennoch so sehr zurücksteht, dass ihr, was über die musterhafte Verwaltung der finanziellen Mittel hinausgeht, manche Dorfgemeinde vorausgeeilt ist? Der Gottesdienst ist fast in verkommenem Zustande, die Liturgik noch ganz so wie vor Jahrhunderten, kein Gesang, keine Chöre, keine Ordnung, keine Heiligkeit in dem Tempel. Ja, die Synagoge selbst, das äußere Gebäude steht mit der Größe der Gemeinde und mit ihren Mitteln in grellem Widerspruche. Da 'wohnen sie in Häusern von Zedern, die Bundeslade Gottes aber unter Teppichen.' Was nun ist der Grund dieser traurigen Erscheinungen? Ist es der Indifferentismus der Gemeinde, wie ein Korrespondent der Allgemeinen Zeitung des Judentums Nr. 49 vom Jahre 1843 behauptete? Wir glauben es nicht. Mannheim ist nicht indifferenter als andere Gemeinden, in denen bereits Bedeutendes geschehen Der Vorstand ist aufgeklärt, und da wo die Einsicht nicht fehlt, bloß an dem Willen zu zweifeln: - ohne sichere Beweise möchte dies moralisch nicht erlaubt sein. Aber ein großer Teil der Schuld liegt offenbar in der völligen Impotenz des hiesigen Rabbiners.*) Wo solche Geistes-Kastraten fungieren, deren Urteilskraft geschwächt ist, die gefühllos sind gegen den Ruf der Zeit, und unfähig zu irgendwelchem energischen Eingreifen, da kann nichts Tüchtiges geschehen. Von den Rabbinen muss die Mahnung an die Gemeinden ergehen, gleich den alten Propheten müssen sie ihre Stimme erheben und dem schlafenden Geschlecht verkünden: 'es naht der Morgen! es naht der Morgen!' Gemeinden von solchen Mitteln, von solcher Intelligenz wie die hiesige, werden nie ganz zurückbleiben, sollten sie auch von dem krassesten Indifferentismus infiziert sein. Aber auch der Großherzogliche Oberrat trägt einen Teil der Schuld. Wir wollen zwar die Verdienste des die religiösen Angelegenheiten leitenden Mitgliedes desselben, des Herrn Oberrats Epstein, nicht verkennen; wir wissen auch dass derselbe aufgeklärt und, was die Ideen betrifft, ebenso wie seine Herren Kollegen, dem Streben unserer Zeit geneigt ist, aber der alte Mann besitzt zu wenig Energie, ist zu leise und vorsichtig, laviert zu viel an den Klippen des ignoranten Landsmanns und des hyperorthodoxen K'hila-Mohels (Mohel ist der Beschneider in der Gemeinde) usw. herum, als dass eine tüchtige, an der warmen Mittagssonne unserer Zeit gereifte Frucht aus seiner Hand hervorgehen konnte. Soll so der hiesige Klausrabbiner Wagner (Anm.; ein Mann von tüchtiger Gelehrsamkeit und Gesinnung) deshalb schon manchmal zurückgesetzt, aber nicht befördert worden sein, weil er dem ängstlichen Alten zu frisch und stürmisch erscheint. Doch es wird bald hoffentlich anders und besser werden!"      
Anmerkung: Klausrabbiner Wagner: Rabbiner Hayum Wagner (geb. 1807, gest. 1892, siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/c1-b-07-01-wagner-chaimhajum.


Petitionen zur Religionsfreiheit im Revolutionsjahr (1848)      

Mannheim AZJ 14021848.jpg (50655 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. Februar 1848: "Mannheim, 23. Januar. Gestern Abends kamen die Petitionen hiesiger Bürger und Einwohner zur öffentlichen Schlussvorlage und Unterzeichnung. Einige hundert Bürger hatten sich trotz der ungünstigen Witterung und Zeit zu jenem Zwecke im Saale des 'Badener Hofes' (Anm.) eingefunden und nach nochmaliger Anhörung der Hauptinhalte die Petitionen unterschrieben. Die zweite Petition betrifft 'die Religionsfreiheit, insbesondere die Vollberechtigung der Deutschkatholiken und der Juden und die Beseitigung der konfessionellen Trennung in den Schulen'."   
Anmerkungen: "Badner Hof" in G 6 war ein beliebtes Vergnügungslokal: https://www.mannheim.de/de/tourismus-entdecken/stadtgeschichte/stadtpunkte/lebendige-stadt-geschundene-stadt-moderne-grossstadt/apollo-theater 
Bereits im April 1835 gab es eine Petition der jüdischen Bürger an die zweite Kammer der Ständeversammlung: 'Worin liegt der Grund, dass wir in einem Staat, in dem wir schon seit vielen Jahren alle Pflichten der Bürger erfüllen, noch länger der vollen Bürgerrechte entbehren sollen? Unsere Religionsbücher lehren nichts, was den Staatsgesetzen zuwider ist, im Gegenteil sie befehlen die Beobachtung derselben als Vorschrift der Religion sowie auch die Ausübung aller Pflichten der Nächstenliebe ohne Rücksicht auf Glaubensverschiedenheit. …Freudig erfüllen wir alle Bürgerpflichten und weihen Gut und Leben dem Vaterlande, möchte es nicht länger Fremdlinge, sondern Söhne in uns erkennen und das Gesetz unserer Religionsgemeinschaft nicht mehr mit Verachtung belegen.' Unterzeichner dieser Erklärung waren die jüdischen Familien Dinkelspiel, Dreyfuß, Hachenburg, Hohenemser, Ladenburg und Rosenfeld.
Siehe Karl Otto Watzinger: Geschichte der Juden in Mannheim 1650 – 1945, Stuttgart, 1984. S. 26.  


Antijüdisches aus dem Revolutionsjahr (1848)    

Mannheim AZJ 03041848.jpg (20071 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. April 1848: "In Mannheim, wie wir aus einem Privatbriefe erfahren, durfte sich eine Zeit lang kein Jude auf der Straße sehen lassen, ohne insultiert zu werden. Doch geht dieser Zustand, dieses Fieber, jetzt zu Ende."    

  
 Antijüdische Stimmung anlässlich von Vorfällen in der Bankierwelt in Mannheim (1848)        

Mannheim AZJ 14021848a.jpg (103213 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. Februar 1848: "Mannheim, 28 Januar (Privatmitteilung.) Die jüngsten Vorfälle in der hiesigen Bankenwelt, der Fall eines geachteten Hauses, durch den leider sehr viele Bürger benachteiligt worden sind, haben die Stimmung der hier sonst so liberalen Bürger gegen die Juden eingenommen, und die Petition der Bürgerversammlung, in welcher die Gleichstellung der Juden gefordert wird, ist darum nicht so zahlreich unterzeichnet worden, wie es unter anderen Umständen wohl geschehen wäre. Freilich! wird man sagen, eine Forderung des allgemeinen Menschenrechts sollte nicht von einem zufälligen Ereignis, sollte selbst von der sträflichen Handlung eines Einzelnen nicht abhängen – aber die Menschen sind im großen Ganzen einmal keine Prinzipienmenschen, sondern lassen sich von den Ereignisse und deren Eindrücken leiten. Wir aber haben wiederum den Beweis, dass es keine Gunst des Geschicks war, dass der Lauf der früheren Verhältnisse eine Schicht der Judenheit in das Bankier-, Geld- und Papiergeschäft gebracht hat. Diese, dem Judentume in der Regel abgestochene Klasse drückt wie ein Totes-Liegendes auf die Judenheit."         

   
Zum Ergebnis der Synagogenratswahl (1848)       

Artikel in der Zeitschrift "Der treue Zionswächter" vom 25. Januar 1848: "Mannheim. Die jüngste Synagogenratswahl dieselbst, ist bekanntlich im streng konservativen Sinne ausgefallen, und alle gegen dieselbe versuchten Machinationen, sind wie in diesem Blatt mehrfach mitgeteilt, von Seiten der hohen und höchsten Staatsbehörden entschieden zurückgewiesen worden. Jetzt haben nun die neologen Synagogenräte, da ihre Wirksamkeit gehemmt und es ihnen ferner nicht vergönnt sei, in ihrem Reformations-, d.h. Zerstörungswerke fortzufahren, noch weniger die gedeihlichen Früchte dieser ihrer Aussaat heranreifen zu sehen, ihre Dimission eingereicht. Ob selbige seitens der Behörden angenommen wird, ist noch nicht entschieden. Wir unsererseits rufen den Scheidenden voller Inbrunst ein herzliches Lebewohl und eine 'nicht baldige Wiederkehr' zu."   

  
Kritischer Bericht über die Gemeindeverhältnisse (1849)       

Artikel in der Zeitschrift "Der treue Zionswächter" vom 4. Mai 1849: "Mannheim. Dass wir vor wenigen Monden unseren Rabbi - seligen Andenkens - verloren haben, das werden Sie bereits wissen; doch die Verhältnisse unter denen wir uns jetzt befinden, dürfte für die Leser Ihres geschätzten Blattes nicht uninteressant sein. Dass unsere Stadt hinsichtlich ihrer jüdischen Bewohner und deren Vermögensumständen zu den bedeutendsten Deutschlands zu rechnen ist, alles bedarf seiner Erwähnung, dass aber leider der Indifferentismus für die Interessen der heiligsten Güter des Menschen, für die Religion vielleicht in wenigen deutschen Städten so groß ist, als in Mannheim, dieses möchte nicht so publik sein. Eine Abgestumpftheit, eine Apathie gegen Judentum, gegen neues und altes Judentum wurzelt tief im Herzen vieler hiesiger Bürger. Da besuchen Sie doch einmal unsere Gotteshäuser – wir haben ihrer gegen sechs außer der Hauptsynagoge – sie finden kaum einige ... selbst am Sabbath! Unsere Lehranstalt, obwohl sie gegen neun Lehrer an der Spitze hat, ist nur höchst mittelmäßig. Fragen Sie mich nach der Ursache dieses Verfalles? Sie ist leicht zu suchen. Der letzte Rabbi war gegen neun Jahre amtsunfähig, konnte also weder einem gehörigen Gottesdienst vorstehen, noch sonst auf die Gemeinde wirken. Die Klausrabbinen außer Einem E., der wirklich einzig dem Zwecke des Geistes nachkommt, Tag und Nacht mit der Tora beschäftigt ist – bekümmern sich mehr um subjektive Angelegenheiten, d.h. sie sorgen zunächst für ihre Persönlichkeiten, der Vorstand aber wie man ihn hier nennt, der Synagogenrat besteht aus guten, aber schwachen Charakteren; die Lehrer teilweise ohne ernsteren Willen und zugleich ohne Gewalt, also ... ? Statt dass eine Stadt wie Mannheim ein würdiges Gotteshaus, einen tüchtigen Rabbiner besitzen sollte, hat sie ein zerfallenes Gebäude und wird natürlich, oder doch sehr wahrscheinlich jahrelang die Rabbinerstelle vakant lassen. –
Weiter sind nun alle Worte nicht am rechten Platz. Gott gebe, dass wir andern Geistes werden und dass Männer, denen das Heilige noch am Herzen liegt, besser für unsere Seligkeit sorgen."   

 
Tätigkeitsbericht des "Vereins zur Erziehung armer Waisen und Kinder dürftiger Eltern israelitischer Religion" (1861)       

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 23. April 1861: "Mannheim; im April (1861, Privatmitteilung). Der hiesige, vom Stadtrabbiner Herr Präger gestiftete 'Verein zur Erziehung armer Waisen und Kinder dürftiger Eltern israelitischer Religion' hat seinen zweiten Bericht veröffentlicht. Derselbe gibt Kunde sowohl von dem wohltätigen Wirken des Vereins auf seine Zöglinge, als auch von seinem finanziellen Gedeihen. Er erhielt im abgelaufenen Jahre an 1317 Fl. An regelmäßigen Beiträgen und 2620 Fl. an Legaten und Geschenken. So kam es, dass nach zweijährigem Bestande der Verein bereits 11 Kindern seine Wohltaten genießen lässt. Die Ausgaben des Vereins betrugen circa 920 Fl. Dass solche Vereine und Anstalten zu dem Berufe der Jetztzeit insbesondere gehören, brauchen wir hier nicht besonders hervorzuheben. "    
Anmerkung: zu Stadtrabbiner Moses Präger vgl. Wikipedia-Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Moses_Präger; Abbildung von Rabbiner Präger: https://scope.mannheim.de/detail.aspx?ID=723706

     
Ungewöhnliche Ziviltrauung: der deutschkatholische Prediger heiratet eine jüdische Frau (1862)        

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. August 1862: "Mannheim, 6. August. Morgen findet die erste Ziviltrauung nach dem neuen Gesetze statt. Der Prediger der deutschkatholischen Gemeinde, Herr Scholl, heiratet eine Israelitin. Die Proklamation geschah durch den Oberbürgermeister vor der Freitreppe des Rathhauses, die Trauung vollzieht der Stadtdirektor."    

     
Tätigkeitsbericht über den "Verein zur Erziehung armer Waisen und Kinder dürftiger Eltern israelitischer Religion" (1865)      

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. März 1865: "Mannheim, im März (1865, Privatmitteilung). Ein jedes wahrhaft gute Werk überdauert seinen Schöpfer und ist dann eine immergrüne Zypresse auf seinem Grabe. Unser verewigter Stadtrabbiner Präger hatte einen 'Verein zur Erziehung armer Waisen und Kinder dürftiger Eltern israelitischer Religion' gegründet, und der eben erschienene sechste Bericht, der das letzte Vereinsjahr umfasst, gibt Zeugnis für das Blühen dieses Vereins, dessen sich auch unser jetziger Rabbiner Dr. Friedmann kräftig annimmt. Auch in diesem Jahre sind nicht allein die Ausgaben des Vereins vollständig gedeckt, sondern auch sein Vermögen von 14.000 fl. auf 16.000 fl. erhöht worden. Für Unterricht, Kost und Wohnung von 12 Pfleglingen wurden 1.300 fl. verausgabt, und da jene auf eine völlig angemessene Weise befriedigt wurden, so ist das geringe Maß von Kosten, welches der Verein gebraucht, rühmend und als mustergültig hervorzuheben."
Anmerkungen: 
- Zu Stadtrabbiner Moses Präger vgl. Wikipedia-Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Moses_Präger; sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/a2-10-32a-praeger-moses-elias; genealogische Informationen siehe https://www.geni.com/people/Moses-Präger/6000000027386026780; eine Abbildung von Rabbiner Moses Präger https://scope.mannheim.de/detail.aspx?ID=723706.  
- Zu Rabbiner Dr. Bernhard Friedmann (1820 – 1886, ab 1861 Stadtrabbiner, von 1869 – 1879 Konferenzrabbiner; sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/b1-b-05-15-friedmann-bernhardyechiel-dov-dr  .

 
25-jähriges Jubiläum des Israelitischen weiblichen Kranken-Unterstützungs-Vereins (1866)     

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. Januar 1867: "Mannheim, 25. Dezember (1866). In diesen Tagen feierte der 'Israelitische weibliche Kranken-Unterstützungs-Verein sein fünfzigjähriges Jubiläum. Der Rabbiner Dr. Friedemann (Anm.) hielt eine warme Ansprache, die so vielen Anklang fand, dass das 'Mannheimer Journal' einen weitläufigen Auszug brachte. Wir heben einige, die Allgemeinheit betreffenden Stellen heraus: 'Auf die Geschichte der beiden Vereine eingehend, bemerkt der Redner: wie die Erkenntnis eines Gliedes Aufschluss gibt auf den ganzen Körner, so helfe die Geschichte der Städte, Gemeinden und Vereine das Verständnis der Weltereignisse vollenden, man erkenne den Makrokosmos in den Mikrokosmen, man müsse die Geschichte des großen Ganzen bis in ihre Wirkungen in den kleinsten Kreisen menschlicher Verbindungen verfolgen. Auch in den Entwicklungen der gefeierten Vereine sei eine Spiegelung der gesamten Erscheinungen der gleichzeitigen Welt wahrzunehmen. Die beiden Institute haben ihre Entstehung in einem in den Jahren 1795-97 gegründeten 'frommen Vereine der Jünglinge'. Wie die hebräischen Original-Urkunden ergeben, war die Tendenz des Vereines: Widmung der Mußestunden an den Abenden und dem Sabbate zum gegenseitigen, gemeinsamen Selbstunterricht in der heiligen Schrift und Verfolgung humaner Zwecke – dass nur Jünglinge in einem        
Mannheim AZJ 15011867a.jpg (351613 Byte)Vereine sich verbunden zur Erweiterung ihrer religiösen Bildung, beweist, dass man zur Zeit die religiös-literarischen Kenntnisse noch nicht als eine Zunftweisheit der Theologen betrachtet, und überhaupt die verderbliche Scheidung zwischen einem Laien- und Priestertume in israelitischen Kreisen noch unbekannt gewesen. Wenn jedoch die Jünglinge nicht rabbinische Chrestomathien (sc. Zusammenstellung von Texten in Lesebüchern), sondern die heilige Schrift zum Boden ihrer dilettantischen Studien wählten, so bekundet dies bereits den Einfluss der durch Moses Mendelssohn und seine Schule entstandenen Bibelübersetzung. Schon ganz im Strome der Neuzeit befindet sich der Verein im Jahr 1812. Die ergangenen vaterländischen Konstitutionsedikte hatten die Juden in Baden in israelitische Badenser verwandelt; es sollte aber auch die israelitische Volksmasse dem erteilten Staatsbürgertume zureifen; der Klein- und Haustierhandel, jüdischer Jargon und Dialekt, Eigentümlichkeiten, welche nicht aus der Religion, sondern aus der früheren aufgezwungenen Isolierung stammten, beseitigt werden. Zu diesem Behufe wurde von den Gemeinden des Landes ein Zentralfonds zur Heranbildung jüdischer Handwerker gestiftet. Auch unser Jünglingsverein wurde von diesen Strebungen ergriffen. Bis dahin betätigte er seine humanen Ziele in vielfachen Armenunterstützungen: 1812 beschloss er seine Mittel zur Förderung armer Knaben in der Erlernung einer Profession zu verwenden. In den Schriftstücken des Vereins wird ein Ringen nach korrektem deutschen Ausdrucke bemerkbar, auch genügte nicht mehr das Selbststudium der Bibel, man wählte einen Lehrer in der Person des damals noch jungen Hirsch Traub (Anm.), welcher später als Stadtrabbiner dahier gewirkt.' Aus diesem Jünglingsvereine ging 1815 'der Verein für weibliche Kranke' hervor, der bei Mitwirkung männlicher Vorsteher von edlen Damen aufs segensreichste geleitet wird. Der Redner sagt hier: 'Wie der Jünglingsverein auf religiösem Boden entstanden, so hatte auch der neue Verein in dem religiösen Glauben und Gefühle seine Quelle. An der Spitze der Statuten lese man die Gebote der Milde aus dem 3. Buch Moses 25, 35 und 5. Buch Moses 15, 7 -21, welche der Redner die magna charta der Armen nennt. In der Einleitung zu den Statuten werde der Gedanke entwickelt, dass der Kranke im wahren Sinne des Wortes der Bedürftige sei, und dabei auf betreffende Sprüche alter rabbinischer Weisen hingewiesen. Redner beleuchtet hier einen solchen rabbinischen Spruch, welcher Gott in menschlicher Weise Nackte kleiden, Kranke heilen und Toten die letzte Ehre erweisen lässt. Es sei schon gesagt worden, dass der Satz: 'Gott schuf den Menschen in seinem Bilde' auch in der Umkehrung wahr sei, d.h. der Mensch schaue Gott in seinem Bilde. Der Gottesbegriff der Völker entspreche stets ihrem eigenen sittlichen Wesen. Die Götter Griechenlands seien kunstsinnig, aber auch auf niedriger sittlicher Stufe, wie es die Griechen selbst gewesen. Plato habe daher Homer und Hesiod aus seinem Musterstaate verbannen mögen, weil ihre Götterlehre Unsittlichkeit verbreite. Die Israeliten hingegen, deren Wohltätigkeitssinn anerkannt ist, schauten die Gottheit als human wirkend. Plato wollte in seinem Idealstaate kranke Kinder ausstoßen und Kranke nicht ernähren und pflegen lassen, ein Terrorismus, der in einem israelitischen Geiste nimmer auftauchen konnte. Es sei eine erhebende Wahrnehmung, dass jede, auch die winzigste israelitische Gemeinde und selbst in den Zeiten des schrecklichen Druckes ihren wohltätigen Krankenverein hatte.' - 'In das Leben hineinschauend beleuchtet der Redner mit einem sinnreichen Gleichnisse die Wandelbarkeit äußerer Besitztümer. Die Spenden, welche dem Vereine an Beiträgen und Legaten gewidmet worden, würden sich jetzt, wenn nicht gespendet, dennoch schwerlich in den Händen der Geber oder ihrer Erben noch befunden haben. Aber in der moralischen, ewigen Person, die der Verein bildet, werden die an sich wandelbaren und vergänglichen Gaben mit dem Geber zu einer unveräußerlichen, fortdauernden Wirksamkeit verewigt."   
Anmerkungen:
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zu Rabbiner Dr. Bernhard Friedmann (1820 – 1886, ab 1861 Stadtrabbiner, von 1869 – 1879 Konferenzrabbiner; sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/b1-b-05-15-friedmann-bernhardyechiel-dov-dr  .
- zu Rabbiner Hirsch Traub, Stadt-, Konferenz- und Bezirksrabinner (1791 - 1849); sein Grab siehe https://de.findagrave.com/memorial/138288029/hirsch-traub oder  https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/a1-06-27-traub-hirsch.  

 
Über das Mannheimer Gebetbuch (1869)    

Mannheim AZJ 09031869a.jpg (293897 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 9. März 1869: "Mannheim, im Februar. Das Mannheimer Gebetbuch
Sie, hochverehrter Herr Redakteur, haben in den letzten Nummern Ihres geschätzten Blattes der Kultusfrage wiederum die gebührende Aufmerksamkeit zugewendet und ihr neuerdings eine eingehende gründliche Erörterung gewidmet, dass es mir angemessen und Ihnen willkommen erscheinen mag, wenn ich auf das vor einigen Monaten im Verlage von J. Bensheimer (Anm.) hier in 2. veränderter und vermehrter Ausgabe erschienene 'Israelitische Gebetbuch für die öffentliche und häusliche Andacht, zunächst für die israelitische Gemeinde in Mannheim' hinweise und die Grundsätze hervorhebe, auf die es gebaut worden, wie die Erfolge, die es erzielt hat, um damit einen Beitrag zu liefern, wie unter gegebenen Verhältnissen die Kultusfrage annähernd gelöst werden könne.
Das hier angezeigte Gebetbuch, bisher von der jüdischen Presse übergangen, verdient deren Beachtung und Würdigung aber umso mehr, als es seit seinem ersten Erscheinen im Jahr 1855 nicht bloß unserer hiesigen Gemeinde ein unschätzbares Gut, wert und teuer, geworden ist, sondern auch in viele andere Gemeinden des In- und Auslandes Eingang gefunden hat. Indessen dürfte eine richtige Beurteilung desselben auch nur dem gelingen, der innerhalb unserer Gemeinde steht, mit deren religiösem Standpunkt wie der Genesis des Buches vertraut ist. Dem außerhalb stehenden Kritiker hingegen, der a priori, d.h. von einem fremden Prinzipe oder Gesichtspunkte ausgehend, einen bestimmten Maßstab anlegen wollte und müsste, dürfte unser Gebetbuch als nach keiner Seite hin befriedigend erscheinen, für den orthodoxen zu reformatorisch, für den Reformator zu konservativ, kurz, sein Standpunkt als schwankend und prinziplos erfunden werden. Versuchen wir daher eine Besprechung dieses Buches, indem wir dessen Genesis voranschicken. Als vor 14 Jahren der selige Rabbiner Präger (sc. Rabbiner Moses Präger, 1817-1861) sein Amt in hiesiger Gemeinde antrat, war seine erste und vornehmste Sorge der Reform des öffentlichen Gottesdienstes gewidmet. Die Gemeinde, größtenteils der extremen, reformatorischen Richtung huldigend, und darum dem bestehenden veralteten, gänzlich verwahrlosten Gottesdienste entfremdet, hatte in ihrer Mitte auch eine beträchtliche Anzahl konservativer Mitglieder, die wohl nicht neuerungssüchtig, jedoch religionsbedürftig sind, aus warmem Interesse für die Erhaltung des väterlichen Glaubens eine Bessergestaltung der öffentlichen Gottesverehrung sehnlichst herbeiwünschten und kräftigst anstrebten. Es war somit wie die Aufgabe, so deren Lösung dem Rabbiner angezeigt. Es musste ein Kultus geschaffen werden, für die Gesamtgemeinde allen deren Richtungen Rechnung tragend und trotz ihrer Verschiedenheit alle vereinigend.
Die neu erbaute Synagoge sollte allen geöffnet, ein Bethaus für alle Völker (Jesaja 56,7) ein Bethaus für alle werden, sowohl die bisherigen Besucher fesseln als die Fernstehenden herbeiziehen. Diese Aufgabe in ihrem ganzen Umfange wohl begriffen und glücklich gelöst zu haben, bleibt das unsterbliche Verdienst des seligen Rabbiners Präger. Das von ihm geschaffene Gebetbuch ist allen vorhandenen Parteien, den Konservativen wie Reformern gleich gerecht geworden, den Erstern, indem es mit Ausschluss der Piutim (siehe  https://de.wikipedia.org/wiki/Pijjut)  sämtliche hebräische Gebete in ihrer ursprünglichen Fassung unverändert erhalten und nur einige wenige unwesentliche Stücke teils ausgeschieden, die sogar auf Anordnung des Großherzoglichen Oberrats in einem Anhange wieder aufgenommen werden mussten, teils Deutsch bearbeitet hat, den Letztern, indem es erstlich viele neue deutsche Gebete und Lieder aufgenommen und     
Mannheim AZJ 09031869b.jpg (334765 Byte)mitten in dem hebräischen Teil so eingefügt hat, dass das deutsche Element mit dem hebräischen abwechselt und mit diesem gleichberechtigt wird, sodann dass selbst in der Übersetzung der hebräischen Gebete der überwundene Standpunkt verlassen und nur der modernen Anschauung gehuldigt und Ausdruck gegeben ist. Es sind darum die Gebete über den Messias und die Wiederherstellung Jerusalems und des Opferkultus nicht in wortgetreuer Übersetzung, sondern vielmehr gemäß dem fortgeschrittenen Bewusstsein einer geläuterten, höheren Auffassung wiedergegeben worden, ein Verfahren, welches der Bearbeiter der 2. Ausgabe, Herr Dr. Friedmann (Anm.) in seiner Vorrede gründlich motiviert und rechtfertigt.
Ist nun solchergestalt eine Ausgleichung erzielt worden, dass der Moderne und der streng Altgläubige im gemeinsamen Gebete Erbauung und Befriedigung finde, so dürfte indessen diese Vermittelung nur möglich erscheinen in einer Gemeinde, wie die unsrige, wo die Gegensätze sich nicht schroff und feindlich gegenüberstehen, auf der einen Seite die Kämpfer gegen alles und jedes Neue, auf der andern die wider alles und jedes Alte, wo vielmehr wahre Toleranz, eine wohltuende Eintracht besteht, wo eine jede Partei der anderen Achtung und Wertschätzung und Vertretung ihrer Ansicht und Richtung willfährig zuerkennt. Unser Gebetbuch ist sonach das getreue Spiegelbild unserer Gemeinde und deren Physiognomie deutlich daran zu erkennen und eben wie dieser angemessen, so seinem Zwecke, vollkommen entsprechend.
Was jedoch diesem Gebetbuch erst seinen wahren und vollen Wert gibt und es vornehmlich vor vielen anderen auszeichnet, das ist die mustergültige Liturgie und Gebetordnung, die es einführt, welche den Gottesdienst feierlich, erhebend und weihevoll macht und über deren pünktliche Befolgung nicht nur der Vorstand, sondern jeder Einzelne unserer Gemeinde sorgsam wacht. Es darf uns darum auch nicht wundern, dass unser neues Gotteshaus in den 14 Jahren seines Bestandes an Besuchern nicht ab, sondern vielmehr zugenommen hat – an Sabbaten sehen wir es mäßig, an hohen Feier- und Festtagen übervoll – dass viele, welche dem Geschäftsverkehr keinen Tag des Stillstandes gewähren, doch einige Stunden dem Gottesdienste widmen, dass wiederum andere, nachdem sie ihre Andacht in anderen hier bestehenden Synagogen in althergebrachter Weise verrichtet, in dem neuen Gotteshause Erbauung und Belehrung suchen.
Wohl sind hierbei noch andere Anziehungskräfte wirksam, wie der herrliche und vortrefflich geleitete Chor und vornehmlich die ansprechenden Kanzelvorträge des Rabbiners, Herrn Dr. Friedmann, dessen eigentümliche und meisterhafte Predigtweise dauernden Eindrucks sich erfreut.
Erwägt man nun, wie sehr die Nutzbarkeit unseres Gebetbuches sich bewährt, welchen Segen es seit seiner Einführung gestiftet hat, so wird man es nur billigen müssen, dass es in seiner bisherigen Gestalt erhalten bleibe. Bei der längst nötig gewordenen neuen Auflage hat darum der Herausgeber, Herr Dr. Friedmann (Anm.), keinerlei wesentliche Änderung sich gestattet. Die gegenwärtige Ausgabe unterscheidet sich von der ersten nur in folgenden Punkten:
1. ist die Übersetzung eine dem hebräischen Texte ganz entsprechende, möglichst wortgetreue und dadurch für den Schulgebrauch mehr geeignet.
2. sind die wichtigsten Gebetsstücke aus dem Anfange (in der 1. Ausgabe) wiederum an ihre gehörige Stelle versetzt worden, wie solches vom Großherzoglichen Oberrate verfügt worden.
3. endlich wurde die neue Ausgabe vermehrt durch eine große Anzahl neue Gebet- und Erbauungsstücke für alle Vorkommnisse des Lebens, zumeist entnommen dem vortrefflichen Gebet- und Erbauungsbuche von Dr. Philippson (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Philippson),  wie durch einen Anhang, die Tefilla für Neujahr- und Versöhnungstag (gemeint sind Rosch Haschana und Jom Kippur) enthaltend.
Die vorliegende, um 12 Druckbogen bereicherte Ausgabe erscheint als eines der vollständigsten und zweckmäßigsten Gebet- und Erbauungsbücher und empfiehlt sich dem allgemeinen Gebrauche, ist auch zu diesem Behufe vom Großherzoglichen Oberrate und mehreren Rabbinern des Landes zur Einführung warm empfohlen worden. Wagner."  
Anmerkungen:
-  zum Verlag J. Bensheimer siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Bensheimer.
zu Rabbiner Dr. Bernhard Friedmann (1820 – 1886, ab 1861 Stadtrabbiner, von 1869 – 1879 Konferenzrabbiner; sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/b1-b-05-15-friedmann-bernhardyechiel-dov-dr
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Kritischer Bericht aus konservativ-orthodoxer Sicht zu einer "Konfirmanden-Prüfung" in der Gemeinde (1869)     

