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in Esslingen
Esslingen (Kreisstadt)
Texte/Berichte zur jüdischen Geschichte der Stadt und des Lehrerseminars
Die nachstehend wiedergegebenen Texte mit
Beiträgen zur jüdischen Geschichte in Esslingen wurden in jüdischen Periodika
gefunden.
Weitere Seite: Texte
und Abbildungen / Fotos zur Geschichte des israelitischen Waisenhauses
"Wilhelmspflege" in Esslingen
Übersicht:
Allgemeine Berichte
Zur Geschichte der Juden in Esslingen (Artikel von 1928)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Oktober 1928: "Die Juden in
Esslingen.
Was Stobbe, 'Die Juden in Deutschland während des Mittelalters', von den
deutschen städtischen Judensiedlungen sagt, gilt auch von Esslingen: Beim
Entstehen der Städte bildeten die Juden oft einen entscheidenden Faktor der
Gründung. In einzelnen deutschen Städten waren die Juden die ersten Siedler,
um deren Wohnstätte sich die weitere Siedlung bildete. Daher kommt es, dass
das Judenviertel in vielen deutschen Städten im Zentrum am Hauptmarkt oder
in dessen unmittelbarer Nähe liegt, was bei einer |
späteren
Ansiedlung nicht möglich gewesen wäre.
Aus dem Marktverkehr, der sich unter Karl dem Großen bei der Zelle, in der
die Gebeine des hl. Vitalis ruhten, entwickelte, entstand die erste Siedlung
Esslingens. Das dortige Kloster erhob seit 866 einen Marktzoll vom
Warenumsatz. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts war Esslingen im Besitz der
Staufer, bis es vermutlich 1209 von König Otto IV. bürgerliche Freiheiten
erhielt. Nach Hanns Stäbler ist es wahrscheinlich, dass Juden hier schon vor
der Stadtgründung ansässig waren (Württembergische Vierteljahreshefte für
Landesgeschichte, 1913, Leite 194). Mit dem Jahre 1209 wurde die Esslinger
Judenschaft in die Judengemeinden des Reiches eingeordnet, sie zahlten 1241
an den Kaiser eine Abgabe von 30 Mark Silber, die gering erscheint, da z.B.
die Straßburger Juden gleichzeitig 200 Mark zahlen. Trotzdem stand Esslingen
damals an der sechsten Stelle unter den 21 Judengemeinden des Reiches. Für
ihre Größe spricht, dass sie eine eigene Synagoge und einen eigenen Friedhof
besaß (Esslinger Urkundenbuch I, 610). Obwohl sie dem Kaiser steuerpflichtig
waren und damit zur kaiserlichen Kammer gehörten, unterstanden die Juden
doch rechtlich dem Esslinger Stadtgericht. Unter dem 29. Mai 1280 teilte die
Stadt Esslingen der Stadt Brackenheim ihre Judenordnung mit, aus der
hervorging, dass die Juden dem Stadtgericht unterworfen waren (Württ.
Urkundenbuch XI 541 Nr. 5688).
Als Hausbesitzer wird 1265 der Jude Seeligmann genannt (Esslinger
Urkundenbuch Nr. 92), dessen Haus mit Bestätigung König Konradins am 28.
Dezember 1268 an einen christlichen Bürger überging. 1279 waren die Juden
Isak, Schmul, und Bendit in Pliensau wohnhaft. Im selben Jahre werden die
Esslinger Juden Isak, Bendit und Vivil genannt (daselbst 145), ebenso am 19.
März 1280 in einer Verkaufsurkunde Abraham, Benedictus und Videln (das.
160).
Am 8. August 1311 wurden dem Juden Saeligmann Weinberge eines Esslinger
Bürgers verpfändet (daselbst 339). Die Schulden an Juden waren inzwischen so
gewachsen, dass König Heinrich VII. den Bürgern der Stadt und den Klöstern
Weil, Sirnau und St. Clara einen zweijährigen Aufschub zur Zahlung ihrer
Schulden gewähren musste. Sie sollten für diese Zeit keinen Zins zu zahlen
haben (27. August 1311, daselbst 410). Um der Stadt Esslingen weiter zu
helfen, schenkte ihr Heinrich VII. 200 Pfund Heller aus der ihm zustehenden
Frankfurter Judensteuer (31. März 1312, daselbst 415).
Diese Zinsbefreiung scheint nach und nach Regel geworden zu sein. Denn am
27. Oktober 1315 befreite König Ludwig VI. christliche Schuldner in
Esslingen und in seiner Umgebung vom 11. November an für zwei Jahre von der
Zinszahlung (daselbst 451). Wenige Tage später, am 25. November 1315,
erteilte er dasselbe Vorrecht der Stadt Esslingen für ihre Schulden bei
Überlinger und anderen Juden
(daselbst 453). Am 31. Januar 1316 gewährte der König wieder Esslinger
Bürgern weitere Zinsbefreiungen (daselbst 457).
Judenhäuser werden am 3. Dezember 1317 beim Oberesslinger Tor und am 29.
Juli 1333 in der Judengasse erwähnt. Am 14. März 1341 |
wird
das Haus des Juden Salmann, des Sohnes des Frumolt von
Kirchheim, genannt (daselbst 470, 638,
699).
Im Januar 1327 war die Erweiterung des damals 3 Morgen Acker großen
Friedhofs geplant. Die Stadt erklärte aber, sich beim Domstift Speyer für
diese Erweiterung nicht verwenden zu wollen (daselbst 552). Der Friedhof
gehörte den Juden nicht abgabenfrei. So mussten sie am 9. Februar 1346
fünfeinhalb Schilling aus ihrem Kirchhof an Heinrich Schappeln zahlen
(daselbst 820). Auf die Art der Judenabgaben wirft eine Messestiftung des
Priesters Wortwin Licht, der am 14. Februar 1328 auch drei Kapaunen, als
Abgabe der Juden an ihn, für diese Messe bestimmte (daselbst 563).
Auch die von Juden bewohnten Häuser waren nicht alle in ihrem Besitze.
Albrecht Steck hatte am 23. Juni 1344 ein Einkommen von 30 Schilling Heller
aus Videls des Juden Haus, 'dem undern, das hinden an die Milchgassen gen
dem Radebrunnen stoßet" (daselbst 781).
Den Auftakt zu dem großen Judenmorden, dem die ganze Gemeinde Esslingen zum
Opfer gefallen ist (Salfeld, Martyrologium, Seite 245), bildete ein Befehl
des Königs Karl IV., in dem er am 9. und 27. Januar 1348 23 Städten, unter
ihnen Esslingen, die bisher erhobenen Judenschutzgelder erließ (daselbst 874
und 877). Mit diesem Erlass war die Entrechtung der Juden sanktioniert.
Bereits am 30. Januar 1348 bewilligte Karl IV. dem Rate und den Bürgern von
Esslingen, dass der Judenfriedhof, den sie 'niedergelegt' hatten, nicht
wieder ummauert und benutzt wird (daselbst 879). Mit anderen Worten war der
Judenfriedhof von den Bürgern niedergelegt, also verwüstet, seine Ummauerung
niedergerissen und wahrscheinlich seine Steine umgeworfen worden. Dass es
bei dieser Verwüstung des Friedhofs nicht geblieben, bezeugt der Vergleich
der Grafen Eberhard und Ulrich von Württemberg mit der Stadt Esslingen wegen
der dortigen Judengüter, 'die bi in ze Ezzelingen seshaft waren lebender und
toter' vom 27. April 1349 (daselbst Nr. 906). Eine Spur der aus Esslingen
Vertriebenen bietet die Mitteilung über das Haus und die Scheune eines Juden
Heinz zwischen Nürtingen und Neckarhausen (24. April 1369, daselbst 1324).
Eine neue Niederlassung von Juden in Esslingen beginnt mit dem 29. September
1375, an welchem Tage König Karl IV. erlaubte, Juden in Esslingen
aufzunehmen, und die dort ansässigen Juden auf fünf Jahre von der Abgabe an
die Kaiserliche Kammer befreite (daselbst 1414). Damit war die neue Gemeinde
in Esslingen, die allerdings winzig klein war, begründet. Von dieser neuen
Gemeinde wird 1385 der Jude Süßkind von Straßburg als 'Bürger der Stadt'
genannt. 1392 wohnten hier vier Familien, die jährlich 9 Pfund Heller und 49
Gulden Steuer zu zahlen hatten. 1401 und 1402 wird die Esslinger
Judengemeinde erwähnt. Am 19. Dezember 1401 gebot der Reichsvikar Ludwig,
der Pfalzgraf bei Rhein, Esslingen auf Grund einer Urkunde des Kaisers
Ruprecht vom 1. September 1401 die halbe diesjährige Judensteuer und den
diesjährigen und den am 25. Dezember für das neue Jahr fälligen goldenen
Opferpfennig von den Juden der Stadt zu zahlen. Er erhielt in Esslingen als
halbe Steuer 18 Gulden und als Opferpfennig 4 Gulden für das laufende Jahr.
Für die Juden, die inzwischen den Ort verlassen hatten, hatten sie vier
Gulden zu entrichten (daselbst 1814). Am 18. März 1404 wurden Juden von
König Ruprecht gegen Erlegung von 100 Gulden und eine jährlichr Abgabe von
20 Gulden auf sieben Jahre in Esslingen in Schutz genommen (Chmel, Regesta).
Von den Esslinger Judensteuern ist wieder unter König Sigmund die Rede. Am
14. September 1413 befiehlt der König Esslingen die halbe Judensteuer für
1412 und 1413 zu zahlen (daselbst 1918). Etwa ein Jahr später verlangt der
König von den Esslinger Juden eine 'redliche' Steuer für die Deckung der
Unkosten, die er in den letzten zwei Jahren in Welschland gehabt (27. August
1414, daselbst 1947). Die Esslinger hatten ihm darauf eine Zahlung von 300
Gulden auf den 11. November 1414 zugesagt. Auch in den Steuerabmachungen mit
Konrad von Weinsberg werden die Esslinger Juden am 6. März 1418 erwähnt.
Der Esslinger Rat schreibt unter dem 29. August 1448 nach Heilbronn, dass er
Juden aufzunehmen wünsche. Da er höre, dass Heilbronn seine Juden ausweise,
bitte er um einige von ihnen. So wurde 1451 der Heilbronner Jude Moses mit
seiner Familie auf 6 Jahre gegen ein Jahresschutzgeld von 6 Gulden
aufgenommen. Gegen das Ende des 15. Jahrhunderts scheint sich aber die
Judengemeinde in Esslingen aufgelöst zu haben. Wenigstens wurde 1490 ihr
Schulhaus von Kaiser Friedrich III. für 90 Gulden an einen Bürger verkauft.
Tatsächlich wurde 1525 das Gesuch fremder Juden um Aufnahme in Esslingen
abgelehnt und am 5. März 1528 verfügt, dass von jedem durchreisenden Juden
zu Fuß 1 Kreuzer, zu Pferd 2 Kreuzer Zoll zu erheben sind.
Die nächste Judenaufnahme erfolgte im Jahr darauf. Am 28. Juli 1529 wurden
Lazarus von Burgau und Simon von Schwabach mit Genossen auf acht Jahre in
die Stadt aufgenommen. Sie sollten bei Feuersgefahr und bei Aufläufen
bewaffnet aus dem ihnen angewiesenen Posten er- |
scheinen,
in Kriegszeiten zum Unterhalt der Stadtsöldner 20 Gulden beitragen. Der Rat
ließ ihnen auf dem Ilgenplatz Häuser erbauen. Sie mussten aber die Baugelder
verzinsen, 300 Gulden Jahreszins zahlen und der Stadt 2000 Gulden unverzinst
leihen. Auch die Württembergische Regierung erteilte ihnen für 4 Jahre
Handelsfreiheit im Fürstentum. 1530 nahm Lazarus in die ihm überlassenen
Häuser die Juden Enoch und Markus mit ihren Familien auf. Kaiser Karl wies
am 1. August 1530 den Juden Baruch und seinem Sohn Schmul Wohnrecht in
Esslingen an. So entstand hier eine neue kleine Gemeinde, deren
Aufenthaltsrecht am 11. März 1538, am 19. Februar 1540 und am 2. Februar
1542 verlängert wurde. 1535 verwandte sich der Magistrat für seine
Schutzjuden, die damals in Stuttgart wegen übertretenen Geleites gefangen
saßen.
Der neuen Gemeinde war nur ein kurzes Dasein beschieden. Paragraph 7 des
Vertrages zwischen Esslingen und Württemberg vom 30. Oktober 1542 bestimmte:
'Die Vorsteher der Stadt müssen versprechen, die Juden, aus ihrem Gebiet
wegzuschaffen!' (Johann Jakob Keller: Geschichte der Stadt Esslingen, Seite
213). Damit war ihr Schicksal besiegelt. Am 21. Dezember 1543 wurden die
acht Esslinger jüdischen Familien, zusammen 33 Personen, ausgewiesen. Sie
fanden Aufnahme in den benachbarten adeligen Ortschaften. So nahm Hans
Konrad Thumb am 30. Dezember 1550 drei Juden mit Familien und Gesinde für 10
Jahre in Aichelberg auf und räumte ihnen ein Haus gegen eine Jahresabgabe
von 50 Gulden ein.
1552 wandten sich aus Oettingen
ausgewiesene Juden erfolglos an Esslingen um Aufnahme (Zeitschrift des
historischen Verein für Schwaben und Neuburg, 26, S. 82). Der letzte Jude in
Esslingen war der vom Rate 1557 aufgenommene Salomo van
Hechingen. Er wurde hier aufgenommen,
da er wegen seiner Arzneikunst weit und breit berühmt war (Pfaff, Geschichte
Esslingens, Seite 228ff, Seite 725 ff. Handelsbeziehungen zwischen Esslinger
Bürgern und auswärtigen Juden bestanden aber auch noch in der Folgezeit. So
berichten die Prozessakten des Hofgerichts zu Rottweil mancherlei über
Beziehungen der Esslinger zu Juden in
Haigerloch und Hechingen (Bührlen,
Esslingen im 16. und 17. Jahrhundert, Seite 41). |
Erst
im 19. Jahrhundert sollte es wieder zu einer Gemeindegründung in
Esslingen kommen. Am 23. August 1806 wurde 5 jüdischen Familien aus
Wankheim die Bitte um Aufnahme in
Esslingen gegen ein Schutzgeld von 12 Gulden gewährt. Bereits im folgenden
Jahre kaufte die kleine Gemeinde ein rituelles Badhaus und einen Platz am
unteren Beutauufer für einen Friedhof.
Im Jahre 1816 beklagte sich Esslingen darüber, dass die Regierung der Stadt
immer neue Juden zuwiese. Hier seien bereits bei einer Anzahl von 5575
Einwohnern 12 Judenfamilien mit 46 Kindern, die den 20 christlichen
Kaufleuten großen Schaden zufügten (Pfaff, Die Stadt Esslingen 1803-1823,
Seite 5).
