|
Eingangsseite
Aktuelle Informationen
Jahrestagungen von Alemannia
Judaica
Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft
Jüdische Friedhöfe
(Frühere und
bestehende) Synagogen
Übersicht:
Jüdische Kulturdenkmale in der Region
Bestehende
jüdische Gemeinden in der Region
Jüdische
Museen
FORSCHUNGS-
PROJEKTE
Literatur
und Presseartikel
Adressliste
Digitale
Postkarten
Links
| |
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"
zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Walldorf
(Rhein-Neckar-Kreis)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zur Kurpfalz gehörenden
Walldorf bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/40.
Ob bereits im 15. Jahrhundert
Juden in Walldorf lebten, ist nicht wahrscheinlich: 1470 wird zwar ein "Jud Kotzer" von
Walldorf genannt, allerdings handelt es sich bei Walldorf wohl um Walluf im
Rheingau.
Dazu Ulrich Hausmann (Institut für Geschichtliche Landeskunde an der
Universität Mainz e.V., Schreiben vom 26.2.2010): "Die Quelle habe ich eingesehen und
es wird tatsächlich 'Walldorf' genannt. Allerdings geht es darin um mehrere Juden aus dem Rheingau
und Umgebung, sodass eher Mörrfelden-Walldorf in Betracht käme. Helmuth Gensicke u. Friedrich Battenberg haben
allerdings u.a. in Germania Judaica III bemerkt, dass es sich hier um 'Walluf' handeln müsse. Dem stimme ich zu und zitiere den Kontext aus der Archivalie (1470 Aug 12, StaatsADa C 1 A Nr. 70
Bl. 132v-133): 'Erzbischof Adolf v. Mainz ... habe dem Mosche von Neuß, dem Mosche von Nürnberg, dem Unielmann, dem Salman, Sigmüle, Joseph, Dietzchen und Joseph zu Lorch, Sarah und Süßkind, ihrem Eidam, zu Östrich, Vivis und dessen Sohn Gottschalk sowie Saul zu Eltville, Kotzer zu Walldorf sowie Lew und dessen Sohn zu
(Gau-)Algesheim erlaubt, auf ein Jahr im Rheingau wohnen zu
bleiben...'. Insofern dürfte es sicher sein, dass 'Kotzer zu Walldorf' nicht in Walldorf/Baden, sondern in
Walluf/Rheingau wohnt."
Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht in die Zeit des
18. Jahrhunderts zurück. Seit 1712 waren kontinuierlich jüdische Familien am
Ort (1712 Familie des Isaak, 1722 Moses und Isaac, 1743 sieben Familien: Moses
Löw, Hery Moyses, Salomon Moyses, Löw Bär, Herz Isaac, Herz Benjamin und
Simon Moyses). 1794 waren zehn jüdische Familien in Walldorf: Bähr Löb, Moyses
Bär, Löb Hertz, Löb Samuel, Löb Simon, Süß Simon, Löser Moyses, Frommele
Hertz, Bähr Lazarus und Moyses Löb.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1825 129 jüdische Einwohner (7,9 % von insgesamt 1.622 Einwohnern), 1834
151, 1840 155 (7,4 % von 2.102), 1852 169 (7,5 % von 2.147), 1865 153, 1875 138
(4,7 % von 2.938), 1885 160, 1900 139 (3,7 % von 3.738). Vom 18. bis zum Anfang des 20.
Jahrhunderts spielten die jüdischen Gewerbetreibenden eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben von
Walldorf, da in dieser Zeit der gesamte Vieh-, Hopfen-, Tabak- und
Landesproduktenhandel des Ortes von ihnen betrieben wurden.
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine
jüdische Schule (Israelitische Elementarschule von 1824 bis 1876; Schule
mit Lehrerwohnung in der Badstraße 8; Gebäude als Wohnhaus erhalten), ein rituelles Bad
(im 18./19. Jahrhundert möglicherweise im Gebäude Badstraße 8, daher
vermutlich auch der Name der "Badstraße", die 1938 bis 1945 in
"Schillerstraße umbenannt wurde) und einen Friedhof.
Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der
zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. Ausschreibung der Stelle von
1884 unten). Erstmals wird 1771 mit Joseph Moyses ein jüdischer Schulmeister
genannt. Im 19./20. Jahrhundert waren u.a. folgende Lehrer in Walldorf tätig:
um 1877 Abraham Willstätter, 1895 bis 1899 Unterlehrer Baruch Stahl, 1896
bis 1938 Hauptlehrer Süßmann Hahn (geb. in Külsheim),
1898 bis 1899 Unterlehrer Oskar Dreifuß, 1901 bis 1903 Unterlehrer Berthold
Rosenthal (vgl. Seite zu Liedolsheim). Im Schuljahr 1879/80 waren 20 jüdische Schüler zu unterrichten,
1904/05 noch acht, 1912/13 neun jüdische Schüler. Seit 1827 war die jüdische Gemeinde dem
Rabbinatsbezirk Heidelberg zugeteilt.