Mannheim Israelit 26051869.jpg (328135 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Mai 1869: "Mannheim. Ein Zufall führte mich den jüngsten Samstag (Schabbat Paraschat Behar-Bechukotai, das war Schabbat, 8. Mai 1869) nach Mannheim, an welchem wie alljährlich am Sabbat vor dem Schabuoth-Fest (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Schawuot), die sogenannte 'Konfirmanden-Prüfung' stattfinden. Ich hatte einer solchen seit Jahren bereits nicht beigewohnt, und ging daher, der drängenden Einladung eines Freundes nachgebend, mit einiger Neugierde (denn mehr als solche war es natürlich nicht), nach vollendetem Gottesdienste, in einer anderen Synagoge, in die Hauptsynagoge hoffend, dass mir auf eine oder die andere Weise zuteil werden wird. Ich wurde aber in dieser Hinsicht schwer enttäuscht. Herr Rabbiner Dr. Friedmann hatte bei meinem Eintritt in die Synagoge seinen Platz vor der heiligen Lade bereits eingenommen, um mit wenigen Worten die schön und sämtlich gleichmäßig geputzten Knaben und Mädchen auf den großen und bedeutsamen Akt – das Aufsagens einiger angelernter Fragen – vorzubereiten, fast könnte man sagen: zu stimmen (in dem Sinne, wie man eine Tongabel aufschlägt). Herr Dr. F. 'konnte seine Sache gut, die Kinder ebenfalls. Woran aber war in dem Abgefragten die Rede? Von verschiedenen Artikeln: 'Tugend', worunter das Vermeiden von 'Tierquälerei' mit eingerechnet, mit durchgenommen und mit abgefragt worden (Für was die armen Rabbiner neuesten Stils nicht alles Sorgen zu tragen haben!) Der zweite Artikel hieß 'Gewissen'. Aus den Antworten der Kinder auf die in diesem Zweige der 'Konfirmanden-Prüfung' an sie gerichtete Fragen war deutlich zu ersehen, dass dieser Artikel sehr dehnbarer Natur sei, denn von einem jüdischen Gewissen kam darin nichts vor. – Weiter war von 'Unsterblichkeit' die Rede, zuletzt auch vom 'Messias und die messianische Zeit'. In diesem letzten Artikel antizipierte Herr Dr. F. noch vor dem Zusammentreten der 'Synode' den in der Kasseler Rabbinerversammlung projektierten Standpunkt. Damit ich es nicht vergesse, will ich gleich hinzufügen: es wurden noch zu Anfang und Ende des weihevollen Akts zwei gut einstudierte Gebete von einem Knaben und einem Mädchen gesprochen. Das war alles? – Das war alles? Eine Menge Frauen, und noch mehr Mädchen waren im Parkett – ich wollte sagen: im Zuschauerraum der Männer – anwesend. Ich warf fast unwillkürlich einen Blick um und hinter mich und sah, dass die Synagoge ziemlich leer war und der allergrößte Teil der Mitglieder, die noch samstags die Synagoge besuchen, diese – wer kann wissen was auch welchem 'aufgeklärten' Motive? – bald nach Beginn der 'Konfirmanden-Prüfung' verlassen hatten. Von den Zurückgebliebenen aber - warum gingen jene, und warum bleiben diese? - saßen diese so strahlenden Angesichts und mit so offenem Munde da, dass sie in letzterem eine ganz eigentümliche Empfindung verspürt hätten, wenn es im Freien gewesen wäre und plötzlich zu regnen angefangen hätte! Wer und was eigentlich von diesem Getreuen (einige derselben kannte ich und man kann ihnen gewissenhaft das Zeugnis ausstellen, dass es große in jeder Hinsicht waren) angestaunt wurde, konnte mir nicht klar werden. Während ich aber, als schwachen Ausdruck der Gedanken, die mir darüber durch den Kopf gingen, zu einem Nachbar wie träumend die Worte sagte, muntus vult decipi, klopfte mir ein Bekannter von hinten auf die Schulter, klopfte mir ein Bekannter, der mich wahrnahm, von hinten auf die Schulter. 'Glauben Sie, dass einer von all den Jungen dort 'oren' kann? So lautete seien eigentümlich klingende Frage. 'Wie sollte ich daran zweifeln!' lautete meine naive Antwort darauf. 'Dann tut es mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass Sie viel zu optimistische Anschauungen von der Beschaffenheit unserer Religionsschulen hegen. Bei keinem einzigen von ihnen ist Solches der Fall (!!); die meisten von ihnen werden, sobald sie von der Synagoge nach Hause kommen, ins Comptoir zum 'Papa' laufen, aber ihre schriftlichen Arbeiten verrichten, ja, wenn es ihnen sonst schon gestattet ist, aber wenn sie es sonst schon geheim tun, sich ihre Zigarre dazu anzünden.
Als die letzte Frage beantwortet war, erhoben sich die Kinder wiederum, sämtlich, wie von einem elektrischen Strom berührt, mit einem Male von ihren Sitzen. Darauf 'leitete Herr Dr. F. den Aki mit einigen Worten aus', die damit begannen: Es jubeln unsere Herzen (!!), dass 'Ihr diese größte Stunde Eures bisherigen Lebens zu Eurer eigenen Freude, zur Freude Eurer Eltern und Angehörigen, und über alles, zur Freude Gottes (??) in befriedigender Weise zurückgelegt habet. Ihr seid jetzt aus dem Kindesalter herausgetreten, Ihr habet bewiesen,     
Mannheim Israelit 26051869b.jpg (90118 Byte) dass Ihr keine Kinder mehr seid, denn Ihr habet Fragen beantwortet, die weit über das Verständnis von Kindern hinausreichen (ein gründlicher mathematisch richtiger Beweis!?). In das Jugendalter seid Ihr aber noch nicht eingetreten, das werdet Ihr erst dann, wenn Ihr (von hier ab habe ich die Worte des Herrn Dr. F. nicht genau behalten, der Sinn derselben war aber genau der:) wieder hier erschienen und die Weihe dazu erhalten haben werdet. Bis dahin sind noch acht Tage (eine lange Zeit, dann werden nach dem Willen und dem Befehle des Herrn Dr. F. mit einem Glockenschlage alle diese Kinder reife Jünglinge, alle diese zarten Mädchen ausgebildete Jungfrauen werden: Was doch so eine Konfirmation, wenn sie nur in die rechen Hände kommt, für Zauberkünste zu bewerkstelligen vermag!), benützet dieselben jeden Ritz in Eurem Herzen auszufüllen, versöhnet Euch mit Eltern und Geschwistern usw. So sprach Herr Dr. F., dann kam noch ein gedrucktes Gebet an die Reihe und dann – aus war der Schmaus. Dann führte Herr Dr. im Gänsemarsch die junge Schar ab und lieferte sie, nach einer zum Synagogenhofe, hier an sich selbst ab. In den nächsten Jahren kommen einige ( ) aus den fünf Familien, die in Mannheim ihre Kinder nicht mehr beschneiden lassen, zur Konfirmandenprüfung: Gott bessere es!" 
Anmerkung: zu Rabbiner Dr. Bernhard Friedmann (1820 – 1886, ab 1861 Stadtrabbiner, von 1869 – 1879 Konferenzrabbiner; sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/b1-b-05-15-friedmann-bernhardyechiel-dov-dr

 
200-jähriges Jubiläum der Beerdigungsbruderschaft (1874)  

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. März 1874: "Mannheim, 23. Febr. (Privatmittelung) Gestern wurde auf Veranlassung des Großherzog. Synagogenrats das 200jährige Jubiläum der hiesigen Beerdigungsbruderschaft in der hiesigen Synagoge (sc. Hauptsynagoge F 2,13) feierlichst begangen. Der Gottesdienst wurde mit einem Chorale eröffnet, worauf Stadtrabbiner Dr. Friedmann vor einer dichtgedrängten Zuhörerschaft in einem 1 1/2-stündigen Vortrag in lichtvoller und klarer Weise die Geschichte des Vereins an der Hand dreier Stiftungsurkunden entwickelte. Wir glaubten uns in einem akademischen Lehrsaale zu befinden, in welchem ein bewährter Meister aus vergilbten Pergamenten Licht und Leben zu schaffen weiß und dadurch seine Zuhörer auf das Lehrreichste und Angenehmste fesselt. Wenn man erwähnt, dass für eine derartige Studie die Quellen äußerst spärlich ließen und die historische Spezialforschung nach dieser Seite erst in ihren Anfängen liegt und demgegenüber die von dem Redner gewonnenen Resultat, dessen glückliche Kombinationen und Folgerungen stellt, so wird man den Wert einer solchen Forschung nicht hoch genug anschlagen können und wir können nur den Wunsch äußern, dass derselbe seine historische Arbeit dem Drucke übergeben möchte, wodurch die Geschichte der israelitischen Gemeinde und der Stadt Mannheim überhaupt einen sehr schätzenswerten Beitrag erhalten würde. Wir wollen jedoch den reichen Inhalt in Kürze  skizzieren. Der Redner hat die Beerdigungsbruderschaft als ein Moment der Geschichte der hiesigen israelitischen Gemeinde beleuchtet; letzterer wies er ein hohes Alter zu. Während nämlich von den Geschichtsforschern die erste Spur des Vorhandenseins von Juden in Mannheim erst im Todesjahre Carl Ludwigs (1680) der sich von einem 'Mannheimer Judenarzte' (gemeint: Jakob Hayum, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_Hayum) behandeln ließ, gefunden wird, ist der Redner vielmehr der Ansicht, dass die Entstehung der jüdischen Gemeinde sehr kurz nach der ersten Gründung der Stadt Mannheim (1606) erfolgte. Eine solche Vermutung habe bereits Prof. Dr. Fickler leise angedeutet, welche der Redner aber durch neue Belege aus der ersten Stiftungsurkunde des Vereins und aus den Privilegien der Juden von 1690 ab zur Wahrscheinlichkeit erhob. Sein Resultat ist, dass Kurfürst Friedrich IV., der erste Gründer Mannheims, welcher 'alle und jede' Refugiés nach Mannheim zog, auch die jüdischen Refugié der damaligen Zeit herbeirief. Jüdische Refugiés aber waren Marannen, portugiesische Juden, die nach der Vertreibung der Juden aus Spanien heimlich den alten Glauben bewahrten, jedoch in Folge wiederholter Verfolgung die pyrenäische Halbinsel verließen und die Gemeinden Amsterdam, Rotterdam, Hamburg und Mannheim etc. gründete. Der Redner gab zu, dass dieses Resultat noch der Bestätigung durch weitere Forschungen, die er vorhabe, bedürft. Einen sicheren Boden für die Geschichte der jüdischen Gemeinde gewinne man allerdings von der Zeit der zweiten Gründung Mannheims ab und besonders durch die Stiftungsurkunde des Vereins, welche vom Februar 1674 datiert. Er charakterisiert ausführlich die große Persönlichkeit Carl Ludwigs, des zweiten Gründers Mannheims, und dessen Verhältnis zu den Israeliten. In letzterer Beziehung beleuchtet er die von Carl Ludwig geschehene Berufung des großen israelitischen Denkers Benedikt Spinoza nach der erneuerten Heidelberger Universität, er führte einen höchst interessanten Dialog 
Mannheim AZJ 10031874b.jpg (294507 Byte)zwischen Carl Ludwig und dem Stadtrabbiner von Mannheim an, welcher letzterer zur Zeit der Vereinsgründung florierte, er machte weitere Angaben über die Person des 'Mannheimer Judendoktors', welcher Vorsteher der israelitischen Gemeinde zur Zeit der Stiftung des Vereins gewesen. Wir würden den Rahmen eines Referats weit überschreiten, wollten wir alle jene lichtvollen Momente des interessanten Vortrags wiedergeben. Der Redner wies an der Hand der weiteren Vereinsurkunden und der von 1690 ab von den zeitigen Kurfürsten den Israeliten erteilten Schutzbriefe, welche sich in den Archiven des hiesigen Synagogenrats befinden, die Schicksale der jüdische Gemeinde während und nach dem orleansschen Kriege nach. Genau in die Zeit der zweiten Restauration Mannheims falle auch diejenige der israelitischen Gemeinde und des gefeierten Vereins, wofür die zweite Urkunde ein schätzbarer Beleg ist. Seit dieser Zeit haben sich Gemeinde und Verein in einem steigenden Wachstum befunden, denn während der Schutzbrief von 1690 nur 84 jüdische Familien kennt, spricht der Schutzbrief Carl Theodors (1748) bereits von 200 Familien. In diese Zeit falle eine Erneuerung der Wohltätigkeit des Vereins durch ein denselben zu Teil gewordenen Vermächtnis 1730, zur Ausstattung armer, vaterloser Bräute. Das Datum der dritten Stiftungsurkunde ist Februar 1786. Gänzlich neue Quellen, die der Redner benutzt hat, sind: Responsen der zeitigen Rabbiner, das für Seelenfeier bestimmte Memorialbuch der hiesigen Gemeinde und das Archiv des Synagogenrats.
In dem zweiten Teile des Vortrags gab der Redner in äußerst gedrängter Kürze die Entstehung solcher Vereine im Judentum überhaupt als vom vierten Jahrhundert herrührend.: betrachtete das Wesen und die Aufgabe des religiös-humanen Vereins, wies nach, dass schon nach den strengsten talmudischen orthodoxen Vorschriften ein solcher Verein auch zur Krankenpflege und Leichenbestattung von Nichtisraeliten und selbst Heiden verpflichtet sei. Der Redner hob anerkennend hervor, dass der gegenwärtige Verein seine religiös-humane Tendenz in vollem Maße gegen Arme und Reiche zur Verwirklichung bringt und forderte seine Zuhörerschaft auf, diese Tugend 'Liebe den Lebenden und Treue den Toten' treu zu bewahren.
Der Referent kann nicht umhin zu bemerken, dass die Tätigkeit eines solchen Vereins, der gegen Arme und Reiche ohne jegliche Belohnung, ja mit Zurückweisung einer jeden Anerkennung das Werk der Pietät gegen Jeden übt, von einem echt humanen Sinne Zeugnis gibt. – Der ernsten Feier folgte ein frohes Festmahl, welchem jedoch eine warme Ansprache des jetzigen Lehrers des Vereins, des Herrn Rabbiners Lindemann in den Räumen des Klausgebäudes noch voranging. Das Festmahl vereinigte die Mitglieder der Beerdigungsbruderschaft, die Vertreter des Synagogenrats, sowie diejenigen der israelitischen Kranken- und Wohltätigkeitsvereine, wobei ernste und heitere Trinksprüche wechselten. Das erste Hoch brachte Herr Rabbiner Lindemann beim Stadtrabbiner Herrn Dr. Friedemann aus, der das Fest mit einem Chorale eröffnete, worauf Herr Stadtrabbiner Dr. Friedmann vor einer dichtgedrängten Zuhörerschaft in einem 1 ½stündigen Vortrag in lichtvolle und klarer Weise die Geschichte des Vereins an der Hand zweier Stiftungsurkunden entwickelte. Wir glaubten uns in einem akademischen Lehrsaale zu befinden, in welchem ein bewährter Meister aus vergilbten Pergamenten Licht und Leben zu schaffen weiß und dadurch seine Zuhörer auf das Lehrreichste und Angenehmste fesselt. Wenn man erwägt, dass für eine derartige Studie die Quellen äußerst spärlich fließen und die historische Spezialforschung nach dieser Seite erst in ihren Anfängen liegt und dem gegenüber die von dem Redner gewonnenen Resultate, dessen glückliche Kombinationen und Folgerungen stellt, so wird man den Wert einer solchen Forschung nicht hoch genug aufschlagen können und wir können nur den Wunsch äußern, dass derselbe seine historische Arbeit dem Drucke übergeben möchte, wodurch die Geschichte der israelitischen Gemeinde und der Stadt Mannheim überhaupt einen sehr schätzenswerten Beitrag erhalten würde. Wir wollen jedoch den reichen Inhalt in Kürze skizzieren. Der Redner hat die Beerdigungsbruderschaft als ein Moment der Geschichte der hiesigen israelitischen Gemeinde beleuchtet, letzterer wies er ein hohes Alter zu. Während nämlich nur den Geschichtsforschern die erste Spur des Vorhandenseins von Juden in Mannheim erst im Todesjahr Carl Ludwigs (1680), der sich von einem 'Mannheimer Judenarzte' behandeln ließ, gefunden wird, ist der Redner viel mehr der Ansicht, dass die Entstehung der jüdischen Gemeinde sehr kurz nach der ersten Gründung der Stadt Mannheim (1606) erfolgte."      
Anmerkungen:
- zu Rabbiner Lippmann Lindmann (1806 - 1877): sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/b2-b-08-01-lindmann-lippmann

- zu Rabbiner Dr. Bernhard Friedmann (1820 – 1886, ab 1861 Stadtrabbiner, von 1869 – 1879 Konferenzrabbiner; sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/b1-b-05-15-friedmann-bernhardyechiel-dov-dr.

    
50-jähriges Bestehen des "Israelitischen Studienvereins" (1883)      

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. Januar 1883: "Mannheim, 14. Januar (Privatmitteilung) Anlässlich des 50jährigen Bestehens des 'Israelitischen Studienvereins' in hiesiger Gemeinde ist von dessen derzeitigem Schriftführer Herrn Dr. Traub ein Bericht veröffentlicht worden, dessen Mitteilungen besonders über die Entstehung des Vereins wohl geeignet sind, auch weiteren Kreisen Interesse und Würdigung abzugewinnen. 'Am 1. Januar 1883,' heißt es, 'sind gerade 50 Jahre verflossen, seit eine kleine Anzahl noch im Knabenalter stehender Söhne hiesiger israelitischer Familien unter Zustimmung ihrer Eltern zusammentrat, um durch milde Beiträge unbemittelte Glaubensgenossen in hiesiger Stadt zum Zweck ihrer Ausbildung zu unterstützen.' Als Hauptgrund wurde dem ursprünglichen Programm gemäß in den ersten Statuten die Unterstützung hier geborener Jünglinge der Kunst und Wissenschaft bestimmt, in zweiter Reihe auch Handwerker und Handlungsbeflissenen eine Beihilfe gewährt. Der wöchentliche Beitrag war auf 2 Kreuzer festgesetzt. Indes gedieh dieser unansehnliche Keim, genährt von der wachsenden Teilnahme der hiesigen Gemeindemitglieder und von den für den edlen Zweck begeisterten Begründern fortdauernd treu gepflegt, allmählich zu einem prächtigen Baume dessen Zweige immer weiter über das ursprüngliche Ziel sich erstreckten, gar manchen braven, aber in der Hitze des Daseinskampfes schmachtenden Studenten kühlenden Schatten und erquickende Früchte gewährend. Der Jahresbeitrag wurde allmählich bis auf 8 Mark erhöht, die Mitgliederzahl wuchs von Jahr zu Jahr und so konnten die Unterstützungen unter entsprechender Statutenveränderung in immer größerem Maße auch auf auswärts Gebürtige ausgedehnt werden. So weist der Verein allein für den Zeitraum von 1870 – 1882 die stattliche Zahl von 94 Stipendiaten auf, unter ihnen Theologen, Juristen, Mediziner, Philosophen, Polytechniker, Chemiker, Künstler, Praktikanten im Eisenbahndienst etc. Der Bericht konstatiert mit Genugtuung, dass die Mehrzahl derjenigen, welche der Verein während ihrer Studienzeit von Not und Sorgen hat entlasten helfen, zu einer ehrenvollen Stellung im bürgerlichen Leben, die übrigens, soweit bekannt zu einer auskömmlichen Existenz gelangt sind.' Von den 10 hochherzigen Knaben, welche in gedachter Weise den Verein gründeten, sollte es nur vieren gegönnt sein, nach Ablauf von 50 Jahren an ihrem Werke das Prophetenwort erfüllt zu sehen: 'Säet aus zum Wohltun und erntet nach Liebe.' Den derzeitigen Vorstand bilden: David Aberle, D. Ellreich, S. Traub, R.L. Mayer, J. Nadenheim, D. Oppenheimer, M. Wallach; der Erst- und Fünftgenannte Mitjubilare des Vereins, sämtlich für dessen Gedeihen von der eifrigsten, begeistertsten Hingebung beseelt. – Sehr wahr sind die Schlussbemerkungen des Berichtes, in denen er, hinweisend auf manchen für Erkenntnis begeisterten Jüngling, der in fruchtlosem Ringen schließlich 'der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb' auf sein ideales Lebensziel zu verzichten und einem rein materiellen Beruf sich hingeben muss, die ungemeinsam heilsame Wirksamkeit von Vereinen, wie der in Rede stehende einer ist, betont, wie er denn auch der allgemeinen Zustimmung sicher sein kann, wenn er die Aufgabe des Vereins für die nächste Zukunft dahin präzisiert, 'der neuerdings in einer das Bedürfnis weit überschreitenden Weise hervorgetretenen Einseitigkeit in der Wahl des Fachstudiums entgegenzutreten und das noch wenig betretene Feld der technischen Fächer und des Kunstgewerbes tunlichst zu berücksichtigen.' Indem wir so nicht umhin können, den rühmlichen Bestrebungen des Vereins unsere volle Anerkennung zu zollen, wünschen wir ihm zu weiterer gedeihlicher Tätigkeit von Herzen Glück und Segen.' S."    
Anmerkungen: 
- zu David Aberle, Kunst- und Möbelhändler, Mitglied im "Verein zur Beförderung des Wohls der arbeitenden Classen", Stiftungsgründer. Sein Sohn Julius stiftet Jahre später mit seiner Frau Henriette die Mannheimer Kunsthalle. Vgl. zum "Aberlering" in Mannheim https://www.marchivum.de/de/strassennamen/aberlering; Bericht zu seinem 70. Geburtstag (1887; interner Link); sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/a2-09-29-aberle-david 
- zu S. Traub = Salomon Traub; sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/d1-a-03-14-traub-salomon 
- zu R.L. Mayer = Rudolf Lehmann Mayer; seine Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/b2-mgr-10-mayer-rudolph-lehmann 
- zu J. Nadenheim = Isaac Nadenheim; sein Grab siehe  https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/c1-a-03-01-nadenheim-isaac 
- zu D. Ellreich = David Ellreich; seine Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/b1-a-01-05-ellreich-david 
- zu M. Wallach = Martin Wallach; sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/a2-10-08-wallach-martin.  

  
Anzeigen der Michael Mai'schen Stiftung (1877 / 1878 / 1880 / 1883 / 1886)  

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 31. Juli 1877: "Aus der Michael May’schen Stiftung in Mannheim sind auch in diesem Jahre Stipendien im Betrage von 600 Mark durch Großherzoglichen Oberschulrat für solche zu verleihen, welche sich dem Studium der jüdischen Theologie widmen oder zu widmen beabsichtigen, wobei Verwandte des Stifters den Vorzug haben. Geeignete Bewerber mögen ihre Gesuche unter Beilegung ihrer Moralitäts-, Studien- und Paupertäts-Zeugnisse spätestens bis zum 30. September d. J. an uns einsenden.
Mannheim 18. Juli 1877.
Der Verwaltungsrat der Michael May’schen Stiftung in Mannheim
T. Dr. Friedmann T. Salomon Stein T. Scheuer."  
   
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. Juli 1878: "Aus der Michael Mai’schen Stiftung in Mannheim sind auch in diesem Jahre Stipendien im Betrage von 600 Mark durch Großherzoglichen Oberschulrat für solche zu verleihen, welche sich dem Studium der jüdischen Theologie widmen oder zu widmen beabsichtigen, wobei Verwandte des Stifters den Vorzug haben. Geeignete Bewerber mögen ihre Gesuche unter Beilegung ihrer Moralitäts-, Studien- und Paupertäts-Zeugnisse spätestens bis zum 30.August d. J. an uns einsenden.
Mannheim 21. Juni 1878.
Der Verwaltungsrat der Michael Mai’schen Stiftung in Mannheim.
Dr. Friedmann   Scheuer   Salomon Stein
Stadt- und Konferenzrabbiner."
 
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. November 1880:  "Aus der Michael Mai’schen Stiftung in Mannheim sind auch in diesem Jahre Stipendien im Gesamtbelaufe von 600 Mark durch Großherzoglichen Oberschulrat für solche zu verleihen, welche sich dem Studium der jüdischen Theologie widmen oder zu widmen beabsichtigen, wobei Verwandte des Stifters den Vorzug haben. Geeignete Bewerber mögen ihre Gesuche unter Beilegung ihrer Moralitäts-Studien und Vermögens-Zeugnisse spätestens bis zum 1. Februar 1881 bei uns einreichen.
Mannheim, den 19. November 1880
Der Verwaltungsrat der Michael Mai’schen Stiftung
J. M. Bielefeld    David Ellreich. "  
 
Mannheim AZJ 01051883.jpg (42331 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. Mai 1883:  "Aus der Michael Mai’schen Stiftung sind für 1883 Stipendien im Betrage von 600 Mark durch Großherzoglichen Synagogenrat an solche zu vergeben, die sich dem Studium der jüdischen Theologie widmen, oder zu widmen beabsichtigen wobei Verwandte des Stifters den Vorzug haben. Die Bewerbungsgesuche sind mit Beifügung der Sitten-, Studien- und Bedürftigkeitszeugnisse bis 31 Mai an uns einzureichen. (F6418)
Mannheim, 14. April 1883.
Der Verwaltungsrat der Michael Mai’schen Stiftung
J.M. Bielefeld, D. Ellreich, J. Nadenheim."   
 