Die Gemeinde besaß seit 1810 in der Heppächerstraße ihre Synagoge, seit 1824
eine eigene Schule im Synagogengebäude. Ihr erster Vorsteher war Nathan
Ederheimer, ihr erster Lehrer Leopold Liebmann. 1842 wurde die Schule mit
der des inzwischen hier am 23. Oktober 1842 eingeweihten jüdischen
Waisenhauses - das neue Heim wurde am 11. November 1913 bezogen - verbunden
und 1873 ganz aufgelöst. Zeit 1821 wurden im Esslinger Seminar auch jüdische
Lehrer herangebildet. Das ist über ein Jahrhundert so geblieben. Erst im
April 1928 sind die jüdischen Seminaristen dem Heilbronner Lehrerseminar
zugeführt worden, weil die dortige Gemeinde reichere Bildungsmöglichkeiten
für die werdenden Lehrer besitzt.
Die Juden haben sich allezeit in Esslingen als gute Bürger erwiesen und
regen Anteil an der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt genommen. Vom 17.
September bis 1. Oktober 1843 fand eine Industrieausstellung auf dem
Rathause statt. Dabei wurden besonders die geschmackvollen Arbeiten von
Jacob Levi gerühmt, der bereits 1823 in Esslingen eine Goldwarenfabrik
gegründet hatte. 1859 wurde die Lederhandschuhfabrik von Daniel Jeitteles,
1879 die Fabrik genähter Korsetten von Guggenheim u. Cie., um nur einige von
Juden geschaffene industrielle Unternehmungen zu nennen, ins Leben gerufen.
So haben die Juden der Stadt nicht wenig zu ihrer Blüte und Entwicklung
beigetragen. Die Gemeinde zählte am 10. Juni 1925 142 Personen, von denen
allerdings mehr als ein Drittel Zöglinge und Beamte des Waisenhauses waren.
Die Gemeinde ist also nie groß an Zahl gewesen. Dafür hat aber stets in ihr
ein starkes religiöses Leben und kerniger Bürgersinn gewaltet (Rothschild in
der Festausgabe der 'Eßlinger Zeitung'). Möge ihr eine weitere gedeihliche
Entwicklung beschieden sein!" |
Über
die jüdische Gemeinde in Esslingen (1848)
Artikel
in "Der treue Zionswächter" vom 8. Februar 1848 (Aus einem
Reisebericht: eine Reise in das württembergische Unterland - Von Ulm.
[Fortsetzung]): "Esslingen, eine ehemalige freie Reichsstadt
hat, wie so viele ihrer Schwestern, in den verhängnisvollen Jahren
1348-1349 ihr Pflaster mit Judenblut getränkt, und dies auf solch
barbarische Weise, dass von den dortigen Juden wohl an zweihundert, die
den Mordmessern augenblicklich entgingen, in ihrer Synagoge und mit
derselben sich selbst verbrannten (M.s.Crusius S. 924 und Keller S. 92).
Damals beschloss die Magistraturherrschaft, den Nachkommen Israelis auf
ewige Zeiten die Tore dieser Stadt zu verschließen. Aber ... schon im
Jahr 1375 erbaut und erhielt Esslingen vom Kaiser Karl IV. die Erlaubnis,
Juden zu behalten und sie zu schützen vor aller Gewalt. Allein es
scheint, als haben die Juden kein sonderliches Zutrauen in den Schutz
einer Stadt gesetzt, die bald mit dem Kaiser, bald mit den Grafen von
Württemberg und bald mit dem schwäbischen Bund in verheerender Fehde
sich befand. Sie zogen nicht dahin, warteten vielmehr einen günstigeren
Zeitpunkt ab, und dieser Zeitpunkt traf zu Anfang dieses Jahrhunderts
ein.
Es war nämlich im Jahre 1806, nachdem ermeldete Stadt der
württembergischen Krone einverleibt war, als auch die städtische
Behörde einen durch seinen gediegenen Verstand, durch seine musterhafte
Redlichkeit und durch sein Achtung gebietendes Benehmen von allen, die ihn
kannten, verehrten Juden, namens Isaac Levy aus Wankheim
bei Tübingen, aufforderte, sich in Esslingen einzukaufen. Auf seine
Vorstellung, dass er als Juden schon des Kultus halber nicht vereinzelt
und von seinen Glaubensgenossen getrennt in einem Orte leben könne, und
dass er nur alsdann nach Esslingen übersiedeln wolle, wenn diese Erlaubnis
noch mehreren seiner Glaubensgenossen gegeben würde, erklärte die
ermeldete Behörde, die damals schon erkannte, dass die Juden zur Hebung
der Industrie und des Handels eines Ortes ganz besonders geeignet sind,
dass es Herrn Levy freigegeben sein solle, noch vier Familien mit einigem
Vermögen und gutem Prädikate vorzuschlagen. Dies geschah. Es wurde also
fünf jüdischen Familien der Schutz zu Esslingen erteilt. Diese nahmen
einen Vorbeter, einen Schochet und einige Handlungsdiener
mit sich, sodass für Minjan gesorgt war, erkauften ein Haus zu
Synagoge, einen Platz zum Gottesacker, richteten ein Frauenbad ein, und so
war hier eine neue, wenn auch kleine Gemeinde entstanden. Jetzt
wohnen dreißig jüdische Familien daselbst, die alle die Achtung der
Bürgerschaft wohlverdient genießen.
Der Gründer dieser Gemeinde, Herr Vorsteher Isaac Levy, der alle
mit ihm dahingezogenen Familienväter überlebte, verstarb im vergangenen Marcheschwan
5608 (Oktober 1847) in einem Alter von 82 Jahren, nachdem er mit
seiner noch lebenden Frau - Gott vermehre ihre Tage und Jahre - 51 Jahre
in der Ehe gelebt hatte. Mit 14 Kindern aus Einer Ehe - 7 Söhnen und 7
Töchtern - mit der zurückgelassenen Witwe und mit 36 Enkeln beweinen
diesen Ehrenmann alle besseren Israeliten des Landes. Denn nicht nur, dass
er durch seinen reinen Verstand sehr vielen Glaubensgenossen, die aus den
entferntesten Teilen des Landes kamen, seinen Rat sich zu erbitten, diesen
ihnen bereitwillig erteilte, nciht nur dass er durch seinen Einfluss
vielen nützlich geworden, sondern auch die bessere Stellung der
diesseitigen Juden hat man größtenteils ihm zu verdanken, weil er sein
Ansehen, das er bei hohen Beamten und bei gebildeten Bürgern genoss, dazu
verwendete, der unermüdliche Fürsprecher seiner Nation zu sein, und es
sich angelegen sein ließ, durch Wort und Wandel eine Menge Vorurteile
gegen Juden zu zerstieben, was ihm auch vollkommen gelang.
Der hiesige Lehrer, Herr Liebmann, der zugleich Waisenvater in der
Wilhelmspflege, israelitisches Waisenhaus, und Lehrer für hebräische
Fächer und Religion der Zöglinge im Hauptschullehrerseminar, ist ein
Mann von ausgebreiteten Kenntnissen und in talmudischer und rabbinischer
Literatur viel bewandert. Der Vorbeter, Herr Levy (hier ist, wie
das allenthalben zu wünschen wäre, und zwar zum Heile der Synagoge und
Schule, der Vorsängerdienst von dem des Vorbeters getrennt) ist eine
merkwürdige Persönlichkeit; denn abgesehen von seinen Kenntnissen in
allen Schulfächern, er ist examinierter und befähigter Lehrer und Vorsänger,
welche beide Fächer er aber auszuüben nicht veranlasst ist, weil Herr
Liebmann sie versieht, wusste er, ohne alle Anleitung von einer andern
Seite und bloß von seinem guten Kopfe geleitet, und von seinem eisernen
Fleiße unterstützt, solch' umfassende Kenntnisse in rabbinischen
Wissenschaften sich zu erwerken, die in Erstaunen setzen. In seinem
Lieblingsfach - alte ... (?) - hat er es zu einer seltenen
Vollkommenheit gebracht und hat einen tausendjährigen Kalender
verfasst, der an Einfachheit und geistreicher Kombination kaum etwas zu
wünschen übrig
lässt." |
Versammlung württembergischer Israeliten in
Esslingen am 17. März 1861
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Februar 1861: "Esslingen, 17.
Februar (1861). Heute tagte hier eine zahlreiche Versammlung von
Israeliten aus allen Gauen des schwäbischen Vaterlandes, um gemeinsame
Schritte zur vollen Erlangung der politischen Gleichberechtigung mit den
christlichen Mitbürgern zu beraten und zu tun. Die Lehrsäle der
Wilhelmspflege wurden der Versammlung zu ihrer Beratung freundlichst überlassen.
Herr Rechtskonsulent Heiden von Esslingen begrüßte in schönen Worten
die Versammlung und schlug ihr den Oberjustizprokurator Heß in Ulm als
Vorsteher des dortigen israelitischen Lesevereins, der die heute
Versammlung angeregt hatte, zum Vorsitzenden vor, was durch einstimmigen
Zuruf angenommen wurde. Der Präsident wählte dann den Rechtskonsulenten
Heiden von Esslingen und R. C. Sänger aus Ulm zu Schriftführern. Es
wurden die Anträge des Ulmer Komitees verlesen: die Versammlung wolle die
geeigneten Schritt tun, um die volle Emanzipation der Israeliten zu
erzielen und zwar durch Bitten an die Königliche Staatsregierung,
eventuell auch an die Ständekammer; durch Wahl eines Komitees, das den
Verlauf der Sache wahrnehmen und weitere Schritte tun soll; Eingaben lagen
schon vorbereitet vor. Die nun eröffnete Debatte nahm über Formfragen
einen etwas langsamen Verlauf, da man doch im Ganzen, was die späteren
Beschlüsse zeigten, vollständig einig war. Drei Eingaben, eine von Buchhändler
Heß aus Ellwangen, die zweite von Dr. Adolph Levi in Stuttgart und die
dritte vom Ulmer Komitee durch Oberjustizprokurator Heß ausgearbeitet,
wurden verlesen. Besonders lebhaft wurde die Debatte durch die Anträge
des Rechtskonsulenten Lebrecht in Ulm, der eine besondere Broschüre:
‚Die rechtliche Stellung der Juden in Württemberg’, für diesen Zweck
geschrieben hatte und auch die innere Organisation der israelitischen Verhältnisse,
als: Kirche, Schule etc., als Gegenstand der Eingaben behandelt wissen
wollte, was starken Widerspruch hervorrief, da man nur bei der vollen bürgerlichen
Gleichstellung stehen bleiben wolle, und sei einmal diese errungen und
alle Schranken des Vorurteils gefallen, so ergebe sich alles Übrige von
selbst. Die Beratung führte zu dem einstimmigen Beschlusse, ein Komitee
zu wählen, das mit Zugrundelegung der verlesenen verschiedenen Eingaben
Petitionen an die Königliche Staatsregierung und an die Stände
ausarbeiten und im Namen der, die Israeliten des Landes vertretenden
Versammlung einreichen und weitere allenfallsige Schritte wahrnehmen und
ausführen soll. Die Versammlung war von 250 bis 300 Israeliten des ganzen
Landes besucht. Beim gemeinschaftlichen Mahle wurde der erste Toast auf
Seine Majestät den König, unter dessen glorreicher Regierung die
Gleichstellung der israelitischen mit den christlichen Untertanen begonnen
wurde und mit Gottes Beistand auch noch vollständig ausgeführt werden möchte,
von Oberkirchenvorsteher Dr. Adolph Levi ausgebracht und mit allgemeiner
Begeisterung unterstützt. Prokurator Heß von Ulm brachte seinen
Trinkspruch der Versammlung, |
die, so
verschieden auch die Einzelnen in religiöser Anschauung und politischer
Gesinnung seien, doch darin vollständig einig sei, in loyaler Weise den
Kampf um die bürgerliche Gleichstellung fortzuführen, dass, wenn bei der
gegenwärtigen zeitenschwere das Vaterland zum Kampfe und zum Siege rufe,
der Israelite als Gleichberechtiger Eigentum, Blut und Leben für Gott, König
und Vaterland einsetzen könne. Die Versammlung ging fröhlich mit dem
Bewusstsein auseinander, dass ihre gute Sache zum Siege führen und dass
die Königliche Regierung wie die Kammern gegen andere deutsche Länder
nicht zurückbleiben werde, wenn es gilt, denen, die gleich Lasten mit
ihren Mitbürgern tragen, auch gleiche Rechte zu gewähren
(Staats-Anzeiger für Württemberg)." |
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Artikel in
der Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. März 1861: "In Esslingen
hat eine Versammlung der württembergischen Israeliten zur Beartung über
die zur Erlangung der Gleichstellung zu tuenden Schritte stattgefunden.
Wir freuen uns dieser neuen Tatsache, welche die in den Israeliten gegenwärtige
Tatkraft bezeigt, zu deren Weckung wir nicht wenig beigetragen zu haben
uns glücklich fühlen. Unser württembergischer Korrespondent macht uns
hierüber folgende, ausführliche Mitteilung. |
Der 17.
Februar versammelte gegen 300 Notabeln aus allen Gauen Württembergs in
Esslingen, um gemeinsame Schritte zur Erlangung der vollen bürgerlichen
Gleichstellung zu erzielen. – Herr Rechtskonsulent J. Lebrecht in Ulm
regte im dortigen israelitischen Leseverein den Gedanken, Agitation in der
Judenfrage zu machen, an; der Leseverein ergriff auch die Initiative und
schrieb eine Versammlung auf den 17. Februar nach Esslingen aus, nachdem
er zuvor die zu unternehmenden Schritte beraten hatte. Rechtskonsulent J.