Auf dem Kriegerehrenmal 1870/71 im allgemeinen Friedhof der Gemeinde
finden sich die Namen von drei jüdischen Kriegsteilnehmern (Salomon Gieser,
Sigmund Odenheimer und Simon Sigmund Klein). Im Ersten Weltkrieg sind aus
Walldorf gefallen: Hermann Klein (geb. 22.4.1884 in Waldau, gest. an der
Kriegsverletzung 20.1.1920), Bernhard Prager (geb. 4.12.1884 in Walldorf, gef.
10.5.1918) und Siegfried Walter (geb. 23.5.1886 in Schwegenheim, gef. 1.7.1916).
Außerdem sind gefallen: Lion Klein (geb. 27.10.1886 in Walldorf, vor 1914 in
Heidelberg wohnhaft, gef. 8.10.1914) sowie Leopold Mayer (geb. 8.12.1887 in Walldorf,
vor 1914 in Mannheim wohnhaft, gef. 7.9.1914).
Um 1924, als zur Gemeinde noch 67 Personen gehörten (1,5 % von
insgesamt 4.469 Einwohnern), waren
die Gemeindevorsteher Louis Weil, Eduard Salomon und Karl Thanhauser. Als Lehrer
war der bereits genannte Lehrer Süßmann Hahn tätig. Er erteilte damals sechs Kindern
der Gemeinde den Religionsunterricht. An jüdischen Vereinen gab es den
Männerverein (1924 unter Leitung von Louis Weil mit 20 Mitglieder, 1932
unter Leitung von Ed. Salomon; Zweck und Arbeitsgebiet: Unterstützung Hilfsbedürftiger) und den
Frauenverein (gegründet 1860, 1924/32 unter Leitung der Frau von Abraham Kramer mit 25 Mitgliedern). 1932
waren die Gemeindevorsteher Ludwig Weil (1. Vors.), Ed. Salomon (2. Vors.) und
Moritz Mayer (3. Vors.). Lehrer Hahn unterrichtete im Schuljahr 1931/32 noch
fünf Kinder in Religion.
Noch in den
1920er-Jahren bestanden eine Zigarren- und Stumpenfabrik, drei Tabakhandlungen,
zwei Kolonialwarenhandlungen, eine Darm- und Gewürzhandlung, ein Schuhgeschäft
und ein Manufakturwarengeschäft, die jüdischen Familien gehörten. Im
einzelnen waren es:
Kolonialwaren und Lebensmittel
Eduard Bär (Heidelberger Straße 11), Tabakhandlung Sigmund Bär (Schwetzinger
Str.32), Schuhwaren- und Arbeitskleidungsgeschäft Salomon Broder (Heidelberg
Straße 6), Darm- und Gewürzegroßhandlung Julius Durlacher (Hauptstraße 38),
Tabakhandlung Hermann Hess (Hirschstraße 1), Futtermittelhandlung Ludwig Klein
(Schwetzinger Straße 15), Kolonialwarengeschäft (zuvor jüdische Wirtschaft)
Sarah, Mina und Flora Klein (Hauptstraße 27), Textilgeschäft Leopold Klein und
Sohn (Hauptstraße 26, abgebrochen), Rohtabakhandlung Scherer, Inhaber Moritz
Mayer (Hauptstraße 52), Zigarrenfabrik Simon & Lehmann
(Johann-Jakob-Astor-Straße 24), Tabakhandlung Simon Klein, Inhaber Eduard
Salomon (Bahnhofstraße 17, abgebrochen), Schuhgeschäft Karoline Würzburger,
Inh. Ludwig Klein (Hauptstraße 10). Eine jüdische Gastwirtschaft "Zum
Güldenen Stern" befand sich im 19. Jahrhundert in der Hauptstraße 38.
Nach der ehemaligen jüdischen Gastwirtschaft "Zum Hirschen" (bis 1860
von Moses Köser Mayer betrieben) war die "Hirschgasse" benannt (1938
bis 1945 Hermann-Göhring-Straße).
Die jüdischen Einwohner waren im allgemeinen Leben des Ortes und im
Vereinsleben (Fußballverein, Kriegerverein, Gesangverein Eintracht usw.)
weitestgehend integriert.
1933 wurden noch 53 jüdische Einwohner gezählt (1,1 % von insgesamt
4.677 Einwohnern). Auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der
zunehmenden Entrechtung und der Repressalien ist der Teil von ihnen in den
folgenden Jahren aus Walldorf in andere Orte verzogen (Mannheim, Frankfurt usw.)
oder ausgewandert (16 nach Uruguay, Argentinien, USA und andere Länder). Zehn
verstarben zwischen 1933 und 1940 in Walldorf. Beim Novemberpogrom 1938 wurde
die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört (s.u.). Verschiedene der jüdischen
Häuser (Haus Kramer in der Hochholzerstraße, Haus Moritz Maier in der
Hauptstraße, Haus der Rosa Heß) wurden überfallen und völlig demoliert. Die
jüdischen Männer wurden verhaftet und in das KZ Dachau
verschleppt. Die letzten 19 jüdischen Einwohner wurden im Oktober 1940 in das Konzentrationslager Gurs in Südfrankreich deportiert.
Von den in Walldorf geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Hilde (Hilda) Baer (1889),
Lilli Baer (1896), Sigmund
Baer (1887), Johanna Behr geb. Klein (1864), Amanda Broder geb. Bär (1886), Salomon Broder (1884),
Hermine Fisch geb. Sternweiler (1880), Auguste Frisch geb. Klein (1877), Bella Grombacher geb.