Mannheim AZJ 16021886.jpg (55326 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 16. Februar 1886:  "Aus der Michael Mai’schen Stiftung in Mannheim sind vom Großherzoglichen Synagogenrat Stipendien zu vergeben an junge Leute, welche jüdische Theologie studieren oder sich diesem Studium wollen. Verwandte des Stifters werden bevorzugt. Die Bewerbungsgesuche sind samt Studien-, Sitten- und Bedürftigkeits-Zeugnisse sind bis 1. Mai dieses Jahres an uns einzusenden.
Mannheim, 1. Februar 1886 (F 124)
Der Verwaltungsrat der Michael Mai’schen Stiftung
J.M. Bielefeld    Ellreich    J. Nadenheim."   
Anmerkungen:
- zu Michael May, Oberhof- und Milizfaktor (gest. 1731) erwarb 1717 eine kurfürstliche Lizenz zur Errichtung einer Klaus https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_(Schule), womöglich in F 3.
- zu Rabbiner Dr. Bernhard Friedmann (1820 – 1886), ab 1861 Stadtrabbiner, von 1869 – 1879 Konferenzrabbiner; sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/b1-b-05-15-friedmann-bernhardyechiel-dov-dr.
- zu Synagogenrat Salomon Stein (1828 – 1880); sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/b2-c-03-09-stein-salomon 
- zu Joseph Moritz Bielefeld (1814 – 1908); sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/b1-mgr-07-bielefeld-joseph-moritz 
- zu J. Nadenheim = Isaak Nadenheim (1817 - 1890); sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/c1-a-03-01-nadenheim-isaac 
- zu D. Ellreich = David Ellreich (1814 - 1886); sein Grab siehe  https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/b1-a-01-05-ellreich-david.
 

    
Spende der Großherzogin für den israelitischen Frauenverein (1888)          

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 28. Juni 1888: "Mannheim, 14. Juni (Privatmitth.) Zur Erinnerung an den 12. Juni – Geburtstag des verstorbenen Prinzen Ludwig – übersandte die Frau Großherzogin der Frau Oberrat Willstätter in Karlsruhe für den israelitischen Frauenverein die Summe von 300 Mark. "        
Anmerkung: zu Oberrat Willstätter vgl. Bericht zum 70. Geburtstag von Oberrat Benjamin Willstätter (interner Link)  

   
Ausschreibungen von Stellen im israelitischen Kranken- und Pfründnerhaus (1890)     

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. März 1890: "Die Verwaltung des israelitischen Kranken- und Pfründnerhauses in Mannheim sucht eine
Oberwärterin, welche zugleich die ökonomische Verwaltung der Anstalt besorgen kann.
Reflektantinnen, (gleichviel welcher Konfession) wollen sich unter Vorlage ihrer Zeugnisse und Angabe ihrer persönlichen Verhältnisse an die Annoncen-Expedition von Rudolf Mosse, Mannheim, wenden, woselbst auch nähere Bedingungen zu erfahren sind."
  - - -
Die Verwaltung des israelitischen Kranken- und Pfründnerhauses in Mannheim sucht eine
zuverlässige, selbstständige
israelitische Köchin.

Reflektantinnen wollen sich unter Vorlage ihrer Zeugnisse und Angabe ihrer persönlichen Verhältnisse an die Annoncen-Expedition von Rudolf Mosse, Mannheim, wenden."       
Anmerkung: Das Israelitische Krankenhaus befand sich damals in E 5,9. Erbaut wurde es 1711, 1894 vergrößert, da auch christliche Mannheimer sich dort behandeln ließen. Im Jahr 1936 musste es auf Druck der Stadtverwaltung schließen, die es dann abreißen ließ und an dieser Stelle das heutige Rathaus errichtete. 

    
Der jüdische Gesangverein "Liederkranz" gewinnt einen ersten Preis beim badischen Sängerbundfest (1890)       

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. Juni 1890: "Dieser Tage fand in Karlsruhe gelegentlich des fünften badischen Sängerbundfestes ein Wettsingen statt an welchem 160 Vereine mit ca. 6.000 Sängern aus den verschiedenen Städten und Städtchen Badens teilnahmen. Den ersten Preis für ausgezeichnete Leistungen im 'Kunstgesang' erhielt der 'Liederkranz', ein Mannheimer Verein, der nur aus Juden besteht und dessen langjähriger Dirigent der Hofkapellmeister Langer ist. Das Preisrichterkollegium bestand aus den Herren: Domkapellmeister Kanorlander - Augsburg, Prof. M. Meyer-Albersleben - Würzburg, Komponist Pfeil - Leipzig, Hofkapellmeister Ruzek – Karlsruhe und Musikdirektor Zöllner – Köln."  
Anmerkungen: 
- zum Liederkranz, jüdischer Gesangverein: gegründet 1855 aus dem Gottesdienstchor der Hauptsynagoge. Es handelte sich beim Liederkranz um einen Männerchor, der das klassische deutsche Lied vortrug. Seit 1929 durften auch Frauen dort singen. Dass der Chor hauptsächlich jüdisch war, schloss aber eine Zusammenarbeit mit christlichen Musikern keinesfalls aus. Bis 1936 war der Liederkranz in E 5, dann zog er wegen des Abrisses von E 5 nach Q 2,16 um. Prägender Dirigent des Liederkranzes war der Frankfurter Max Sinzheimer vgl.  https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00004218 
- zu Hofkapellmeister Langer – Ferdinand Langer aus Leimen vgl. https://www.leimen.de/de/stadt-leimen/leimener-persoenlichkeiten/ferdinand-langer 
- zu Prof. Max Meyer-Olbersleben, Würzburg vgl. https://wuerzburgwiki.de/wiki/Max_Meyer-Olbersleben 
- zu Hofkapellmeister Josef Ruzek, Hoftheater Karlsruhe vgl. https://ka.stadtwiki.net/Hoftheater_Karlsruhe 
- zu Musikdirektor Heinrich Zöllner, Köln vgl. https://de.qwe.wiki/wiki/Heinrich_Zöllner.

  
Mitteilungen über ältere Archivalien (1894)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Februar 1894:  "Mannheim. Wir lesen in der letzten Nummer des in Karlsruhe erscheinenden 'Verordnungsblattes des Großherzoglichen Oberrats der Israeliten': Zufolge der vom Großherzoglichen Oberrat mit Verfügung vom 2. Mai 1893 gegebenen Anregung wurde von dem Synagogenrat in Mannheim der dortige, auch in weiteren Kreisen vorteilhaft bekannte Gemeindebeamte Herr Leopold Mayer (vgl. https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/c2-b-02-01-mayer-leopold) mit der Sammlung und Verzeichnung der im Besitze der Gemeinde befindlichen alten urkundlichen Materialien betraut. Der Genannte hat sich der Aufgabe mit Geschick und Gewissenhaftigkeit unterzogen, wie seine uns vorliegende umfangreiche Ausarbeitung uns dartut. Wir entnehmen derselben Folgendes: Die israelitische Gemeinde Mannheims besitzt ein sehr gut erhaltenes auf Pergament geschriebenes Memorbuch (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Memorbuch), welches auf Veranlassung des Vorstehers der wohltätigen Vereine, R. Josua Oberbrunn, im Jahre 1684 von R. Schimeon Ulma begonnen  
Mannheim Israelit 22021894b.jpg (288740 Byte)wurde: Obenan stehen die Namen von Märtyrern und berühmten Männern der jüdischen Gemeinschaft. Der erste Eintrag nennt Sorle, Tochter des R. Schimeon Wolf Oppenheim und Frau des berühmten R. Jizchak Brillen*, gestorben 1673. Sodann folgen, mit ihrem Rabbiner Jizchak ben Elieser an der Spitze (derselbe war bis zu seinem 1678 erfolgten Tode Rabbiner in Mannheim) eine Reihe aus Hammelburg, Provinz Fulda, Vertriebener, welche den Namen ihres Heimatortes angenommen, welche den Namen ihres Heimatortes angenommen zu haben scheinen. Weitere Einträge beziehen sich auf Glieder der noch jetzt in Mannheim ansässigen Familien Bensheim (erster Eintrag 1673), Lorsch (erster Eintrag 1679), Hachenburg (erster Eintrag 1673), Ladenburg (erster Eintrag 1700), Wachenheim (erster Eintrag 1730), Karlebach (erster Eintrag 1721), Dinkelspiel (erster Eintrag 1703), Otterburg (erster Eintrag 1734). Ferner finden sich aus dem vorigen Jahrhundert viele Glieder der Familie Reinganum (das heißt Rheingönnheim), darunter Lämle Moses (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Lemle_Moses_Reinganum), der Begründer der noch jetzt segensreich wirkenden Klaus-Stiftung (1708, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Lemle-Moses-Klaussynagoge). Die Eintragungen, welche meist poetisch gehalten sind und sich vielfach durch Schönheit des Rhythmus auszeichnen, gehen vom Jahre 1673 bis zum Jahr 1858. – Von den zahlreichen und wertvollen Geräten für den gottesdienstlichen Gebrauch, welche die Gemeinde besitzt, stammt das älteste, eine silberne Kanne, aus dem Jahr 1690. Ein sehr kostbarer, getriebener Pokal rührt von Elias Hayum (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Elias_Hayum), dem Begründer einer großen Stiftung, der, in dessen Familie er sich vererbte, bis er von seinem Enkel Gottschalk Mayer** (gest. 1835) der Gemeinde zum Geschenk gemacht wurde. Aus Anlass der Einweihung der neuen Synagoge ließen die Nachkommen des letzteren, die Familien Mayer und Ladenburg, eine goldene Unterplatte dazu machen. Sehr reich ist die Gemeinde auch an prächtigen, goldbestickten Tora-Vorhängen, deren ältester im Jahre 1760 gestiftet ist. Besonders bemerkenswert ist der Vorhang des schon oben genannten Elias Hayum aus dem Jahre 1775, welcher ein Geschenk des Kurfürsten Karl Theodor an den Vater des Stifters, Cajim Bing, gewesen sein soll. Von besonders hohem Kunstwert ist ein von Michel Mey im Jahre 1714 gestifteter Vorhang, dessen Spiegel als eine Klosterarbeit aus dem 15. Jahrhundert erkannt worden ist. – Die Untersuchung der Grabsteine aus dem alten israelitischen Friedhofe hat ergeben, dass der älteste aus dem Jahr 1645 stammt. Unter den namhafteren Personen, welche dortselbst beerdigt sind, mögen folgende erwähnt sein: Rabbi Mosche Lissa, Großrabbiner aus Lissa (1741), R. Mosche Bing, Vorsteher der Pfalz (1724), Salme Hachenburg, Vorsteher der Provinz Baden (1752), R. Akiba Lehren, Großrabbiner aus Amsterdam (1723), R. Mirwa, Großrabbiner aus Jerusalem (1723), R. Hillel Minz, Großrabbiner aus Leipnit (1631), ferner die schon oben genannten Stifter Lämle Moses Reinganum (1724) und Elias Hayum (1766). – Schließlich verdient noch angemerkt zu werden, dass im Besitze der Gemeinde ein Tefilla (Gebetbuch), ein vollständiges Machsor (Gebetbuch für Festtage) und ein Psalter sich befinden, welche im Jahre 1720 auf Pergament geschrieben sind. In das erstbezeichnete Buch, haben sämtliche damalige Gemeindemitglieder ihre Namen eingetragen. – Wie wir hören, hat Herr L. Mayer das der israelitischen Gemeinde Mannheim gehörige Memorbuch aus der Ursprache ins Deutsche übersetzt und alphabetisch geordnet und wird demnächst auf Veranlassung des Synagogenrates im Drucke erscheinen. Die Herausgabe dieses Werks wird jeden Forscher, besonders aber jeden Alt-Mannheimer, interessieren."

*
Anmerkung: Rabbiner Brillen: Hier handelt es sich um den am 31.12.1678 verstorbenen Rabbiner Isaak Brilin.
** Anmerkung: Beim erwähnten Gottschalk Mayer handelt es sich um den Großvater des Dirigenten Hermann Levi (1839-1900). Hermann Levi, dessen Mutter Henriette Levi geb. Mayer im Jahr 1842 starb, besuchte ab 1852 bis zum Jahr 1855 in Mannheim das dortige Vereinigte Großherzogliche Lyceum https://www.mannheim.de/de/tourismus-entdecken/stadtgeschichte/stadtpunkte/buergertum-handel-industrie/lyceum. Gottschalk Mayer war der Sohn von Oberhoffaktor Elias Mayer vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Elias_Mayer). Hermann Levi stammt in direkter Linie von Wolf Hajum Ladenburg ab. Wolf Hajum Ladenburg (25. Januar 1766 - 9. September 1851) war Begründer des Mannheimer Bankhauses Ladenburg https://de.wikipedia.org/wiki/Bankhaus_Ladenburg. Seine Tochter Rebekka Ladenburg (27. Januar 1788 - 24. Januar 1864), eine Schwester von Seligmann Ladenburg, heiratete Hajum Gottschalk Mayer. Aus dieser Ehe gingen mehrere Kinder hervor, darunter auch Henriette verheiratete Levi (28. Januar 1807 – 23. Dezember 1842), die Mutter von Hermann Levi. Der Mannheimer Bankprokurist Wilhelm Lindeck, ehemals Levi, war sein älterer Bruder.
Quellen: Stadtarchiv Mannheim (Hg.): Brahms, Johannes, Briefwechsel mit dem Mannheimer Bankprokuristen Wilhelm Lindeck, 1872 – 1882. Heidelberg 1983.
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/ladenburg1882
https://www.deutsche-biographie.de/pnd118865900.html
https://www.lagis-hessen.de/pnd/118865900 
Zu Hermann Levis Mannheimer Vorfahren berichtet Sigismund von Dobschütz sehr ausführlich ab S.13
http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20420/Goldschmidt-Vorfahren.pdf
Siehe auch den Artikel "Über die neue Synagoge" (1855), in dem der 15jährige Hermann Levi als Komponist einer Kantate aufgeführt wird. Zur neuen Synagoge siehe Seite zur Synagoge in Mannheim, Hauptsynagoge in F 2,13/15 (interner Link). Siehe auch das Video in https://www.youtube.com/watch?v=4Gdc4pfdlO4 

  
Das Haus des Waisenvereins wurde eröffnet (1894)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Mai 1894: "Mannheim. Das neu erbaute Haus des hiesigen israelitischen Waisenvereins wurde am Sonntag in feierlicher Weise seiner Bestimmung übergeben. Es war nur ein schlichter Akt, der nur in einem kleinen Kreise stattfand; es waren außer dem Vormund und den früheren Mitgliedern desselben Herr Geheimer Rat Lamey (Anm.), Herr Oberbürgermeister Beck, Herr Bürgermeister Klotz, der israelitische Gemeindevorstand und einige nahe Freunde der Anstalt erschienen, Der Festakt vollzog sich in würdigster Weise. Nach einem stimmungsvollen Quartett von Mitgliedern des 'Liederkranz' (jüdischer Verein, Anm.), sprach der Vorsitzende des Vereins, Herr A. Lenel, in warmen Worten über die Entstehung und Bedeutung des neu erbauten Hauses. Er erzählte, wie der Verein vor 35 Jahren seine Tätigkeit begann, wie die Meinungen, ob eigenes Heim oder Unterbringung in Familien besser sei, lange geschwankt hätten, und wie man durch die Macht der Umstände gezwungen, sich zur Erziehung der Waisen im eigenen Hause des Vereins entschloss. Mit einer Ansprache an die Kinder, sich des neuen Hauses zu freuen, es in Ehren zu halten und mit warmen Segenswünschen für die Neuschöpfung beendete Herr Lenel seine zu Herzen gehenden Worte. Zwei Pfleglinge des Heims, ein Knabe und ein Mädchen, dankten in poetischen Worten. Ein Schlussgesang des 'Liederkranz' bildete das Ende des Festakts. Hierauf fand eine Besichtigung des neuen Hauses statt. Alle Anwesenden äußerten sich in rührender Weise über die praktische Einrichtung, die namentlich den Kindern das verschafft, was am meisten Not tut, Licht und Luft, und die in jeder Weise Mustergültiges leistet. Möge dem so segensreich schaffenden Verein es vergönnt sein, in seiner neuen Heimstätte in gleicher Weise fortzuwirken."      
Anmerkungen:  Von 1910 bis 1928 leitete der Lehrer Karl Billigheimer, Vater von Prof. Dr. Samuel Billigheimer, das Waisenhaus.
- zum Liederkranz, jüdischer Gesangverein: gegründet 1855 aus dem Gottesdienstchor der Hauptsynagoge. Es handelte sich beim Liederkranz um einen Männerchor, der das klassische deutsche Lied vortrug. Seit 1929 durften auch Frauen dort singen. Dass der Chor hauptsächlich jüdisch war, schloss aber eine Zusammenarbeit mit christlichen Musikern keinesfalls aus. Bis 1936 war der Liederkranz in E 5, dann zog er nach Q 2,16 um. Prägender Dirigent des Liederkranzes war der Frankfurter Max Sinzheimer: https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00004218 
- zum Geheimen Rat Dr. August Lamey vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/August_Lamey

   
Würdigung von Geheimrat Dr. August Lamey anlässlich seines Rücktrittes aus dem politischen Leben (1894)     

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. April 1894: "Mannheim, 29. März. Namens der Gesamtheit der badischen Israeliten ist von einer aus Mitgliedern des Großherzoglichen Oberrats sowie der Synagogenräte zu Mannheim und Karlsruhe bestehenden Abordnung Seiner Exzellenz Herrn Geheimrat Dr. August Lamey in Mannheim eine Adresse überreicht worden, anlässlich seines Rücktritts aus dem politischen Leben. In dieser Adresse heißt es unter anderem: 'In der Reihe der Gesetze, welche von Eurer Exzellenz unter den Augen und in dem hohen Sinne unseres erhabenen, vielgeliebten Landesherrn vorbereitet und durchgeführt wurden und welche sämtlich von dem Geiste der Freiheit und Gerechtigkeit durchweht sind, nimmt das Gesetz vom 4. Oktober 1862, die bürgerliche Gleichstellung der Israeliten betreffend, eine an sich hochprächtige und für die badischen Israeliten ganz besonders bedeutsame Stelle ein. Durch dieses Gesetz, welches neben der Zeichnung seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs die Gegenzeichnung Eurer Exzellenz trägt, ist es den badischen Israeliten möglich geworden, in den Jubel des Volkes über die großen Errungenschaften der 1860er Jahre mit ganzem Herzen einzustimmen und auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens nach bestem Wissen und Können mitzuarbeiten am Wohle und Gedeihen des Ganzen'. Die Worte aber, mit welchem Eure Exzellenz die Begründung jenes Gesetzes eingeleitet haben: 'Die Hinwegräumung der letzten Hindernisse, welche nach der bis jetzt bestehenden Gesetzgebung nach der völligen Gleichstellung der Israeliten mit der christlichen Bevölkerung des Landes entgegenstehen, ist nicht nur vom Standpunkte der Humanität und der Zivilisation eine unabweisbare Forderung der Gerechtigkeit; sie ergibt sich auch in logischer Notwendigkeit aus der folgerichtigen Entwicklung der Grundsätze unserer Verfassung', diese Worte hallen heute noch in uns wieder und bilden ein beredtes Zeugnis von den edlen Motiven, welche das Wirken Eurer Exzellenz geleitet haben. Wir empfinden es daher als ein Herzensbedürfnis und als eine heilige Pflicht neben unserer innigen Teilnahme an allen Sie hochehrenden Kundgebungen Eurer Exzellenz unseren besonderen tiefgefühlten Dank auszusprechen für Ihre hochherzige und bahnbrechende Arbeit zur Durchführung des heiligen Rechtsgrundsatzes der Gleichheit aller vor dem Gesetze.' Geheimrat Dr. Lamey erwiderte auf die Adresse in längerer Rede, in welcher er seiner Freude über die ihm entgegengebrachten Gesinnungen Ausdruck gab und unter interessanter Darlegung der politischen Situation zur Zeit der Erlassung des Emanzipationsgesetzes seine Genugtuung darüber bekundete, dass das Gesetz die von ihm erwartete Annäherung zwischen der christlichen und der jüdischen Bevölkerung, soweit es in einem verhältnismäßig doch sehr kurzem Zeitraum möglich war, zur Folge gehabt habe. Die neuste Zeit, welche sich in allerhand radikalen und extremen wirtschaftlichen und politischen Parteischöpfungen gefalle, habe allerdings auch den Antisemitismus gezeitigt. Er betrachte alle diese Strömungen als vorübergehende Erscheinungen des Volkslebens, und wenn die Israeliten auch weiterhin ruhig, besonnen und einsichtig vorgingen und namentlich der Verlockungen des politischen Radikalismus gegenüber sich ablehnend verhalten, so sei mit Sicherheit zu erwarten, dass die Angleichung der Gegensätze, trotz einer zwar lauten, aber doch nur von wenigen ausgehenden Gegenagitation im Stillen immer weitere Fortschritte machen werde."    
Anmerkung: vgl. zu Dr. August Lamey https://www.deutsche-biographie.de/sfz47548.html.   


Enthüllung des Kaiser-Wilhelm-Denkmales und weitere Mitteilungen (1894)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Oktober 1894: "Mannheim. In Anwesenheit des Großherzogs von Baden, seiner hohen Gemahlin und anderer hoher Festlichkeiten wurde sonntags das Kaiser-Wilhelm-Denkmal enthüllt. Zur Erinnerung an diesen Tag 2 Glaubensgenossen, Mitglieder des hiesigen Militärvereins, die Herren Carl Reiß und Jakob Kahn Spenden (von) 1000 und 500 Mark an notleidende Mitglieder des Vereins, welche den deutsch-französischen Krieg mitgemacht haben, überwiesen, was gelegentlich des Banketts von General Röder von Diersburg besonders rühmend hervorgehoben wurde. Die Großherzogin besuchte unter anderen Anstalten auch das israel(itische) Kranken- und Pfründnerhaus, wo sie von den Oberräten Bensheim und Dr. Staadecker und dem Hausarzte Dr. Kahn empfangen wurde. Die hohe Frau sprach sich über alles, was sie gesehen hatte, sehr befriedigt aus."     
Anmerkungen:
- zu Jakob Cahn (1880 in Rülzheim – 1920): sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/e2-a-05-15-cahn-jakob 
- zu Oberrat Simon Bensheim (1823- 1898); sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/b1-mgr-03-bensheim-simon 
- zu Dr. Staadecker = Dr. Abraham Staadecker (geb. 1846 in Merchingen, gest. 1910 in Mannheim), Rechtsanwalt und Synagogenrat, zeitweise Oberrat und Gemeindevorsteher: sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/c2-mgr-22-staadecker-abraham-dr.  
- Das Israelitische Krankenhaus befand sich damals in E 5,9. Erbaut wurde es 1711, 1894 vergrößert, da auch christliche Mannheimer sich dort behandeln ließen. Im Jahr 1936 musste es auf Druck der Stadtverwaltung schließen, die es dann abreißen ließ und an dieser Stelle das heutige Rathaus errichtete.

 
Vortrag im Verein für jüdische Geschichte und Literatur (1895)    

Mannheim AZJ 11011895.jpg (251306 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. Januar 1895: "Mannheim, 4. Januar. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach gestern Abend der Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer – Köln über 'Napoleon I. Stellung zum Judentum.' Der zahlreiche Besuch bewies wohl am besten, wie in den beteiligten Kreisen den Bestrebungen des jungen Vereins immer mehr Verständnis entgegengebracht wird und die Geschichte mehr und mehr zum Gegenstand des Studiums und der Unterhaltung gemacht wird. Der Redner ging in flüchtigen Skizzen auf den Lebensgang Napoleon I. ein und führte in höchst belehrender und unterhaltender Weise Episoden aus dem Leben des großen Korsen an. Schrittweise begleitet er den genialen Kriegshelden auf seinen Siegeszügen bis zu jenem ewig denkwürdigen ägyptischen Feldzug, wo Napoleon zuerst zum Judentum in Beziehungen tritt. Bei der Belagerung von Arco erließ der damalige General Bonaparte eine Proklamation an alle in Ägypten und Syrien lebenden Juden, sich unter seine Fahne zu scharen und versprach ihnen, die Wiederaufrichtung ihres Reiches. Zwar wurde dieser Aufforderung nur vereinzelt Folge gegeben, denn eine solche Restauration des jüdischen Reiches erschien damals aussichtslos. Napoleon kehrte nach Frankreich zurück, wo er nach dem Sturze der Direktorialgewalt sich die Krone Frankreichs aufs Haupt setzte. Es kam das Jahr 1806, wo Napoleon auf seinem Feldzug gegen Preußen und Österreich in Straßburg verweilt. Dort war es, wo die elsässischen Bauern ihm ihre Klagen gegen das Judentum vorbrachten. Ein Staatsmann von der Bedeutung Napoleons sucht dem Übel an die Wurzel zu gehen, und so berief er den Staatsrat, der nach längerer Tagung unter des Kaisers Vorsitz beschloss, ein Synedrium der angesehensten Juden Frankreichs nach Paris einzuberufen. Dasselbe trat im Juli 1806 zusammen und beriet über die vom Kaiser gestellten zwölf Fragen, die sämtlich in günstigem Sinne beantwortet wurden, womit sich das französische Judentum als einen Teil des französischen Volkes erklärte. Merkwürdig ist dabei die Stellung Napoleons selbst, der niemals das Judentum als eine Religion, sondern nur als ein Volk, eine Nation betrachtete und dabei sich auf jene Beweise stützte, die heute auch von antisemitischer Seite als Trumpf ausgespielt werden. Um den Beschlüssen des Synedriums gewissermaßen die Kraft eines allgemeinen jüdischen Dogmas zu geben, berief Napoleon 1806 das große Sanhedrin nach Paris, das, aus Juden aller Nationen bestehend, die Beschlüsse des Synedriums als bindend erklärt. Im späteren Verlaufe seiner Regierung kam Napoleon nicht mehr in Berührung mit dem Judentum, doch ist die Stellung Napoleons um so weltgeschichtlicher, als er der Erste war, der in solcher Weise dem Judentum nahe trat; die staatsmännischen Erwägungen, die ihn dabei leiteten, sind der Geschichte unbekannt geblieben. Frei von aller historischen Trockenheit wusste der Vortragende seine Ausführungen höchst interessant zu gestalten, und lohnte das zahlreiche Auditorium den belehrenden Vortrag durch reichen Beifall."    

    
Purimfeier des "Vereins zur Förderung des israelitischen Religionsunterrichts" (1901)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. März 1901: "Mannheim, im März (1901). Es ist immer erfreulich, wenn man aus unserer Gemeinde von einem Zeichen des wiedererwachenden jüdischen Lebens berichten kann. Als ein solches Zeichen dürfen wir auch die Purimfeier betrachten, welche die Schule des 'Vereins zur Förderung des israelitischen Religionsunterricht' dahier veranstaltet hat.
Ein äußerst zahlreiches Publikum, vor allem natürlich die Eltern und Angehörigen der Kinder, hatten sich im kleinen Saale des Saalbau eingefunden und folgten mit sichtlichem Vergnügen den Produktionen der Kleinen. Die Einleitung bildete ein 'Festspiel nach antikem Muster mit Chor' in welchem die Bedeutung des Purimfestes für die Gegenwart dargestellt wurde. Nach einer kurzen Begrüßungsansprache des Herrn Lehrers Jonas Simon, dessen unermüdlicher Tätigkeit das Zustandekommen der Feier zu danken ist, wurde von drei Knaben ein hebräisches Lied gesungen. Es folgten noch weitere Vorführungen, unter welchen besonders ein 'melodramatisches Potpourri mit Pantomimen' zu erwähnen ist. Die Purimgeschichte ist darin in Form eines Potpourris zusammengesetzt aus verschiedenen Operntexten, Couplets und Volksliedern in humoristischer Weise dargestellt. Den Schluss bildete wiederum ein hebräisches Lied für dreistimmigen Knabenchor.
Die Anwesenden verließen sehr befriedigt die Veranstaltung und die Feier wird sicher nicht verfehlen, der Schule, die mit Eifer den Bestrebungen des gesetzestreuen Judentums diene, in allen Kreisen neue Freunde zu gewinnen."      