Lebrecht veröffentlichte eine Broschüre: Die rechtliche Stellung der
Juden in Württemberg. Ulm, Nübling 12 Sgr. Der Reinertrag ist für das
israelitische Waisenhaus in Esslingen bestimmt. Die Schrift hebt die
Ausnahmebestimmungen hervor, denen die Juden durch das Gesetz unterworfen
sind. Die drückendsten Ausnahmebestimmungen sind folgende: das mangelnde
aktive und passive Wahlrecht zu Ständekammer, die Nichtzulassung zum
Staatsdienste, die Erschwerung der Einwanderung ausländischer Juden, gehässige
Formalitäten bei Eiden in Rechtssagen, die Ausnahmebestimmungen im
Ehegesetze etc. – Am 17. Februar Vormittags wurde die Versammlung in den
Lehrsälen des israelitischen Waisenhauses zu Esslingen eröffnet. Zu
bedauern war es, dass die Räume zu eng für die Masse der Teilnehmer, die
gegen 300 Personen starb waren. Rechtskonsulent Heiden aus Esslingen begrüßte
in beredter Weise die Versammlung und hieß sie im Namen der Israeliten
Esslingens willkommen. Er schlug den Oberjustizprokurator Heß aus Ulm als
Vorsitzender vor, und der Vorschlag wurde unter freudigem Zuruf
angenommen. Dem Präsidenten wurden die Rechtskonsulenten Heiden aus
Esslingen und Sänger aus Ulm als Schriftführer beigegeben. Das Ulmer
Komitee stellte sein Programm auf: 1) die Staatsregierung durch eine
Adresse um volle Gleichstellung zu bitten; 2) die auf den Tisch des Hauses
niedergelegten Eingaben zu prüfen, 3) ein Komitee zur Eingabe der
Schriften und Wahrnehmung der geeigneten Schritte zu bestellen, 4)
eventuell auch eine Eingabe an die Kammern zu richten. Rechtskonsulent
Alexander Bacher von Stuttgart wollte nur ein Komitee gewählt wissen und
vordersamt alle weiteren Schritte unterlassen. Denn die Vermengung der
heiligen Sache der Emanzipation mit der Konkordatsfrage, wie die Königliche
Regierung es beabsichtige, sei gegen sein Gefühl, er halte auch unter dem
jetzigen Ministerium alle Schritte für erfolglos und erfolglose Agitation
bringe mehr Schaden als Nutzen. Diese mit scharfer Dialektik verteidigten
Anträge wurden von mehreren Rednern unterstützt. Rabbiner Dr. Wassermann
hatte auf den Tisch des Hauses viele Eingaben, die im Zeitlaufe von 25
Jahren eingereicht worden und erfolglos geblieben, niedergelegt; er
meinte, der Sturm werde in die Bäume fahren und die Birnen werden reif in
unseren Schoß fallen, ohne dass wir schütteln. Kollegialassessor Jordan
von Stuttgart unterstützte den Antrag aus Zweckmäßigkeitsgründen, aber
trotz seiner schlagenden Logik wurde der Antrag abgeschlagen und Ziffer 1.
des Ulmer Programms wurde angenommen. – Nun trat Rechtskonsulent
Lebrecht ins Vortreffen und bekämpfte den Antrag, dass nur an die Königliche
Staatsregierung eine Adresse gerichtet werde und verlangte, dass auch die
Volksvertretung in einer energischen Petition gemahnt werde, den
israelitischen Mitbürgern gerecht zu werden; er hoffe zwar von der so
genannten Schulzenkammer wenig Ersprießliches für das gute Recht der
Israeliten, aber immerhin solle man den einen Faktor der Gesetzgebung
nicht umgehen. Der Antrag wurde angenommen. Drei Eingaben an die Königliche
Staatregierung lagen vorbereitet auf dem Tische des Hauses. Die erste war
von Buchhändler Heß in Ellwangen, dem Nestor des Kampfes um die
Emanzipation in Schwaben. Der edle, würdige Greis wurde mit ‚Bravos’
begrüßt. Die zweite Adresse von Dr. Adolph Levi aus Stuttgart, von ihm
selbst verlesen, ein stilistisches Meisterwerk von wahrhaft klassischer
Sprache, poetisch in Vollendung der künstlerischen Form, schillerisch im
idealen Schwung, und patriotisch, wie ein Arndt schrieb, brachte die ganze
Versammlung in eine gehobene Stimmung. – Die Adresse des
Oberjustizprokurator Heß in Ulm – Sohn des Buchhändlers – trug den
Stempel des nüchternen Advokaten, war aber ausführlicher als die vorige
und mehr an den Verstand als an das Gefühl gerichtet. – Wegen der
vorgerückten Zeit konnte die Eingabe des Rechtskonsulenten Lebrecht an
die Stände nicht mehr verlesen werden, der Entwurf wurde dem Komitee überwiesen.
– die Versammlung wählte ein Komitee von 15 Mitgliedern, welches unter
Zugrundlegung des vorhandenen Materials Eingaben an die Staatsregierung
und Kammern zu fertigen und im Namen der Israeliten des Landes
einzureichen hat. Die Versammlung war ein lebendiges Bild des
Kulturzustandes der Israeliten Württembergs und hätte der Gesetzgeber an
derselben am besten erfahren können, dass ein Erziehungsgesetz für die
Israeliten nicht mehr nötig
|
ist
und dass sie an Bildung und Loyalität dem christlichen, schwäbischen
Volksstamme in keiner Weise nachstehen. – Nun trennte sich die
Versammlung nach Siboleth und Schiboleth in zwei Lager, die Einen nahmen
ein frugales koscheres Mahl im Speisesaal des Waisenhauses, die Anderen
zogen es vor, im Gasthofe zum Schwanen, bei Fleischtöpfen und
Neckarfischen und mit Esslinger Champagner sich zu loben. Das juste milieu
des Desserts und der schwarze Kaffee einigte wieder das getrennte Israel
in ein Lager und die Heiterkeit steigerte sich zur frohen Lustbarkeit. Den
ersten Toast brachte Adolph Levi auf Seine Majestät den König Wilhelm
aus, unter dessen glorreicher Regierung die Gleichstellung der
israelitischen mit den christlichen Mitbürgern begonnen wurde und unter
derselben, mit Gottes Beistand, noch vollständig ausgeführt werden wird.
– Prokurator Heß feierte den Vorredner Dr. Levi in einem Trinkspruche:
Sein Hoch galt dem Manne, der sein ganzes Leben und Streben, seine Zeit
und Kraft der Humanität, dem Judentum widmet. Dem Manne, der die Ämter
als Oberkirchenvorsteher bei der königlichen israelitischen
Oberkirchenbehörde, als Kirchenvorsteher bei der Gemeinde Stuttgart, als
Vorstand des Waisenvereins, um Gotteswillen, ohne Bezahlung versieht und
wo es gilt, Edles zu vollbringen, der Erste in der Reihe ist. – Die
Versammlung stimmte jubelnd ein und man darf sagen: ‚die Volksstimme war
Gottes Stimme!’ Es wird dem Berichterstatter schwer, die Stimmung und
den Verlauf des Tages wiederzugeben und bitte er Jeden, dessen schönen
Worte er nicht zur allgemeinen Kenntnis bringt, um Entschuldigung. Der
Berichterstatter selbst: Alexander Elsässer, bat die Versammlung um
Verzeihung, wenn er einen Trinkspruch auf die Hessen vorschlage, er wolle
kein politisches Odium in die Versammlung werfen, er meine nicht
Kur-Hessen, noch Hessen-Homburg, er bitte zu trinken auf das Wohl der
beiden Hesse, Vater und Sohn, auf den Nestor im Kampf für Wahrheit und
Recht, in dessen wackerem Sohne des Vaters Geist und Gemüt fortwirkt, die
jetzt gemeinsame für unsere gute Sache streiten, sie leben hoch!! Dr.
Adolph Levi schlug einen telegraphischen Gruß an Gabriel Riesser vor, den
er in folgende Worte fasste und absandte: ‚Eine Versammlung zu
Emanzipationszwecken in Esslingen huldigt dem edlen Vorkämpfer jüdischer
Freiheit durch schwäbischen Gruß und Händedruck!’ Auch des Dr. Carl
Weil in Wien wurde durch Dr. Jordan aus Stuttgart in Liebe gedacht.
Ein Gedicht von August Hochberger an die Versammlung zeigte, wie
auch Israel das Talent der schwäbischen Sängerschule vertritt und das
Halleluja dieses poetischen Klempners versinnbildlichte den Geist und das
Streben der Versammlung. An
Dr. Adolph Levi gelangte folgende Antwort von Gabriel Riesser:
Hochgeehrter Herr! Ich sage Ihnen und den übrigen Herren, die mich
gestern durch einen mit telegraphisch zugesendeten Gruß und Händedruck
innigst erfreut haben, den wärmsten Dank für diesen Ausdruck Ihrer
freundlichen Gesinnung. Möge das ehrenwerte Streben, das Sie und Ihre
verehrten Genossen zu der gestrigen Zusammenkunft vereinigt hat, in Ihrer
engeren Heimat und im gesamten deutschen Vaterlande recht bald zu dem
ersehnten Ziel der Gewissensfreiheit und der Rechtsgleichheit führen!
Dann wird es mich doppelt und dreifach beglücken, wenn man des Anteils,
den ich an diesen Bestrebungen genommen, mit so ehrendem Wohlwollen, wie
Sie es gestern getan haben, gedenkt. Von ganzem Herzen Ihr dankbar
ergebener Gabriel Riesser."
|
Der
Antisemitismus dringt nach Esslingen vor (1891)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Mai
1891: "Esslingen. Nunmehr hat auch in Württemberg der Antisemitismus
seine verhetzende Tätigkeit begonnen. Auf Einladung des
'deutsch-sozial-antisemitischen Vereins' in Stuttgart, sprach Dr. Böckel am
13. April in der Landeshauptstadt und am 14. in Esslingen. Beide
Versammlungen waren zahlreich besucht, ganz besonders von Israeliten und
Sozialdemokraten.
In Stuttgart ging es wenigstens ruhig zu.
Nicht so ruhig und friedlich verlief die hiesige Versammlung, wo eine
Diskussion erlaubt war. Nachdem Dr. Böckel unter neuer Überschrift seine
Stuttgarter Leistung wiederholt hatte, wobei sich starker Widerspruch der
Versammlung geltend machte, sodass der Vorsitzende Mühe hatte die Ruhe
wiederherzustellen, und sogar der anwesende Polizeikommissär eingreifen
musste, wurde von 2 sozialistischen Rednern energisch Protest gegen die
Ausführungen Böckels, sowie gegen die versuchte Störung des konfessionellen
Friedens der Stadt erhoben, als Böckel dann in seiner Entgegnung die Frage
durchblicken ließ, ob er ein zweitesmal hier auftreten solle, antwortete ihm
ein vielhundertstimmiges Nein. Sein hiesiges Debüt bedeutet unstreitig ein
Fiasko. Der Vorstand des 'allgemeinen Bürgervereins' hatte Tags zuvor in
einer öffentlichen Bekanntmachung gegen die Versammlung protestiert.
Aber unwillkürlich muss sich jedem Menschenfreund die bange Frage
aufdrängen: Was soll daraus werden, wenn von oben herab einem solchen
Treiben nicht Einhalt getan wird? Nicht überall, wo antisemitische Hetzer
ihre Saat ausstreuen, ist man im Stande, ihr Lügengewebe zu durchschauen,
nicht überall finden sich Männer, die es mit dem Schwerte der Wahrheit
durchhauen können oder wollen. Viele Tausende nehmen das, was sie gehört,
als bare Münze auf und tragen das Gift des Judenhasses zeitlebens in ihrem
Herzen. Wohin soll das führen, wenn man an zuständiger Stelle das alles
ruhig geschehen lässt?" |
Ein
von Emil Lipp in Esslingen geschriebenes Charakterstück wird vertont von Lehrer
Leo Adler in Stuttgart (1913)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. Oktober 1913:
"Aus Stuttgart wird berichtet: Herr Lehrer Leo Adler hat zu einem von
Emil Lipp - Esslingen verfassten schwäbischen Charakterstück 'Unserem
König seine Spitzer' die Musik geschrieben. Seine Majestät der König
hat den Komponisten durch ein Anerkennungsschreiben ausgezeichnet. Der
Einakter ist bei Frank Gutmann in Esslingen erschienen und gelangt
demnächst an der Schwäbischen Volksbühne in Stuttgart zu
Aufführung." |
Tagung des Württemberg-Hohenzollerischen Landesverbandes des jüdischen
Frauenbundes in Esslingen (1927)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Juli 1927: |
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Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Juli 1927: "Esslingen. Die Tagung des Württemberg-Hohenzollerischen Landesverbandes des jüdischen Frauenbundes in
Esslingen nahm einen überaus harmonischen Verlauf. Die Besichtigung des
Waisenhauses unter der liebenswürdigen Führung de« Oberlehrers Rothschild
und die Darbietungen der Kinder füllten die Vormittagsstunden aus. Anstelle
des geplanten Nachmittagsspazierqanges fand für alle anwesenden Damen eine
Sitzung in Form einer Berichterstattung und Aussprache statt. Frau Else
Bergmann, Laupheim, eröffnete, da Frau Henle am Kommen verhindert war, die
Sitzung, begrüßte die Anwesenden, dankte Oberlehrer Rothschild für seine
Führung und gab dann den von warmer Begeisterung getragenen Bericht über die
bereits geleistete Arbeit des Verbandes und Anregungen für das
Winterprogramm (Schaffung von Nähstuben, Sammlung getragener Wäsche und
Kleidungsstücke). Alle sozialen Bestrebungen sollen gemeinsam mit den
bestehenden Wohlfahrtsorganisationen gefördert werden. Der Verband will
Vorträge, die gerade auf dem Lande ein großes Bedürfnis sind, halten lassen.
Durch sie wird das Band zwischen Stadt und Land enger geknüpft und
Kulturarbeit geleistet. Frau Yella Leppman, Stuttgart, betonte die
Wichtigkeit des Zusammenschlusses der jüdischen Frauenvereine zum
Landesverband. Durch die Gründung einer Spitzenorganisation der jüdischen
Frauenvereine war z. B. die Möglichkeit gegeben, dass auch der jüdische
Landesverband eine Vertreterin zur Werkbund-Ausstellung, wie zur
Trinkerfürsorgetagung entsenden konnte. In anschaulicher Weise schilderte
Frau Leppman gerade den Teil der Werkbundausstellung, an dem Frauenarbeit
fruchtbar mitgearbeitet hat. Sie überbrachte zum Schlusse ihrer Ausführungen
die Einladung zum Besuche der Werkbundausstellung. Frau Alice Straßburger,
Ulm, sprach über die Erholungsfürsorge für Kinder und Erwachsene, die eine
Hauptaufgabe des Verbandes ist. Die Erholungsfürsorge ist gleichzeitig eine
Mittelstandsfürsorge, denn weiten Kreisen auf dem Lande ist durch die
Aufnahme Erholungsbedürftiger eine Verdienstmöglichkeit gegeben. Über die
Stellenvermittlung des Verbandes berichtete Frau Milli Rieger, Stuttgart.
Die Stellenvermittlung des Verbandes arbeitet im engstem Einvernehmen mit
dem israelitischen Fürsorgeamt - Stuttgart sowie mit der Stellenvermittlung
des Züricher Frauenvereins und der Zentrale der Stellenvermittlung in
Berlin. Sie bittet die anwesenden Damen dafür zu wirken, dass nicht nur
Stellensuchende, sondern auch offene Stellen gemeldet werden, dann werden
noch bessere Resultate in dem an sich schwierigen Arbeitsgebiete erzielt
werden.