Haußmann (1894), Betty Hofmann geb. Oppenheimer (1894), Lazarus Jeremias
(1879), Bertha Kahn geb. Prager (1879), Alice Klein (1883), Anna Klein (1882),
Bernhard Klein (1873), Heinrich Klein (1876), Ludwig Klein (1875), Henriette
Kramer (1874), Hermann Kramer (1876), Sannchen Kramer (1869), Joseph Levi
(1882), Flora Mayer (1877), Moritz Mayer (1881), Sara Mayer (1876), Selma Mayer
geb. Spieß (1889), Hedwig Menges geb. Kramer (1872), Ida Regina Menges (1894),
Berta Meyer geb. Baer (1890), Dora Neuburger (1883), Wilhelm Prager (1880), Blanka
Salomon (1890), Salo Sternweiler (1885), Fanny Strauß geb. Klein (1870), Albert Vogel (1883), Fanny Vogel geb. Bähr
(1892), Nanny Weil geb. Würzburg (1889), Wilhelm Weil (1882), Rosita Wertheimer
geb. Sternweiler (1884).
Für mehrere der genannten Personen wurden 2010 "Stolpersteine"
in Walldorf verlegt (siehe Bericht unten).
Hinweis: In den Listen kommt es immer wieder zu Verwechslungen mit Walldorf
an der Werra
und mit dem hessischen Walldorf
(Mörfelden-Walldorf).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet
1884
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. April 1884:
"Auskündigung einer Religionsschulstelle.
Die israelitische Religionsschul- und Vorsängerstelle zu Walldorf
bei Heidelberg, mit welcher freie Wohnung nebst Garten, ein fester Gehalt
von 800 Mark und ein teilweise aus dem Schächterdienst fließendes
Nebeneinkommen von etwa 600 Mark verbunden ist, soll auf August laufenden
Jahres neu besetzt werden. Seminaristisch gebildete Bewerber, welche für
die Förderung des bestehenden Synagogenchors Verständnis besitzen,
wollen ihre mit Zeugnissen belegten Meldungen binnen drei Wochen anher
gelangen lassen.
Heidelberg, den 1. April 1884. Die Bezirks-Synagoge." |
25-jährige Ortsjubiläum von Lehrer S. Hahn (1921)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. April 1921: "Walldorf
in Baden, 30. März (1921). Am Samstag, 26. März, konnte Herr Kantor und
Lehrer S. Hahn auf seine 25-jährige Amtstätigkeit in unserer Gemeinde
zurückblicken. Beim sabbatlichen Morgengottesdienst dankte unser
Gemeindevorsteher, Herr Wilhelm Levi, dem Jubilar und seiner Gattin für
ihre unermüdliche und segensreiche Tätigkeit, durch die sie die Liebe
und Verehrung der Gemeinde gewonnen haben. Der Gemeindevorstand hat als
äußeres Zeichen der Dankbarkeit dem Jubilar eine Ehrengabe zugedacht.
Herr Hahn dankte tief bewegt für die Ehrung, die ihm zuteil geworden und
versprochen, auch fernerhin mit seiner ganzen Kraft für das religiöse
Wohl der Gemeinde zu sorgen. Im Anschluss an den Wochenabschnitt sprach
dann Herr Rabbiner Dr. Levi, Mainz, den Dank für die vielen Schüler aus,
die durch Herrn Hahn religiöse Unterweisung genossen haben. Die ganze
Gemeinde nahm an dem Ehrentag des Herrn Lehrer Hahn herzlichen
Anteil." |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Krawall nach einer antisemitischen Versammlung (1897)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. November 1897: "Walldorf,
28. Oktober (1897). Ein großer Krawall bei Gelegenheit einer
antisemitischen Versammlung hat hierselbst stattgefunden. Es wird
behauptet, die jüdischen Einwohner des Ortes hätten Arbeitern Freibier
gegeben. Es entstand eine Schlägerei; wer dieselbe angefangen, ist nicht
sicher festzustellen, die beiden Parteien warfen einander die Schuld vor.
