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Montreux (Kanton
Waadt, Schweiz)
Jüdische Geschichte / Geschichte der Jeschiwa Ez Chajim
mit Beiträgen zu ihrer Geschichte aus
jüdischen Periodika bis in die 1930er-Jahre
Zur Geschichte
der jüdischen Gemeinde und der Jeschiwa Ez Chajim ("Lebensbaum") in Montreux
Jüdische Gemeinde: In Montreux
sind seit Ende des 19. Jahrhunderts einige jüdische Personen/Familien zugezogen. In den Sommermonaten
hielten sich regelmäßig jüdische Kurgäste in der Stadt auf, für deren Unterbringung und
Verpflegung es einzelne Einrichtungen gab, darunter die Israelitische
Restauration / Hotel "Pension Levy". 1917 bildete sich eine kleine
jüdische Gemeinde, die 1954 mit der Nachbargemeinde Vevey
fusionierte. Sie bestand bis 2008 als "Communauté Israélite
Vevey-Montreux" mit etwa 20 Familien. In diesem Jahr fusionierte die jüdische
Gemeinde mit der Gemeinde Lausanne zur "Israelitischen Gemeinde Lausanne
und des Kantons Waadt" (CILV). Die Synagoge in Montreux befand
(befindet?) sich in der 25, Avenue
des Alpes. Der mit Vevey gemeinsam belegte jüdische Friedhof der Gemeinde liegt auf dem Gemeindegebiet von
La Tour de Peilz.
Jeschiwa Ez Chajim: Große Bedeutung für die orthodoxe jüdische Welt bekam die Stadt mit der
Gründung der Jeschiwa "Ez Chajim" im Jahre 1927. Gründer der
Einrichtung war Rabbi Jerachmiel Elijahu Botschko (1892-1956), der an der
Jeschiwa jahrzehntelang neben anderen bedeutenden Lehrern als Tora-Gelehrter
unterrichtete. Botschko stammte aus Slobodka in Litauen, wo er an verschiedenen
Talmudhochschulen ausgebildet worden war. Im Ersten Weltkrieg ist er in die
Schweiz eingewandert. Botschkos Wirken an der Jeschiwa hatte große Bedeutung
für die Entwicklung der orthodoxen jüdischen Gemeinde in der Schweiz und in
Westeuropa.
In der Zeit des Zweiten Weltkrieges studierten zeitweise 120 junge Männer an
der Jeschiwa. Für viele von ihnen war Montreux Zufluchtsort vor den
Verfolgungen in der NS-Zeit.
Um 1956 übernahm Moses Botschko, der 1916 geborene Sohn von
Jerachmiel Elijahu Botschko die Leitung der Jeschiwa. Unter den Lehrern an der
Jeschiwa war bis zum seinem Tod im Januar 1966 in Montreux u.a. Rabbiner Dr.
Jechiel Jakob Weinberg (geb. 1884 in Ciechanowiec, 1931 bis 1939 letzter
Rektor des Berliner Rabbinerseminars, 1945 aus dem Internierungslager Wülzburg
bei Weißenburg in Bayern befreit;
bis 1947 in Weißenburg, Vorsitzender
des dortigen "Jüdischen Komitees" der bis etwa 100 Displaced Persons), ein führender talmudischer Gelehrter und
halachische Autorität.
1985 wurde die Jeschiwa nach Kokhav Yaaquov in der Nähe von Jerusalem
verlegt, wo sie seitdem unter dem
Namen "Jeschiwat Heichal Elijahu" besteht und für 200 Talmidim Gelegenheit zum Studium gibt. Moses Botschko
unterrichtete bis zu seinem Tod im September 2010 an dieser Schule (vgl.
Bericht
unten zu seinem Tod von J. Sternberg).
Nachfolger in der Leitung der Jeschiwat Heichal Elijhahu wurde nach dem Tod
Moses Botschkos sein Sohn Schaul David Botschko.
Adresse/Standort der Jeschiwa:
Oberhalb von Montreux - Villa Quisisana (Route des Coloncalles
80)
Fotos
Übersicht:
Berichte aus der
jüdischen Geschichte in Montreux
Allgemeine Berichte über jüdisches Leben in Montreux
Empfehlung von Montreux als "schweizerisches Nizza"
mit dem israelitischen Hotel "Joli Site"
(1900)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Februar
1900: "Aus der Schweiz. Wir glauben den zahlreichen, während
der Frühlingsmonate nach der Riviera reisenden, jüdischen
Erholungsbedürftigen einen Gefallen zu erweisen, wenn wir sie auf eine
Zwischenstation aufmerksam machen, die von vielen Ärzten mit Recht als
eine überaus günstig gelegene klimatische Übergangsstation von dem
rauen, deutschen Winter, zu dem warmen Süden erachtet und empfohlen wird.