Die Aussprache über die einzelnen Punkte war sehr ersprießlich, klärte
Missverständnisse auf und ergab wertvolle Anregungen für die Winterarbeit.
Frau Bergmann fand zum Schluss noch einmal herzliche Dankesworte für alle
Anwesenden und sprach von der sozialen Kraft des Verbandes, der alle
Richtungen des Judentums in sich einen will.
Nach der öffentlichen Sitzung fand die Ausschusssitzung statt." |
Gautag der neutralen jüdischen Jugendbünde Württembergs bei Jägerhaus in
Esslingen (1927)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. August 1927: "Esslingen. Gautag der
neutralen jüdischen Jugendbünde Württembergs. Auf Sonntag den 10. Juli,
war der Gautag der jüdischen Jugendbünde Württembergs angesetzt worden. In
der Nähe des Jägerhauses in Esslingen sollten größere sportliche
Veranstaltungen, Wettspiele usw. stattfinden. Unter der umsichtigen Leitung
des Lehrers Adler - Stuttgart war alles sorgfältig vorbereitet. Eine
große Anzahl Teilnehmer hatte sich eingefunden. Auch Kameraden, Blau-weiße,
Jung-jüdische Wanderer waren gruppenweise der Einladung gefolgt. Jedoch was
sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, die der Mensch, der vergängliche baut?
Schon in den Vormittagsstunden setzte strömender Regen ein und machte alle
Pläne zu Wasser. Die Wettläufe, die den Anfang der Kämpfe bildeten und
Karschinierow, Nowie Targer und Hochstätter als Sieger
verzeichnete, mussten abgebrochen, und in dem geräumigen Saale des
nahegelegenen Jägerhauses Zuflucht vor dem Unwetter gesucht werden. Da an
einen Aufenthalt im Freien vorerst nicht zu denken war, trat man auf
Vorschlag des Lehrers Spier - Haigerloch in eine Aussprache über
'Neutralität und Gemeinschaft' ein. die den Führern der einzelnen Vereine
Gelegenheit gab, ihren Standpunkt zu kennzeichnen. Für den neutralen
Jugendbund sprach Themal - Pforzheim, für die Blauweißen Pariser
- Stuttgart, für die Kameraden Freund - Stuttgart. Auch der Führer der
Jugendbünde Württembergs, Rabbiner Dr. Cohn - Stuttgart, der infolge
amtlicher Verhinderung verspätet erschien und lebhaft begrüßt wurde, ergriff
zu dem Thema das Wort und gab der Hoffnung Ausdruck, dass das heutige
Zusammensein dazu beitragen möge, in der heranwachsenden jüdischen Jugend
die Gegensätze zu mildern, die das Judentum der Gegenwart spalten und seine
Kraft schwächen, eine Hoffnung, die durch den harmonischen Verlauf der
Tagung vollauf begründet erscheint.
Am Nachmittag vergnügte man sich mit Gesellschaftsspielen, Reigentänzen usw.
Ein Wettgesang wurde veranstaltet. bei dem die Sieger mit einer Tafel
Schokolade für ihre Leistungen bedacht wurden. Als besonders sangesfreudig
und sangeskundig erwiesen sich die Ulmer Mädels. Einen schönen Eindruck
hinterließen zwei Chorgesänge (ein synagogales und ein Wanderlied), die von
den Esslingern unter Leitung ihres Lehrers Weill vorgetragen wurden. — Der
Gautag wird im Herbst, voraussichtlich in Heilbronn, wiederholt werden. Nach
den gewonnenen Eindrücken darf man zuversichtlich hoffen, dass er einen
schönen Verlauf nehmen und zur Einigung unserer Jugend beitragen wird." |
Aus
der Geschichte der jüdischen Kultusbeamten / Lehrer in der Stadtgemeinde
Ausschreibungen der Stelle des
Vorbeters / Schochet (1875 / 1903)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Februar 1875: "Als
Vorbeter und Schächter
sucht die israelitische Gemeinde Esslingen
(Württemberg) eine Person, die – einem sonstigen ehrbaren Gewerbe
ergeben – jene Funktionen nur als Nebenamt übernehmen würde. Behufs
näherer Auskunft wolle man sich wenden ans
Israelitische
Kirchenvorsteheramt Esslingen". |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. August 1903:
"Wir suchen einen religiös zuverlässigen Mann als Schochet, Baal
Tefila und Baal Kore für unsere Gemeinde. Festes Einkommen 500 Mark
und etwa 400 Mark Nebeneinkommen. Bewerbungsgesuche mit beglaubigten
Zeugnisabschriften sind zu richten an das Israelitische
Kirchenvorsteheramt: Esslingen (Württemberg).
Rothschild." |
Beitrag von Rabbiner Dr. M. Kahn, Esslingen (1905)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 9. April 1905:
"Pesach-Gedanken. Von Rabbiner Dr. M. Kahn in Esslingen. Unter
den Büchern unserer Bibel besitzen wir eine kleine, wenig umfangreiche
Schrift, die aber eine Fülle der Lieblichkeit, die Vollendung der Anmut
selbst ist. Es ist das Lied der Lieder, Schir haschirim, das 'Hohelied'.
Welche Innigkeit der überquellenden Empfindungen der Liebe und Hingebung
tönt aus seinen Worten uns entgegen, welche Wärme jugendlicher, zarter
Liebe strahlt uns an, wenn wir dieses liebliche Büchlein öffnen und
seine leichten, wie Süßtrank flüssigen Verse genießen. Ein Hauch des
Frühlings weht uns an, wir vermeinen unter blühenden Bäumen, in der
Pracht anmutig sich öffnender Blumenkelche zu stehen. Das sprosst so
kräftig, das Grün der Auen ist so saftig und frisch, die Luft so rein
und so warm, der Himmel so blau, die Sonne so mild und so gut, der Aether
durchduftet von feinem Aroma des blühenden Weinstocks. Kurz, ein
herrlicher Frühling, ein Fest der Natur, ein Paradies mit hurtig
dahineilenden Antilopen und Hirschen, erfüllt vom Gesang der Vögel,
durchzittert vom Summen der Bienen...."
Zum weiteren Lesen bitte Textabbildung anklicken. |
Theologische Artikel von Rabbiner M. Kahn,
Esslingen über "Tora-Judentum" (1909)
Rabbiner Dr. Kahn hat die Aufsicht über eine Firma in Obertürkheim (1903)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. November
1903: |
Rabbiner Dr. M. Kahn unterschreibt als Rabbiner von Freudental (in Esslingen)
(1903)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. November
1903: |
Kantor Josef Starapolski tritt nach 30 Jahren in den Ruhestand
(1933)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. November 1933: |
Berichte aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben
Chanukka-Feier des Jüdischen Jugendbundes (1928)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Januar 1928: |
Vortrag von Lehrer Siegfried Weil im Israelitischen Frauenverein
(1928)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. März 1928: |
Theodor Rothschild referiert zur jüdischen Geschichte Esslingens
(1928)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Mai 1928 |
| |
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. November 1928: |
Simchas-Tora-Gottesdienst in der Gemeinde
(1928)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Oktober 1928: |
Vortrag von Bezirksrabbiner Dr. Tänzer über Tierschutz im Judentum
(1929)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. April 1929: |
Vortrag von Fritz Schwarzschild aus Düsseldorf
(1930)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. April 1930: |
Ergebnis der Vorsteheramtswahl sowie verschiedene Veranstaltungen in der
Gemeinde und im Waisenhaus (1930)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. April
1930: "Esslingen. Bei der letzten Wahl zum Vorsteheramt wurde
der seitherige Vorsteher Moritz Feigenbaum einstimmig wiedergewählt. — Ruth
Moses sprach vor kurzem im 'Frauenverein' über 'Die Rechte der Frau'. Die
junge Rednerin hatte ihren Vortrag sorgfältig ausgearbeitet und erntete für
ihre Ausführungen verdienten Beifall. — Bezirksrabbiner Dr. Tänzer -
Göppingen sprach im Bürgersaal des
Alten Rathauses in fesselnder Weise über ,Jüdische Familienforschung“. Der
Redner schloss seine mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen mit der
Aufforderung an die Anwesenden, nicht nur einen Familienstammbaum anzulegen,
sondern auch in einer Familienchronik alle bemerkenswerten Ereignisse des
familiären Lebens für die Nachkommen zu erhalten. — Im 'Frauenverein' hielt
Frau Ida Marx - Cannstatt einen
Vortrag über 'Die Stellung der Frau im Wandel der Zeit'. Ihre Ausführungen.
die wir an dieser Stelle kürzlich schon gewürdigt hallen, fanden dankbaren
Beifall, dem die Vorsitzende. Frau Fränze Moses, nochmal besonderen
Ausdruck verlieh. — Vor kurzem fand im 'Israelitischen Waisenhaus' eine
Schulprüfung statt, in der verschiedene Damen und Herren vom Ausschuss des
Vereins teilnahmen. Am Abend des Prüfundstages versammelte ein
Lichtbildervortrag von Obermedizinalrat Dr. Schott alle Teilnehmer an der
Prüfung. Der Vortragende sprach an Hand von klaren und instruktiven
Lichtbildern über 'Verdauungswerkzeuge des Menschen.'. Der Vortrag war
umrahmt von Darbietungen der älteren Schüler: Gesänge, Gedichtvorträge.
Reigen, turnerische Darbietungen und Ansprachen. Beim gemeinsame Mittagessen
sagte Landgerichtsdirektor Stern Oberschulrat Kohler herzlichen Dank für all
die Arbeit, die er für die Schule der Anstalt geleistet habe und für die
reichen Anregungen, die von ihm ausgingen. Es sei ihm immer eine besondere
Freude gewesen, die verständnis- und liebevolle Art seiner Prüfungsweise zu
bewundern. Die Anstalt sehe Oberschulrat Kohler mit großem Bedauern von
seinem Amte scheiden. Am 13. März veranstalteten die Zöglinge des
'Israelitischen Waisenhauses' eine Purimfeier. zu der auch
Gemeindemitglieder eingeladen und erschienen waren. Die Allerkleinsten,
Kleinen und Großen unterhielten die Anwesenden durch den Vortrag von
Gedichten und kleinen Theaterstücken und machten Lehrern und Pflegerinnen
alle Ehre." |
Vortragsveranstaltung im Israelitischen Frauenverein
(1931)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Mai 1931: |
Vortragsveranstaltung der Ortsgruppe des Central-Vereins
(1932)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Februar 1932: |
Vortragsveranstaltung im Israelitischen Frauenverein
(1932)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. März 1932: |
Predigt und Vortrag von Bezirksrabbiner Dr. Tänzer aus Göppingen
(1933)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. März 1933 |
Rabbiner Dr. Schorsch aus Hannover referiert bei einer Gemeindeversammlung
(1933)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. August 1933: |
Berichte zu
einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Bijouteriefabrikant J. Levi
steht zur Wahl für den Bürgerausschuss (1846)
Anmerkung: Jakob Levi ist am 6. Juli 1798 in Wankheim bei Tübingen
geboren. Mit seinen Eltern und Geschwistern gehörte er zu den 1806 in Esslingen
aufgenommenen jüdischen Familien. Er heiratete am 13. Dezember 1825 seine
Nichte Brünette geb. Levi (geb. 12. Dezember 1801), mit der er drei Kinder
hatte (Leopold, Max und Hanna). Jakob Levi war von Beruf Goldarbeiter und
Juwelier. Bereits 1823 hat er eine Goldwarenfabrik in Esslingen eröffnet. 1832
wird in der "Übersicht der im Königreich befindlichen Fabriken und
Manufakturen" Jakob Levis "Bijouteriewarenfabrik" als einziger
jüdischer Betrieb in Esslingen genannt. In der Fabrik wurde Herren- und
Damenschmuck (Ringe, Ketten, Medaillons, Armbänder, Broschen usw. fabriziert).
Eine Besonderheit für eine jüdische Firma war auch die Herstellung von Kreuzen
in vielen verschiedenen Faconen und Größen zur Lieferung nach Bayern. Jacob
Levi hat erfolgreich seine Firma geführt, bis er sie an seine Söhne übergab
und im Oktober 1867 nach Stuttgart verzog, wo er am 30. Mai 1887 verstarb; seine
Frau starb am 4. April 1894; beide wurden im israelitischen Teil des
Pragfriedhofes in Stuttgart beigesetzt.
Aus dem Hintergrund, das Jakob Levi erfolgreicher Esslinger Fabrikant war, ist
seine Bewerbung als Mitglied des Bürgerausschusses zu verstehen, die damals
auch in der "Allgemeinen Zeitung der Judentums" mehrfachen Erwähnung
wert war:
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. Juli 1846: "Stuttgart, 20.
Juni (1846). Für die bevorstehenden Ergänzungswahlen zu unseren städtischen
Kollegien wird diesmal von Seiten unserer Liberalen, welche seit längerer
Zeit die Wahlen in ihrem Sinne durchsetzen und namentlich gegen die
Lebenslänglichkeit der Stadträte in praxi mit Erfolg ankämpfen, Dr.
Jordan, ein Israelit, als Mitglied des Bürgerausschusses vorgeschlagen.
Es ist dies hier in Stuttgart der erste Fall, dass ein Israelit für ein
städtisches Kollegium in Vorschlag kommt und dieser Fortschritt umso
erfreulicher, als bis jetzt selbst ein großer Teil unserer Liberalen
einer völligen Emanzipation der Israeliten noch entschieden entgegen war.
Auch in unserem benachbarten Esslingen
ist ein Israelit, Bijouteriefabrikant J. Levi, auf der Kandidatenliste für
den Bürgerausschuss." |
| |
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. August 1846: "In Orten der
übrigen Kreise des Königreichs haben die Israeliten erst in der jüngsten
Zeit gesucht, von diesem Rechte Gebrauch zu machen und wenn in Esslingen,
wie es heißt, ein Israelit mit großer Stimmenmehrheit in den Bürgerausschuss
berufen ward, und in Stuttgart Herr Rechtskonsulent Jordan, Mitglieder der
königlichen israelitischen Oberkirchenbehörde, ebenfalls in Vorschlag zu
dieser Stelle gebracht wurde und zweifelsohne auch gewählt wird, so hat
doch der Stadtrat in Buchau geglaubt, er müsse gegen dieses Recht der
Israeliten opponieren, und hat diese Sache bis zum Geheimen Rat, der höchsten
Landesstelle, verfolgt, jedoch ohne Erfolg, da sich diese hohe Stelle, wie
alle Mittelstellen, zu Gunsten der Israeliten aussprach. So wird in vielen
Gemeinden das Recht der Israeliten gern anerkannt und der Würdige sogar
aufgesucht, während wieder andere jeden Schritt vorwärts mit aller
Gewalt zu hemmen sich bestreben." |
| |
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitschrift des Judentums" vom 10. August 1846: "Aus Württemberg,
15. Juli (1846). Unsern jüngsten bericht ergänzen wir nun dahin, dass
Dr. Jordan in Stuttgart in der Tat zum Mitglied des Bürgerausschusses gewählt
worden ist. Unter 1774 Stimmenden waren 1519 für ihn. Selbst bei der Wahl
eines Obmanns dieses Kollegiums waren Stimmen auf ihn gefallen.