Die Antisemiten flüchteten. Gegen die Teilnehmer des Krawalls soll
Anklage wegen Landfriedensbruches erhoben werden. Bisher wurden acht
christliche und vier jüdische Einwohner nach Mannheim in
Untersuchungshaft
gebracht." |
Prozess zum Walldorfer Krawall nach der antisemitischen
Versammlung (1898)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. April 1898:
"Mannheim, 31. März (1898). Der Walldorfer Wahlkrawall hat
heute das Schöffengericht in Wiesloch beschäftigt. Angeklagt sind
sechzehn Personen. Die Hauptangeschuldigten sind der 29 Jahre alte
israelitische Lehrer Samuel Liesberger (sc. Lissberger?), der 31
Jahre alte israelitische Kaufmann Bernhard Kramer, der 29 Jahre alte
israelitische Hopfenhändler Herz, genannt Heinrich Sternweiler, und der
24 Jahre alle israelitische Kaufmann Hermann Kramer; die übrigen
Angeklagten sind teils Tagelöhner, teils Zigarrenarbeiter. Die Anklage
lautet auf großen Unfug, Körperverletzung und Hausfriedensbruch. Der
Umstand, dass die ganze Angelegenheit nicht dem Schwurgericht, sondern dem
Schöffengericht zur Aburteilung überwiesen worden ist, beweist, dass der
Wahlkrawall seinerzeit von antisemitischer Seite furchtbar aufgebauscht
worden ist. Hat doch sogar der damals in Heidelberg erscheinende
antisemitische 'Deutsche Volksbote' am Tage nach dem Krawall ein
Extrablatt herausgegeben, worin von einem Mordanschlag auf den
Reichstagsabgeordneten Bindewald und den Konsul Karl Köster berichtet
wurde. Anfänglich glaubte man deshalb, dass eine Anklage wegen
Landfriedensbruchs erfolgen werde. Im Laufe der Untersuchung stellte sich
aber heraus, dass eine mildere Beurteilung der Angelegenheit
gerechtfertigt war. Aus Anlass der Landtagswahlen war am 20. Oktober
abends in Walldorf im Gasthaus 'Zur Post' eine antisemitische Versammlung
anberaumt worden, in welcher der antisemitische Reichstagsabgeordnete
Bindewald und der Landtagskandidat für Wiesloch-Heidelberg, Herr Konsul
Köster, sprechen sollten. Bernhard Kramer, Hermann Kramer und Sternweiler
sollen nun die Abhaltung dieser Versammlung dadurch unmöglich gemacht
haben, dass sie unter die Anwesenden Geld, Bier und Zigarren verteilten,
um sie zu veranlassen, die Redner nicht zum Wort kommen zu lassen. Dieser
Plan gelang auch, sodass sich die Antisemiten genötigt sahen, nach dem
Gasthaus 'Zum Lamm' zu ziehen, um dort ihre Versammlung fortzusetzen. Dort
soll nun Liesberger den Redner Bindewald durch fortwährende Zwischenrufe
in seinen Ausführungen gestört haben. Heinrich Sternweiler wird
beschuldigt, den Landtagsabgeordneten Pfisterer an der Brust gepackt zu
haben. Ferner soll ein Teil der Angeklagten in die im zweiten Stock des
Gasthauses 'Zum Lamm' befindlichen Zimmer eingedrungen und diese
durchsucht haben, weil man glaubte, dass sich Antisemiten in ihnen
versteckt hätten, und schließlich sollen sie, teilweise mit Prügeln
bewaffnet, das Hoftor des 'Lamm' bewacht haben, um den noch im Gasthause
befindlichen Antisemiten aufzulauern. Die Beweisaufnahme durch zahlreiche
Zeugen hat aber von all diesen Behauptungen eigentlich nur die Verteilung
von Freibier und Zigarren sicher festgestellt. Es wurden deshalb acht der
Angeklagten wegen groben Unfuges beziehungsweise Ruhestörung zu vier
Wochen bis fünf Tagen Gefängnis verurteilt. Die übrigen Angeklagten
wurden freigesprochen. Der von der antisemitischen Presse erhoffte große
Erfolg dieses Prozesses ist somit ausgeblieben!" |
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Zum Tod von Wilhelm Levi, Vater des Mainzer Rabbiners Dr. Sali Levi (Mainz)
Artikel
in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des Central-Vereins) vom 10. August
1928: "Unser Hauptvorstandsmitglied Rabbiner Dr. S. Levi (Mainz) ist
in tiefe Trauer versetzt worden. Sein Vater, Wilhelm Levi, der
frühere verdiente Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Walldorf (Baden),
ist ihm und seiner Familie entrissen worden. Die Trauerfeier, bei der
Lehrer Hahn (Walldorf) und Dr. Levi des Toten gedachten, zeigte durch die
starke Teilnahme der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung des Ortes
und auch durch die Nachrufe von Vertretern örtlicher gemeinnütziger
Institutionen, welche hohe Achtung der Verstorbene genoss. Wir sprechen
den Hinterbliebenen unser wärmstes Beileid aus!" |
Zum Tod des aus Walldorf stammenden Jonas Meyer (1887)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. März 1887:
"Straßburg, im Elsaß. Ein wahrhaft frommer und gottergebener Mann,
Herr Jonas Mayer - er ruhe in Frieden -, ist uns durch den Tod entrissen
worden. Derselbe war zu Walldorf in Baden geboren und erreichte ein Alter
von 81 Jahren. Seine vielen Freunde werden ihm ein ehrendes Andenken
bewahren. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."
|
Goldene Hochzeit von Lippmann Sternweiler und seiner
Frau (1901)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 19. Dezember 1901: "Walldorf in Baden, 16. Dezember
(1901). Am Montag, den 9. dieses Monats feierten die Lippmann
Sternweiler'schen Eheleute das seltene Fest ihrer 'goldenen Hochzeit' im
Kreise ihrer Kinder, zahlreichen Enkel und Verwandten in ungetrübter
körperlicher und geistiger Rüstigkeit. Von der Liebe und Verehrung,
deren sich das hochbetagte Jubelpaar in Nah und Fern erfreut, legten die
zahlreichen Glückwünsche und Ovationen ein erhebendes Zeugnis ab. Schon
am Vortage des Festes gratulierten der 'Israelitische Frauen- und
Wohltätigkeitsverein' und übergaben ehrende Präsente: dem Jubilar einen
silbernen Pokal, der Jubilarin, welche über 20 Jahre in selbstloser Weise
das Ehrenamt einer Präsidentin des Frauenvereins einnimmt, ein Gebetbuch.