    
Die zionistische Ortsgruppe stellt Vertreter bei der Wahl zur Gemeindevertretung (1901)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Dezember 1901: "Mannheim, 28. Nov. Bei der gestern hier stattgehabten Wahl zur Gemeindevertretung hat sich die hiesige, zionistische Ortsgruppe zum ersten Male beteiligt. Ihre Kompromissliste errang mit fünf Zionisten bei ungewöhnlicher Beteiligung den Sieg."     

     
Antijüdische Tendenzen im Landgericht und in der Handelskammer (1902)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Dezember 1902: "Mannheim, 26. Nov. Von hier wird, wie die 'Neue Badische Landeszeitung' mitteilt, dem 'Badischen Volksblatt' geschrieben: Merkwürdige Dinge raunt man sich seit einigen Wochen in den Kreisen unserer größeren Handelsherren zu. Im Laufe dieses Sommers wurden von unserer Handelskammer die Handelsrichter für das nächste Jahr vorgeschlagen Unter den vorgeschlagenen Kandidaten befanden sich, wie bei der Zusammensetzung der in Betracht kommenden kaufmännischen Kreise leicht erklärlich, mehrere Israeliten - natürlich durchweg hochangesehene Kaufleute und unantastbare Ehrenmänner. Wer begreift das Erstaunen unserer Handelskammer, als bei Zurückkunft der Liste aus Karlsruhe die Namen der Kandidaten israelitischer Konfession ausgefallen waren? Eine Anfrage bei dem Herrn Justizminister ergab das befremdliche Resultat, dass im Justizministerium, das in diesen Dingen durchaus korrekt auf dem verfassungsmäßigen Boden steht, die Streichung nicht erfolgt war. Vielmehr hatte das hiesige Landgericht mit seiner berichtlichen Vorlage sich für die Streichung ausgesprochen. Wer aber glaubt, dass unsere Handelskammer sich nun geweigert hätte, andere Kandidaten vorzuschlagen, der kennt ihren Herrn Vorsitzenden schlecht. Eine neue Liste wurde aufgestellt, sie soll dem Vernehmen nach keinen Israeliten enthalten."    

    
Ein örtlicher Zweigverein des "Hilfsvereins der Deutschen Juden" wurde gebildet (1905)      

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 24. März 1905: "Mannheim. Hier hat sich ein Zweigverein des 'Hilfsvereins der Deutschen Juden' gebildet. Dem engeren, geschäftsführenden Komitee gehören u.a. an die Herren: Julius Ettlinger, Emil Hirsch, Sally Reiß, Julius Bensheimer, J. Darmstädter, J. Hartog, Dr. J. Moses, Dr. A. Staadecker, Stadtrabbiner Dr. M. Steckelmacher."   
Anmerkungen:
- zu Julius Ettlinger (1837 - 1906): zu seinem Grab vgl. https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/d1-c-02-05-ettlinger-julius 
- zu Emil Hirsch (1840 -1918), Getreidegroßhändler: genealogische Informationen über https://www.geni.com/people/Emil-Hirsch/6000000002765747974; Ehemann von Bertha Hirsch vgl. https://www.geni.com/people/Bertha-Hirsch-Eberstadt/6000000002765728561 und https://de.wikipedia.org/wiki/Bertha_Hirsch 
- zu Sally Reiß, Fabrikant und Vorsitzender des Synagogenrats: seine Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/c2-mgr-14-reiss-sally 
- zu Julius Bensheimer (1850 – 1917), gebürtiger Mannheimer und Leiter des juristischen Fachverlags Bensheimer und Verleger der "Neuen Badischen Landeszeitung". Julius Bensheimer nahm als roter Dragoner am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 teil. Julius Bensheimer gehörte dem Bürgerausschuss, dem Stadtverordnetenvorstand und war lange Jahre Vorsitzender, der von ihm gegründeten Lamey-Loge. Außerdem war er Mitglied im Synagogenrat. Sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/e1-b-07-13-bensheimer-julius
- zu Dr. Josef Darmstädter (1849 - 1916), Rechtsanwalt; sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/e1-b-02-12-darmstaedter-josef-dr 
- zu Julius Hartog (1862 – 1939), Kaufmann, Oberrat und Synagogenrat, sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/e1-a-06-11-hartog-julius 
- zu Dr. med. Julius Moses (1869 - 1945), praktischer Arzt, der sich besonders um psychisch auffällige Kinder kümmerte. Er unterrichtete am Fröbelseminar und an der Handelshochschule in Mannheim. 1934 wanderte er nach Palästina aus. https://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Moses_(Pädagoge)  
- zu Dr. Abraham Staadecker (1846 in Merchingen - 1910), Rechtsanwalt, Oberrat und Synagogenrat; sein Grab siehe  https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/c2-mgr-22-staadecker-abraham-dr 
- zu Rabbiner Dr. Moritz Steckelmacher (1851 in Boskowitz, Mähren - 1920 in Bad Dürkheim), Stadtrabbiner

   
Kinderfest der zionistischen Ortsgruppe an Purim (1905)      

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 31. März 1905: "Mannheim. Jährliches Kinderfest. Die zionistische Ortsgruppe veranstaltete am 24. des Monats zur Feier des Purimfestes ein großes jüdisches Kinderfest in den Sälen des Apollo (Anmerkung: Apollo-Theater in G 6, siehe Link unten). Bereits lange vor Beginn des Festes waren die Galerien des großen Saales mit den Eltern der Kinder überfüllt, die gekommen waren, ihre Kleinen feiern zu sehen. Ein wundervoller Anblick war’s, als unter den Klängen der Musik 500 bis 600 Kinder in geschlossenen Reihen, in Altersgruppen eingeteilt, in bunter Maskerade und mit wehenden Fähnchen in den jüdischen Nationalfarben, in dem großen Saal einzogen. Wir müssen gestehen, dass eine wunderbare Ordnung herrschte und dass die Veranstalter auf das Gewissenhafteste ihre Aufgabe vorbereitet hatten, allen Kindern bis zu den kleinsten Däumlingen herunter gerecht zu werden. Die Darbietungen durchweg jüdischen Inhalts und auf alle auf das Fest bezüglich, erfolgten ausschließlich durch Kinder. Die aber brauchten keinen Souffleur! Und spielten famos! Dazwischen erfolgte eine Bewirtung aller Kinder mit Schokolade und Kuchen durch ein eigenes Damenkomitee, die geschmackvoll als Zimmermädchen gekleidet waren. Eine lang ausgedehnte Polonaise mit Cotillon (sc. Tanzspiel), von all den vielen Kindern gegangen, beschloss das Fest, das bei allen Anwesenden einen vortrefflichen Eindruck zurückließ."      
Anmerkung: zum Apollo-Theater: vgl. https://www.mannheim.de/de/tourismus-entdecken/stadtgeschichte/stadtpunkte/lebendige-stadt-geschundene-stadt-moderne-grossstadt/apollo-theater.

   
Kinderhilfstag der jüdischen Frauenvereinigung (1905)      

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 14. April 1905: "Mannheim. Kinderhilfstag. Ähnlich wie in anderen großen Städten veranstalteten auch hier einige Vereine der sozialen Hilfe einen Kinderhilfstag. Auch die jüdische Frauenvereinigung 'Caritas' beteiligte sich daran und wird das an sie entfallende Zehntel mit ca. Mark 1750 dazu verwenden, um leidende jüdische Kinder, denen aus finanziellen Gründen die Wohltat eines Badeaufenthaltes versagt bleiben müsste, dorthin zu entsenden."     
Anmerkung: Frauenvereinigung 'Caritas', gegründet 1896 von Alice Bensheimer, Ehefrau  von Julius Bensheimer und Sozialpolitikerin, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Alice_Bensheimer 
https://www.leo-bw.de/detail/-/Detail/details/PERSON/kgl_biographien/1012407098/Bensheimer+Alice 
https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/alice-bensheimer/ 
https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/e1-b-07-13-bensheimer-alice

   
Als Stadtverordnete wurden sieben jüdische Männer gewählt (1905)      

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 27. Oktober 1905: "Mannheim. Bei den Stadtverordneten-Wahlen sind u.a. auch sieben unserer Glaubensgenossen teils wieder, teils neugewählt worden und zwar die Herren Kaufmann Hermann Hirsch, Fabrikant Gustav Mayer-Finkel*, Rechts-Anwälte Dr. Eugen Weingart, Dr. Ludwig Frank, Kaufmann Josef Levi und Albert Süskind."    
Anmerkungen: *falsch für Gustav Mayer-Dinkel (1853 - 1937), Holzkaufmann; vgl. Wikipedia-Artikel  https://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Mayer-Dinkel
- zu Eugen Weingart genealogische Informationen siehe https://www.geni.com/people/Eugen-Weingart/6000000069321643836 
- zu Ludwig Frank (1874 - 1914): studierte in Freiburg Rechtswissenschaften und Volkswirtschaftslehre. 1899 promovierte er in Freiburg und sich ein Jahr später als Rechtsanwalt in Mannheim nieder. Zu gleichen Zeit begann er auch mit dem Schreiben und veröffentlichte im 'Wahren Jakob', einem sozialdemokratischen Witzblatt, lustige Geschichten aus dem heimatlichen Schwarzwald, aber auch politische Aufsätze in der ebenfalls sozialdemokratischen Zeitung 'Neue Zeit'. Ludwig Frank wurde Mitglied der Zeitung 'Volksstimme' und bald in den Bürgerausschuss gewählt. In Mannheim war Ludwig Frank Mitbegründer der Gartenstadt-Genossenschaft. vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Gartenstadt-Genossenschaft_Mannheim  und engagierte sich sehr stark für die Belange der Arbeiter, um ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern. https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Frank_(SPD)
- zu Josef Levi (1870 – 1915): sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/e1-a-09-02-levi-josef 
- zu Albert Süsskind  (1861 Alzey - 1915): sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/e1-a-05-10-suesskind-albert   

   
Die neue Volkslesehalle wird eröffnet (1906)     

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 30. November 1906: "Mannheim, 26. Nov. Der "Verein für Volksbildung eröffnete heute die neue Volkslesehalle, zu deren Erbauung die jüngst verstorbene Frau Stadtrat Bernhard Kahn Wwe. 60 000 M(ark) gestiftet hatte."     
Anmerkung:
- zur Bernhard-Kahn-Bibliothek in der Mittelstraße siehe http://www.bernhard-kahn-buecherei.de/.
Bernhard Kahns Schwägerin Bertha Hirsch war die Ehefrau des Getreidehändlers Louis Hirsch.
- zu Stadtrat Bernhard Kahn (1827 Stebbach - 1905 Heidelberg) siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Kahn und https://www.rhein-neckar-industriekultur.de/objekte/ehemalige-bettfedernfabrik-heute-hafenpark

   
Ernennung der Handelsrichter für die Jahre 1912 bis 1914 (1911)    

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 29. Dezember 1911: "Mannheim. Zu Handelsrichtern (bezw. Handelsrichter-Stellvertreter) für die Jahre 1912 bis 1914 wurden ernannt: Kommerzienrat Louis Hirsch, Fabrikant Eduard Schweizer, Großkaufmann Emil Mayer-Dinkel, Fabrikant Richard Lenel, Direktor Oskar Sternberg und Kaufmann Michael Rothschild."     
Anmerkungen:
- zu Kommerzienrat Louis Hirsch, Getreidehändler (1839 – 1914), Bruder von Emil Hirsch: Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/b2-mgr-40-hirsch-louis. Der Vater der beiden war Raphael Hirsch, der die Firma Jakob Hirsch & Söhne im Jahr 1854 gründete. Familie Hirsch rief auch die Raphael-Hirsch-Witwen-und-Waisen-Stiftung und die Raphael-Hirsch-Stipendien-Stiftung ins Leben.
- zu Fabrikant Eduard Schweizer vgl. Bericht zum Tod von Kommerzienrat Eduard Schweizer (1919) (interner Link) 
- zu Großkaufmann Emil Mayer-Dinkel (1851-1932) wird genannt  https://scope.mannheim.de/detail.aspx?ID=775789
- zu Fabrikant Richard Lenel (1869 – 1950) vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Lenel und sein Grab: https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/a2-mgr-14-lenel-richard.
- zu Direktor Oskar Sternberg: wird genannt als Vizekonsul, Direktor der Oberrheinischen Versicherungsgesellschaft in Mannheim in http://wiki-de.genealogy.net/Hof-_und_Staatshandbuch_des_Gro%C3%9Fherzogtums_Baden_(1910)/139.  
- zu Kaufmann Michael Rothschild (1865 - ): war Sohn des Händlers für Posamente, Bänder, Borten Daniel Rothschild und übernahm 1900 dessen Geschäft "Gebrüder Rothschild" in Ludwigshafen, später Mannheim, Breite Straße; wird genannt  https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/bio/id/8713, vgl. seine Ernennung zum stellvertretenden Handelsrichter 1911 (interner Link).   

        
Das israelitische Waisenhaus unterstützt Hinterbliebene gefallener Kriegsteilnehmer (1914)    

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 9. Oktober 1914: "Das israelitische Waisenhaus in Mannheim stellte der Stadtgemeinde für Hinterbliebene gefallener Krieger 5000 Mark zur Verfügung. Ferner werden zwölf Kinder ohne Unterschied der Konfession während der Dauer des Krieges im Waisenhaus gespeist. Das Isolierzimmer wurde dem Roten Kreuz für sechs Rekonvaleszenten zur Verfügung gestellt."          
Anmerkung: Es handelt sich um das in R 7, 24 beheimatete Waisenhaus. Dessen damaliger Leiter war der Lehrer Karl Billigheimer. Sein Grab siehe  https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/f2-a-08-11-billigheimer-karl

  
Die Großherzogin besucht das Israelitische Krankenhaus (1914)        

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 23. Oktober 1914: "Mannheim, 16. Oktober. In Begleitung ihres Gefolges und der Herren Geh. Oberregierungsrat Dr. Clemm, Geh. Regierungsrat Dr. Strauß, des Stabsarzts Dr. Feldbausch und des Vorsitzenden des Roten Kreuzes, August Herrschel, besuchte die Großherzogin auch das Israelitische Krankenhaus, wo der Empfang durch die Herren Goldschmidt, Nauen, Dr. Fulda, Dr. Felsenthal und die Vorstandsdame Frau Lefo und die Oberschwester erfolgte. Die Unterhaltung mit den Verwundeten gestaltete sich hier besonders warm, da sich fast ausnahmslos in diesem Lazarette Badener befinden. Die hohe Frau äußerte ihre volle Befriedigung über die Pflege der Verwundeten und unterhielt sich mit einzelnen Schwestern in leutseligsten Weise."          
Anmerkungen: 
- Das Israelitische Krankenhaus befand sich damals in E 5,9. Erbaut wurde es 1711, 1894 vergrößert, da auch christliche Mannheimer sich dort behandeln ließen. Im Jahr 1936 musste es auf Druck der Stadtverwaltung schließen, die es dann abreißen ließ und an dieser Stelle das heutige Rathaus errichtete.
- zu Dr. med. Fritz Fulda (1870 – 1931): sein Grab https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/b1-mgr-05-fulda-fritz-dr 
- zu Dr. Simon Felsenthal (1865 - 1937): sein Grab https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/e2-mgr-09-felsenthal-simon-dr 
- zu Max Goldschmidt, Bankier, Bankhaus Marx & Goldschmidt (1865 - 1926; war 1915 - 1926 Oberrat, Synagogenrat): sein Grab https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/c1-a-07-01-goldschmidt-max; Max Goldschmidts Tochter war Rosa Gräfin Waldeck: siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Rosa_von_Waldeck

  
Ein jüdischer Bäckermeister hat seine Berches unerlaubt zu früher Morgenstunde an (christlichen) Feiertagen gebacken (1915)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. April 1915: "Mannheim, 16. April. Eine prinzipielle Entscheidung fällte heute das hiesige Schöffengericht. Ein jüdischer Bäckermeister hatte an den Feiertagen in den Monaten Januar und Februar entgegen den Bundesratsbestimmungen über die Bereitung von Backwaren schon vor 7 Uhr morgens mit dem Backen begonnen. Und zwar glaubte er eine strafbare Handlung damit nicht zu begehen, weil er 'Berches' (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Challa)  herstellte, die bis zum Sabbatanfang schon im Besitz der Kunden sein mussten und die neue Verordnung eine Ausnahmebestimmung für Backwaren zu religiösen Zwecken vorsieht. Das Gericht stellte sich auf den Standpunkt, dass diese Ausnahmebedingung nur die Bereitung solcher Backwaren außer der vorgeschriebenen Zeit zulässt, die 'ausschließlich' zu religiösen Zwecken verwendet werden. Da der angeklagte Bäckermeister aber die Berches nicht nur seinen israelitischen Kunden verabfolgte, sondern auch zum freien Verkauf im Laden hielt, wurde der Bäckermeister wegen Übertretung der Bundesrat-Verordnung zu einer Geldstrafe von 10 M. verurteilt."     

  
Der Jüdische Jugendbund wird nach der Kriegsunterbrechung wieder aktiv (1918)      

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. Mai 1918: "Der Jüdische Jugendbund in Mannheim hat seine Tätigkeit wieder aufgenommen. Wegen Einziehung der Vorstandsmitglieder konnte seit Mitte 1915 das Vereinsprogramm nicht mehr durchgeführt werden. In der ersten Sitzung seit der Wiedereröffnung zeichneten sich über vierzig Mitglieder in die aufliegenden Listen ein."    

     
Gedenktafeln für die im Krieg Gefallenen wurden angebracht (1921)     

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 28. April 1921: "Die israelitische Gemeinde in Mannheim hat zum ehrenden Gedächtnis ihrer im letzten Krieg gefallenen Mitglieder zwei Gedenktafeln anbringen lassen. Die Enthüllungsfeier fand am Sonntag, den 20. März statt."   
Anmerkung: 135 jüdische Mannheimer fielen im Ersten Weltkrieg (siehe Karl Otto Watzinger: Geschichte der Juden in Mannheim 1650-1945. Stuttgart 1984. S. 80). 

    
Anzeige des Israelitischen Krankenhauses (1922)    

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Oktober 1922: "Krankenschwestern.
Tüchtige, jüdische sofort gesucht; ebenso junge Mädchen, die sich als Krankenschwester ausbilden wollen. Aussichtsvolle Lebensversorgung. Meldungen erbeten. Israelitisches Krankenhaus Mannheim. "      
Anmerkung: Das Israelitische Krankenhaus befand sich damals in E 5,9. Erbaut wurde es 1711, 1894 vergrößert, da auch christliche Mannheimer sich dort behandeln ließen. Im Jahr 1936 musste es auf Druck der Stadtverwaltung schließen, die es dann abreißen ließ und an dieser Stelle das heutige Rathaus errichtete. 

  
Vortragsabend der Vereinigung für das liberale Judentum (1928)          

Artikel in der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 10. Februar 1928: "Mannheim. (Vereinigung für das liberale Judentum). Am Dienstag, den 31. Januar, sprach in der Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum Herr Rabbiner Dr. Seligmann (Frankfurt a.M.) über 'unseren Willen zum Judentum.' Vor seinen zahlreichen Zuhörern setzte er auseinander, 'warum' es heute noch ein Judentum gebe, ebenso das 'Wozu' und das 'Wie'. In der dem Redner eigenen meisterhaften Diktion wies er auf das Wunder des durch Jahrtausende fortwirkenden Lebenswillens im Judentum hin, bis zur jüngsten Gegenwart, wo in den Parteien aller Schattierungen ungebrochene Kraft pulsiert. Auf einen Lebenswillen, der Völker und Kulturen überdauert und Ewigkeitswert in sich trägt. Die Frage des 'Wozu' steht für ihn im innigsten Zusammenhange mit dem 'Warum'. Eine felsenfeste Überzeugung für die größten Menschlichkeitsideale hielt den Lebenswillen aufrecht. Die messianischen Hoffnungen auf die Zeit der Menschen- und Völkervereinigung mit Geiste des 'Höre Israel' gab der Seele des Juden in Zeiten des Glücks wie der Finsternis die Schwungkraft zum Ausharren, bis die Zeit anbrechen wird, von der die unverbesserlichen Idealisten in Gestalt jüdischer Propheten zu weissagen sich mutig genug gefühlt haben. Hier war der Redner ein begeisterter Interpret für das Verdienst, welches gerade das liberale Judentum als Wiedererwecker und Träger dieser Idee für sich in Anspruch nehmen darf. Weit wies er den Vorwurf, das liberale Judentum für alle Abfallserscheinungen verantwortlich zu machen, von sich; dafür aber verlangte er, und dies als Antwort auf seine Frage des 'Wie', dass auch der religiös liberale Jude mit Eifer und Verantwortlichkeitsgefühl der Pflege des kostbaren religiösen Erbgutes obliegen soll. Der Vorsitzende der Vereinigung, Herr Notar Dr. Appel (Anm.), der die Versammlung geleitet hatte, dankte dem Redner für die eindrucksvollen Darlegungen."     
 
Artikel in der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 16. März 1928:  "(Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum). Am Dienstag, den 28. Februar, sprach in der Ortsgruppe der liberalen Vereinigung der Generalsekretär George Goetz aus Berlin über das liberale Judentum und den Zeitgeist, worunter der Redner die Anpassung der Form und Verhältnisse verstanden wissen will. Aus alter Zeit unterzog er einer Betrachtung den Aufenthalt im babylonischen Exil, den Übergang vom Opferkultus zu der Gemeinde des Gebetes in der Zerstreuung. Eine eingehende Besprechung widmete er der 'Reform' im 19. Jahrhundert und den liberalen Rabbiner-Führern in der Gegenwart. Die Judenheit war von einer materialistischen Weltauffassung angekränkelt, der Staat hatte mit verwerflichen Methoden auf die Charakterschwäche im Juden spekuliert. In solchen Zeiten der Auflösung religiöser Treue unternahmen Reformer den Versuch, dem Abfall einen Damm entgegenzusetzen. Die Unterstützung alles Jüdischen sollte abgelöst werden von einer neuen Bindung an jüdische Lehre. Die durch die Annahme des deutschen Kulturguts frei gewordenen geistigen und seelischen Kräfte sollten wieder in den Dienst des Judentums gestellt werden. So hat die liberale Bewegung stets versucht, die durch den Zeitgeist veränderte Einstellung im Individuum zu erkennen, Rechnung zu tragen dem Verlangen nach religiöser Betätigung. Hierin erblicke die Vereinigung ihre dauernde Aufgabe.
In eine anschließende Aussprache berührten Gegenwartsfragen die Herren Ascher, Oberrat Hartog, Hauptlehrer Stiefel, Fischmann und Notar Dr. Appel (Anm.).
Am darauf folgenden Abend sprach derselbe Redner in der Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Jugend über 'Schicksal und Wirkung des jüdischen Gedankens in der Menschheit.'"
   
Anmerkungen:
-
zu Oberrat Julius Hartog (1862 – 1939): seine Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/e1-a-06-11-hartog-julius 
- zu Notar Dr. Julius Appel (1881 Homburg v.d.H. – 1952 Mannheim), Sohn des Mannheimer Rabbiners Maier Appel (Klaussynagoge, dann Stadtrabbiner), kam als Kind von Homburg v. d. H. nach Mannheim. Studium der Rechtswissenschaften in Heidelberg, München und Freiburg. Langjähriger Präsident der August-Lamey-Loge, Vorsitzender der Liberal-Jüdischen Vereinigung Mannheim, Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg. Emigrierte 1939 in die USA, wo er aber nie richtig heimisch wurde. Notar Appel starb überraschend bei einem Besuch in Mannheim im Jahr 1952. Quelle: Karl Otto Watzinger: Geschichte der Juden in Mannheim 1650 – 1945, Stuttgart 1984.  

          
Jüdischer Jugendtag in Mannheim (1928)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Juli 1928: "Mannheim. Die jüdische Jugendgemeinde in Mannheim will am 21. und 22. Juli einen jüdischen Jugendtag veranstalten, zu dem die gesamte organisierte jüdische Jugend Deutschlands ohne Unterschied der religiösen Richtung eingeladen worden ist."      

 
Quartett mit hebräischen Motiven (1929)       

Artikel in der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 11. Januar 1929: "Mannheim (Uraufführung eines Quartetts mit hebräischen Motiven). In der 'Arbeitsgemeinschaft jüdischer Jugend Mannheims' herrscht wahres jüdisches und jugendliches Leben. So brachte sie bei ihrer Chanukah-Feier eine von Herrn Kantor Hugo Adler (Anm.) komponiertes Quartett mit hebräischen Motiven aus dem Manuskript zur Aufführung. Dieses Werk 'Jaltuth Semirath Haggadah' geheißen, ist keine Aneinanderreihung von synagogalen Melodien oder sogenannten jüdischen Motiven, sondern ist, wenn man diesen Ausdruck gebrauchen soll, schon mehr ein Tongemälde, dessen klagender Celloton vom Geheimnis der jüdischen Seele erzählt, und dann mit dramatischer Steigerung eines letzten Motivs ausklingt. Dieses Werk also, dessen technische Schwierigkeiten von dem Quartett Alfred Oppenheimer, Josef Schwarzmann, Willi Oppenheimer und dem Komponisten am Flügel musterhaft überwunden wurde, wurde an diesem Abend der Öffentlichkeit übergeben. Ein Theaterstück, von Fräulein Koppel einstudiert, und eine Parodie 'Das Gemeindeblatt' wurde vom 'Bar-Kochba' treffend dargestellt und fand viel Beifall. Fräulein Irene Apfel und Fräulein Friederike Koppel trugen durch Gesang und Rezitation zur weiteren Verschönerung des Abends bei".      
Anmerkungen:
- zu Hugo Chaim Adler (1894 - 1955): Oberkantor an der Hauptsynagoge in F 2, 13 und Komponist, wohnhaft: Collinistraße 28; siehe https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00000780
- zu Bar-Kochba: Jüdischer Sportverein in Mannheim mit den Abteilungen Fußball, Handball, Kraftsport, Leichtathletik, Turnen. Vorsitzende waren Dr. Steinfeld und Arthur Löwenbaum.
 