In anmutigster Lage, zwischen Weinbergen eingebettet, liegt dicht am Ufer
des Genfer Sees das seit Jahrhunderten von Erholungs- und Ruhebedürftigen
mit Vorliebe aufgesuchte Städtchen Montreux. Auf der Nordseite von den
hohen Bergen des Berner Oberlandes begrenzt, ist es so völlig geschützt
gegen die rauen Winde, während von Süden her die milden Lüfte des
unfernen Italiens über den lieblichen See herüberwehen. das fast immer
wolkenlose blaue Firmament erhöht den landschaftlichen Reiz dieses von
Mutter Erde so besonders bevorzugten Fleckchens Erde.
Der von Jahr zu Jahr steigenden Zahl der Kurgäste entsprechend, haben
Stadt- und Kurverwaltung Alles aufgeboten, um den Ansprüchen und
Bedürfnissen der Besucher in jeder Hinsicht entgegenzukommen und finden
wir dort ein sehr schönes Kurhaus, mit vorzüglichen, zweimal täglichen
Konzerten, Theater, Lese- und Spielsäle etc. Seit vorigen Herbst hat die
renommierte israelitische Restauration 'Pension Levy', welche
während der Sommermonate in Interlaken für die leiblichen
Bedürfnisse der rituell lebenden Kurgäste sorgt, ein Hotel
eröffnet, das sich trotz des kurzen Bestehens durch seine vorzügliche
Küche, peinlichste Sauberkeit, aufmerksamste Bedienung und trotz dieser
Vorzüge sehr mäßigen Preise einen zahlreichen Passanten- und Touristen-Verkehr
zu gewinnen wusste.
Das Hotel ist während der Wintersaison, also von Oktober bis März,
geöffnet und verdient in der Tat die lebhafteste Frequenz seitens der
zahlreichen, nach dem Süden pilgernden und rituell lebenden
Erholungsbedürftigen und dürfte wohl kein Besucher dieses Hotels
dasselbe und die freundliche und aufmerksame Bewirtung anders als dankbar
in Erinnerung behalten. Der Name des Hotels 'Joli Site' spricht
für dessen wunderbare Lage. Fast unmittelbar am Ufer gelegen, gewähren
die Zimmerbalkons eine herrliche Aussicht auf den glänzenden See, der bei
dem regen Verkehr der Dampf- und Segelschiffe an dieser Stelle ein stets
abwechslungsreiches Bild zeigt.
Wir können aus all diesen Gründen, zu welchen sich noch die absolute,
religiöse Zuverlässigkeit der von Interlaken ohnedies bestrenommierten
Wirte gesellt, den Besuch Montreux's aufs Wärmste empfehlen. Auch
Vergnügungsreisende werden sich bei einem Aufenthalte in Montreux
überzeugen, dass dieser Ort mit Recht seinen Beinamen 'Das schweizerische
Nizza' verdient." |
Aus
der Geschichte der Jeschiwa in Montreux in den ersten zehn Jahren ihres
Bestehens (1927-1937)
Über die Jeschiwa in Montreux
(1927)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Dezember
1927: "Die Jeschiwa in Montreux.
In Montreux, in der Mitte der Schweizer Riviera, von der Außenwelt
gänzlich isoliert, wirkt die einzige Jeschiwa in der Schweiz. Diese
Institution in Montreux, obwohl sie noch im zarten Alter steht, erreichte
schon jetzt bedeutende Resultate. Ihr Name 'Ez-Chaijim' ist das Symbol,
das Sinnbild der Unverwüstlichkeit des jüdischen Lebensbaumes: Aus allen
Gebieten der Schweiz, Ungarns und Deutschlands kommen die Toradurstigen
Jünglinge und widmen ihre Zeit mit hervorragendem Fleiße dem Studium der
Tora; schon dies ein schönes Ergebnis, wenn wir bedenken, dass sozusagen
auf Wüstenland diese Edelfrüchte tragende Oase entstanden ist. Und dies
alles ist das Verdienst des Herrn Botschko in Montreux, der mit
aufopfernder Hingebung und edlem Eifer die Jeschiwa gegründet hat und
auch ihr väterlicher Leiter sowohl in geistiger als auch in materieller
Hinsicht ist. Zur Befestigung der Jeschiwoh wurden Dozenten aus der Elite
der berühmten Telscher Jeschiwoh (Litauen) berufen, die mit musterhaftem
Eifer und hoher Intelligenz die ihnen übertragene heilige Aufgabe
ausführen und den anderen Bachurim ein gutes Vorbilde geben. Die Jeschiwa
wirkt im strengsten Sinne der Tradition und ist der litauische Derech
Halimud (Lehrmethode) eingeführt, der sich dadurch auszeichnet, dass er stets
bestrebt ist, durch Logik und Klarheit über manche Stelle im Talmud
aufzuklären. Wollte Gott, dass dieses schöne Beispiel auch in anderen Städten des
Auslandes nachgeahmt werde." |
Vortrag
von Rabbi Botschko in Luzern über die Jeschiwa in Montreux (1928)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. April 1928: "Luzern, 17. April.