Am Morgen des Festtages erschien Herr Bürgermeister Abel und überreichte
im Namen und Auftrage unseres Großherzoglichen Paares in einer erhebenden
Ansprache und Beglückwünschung dem Jubilar ein Ehrendiplom und der
Jubilarin von unserer allverehrten Großherzogin einen prachtvollen
Regulator. Tief gerührt ob dieser fürstlichen Auszeichnung sprachen Herr
und Frau Sternweiler den innigsten Dank aus. Um 12 1/2 Uhr begann in der
dekorierten Synagoge, welche bis auf den letzten Platz besetzt war, die
gottesdienstliche Feier, wobei Herr Bezirksrabbiner Dr. Pinkus ein
schönes Lebensbild von dem segensreichen Wirken und Streben des
begnadeten Jubelpaares entwarf. Nach der Synagogenfeier erschien der
Synagogenrat und sprach seine Glückwünsche und die der israelitischen
Gemeinde den Jubilaren aus.
Bei der darauf folgenden Familienfeier im 'Goldenen Stern' gedachte Herr
Bürgermeister Abel, welcher, zur allgemeinen Freude Aller, bis zum
Schlusse dem Feste beiwohnte, sowie Herr Leopold Sternweiler in
begeisterten Worten unseres hohen Fürstenhauses. Außer den verschiedenen
Toasten, die von den Festgästen unserem Jubelpaare gewidmet wurden,
trafen eine große Zahl Glückwunschtelegramme von Nah und Fern ein. Alle Festteilnehmer
waren von der Überzeugung durchdrungen, dass dieser Tag ein erhebender
Fest- und Ehrentag für das Jubelpaar und seiner Familie, als auch für
die Gemeinde Walldorf war und bleiben wird. Wir wünschen, dass Herrn und
Frau Lippmann Sternweiler ein ungetrübter heiterer Lebensabend beschieden
sein möge." |
Weitere Persönlichkeiten
Dr.
Sali Levi (1883 Walldorf - 1941 Berlin), Rabbiner: besuchte das
theologische Seminar in Breslau, von 1909 bis 1918
Zweiter Rabbiner in Breslau; im Ersten Weltkrieg Feldrabbiner im Osten
(u.a. Aufbauarbeit für die jüdischen Gemeinde Wilna), 1918 bis 1941
Rabbiner in Mainz, 1940/41 auch für Darmstadt, Worms, Bingen und Gießen;
setzte sich bis zu seinem Tod für eine baldige Ausreise der verbliebenen
jüdische Personen ein. 1941 zog er nach Berlin, um seine Auswanderung
vorzubereiten. Er starb in Berlin am 25. April 1941.
Foto: Stadtarchiv Mainz; Ausstellungskatalog "Juden in Mainz"
1979³ S. 171.
|
| |
| Dr.
Hugo Hahn (geb. 1893 Tiengen als Sohn von Lehrer Süßmann Hahn, aufgewachsen in Walldorf, gest. 1967 New York): Studium in Breslau, Erlangen und Heidelberg: 1912-1920 Rabbinatsverweser in Offenburg, 1922-1939
Rabbiner in Essen, Vorsitzender des Verbandes jüdischen Jugendvereine Deutschland, 1939 in die USA emigriert, bis 1957/1965
Rabbiner der Congregation Habonim New York. |
| |
| Rositta
Oppenheimer-Kramer (1892 Walldorf - 1972 Heidelberg), vor allem in
Heidelberg in der jüdischen und städtischen Sozialarbeit tätig,
unterbrochen von vierjähriger KZ-Zeit; 1949 bis 1963 Mitglied des
Oberrats der Israeliten Badens. |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Stellegesuch von Nathan Bodenheimer (1890)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Oktober
1890: "Stellegesuch.
Für ein junges Mädchen, das Kleidermachen erlernt hat, wird
Stellung in einem Manufaktur- und Damen-Konfektionsgeschäft gesucht.
Bedingung: Pension im Hause.
Offerten an Nathan Bodenheimer, Walldorf in Baden,
erbeten." |
Anzeige von Wilhelm Levi (1904)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. März 1904: "Koscher
zu Pessach.
Zwetschenwasser - garantiert rein, eigenes Produkt.
Per Liter Mark 2,25 ab Hier, liefert
Wilhelm Levi, Walldorf in
Baden." |
Weitere Dokumente
(aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries; Erläuterungen
gleichfalls von Peter Karl Müller)
Brief an
Salomon Prager
in Walldorf (1843) |
 |
 |
 |
|
Beim oben abgebildeten Dokument (Vorder-
und Rückansicht einschließlich des Innenteiles) handelt es sich um einen
zweiten Zahlungsbefehl, verfügt vom Bezirksamt Philippsburg zu einer noch
ausstehenden Summe für Salomon Prager gegen Anton LIndauer von St. Leon.
Auf der Rückseite wird vermerkt, dass Vorstehendes (vermutlich die noch
ausstehende Summe) auf Verlangen ins Pfandbuch auf das Vermögen des
Schulhauses eingetragen wird.