   
60. Geburtstag des Gemeindevorsitzenden Dr. Julius Moses (1929)          

Artikel in der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 1. Februar 1929: "Mannheim (60. Geburtstag ) Seinen sechzigsten Geburtstag feierte am 22. Januar der Vorsitzende der hiesigen Gemeinde, Herr Dr. med. Julius Moses. Sein schlichtes Wesen und seine segensreiche Tätigkeit auf mancherlei Gebieten setzte sich an seinem Ehrentage in wohlverdiente Ehrungen durch staatliche und städtische Behörden, jüdische und nichtjüdische Körperschaften und Vereinigungen um. Die Fraktionen der Gemeindevertretung überreichten dem Jubilar eine durch gemeinsamen Aufruf zustande gekommene Spende zur Errichtung einer Dr. Julius-Moses-Stiftung für das mikrobiologische Institut an der Universität Jerusalem. Einen würdigen Abschluss fand die Zahl der Ehrungen durch eine von der jüdischen Jugend Mannheims gemeinschaftlich arrangierten Feier zu Ehren des Jubilars. Bei dieser Gelegenheit erfuhr man, dass das gemeinsame Heim der jüdischen Jugend in Bälde entstehen wird."    
Anmerkung: Dr. med. Julius Moses, 1869 -1945. praktischer Arzt, der sich besonders um psychisch auffällige Kinder kümmerte. Er unterrichtete am Fröbelseminar und an der Handelshochschule in Mannheim. 1934 emigrierte er nach Palästina. Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Moses_(Pädagoge); http://aerzte.erez-israel.de/moses/; http://julius-moses-zentrum.de/index.php/julius-moses.html 

  
Vortrag von Rabbiner Dr. Dienemann (Offenbach) in Mannheim (1929)       

Artikel in der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 1. Februar 1929: "Mannheim. (Positive Aufgaben des religiösen Liberalismus). Trotz der Ungunst der Witterung hatte sich eine zahlreiche Zuhörerschaft eingefunden, um Herrn Dr. Dienemanns Ausführungen über dieses Thema zu hören. Und man wurde nicht enttäuscht. In logischem Aufbau formulierte Herr Rabbiner Dr. Dienemann Offenbach a.M. diese positiven Aufgaben. Überzeugend wehrte er sich gegen die beliebte 'mathematische Definition': 'Liberalismus = Orthodoxie minus 1 Prozent Ritus', wobei dann je nach der Einstellung des betreffenden 'Mathematikers' freundlichst der Prozentsatz hoch oder weniger
hoch subtrahiert werde. Der religiöse Liberalismus will vielmehr ganz für sich und nicht relativ als vergleichsweise behandelt werden. Er erkennt seinem ganzen Wesen nach das Recht der Persönlichkeit weitgehendst an, bürdet dabei aber gleichzeitig der Einzelpersönlichkeit eine große Verantwortung gegenüber der Gesamtheit auf. Deshalb setzt eben gerade der Liberalismus voraus, dass der Einzeljude sich als verantwortliches Glied der K’lal jisroel (Gesamtheit des jüdischen Volkes) bekennt. Der Liberalismus will dem religiösen Menschen eine Religion mit Inhalt geben und ihn davor bewahren, dass seine innerlich bewegte Religiosität zum Schematisch-Seelenlosen wird. Der Liberalismus kämpft gegen den leider beinahe landläufigen Zustand an, dass sich bei vielen Juden ihr Judentum in der sich ganz gewiss anerkennenswerten sozialen Betätigung oder gar in der Abwehr des Antisemitismus erschöpft. Der Ausgleich zwischen Individuum und Gemeinschaft, diese Gläubigkeit, das sind die Hauptvoraussetzungen eines wahren religiösen Liberalismus. Der Liberalismus steht nicht etwa der Form ablehnend gegenüber. Nicht jeder, der irgend ein Gebot ablehnt, ist deswegen liberal. Der Liberale nimmt sich aber das Recht heraus, die Form kritisch zu behandeln. Wenn z.B. der Gedanke der Sabbatruhe von jenem Liberalismus durch die Gegenwartsnot dadurch stark gefährdet würde, wenn jedes erst später aufgetretene Einzelgebot bindend sein sollte (z.B. das Nicht-Fahren am Sabbat). Vor allen Dingen muss der, schon psychologisch begründete Satz Geltung haben, dass eine Form, die in innerem Ringen selbst gefunden wird, eine überzeugte Bejahung findet, während das Überlieferte leicht zum Schematischen und Seelenlosen herabsinken kann. Deshalb steht die innere Wahrhaftigkeit dem Liberalen quasi als Motto über all seinem Tun und Handeln. Der Redner zitierte die wunderbare Formulierung Rosenzweigs: Tue nur das, was Du tuen kannst, das aber tue. Seine mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausführungen schloss der Referent mit der Feststellung, dass der Liberalismus für ein Großteil der jetzigen und noch mehr der künftigen Generation die einzige Möglichkeit zur Erhaltung des Judentums ist, weil viele, die ihrer Anschauung nach nun einmal nicht orthodox sein können, nur durch den Liberalismus dem Judentum erhalten werden. In der dem Referat folgenden Aussprache setzte sich Herr Otto Simon mit dem Referenten über die Frage der Offenbarung auseinander. Herr Rabbiner Dr. Oppenheim (Anm.) unterstrich die Forderung nach Wahrhaftigkeit, Herr Justizrat Dr. Appel (Anm.), der der Veranstaltung ein guter Leiter und Arrangeur war, zitierte die seinerzeitigen Richtlinien, Herr Professor Dr. Billigheimer (Anm.) schnitt das Christusproblem an und Herr Ludwig Herrmann (Anm.) forderte zu Schluss nicht nur die Wahrhaftigkeit und illustrierte dies mit praktischen Beispielen. Auf alle diese Fragen ging Herr Dr. Dienemann in seinem Schlusswort ein und gab so dem interessant verlaufenen Abend einen würdigen Abschluss."         
Anmerkungen: 
- zu Rabbiner Dr. Gustav Oppenheim (1862 – 1940): Stadt- und Konferenzrabbiner, emigrierte 1939 nach Australien.
- zu Professor Dr. Samuel Billigheimer (1889 – 1983): Lehrer an der Lessingschule Mannheim und Synagogenrat, Leiter des Jüdischen Lehrhauses in M 6, 12. Emigrierte nach Australien im März 1939 nach Rückkehr von seiner Haft im KZ Dachau.
- zu Ludwig Herrmann (1894 – 1957) https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/f2-b-01-19-herrmann-ludwig.  
- zu
Justizrat
Dr. Julius Appel (1881 Homburg v.d.H. – 1952 Mannheim), Sohn des Mannheimer Rabbiners Maier Appel (Klaussynagoge, dann Stadtrabbiner), kam als Kind von Homburg v. d. H. nach Mannheim. Studium der Rechtswissenschaften in Heidelberg, München und Freiburg. Langjähriger Präsident der August-Lamey-Loge, Vorsitzender der Liberal-Jüdischen Vereinigung Mannheim, Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg. Emigrierte 1939 in die USA, wo er aber nie richtig heimisch wurde. Notar Appel starb überraschend bei einem Besuch in Mannheim im Jahr 1952. Quelle: Karl Otto Watzinger: Geschichte der Juden in Mannheim 1650 – 1945, Stuttgart 1984.

    
"Friede und Einheit in der Gemeinde" als Ziel einer "Religiösen Mittelpartei" in der Gemeinde (1929)        

Artikel in der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 22. Februar 1929: "Mannheim. (Friede und Einheit der Gemeinde) 'Friede und Einheit in der Gemeinde' will bekanntlich – wenigstens nach ihrem offiziellen Programm – die 'religiöse Mittelpartei' fördern. Nun wird wohl kein Eingeweihter behaupten wollen, dass gerade in Mannheim besonders lebhafte innerjüdische Kämpfe ausgefochten wurden. Es werden sich viel eher Leute finden lassen, die – mit einem gewissen Recht – allen hier vertretenen innerjüdischen Strömungen den Vorwurf einer gewissen Friedhofsruhe machen können. Immerhin war es ein schönes Zeichen jüdischer Gemeinschaftsarbeit, dass, wie hier bereits berichtet wurde, aus Anlass der 60jährigen Geburtstages des Vorsitzenden der Gemeinde die drei Fraktionen gemeinschaftlich eine Spende überreichten, wie überhaupt dieser Anlass ein schönes Bild des 'Friedens und der Einheit in der Gemeinde' gab. Plötzlich hört man nun von der beabsichtigten Gründung einer Ortsgruppe der sog. 'religiösen Mittelpartei'. Wir sind über die Entstehungsgeschichte dieser beabsichtigten Gründung genau im Bilde und möchten aus dieser Kenntnis heraus dem vorgesehenen Gründungskomitee, an dessen bester Absicht nicht gezweifelt werden soll, nur Folgendes zu gründlicher Erwägung anheimstellen: Man kann im innerjüdischen Leben zweierlei: Man kann das Gemeindeleben durch frisch-fröhlichen Kampf aufleben lassen wollen. Man kann auch für Friede und Einheit in der Gemeinde eintreten. (Das kann man übrigens beides auch ohne Parteigründung!) Man kann aber nicht durch eine Parteineugründung den Kampf der Geister verschärfen und dann mit unschuldigem Augenaufschlag für Friede und Einheit (laut Parteivorschrift) eintreten. Eine solche Arbeitsweise dient nicht dem Zweck, der offensichtlich den gutgläubigen hiesigen Förderern der Neugründung vorschwebt. Im Übrigen sind wir, wenn es gewünscht wird, gerne bereit, zur wichtigen Popularisierung dieser religiösen Mittelpartei beizutragen. Wir werden gerne mit den bekannten Flugblättern der Mittelpartei in Berlin und Köln dienen. Nur wissen wir nicht, ob dieselben gerade im Sinne der Intentionen der hiesigen Herren sind. Einstweilen wollen wir mal abwarten, wie die 'religiösen Mittel' aussehen, mit denen die 'Religiöse Mittelpartei' den vorher nie gestörten 'Friede und Einheit' in der hiesigen Gemeinde zu pflegen gedenkt…"    
 
Artikel in der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 1. März 1929: "Mannheim. (Friede und Einheit in der Gemeinde.) Unter dieser Spitzmarke berichteten wir in letzter Nummer dieser Zeitung von der beabsichtigten Neugründung einer 'Mittelpartei' in Mannheim. Nach einem inzwischen im hiesigen 'Gemeindeblatt' erschienenen – zwar anonymen, aber sichtlich doch von beteiligter und eingeweihter Seite stammenden – Artikel ist man von dieser Gründung abgekommen. Interessant ist die Begründung, die wir im Wortlaut folgen lassen: Nachdem auseinander gesetzt ist, welche Gesichtspunkte zunächst für die Gründung einer Mittelpartei sprechen würden, fährt der Artikelschreiber wörtlich fort: 'Abgesehen davon, dass die Gründung einer solchen Partei den Gemeindefrieden nach der Ansicht mancher Parteimitglieder (der Mittelpartei!) einer Belastung aussetzt, sind wohl auch die Erfahrungen, die man anderwärts mit den Mittelparteien gemacht hat, nicht sehr vertrauenserweckend.' Und nun heißt es weiter: 'Vielleicht führt ein anderer Weg zum Ziel. Man könnte daran denken, eine Gemeindevereinigung zu bilden, die ohne den Besitzstand der vorhandenen Parteien zu beeinträchtigen; alle, auch Angehörige der Parteien, besonders aber die außerhalb der Parteien stehenden und von jüdischer Gesinnung getragenen Menschen sammelt.
Die Aufgabe dieser Vereinigung, die das Motto tragen müsste. 'Gemeinde steht über der Partei', würde sein: 1. den Synagogenrat zu unterstützen, wo er Institutionen, die der Gesamtgemeinde dienen, anstrebt; 2. Weiterhin die Kontinuität der jüdischen Entwicklung in der Gemeinde zu sichern; unter Respektierung der Anregungen und Erkenntnisse, die aus der modernen Kultur zu gewinnen sind; 3. Mit allem Nachdruck dafür zu sorgen, dass Menschen jüdischer Einstellung unabhängig von Rang, Vermögen und parteilicher Zugehörigkeit zur Vertretung der Gemeinde berufen werden; 4. für eine Verjüngung dieser Gemeindevertretung zu sorgen; 5. ein Plenum zu schaffen, vor dem die Gemeindefragen in breiter Öffentlichkeit besprochen werden.' Der Artikelschreiber verspricht sich von diesem Programm eine Aktivierung aller noch Abseitsstehenden (also wohl auch der sog. 'Indifferenten'?) und schließt dann mit der Hoffnung: 'So angefasst könnte die 'Gemeindevereinigung' zu einer Kerntruppe innerhalb der Gemeinde werden.
Der Zufall will es, dass gerade in der vorliegenden Sonntagsnummer der 'Vossischen Zeitung', deren Chefredakteur, der bekannte Reichstagsabgeordnete Professor Georg Bernhard (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Bernhard), in seinem üblichen Sonntagsleitartikel auch über eine 'Aktion' schreibt und dabei einige treffliche Sätze findet, deren Wiedergabe uns beinahe eigener Bemerkungen zu der Mannheimer Neugründung enthebt. Georg Bernhard schreibt u.a.: 'Man soll immer misstrauisch sein, wenn neue Parteigründungen angekündigt werden…..Es gibt ja schon viel zu viele Parteibüros und viel zu schöne Parteistatuten. Das einzige, was uns fehlt, ist Politik. Die kann man mit dem jetzigen Parlament und mit den jetzigen Parteien machen. Man muss nur wollen. Und vor allem: Man muss wissen, was man will.'
So ist es in der Tat auch im jüdischen öffentlichen Leben. Auch hier fehlt es oftmals an 'Politik', d.h. Aktivität. Vielleicht versuchen es die Neugründer doch noch einmal mit einer Aktivierung des Gemeindelebens und konzentrieren ihre wertvolle Energie auf die Propagierung ihrer fünf Punkte der bestehenden Parteien. Sie erfüllen damit eine Aufgabe, bei der sie sicher vor weitesten Kreisen aller jüdischen Richtungen Unterstützung finden werden. Denn noch ist Verlebendigung des Gemeindebetriebs nicht gleichbedeutend mit Entfachung neuen Parteihaders. Deshalb wollen wir im Interesse der ruhigen Weiterentwicklung der jüdischen Gemeinde Mannheims hoffen und wünschen, dass die neu entfachten Energien die richtigen Bahnen finden, dass ihnen andererseits aber auch von all denen, die es angeht, das Echo wird, das jedem - so vielfach vermissten – frischen Energiestrom gebührt."    

   
Verschiedene Mitteilungen aus dem Gemeindeleben (1929)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Mai 1929: "Mannheim 'baut' nun nach Pessach richtig weiter. Das langumstrittene Projekt des Klaussynagogenumbaues ist von der Gemeindevertretung beschlossen und der Umbau wird dem segensreich wirkenden Kräften der alten Stiftungseinrichtung auch äußerlich gewiss einen würdigen und das innere Leben beeinflussenden neuen Rahmen verleihen. Schade, dass im künftigen Neubau nicht der bisherige zweite Kantor, Herr De Jong (Anm.) weiterwirken wird. Er ist nach Amsterdam berufen, und die Freude über diese höchst würdige Einschätzung seines Könnens wird beeinträchtigt durch die Tatsache, dass eben Mannheim gerade diesen echten Schliach Zibbur (hier ist der Kantor gemeint, der der Gemeinde vorbetet) verliert. Wen die Gemeinde nun als Nachfolger einen Chasan (Kantor) und Lehrer sucht, so ist dies besonders zu begrüßen. Damit dokumentiert sie in sehr kluger Weise, dass sie die Bereicherung des jüdischen Lebens eben nicht nur in der Anstellung gesanglich hochqualifizierter Kräfte sieht, sondern den architektonischen Ausbau der Klaussynagoge mit betonter Absicht den Ausbau des Unterrichtswesens an die Seite stellt. Das ist auch eine Notwendigkeit. Wer die Gelegenheit und die Freude hatte, im Jahr hindurch und bei der Schlussveranstaltung die Arbeit der Klausreligionsschule kennenzulernen, muss ihr die Möglichkeit des Ausbaus, die Neugewinnung einer guten Lehrkraft zur Entlastung der derzeitigen Kräfte und zur Erweiterung des Lehrplans sehr wünschen. (Es soll in einem anderen Zusammenhange einmal erörtert werden, ob nicht in der größten Gemeinde Mannheim und im Lande selbst die Unterrichtsgelegenheiten organisatorisch gründlicher Neuordnung bedürfen. Es liegt vieles im Argen.)
Mannheim hatte einen nicht sehr ergiebigen Vortragswinter. So darf erfreulich vermerkt werden, dass der Abend, den der 'Verein zur Wahrung' (gemeint: Verein zur Wahrung des gesetzestreuen Judentums, Akademiestr. 3) vor Pessach mit dem Vortrag von Herrn S. Schachnowitz (Frankfurt) über 'Alte und Neue Sachlichkeit' bot, einen Höhepunkt bedeutete. Eingespannt in den Rahmen einer Rückschau in die Gasse des Ghettos – die 'Gasse' ist dem Verfasser der 'Feuerzeichen' ja besonders vertraut – führte die kundige Hand des Vortragenden aus dem 'Bädeker' des Maharil (Link zum Wikipedia-Artikel) herüber zur Straße und Welt der Gegenwart. Vor gespannt aufmerksamem Publikum griff Schachnowitz kühn und ohne Scheu in die uns alle bewegenden Fragen der Gegenwart hinein. Die Jugend verschieden gerichteter Kreise, die zahlreich erschienen war, wird manchmal skeptisch gewesen sein. Der Redner sprach u. a. über Sport. Vielleicht wird dieses Problem eines der schwersten sein, wenn es sich darum handelt, der Nachkriegsgeneration begreiflich zu machen, dass die Losung 'Kräftigt den Körper' nicht übertönen darf jenes Wort, dass den an Körperkraft besonders hervorragenden R. Schimon Ben Lokisch (Link zum Wikipedia-Artikel)   zugerufen wurde: 'Deine Kraft gehöre der Thora!'… Wir glauben, man darf etwas heute nicht außer acht lassen. Die Generation der Gegenwart, die ihre Kraftquellen nicht mehr in dem Maße wie früher, in den kräftigeren Geschlechtern jüdischer Landbevölkerung findet, braucht vielleicht in weit größerem Umfange Menschen, die der körperlichen Ertüchtigung freie Zeit widmen. Es ist eine große Aufgabe, hier die Synthese zu finden. Das ist ja überhaupt das Schwere und Große im Leben aller derjenigen, die jüdische Menschen sein und jüdische Menschen leiten,      
Mannheim Israelit 10051929a.jpg (108903 Byte)erziehen und führen wollen, sei es in der Schule, in der Gemeinde, der Vereinigung, dem größeren Kreis einer Religionsgemeinschaft. Überall will das Wirtschaftsleben, der Beruf, die Umgebung, die Arbeit im Kreise und Auftrage anderer das Primat erringen. Der Schabbos, die Speisegesetze, das Lernen, die Arbeit für jüdische Belange, die Durchführung altjüdischer Lebensgewohnheit – all das will, soll sich durchsetzen und stößt in den Lebensbezirken des Golus (Diaspora, Link zum Wikipedia-Artikel), in der badischen Kleinstadt und der amerikanischen Weltstadt, das ist überall dasselbe, auf Mauern und Hindernisse. Es wird immer wieder die Aufgabe sein für alle, die führend hinweisen wollen zum Alten, nicht nur zu mahnen und zu lehren, sondern im Mahnen und Lehren den Weg zu weisen, wie das Große und Schwere zu bewältigen ist. Das Ziel zu zeigen, wird nie schwer sein. Die Bergspitze ist immer sichtbar. Die Führer fehlen in vielen Fällen. Wir Badener, ja, was bedeuten wir schließlich im Leben des gesamten jüdischen K’lall (gemeint: das gesamte Judentum)? Eines Tages wird der spärliche Rest noch winziger geworden sein. Trotzdem, wenn junge jüdische Menschen, die im badischen Dorf oder der badischen Stadt herausgewachsen sind, einmal fortziehen, übers Land oder übers Meer, wenn sie im Bereich ihrer Heimat und Jugend den Weg gewiesen bekamen, dann war auch die Arbeit derer, von denen in badischen oder bayerischen, in deutschen oder anderen Notizen die Rede ist, nicht vergebens."  
Anmerkung: Zu Oberkantor Salo de Jong (Klaussynagoge),(1897 - 1945; Kantor in Mannheim 1927 -1929 Mannheim, dann Amsterdam, 1945 deportiert nach Bergen-Belsen, umgekommen in
Tröbitz). Oberkantor de Jong war Insasse eines verlorenen Transports http://www.gemeinde-troebitz.de/seite/36472/allgemeines.html  und  https://de.wikipedia.org/wiki/Verlorener_Zug 
https://www.joodsmonument.nl/en/page/154808/salomon-de-jong..

   
Vortrag von Ludwig Herrmann über den religiösen Liberalismus (1929)        

Artikel in der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 13. Oktober 1929: "Mannheim. (Grundfragen des religiösen Liberalismus.) Über dieses Thema sprachen in der 'Arbeitsgemeinschaft Jüdischer Jugend Mannheims', Herr Ludwig Herrmann. Der Redner zeichnete gegenüber den bekannten Verkennungen den Liberalismus als einen Dienst am Judentum. In der heutigen Zeit sei für viele die liberale Bewegung geradezu ein Diät, die das völlige Loslassen vom Judentum aufhält. Denn, so führte der Referent aus, die vielen Juden, die mit ihrer Anschauung weder im orthodoxen noch im zionistischen Lager stehen können, finden im Liberalismus ihren inneren Halt, und es wäre, so entgegnete er einem Einwand des Herrn Rabbiner Dr. Unna, auch von der Orthodoxie vielleicht richtiger gehandelt, wenn man diesen Dienst am Judentum vorbehaltlos anerkennen wollte, Der Abend zeitigte eine recht rege, aber sachliche Diskussion und stieß offensichtlich auf großes Interesse der zahlreichen Zuhörer."     
Anmerkungen:  - Zu Ludwig Herrmann (1894 – 1957) https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/f2-b-01-19-herrmann-ludwig.
- Zu Rabbiner Dr. Isaak Unna, Klausrabbiner, Stadt- und Konferenzrabbiner siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Isak_Unna.

  
Veranstaltungen in der Mannheimer Gemeinde und weitere Mitteilungen (1931)   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. April 1931: "Aus der Mannheimer Gemeinde. Mannheim, 21. März (1931).
(hebräisch 'Der Winter ist vorüber', Zitat aus Hohelied 2,11). Im Nissan ziemt es, dem verflossenen Winterhalbjahr ein paar Worte zu widmen. An Vorträgen fehlte es, wie üblich, nicht. Alle Gruppen, alle Alterstufen kamen zu ihrem Recht. Im Rahmen der Klausabende (gemeint: Vortragsabende in der Klausstiftung in F 1, 11) das Leben und Schaffen hervorragender jüdischer Gestalten dargestellt, im 'Lehrhaus' interessierte gesetzestreue Kreise vor allem Oskar Wolfsbergs Vortrag über 'Konservative jüdische Führer des 19. Jahrhunderts'. Versteht sich von selbst, dass ein Oskar Wolfsberg, wenn er über M(ichael) Sachs, S(amson) R(aphael) Hirsch und N(ehemia) A(nton) Nobel spricht, seinen Ausführungen eine eigene Note verleiht und die behandelten Persönlichkeiten höchst persönlich beleuchtet. Es würde den Rahmen dieser Zusammenfassung überschreiten, wollte man sich kritisch zu Wolfsbergs Vortrag äußern. Kritik wäre in mancher Hinsicht am Platze gewesen. Den Abschluss der Lehrhausvorträge bildete ein Referat von Frau Dr. Rahel Strauß – München über die 'Jüdische Jugend und die Umwelt'. Viel jugendliches Publikum, das dann auch in einer Diskussion manch Bemerkenswertes zu sagen hatte. Es zeigte sich: Mannheims jüdische Jugend, auch die gesetzestreue, ist stark von national-jüdischen Gedankengängen beeinflusst. Von einer Werbekraft agudistischer Ideen ist wenig zu verspüren. Im Gemeindeleben gab es personelle Veränderungen. Die Wahlen zu Synagogenrat und Gemeindevertretung verliefen friedlich. Sie wirkten sich auch innerhalb der Klaussynagoge aus, bei der Bildung der Kommissionen wurde der sogenannten Klauskommission eine gewisse Autonomie verliehen, insofern, als nur Mitglieder der Klaussynagoge in die Kommission berufen werden können. Damit hörte der recht paradoxe Zustand auf, dass Besucher eines liberalen G’ttesdienstes in Angelegenheiten des gesetzestreuen Kultus hineinreden. Es ist das Schöne, dass es ein friedlich errungener Erfolg ist. – Die Klausbesucher sahen mit größtem Bedauern, dass ihr langjähriger, beliebter Parnas (hebräisch: Gemeindevorsteher) Herr Bernhard Kauffmann, sich nicht mehr bewegen ließ, noch viel länger als 32 Jahre im Amt tätig zu sein. So blieb nichts übrig, als mit der aufrichtigen Dankeskundgebung an den ausscheidenden Parnas die Neuwahl seines Nachfolgers zu verbinden, der in der Person von Studienrat Prof. Dr. Salli Levi gefunden und mit dessen Neuwahl die Wiederwahl seines bewährten Mit-Parnas, des Herrn O. Simon, verbunden wurde. – Wie rührig die Arbeit der Klausreligionsschule ist, bewies eine jüngst stattgefundene Prüfung und Schlussfeier. Hier wurden von befähigten Lehrkräften außerordentlich beachtenswerte Erfolge auf dem Gebiet des Unterrichts und des 'Lernens' erzielt.
Die hiesige Gemeinde durfte vor wenigen Wochen mit herzlicher Freude vom 70. Geburtstag des Herrn L. Meyer-Gerngroß, eines Mitglieds des Synagogenrats, erfahren. Es war der 70. Geburtstag eines Mannes, dessen Wirken und vor allem dessen Wohltun im Stillen und Verborgenen vornehmlich gerühmt werden darf, denn wo von so viel Not die Rede ist, ist es doch ein wenig ermutigend zu wissen, dass immer wieder Hilfsbereitschaft und Menschenliebe die Not zu lindern bereit ist. Und so darf dieser 'Winterbericht' zum Schluss noch in Kürze erwähnen, dass - so Gott will - an Pessach (Passahfest) das Israelitische Altersheim hier in Betrieb genommen wird, erbaut von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Badens und der hiesigen Gemeinde. Es wird Gutes stiften, wie jede Einrichtung dieser Art. Es wird, so hoffen wir, in seiner Weise beitragen zur Linderung der jüdischen Not."       
Anmerkung: 
- zu Bernhard Kauffmann, Weinhändler (1866 – 1933): seine Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/g1-a-03-01-kauffmann-bernhard 
- zur Klausreligionsschule: Die Schule erteilte in den Räumen der Klaussynagoge in F 1, 11 Religionsunterricht. 1925 wurde sie von ungefähr 100 Kindern besucht. Die dortigen Lehrer waren Rabbiner Dr. Chaim Lauer, Rabbiner Dr. Isaak Unna, Karl Billigheimer, Manfred Kälbermann und Arthur Kohn.
- zum Jüdischen Lehrhaus,
M 6,12: Eine Art Volkshochschule, nach dem Vorbild des von Franz Rosenzweig in Frankfurt a.M. 1920 gegründeten Freien Jüdischen Lehrhauses. Am 22. Sept. 1929 wurde das Lehrhaus von Rabbiner Dr. Max Grünewald im Saal des Casinos in R 1, 1 eröffnet. Prof. Dr. Samuel Billigheimer, Lehrer an der Lessingschule, war sein langjähriger Leiter.

    
Im Nationaltheater haben "nichtarische" Presseberichterstatter keinen Zugang mehr (1933)   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. September 1933: "Mannheim. Der Theaterausschuss hat beschlossen, nichtarischen Presseberichterstattern den freien Eintritt in das Nationaltheater nicht mehr zu gestatten."  
Anmerkung: zum Nationaltheater siehe https://www.marchivum.de/sites/default/files/2018-03/Nationaltheater.pdf.   

  
Uraufführung eines Oratoriums Balak und Bilam von Hugo Adler (1934)        

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. April 1934: "Mannheim. Am 2. Mai findet in Mannheim die Uraufführung eines neuen Oratoriums Balak und Bilam von Hugo Adler statt. Der Text ist der Buber-Rosenzweig'schen Schriftübertragung entnommen."      
Anmerkung: Zu Hugo Chaim Adler (1894 - 1955): Oberkantor an der Hauptsynagoge in F 2, 13 und Komponist, wohnhaft: Collinistraße 28; siehe https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00000780.  

   
Auf der Verkaufsmesse in Mannheim wurde eine besondere Abteilung für die jüdischen Händler eingerichtet (1934)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Mai 1934: "Auf der Verkaufsmesse, die vom 6. Bis 15. Mai in Mannheim stattfindet, hat man, nach einer Meldung des 'Hakenkreuzbanner', eine besondere Abteilung für die jüdischen Händler eingerichtet, die sich am Ende der Messe, nach den Geschirrverkaufsständen befindet. Das Blatt sieht darin ein großes Entgegenkommen den Juden gegenüber, die man nicht ganz ausschaltet."      
Anmerkung: Hakenkreuzbanner: Parteiblatt der NSDAP für Baden und Mannheim. Es wurde von 1931 bis 1945 herausgegeben. Vgl. https://www.bib.uni-mannheim.de/zeitungen/mannheimer-zeitungen/.