J. Levi in Esslingen dagegen hat nicht reüssiert. Der Beobachter
berichtet hierüber: ‚An dem freilich nur einziger Wahltage stimmten
ungefähr ein Drittel der Bürger
von der Stadt ab, was namentlich die betrübende Folge hatte, dass mit dem
Vorschlag der Wahl eines Israelit nicht durchgedrungen wurde, indem von
der Stadt zwar gegen 100, von den weit zahlreicher abstimmenden Filialen
(gemeint: die zur Stadt gehörenden Orte) aber nur ein paar Stimmen auf
ihn fielen." |
Ein christlicher Einwohner
kann eine jüdische Frau (noch) nicht heiraten (1850)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. September
1850: "Esslingen, 14. September (1850). Kürzlich kam hier,
zum ersten Mal in Württemberg, der Fall vor, dass ein hiesiger
christlicher Einwohner eine Jüdin ehelichen wollte, ohne dass die
Letztere zur christlichen Religion übertreten sollte. Die Regierung hat
aber die Genehmigung versagt, weil in diesem Punkte die Grundrechte noch
nicht eingeführt seien." |
Rechtskonsulent Heiden zum Obmann des Bürgerausschusses
gewählt (1865)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Januar 1865: "In Esslingen haben
sich die Wähler der Stadt ein Zeugnis der Toleranz ausgestellt, indem sie
einen Israeliten sogar zum Obmann des Bürgerausschusses wählten. Diesem
bürgerlichen Kollegium sind gegenüber dem Stadt- und Stiftungsrat
gesetzlich sehr bedeutende Rechte eingeräumt." |
| |
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. März 1865: "Esslingen, 16. Februar
(1865). Hier ist schon seit vorigem Jahr ein Jude Mitglied des Bürgerausschusses,
Herr Rechtskonsulent Heiden. Kürzlich ist derselbe zum Obmann gewählt
worden. Heute sollte die erste Stiftungsratssitzung seit den neuen Wahlen
stattfinden. Bekanntlich laden Dekan und Stadtschultheiß gemeinschaftlich
zu solchen Sitzungen ein, und der Bürgerausschuss wird hierzu durch
seinen Obmann berufen. Gestern Abend aber ließ Herr Dekan Knapp, Bruder
des verstorbenen Ministers, demjenigen Bürgerausschussmitglied, welches
nach Herrn Heiden die meisten Stimmen erhalten hatte, folgendes Zirkular
mit dem Ersuchen zustellen, dasselbe in Lauf zu setzen: ‚Die
verehrlichen Mitglieder des Bürgerausschusses werden hiermit
benachrichtigt, dass morgen (Donnerstag)
eine Stiftungsratssitzung stattfindet, und sie zu pünktlichem Erscheinen
bis 9 Uhr eingeladen werden, da vor der Sitzung ein Stellvertreter des
Obmanns Heiden bestimmt werden muss.’ Pünktlich erschienen denn auch
heute früh die Bürgerausschussmitglieder, aber, wie sich von selbst
versteht, mit ihrem Obmann an der Spitze. Dieser protestierte unter
Berufung auf das Verwaltungs-Edikt, das ihn nur in eigentlich
konfessionellen Fragen von der Beteiligung an Stiftungsratsverhandlungen
ausschließt und kündigte eine Beschwerde an die Regierung gegen seine
beabsichtigte Absetzung an. Der Herr Stadtschultheiß hatte, soviel zu
vernehmen, von dem Vorgang nichts gewusst. Der Bürgerausschuss verließ,
als nicht korrekt eingeladen, den Saal, und ein Viertelstündchen darauf
sah man auch die übrigen geistlichen und weltlichen Mitglieder des
Kollegiums wieder vom Rathaus heimwärts wandern. Man sagt gewöhnlich:
Wenn die Herren vom Rathaus kommen, sind sie am klügsten. Dieses
Sprichwort wird wohl auch heute eingetroffen sein." |
Gedicht
über die Begegnung zwischen einem jüdischen Fabrikbediensteten und einem
nichtjüdischen Justizassessor in Esslingen (1867)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Juni 1867: "Eine
Antwort. Esslingen am Neckar ist der Sitz des Königlichen Gerichtshofs
für den Neckarkreis; sonst ein bürokratischer Ort, ist er jetzt ein
Fabrikplatz geworden und diese Metamorphose gibt sich auch im geselligen
Leben kund; die Beamten und Richter sind nicht mehr die tonangebenden
Matadoren in der Stadt, die im schwäbischen 'Herrenstübchen' den Vorsitz
führen, sondern der Industrielle, der Arbeiter hat auch im geselligen
Leben sich den ihm gebührenden Rang errungen, wozu Fleiß, Tätigkeit und
Bildung, Einkommen und Vermögen ihn berechtigen. Das kann manche
Schreiberseele nicht verwinden und besonders, wenn der bevorzugte
Industrielle noch Jude ist, so kann das ein altwürttembergischer
Mandarine nicht goutieren. Im Speisesaal zur Krone saß an derselben Table
d'hôte, an der ein Königlich württembergischer Justizassessor sich
spreizte, ein Jude, ein Bediensteter der bekannten Firma: Bijouteriefabrik
von Jakob Levi's Söhne. Der vom Haus Levi stand auf und wagte mit
bedecktem Haupte im weiten Saale zu promenieren, da rief mit
kriminalrichterlicher Befehlshaberstimme ein Justizassessor: 'Hut ab, das
ist man in keiner Judenschul!' Welche Worte beide Herren noch gewechselt,
ist nicht vom Griffel der Geschichte verzeichnet worden; aber andern Tags
stand folgendes Gedicht in dem Feuilleton der Esslinger
Zeitung:
Hut ab!
Wer will gute Sitten lehren,
Darf ihr selber nicht entbehren;
Doch es zeugt von schlechtem Tone,
Wenn man in der hies'gen Krone,
Fremde Leute insultiert,
Deren Äuß'res uns geniert,
Und es zeugt ein wenig Geist, |
Wenn
man Jemand 'Juden' heißt,
Weil er seinen Hut nicht zog,
Als er um die Ecke bog.
Wahrlich drob bin ich verwundert,
Daß im jetzigen Jahrhundert
Noch ein vollgerechter Mann
Solchen Blödsinn reden kann.
Straßenjungen, laß ich gelten, Hört man öfter 'Jude' schelten;
Doch solch' ungezog'nen Rangen
Schlägt man eine auf die Wangen,
Denn der Jude, das ist recht,
Ist so gut just und so schlecht,
Als die andern Menschen alle;
Schlechter nicht, in keinem Falle!
Und Du großer Pädagoge
Weißt, dass in der Synagoge
Jeder Jude sich bedeckt;
Doch nicht Du hast das entdeckt;
Und es ist fürwahr nichts Neu's,
Daß ein Bucher*) dieses weiß,
Neu ist aber, ich muß sagen,
Daß man noch in unsern Tagen
Immerdar der Meinung ist:
Groß sein dürfe nur - der Christ.
Die Verfasserin dieses improvisierten Gedichts ist die Frau Elise Levi geb.
Hänle aus Esslingen, Nichte der bekannten Dichterin 'Henriette
Ottenheimer'; und sie wird uns die Indiskretion entschuldigen, dass
wir ihre Anonymität in dieser gelesenen Zeitschrift nicht respektiert
haben, und hoffen wir dadurch den Dank des lesenden Publikums zu
ernten. Laupheim. Alexander Elsäßer." |
Zum Tod von
Elise Henle (1892)
Anmerkung: Elise Henle ist als Tochter des Benedict Henle und der
Therese geb. Ottenheimer am 10. August 1832 in München geboren. Ihr Vater hatte
sich als Verfasser von geographischen und uhrentechnischen Sachbüchern sowie
als Erfinder der "Polytopischen Uhr" einen Namen gemacht. Elises 25
Jahre ältere Schwester Henriette Ottenheimer (1807-1883) war eine bekannte
Dichterin, die, seit ihrem sechsten Lebensjahr gelähmt, mit Ludwig Uhland und
Friedrich Rückert in Verbindung stand. Am 3. Juli 1853 heiratete Elise den
Esslinger Leopold Levi, der am 21. Dezember 1826 in Esslingen geboren ist als
Sohn von Jacob Levi und der Brünette geb. Levi. Leopold Levi war wie sein Vater
als Bijouteriewarenfabrikant (Schmuckwarenfabrikant) tätig. Die
Bijouteriefabrik bestand bis 1881. In diesem Jahr verzog Leopold Levi mit seiner
Familie (Tochter Mathilde, geb. 1854 in Esslingen) nach München. Elise war
bereits in der Esslinger Zeit eine bekannte Theaterautorin, sodass das Haus der
Levis in Esslingen "zum Rendezvous-Platz der vornehmsten Gesellschaft"
geworden war. Sie schrieb unter ihrem Mädchen- und Künstlernamen "Elise
Henle" zahlreiche Stücke, die an verschiedenen Theatern in Süddeutschland
aufgeführt wurden. 1881 erzielte Elise Henle mit ihrem Lustspiel "Der
Erbonkel" im Münchner Hoftheater einen bedeutenden Erfolg. Bekannt waren
auch zwei Kochbüchlein: ein Kochbuch in oberbayrischer Mundart ("Guat is's"
(1884) und eines "So mag i's" in schwäbischer Mundart. Elise Henle verstarb
im Haus ihrer Tochter in Frankfurt am Main am 18. August
1892.
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 26. August 1892: "Frankfurt am Main, 20. August
(1892). Am 18. dieses Monats starb hier sechzig Jahre alt die
Schriftstellerin Elise Henle, welche durch ihr in Wien
preisgekröntes Lustspiel 'Durch die Intendanz' zuerst in weiten Kreisen
bekannt geworden ist. Vor dem Stücke 'Durch die Intendanz', das 1878
herauskam, hatte Elise Henle schon zwei Lustspiele, 'Ein Duell' und 'Aus
Goethes lustigen Tagen', erscheinen lassen. Später schrieb sie noch ein
Lustspiel 'Die Wiener in Stuttgart' und das Schauspiel 'Entehrt'.
Letzteres hat neben dem Preislustspiele 'Durch die Intendanz' von den
Werken der Henle den größten Erfolg gehabt. Elise Henle wurde 1832 in
München geboren, wo ihr Vater als Sensal (er war auf dem Gebiete des
Finanzwesens auch literarisch tätig) lebte. Durch Heirat kam Elise Henle
1853 nach Esslingen in Württemberg, sie kehrte aber 1881 wieder in ihre
Heimatstadt München zurück. Nach Frankfurt, wo sie starb, war Elise
Henle zum Besuche einer dort lebenden Schwester gekommen. Elise Henle war
eine gesinnungstreue und für das Judentum warm empfindende
Frau." |
| |
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 2. September
1892: "Elise Henle. Ein Erinnerungsblatt von Dr. B. Kuttner in
Frankfurt am Main.
Am 18. August dieses Jahres starb, mitten in ihren Vorbereitungen zur
Reise in die Sommerfrische, Elise Henle; 62 Jahre alt, in Frankfurt am
Main. Tochter, Schwiegersohn und Enkelkinder, die sie daselbst erwarteten,
sollten sie nicht mehr sehen.
Schmerzlich berührte auch uns die Kunde von dem Hinscheiden dieser
liebenswürdigen Frau, und das bescheidene Blättchen, das ich hiermit auf
ihrem frischen Grabe niederlegen möchte, soll nicht der Dichterin gelten
- als solche mag sie von Berufeneren gewürdigt werden - sondern dem
Menschen in ihr. Das Schicksal, von dem sie nie verwöhnt worden war, hat
sich auch darin unliebenswürdig gegen sie gezeigt, dass es sie zu einer
Zeit ins Grab sinken ließ, wo sie infolge ungewöhnlicher Sommerhitze und
der Abwesenheit vieler, selbst naher Verwandter in entlegenen Bädern nur
ein ziemlich bescheidenes Gefolge finden konnte. Und dennoch: könnte sie
selbst sich darüber äußern, sie würde mit einem liebenswürdigen
Scherze dieses Leichenbegängnis ganz ihr entsprechend finden. In allen
Stille und Bescheidenheit - ja, das war allerdings da, was ihr am angenehmsten
war; nach der Welt hat sie sich nicht gesehnt; in der Stille, fern von
allem zerstreuenden Getümmel, fühlte sie sich allzeit am wohlsten. Wohl
ist sie auch 'unter die Leute' gegangen, aber sie hat kein Hehl daraus
gemacht, dass diese heutzutage vielfach einen Umfand und eine Form
annehmen, dass sie nur denen genügen können, die sich innerlich
langweilen, es aber äußerlich nicht merken lassen wollen. Der reiche
Strom ihres inneren Lebens machte sie durchaus unabhängig nach außen -
und hieraus entwickelte sich jener liebenswürdige Humor, der es vergessen
ließ, dass man eine im Greisenalter stehende, eine von rauer Schicksalshand
unsanft hin- und hergeschüttelte Frau vor sich hatte. Wer es vollends
verstand, von der Oberfläche ablenkend in die Tiefe zu tauchen, der fand
eine so kernige, ursprüngliche und gereifte Lebensanschauung, dass er nur
mit dem Wunsche aufhörte, recht bald wieder darauf
zurückzukommen.