Zu Salomon Prager und seiner Familie (nach den genealogischen
Seiten der Familie Calzareth - Descendant
Chart for the Prager Family of Tairnbach): Salomon Prager wurde am 21.3.1813 geboren in
Tairnbach als Sohn des Wolf Prager und seiner Frau Madel (Marie)
Kramer. Er heiratete am 15. Dezember 1841 in Nußloch Sara Frank. Das Ehepaar
hatte drei Kinder:
- Johanna (Hannchen) Prager (1842-1919, verheiratete Kramer) (Foto ihres Grabsteins auf
der Friedhofseite: unter Aufnahmen vom März 2009)
- Moses (1847-1924) (Foto des Grabsteins auf der Friedhofseite
neben dem Grabstein seiner Schwester siehe oben)
- Samuel (1854-1855)
Salomon Prager starb am 11. Juli 1886 in Walldorf im Alter von 73
Jahren, seine Frau Sara starb im November 1884 im Alter von 65
Jahren (Foto ihres Grabsteines auf der Friedhofseite
- unter Aufnahmen vom März 2009).
Weitere Familienmitglieder von Salomon Prager sind der im Ersten Weltkrieg gefallene
Bernhard Prager (siehe oben), Sohn von Moses Prager und somit ein Enkel des Briefempfängers.
In der Liste der aus Walldorf in der NS-Zeit Umgekommenen (siehe oben)
finden sich zwei weitere Kinder von Moses Prager:
- Bertha Kahn geb. Prager (geb. 1879 in Walldorf, heiratete 1910 Willy Kahn, war später wohnhaft in
Friedberg; wurde am 30. September
1942 von Darmstadt aus in das Todeslager Treblinka deportiert, wo Sie im
Oktober 1942 ermordet wurde).
- Wilhelm Prager, geb. 1880 in Walldorf, heiratete 1912 in Bruchsal Charlotte
Wiesbader, war Hauptlehrer in der Volksschule; wurde am 22. Oktober 1940 von Bruchsal in das
Konzentrationslager Gurs deportiert und am 12. August 1942 in Auschwitz
ermordet. |
| |
|
|
|
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge
Eine erste Synagoge
beziehungsweise ein Betsaal bestand in der zweiten Hälfte des 18.
Jahrhunderts in der heutigen Hauptstraße 45 (im Plan von 1748 als Haus von
"Moses der Jud", damals Haus Nr. 138 genannt; hier spätestens 1767
der Betsaal). 1771 wird als jüdischer "Schulmeister" Joseph Moyses aus
Frankfurt genannt. Das Gebäude Hauptstraße 45 (Ecke Albert-Fritz-Straße) ist,
wenn auch stark umgebaut – bis heute erhalten (Gewerbebetrieb/Wohnhaus).
Durch die Zunahme der Zahl jüdischer Einwohner in Walldorf
erwies sich der bisherige Betsaal in der Mittel des 19. Jahrhunderts als zu
klein. 1861 konnte die jüdische Gemeinde für 2.500 Gulden die bisherige
reformierte Kirche (erbaut 1716) kaufen, um in ihr eine Synagoge einzurichten.
Bei der Einweihungsfeier der ehemaligen Kirche als Synagoge 1861 bezog sich
Rabbiner Salomon Fürst aus Heidelberg in seiner Festpredigt auf den von der
Kirche übernommenen Portalstein mit der Inschrift aus 1. Mose 28,17
("Dieses ist nichts anderes als ein Gotteshaus und hier ist die Pforte des
Himmels"): "Wie alles auf Erden dem Wechsel unterworfen ist, so war es
auch die Bestimmung dieses Hauses. Als evangelische Kirche wurde es erbaut,
bestimmt und eingeweiht. Dieses Haus war nichts anderes als ein Gotteshaus und
die Himmelspforte. Oder wie? Sollte der Israelit dieses Haus, als es noch eine
Kirche war, nicht als ein Gotteshaus betrachtet haben, weil unser Aller Vater
auf eine andere Weise darin verehrt wurde, wie Israel ihn in der Synagoge
verehrt? Dieses Haus war als Kirche nichts anderes als ein Gotteshaus und die
Himmelspforte, worin Gott der Vater aller Menschenkinder verehrt und zu ihm
gefleht wurde. Es gereicht der hiesigen israelitischen Gemeinde zur Ehre, dass
sie dieses Haus, früher ein Gotteshaus, eine Himmelspforte, als nunmehr ihr
Gotteshaus und ihre Himmelspforte erworben. Dieses Haus ist auch jetzt nichts
anderes als ein Gotteshaus. Die so zahlreiche Teilnahme ehrenwerter
Nichtisraeliten an der Feier dieser Synagogenweihe bezeigt auf die herzlichste
und erfreulichste Weise, dass sie alle in der Synagoge nichts anderes als eine
Himmelspforte erkennen".
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge
demoliert. Bei den in Walldorf durchgeführten Aktionen waren etwa 50 Personen
beteiligt. Nach der Demolierung der Synagogeneinrichtung wurden zwei jüdische Häuser
völlig demoliert, andere am folgenden Tag zur Kennzeichnung mit Kalkbrühe
bespritzt. Die "Synagogenstraße" wurde 1938 in "Straße der SA" umbenannt. Eine
Rückbenennung wurde 1945 vorgenommen.