      
Entlassung eines Angestellten in einem Mannheimer Betrieb, der die NS-Presse als "Lügenpresse" darstellte und ein Gerichtsurteil dazu (1934)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Juli 1934: "Mannheim, 7. Juli. In einem Mannheimer Betrieb wurde ein 54jähriger Expedient fristlos entlassen, weil er einem Arbeitskollegen gegenüber die Wahrheit der Angaben in der sog. 'Ritualmordnummer' des 'Stürmer' bezweifelt hatte. Die Firma erklärte vor dem Arbeitsgericht, der Kläger habe in einem psychologisch ungünstigen Augenblick die nationalsozialistische Presse angegriffen, als sie gerade ihren Feldzug gegen die Kritiker und Nörgler geführt habe. Er habe somit die nationalsozialistische Presse als Lügenpresse hingestellt.
Die Firma wurde verurteilt, den Kläger weiter zu beschäftigen. Das Gericht trat der Auffassung der Firma, der Kläger habe die nationalsozialistische Presse als Lügenpresse hingestellt, nicht bei. Der Kläger habe lediglich die Richtigkeit des Artikels einer nationalsozialistischen Zeitung in Zweifel gezogen. Zu Gunsten des Klägers falle noch ins Gewicht, dass die betreffende Nummer der Zeitung beschlagnahmt worden sei. Aus dieser Kritik an einem einzigen Artikel einer Zeitung könnte nicht der Schluss gezogen werden, dass der Kläger die nationalsozialistische Presse als Lügenpresse bezeichnet habe. Man könne den Kläger deswegen auch nicht als 'Kritiker und Nörgler' bezeichnen und die fristlose Entlassung mit dem Hinweis begründen, dass die Regierung und die überwiegende Mehrheit des Volkes zurzeit gegen diese Kritiker und Nörgler einen erbitterten Kampf führen. Dieser Kampf gelte nur jenen Kritikern, die an Maßnahmen amtlicher Stellen, der Regierung und der ihr nachgeordneten Stellen, Kritik üben. Dass jeder Staatsbürger unbesehen jeden Artikel einer nationalsozialistischen Zeitung hinnehmen müsse, werde von der Regierung nicht verlangt, auch gar nicht gewünscht.
Dem Kläger wird im Urteil nur der Vorwurf gemacht, dass er als Vorgesetzter während der Arbeitszeit sich überhaupt auf solche Gespräche eingelassen habe. Aber dieser Grund reiche zur fristlosen Entlassung nicht aus. Die Firma muss daher den Angestellten wieder einstellen, wozu sie sich vorher, wenn eine Gerichtsentscheidung ergehen würde, auch bereit erklärt hat."     

     
Für Juden ist der Besuch des Hallenschwimmbades und des Rheinstrandbades verboten (1935)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Juli 1935: "Mannheim, 24. Juli (1935). Der 'Landespressedienst des Deutschen Nachrichtenbüros' meldet: 'Das Betreten des Mannheimer Rheinstrandbades ist für Juden verboten. Seit einigen Tagen ist auch das Betreten des Hallenschwimmbades den Juden nicht mehr gestattet.'"
Hinweis: Das Hallenschwimmbad ist das Herschelbad, dass damals Städtisches Hallenbad hieß. Heute heißt es wieder Herschelbad. Das Rheinstrandbad ist das heutige Strandbad. Das Herweck war weiter flussaufwärts.       

 
Verschiedene Mitteilungen aus der Gemeinde (1936)       

Artikel in der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 22. Januar 1936: "Mannheimer Brief. Tod eines 92jährigen – Ein Laienspiel in der Synagoge – Rege Lehrhaustätigkeit
Bericht für die 'Jüdische Allgemeine'. Mannheim. Vor kurzem starb hier Kantor i. R. Robert Hirsch im hohen Alter von 92 Jahren. Vom damaligen Karlsruher Hoftheater (vgl. https://ka.stadtwiki.net/Hoftheater_Karlsruhe) aus, wo er wirkte, wurde er im Januar 1875 als Kantor in Mannheim verpflichtet, wo er bis zum 1. April 1921, also 46 Jahre, amtierte. Als er in Pension ging, stand er bereits im 78. Lebensjahr, war aber geistig und körperlich bis zu seinem Tode von erstaunlicher Rüstigkeit. Bei seiner Beerdigung hielt Rabbiner Dr. Geis, der zugleich namens der Gemeinde, des Synagogenrates und des Oberrates sprach, die Trauerrede. Am Grabe sprach u.a. auch der Neffe des Dahingegangenen, Prediger Hermann Hirsch aus Coburg. Der Synagogenchor, dessen aktives Mitglied Robert Hirsch bis zu seinem Lebensende blieb, verschönte die Trauerfeier mit seinen Sängen.
Besonderem Interesse begegnete die in dieser Form wohl überhaupt erste Aufführung einer biblischen Szene 'König Salomos Urteil' von Giacomo Carissimi für Soli, Orchester und Orgel in der hiesigen Hauptsynagoge, deren Aufführung der 'Liederkranz' (Jüd. Kulturbund) übernommen hatte. Dramatisch und farbig die Musik; um die sich unter der Leitung von Kapellmeister Sinzheimer solistisch Hilde Grünstein-Mattauch mit gut geschultem Sopran, der warme Mezzo von Lisbet Dührenheimer, der sichere Tenor Max Lipmann und der Bassist Norbert Nadelmann verdient machten. Dabei wurde die von den Solisten gesungene Handlung der beiden um ein Kind streitenden Mütter gleichzeitig als Laienspiel auf einem Podium pantomimisch von Kindern dargestellt. Die kindlichen Darsteller ließen die einfühlende Einstudierung durch Regisseur Franz Oppenheimer erkennen.
Das hiesige Lehrhaus, das unter Prof. Dr. Billigheimer eine äußerst rege Tätigkeit entfaltet, veranstaltete jüngst einen stark besuchten Erziehungsabend, bei dem in fesselnden Referaten Frau Rektorin i.R. Rosa Grünbaum über Mädchen-Erziehung, Rabbiner Dr. Geis über Jugend-Alijah (Auswanderung ins damalige Palästina) und Prof. Dr. Billigheimer über Erwachsenenbildung sprachen. Das Lehrhaus richtet ferner eine Arbeitsgemeinschaft für Probleme jüdischer Musik unter Leitung von Kapellmeister Sinzheimer ein und einen musikalischen Schulungskurs für Jugendführer und Lehrer – nn.
Der Bezirksrat in Mannheim entschied, wie das 'Hakenkreuzbanner' meldet, über das Gesuch um Wirtschaftserlaubnis für den Betrieb einer jüdischen Gaststätte. Das Gesuch wurde abgelehnt. Der Mannheimer Bezirksrat, so wurde zur Begründung ausgeführt, war grundsätzlich der Ansicht, dass Juden nicht für die Führung einer Wirtschaft in Frage kämen. Über die Angabe, dass die Räume, für die die Konzession beantragt worden war, für die kulturelle Betätigung der Juden genutzt werden sollten, wurde dahin entschieden, dass die Möglichkeit zur kulturellen Betätigung in den Räumen der Loge (August-Lamey-Loge, Anm. S.R) ohne weiteres gegeben sei, die ausreichen würde, wenn man die entsprechenden Umbauten vornehme.
In einem zweiten Fall handelt es sich um eine Genehmigung zur Verlegung des jüdischen Krankenhauses nach der Collinistraße (sc. heutige Bassermannstraße). Der Synagogenrat beabsichtigt, einen Teil des jüdischen Altersheims in dieser Straße umzubauen. Gegen diesen Plan wandten sich die Anwohner der dortigen Gegend. Der Bezirksrat stellte sich auf den Standpunkt, dass ein Umbau des Altersheims besser sei als ein Neubau an anderer Stelle, womit dann zwei jüdische Betriebe bestehen würden. Auf die Beschwerde der Anwohner konnte der Bezirksrat nicht besonders eingehen, da die Beschwerden hauptsächlich nach baurechtlichen Gesichtspunkten aufgestellt waren, und der Bezirksrat hierüber keine Zuständigkeit hatte. Die Rechtsanwälte der Einspruch erhebenden Anwohner wiesen darauf hin, dass durch die Veränderung der Collinistraße zur Judengasse degradiert werde."       
Anmerkungen: 
- Kantor Robert Salomon Hirsch (1843 – 1935): sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/c1-a-03-09-hirsch-robert-salomon
- Rabbiner Dr. Robert Raphael Geis (1906- 1972) war von 1934-37 Jugendrabbiner in Mannheim, siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Raphael_Geis
- Liederkranz, jüdischer Gesangverein, gegründet 1855 aus dem Gottesdienstchor der Hauptsynagoge. Es handelte sich beim Liederkranz um einen Männerchor, der das klassische deutsche Lied vortrug. Seit 1929 durften auch Frauen dort singen. Dass der Chor hauptsächlich jüdisch war, schloss aber eine Zusammenarbeit mit christlichen Musikern keinesfalls aus. Bis 1936 war der Liederkranz in E 5, dann zog er nach Q 2,16 um. Prägender Dirigent des Liederkranzes war der Frankfurter Max Sinzheimer: https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00004218
- Jüdisches Lehrhaus, M 6,12: Eine Art Volkshochschule, nach dem Vorbild des von Franz Rosenzweig in Frankfurt a.M. 1920 gegründeten Freien Jüdischen Lehrhauses. Am 22. Sept. 1929 wurde das Lehrhaus von Rabbiner Dr. Max Grünewald im Saal des Casinos in R 1, 1 eröffnet. Prof. Dr. Samuel Billigheimer, Lehrer an der Lessingschule, war sein langjähriger Leiter.
- Zum Hakenkreuzbanner: Parteiblatt der NSDAP für Baden und Mannheim. Es wurde von 1931 bis 1945 herausgegeben. Vgl. https://www.bib.uni-mannheim.de/zeitungen/mannheimer-zeitungen/ 
- Das jüdische Krankenhaus zog 1936 in die Collinistraße 47 -53, heute Bassermannstraße. Dort war das 1931 eröffnete israelitische Altersheim, das das Krankenhaus in seinen Räumlichkeiten aufnahm. 1935 wurde ein Großteil der medizinisch-technischen Einrichtung neu angeschafft und genügte damit auch hohen Ansprüchen. Am 24. Dezember 1941 wurde das Krankenhaus von Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei, Heinrich Himmler, beschlagnahmt und zum Polizeikrankenhaus umgewidmet. Die verbliebenen Patienten, die am 22. Oktober 1940 nicht nach Gurs deportiert worden waren, wurden im Würzweiler’schen Haus in B 7, 3 (Geschenk des Bankiers Gustav Würzweiler an die jüdische Gemeinde) untergebracht, vgl. http://www.juedische-pflegegeschichte.de/juedische-pflege-in-mannheim-und-ihre-verbindung-zur-frankfurter-juedischen-pflege/
- Zu Rektorin Rosa Grünbaum (1881 Karlsruhe – 1942 KZ Auschwitz): Rosa Grünbaum zog als Jugendliche mit ihrer Schwester Viktoria 'Dora' und den Eltern Lazarus Grünbaum und Magdalene geb. Hirsch nach Mannheim. 1899 initiierte sie mit ihrer Schwester Dora den ersten Kindergarten, in dem sie Arbeiterkinder, die sich auf der Straße aufhielten, in den Räumen der Klaussynagoge in F 1, 11 unterbrachte. Mit dem Kinderarzt Dr. med. Eugen Neter vgl. https://www.leo-bw.de/web/guest/detail/-/Detail/details/PERSON/kgl_biographien/117550582/Neter+Eugen+Isaak gründeten die Schwestern Grünbaum weitere Kindergärten und bildeten Erzieherinnen aus. 1920 wurde aus dem Kindergärtnerinnenseminar das 'Fröbelseminar' unter Leitung der Stadt Mannheim und die Schwestern wurden ins Beamtenverhältnis übernommen. 1933 wurden sie aufgrund ihrer Herkunft aus diesem entlassen und im Oktober 1940 schließlich nach Gurs deportiert.
https://www.mannheim.de/de/tourismus-entdecken/stadtgeschichte/stolpersteine/verlegeorte/rosa-und-dora-gruenbaum 
https://helene-lange-schule-mannheim.de/portfolio/rosa-und-dora-gruenbaum/ .  

    
Festmahl der Chewra Kadischa   -  Beisetzung von Rechtsanwalt Dr. Moritz Pfälzer in Hemsbach (1936)   

Mannheim Israelit 26031936.jpg (199506 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. März 1936: "Mannheim, 15. März. Das diesjährige Festmahl der Chewra Kadischa (vgl.  https://de.wikipedia.org/wiki/Chewra_Kadischa), die an Rosch Chodesch Adar (= 1. Tag des Monats Adar 5696 = 24. Februar 1936) stattfand, erhielt ihren besonderen Charakter durch die Tatsache, dass das älteste Mitglied, Herr Leopold Simon (Anm.) nunmehr seit 1876 – also sechzig Jahre lang – der Chewra Kadischa angehört und m. G.(ottes) H.(ilfe) auch im 91. Lebensjahre noch rüstig sich für alle Angelegenheiten interessiert. Es mag auch Erwähnung finden, dass es dieses Jahr gelungen ist, die sehr wertvolle Stiftungsurkunde der Ch.(ewra) K.(adischa) Mannheim aus dem Jahr 1674 wieder aufzufinden. Herr Rabb.(iner) Dr. Lauer (Anm.), dem der Fund
gelang, benützte den Anlass, im Schabbat-Lernen der Chewra Kadischa den Mitgliedern die alten Takonath der Stiftungsurkunde bekanntzugeben und zu erläutern.
Im nahen Weinheim wurde am 17. Adar der Parnes, Rechtsanwalt Dr. Moritz Pfälzer von einer großen Zahl von Freunden zur letzten Ruhe geleitet. Nach langmonatlichem Krankenlager war er an Purim in Frankfurt a. M. von schwerem Leiden erlöst worden und in den Worten, die von einer ganzen Reihe von Vertretern verschiedener Körperschaften gesprochen wurden, entstand noch einmal das Bild dieses außergewöhnlichen Mannes, dieses jüdischen Mannes dessen Lebens-Megila an Purim zu Ende gerollt wurde. Rabb(iner) Dr. Grünewald, Mannheim, zeichnete in prägnanter Formulierung das Leben und Wirken Dr. Pfälzers, der Vorsitzende des Oberrats der Israeliten Badens, Prof. Dr. Stein, nahm bewegt Abschied von dem Kollegen im Oberrat, der ein treuer und tätiger, unermüdlicher Diener des badischen Judentums war. Die Gemeinde beklagte ihren guten Hirten und Führer, die Berufskollegen den echten Wahrer des Rechts, die Zionisten und Gesetzestreuen in Baden wussten Dank dem Manne, der die Liebe zur Tradition und die Sehnsucht nach Erez Israel - er durfte es vor zwei Jahren sehen und in sich aufnehmen – eingewurzelt war. – Alle, die sprachen, wussten einer anderen Seite des Heimgegangenen zu rühmen. Und dann trugen sie ihn von dem Garten seines Hauses, in dem an einem Vorfrühlingstage der Sarg aufgebahrt war, hinaus und geleiteten ihn zum Dorfe, aus dem er gekommen war. In Hemsbach, wo das alte Bes Olom (sc. Haus der Ewigkeit = Friedhof) seit Jahrhunderten die Ruhestätte der Toten der vielen Kleingemeinden ist, ruht nun auch Oberrat und Parnes Dr. Moritz Pfälzer aus Weinheim. Die Wandernden, die zum letzten Mal in tiefer Bewegung die Stätte betreten, an der ihre Väter und Großväter und Ahnen ruhen, werden auch am Kewer (Grab) dieses Mannes, der die kleinen jüdischen Gemeinden (Kehilot) und ihre Sorgen gekannt und sich um sie rastlos gemüht hat, eine stille Weile verharren. Sein Andenken und die Erinnerung an ihn werden sie mit hinausnehmen in die fernen Länder. Die aber, die nach Erez Jisroel ziehen, werden das Heilige Land grüßen von einem, der es geliebt hat mit solcher Liebe zum Land (?), dass um ihretwillen G"tt den um Dr. Pfälzer Trauernden Seinen Trost senden möge. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."  
Anmerkung:  - Zu Leopold Simon liegen keine Lebensdaten vor; es ist nicht der im jüdischen Friedhof Mannheim beigesetzte Leopold Simon vgl. https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/f1-a-03-07-simon-leopold, da dieser bereits 1925 verstorben ist. Vgl. Bericht zum 90. Geburtstag von Leopold Simon (1934) (interner Link).  
- Zur Chewra Kadischa: Die Mannheimer Beerdigungsbruderschaft wurde in Mannheim im Jahr 1574 gegründet. Vgl. Text oben zum 200-jährigen Jubiläum der Beerdigungsbruderschaft 1874 (interner Link). Wie aus dem Text hervorgeht, sorgte sie sich auch um das Wohlergehen von Menschen, die dem Judentum nicht angehören.
- Rabbiner Dr. Max Grünewald (1899 - 1992) kam 1925 als Jugendrabbiner nach Mannheim. Er begründete die Jugendgemeinde in der Hauptsynagoge in F 2, 13 und das Jüdische Lehrhaus, eine Art Volkshochschule in M 6, 12. Er war Stadt- und Konferenzrabbiner und von 1934 bis 1938 Gemeindevorsitzender. In den USA war er Mitbegründer und Präsident des New Yorker Leo Baeck Institute. https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Grünewald 
- Rabbiner Dr. Chaim Lauer (1880 - 1945) amtierte von 1935 bis 1938 in der Klaussynagoge F 1,11. Siehe Informationen auf der Seite zu den Rabbinern (interner Link)
; genealogische Informationen (mit Foto)  https://www.geni.com/people/Chaim-Lauer/6000000003533974341.   

    
Eine Anlernwerkstätte für Schlosser und Schreiner wird errichtet (1936)        

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. April 1936: "Mannheim, 12. April. Der Umstand, dass für die jetzt zur Schulentlassung kommende männliche Jugend handwerkliche Ausbildungsplätze nicht in dem erforderlichen Umfang zur Verfügung stehen, hat den Synagogenrat veranlasst, in engstem Einvernehmen und mit Unterstützung des Oberrats der Israeliten, Karlsruhe und der Reichsvertretung der Juden in Deutschland eine Anlernwerkstätte für Schlosser und Schreiner zu errichten. Die Anlernwerkstätte umfasst Ausbildungsmöglichkeiten für 20 Schlosser und 15 Schreiner. Die Jugendlichen stehen unter der Anleitung fachlich geeigneter Lehrkräfte und
sollen in einer Ausbildungszeit von 2 ½ Jahren eine praktische und theoretische Ausbildung erhalten, die den Grundstock zu einer gediegenen, beruflichen Tätigkeit, insbesondere im Ausland, bietet. Für die Besucher der Anlernwerkstätte hat der Herr Minister des Kultus und Unterricht Befreiung von der Fortbildungsschulpflicht ausgesprochen. – Die 35 Ausbildungsplätze stehen in erster Linie den Jugendlichen aus Mannheim und dem übrigen badischen Land zur Verfügung, soweit möglich soll jedoch auch den Jugendlichen aus der nichtbadischen Umgebung hier eine Ausbildungsmöglichkeit gegeben werden. Die Anlernwerkstätte, die sich in Mannheim–Neckarau (sc. Friedrichstraße 47), wird am 16. April 1936 eröffnet."       
Anmerkung: Das Gebäude in der Friedrichstraße 47 gehörte Sigmund Keller, wohnhaft in B 6, 10, der die Räume der jüdischen Gemeinde zur Verfügung stellte, damit die Werkstatt eingerichtet werden konnte. Die Anlernwerkstätte wurde von Ingenieur Georg Brauer (1889 – 1944) geleitet. Jeder Auszubildende hatte dort seine eigene Werkbank und wurde von qualifizierten Lehrern in den Fächern Rechnen, Zeichnen, Englisch, Hebräisch, Werkzeugkunde und fachspezifischer Theorie unterrichtet. Es gab keine Maschinen zum Erlernen des Handwerks, da die Schüler lernen sollten, ihre Arbeit mit dem vorhandenen Werkzeug auszuführen (man rechnete damit, dass in den Ausreiseländern auch nicht die erforderlichen Maschinen vorhanden sind). Am 10. November 1938 (Novemberpogrom) wurde die Anlernwerkstätte verwüstet. 

    
Kundgebung der Agudas Jisroel in Mannheim (1936)      

Mannheim Israelit 30071936.jpg (232377 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juli 1936: "Kundgebung der Agudas Jisroel in Mannheim. In Mannheim dominieren Zionismus und Misrachi. Und doch war der große Saal der Lamey-Loge (Anm.) einschließlich der Galerien vollbesetzt. Hunderte, Jung und Alt, waren gekommen, um zu hören, was Agudas Jisroel ihnen zu sagen habe. Auch die Umgebung war außerordentlich stark vertreten. Das Mannheimer Publikum in seiner Mehrzahl ist an die liberalen Gedankengänge gewöhnt, zum anderen Teil der zionistischen Ideologie verfallen, es wird noch einer langen, jahrelangen zähen Arbeit bedürfen, um auch das Gedankengut, das vom Sinai her seine Tradition empfängt, in Mannheim heimisch zu machen. Die Jugend arbeitet und das Alter folgt mit dem ihm gemäßen Tempo. Eine Ortsgruppe ist im Entstehen, auch in ihr wird die Jugend ein gewichtiges Wort haben. So können wir mit Stolz die Veranstaltung des letzten Sonntags als einen Erfolg für uns buchen. Der Beifall am Schluss der Versammlung bewies, dass Agudas Jisroels Ruf gehört und verstanden wurde.
Herr D. Jos. Levi leitete die Versammlung und gab nach kurzen einleitenden Sätzen Herrn Rabb.(iner) Dr. P. Kohn das Wort, den er als alten Mannheimer von vor 45 Jahren begrüßte. Daran anknüpfend gab Herr Rabb. Dr. Kohn seiner Freude Ausdruck, die Fortsetzung seiner Tätigkeit in Mannheim heute erleben zu dürfen.
Darauf folgte das Referat von Herrn Fredi Lustig über 'die Aufgaben der Jugend.' In ernsten eindringlichen Worten wies der Referent auf die Hohlheit der Anschauungen hin, die man heute der Jugend als Judentum und Judentumskunde vorsetze, die sie in keiner Weise befriedige. Rabbiner und Lehrer müssten heute in klarer Form der Jugend die Wege weisen, die Jugend besitze die Kraft zur absoluten Disziplin, es fehle ihr die Führung. Die große Aufgabe, die ihr heute gesetzt sei, ist die bisher nicht gekannte Verbindung von geistiger Einstellung und körperlicher Arbeit. Im Mittelpunkt ihrer geistigen Arbeit stehe die Jeschiwa, die weit mehr sein will, als Stätte des Studierens in den jüdischen Wissenschaften, die den jungen Menschen vielmehr das wahre gelebte, von Tannaim und Amoraim vorgelebte Judentum vor Augen führen will und ihn erfassen lässt die Tiefe und Größe der Taurohwelt.
'Die Aufgaben der Organisation' stellte sodann Herr Dozent H. Ehrentreu dar, der es in eindringlichen Worten als das Gebot der Stunde erklärte, die Werbetätigkeit für G’tt und seine Thora in Stadt und Land zu entfalten. Die Orthodoxie komme spät. Viel hat sie in der Vergangenheit versäumt. Auch die orthodoxe Welt ist aufgerüttelt. Sie braucht nicht umzulernen, wie die anderen, sie muss aber anders arbeiten als bisher, sie darf sich nicht darauf beschränken, die Erfüllung der (Hebräisch) für sich sicherzustellen, sie muss mehr tun zur Rettung der abgefallenen Brüder. Ihnen zu helfen in der Frage der Auswanderung, ihnen beizustehen in ihrer Isoliertheit auf dem Lande, sind die Aufgaben, die der Agudas Jisroel in Deutschland gestellt sind. Die freudige Stimmung, ja Begeisterung der zu der Bezirkstagung Herbeigeeilten zeigte, wie groß die Sehnsucht dieser Menschen nach jüdischen, echtjüdischen Lebensformen ist."      
Anmerkung: August-Lamey-Loge, C 4,12, ab 1935 Q 2, 16. Sie gehörte dem 'Unabhängigen Orden Bnei Brith', vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/B'nai_B'rith  an und wurde 1896 gegründet. Ihr langjähriger Präsident war Justizrat Notar Dr. Julius Appel, Sohn des Rabbiners Meier Appel.  

   
Bevorstehende Wahl des Synagogenrates und der Gemeindevertretung mit einer Einheitsliste (1936)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Dezember 1936: "Mannheim, 2. Dezember (1936). Für die bevorstehende Wahl des Synagogenrats und der Gemeindevertretung in Mannheim haben die Liberalen, Zionisten, Konservativen und die Gemeindevereinigung eine Einheitsliste aufgestellt. Es werde gleichzeitig beschlossen, dass in Zukunft der Synagogenrat nur noch aus neun (früher 11) Mitglieder und die Gemeindevertretung aus 36 gegenüber 44 bestehen soll. Der Synagogenrat soll sich aus 3 Zionisten, 3 Liberalen, einem Konservativen, einem Vertreter der Gemeindevereinigung und einem Mitglied zusammensetzen, das keiner Gruppe angehört. Die Gemeinde-Vertretung soll aus 14 Liberalen, 10 Zionisten, 5 Konservativen und Angehörigen der Gemeinde-Vereinigung sich zusammensetzen, wobei zwei Mitglieder der Gemeinde-Vereinigung und drei Konservative der zionistischen Richtung nahestehen sollen."     

  
Aufführung von Mozarts Oratorium "Judith" (1937)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. März 1937: "Mannheim. Vom Mannheimer Kulturbund (Liederkranz, Anm.) wurde Mozarts Oratorium 'Judith' zum ersten Male in deutscher und hebräischer Sprache aufgeführt. Bei der Aufführung unter Kapellmeister Sinzheimer (Anm.) hatte man zum besseren Verständnis der Handlung und der Gesänge verbindende Texte nach Worten der Bibel eingefügt."     
Anmerkungen:
- Liederkranz E 5,4. Nach dem Abriss des Gebäudes in E 5 erfolgte der Umzug nach Q 2, 16.
- Kapellmeister Max Sinzheimer (1894 - 1977): siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Sinzheimer und https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00004218  Leiter des Mannheimer Stamitz-Orchesters. Aufgrund der Nürnberger Gesetze von 1935 war es jüdischen Musikern verboten, Musik 'arischer' Komponisten aufzuführen (allen voran Richard Wagner, der ausschließlich von 'Ariern“ gespielt werden durfte). Es wurden nur 'ausländische' Komponisten erlaubt oder Komponisten, die ein 'jüdisches' Thema vertont hatten.   

      
Starke Auswanderung aus der jüdischen Gemeinde (1937)   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Juni 1937: "Die Bevölkerungs-Bewegung in der Gemeinde Mannheim. Mannheim, 18. Mai (1937). Im 'Israelitischen Gemeindeblatt' von Mannheim werden Zahlen über die Bevölkerungsbewegung in der Gemeinde angegeben. Am 1. Januar 1936 hat die Zahl der Mannheimer Juden noch 5.500 betragen, am 1. Januar 1937 waren es 4.880. Im Verlaufe des Jahres 1936 ist also ein Rückgang von über 11 Prozent Eingetreten. Der Bevölkerungsverlust durch das Überwiegen der Sterblichkeit über die Geburten betrug 1,1 Prozent.
Nach den bei der Gemeinde vorhandenen Unterlagen sind im Jahr 1936 465 Personen ausgewandert. Von ihnen waren 260 oder 56 Proz. Männer und 205 oder 44 Proz. Frauen. Die Verteilung auf die Altersstufen ergibt folgendes Bild: Im Alter bis zu 20 Jahren befanden sich 50 Auswanderer oder 12 Proz., im Alter von 20 -40 Jahren 270 oder 58 Proz., zwischen 40 und 50 Jahren waren es 66 oder 14 Proz., zwischen 50 und 60 Jahren 42 oder 9 Proz. und über 60 Jahre 31 Auswanderer oder 7 Proz. Über fünf Sechstel der Auswanderer waren also jünger als 50 Jahre. Nach den Vereinigten Staaten wanderten 140 Personen oder 30 Proz. aus, nach Palästina 81 oder 18 Proz., nach Südamerika gingen insgesamt 44 Personen oder 10 Proz., nach Südafrika 16 oder 3 Proz. Nach europäischen Ländern wanderten 155 Personen oder 33 Proz. aus. Hiervon gingen 34 nach Frankreich, 31 nach Holland und 22 nach Italien."       