Geschichte und Literatur liefern Beweise dafür, dass der Humor gern bei
echter Religiosität wohnt. Es muss wohl so sein. Der echte,
herzerfrischende Humor setzt Frieden voraus, Frieden mit sich und Frieden
mit anderen. Elise Henle war eine tief religiöse Natur, nciht kleinlich,
nicht an äußeren Gebräuchen haftend, aber eine gottgläubige, von dem
Bewusstsein der Gotteskindschaft durchleuchtete Frau. Nur so konnte es
ihr, nach ihrem eigenen Geständnis, gelingen, die Widerwärtigkeiten des
Lebens, die sie bis an ihr Ende nicht verschont haben, siegreich und ohne
Verbitterung zu bestehen. Ich bin in der glücklichen Lage, sie selbst
hierüber sprechen lassen zu können. In einem Briefe vom September 1888
sagt sie wörtlich: 'Mir ist die Irreligiosität, der Frauen insbesondere,
ein Gräuel. Ich halte mich für so gescheit, als viele dieser sogenannten
Aufgeklärten; aber mir ist das Gebet wie der Glaube an Gott ein
Herzensbedürfnis, wie es mir eine Stütze war und ist in allen
Wechselfällen des Lebens, und ich sehe auch nicht, dass diejenigen,
welche Gott leugnen, glücklicher sind. Im Gegenteil, sie sind
meistens |
unzufrieden,
und es geht ihnen auch nicht besser.' Diese goldenen Worte stimmen ganz
überein mit dem, was sie in ihrem humordurchwehten Kochbuch in
oberbayerischer Mundart 'Guot is's' in dem Ehestandsrezept sagt. In diesem
Rezept geißelt sie auch ganz ergötzlich das Treiben jener heute so
zahlreichen Frauen, die bei aller Bildung doch so oberflächlich, bei
allen Vergnügungen doch so unzufrieden sind. Auch die moderne Richtung in
der Literatur bekommt gelegentlich einen Hieb ab, wie denn Elise Henle dem
Naturalismus überhaupt nicht gewogen war, obgleich sie ihn gelegentlich
bewunderte. 'Vielleicht', sagte sie, als ich sie zum letzten Mal sprach,
'würde ich etwas dagegen schreiben, wenn ich nicht - zu alt wäre.' Doch
ich wollte ja nicht von der Schriftstellerin sprechen, sondern nur den
Menschen in ihr schildern, nur ein Bild von ihr entwerfen, wie es sich in
mir auf Grund unseres Verkehrs gestaltete; und ich glaube mich in
Übereinstimmung mit allen denen, die Elise Henle gekannt haben, wenn ich
sage: als eine liebenswürdige, humorvolle Frau, deren ganzes Wesen
Zufriedenheit und Bescheidenheit atmete, wird sie uns als Vorbild in der
Erinnerung fortleben." |
Goldene
Hochzeit des Ehepaares S. Lauchheimer (1904)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Februar 1904: "In
Esslingen feierte diese Woche das S. Lauchheimer'sche Ehepaar das Fest der
goldenen Hochzeit im Kreise von sieben Kindern, elf Enkeln und zwei
Urenkeln. Lauchheimer ist 78, seine Frau 72 Jahre alt; beide sind noch
rüstig." |
Bei der Vorsteherwahl wurden Moritz Feigenbaum, Leopold Moses und Theodor
Rothschild gewählt (1924)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 15. Juli 1924: |
Brand in der Gelatinenfabrik von Moses
(1927)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. November 1927: |
40-jähriges Bestehen der Württembergischen Handschuhfabrik Moritz Feigenbaum
(1929)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Oktober 1929: |
70. Geburtstag von Moritz Feigenbaum (1931)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. August 1931: |
| |
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. September
1931: |
40-jähriges Geschäftsjubiläum des "Salamander"-Schuhhauses von Dina
Wolff (1932)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Januar 1932: |
Zum Tod von Leopold Löwenthal
(1932)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. März 1932: |
60. Geburtstag von Prof. Dr. Julius Schmidt, Professor an der Höheren
Maschinenbauschule in Esslingen (1932)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Juli 1932: |
Zum Tod von Professor Dr. Julius Schmidt, Professor an der Höheren
Maschinenbauschule in Esslingen
(1933)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. April 1933: |
75-jähriges Bestehen der Handschuhfabrik Daniel Jeitteles
(1934)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Juli 1934: "Esslingen. Am 7. Juli
konnte die Firma Daniel Jeitteles in Esslingen ihr 73-jähriges
Geschäftsjubiläum und zugleich ihr jetziger Seniorchef Wilhelm Jeitteles
sein 50-jähriges Arbeitsjubiläum begehen. Das Unternehmen - eine
Lederhandschuhfabrik - wurde im Jahre 1859 von dem Vater bzw. Großvater der
jetzigen Inhaber Daniel Jeitteles ins Leben gerufen. Im Jahre 1900 starb der
Gründer, nachdem sein Sohn Wilhelm Jeitteles. der nun Alleininhaber der
Firma wurde, schon vorher ins Geschäft eingetreten war. Jetzt sind auch
dessen beide Söhne, Walter und Herbert Jeitteles seit 1925 bzw. 1928 in der
Firma mit tätig.
Das Unternehmen entwickelte sich aus kleinsten Anfängen zum Großbetrieb. Um
einem Hauptfaktor der Fabrikation von Lederhandschuhen, gerecht werden zu
können, hat das Unternehmen auch eine eigene Gerberei und Lederfärberei
errichtet. Die Zahlen der Belegschaft wuchsen ständig. Die erfolgreiche
Beschickung von Ausstellungen machten mit der Firma auch die Stadt Esslingen
als Handschuhindustrieort in aller Welt bekannt: und es gehört zu dem
Verdienst Daniel Jeitteles', dass nicht nur Esslingen selbst, sondern die
ganze württembergische Handschuhindustrie hieraus Nutzen zog.
Möge der Firma Daniel Jeitteles auch in den Folgejahren unter der bewährten
Leitung ihrer jetzigen Inhaber erfolgreiche Betätigung beschieden sein."" |
Zum Tod von Leopold Moses (1934)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Januar 1935: "Esslingen. Am 7.
Dezember vorigen Jahres (= 1934) - mitten im Lichterfest — starb
Leopold Moses, der Mann, der so gerne ins Helle gesehen, der das Licht
so sehr geschätzt. Nach kurzem Kranksein wurde er im 66. Lebensjahre mitten
aus seiner Arbeit und einem innigst verbundenen Familienkreise
herausgerissen. Beiden gehörten die reichen Gaben seines Geistes und seines
Herzens. Darüber hinaus galt seine Hingabe aber auch allen Dingen des
Wissens. Als Vorsitzender der C.-V.-Ortsgruppe hat er wacker für das
Judentum gekämpft. Zehn Jahre lang gehörte er dem Vorsteheramt an und ist in
Synagoge und Gemeindestube Vorbild gewesen. Kaum einmal hat er den
Gottesdienst versäumt — und auch um den Sinn desselben hat er gewusst. Moses
war auch stellvertretender Abgeordneter der Israelitischen
Landesversammlung. — An seinem Grabe kam noch einmal all das zum Ausdruck.
was unsere Gemeinde in Leopold Moses verloren hat Für den C.-V. ("Central-Verein
deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens") sprach Dr. Feldmann
(Stuttgart), für die Stuttgart-Loge Alfred Ullmann (Stuttgart). Eine große
Trauerversammlung umstand den Sarg des wackeren Mannes, dessen stets in
Dankbarkeit und Liebe gedacht werden wird." |
An Stelle des verstorbenen Leopold Moses wird Berthold Oppenheimer in den
Gemeindevorstand gewählt (1935)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Februar 1935: "Esslingen. Bei
der Vorsteher-Ersatzwahl vom 3. Februar wurde für den verstorbenen Vorsteher
Leopold Moses Berthold Oppenheimer einstimmig gewählt.
Die Wahlbeteiligung betrug ca. 50 %." |
Der langjährige Gemeindevorsteher Moritz Feigenbaum zieht nach Stuttgart
(1937)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. April 1937: "Esslingen. Am Sabbat,
dem 13. März, fand in der hiesigen Synagoge eine schlichte Feier statt. Es
galt, sich von dem Vorsteher Moritz Feigenbaum, der nach Stuttgart
übersiedelte, zu verabschieden. 26 Jahre lang war er Vorsteher der Gemeinde
und hat an allen Freuden und Leiden der Gemeindemitglieder lebhaften Anteil
genommen. Direktor Rothschild machte ihm beim Aufrufen einen Mischeberach,
der seine Verdienste um die Gemeinde würdigte. Er tat dies auch noch in
einer besonderen Ansprache. Am Sonntag Vormittag fand noch eine Sitzung des
Vorsteheramtes statt, in der dem Scheidenden noch einmal der Dank für all
sein Wirken in der Gemeinde ausgesprochen wurde. Die besten Wünsche aller
Gemeindemitglieder begleiten den Scheidenden und seine Gemahlin." |
Zur Ausbildung
jüdischer Lehrer am Lehrerseminar Esslingen
Bericht von 1839 mit
kritischer Rückfrage zu den Ausbildungsinhalten (1841)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 7. Dezember 1839:
"Esslingen, (im Königreich Württemberg), 18. November (1839). Schon
seit fast 5 Jahren ist von dem königlichen Ministerium die Einrichtung
getroffen worden, dass den israelitischen Zöglingen des hiesigen
königlichen Haupt-Schullehrer-Seminars durch den Lehrer der
israelitischen Musterschule dahier in wöchentlichen 7 Stunden ein
öffentlicher Unterricht in der hebräischen Sprache, in der Religion, in
der Verfertigung von religiösen schriftlichen Aufsätzen (resp.
Vorträgen) auf Staatskosten unter Aufsicht des Königlichen evangelischen
Konsistoriums und der Königlichen Israelitischen Oberkirchenbehörde
erteilt werde. Es ist zu erwarten, dass das hiesige Seminar, das zwar erst
vor Kurzem durch den Tod seines in der pädagogischen Welt wohl bekannten
Vorstandes einen bedeutenden Verlust erlitten hat, unter der Leitung
seines jetzigen Vorstandes, Herrn Rieke, eines äußerst tätigen, höchst
toleranten Mannes und gewandten Pädagogen, seine bisherige Berühmtheit
behaupten werde. Darum bietet sich jungen Israeliten auch des Auslandes
vielleicht nirgends eine günstigere Gelegenheit, sich zum Lehrfache zu
bilden, dar, wie hier, wo außer den allgemeinen auch noch die besonderen
Kenntnisse des israelitischen Lehrers zu erlangen sind. Auch können
Eltern und Pfleger ihre Kinder und Pfleglinge keiner anderen ähnlichen
Anstalt mit mehr Ruhe anvertrauen als dieser, wo ein Religionsverwandter
den Zöglingen als Führer, Ratgeber und Beschützer stets nahe ist. –
Was die Aufnahme in die Anstalt betrifft, so wird erfordert, dass die
jungen Leute das 15. Lebensjahr zurückgelegt, angemessene Vorkenntnisse
in der biblischen Geschichte, im Rechnen, in der deutschen Sprache, in
Verfertigung leichter Aufsätze, in Musik (Klavierspielen – besonders
der Tonleiter – und Singen) etc. haben. Der Unterricht wird
unentgeltlich erteilt. Die Lehrzeit ist gewöhnlich 3 Jahre, doch werden
auch Auskultanten auf 1 und 2 Jahre aufgenommen. Die Aufnahmegesuche
werden jedes Jahr etwa im Januar oder Februar an das Königliche
evangelische Konsistorium eingereicht und die nötigen Zeugnisse
beigeschlossen. Das Aufnahmeexamen findet darauf ungefähr im März, der
Eintritt Anfang Juni statt.
Die Stadt Esslingen liegt 2-3 Stunden von Stuttgart entfernt, in einer
äußerst schönen, fruchtbaren, gesunden Gegend des Neckartals. Die
Unterhaltskosten dahier sind billig. Übrigens erhalten die armen
(inländischen) israelitischen Zöglinge gleich den christlichen
Stipendien." |
| |
| Im Blick auf die Unterrichtsinhalte
am Esslinger Seminar erschien im Juni 1841 innerhalb eines längeren Artikels
eine kritische Rückfrage: |
Aus einem Artikel in "Israelitische Annalen" vom 18. Juni 1841: "Nach einer
Mitteilung in Nr. 101 der Allgemeinen Zeitung des Judentums von Jahr 1839
wird auch in dem Seminar zu Esslingen unter der Mitaufsicht der
Königlich württembergischen israelitischen Oberkirchenbehörde nicht im
Talmud, sondern nur 'in der hebräischen Sprache, in der Religion und in der
Verfertigung von religiösen schriftlichen Aufsätzen (resp. Vorträgen)'
unterrichtet, und hinsichtlich der Aufnahme find dort nur 'angemessene
Vorkenntnisse in der biblischen Geschichte" als erforderlich bezeichnet. In
dem jüngst errichteten jüdischen Schullehrer-Seminar in Berlin wird
zwar im Talmud Unterricht erteilt; aber die oben geschilderten, wohl auch
dort obwaltenden Verhältnisse und der Umstand, dass zur Aufnahme ein Alter
von 15 Jahren genügt, berechtigen zu der Vermutung, dass dieser Unterricht
wenige oder doch nur sehr unreife Früchte bringen werde. — Übrigens müsste
Herr K. wenn er konsequent sein wollte, fordern, dass der Thalmud wieder in
allen israelitischen Schulen als Unterrichtsgegenstand eingeführt werde,
denn 'die jüdische Religion heischt als Pflicht das Studium religiöser und
theologischer Schriften.' — Soll jedoch der Lehrer deshalb Talmudist sein,
weil unter 1000 Schülern sich möglicherweise auch einmal einer finden
könnte, der Rabbiner werden soll, so müsste er analog auch Linguist und,
weiß der Himmel, was Alles sein!'" |
Werbung
für die Ausbildung am Lehrerseminar durch Lehrer Liebmann (1849)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 30.Juli 1849: "Esslingen. (Für israelitische
Schulinzipienten.) In Beziehung auf die vom 24. Mai dieses Jahres datierte,
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom Juni enthaltene Anfrage
erlaube ich mir, israelitische Schulinzipienten hiemit folgende Mitteilung
zu machen: In dem königlichen württembergischen Schul-Lehrerseminar dahier,
wo auch Ausländer stets bereitwilligst Aufnahme fanden, wird schon seit 14
Jahren den israelitischen Zöglingen auf Staatskosten in sieben wöchentlichen
Stunden unter der Mitaufsicht der königlich israelitischen
Oberkirchenbehörde ein öffentlicher Unterricht in der mosaischen Religion,
der hebräischen Sprache und der Homiletik gegeben. Der Unterricht und die
Wohnung sind unentgeltlich. Die Aufnahme geschieht nach erstandener Prüfung
durch das königliche evangelische Konsistorium, an welches auch die
Aufnahmsgesuche mit Zeugnissen über Heimat, Vermögen, Präparanz, Alter etc.
einzusenden sind. Zugleich bemerke ich, dass die israelitischen Zöglinge die
praktischen Übungen in der hiesigen vereinigten israelitischen Orts- und
Waisenschule machen. Der Kursus ist ein zweijähriger, und beginnt je im Mai.