Während der Zeit des Zweiten Weltkrieges stand das
Synagogengebäude leer und wurde teilweise profanen Zwecken zugänglich gemacht.
1953 wurde das Gebäude von der neuapostolischen Gemeinde erworben, 1954
als deren Kirche eingeweiht. Eine Erinnerungstafel ist vorhanden (Standort:
Synagogenstraße/Ecke Albert-Fritz-Straße 7). Die Inschrift vom Hauptportal der
Synagoge wurde in das Heimatmuseum gebracht. 2002 wurde das Gebäude
umfassend renoviert (Wiedereinweihung 11. Dezember 2002). Im Mittelpunkt der
Renovierung stand unter anderem die Nachbildung des früheren Portalsteines.
Dieser trägt nun wie damals wieder die deutsche und hebräische Inschrift:
"Dies ist nichts anderes denn ein Gotteshaus, und hier ist die Pforte des
Himmels".
Fotos / Pläne
Historischer Plan
(1748) |
 |
| |
Plan von Walldorf von 1748: im Zentrum des Planausschnittes ist das Haus
von
"Moses der Jud" eingezeichnet. In seinem Haus war der erste
Betsaal. Dieses Haus ist
heute (wenngleich völlig umgebaut) das Eckhaus
Hauptstraße 45/Ecke Albert-Fritz-Straße |
| |
|
Historisches
Foto
(1938) |
 |
| |
Die Synagoge 1938 (Foto H. Bruckner;
Quelle: D. Herrmann s.
Lit. Bild 24) |
Fotos nach 1945/Gegenwart:
Fotos um 1985:
(Fotos: Hahn) |
 |
 |
| |
Standort der ersten Synagoge
Hauptstraße 45 (im 18. Jahrhundert
Haus von "Moses der Jud") |
Die ehemalige reformierte Kirche /
Synagoge / heute
neuapostolische Kirche |
| |
|
|
 |
 |
 |
|
Seitenansicht |
Hinweisschild am Gebäude |
Straßenschild |
| |
|
|
Fotos 2003:
(obere Zeile: Neuapostolische
Gemeinde,
untere Fotos: Hahn,
Aufnahmedatum 14.10.2003) |
|
 |
| |
Die 2002 neu renovierte
ehemalige Synagoge |
Gottesdienst der neuapostolischen
Gemeinde in der ehemaligen Synagoge |
| |
|
|
 |
 |
 |
Straßenschild in der
"Synagogenstraße" |
Synagogenstraße mit Blick zur
ehemaligen Synagoge |
Die ehemalige reformierte
Kirche/ Synagoge /jetzt neuapostolische Kirche |
| |
|
|
 |
 |
 |
Blick von
Südosten |
Blick auf den Eingang
von
Westen |
Die wiederhergestellte
Inschrift
über dem Eingang |
| |
|
|
| |
 |
| |
Hinweistafel auf die
neuapostolische Kirche; eine Hinweistafel auf die ehemalige
Synagoge war
zum Aufnahmezeitpunkt nicht
mehr vorhanden |
| |
|
|
| |
|
|
Fotos März 2009
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 29.3.2009) |
|
|
 |
 |
 |
Synagogenstraße mit Blick zur
ehemaligen Synagoge |
Straßenschild
"Synagogenstraße" |
Blick auf die
ehemalige
Synagoge |
| |
|
|
 |
 |
 |
| |
Eingangstor |
Portalinschrift |
| |
|
|
 |
|
Hinweistafel:
"Ehemalige Synagoge. 1716 erbaut von der evangelisch-reformierten
Kirchengemeinde. 1861-1938 Synagoge. 1938 Verwüstung durch Anhänger des
NS-Regimes. Seit 1954 Neuapostolische Kirche." |
|
| |
|
| |
|
|
Fotos Herbst
2010
(Fotos: Michael Ohmsen; diese Fotos finden sich in hoch auflösender
Form in der
Website von Michael Ohmsen mit Fotos
aus Walldorf) |
|
 |
 |
 |
Ansichten der
ehemaligen evangelisch-reformierten Kirche / ehemaligen Synagoge /
jetzigen neuapostolischen Kirche |
Eingang mit
Hinweistafel |
| |
|
|
| |
|
|
Erinnerungsarbeit vor
Ort - einzelne Berichte
"Stolpersteine"
in Walldorf
(Quelle der Fotos: die beiden Fotos links von Michael Ohmsen,
Foto-Website mit Fotos
zu Walldorf; die beiden Fotos rechts aus der Website der Stadt
Walldorf, Fotos: Pfeifer) |
 |
 |
 |
 |
"Stolpersteine"
in der Hauptstraße 52 für
Moritz Mayer, Selma Mayer geb. Spiess und
Bella Grombacher geb. Hausmann |
"Stolpersteine"
werden in der Hauptstraße 27 verlegt
durch Gunter Demnig für Sara Mayer,
Flora Mayer,
Hedwig Menges geb. Kramer und Ida Menges |
| |
|
|
| Seit
Mai 2010: Stolpersteine in Walldorf - ein Bericht aus der Website
der Stadt Walldorf (www.walldorf.de;
Seite
zur Stadtgeschichte) |
Erinnerung an ehemalige jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger
- Ein Name - ein Stein, Stolpersteine für den Geist.