    
Vorträge von Redakteur S. Schachnowitz in Karlsruhe, Gailingen und Freiburg, organisiert von Prof. Dr. Darmstädter in Mannheim (1937)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Dezember 1937: "Aus Baden. Mannheim, 3. Dezember (1937).
Es war dem 'Verein zur Wahrung des gesetzestreuen Judentums' gelungen, Herrn S. Schachnowitz (Anm.) als Redner für drei Orte zu gewinnen. Am 27. November lauschten im Karlsruher Vortragssaal sehr viele Menschen mit gespannter Aufmerksamkeit, als der Redner mit der ihm eigenen souveränen Beherrschung des Stoffes und des Wortes über 'Israel und Ismael' sprach. Es versteht sich von selbst, dass dieser Redner nicht nur das Aktuelle des Israel-Ismael, d.h. des Araber-Juden-Problems darstellte. Ihm stand die Fülle der Überlieferung, der Midraschim, der Historie zur Verfügung, um den Weg von der Vergangenheit in die Gegenwart zurückzulegen. Der Vortrag klang in Mahnung und Hoffnung aus: Mahnung, dass ein etwa kommendes jüdisches Gemeinwesen nur bestehen könne, wenn es ein wahrhaft jüdisches Gemeinwesen sei, aufgebaut auf dem Gesetz des wahren 'Herrn des Landes' und Hoffnung, dass in Erez Jisroel auch noch einmal die Versöhnung zwischen Israel und Ismael kommen werde. (Eingeleitet wurde der Abend von Prof. Dr. Darmstädter, Mannheim (Anm.), dem Organisator der Veranstaltungen.) – Am ersten Chanukaabend weilte S. Schachnowitz am entgegengesetzten Ende des Landes, in Gailingen und sprach über 'Chanukah in Erez Israel und in der Gola'. Die Freude der Dorfbewohner und der aus der Umgebung Herbeigeeilten war nicht weniger groß und ihr Beifall nicht weniger herzlich als in Karlsruhe, wo Herr Rabb. Dr. Michalski herzliche Worte des Dankes an den geschätzten Redner richtete. Aber es ist doch so: In der großen Stadt ist selbst die beste Veranstaltung eine unter vielen Veranstaltungen. Im abseits gelegenen Dorf, mit seiner noch großen, sehr wachen und sehr regen Gemeinde, ist’s schon ein Ereignis, wenn ein Prominenter kommt. Man soll nicht meinen, dass die Menschen im kleineren Ort den Ereignissen und Problemen, die um Erez Israel kreisen, ferne stehen. Sie hören sehr aufmerksam, wenn einer Ernstes, aber auch einmal eine gute Anekdote, ein gutes Gleichnis zu erzählen weiß und dabei über Juden und Araber, den jüdischen Staat, die Kenessio Gedaulo und Erez-Jisroel-Arbeit Wichtiges zu sagen hat. Wie wir hören, war es ein einzigartiger Auftakt zu Chanuka, eingeleitet durch das erste Entzünden, beendet durch frohes Zusammensein bis nach Mitternacht. Dazu trugen auch die emunadurchglühten (emuna = Wahrheit) Reden Rabb. Dr. Bohrers (in Gailingen) vor und nach dem Vortrage nicht wenig bei. – Am nächsten Tag in Freiburg. Der Betsaal überfüllt. Viele, die uns gesinnungsgemäß fernstehen, waren sehr dankbar für das, was ihnen hier, vielleicht zum ersten Mal in dieser Zeit, gesagt wurde über 'Die neue Bedeutung der alten Gebete'. Während in Karlsruhe und Gailingen der 'Verein zur Wahrung' selbst der Veranstalter der Abende war, hatte in Freiburg das 'Lehrhaus' die Durchführung übernommen. Und so sprach in dessen und der Gemeinde Namen Dr. Scheuermann den Dank aus an Herrn Schachnowitz, der sich mit seiner Chanuka-Reise durch Baden viele neue Freunde erworben und gute Saatkörner in Stadt und Land ausgestreut hat."        
Anmerkung:
-  zu Selig Schachnowitz (1874 - 1952): siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Selig_Schachnowitz
-  zu Prof. Dr.
Karl Darmstädter (1892 in Birkenau - 1984 USA): lebte seit 1897 in Ladenburg, 1919-1923 in Mannheim und 1923 bis 1927 wieder in Ladenburg. Er war Oberlehrer für Deutsch an der Realschule, Professor; später Mitglied der Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde Mannheim und Mitglied der Oberrats der Israeliten Badens, noch vor den Deportationen emigriert, gestorben am 24. Juli 1984 in den USA. Mehrere Texte und Dokumente zu ihm in der Seite zu Ladenburg. Vgl. auch eine Geburtsanzeige einer Sohnes von Prof. Karl Darmstädter und Hilde geb. Jakobsohn (1928)  (interner Link). 
-  zu Rabbiner Siegfried Scheuermann (1910 - USA); war 1936 bis 1938 Rabbiner in Freiburg, ab 1937 auch in Bühl, starb kurze Zeit nach seiner Emigration in die USA.

   
Ergebnisse der Ersatzwahl der Synagogenräte - Mitteilung zu Prof. Darmstädter - Abschied von Kantor Epstein (1938)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Januar 1938: "Aus Baden. Mannheim, 2. Januar (1938).
Durch Wegzug und Amtsniederlegung verschiedener Synagogenräte wurde eine Ersatzwahl notwendig, die auf Grund einer Einheitsliste vorgenommen wurde. Es wurden in den Synagogenrat gewählt: Prof. Dr. Samuel Billigheimer (Anm.), Prof. Darmstädter (Anm.), Dr. Eisenheimer, Alfred Sender und Berthold Strauß.
Prof. Darmstädter ist Vorsitzender des 'Vereins zur Wahrung des gesetzestreuen Judentums in Baden'.
In einer kurzen Abschiedsfeier für Herrn Kantor Epstein (Anm.) in der Synagoge am Schabbat Wajehi ehrte Herr Rabbiner Dr. Lauer (Anm.) den scheidenden treuen Beamten mit dem Chawer-Titel und dankte ihm in herzlichen Worten für alle Dienste, die er in 17 Jahren der Gemeinde geleistet hatte."     
Anmerkungen:
- zu Professor Dr. Samuel Billigheimer (1889 – 1983): Lehrer an der Lessingschule Mannheim und Synagogenrat, Leiter des Jüdischen Lehrhauses in M 6, 12. Emigrierte nach Australien im März 1939 nach Rückkehr von seiner Haft im KZ Dachau.
-  zu Prof. Karl Darmstädter
(1892 in Birkenau - 1984 USA): lebte seit 1897 in Ladenburg, 1919-1923 in Mannheim und 1923 bis 1927 wieder in Ladenburg. Er war Oberlehrer für Deutsch an der Realschule, Professor; später Mitglied der Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde Mannheim und Mitglied der Oberrats der Israeliten Badens, noch vor den Deportationen emigriert, gestorben am 24. Juli 1984 in den USA. Mehrere Texte und Dokumente zu ihm in der Seite zu Ladenburg. Vgl. auch eine Geburtsanzeige einer Sohnes von Prof. Karl Darmstädter und Hilde geb. Jakobsohn (1928)  (interner Link) 
-  zu Kantor Epstein siehe Bericht zum Abschied von Schochet und Kantor Epstein (1937)  (interner Link)    

- zu
Rabbiner Dr. Chaim Lauer (1880 - 1945): amtierte von 1935 bis 1938 in der Klaussynagoge F 1,11. Siehe Informationen auf der Seite zu den Rabbinern (interner Link); genealogische Informationen (mit Foto)  https://www.geni.com/people/Chaim-Lauer/6000000003533974341.   

   
   
   
Zur Geschichte der Lemle Moses Klaus-Stiftung       
200-jähriges Bestehen der Lemle Moses Klausstiftung (1908)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Oktober 1908: "Mannheim 25. Oktober (1908). Die Klaus in Mannheim (Lemle Moses Klausstiftung), der Sammelpunkt der Gesetzestreuen dahier, beging am letzten Sonntag die Feier ihres 200jährigen Bestehens. Herrn Rabbiner Dr. Unna wurde bei diesem Anlasse vom Großherzog das Ritterkreuz II. Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen verliehen. Über den Verlauf des äußerst gelungenen Jubiläumsfestes werden wir in nächster Nummer ausführlich berichten."   
Anmerkung: Rabbiner Dr. Isaak Unna, Klausrabbiner, Stadt- und Konferenzrabbiner siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Isak_Unna
  
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. November 1908: "Mannheim, 1. November. Die Lemle Moses Klausstiftung in Mannheim feierte, wie schon kurz berichtet, am ersten Tag (Rosch chodesch Marcheschwan; 1. Cheschwan 5669 war der 26. Oktober 1908) die Feier ihres 200jährigen Bestehens. Zum Festgottesdienst in der Klaussynagoge waren u.a. erschienen: Vertreter des Großherzoglichen Verwaltungshofes in Karlsruhe, der Vorsitzende des Großherzoglichen Bezirksamtes, verschiedene Mitglieder des Großherzoglichen Oberrats der Israeliten, der Synagogenrat, die Herren Stadtrabbiner, sowie der früher in Mannheim wirkende Distriktrabbiner Herr Dr. Kohn – Ansbach. Nachdem der Klauschor Ma Towu und das Mincha-Gebet vollendet war, hielt Herr Rabbiner Dr. Unna die Festpredigt, die auf alle Anwesenden sichtlich einen tiefen Eindruck machte. 'Wir leben,' so führte er aus, 'in einer Zeit der Gärung und des Überganges! Man wendet sich ab von den alten Idealen und sucht tastend nach einem neuen Heiligtum, ohne zu wissen, wie dieses neu beschaffen sein soll. Und doch bedarf der Mensch eines solchen Ideals, will er Antwort haben auf die Frage was seine Aufgabe hier auf Erden ist und wie er sie lösen soll. Dem Juden geben die ersten Worte seiner Bibel diese Antwort: 'Am Anfang schuf Gott. Am Anfang für die Thora, die Anfang genannt wird.". Der Zweck der Welt ist die religiös-sittliche Erziehung Israels und der Menschheit durch die Thora. Und weil unseren Vätern die Thora das höchste Gut war, darum sahen sie auch das höchste Verdienst darin, Stätten für Thora zu errichten, wo sie gelernt und gelehrt würde. Eine solche Stätte der Thora sollte auch die Stiftung sein, die an den Namen Lemle Moses Reinganum anknüpft. Lemle Moses besaß nicht nur ein fürstliches Vermögen, er war auch ein Fürst in seiner Gesinnung. Er, der mit Königen und Herrschern verkehrte, während man seine Glaubensgenossen noch ins Ghetto einschloss, war und blieb Jude, nicht bloß dem Namen und dem Gefühl nach, sondern in seinem ganzen Leben. Und für die beste Verwendung seines Vermögens hielt er es, ein Haus zu errichten, wo das Thorastudium gepflegt, wo das Wort das Studium der Thora wiegt alles auf vollkommen verwirklicht werden sollte. Denn in der Bestätigung dieses Wortes, in dem ethischen Moment, das in Studium der Thora... enthalten ist, liegt das Geheimnis der Erhaltung Israels. Das Lehrhaus (Beth Mamidrasch) des Rabbi Lemle Moses blieb lange Zeit hindurch eine Stätte eifrigen Thorastudiums, und große Männer, wie Rabbi Hillel Minz, Rabbi Jakob Ettlinger, haben dort gewirkt. Neben Thora(studium) sollten aber auch G'ttesdienst  und Wohltätigkeit betätigt werden. In der Gegenwart, wo leider das Thorastudium nicht mehr in alter Weise gepflegt wird, ist Gottesdienst der Mittelpunkt der Stiftung und die Synagoge ist der Sammelpunkt der Anhänger des altüberlieferten Judentums geworden.' Mit dem Wunsche, das Andenken des Stifters durch Erhaltung der drei Säulen Gottesdienst und Wohltätigkeit und ganz besonders der Thora zu ehren, schloss Herr Dr. Unna seine Rede. Er sprach alsdann ein Jiskor (Gedenkgebet) für den Stifter, dem sich eine Rezitation von Psalmen (Tehilim) anschloss. Mit dem Maariv-Gebet und dem vom Klauschor vortrefflich gesungenen Mismor schloss der erhebende Gottesdienst. Hierauf beendete im Lernsaal der Klaus, Herr Rabbiner Dr. Unna das Studium des Traktates Megilla (vgl. Wikipedia-Artikel)  , die er mit jungen Mannheimer Kaufleuten lernte, in feierlichem Sijum (Abschlussfest). In geistreicher Weise verband er den Schluss dieses Talmudabschnittes mit der neu begonnenen Traktat Pessachim (vgl. Wikipedia-Artikel). Abend 1/2 8 Uhr versammelte man sich in den Sälen der August-Lamey-Loge zu einem Festbankett. Der Präsident des Abends, Herr Synagogenrat Dr. Hachenburg, hielt die Begrüßungsansprache, die tief durchdacht war und auch über den Rahmen der Feier hinaus bedeutende Gedanken zum Ausdruck brachte. Er leitete seine Rede mit einem Zitate aus dem Werke eines seiner Ahnen, der als Rabbiner in der Klaus gewirkt, des Rabbi Nathan Neta Hachenburg, ein, der herabfleht 'den Segen Gottes für den Fürsten seines Volkes, den Führer und Leiter der Gemeinde Mannheim, dem großen Fürsprecher seiner Brüder Ascher Lemle Moses Reinganum, den sein edler Sinn bewogen, dass er der Thora ein Zelt, ein dauerndes Haus errichtet, in seinem Hause versammelte er würdige und edle Gelehrte, pflanzte Rosen im Garten der Thora, arbeitete an dem Wiederaufbau Zions und Jerusalems, spendete reichlich den Armen und Bedürftigen. 'So sprach,' fuhr er fort, 'vor fast zwei Jahrhunderten einer der Gelehrten der Klaus über deren Stifter, und er ahnte nicht, dass ein später Nachkomme heute wiederum diese Worte verkündet.' Der Redner sprach dann weiter über den Stifter, seine Frömmigkeit und die Taten seiner      
Mannheim Israelit 05111908a.jpg (188906 Byte)Milde. Sein Werk wirkte noch nach Jahrhunderten fort und des sei nicht zum geringsten sein Verdienst, dass auch heute noch, wo die religiösen Anschauungen der Judenheit so weit auseinander gehen, die Einheit in der hiesigen Gemeinde gewahrt sei, da die Klausstiftung den gesetzestreuen Kreisen die Möglichkeit ihrer Religionsbetätigung gewähre. Er selbst gehöre nicht mehr zu den Anhängern der Alten, werde aber stets dafür eintreten, dass ihnen die Freiheit ihrer religiösen Betätigung nicht geschmälert werde und es habe ihn gefreut, mit welcher Mannhaftigkeit Herr Dr. Unna in seiner vortrefflichen Festrede den gesetzestreuen Standpunkt gegenüber den modernen Bestrebungen zum Ausdruck gebracht habe. Seine Rede klang in ein begeistert aufgenommenes Hoch auf unseren edlen Landesfürsten aus. Herr Geheimer Oberregierungs-Rat Dr. Mayer in Karlsruhe überbrachte der Gemeinde Mannheim die Grüße des Großherzoglichen Oberrates und des Großherzoglichen Verwaltungshofes. Er beglückwünschte Herrn Dr. Unna zu der ihm gewordenen hohen Auszeichnung und wünschte ihm, dass er auch weiterhin wie bisher zum Segen der Mannheimer Gemeinde wirken möge. Sein Hoch galt der mustergültigen Klausverwaltung und all ihren Beamten.
Alsdann gelangte das vom Herrn Distriktrabbiner Dr. Kohn – Ansbach verfasste allegorische Festspiel zur Aufführung. Dieses in wunderbar poetischer Sprache verfasste Tendenzstück zeigte uns, dass Thora, Gebet und Liebeswerke nur in inniger Vereinigung dem Judentum zum Heile gereiche, dass auch die Liebeswerke nur Dauer haben, die auf dem Boden der Thora erblühen. Und dass Lemle Moses Reinganum den drei Säulen der Welt vereint eine Stätte geschaffen hat, das sichere seinem Lebenswerke ewige Dauer. Es toasteten dann noch die Herrn Rabbiner Dr. Unna auf die Verwaltung, Dr. Appel – Karlsruhe auf Damen. Dr. Steckelmacher feierte die verstorbenen Klausrabbiner. Dr. Kohn toastete auf die Jugend der Klaus, die am echtesten im Sinne des Stifters wirke, wenn sie dem Thorastudium obliege und wie es ihm deshalb heute der schönste Augenblick gewesen sei, als er sie ihren Sijum (Abschlussfest des Studiums eines Traktates) feiern sah. Es sprachen ferner noch die Herren Medizinal-Rat Dr. Lindemann mit vielen Reminiszenzen aus seiner Jugendzeit auf die Besucher der Klaus, Herr Aron Ettlinger auf die Spender, Herr Eduard Bauer auf Herrn Dr. Unna, Herr Bankdirektor Sigmund Rosenbaum auf den Verfasser des Festspiels und die Darsteller; Herr Dr. Fulda, der Präsident der August-Lamey-Loge, überbrachte deren herzliche Wünsche für das Mitwirken der Klaus zum Heile des Judentums. Die Festestimmung hielt die Feiernden noch bis in früher Morgenstunde vereint."
Anmerkungen:
- zu Dr. Hachenburg (1860 - 1951), Jurist und Rechtspublizist: siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Hachenburg 
-  zu Eduard Bauer (1866 - 1937), Fabrikant und Synagogenrat: sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/g1-a-10-03-bauer-eduard, vgl. auch Bericht zum Tod von Eduard Bauer (1937) (interner Link)    
-  zu
Justizrat
Dr. Julius Appel (1881 Homburg v.d.H. – 1952 Mannheim), Sohn des Mannheimer Rabbiners Maier Appel (Klaussynagoge, dann Stadtrabbiner), kam als Kind von Homburg v. d. H. nach Mannheim. Studium der Rechtswissenschaften in Heidelberg, München und Freiburg. Langjähriger Präsident der August-Lamey-Loge, Vorsitzender der Liberal-Jüdischen Vereinigung Mannheim, Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg. Emigrierte 1939 in die USA, wo er aber nie richtig heimisch wurde. Notar Appel starb überraschend bei einem Besuch in Mannheim im Jahr 1952. Quelle: Karl Otto Watzinger: Geschichte der Juden in Mannheim 1650 – 1945, Stuttgart 1984
-  zu Dr. Fritz Fulda (1870 – 1931): sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/b1-mgr-05-fulda-fritz-dr 
-  zu Aron Ettlinger, Landesproduktenhändler (1831- 1884): sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/b1-b-02-01-ettlinger-aron 
-  zu Geheimer Oberregierungsrat Dr. David und Marie Mayer, Karlsruhe
-  zu Rabbiner Dr. Moritz Steckelmacher, Stadtrabbiner (1851 in Boskowitz (Mähren) – 1920 Bad Dürkheim), siehe Seite zu Bad Dürkheim.   
 

   
Zur Geschichte der Mannheimer Klaus-Stiftung (1909)    

Mannheim Israelit 26081909.jpg (576343 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. August 1909: "Die Geschichte einer Stiftung. In der noch erst zu schreibenden 'Geschichte der Reform in orthodoxer Beleuchtung' wird den alten, frommen, jüdischen Stiftungen ein besonderes Kapitel zu widmen und der Darstellung der wandlungsreichen Schicksale, welche sie unter den Händen von Männern erfuhren, deren religiöses Fühlen und Denken nur zu oft kaum noch in Spuren Berührung mit dem Stifter und Begründer aufwies, ein breiter Raum zu gewähren sein. Ist doch kaum eine andere Erfahrung so wie diese geeignet, an ihr den völligen Mangel des Empfindens für Brauch und Recht historischer Kontinuität, die Verkümmerung des Gehörganges für die Stimme der Gerechtigkeit und Billigkeit, die ganze Fülle liebloser Pietätlosigkeit und aller frommen Scheu barer Selbstherrlichkeit,
kurz, das ganze Bündel unsympathischer Eigenschaften kennen zu lehren, welche den Grundcharakter der sogenannten jüdischen Reformbewegung im Großen wie im Kleinen und allüberall – bilden. Für diese Kreise galt von jeher weder die Rücksicht auf das (Hebräisch), noch der zum eisernen Bestand aller Kulturrechtssysteme zählende Satz, dass Wille und Absicht des Testators für die Auslegung und Behandlung des Letztwillens als maßgebend zu erforschen sind, wenn es – in ihr Kalkül nicht eben passte; und da kein Kläger, und noch seltener ein Richter war, so vermochte nichts jene altehrwürdigen, frommen Stiftungen vor dem Schicksale zu schützen, dass durch gekünstelte und gezwungene Ausdeutung und Übersetzung der zumeist hebräisch abgefassten Testamente und, wo diese Künste versagten, mit Hilfe einfacher, brutaler Gewalt die Gelder ihrer Bestimmung entfremdet und zur Unterstützung anderer Zwecke verwendet wurden, welche den Erblassern oft genug Sünde und Gräuel geschienen hätten! Wie hätte es denn aber auch anders gehen können?! Diese Männer haben Hand gelegt an die heiligsten Güter ihrer Religion; nicht Kultus noch Ritus, nicht Gesetz noch Tradition waren sicher vor ihren dreisten 'Verbesserungen'; ja, das Dasein des Schöpfers selbst war für nicht wenige unter ihnen eine 'durchaus' diskutable und diskutierte 'wissenschaftliche' Frage und sie hätten davor zurückbeben sollen, ein paar armselige Taler anzufassen, die ein altmodischer Jude, der es nicht besser verstand, vor grauen Zeiten für Tora und Gottesdienst gestiftet und mit einer Zweckbestimmung hinterlassen hatte, die dem fortgeschrittenen, erleuchteten Geist der Enkel alles andere eher denn respekteswert erschien?! Man türmt nicht Ossa auf Pelion, um sich vor einem Mäuslein in ein Loch zu verkriechen!
Für Erfahrungen dieser Art bieten sich ungewollte Beispiele in Hülle und Fülle in der Lokalgeschichte fast aller deutscher Großgemeinden, von vereinzelten, rühmlichen Ausnahmen abgesehen. Den Anlass, die heute wieder einmal zu betonen, bietet uns die nunmehr, nach Erscheinen des 2. Heftes abgeschlossen vorliegende, treffliche Geschichte der Mannheimer Klaus von Rabbiner Dr. Isak Unna ('Die Lemle Moses Klaus-Stiftung' in Mannheim, Frankfurt a. M. 1908/09 J. Kauffmann). Die Gerechtigkeit gebietet, vorweg zu erklären, dass diese Stiftung und ihr Schicksal nicht zu denjenigen Fällen zählen, in welchen die zur Stütze und Förderung altjüdischer Sinnes- und Lebensart testierten Fonds geradezu 'zu einem Instrument der Zerstörung und Verwüstung von Gottesfurcht und Wahrheit herabgewürdigt werden.
Aber auch so bleibt genug an Empörendem und Unbilligem zurück, um die schärfste Kritik wachzurufen und zu rechtfertigen. Die Mannheimer 'Klaus', die im vorigen Jahre auf das ehrwürdige Alter von 200 Jahren zurückblicken konnte, ist nicht das Werk vieler, die zur Gründung einer Thorastätte zusammentraten, und hat, nach dem Willen ihres Gründers, auch nie Unterstützung aus der Gemeinde erwarten und annehmen sollen; sondern ein einziger Mann – einzig auch in seiner Art – Lemle Moses Reinganum (Hebräisch) hat sie geschaffen und mit, für seine Zeit, opulenten Mitteln ausgestattet, damit Talmud und Tora als die Grundlage und der Eckstein des Judentums; ohne Nebenzweck und nur um ihrer selbst willen hier für ewige Zeiten gepflegt und hochgehalten werde und zehn berufene Talmudkundige bei ausreichendem Einkommen in äußerlicher Sorgenfreiheit ihre Zeit und ihr Interesse ungeteilt dem Thorastudium und dem Forschen in der Lehre widmen möge. So lange er lebte, wachte er darüber, dass diese seine Absicht in jeder Hinsicht erfüllt werde. Und damit auch nach seinem Ableben seine Stiftung 'für ewige Zeiten' bestehen bliebe und ihren Charakter behielt, vermachte er ihr in seinem Testament – ein herrliches Zeugnis seiner Menschlichkeit – ein Kapital von 100.000 fl., das zu 6 Prozent ausgeliehen war, ferner die Häuser, in denen sich das Lehrhaus und die Synagoge befanden, sowie auch die Gebäude, in welchem die Gelehrten ihre Wohnung haben, der Klaus zum Eigentum und bestimmte, dass falls die Erben das Testament anfechten oder in einem Punkte nicht gewissenhaft zur Ausführung bringen sollten, sie an die Gemeinde Mannheim ein Strafgeld von 400.000 fl. zu bezahlen hätten! 'Das Studium sollte die ganze Aufmerksamkeit der Angehörigen des Lehrhauses in Anspruch nehmen und sie sollten während der ganzen Woche niemals außer zur Mittags- und Abendessenstunde das Lehrhaus verlassen. Nur bei besonderen Veranlassungen konnte eine Ausnahme gemacht werden.' In diesem Sinne hat Lemle Moses seine Stiftung errichtet; die Forderung, 'Du sollst über die Lehre nachsinnen Tag und Nacht' sollte, in seinem Lehrhause ihre volle Verwirklichung finden und die Vertiefung in die Lehre sollte den Schülern nicht bloß ein bestimmtes Maß von Wissen vermitteln, sondern es sollte sie auch zu einem streng sittlichen Leben heranbilden, und sie befähigen, alle die Opfer, welche der Glauben ihnen auferlegte, freudig zu ertragen.'
Heute ist die Klaus eine Gemeindefreischule für Religionsunterricht, speziell für Unterricht im Hebräischen geworden. Direktor der Schule ist Herr Konferenzrabbiner Dr. Steckelmacher, dessen Name der weitesten Öffentlichkeit durch seine 'Mitarbeit' an dem famosen Badischen Gebetbuch und durch die publizistische Vertretung dieses allseitig verurteilten und unter dem Verdikt der Synodalwähler förmlich zusammengebrochenen Opus als eines Vertreters der radikalsten Reform bekannt geworden ist. Als Lehrkräfte wirken neben Herrn Rabbiner Dr. Unna noch der zweite Rabbiner, Dr. Oppenheim, der, wie zu seinen Ehren gesagt sei, zwar stets eine Brüskierung der Empfindungen Andersdenkender sorgfältig vermieden, aber andererseits, als
ehrlicher Mann, nie ein Hehl daraus gemacht hat, dass er in religiöser Hinsicht den Standpunkt der Anstalt vertritt, der er seine Ausbildung verdankt, das ist die Berliner 'Hochschule'. Weiter: Das Parterre des Klausgebäudes wird mietweise von einem jüdischen Geschäfte eingenommen, das 'natürlich' am Schabbat und am Feiertag geöffnet ist; und so erleben die Besucher der Klaussynagoge allsabbatlich den Oneg Schabbat, es mitansehen müssen, dass die Stätte, welche Lemle Moses Reinganum - das Gedenken an den Frommen sei zum Segen - zu einem kleinen Heiligtum bestimmt und hergegeben hat, zum Schauplatz einer Sabbatentweihung ärgster Art geworden ist. Non olet! Für die Klaus, wie sie heute ist,       
Mannheim Israelit 26081909b.jpg (286301 Byte)darf ruhig auch aus einem (Hebräisch) die Sustentation gezogen werden; eine Stilwidrigkeit liegt also nicht vor; diese Gerechtigkeit mag man der heutigen Klausorganisation ruhig widerfahren lassen.
Diese nüchterne Gegenüberstellung der Tatsachen, des von Lemle Moses Reinganum (Hebräisch) gewollten und des hier Ereignis gewordenen, jetzigen Zustandes bestätigt, was wir oben über das Schicksal dieser Stiftung sagten. Wen aber trifft die Schuld, dass es so geworden ist? Keinen anderen als diejenige Instanz, die seit jeher sich als Geschäftsführerin des Reformjudentums gefühlt und gegeben und ihre Machtmittel dazu ausgenutzt hat, die Orthodoxie aus ihrem Besitzstand zu werfen. Es ist eines der interessantesten Kapitel des Unna’schen Buchs, das über die verhängnisvolle Rolle, die die der Oberrat in dem Leben der 'Klaus' spielt Aufschluss gibt. Der Gemeindevorstand stand in seinem Bestreben seine Machtvollkommenheiten über die Klaus auszudehnen, Lasten, die der Gemeinde oblagen, auf die Stiftung abzuwälzen und an Stelle der alten Verfassung, welche (Hebräisch) im alten Sinne gepflegt, wissen wollte, eine andere zu setzen, welche modernen Theologen die Klausrabbinerstellen
ausliefern sollte, beim Oberrat volles Verständnis und Entgegenkommen. Wiederholt nimmt das Ministerium Anlass, Vorschläge des Gemeindevorstands und des Oberrats als dem Testament nicht entsprechend abzulehnen und beiden in ihre Schranken zurückzuweisen. Aber der Vorstand erlahmt in seinem Bestreben nicht und durch das neue Statut der Klaus vom 6. August 1863, welches ihm in der Verwaltung die absolute Majorität sichert, erhält er endlich den Weg frei, die Klaus in seinem Sinne umzugestalten. Durch Verfügung des Oberrats vom 8. Mai 1872 wurde die von der Klauskommission 'gewünschte' Einführung der hebräischen Schule genehmigt; dann erfolgt von 1886 – 1888 der Umbau der Klaus; und schließlich beseitigten die Statuten vom 4. April 1891 auch noch den letzten Rest scheinbarer Selbstständigkeit der Klausverwaltung, indem es den Synagogenrat zur alleinigen Verwaltungsbehörde der Stiftung bestimmt.
'Die Klausstiftung hat in den zweihundert Jahren ihres Bestehens viele Wandlungen erfahren. Sie hat Zeiten des Aufschwungs und des Niedergangs erlebt und ist auch Zeugin der tiefgreifenden Veränderungen gewesen, die innerhalb der jüdischen Gesamtheit sich vollzogen haben. Von dem eigentlichen Zweck der Stiftung ist wenig mehr übrig geblieben. Unsere Zeit hat andere Ideale als in den Schacht des Talmuds hinabzusteigen und die dort verborgenen Schätze der Weisheit zu heben; die heute noch ebenso wertvoll sind wie vor Jahrhunderten'. Mit diesen wehmütig-resignierten Worten schließt Unna seine Geschichte der Klaus. Sie schildern die Situation sehr richtig. Wenn er aber (Hebräisch) hinzufügt: 'Die Möglichkeit einer neuen Blüte ist nicht ausgeschlossen, und vielleicht darf von einem neuen Erwachen des jüdischen Genius auch wieder eine Vertiefung in die jüdische Wissenschaft und frisches geistiges Leben erhofft werden' – so erscheinen für Mannheim dem Kenner der Verhältnisse diese Worte doch wohl als sehr optimistisch. Vielleicht – wäre das nicht eingetreten, was Unna der Klaus zum Ruhm anrechnet, dass 'durch sie die Einheit der Mannheimer Gemeinde gewahret wurde', sondern hätte hier sich eine geschlossene und entschlossene selbständige orthodoxe Gemeinde entwickelt, vielleicht hätte ihr entschiedenes Auftreten das Schicksal der Klaus wenden und es verhüten können, dass es jetzt wie ein Hohn auf Moses Lemle Reinganum (Hebräisch) klingt, wenn allsabbatlich in der Klaussynagoge sein Testament verlesen wird'."  
Anmerkungen:
-  zu Rabbiner Dr. Isaak Unna, Klausrabbiner, Stadt- und Konferenzrabbiner siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Isak_Unna
-  zu Rabbiner Dr. Gustav Oppenheim (1862 – 1940), Stadt- und Konferenzrabbiner: emigrierte 1939 nach Australien.    