Liebmann, israelitischer Lehrer am Waisenhause und am königlichen
Schullehrer-Seminar." |
Keine jüdischen Studenten mehr im Lehrerseminar
(1852)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 9. August 1852: "Bayern, Ende
Juli (1852). Was ich von dem Mangel an israelitischen Schulamtskandidaten
bei uns mitteilte, das kann ich nunmehr als Reiseerfahrung auch aus Württemberg,
auf die Gefahr hin, Ihrem wackeren Korrespondenten aus jenem Lande ins
Handwerk zu pfuschen berichten. In dem dortigen Landesseminar zu Esslingen
befindet sich seit drei Jahren kein israelitischer Seminarist mehr,
weshalb die Oberkirchenbehörde die Aufforderung ergehen ließ, dass sich
geeignete Jünglinge dem Schulfache wieder widmen mögen. Im Notfalle will
man Ausländer berufen. Auch Rabbinatskandidaten sind dort nicht mehr
vorhanden, während bei uns Überfluss an diesem Artikel ist. Eine
Rabbinatsstelle ernährt bei uns immer ihren Mann anständig, und einmal
zu ihr gelangt, ist man völlig Herr seiner Zeit, genießt eine achtbare
Stellung und kann verdienstlich wirken, was bei Lehrern nur in letzterer
Beziehung der Fall ist. Während aber das israelitische württembergische
Kirchen- und Schulwesen vor dem unsern schon das voraushat, dass dessen
Diener nicht durch Wahlen auf breitester Grundlage, sondern durch
Ernennung platziert werden…". |
Spenden eines christlichen Bürgers an die
jüdische Gemeinde sowie Bericht zum Lehrerseminar (1860)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. März 1860: "Esslingen im Königreich
Württemberg, im Februar (1860). Auch in unserer alten, ehemaligen
Reichsstadt kommen, wenngleich nur vereinzelt, Beispiele von Toleranz vor.
So hat einer unserer christlichen Mitbürger, Herr Metalldreher Jacob
Schweizer, der israelitischen Gemeinde zum Gebrauche bei dem
Gottesdienste, zwei sehr hübsche Gefäße, eine Kanne und einen Becher,
zum Geschenke gemacht, und wurden solche ebenso freundlich aufgenommen als
gegeben. – Denen die sich für die Schulsache interessieren, dürfte die
Mitteilung nicht unwichtig sein, dass am hiesigen königlichen
Schullehrer-Seminar seit 25 Jahren auf Staatskosten den israelitischen
Seminaristen ein öffentlicher Unterricht in der mosaischen Religion und
dem Hebräischen erteilt wird, Dieser Unterricht wurde in den letzten zwei
Jahren bedeutend erweitert, indem auch der liturgische Gesang und das
Lesen rabbinischer Schriften betrieben werden. Es werden im Ganzen 10
Stunden wöchentlich darauf verwendet. Auch die in der hiesigen Präparandenschule
sich befindenden Israeliten erhalten, gleichfalls auf Staatskosten, einen
vorbereitenden hebräischen Unterricht. Da ferner der Staat an sämtliche
israelitische Schulamtszöglinge sehr bedeutende Stipendien gibt, auch das
israelitische Waisenhaus dahier denselben gegen sehr billiges Kostgeld
eine genügende Kost reicht, so ist damit einem längst gefühlten Bedürfnis
abgeholfen, und es dürfte in Bälde an israelitischen Lehrern in Württemberg
kein Mangel mehr sein. Auch Ausländern steht der unentgeltliche Eintritt
in die Staats-Schulbildungs-Anstalten offen, nur erhalten sie keine
Staats-Unterstützung." |
Bericht
von 1863 - zehn jüdische Schulamtskandidaten im Lehrerseminar
Artikel
in "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. Januar 1863:
"Im Schullehrer-Seminare zu Esslingen befinden sich zehn
israelitische Schulamtskandidaten und noch weitere sechs in der
Präparandenanstalt." |
Lehrer- und Präparandenprüfung am Lehrerseminar
(1904)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Mai
1904: "Stuttgart, 27. April (1904). Das in Esslingen
bestehende Königliche Schullehrer-Seminar hielt gelegentlich des Schlusses
des Winter-Semesters eine Lehrer- und Präparandenprüfung ab, zu welcher
auch israelitische Kandidaten zugegen waren. Die jungen Lehramtskandidaten
bestanden nicht nur gut in den profanen Wissenschaften, sondern auch
vorzüglich in der Prüfung für jüdische Religion und Ausbildung zum
Vorsängerfach, in Anwesenheit der israelitischen Prüfungskommission; die
jungen Leute zeigten gediegene Kenntnisse in den verschiedensten Fächern
der jüdischen Wissenschaft. Die Prüflinge machten dadurch ihrem Lehrer,
dem Herrn Rabbiner Dr. M. Kahn, alle Ehre, sodass Herr Dr. Kahn mit Stolz
auf den Erfolg seiner Lehrtätigkeit am Königlichen Lehrerseminar blicken
kann." |
Bericht über die Israelitische Lehrerversammlung in Stuttgart im Juli 1927
(1927)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. August 1927: "Bericht über die
Israelitische Lehrerversammlung in Stuttgart am 25. Juli 1927.
Am 25. Juli dieses Jahres tagte in den Räumen der israelitischen Gemeinde
Stuttgart die Mitgliederversammlung des Vereins Israelitischer Lehrer in
Württemberg. Der größte Teil der Mitglieder war anwesend.
Der Vorsitzende des Vereins, Oberlehrer Rothschild - Esslingen, begrüßte den
Vertreter des Israelitischen Oberrats, Flegenheimer -
Heilbronn, den Vertreter des
Israelitischen Vorsteheramtes Stuttgart, Felix Wolf, den Vertreter
der UOBB-Loge Stuttgart, Sanitätsrat Dr. Ries.
Er betont, dass die jüdischen Lehrer bereit sind, zu der Hebung des
jüdischen Lebens in den Gemeinden beizutragen und weist darauf hin, dass der
Ausschuss seit dem letzten Berichtsjahr sich besonders mit der Frage der
Stolgebühren und der Vorrückung der Lehrer nach Gruppe IX zu beschäftigen
hatte. Die Ausbildung der Religionslehrer sollte auch in Württemberg an der |
Hochschule
erfolgen, wenn auch bis jetzt die Württembergische Regierung diesen
Forderungen der Reichsverfassung noch nicht nachgegeben hat. Desgleichen
hält er eine Regelung der jüdischen Lehrerausbildung in Württemberg im
jetzigen Zeitpunkt von Esslingen nach Heilbronn nicht gerade für ratsam. Der
Verein erklärt sich jedoch grundsätzlich hierzu bereit, jedoch nimmt er
einmütig Stellung gegen ein 'Jüdisches Jahr in
Höchberg'. Die Ausbildung
dort würde einseitig orthodox eingestellt sein.
Die Wanderbibliothek, die der Oberrat geschaffen hat, wird dankbar begrüßt,
jedoch wird eine Änderung in der Handhabung der Versendung gewünscht. Der
Lehrerverein wird die dementsprechenden Vorschläge unterbreiten.
Die Prüfungen des Religionsunterrichts sollten nicht wie jetzt im Juli,
sondern im Frühjahr stattfinden, bevor die Schüler des obersten Jahrgangs
aus der Schule entlassen werden.
Der Oberrat hätte den Beamten die Bestätigung des Stolgebühren-Erlasses
ersparen sollen. Zu den Delegierten der Tagung des Reichsverbandes der
Lehrervereine, München, Dezember 1927, wird Religionslehrer Adelsheimer
- Stuttgart bestimmt.
Hierauf gedenkt der Vorsitzende in warmen Worten der beiden
Vereinsmitglieder, Religionslehrer Wißmann -
Künzelsau und Hauptlehrer a.D. Kahn
- Wiesbaden, früher
Edelfingen, welche im Vereinsjahr
gestorben sind.
In seinem Referat über das Besoldungsproblem und die Stolgebühren führt
Oberlehrer Spatz - Rexingen aus,
dass der Lehrerverein geschlossen für die Ablösung der Stolgebühren
ist, jedoch nicht für die Aufhebung ohne Entschädigung. Er betont,
dass die Einstufungen in die Besoldungsgruppen der Reichsbesoldungsordnung
keinen Ausgleich für die Stolgebühren, welche manchen Beamten laut Vertrag
zustanden, darstellen, sondern dass unbedingt in irgendeiner Weise den
Beamten ein Ersatz gewährt werden müsse. Die Abschaffung der Stolgebühren
nach dem neuen Stolgebührenerlass wäre ein Stückwerk. Die Lehrer würden die
gänzliche Abschaffung der Stolgebühren wünschen. Nachdem die
Landesversammlung das Recht hat, die Gehälter der Beamten zu ordnen und
festzusetzen, würde ein Ausgleich unbedingt vonnöten sein. Dieser könnte
durch die Gewährung einer Ritualzulage, welche in den Ortszuschlag
eingerechnet werden sollte, geschaffen werden. Der Oberrat übersehe, dass
den christlichen Kollegen außer ihrem Gehalt durch Organisten- und
Chordirigentendienste wesentliche Einnahmen zuständen. Er übersehe ferner,
dass es den jüdischen Lehrern nicht möglich sei, in besser bezahlte
Stellungen vorzurücken, da keine Rektor- und Mittelschullehrerstellen z.B.
vorhanden sind. Der Religionslehrer aber ist ein ausgesprochener Fachlehrer,
und es ist ein Unrecht, wenn er nach 40 Dienstjahren noch immer in der
Gruppe VIII ist. Die Religionslehrer müssen unbedingt verlangen, dass ihnen
nicht erst in einem Alter von 65 Jahren, das ein großer Prozentsatz der
Lehrer nicht mehr erreicht, die Gruppe IX gewährt wird. Es müssen
Verzahnungsstellen in Gruppe X geschaffen werden. Durch die gesicherte
materielle Stellung wird der Oberrat sich einen Lehrerstand schaffen, der
freudig seine Arbeit für das Judentum leistet.
In der Debatte kritisiert Religionslehrer Kahn -
Heilbronn sehr lebhaft die Stellung der
Beamtenvertreter bei der letzten Landesversammlung. Er glaubt ihr den
Vorwurf machen zu müssen, die Interessen der Beamtenschaft nicht mit dem
nötigen Nachdruck vertreten zu haben. Preßburger -
Creglingen bekennt sich nochmals zu
seiner Stellungnahme in der Landesversammlung und zu seinem im
Israelitischen Familienblatt Hamburg erschienenen Artikel über die Besoldung
der Beamten in Württemberg. Er bemerkt, dass es nicht immer angebracht sei,
zu kritisieren, sondern auch das anzuerkennen, was gut ist.
Der Lehrerverein beauftragt den Ausschuss, die notwendigen Eingaben betr.
die Gewährung von Ritualzulagen usw. beim Oberrat zu machen.
Religionslehrer Adelsheimer - Stuttgart stellt in seinem Referat
'Neuregelung der Dienstvorschriften für den Religionslehrer' die Punkte
zusammen, welche einer Neuordnung bedürften und zwar: 1. Dienstverpflichtung
des Lehrers. 2. Urlaub. 3. Verträge von vom Oberrat angestellten Beamten mit
Gemeinden. 4. Ist der Oberrat berechtigt, Beamten mit dem Dienst in anderen
Gemeinden zu beauftragen? 5. Verhältnis der Beamten zum Oberrat. 6.
Schulberichte und Aufsicht über den Religionsunterricht.
Der Ausschuss wird auch diese Fragen prüfen und dem Oberrat diese Fragen
unterbreiten. Als Vorlage sollte die Bayerische Verfassung dienen.
Bedauerlich war es, dass das Referat des Oberlehrers Rothschild -
Esslingen 'Der Hebräischunterricht und Neuerscheinungen auf diesem
Gebiete' an den Schluss der Tagung gestellt wurde und so nicht mehr die
nötige Aufmerksamkeit erhielt, welche es verdient hätte, da gerade dieses
Problem den Religionslehrer am meisten beschäftigen muss. Er betonte, dass
wir von der Methode, den Unterricht aus rein grammatikalischer Grundlage
aufzubauen, durch die neueren Erforschungen über die Sprache abgehen müssen
und mehr auf die Gewinnung eines Sprachschatzes hinwirken müssen.
Auf die Erstattung eines Kassenberichtes wurde verzichtet, da der Kassier
Religionslehrer Adler - Cannstatt,
durch Krankheit am Erscheinen verhindert war. Die Versammlung wünschte
demselben vollkommene Genesung.
Mit dem Dank an den Vereinsausschuss für die im letzten Jahre geleistete
Arbeit schloss die Versammlung, deren Teilnehmer bis zum Schlusse fast
vollzählig den Verhandlungen gefolgt waren."
|
Die jüdische Lehrerausbildung wird von Esslingen nach Heilbronn verlegt
(1928)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Februar 1928: "Israelitischer Oberrat.
Stuttgart, den 19. Januar 1928.
Der Israelitische Oberrat hat in seiner Sitzung vom 9. Januar 1928
beschlossen, dass mit Wirkung vom neuen Schuljahr an die Ausbildung
derjenigen Seminaristen, welche jüdische Religionslehrer werden wollen, im
Evangelischen Lehrerseminar zu Heilbronn erfolgen wird.
Diejenigen jüdischen Schüler, die sich um die Aufnahme in das Evangelische
Lehrerseminar bewerben und eine Studienbeihilfe aus der Israelitischen
Zentralkasse wünschen, haben sich jeweils vor ihrer Prüfung um die Ausnahme
in das Seminar einer Prüfung zur Feststellung ihrer Eignung für den Beruf
eines Religionslehrers zu unterziehen. Für diese Prüfung ist die beistehende
Prüfungs-Ordnung maßgebend. Falls die Bewerber die Vorprüfung nicht
bestehen, sollen sie sich die erforderlichen Kenntnisse durch einen
einjährigen Aufenthalt in der Israelitischen Präparandenschule in
Höchberg erwerben.
Es ist aber wie bisher den jüdischen Bewerbern freigestellt, sich ihre
gesamte Ausbildung zum Religionslehrer und Vorsänger in der
Israelitischen Präparandenschule
Höchberg und im Israelitischen
Lehrerseminar Würzburg zu erwerben.
Die Bewerberprüfung findet in diesem Jahre am 2. April 1928 in Stuttgart
statt. Diese Mitteilung ist in ortsüblicher Weise bekannt zugeben.
Nördlinger." |
Landesversammlung
der israelitischen Religionsgemeinden Württemberg mit Beschlüssen für das
Lehrerseminar Esslingen (1928)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Februar
1928: "Landesversammlung der Israelitischen Religionsgemeinden
Württembergs.
Stuttgart, 7. Februar. Die Landesversammlung der Israelitischen
Religionsgemeinschaft Württembergs für das Jahr 1927 hat am 5. und 6.
Februar getagt. Der Präsident des Oberrats, Regierungsrat Dr. Nördlinger,
erstattete zuerst den Bericht über die Tätigkeit des Israelitischen Oberrats
vom 1. April 1926 bis zum 31. Dezember 1927 und schilderte die Bemühungen,
das religiöse Leben im Lande auf dem Gebiete des Gottesdienstes, der
Seelsorge und des Religionsunterrichts zu fördern. Der neue Lehrplan für den
Religionsunterricht in den Volks- und Mittelschulen ist veröffentlicht. Der
Lehrplan für den Unterricht an den höheren Schulen liegt zurzeit dem
Kultusministerium zur endgültigen Genehmigung vor. Der Religionsunterricht
für die Zöglinge des Lehrerseminars Esslingen wurde wesentlich erweitert.