In über 500 deutschen Orten liegen sie bereits, die 'Stolpersteine' des Künstlers Gunter Demnig. Seit dem 2. Mai 2010 gehört auch Walldorf dazu, denn am vergangenen Sonntag legte Gunter Demnig, begleitet von Otto Steinmann, dem städtischen Beigeordneten, sowie Vertretern der Gemeinderatsfraktionen und Dieter und Jürgen Herrmann von der Vereinigung Walldorfer Heimatfreunde an sechs verschiedenen Stellen im Walldorfer Zentrum zwanzig der mit Messingtafeln beschlagenen Steine.
So unterschiedliche Namen, Geburtsdaten, Charaktere, Hoffnungen und Träume Sigmund Bär, Ludwig Klein, Amanda Broder oder Nanny Weil gehabt haben mögen - so einte sie doch ein schicksalsschweres Datum: der 22. Oktober 1940. An diesem Tag wurden sie alle nach Gurs am Rande der Pyrenäen deportiert. Als Mitbürgerinnen und Mitbürger jüdischen Glaubens wurden sie vom NS-Regime verfolgt und später ermordet. Dieter Herrmann, der sich intensiv mit der Geschichte dieser ehemaligen Walldorferinnen und Walldorfer beschäftigt hat, recherchierte das Schicksal jedes einzelnen. Die Namen, Geburts- und Todesdaten finden sich nun auf den zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatten wieder, die vor den letzten – selbst gewählten – Wohnstätten dieser jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger in den Boden eingelassen wurden. Es seien
'Stolpersteine für den Geist', meint Gunter Demnig, der 1990 die erste Aktion zur Erinnerung an die Deportation von Sinti und Roma aus Köln startete, 1993 den ersten Entwurf zum Projekt
'Stolpersteine' konzipierte und den ersten 'Stolperstein' ohne Genehmigung in Berlin-Kreuzberg verlegte. Inzwischen hat er durch seine Aktionen über 12.000 Opfern des Nazi-Regimes wieder einen Namen gegeben und die Erinnerung an sie wachgerufen. Das
'größte dezentrale Denkmal der Welt' hat durch einen Antrag der Gemeinderatsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen und mit einhelliger Zustimmung des gesamten Gemeinderats seinen Weg nach Walldorf gefunden.
Otto Steinmann, der die Aktion gegen das Vergessen sehr begrüßte, erklärte bei der Verlegung, dass diese im Einvernehmen mit allen heutigen Hauseigentümern geschehe.
'Ich möchte Spuren sichtbar machen und damit Dinge und Ereignisse dem Vergessen entreißen', stellte Gunter Demnig fest, der sich von der sorgfältigen Vorbereitung der zwanzig dauerhaften Stellen für die Stolpersteine, für die die Mitarbeiter des städtischen Bauhofs gesorgt hatten, beeindruckt zeigte. Bei der Zeremonie am 2. Mai wurde bei jedem Stolperstein noch eine weiße Rose niedergelegt.
Die Stolperstein-Stellen:
Apothekenstraße 6: Sigmund Bär - Hilda Bär - Salomon Broder - Amanda Broder
Hauptstraße 15: Ludwig Klein - Alice Klein - Blanca Salomon
Hauptstraße 26: Albert Vogel - Emilie Vogel - Wilhelm Weil - Nanny Weil
Hauptstraße 27: Sara Mayer - Flora Mayer - Ida Menges - Hedwig Menges
Hauptstraße 52: Bella Grombacher - Moritz Mayer - Selma Mayer
Sandstraße 3: Sannchen Kramer - Dora Neuburger |
| |
Links und Literatur
Links:
 |
 |
| Achtung: Bei der
Abbildung Nr. 211 bei Hundsnurscher/Taddey s. Lit. handelt es sich nicht
um die ehemalige Synagoge im badischen Walldorf, sondern um die Synagoge
im thüringischen Walldorf an der
Werra (interner Link; vgl. die Ansichtskarte rechts oben) |
Literatur:
 | Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden.
1968. S. 282-283. |
 | Dieter Herrmann: Geschichte und Schicksal der Walldorfer Juden.
1985. |
 | Nachweise der einzelnen Familien in Klaus Ronellenfitsch:
Walldorfer Familienbuch 1650-1900. Reihe: Badische Ortssippenbücher Band
68. Walldorf 1993. zugleich Band 84 der Reihe B der Deutschen Ortssippenbücher
der Zentralstelle für Personen- und Zeitgeschichte, Frankfurt/Main, Hrsg.
Vereinigung Walldorfer Heimatfreunde e. V. 1965.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Walldorf Baden.
Two Jewish families were present in 1722* and seven in 1743, monopolizing most
of the trade in farm produce. Jews were attacked during the revolutionary
disturbances of 1848. The Jewish population stood at 169 in 1852 (total 2,417).
In the early 20th century, Jews were active in the tobacco industry. In 1933, 67
remained. The synagogue and Jewish homes were vandalized on Kristallnacht
(9-10 November 1938) and the last 21 Jews were deported to the Gurs
concentration camp on 22 October 1940, 15 of them eventually perishing at
Auschwitz.

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
|