    
Über die Geschichte der Mannheimer Klaus (1909)     

Mannheim Israelit 29091909.jpg (101394 Byte) Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. September 1909: "Mannheim und die Klaus. Ein Beitrag zur Geschichte des jüdischen Gemeindelebens in Deutschland. Der in Nr. 34 des 'Israelit' veröffentlichte Artikel 'Die Geschichte einer Stiftung' gibt eine fesselnde Darstellung des traurigen Gegensatzes, der zwischen der Entwicklung der Mannheimer Klaus und den frommen Absichten, die den Stifter bei der Gründung seines so außergewöhnlich großartigen Werkes geleitet hatten, herrscht.
Eine andere Frage aber ist es, die bei diesen Erörterungen nur gestreift, aber nicht eingehend beleuchtet werden konnte und die doch nicht für Mannheim allein, sondern auch für manch andere deutsche Gemeinde von Bedeutung ist: Welchen Einfluss hat die Klaus auf die Entwicklung der Mannheimer Kehila (Gemeinde) ausgeübt?
Die Ereignisse, die wir zur Beantwortung dieser Frage besprechen wollen, gehören der Geschichte an, und die Männer, die diese Ereignisse aktiv oder passiv herbeigeführt haben, sind schon alle, ohne Ausnahme lange, lange zu ihren Vätern versammelt. Mit voller Objektivität können wir daher diese Geschichte der vergangenen Tage wiederaufleben lassen.
Wir versetzen uns zurück in das Jahr 1855.       
Mannheim Israelit 29091909a.jpg (204376 Byte)Wir befinden uns in der Zeit der heftigsten Kämpfe zwischen 'Reform' und der 'Orthodoxie'. In den großen alten Kehilot (Gemeinden) wurden die jüdischen Institutionen von den neologen Gemeindeverwaltungen absichtlich dem Verfall preisgegeben. Um offenkundig vor aller Welt klarzulegen, dass man mit dem alten Judentum gebrochen habe, errichtete man Prunksynagogen mit Orgeln. Wenn in diesen Gemeinden noch treue Jehudim (fromme Juden) waren, so empfanden diese das Vorgehen der Mehrheit der Gemeinde als einen Hohn auf ihr heiligstes Empfinden; ob auch gering an Zahl, hatten sie sich an manchen Orten von der unjüdisch gewordenen Gemeinde losgesagt und eigene, bewusst jüdische Gemeinden gebildet. So war in jener Zeit schon eine Religionsgemeinschaft in Frankfurt am Main und in Mainz entstanden und auch in Darmstadt, Wiesbaden, Karlsruhe wiederholten sich die gleichen Erscheinungen.
Nur in Mannheim ist unter ganz gleichen Bedingungen eine Religionsgesellschaft ins Leben getreten. Aber auch in Mannheim war der Plan zur Gründung einer Religionsgesellschaft schon ausgearbeitet.
Es war im Jahre 1855. Die neue Synagoge in Mannheim war ihrer Vollendung nahe und im weisen Rat der Führer der Gemeinde war es stets beschlossen, diese Synagoge durch eine Orgel zu 'verschönern'. In der Gemeinde Mannheim waren damals noch eine ganze Anzahl wackerer Baalei Batim (Familienvorsteher), die jeder echt jüdischen Kehila (Gemeinde) zur Zierde gereicht hätten. Durch die Einführung der Orgel hatte man diese Baalei Batim einfach aus der neuen Synagoge, die auch mit den Steuergroschen der Frommen erbaut worden war, - hinausgeworfen. Die treugebliebenen Jehudim fassten nun folgerichtig den Plan, eine eigene Gemeinde zu bilden und dieser Plan war auch der Verwirklichung schon nahe gerückt.
Da stand ein Mann auf aus dem Kreise der 'Frommen', um ein Kompromiss mit der Gemeinde anzubahnen, und das, was er erstrebte, ist ihm nur allzu leicht gelungen. Und damals war es die Klaus; durch welche dieses Kompromiss ermöglicht wurde.
Eine hohe Gemeindeverwaltung wollte sich gnädiglich bei der Klaus-Verwaltung dafür bemühen, dass die Gemeindemitglieder, denen man das Innere der neuen Synagoge verschlossen hatte, in der Klaussynagoge einen 'Unterschlupf' finden könnten.
Wir wählen absichtlich diesen Ausdruck. Denn das Kompromiss, das damals auf dieser Basis zustande kam, hatte von der ersten Stunde an den frommen Baalei Batim Erniedrigung geboten. Diese reichen und vornehmen Baalei Batim der Kehila  
Mannheim Israelit 29091909b.jpg (435567 Byte)haben sich jahrzehntelang in der Klaussynagoge im buchstäblichen Sinne des Wortes einpferchen lassen. Die Räume der Stiftungssynagoge waren ja nie für eine öffentliche Synagoge bestimmt. Aber mehr noch als dieses – die sämtlichen Baalei Batim hatten in der Klaussynagoge nicht die geringsten Rechte. Sie waren einfach geduldet, und das wurde ihnen auch oft genug zum Bewusstsein gebracht.
Suchen wir eine Erklärung für das Zustandekommen und das Bestehen eines solchen Kompromisses, so findet sie sich darin, dass die Mannheimer einen sehr großen Lokalpatriotismus besitzen. Der echte Mannheimer ist außerordentlich stolz auf seine Stadt, sein Theater, sogar auf seine Häuserquadrate und ebenso waren die alten Mannheimer Baalei Batim sehr stolz auf ihre alte Mannheimer Kehila (Gemeinde) und es gewährte jedem Einzelnen hohe Befriedigung, dass er sich 'noch dazu rechnen' durfte.
Dieses in die Irre gegangene, 'historische' Gefühl, das auch anderwärts manche heroische Wallung paralysierte und noch zu paralysieren pflegt, zeigte sich am deutlichsten darin, dass um die Zugehörigkeit der Gemeinde zu dokumentieren, auch von 'Frommen' damals Weihegeschenke für die neue Synagoge mit ihrem unjüdischen Kult gebracht wurden. In der Weihepredigt am 29. Juni 1855 konnte der Stadtrabbiner Präger (sc. Moses Präger) auch mit Emphase verkünden, dass die ganze Gemeinde für die ganze Gemeinde eine Stätte gemeinschaftlicher Andacht zu gründen bereit war, wo das Herz der Alten, der früheren Richtung angehörend sich hinneigt zu den Gesinnungen 'der Jungen', die in der Gegenwart stehen.'
Fragen wir nun, wie hat sich das Kompromiss bewährt? Das Eine können wir ohne weiteres feststellen. Die neologen Bestrebungen in der Gemeinde Mannheim waren dadurch nie gehemmt oder erschwert worden. Es ist nichts Unjüdisches denkbar, was in Mannheim nicht schon möglich war, und möglich ist. Die Klausleute aber, die jahrzehntelang morgens und abends in die Klaussynagoge gegangen sind, wurden immer gleichgültiger gegen das, was in der Gemeinde vorging und zeigten so mit krasser Deutlichkeit, wie wenig dem echten, jüdischen Solidaritätsgefühl durch ihr nominelles Verhalten in der Gemeinde gedient war.
Wenn vor dem Schofarblasen am Rosch Haschana (Neujahr) eine Opernsängerin eine Arie sang oder Fanfarenbläser ihre Weisen ertönen ließen, so drangen ja in die Klaus die Töne nicht herüber und man kümmerte sich weiter nicht darum. In der Klaus selbst konnte aber kein Feuer der Begeisterung entflammt werden. Während dieser ganzen langen Zeit gab es immer nur einen unter den Klausrabbinern, der als gesetzestreuer Jehudi (frommer Jude) zu betrachten war, jahrelang nicht einmal einen. So entstand nach und nach auch in den besseren jüdischen Kreisen Mannheims, eine Gleichgültigkeit, die die großen Mängel gar nicht erkennen konnte oder wollte.
Wir hegen nicht die Erwartung, dass durch die Erörterungen heute in Mannheim eine Besserung angebahnt werden könnte; wir betrachten Mannheim nur als ein typisches Beispiel für die Unrichtigkeit der dem Austritts-(Hebräisch) oft entgegengehaltene Einwände, für die Unrichtigkeit der bis in allerfrömmste Kreise hinein verbreiteten Meinung, dass eine Trennung innerhalb einer Gemeinde – auch dort, wo sie religionsgesetzlich notwendig erscheint – ein Unglück sei.
Für diese Kreise könnte die Entwicklung der Mannheimer Kehila ein lehrreiches Exempel bieten. Würde sich vor 55 Jahren eine Religionsgesellschaft in Mannheim gebildet haben, so hätte sich diese sicher zu einer der ersten orthodoxen Gemeinden entwickelt. Die gesetzestreue Gemeinde hätte der Klaus einen Rückhalt geboten, so dass diese ihrer hohen Bestimmung nicht in dem Maße entfremdet worden wäre, wie das während dieser Zeit geschehen ist.
Sicherlich würde aber auch die Gemeinde Mannheim selbst in jüdischer Beziehung heute kein so trostloses Bild des Indifferentismus bieten. Die Erfahrung hat es schon so oft bestätigt, dass dort, wo eine lebenskräftige gesetzestreue Gemeinde besteht, diese der Schwestergemeinde zur beständigen Anregung wird, die jüdischen Institutionen nicht völlig dem Verfall preiszugeben und jüdisches Leben zu erwecken. Selbst wenn diese Sorgfalt nur zu dem Zwecke geübt werden sollte, um zu zeigen, dass die Gemeinde auch noch fromm sei, und um feurige Kohlen auf das Haupt der 'Orthodoxen' zu sammeln.
Mit schwerem Herzen, aber mit festem Sinne wird der Jude den Frieden zu opfern haben, um die Wahrheit zur Geltung zu bringen; aber es ist durch und durch unwahr, dass die Bildung einer Religionsgesellschaft innerhalb einer Gemeinde unter allen Umständen Unfrieden bedeuten muss. Es können zwei Gemeinden in Frieden und in edlem Wetteifer sehr wohl nebeneinander bestehen und es ist genügend Boden vorhanden, zu vielen gemeinsamen karitativen Wirken. In manchen getrennten Gemeinden finden wir ein solch schönes, harmonisches Zusammenwirken, wenn auch die größere Gemeinde in der Regel leider glaubt, seine Rücksicht auf die berechtigten Forderungen der kleineren Gemeinde nehmen zu müssen.
Auf der anderen Seite aber fragen wir, wo sind die Beweise eines friedfertigen liebevollen Entgegenkommens, die die Führung der einheitlichen Mannheimer Gemeinde ihrer orthodoxen Minderheit in den letzten Jahrzehnten gegeben hat? X".   

    
Zum Tod von Aron Ettlinger, Vorsteher der Klaus-Synagoge, Sohn von Klausrabbiner Löb Ettlinger (1929)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Juli 1929: "Mannheim, 1. Juli. Am 8. Siwan verschied in Hamburg Aron Ettlinger, ein Sohn des R.(abbiners) Löb Ettlinger sel. A., der ein halbes Jahrhundert als Klausrabbiner in Mannheim wirkte, und ein Neffe des Altonaer Oberrabbiners R. Jakob Ettlinger sel. A., des Verfassers des Aruch LaNer (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_Ettlinger). Aron Ettlinger hat den größten Teil seines Lebens in Mannheim verbracht, und er war doch zur Zeit der unbestrittenen Herrschaft der Reform einer der wenigen, welche die Fahne des orthodoxen Judentums hochhielten. Mannheim war bekanntlich im vorigen Jahrhundert eine Hochburg der Reform und die Gesetzestreuen waren auf ein kleines Häuflein zusammengeschmolzen. Aron Ettlinger wahrte die Tradition im Sinne seines Vaters und seiner Familie; er war von aufrichtiger Frömmigkeit, dabei von einer Bescheidenheit, die ihm nie nach Ämtern und Würden streben ließ, und stets bereit zu jedem Opfer, wo es den Interessen der Allgemeinheit galt. Er versäumte niemals seinen regelmäßigen Schiur (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Schi'ur) und seine Gewissenhaftigkeit in der Erfüllung der Mizwot (Gebote) war vorbildlich. Bis zu seinem Weggang nach Hamburg war er Vorsteher der Klaussynagoge, und er hat auch hier mit Tatkraft die Tradition aufrechterhalten. Im Jahre 1903, als der Oberrat die Vorbereitungen traf, um durch die Schaffung eines neuen Gebetbuches für Synagoge und Schule das ganze heranwachsende Geschlecht im Sinne der Reform zu beeinflussen, stellte er sich in die Reihe derer, die durch die Gründung des Vereins zur Wahrung der Interessen des gesetzestreuen Judentums in Baden der Reform einen Damm entgegensetzten, und er wurde der erste Vorsitzende des Vereins. Die Absichten der Reformen wurden durch die Gebetbuchwahlen des Jahres 1908 vereitelt und von da an musste man in den Kreisen des Oberrats etwas mehr Rücksicht auf die Orthodoxie nehmen. Im Jahre 1914 verlegte Aron Ettlinger zum großen Bedauern der Gesetzestreuen Mannheims seinen Wohnsitz nach Hamburg, um seinen Lebensabend im Kreise seiner Kinder zu verbringen. Auch dort erfreute er sich allgemeinen Ansehens. Man wird ihm in den Kreis seiner zahlreichen Freunde, ganz besonders in seiner Vaterstadt, stets ein ehrendes Andenken bewahren. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens. Dr. I. U. (wahrscheinlich Rabbiner Dr. Isak Unna)."     
Anmerkungen: 
- zum Altonaer Oberrabbiner Jakob Ettlinger (1798 - 1871) siehe https://www.geni.com/people/Rabbi-Yaakov-Yukev-Ettlinger-The-Aruch-La-ner/342709364300013928  sowie  https://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_Ettlinger.
- zu Rabbiner Löb Aron Ettlinger (1804 - 1883) siehe  https://www.geni.com/people/Löb-Ettlinger/342709126650013929; sein Grab siehe  https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/b1-a-07-04-ettlinger-loeb-aron
- zu Aron Ettlinger (1850 - 1929) siehe https://www.geni.com/people/Aron-Ettlinger/6000000041296514053
 

   
Zum Tod des Klaus-Gemeindevorstehers Bernhard Kauffmann (1933)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. April 1933: "Mannheim, 3. April. Unsere Klaus-Kehila (Gemeinde) ja, die ganze Gemeinde (sc. in Mannheim), war tief erschüttert, als die Kunde kam, dass am Morgen des 2. Nissan Bernhard Kauffmann, der langjährige frühere Klaus-Parnas (Gemeindevorsteher) von G"tt aus einer wirren und trostlosen Welt in die Welt des ewigen Schabbat heimberufen wurde. Diesem Schabbat trugen ihn seine Brüder von der Chewra Kadischa (Beerdigungsbruderschaft) entgegen als sie und mit ihnen Unzählige, am Freitag (Erev Schabbat Koddesch) den unermüdlichen, zu jeder Stunde bereiten Mann hingeleiteten zur letzten Ruhestätte. Der Nissan-Monat verbot die laute Klage. Aber in diesen Tagen liegt ja so unendliches Klagen allein im Schweigen der Menschen. Aus den wenigen Worten von Herrn Rabb. Dr. Lauer sollte kein Schmerz, sollte nur Dank sprechen für all das, was Bernhard Kauffmann, der so rührige und bis zur letzten Minute des Lebens tätige Geschäftsmann, geleistet hat in arbeitsreichen Ehrenämtern und Vereinen. Als suche er verdientes Ausruhen, übergab er manches Amt jüngeren Kräften. An ihrem Tun freute er sich, und wir wollten, es möchte ihm das Sich-Freuen-Können an der Seite der Gattin, an Kindern und Enkelkindern noch lange vergönnt sein. Da erging der Ruf: er gehe in Frieden. Viele trauern um Bernhard Kauffmann. Viele hüllen sich in wehmütiges Schweigen. Viele sagen: Auch dieser rüstige 67jährige Mann ward ein Opfer des unermesslichen seelischen Leids unserer Tage… Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."    
Anmerkungen:
- zu Bernhard Kauffmann (1866 – 1933), Weinhändler: sein Grab siehe https://www.marchivum.de/de/juedischer-friedhof/g1-a-03-01-kauffmann-bernhard 
 - Rabbiner Dr. Chaim Lauer (1876 - 1945) amtierte von 1935 bis 1938 in der Klaussynagoge F 1,11. Siehe Informationen auf der Seite zu den Rabbinern (interner Link)
; genealogische Informationen (mit Foto)  https://www.geni.com/people/Chaim-Lauer/6000000003533974341.

 
Veranstaltungen der Klausstiftung (1934)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Februar 1934: "Mannheim, 30. Januar. In der Reihe der Gemeinschaften, die die Wintermonate mit Vortragsabenden ausfüllen, steht die Klausstiftung nie zurück. Diesmal sollten die Veranstaltungen dem Problem Palästina gewidmet sein, und ohne auf alle Einzelabende einzugehen, möge doch der anschauliche und fesselnde 'Reisebericht' Seiner Ehrwürden Dr. Unna erwähnt werden, der vor Jahresfrist die Fahrt durch das Land gemacht hatte. Es bedeutete eine wertvolle Ergänzung dieser Reiseschilderungen, wenn Frau Dr. Rülf-Unna (Saarbrücken) als eine jahrelang in Erez (Israel) beheimatete und tätige Arbeiterin im sozialen Werk Palästinas über die Menschen und Dinge vieles zu erzählen wusste. Führten diese Vorträge in das neuerwachende Land, so galten andere Abende dem Historischen (Rabb. Dr. Lauer), dem Geistigen (Dr. S. Levi), wie auch das Schrifttum es uns darbietet. – Da immer auch sonst nicht gegeizt wurde mit dem Thema Palästina, (man stellt freilich immer wieder fest, dass nicht jeder legitimiert ist, sein Bild und seine Bilder vom Lande unserer Geschichte und Gegenwart vor ernsten und wissbegierigen Hörern auszubreiten….), so war es ein guter Gedanke unseres 'Goluslebens und Golusschicksals' (Prof. Darmstädter), so war jüngst eine Abendstunde dem Gedächtnis der Großen des Ostens, dem Gedenken des Chofez Chajim und der Lubliner Raw gewidmet. Die Abendstunde wurde aber zu einer weihevollen Feierstunde, getragen von den bewegenden und beschwingten Worten des Redners, Redakteur S. Schachnowitz, Frankfurt. Ein zahlreiches und ergriffenes Publikum führte der Redner hin zu jenen Gestalten. Ihr Leben und Lernen, ihr Werk und ihr Wirken, ihre Größe und das Verklingen ihres Lebens zog vorüber an alten und jungen Menschen, von denen wahrscheinlich viele zum ersten Mal einen Hauch verspürten vom Wesen eines Chofez Chajim, einem Lubliner Raw, - vom Wesen des wahren Ostens. – Zweifellos danken es auch die Besucher aus nahen Nachbar- und Kleingemeinden, wenn ihnen hier in Mannheim manche wertvolle Stunde geboten wird. Wir möchten sogar glauben, dass der Gewinn, den sie aus den Klausabenden haben, gewichtiger und nachhaltiger sein könnte, als der Gewinn jener es war, die in beängstigender Fülle von überall her sich um Joachim Printz drängten, ihm für eine Stunde der suggestiven Gewalt und Leidenschaftlichkeit eines Mannes zu erliegen, dessen Eigenproblematik nicht kleiner ist als die Problematik der Dinge, von denen er spricht. –r."      
Anmerkung - Rabbiner Dr. Chaim Lauer (1876 - 1945) amtierte von 1935 bis 1938 in der Klaussynagoge F 1,11. Siehe Informationen auf der Seite zu den Rabbinern (interner Link); genealogische Informationen (mit Foto)  https://www.geni.com/people/Chaim-Lauer/6000000003533974341.

 
Über die 1934 an der Klaus gegründete Jeschiwa (Toralehranstalt) (1936)        

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. April 1936: "Jeschiwa in Mannheim. Mannheim, 15. April. An die Lehr- und Lerneinrichtungen der Klausstiftung ist seit Jahresfrist etwas Neues angereiht worden, dessen Entstehen privater Initiative und Finanzierung zu verdanken ist: Eine Jeschiwa, an der Herr Rabbiner Dr. Alexander Roth wirkt. Über die Arbeit des abgelaufenen Semesters erhalten wir folgende Darstellung:
In diesem Semester besuchten 10 Bachurim die Jeschiwa. Sie wurden in zwei Gruppen geteilt, in Anfänger und Fortgeschrittene. Das Hauptgewicht wurde auf Talmud gelegt, daneben wurde auch Chumisch, Raschi, Mischnajot und Kizzur Schulchan Aruch gelernt. Den Unterricht in Ketuvim und jüdischer Literaturgeschichte hat freundlicherweise Herr Rabbiner Dr. Chaim Lauer übernommen. Unter seiner Führung wurden von Zeit zu Zeit Prüfungen abgehalten. Solche haben gezeigt, dass auch junge Menschen, die bisher sehr wenig jüdisches Wissen hatten, durch Fleiß und Energie schöne Fortschritte machten. Wir wollen nicht unterlassen, Herrn Rabbiner Dr. Lauer dafür danken, dass er trotz seiner großen Inanspruchnahme als Stadtrabbiner immer Zeit für die Jeschiwa fand. Sein Haus war fast ein zweites Heim für die Bachurim. Für das Sommersemester werden an der hiesigen Jeschiwa zwei Gruppen eingerichtet und zwar für Anfänger und Fortgeschrittene. Für die Anfängergruppe werden auch junge Menschen aufgenommen, die ganz geringe Vorkenntnisse besitzen. Ferner wird geplant, Kurse einzurichten für berufstätige Menschen (Kaufleute und Handwerker), die nur einige Stunden in der Woche sich dem Lernen widmen können. Anmeldungen für die Jeschiwa, auch für die Kurse, nimmt entgegen Rabbiner Dr. Roth, Mannheim, D 7, 10. – Alle Lernmöglichkeiten der Jeschiwa, sowie Kurse stehen kostenlos zur Verfügung."      
 
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. September 1936: "Jeschiwa in Mannheim. Mannheim, 14. Sept. Die in Mannheim seit zwei Jahren bestehende Jeschiwa (Thoralehranstalt) ist das Werk privater, vorbildlicher Initiative und Finanzierung. Sie ist an die Claus-Stiftung angegliedert, führt deren Tradition weiter und wird von deren Rabbinat mit Rat und Tat eifrig gefördert. An ihr wirken mit großem Geschick Rabbiner Dr. A. Roth und Dozent A. Straßberg, und wenn auch vieles noch im Werden und die Zahl der Bachurim noch nicht sehr groß ist, so scheint doch die Gewähr gegeben zu sein, dass die jungen Menschen, die bereits hier gelernt haben, Wertvolles mit auf ihren Lebensweg genommen haben. Und die, die erst kommen werden, werden unter kundiger Hand, die auch den Neulingen die richtigen Wege weist, hingeführt zu den Quellen jüdischen Lernens, Lebens und Handelns. Noch ist die Jeschiwa private Gründung. Es bleibt zu hoffen, dass in der Gemeinde ihr wahrer Sinn und ihre Bedeutung erkannt und ihr die Förderung zuteil wird, die einer Lehrstätte der Thora inmitten einer jüdischen Gemeinde gebührt. Die Lernmöglichkeiten, die kostenlos zur Verfügung stehen, erstrecken sich auf Talmud Mischna Gemara, Kizzur, Schulchan Aruch und Tenach. Die Clausgemeinde ist stolz darauf, dass durch das Vorhandensein der Jeschiwa ein neues 'Lehrhaus' in der Mannheimer jüdischen Gemeinde entstanden ist, das die wirkliche und notwendige Ergänzung jenes großen 'Jüdischen Lehrhauses' bildet. Wenn die beiden Einrichtungen auch vollständig unabhängig voneinander sind, so wird gewiss die Jeschiwa Ketana in Mannheim nicht ohne geistige Ausstrahlung bleiben zu jenem Lehrhaus hin, zur Gemeinde und über Mannheim hinaus. Sie beginnt ihre neue Semestertätigkeit am 2. Marcheschwan (18. Oktober) und Anmeldungen nimmt Herr Rabbiner Dr. Lauer, Mannheim, F 1,11 entgegen."      

   
   
   
    

    

    

    

 

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Stand: 18. Mai 2020