Besondere Vorbeterkurse zur Ausbildung von Laien in Gemeinden, die keinen
Vorbeter haben, wurden mit gutem Erfolg eingerichtet. Den Rabbinern wurde
aufgegeben, in den Gemeinden, die sie anlässlich der Turnusreisen besuchen,
einen Gemeindeabend mit geeigneten Vorträgen zu veranstalten, Im April 1926
und 1927 wurden Fortbildungskurse für Rabbiner und Lehrer veranstaltet. Die
Wanderbibliothek für die Lehrer und die Bibliothek des Oberrats wurden
wesentlich erweitert. Die Vorbereitungen für die Überführung der
Lehramtszöglinge an das staatliche Seminar in Heilbronn wurden getroffen, so
dass vom Frühjahr 1928 an ihre Ausbildung dort erfolgen wird. Mehrere
Synagogen wurden restauriert und einige Friedhöfe wieder instand gesetzt.
Das Steuerergebnis des Rechnungsjahres war wenig günstig. Doch wurden den
Beamten die gleichen Notstandsbeihilfe gewährt wie den Staatsbeamten. Ebenso
wurden die Vorauszahlungen auf die Gehaltserhöhung seit dem 1. Oktober 1927
geleistet. Die Versuche zur Begründung einer Reichsorganisation der
deutschen Juden hätten im Berichtsjahre keinen Erfolg gehabt. Dagegen habe
die Süddeutsche Arbeitsgemeinschaft, welche die Gemeinden Bayerns, Badens,
Württembergs und Hessens umfasst, erfolgreich gearbeitet. Die
Geschäftsführung liegt zurzeit in den Händen des Württembergischen Oberrats.
Es würde u.a. ein Antrag des Lehrervereins, den in Gruppe 8 eingestuften
Lehrern die Amtsbezeichnung eines Religionsoberlehrers zu erteilen,
angenommen.
Die ausführliche Beratung des Haushaltsplans ergab die Annahme des Antrages
des Oberrates, 4 1/2 Prozent aus der Reichseinkommensteuer für das
Kalenderjahr 1926 und aus der dreifachen auf den 1. Januar 1925 veranlagten
Vermögenssteuer als Landesumlage zur Deckung der Bedürfnisse der
Religionsgesellschaft zu erheben." |
Zur Geschichte der Lehrerausbildung in Württemberg
(1928)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. März
1928: "Geschichtliches über die Lehrerausbildung in Württemberg.
Mit dem Ende dieses Schuljahrs wird die Lehrerausbildung der israelitischen
Lehrer Württembergs von dem Evangelischen Lehrerseminar Esslingen nach dem
Evangelischen Lehrerseminar Heilbronn verlegt. Damit endet eine Einrichtung,
die seit dem Jahre 1825 in Württemberg bestand. Ein Hauptgrund, weshalb die
Verlegung vorgenommen wurde, war der, dass das israelitische Gemeindeleben
in Heilbronn ein wesentlich größeres ist, als in der Verhältnis mäßig
kleinen Gemeinde Esslingen. Das Gemeindeleben in Heilbronn pulsiert durch
das Vorhandensein |
sowohl
einer orthodoxen, als auch einer liberalen Synagoge in viel größerem Maße.
Bei dieser Gelegenheit ist es interessant, etwas über die Entwicklung des
israelitischen Religions-Unterrichts für die Seminaristen zu erfahren. Der
nachstehende Brief gibt Aufschluss darüber, dass von 1825 bis zum März 1835,
also zehn Jahre lang, die israelitischen Schulamtszöglinge keinen
israelitischen Religionsunterricht erhalten haben. Der damalige
israelitische Lehrer und Vorsänger Liebmann schrieb an die
Königlich-Israelitische Oberkirchenbehörde:
Neckarkreis Eßlingen, den 6. Februar 1835.
Gehorsamste Bitte des Leopold Liebmann, israelitischen Lehrers daselbst, an
dem dortigen Schullehrer-Seminar für den mosaischen Religions- und
hebräischen Sprachunterricht einen Lehrer zu ernennen, und den gehorsamsten
Bittsteller bei Besetzung der fraglichen Stelle gütigst zu berücksichtigen.
Gewiss blickt ein jeder Israelite und jeder Menschenfreund unseres
Vaterlandes mit dankbar frohem Herzen auf die seit etwa zehn Jahren durch
die Weisheit und rastlose Tätigkeit unserer erhabenen Regierung
entstandenen, sich täglich mehr hebenden israelitischen Schulen. Die meisten
israelitischen Schullehrer Württembergs sind in dem hiesigen
Schullehrer-Seminar gebildet worden, und diese nützliche Anstalt wird den
Israeliten auch ferner geöffnet bleiben.
Allein, wie gut auch diese Anstalt die Bildung der israelitischen Zöglinge
als künftige Lehrer im Allgemeinen besorgt, so fehlt es ihr doch gänzlich an
einer Einrichtung zu deren Bildung als israelitische Lehrer insbesondere.
Denn den israelitischen Zöglingen wird weder ein Unterricht in der
mosaischen Religion, noch in der hebräischen Sprache gegeben. Dieser
mangelhaften Einrichtung sollte doch notwendig in Bälde abgeholfen werden.
Die israelitischen Seminaristen haben bisher meistens den Unterricht in der
christlichen Religion besucht, dadurch aber wird bei vielen das Gebäude
ihres Glaubens gänzlich erschüttert. Und wie schlimm muss das aus den sich
bildenden Charakter, auf die spätere Wirksamkeit und das innere Glück gar
Vieler wirken? Wie muss dadurch das Misstrauen unterhalten werden, welches
das Volk noch so häufig gegen die neuen, zeitgemäßen Schul- und
gottesdienstlichen Einrichtungen zeigt.
Ebenso ist den israelitischen Seminaristen in dem Seminar bisher in der
hebräischen Sprache und der Liturgie gar kein Unterricht gegeben worden, und
nur wenigen war es möglich, darin Privat-Unterricht zu nehmen. Und dennoch
sollen die israelitischen Lehrer in der hebräischen Sprache examiniert,
ihnen später nicht nur der hebräische Unterricht in den Schulen, sondern
auch, in Abwesenheit des Rabbinen, das Vorbeten, das Vorlesen der Tora und
das Halten der Erbauungsreden anvertraut werden; Funktionen, bei denen nach
der bisherigen Einrichtung des jüdischen Kultus gründliche Kenntnisse der
hebräischen Sprache unumgänglich nötig sind.
Der gehorsamst Unterzeichnete, welcher sich selbst in dem hiesigen Seminar
zum Schulstande vorbereitet hat, und seit zehn Jahren hier als Lehrer
angestellt ist, hat gar oft |
Gelegenheit
gehabt, die Nachteile des Mangels eines für den besonderen Unterricht der
israelitischen Seminaristen an dem Seminar angestellten Lehrers
kennenzulernen, und erlaubt sich hiermit, im Interesse des israelitischen
Erziehungs- und Kirchenwesens, einer Königl. Hochpreißl. israelitische
Oberkirchen-Behörde in aller Ehrfurcht die gehorsamste Bitte vorzulegen:
'Für den mosaischen Religions- und hebräischen Sprachunterricht an dem
hiesigen Seminar einen Lehrer anzustellen.'
Der gehorsamst Unterzeichnete, wie schon erwähnt, seit zehn Jahren hier als
Lehrer angestellt, sieht sich aber auch genötigt, da seine gegenwärtige
Stelle nur den, eine häusliche Niederlassung in der Stadt unmöglich
machenden Gehalt von 225 fl. erträgt, gehorsamst zu bitten, 'die fragliche
Stelle ihm neben seiner bisherigen gütigst zu übertragen.' Seine
Tauglichkeit zu dieser Stelle könnte entweder durch Zeugnisse oder durch ein
Examen dargetan werden.
Der gütigsten Gewährung seiner gehorsamsten Bitten entgegensetzend, erstirbt
einer Königlich Hochpreißlichen israelitischen Oberkirchenbehörde
alleruntertänigst ergebener Leopold Liebmann israelitischer Lehrer und
Vorsänger.
Wenige Tage darauf legte L. Liebmann auch einen Lehrplan vor, nach welchem
für den israelitischen Religionsunterricht wöchentlich 7—8 Stunden
Religionsunterricht und Unterricht in der hebräischen Sprache vorgesehen
waren. Er schreibt: 'Es ist darin hauptsächlich auf den im Seminar
eingeführten Lektionsplan und auf die Zeit, welche der künftige Lehrer, wenn
er zugleich die Stelle eines Lehrers und Vorsängers bei der Gemeinde
bekleiden soll, entbehren kann, Rücksicht genommen.'
Die Königliche Israelitische Oberkirchenbehörde wandte sich hierauf an das
Königliche Ministerium des Innern, mit der Bitte um Einrichtung eines
solchen Unterrichts. Das Ministerium des Innern antwortete am 13. Mai 1835
u. a.:
'Hierbei ist nun, was namentlich den Religionsunterricht betrifft, der
Vorschlag gemacht worden, die israelitischen Zöglinge des ersten Kurses den
biblischgeschichtlichen Unterricht, so lange derselbe das Alte Testament
befasst, in Gemeinschaft mit den christlichen Zöglingen genießen zu lassen
und dieses, was seither häufig aus freier Wahl der Einzelnen Seite |
stattgehabt,
in dem Lehrplan vorgeschrieben, die Israeliten des zweiten und dritten
Kurses aber zwar gleichfalls zu den den christlichen Zöglingen zu
erteilenden Lehrstunden für die Einleitung in die alttestamentlichen Bücher
und die damit verbundene Bibelerklärung beizuziehen, dagegen aber in fünf
Wochenstunden durch den besonderen israelitischen Lehrer in der Glaubens-
und Sittenlehre unterrichten und zu Verfertigung religiöser und moralischer
Vorträge in deutscher Sprache anweisen zu lassen.'
Die Israelitische Oberkirchenbehörde erklärte sich am 11. Juni 1835 mit der
Regelung betreffend den biblischen geschichtlichen Unterricht einverstanden,
soweit derselbe das Alte Testament befasst. Auch die mit dem Unterricht
verbundene Bibelerklärung wurde gemeinsam mit den anderen Zöglingen des
Seminars besucht. 'Dagegen scheint es uns', so schrieb die Israelitische
Oberkirchenbehörde, 'aber unerlässlich nötig, dass derselbe in noch weiteren
drei Wochenstunden der Israelitische Unterricht in der hebräischen Sprache
erteile, da diese im Seminar nicht gelehrt wird, und auch unter den fünf
Stunden, welche für den Unterricht in der mosaischen Religion bestimmt sind,
nicht begriffen zu sein scheint."
Das Ministerium des Innern und des Kirchen« und Schul-Wesens genehmigt am 6.
Juli 1835 den Beschluss und gewährte dem Lehrer, welcher den
Religionsunterricht erteilte, eine jährliche Besoldung von 130 fl. Der
Unterricht war nach dieser Anordnung im Seminar zu erteilen. Der
Israelitischen Oberkirchenbehörde blieb es unbenommen ,ihre Wünsche in
Absicht auf den fraglichen Unterricht, dem Königlich evangelischen
Konsistorium mitzuteilen.
Von dieser Zeit an wurde der israelitische Religionsunterricht im
Evangelischen Lehrerseminar eingerichtet, und auch heute wird er noch zu
einem ganz geringen Teil von dem Staate bezahlt.
Ein eigentliches Kosthaus war für die jüdischen Seminaristen bis zum Jahre
1857 nicht vorhanden. Es war den Seminaristen überlassen, ein Mittagsmahl
bei dem Lehrer Liebmann oder irgend einer Privatfamilie einzunehmen. Dem
Vorgehen des damaligen Seminardirektors Stockmayer war es zu verdanken, dass
von diesem Jahre, an das Waisenhaus sich bereit erklärte, gegen eine geringe
Vergütung den Seminaristen Kost zu gewähren. Das Menu soll lieber hier nicht
mitgeteilt werden, um nicht den Neid der jetzigen Generation zu erwecken.
Das Waisenhaus hat diese dankenswerte Einrichtung bis zur jetzigen Verlegung
nach Heilbronn beibehalten, wofür ihm auch an dieser Stelle der wärmste Dank
ausgesprochen sei J.W.". |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Einzelpersonen
Hinweis
auf einen in der Buchdruckerei Harburger erschienenen Kalender (1902)
Anmerkung: in der Buchdruckerei Harburger erschienen auch hebräische
Druckwerke:
https://books.google.de/books?id=bSI9AAAAcAAJ&hl=de&pg=PP1#v=onepage&q&f=false
(Kobez al Jad. Proben lexikalischen, synonymischen und grammatischen Inhalts.
aus verschiedenen Handschriften gesammelt, erläutert und herausgegeben von
Leopold Dukes. Erstes Heft. Esslingen am Neckar. Gedruckt in der L.
Harburgerschen Buchdruckerei. 1846.
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 6. Oktober 1902: "Israelitischer Kalender für die jüdischen
Gemeinden Württembergs für das Jahr der Welt 5663. L. Harburger'sche
Buchdruckerei. Esslingen." |
Anzeige
der (nichtjüdischen) Firma Richard Hengstenberg (1911)
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 2. Juni 1911: |
Jakob
Lindauer sucht eine Haushälterin (1912)
Anzeige im
"Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 2. Februar 1912:
"Israelitische
Haushälterin,
möglichst für 1. März für kleinen Haushalt (Vater und
Sohn) bei guter Bezahlung gesucht. Dienstmädchen vorhanden. Nur Damen,
die gut bürgerlich kochen und die Haushalt gründlich verstehen, belieben
sich zu melden. Ausführliche Offerten mit Bild und Gehalts-Ansprüchen
erbeten.
Jakob Lindauer.
Esslingen am Neckar, Württemberg." |
Anzeige
von Rabbiner Bamberger im Blick auf einen koscheren Senf der Firma Hengstenberg
(1926)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Juni 1926: "Sprechsaal. Ich mache
hiermit darauf aufmerksam, dass der von der Firma Hengstenberg in
Esslingen am Neckar unter der Marke ‚Gutso’ für Koscher
verkaufte Senf nicht mehr den Anforderungen des Kaschrut entspricht, da die Fabrikation nicht mehr meiner Aufsicht
untersteht. Rabbiner Dr. Bamberger, Stuttgart." |
Anzeige der Dampfwascherei H. Dawid, Inh. A. Wißt
(1931)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Dezember
1931: |
Weitere Dokumente
(außer der Rechnung von 1854: aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries)
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