Dem Talmud Tora-Verein Luzern war es gelungen, Herrn R. Botschko aus
Montreux für einen Vortrag zu gewinnen. Vor einem zahlreich erschienenen
Publikum sprach der Gründer der Jeschiwah in Montreux über das Thema:
Wohin steuert unsere Zukunft? In anschaulichen, aus dem täglichen Leben
gegriffenen Bildern zeigte der Redner, wie die heutige Jugend vielfach im
Materialismus aufgehe. Keine hohen Ideale seien mehr zu finden. Sport und
Lebensgenuss werden als die erstrebenswertesten Güter hingestellt. Das
ist die Frucht der heutigen Kultur, der modernen Lebensanschauungen, die
das Geistige zurückdrängen. Ist es da verwunderlich, dass der jüdische
junge Mann unser dem Einfluss seiner Umgebung auch ihre Anschauungen übernimmt,
dem schillernden Gefunkel ihrer falschen Kultur zum Opfer fällt und sich
immer weiter von der Tauroh (Tora), dem Born der höchsten Weisheit und
Wahrheit, entfernt? Da muss das Elternhaus eingreifen, muss in die Seelen
der Kinder, die auf den Straßen und in der Schule allen Verlockungen
ausgesetzt sind, den Geist der Tora einpflanzen, damit sie die Nichtigkeit
und Äußerlichkeit der weltlichen Kultur durchschauen lernen. Deshalb ist
in Montreux, auf dem 'steinigen Boden' der Schweiz, eine Jeschiwoh
gegründet worden, um dem Schweizer Judentum ein höheres Ideal zu geben als
nur Gelderwerb und Genuss. Und so schloss der Redner seinen mit vielen
Zitaten aus dem Talmud gewürzten Vortrag mit einem Aufruf an die Eltern, ihm
'Bachurim' zu senden, nicht Geld, denn wenn einmal der Geist der
Tora sich Weg gebahnt, ist das andere eine Leichtigkeit. Herr J. Herz
dankte für die mit großem Beifall aufgenommene Rede und eröffnete die
Diskussion, an der sich Herr Eisenberg und Herr cand. phil. L. Schochet
beteiligten. Mit einem kurzen Schlusswort des Präsidenten endete dann der
interessante, lehrreiche Abend." |
Sitzung des engeren Ausschusses des Jeschiwa-Kuratoriums
(1928)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. August
1928: "Für die Jeschiwah Montreux.
Zürich, 10. August (1928). Am vorletzten Sonntag trat hier unter dem
Vorsitz von Herrn Saly Harburger der engere Ausschuss des
Jeschiwa-Kuratoriums zusammen. In Anbetracht, dass mehrere Herren des
Kuratoriums gegenwärtig in den Ferien sind, konnte das gesamte Kuratorium
nicht einberufen werden. Herr Harburger berichtete von der schönen
Entwicklung dieser Institution, die er jüngst persönlich anlässlich
seines Aufenthaltes in Montreux wahrnehmen konnte. Die Jeschiwa ist
innerhalb genau so aufgebaut und geleitet, wie die bekannten Jeschiwaus
des Ostens, während sie äußerlich einen ganz modernen Charakter trägt
und den Verhältnissen des Westens durchaus entspricht; die Jeschiwa sei
daher ein Segen für die schweizerische Judenheit.
Herr A. W. Rosenzweig verlas einen Statutenentwurf, der vom Ausschuss
genehmigt wurde und der dem Gesamt-Kuratorium übergeben werden
soll.
Herr Botschko berichtete ausführlich über die großen Fortschritte der
Kinder und betonte, dass sie durch ihren großen Fleiß und die intensive Studiumsvertiefung
uns große Freude bereite. Die Begeisterung fürs Lernen, die bei den
Jüngeren allgemein herrscht, ist vorbildlich. Die erfreuliche Tatsache,
dass sich bereits im 2. Jahre die Schülerzahl mehr als verdoppelt hat,
kann als großer Erfolg des Jeschiwa-Gedankens bezeichnet werden.
Sodann berichtete Herr Botschko über den finanziellen Stand der Jeschiwa
und dass mit der Vermehrung der Schüler auch die materiellen Mittel
erheblich zugenommen haben. Es ist besonders erfreulich, dass ein Teil der
Eltern, deren Kinder die Jeschiwa besuchen, selbst ca. Fr. 2.000.-
monatlich beitragen. Die Jeschiwa hat zwar einen internationalen
Charakter, ist aber vorwiegend eine schweizerische Institution, da von
ihren 30 Schülern über zwei Drittel schweizerische Kinder sind, und
daher soll die Institution auch von der Schweiz erhaltne werden. Wenn auch
die Schweiz viele Institutionen erhält, ist die Jeschiwa auf dem
geistigen Gebiet doch die einzige.
Herr Botschko legte alsdann dem Ausschuss ein Projekt vor, ein großes
Anwesen zu mieten, in dem die Jeschiwa ganz untergebracht werden soll; es
handelt sich um das berühmte Schloss 'Quisisana'. Dieses Projekt wurde
vom Ausschuss gutgeheißen und Herr Botschko zur Unterzeichnung eines
längeren Vertrages ermächtigt. - Sodann entspann sich eine lebhafte
Debatte, wie die im Jahresbudget an Fr. 50.000 noch fehlenden Fr. 15.000
aufgebracht werden sollen. An der Debatte beteiligten sich die Herren:
Rabbiner Kornfein, S. Harburger, A. W. Rosenzweig, Tepliz, Eiß, Pines und
J.M. Herz. Wichtige Beschlüsse der Genehmigung des Kuratoriums
vorbehalten wurden hierüber gefasst.
Allgemein kam der Wunsch zum Ausdruck, sämtliche Gemeinden und Vereine
zur Mitarbeit und zur weiteren Ausgestaltung dieses Werkes heranzuziehen.
- Ein Gesuch des Rabbiner-Seminars aus Paris, eine Gruppe seiner Schüler
für einen Kurs in die Jeschiwa aufzunehmen, wurde unter gewissen
Bedingungen gutgeheißen. Herr Camille Lang und A. W. Rosenzweig wurden um
weitere Beibehaltung der Zentralkasse gebeten. - Für den Monat September
soll das gesamte Kuratorium nach Montreux einberufen
werden." |
Besuch in der Jeschiwa von Dr. M. Ascher
(1928)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. September
1928: "Ein Besuch in der Jeschiwa Montreux.
Es gibt doch nichts Herrliches als die Heilige Tora. Das ewig
lebendige Gotteswort ist weiter als das Meer, tiefer als der Tiefen Grund,
erhabener als der Berge Höhen. Die Quellen der Heiligen Tora laben
das Herz, erfreuen das Gemüt, erleuchten das Auge, erweitern den Blick,
stärken den Geist, veredeln den Menschen. Je weiter man sich von diesen
Quellen entfernt, umso mehr entfernt man sich von der Wahrheit, umso mehr
Fehler entstehen und Missverständnisse machen sich breit. Wohl dem, der
nach der Tora Lehren sich richtet. Diese Lehren bedeuten Glück und
Frieden, Trost und Labsal selbst in den Tagen des Leids und eine Quelle
des Heils in allen Lagen des Lebens. Um in die Kämpfe und Gefahren des
Lebens hinauszuziehen., ist Kunst, sogenannte Bildung und Wissenschaft ein
zu schwacher Schutz für des Jünglings Herz. Da ist es erst das ewig
Leben spendende Gotteswort, welches der Jüngling studiert haben muss, um
allen Stürmen und Anfechtungen des Schicksals trotzen zu können, sodass
alle Verlockungen des Lebens ihm nichts anhaben können. 'Gras dorrt und
Blume welkt, das Wort unseres Gottes blüht ewiglich.'
Am 6. Tischri wurde in dem paradiesisch gelegenen wunderschönen
neuen Heim der Jeschiwa Montreux Prüfung abgehalten, die phänomenale
Leistungen seitens der Schüler und - last not least - seitens der Lehrer
aufwies. Es wurde der Inhalt einiger Perekim aus Bava Metzia
und Kidduschin durchgenommen. Schon die unterste Klasse bewies,
dass dort, wo echter Torageist herrscht, auch in kurzer Zeit Grandioses
erzielt wird. Kinder, die noch vor Kurzem kaum über die Anfangsgründe
hinaus waren, entpuppten sich als kleine Gelehrte, die nicht nur mit gutem
Verständnis die erlernte Gemara nachzusagen verstanden, sondern
die auch wussten, allen kreuz- und Querfragen geschickt zu begegnen. Die
zweite und dritte Klasse zeigte so erstaunliches Wissen, dass man als
Besucher sich unwillkürlich fragte: was mag wohl an höherer Leistung
noch für die vierte Klasse übrig geblieben sein?
Wir mussten, um noch rechtzeitig nach Hause zu gelangen, vorzeitig die
Prüfung verlassen, was wir sehr bedauerten. Die Leiter, Herr Botschko und
seine Herren Mitarbeiter, haben Großes geschaffen. Die Schweiz und die
Judenheit können stolz auf dieses Werk sein, das Ewigkeitswerte in sich
birgt. Dr. M.
Ascher." |
Schwester Recha Feuchtwanger aus Berlin hilft bei der
Einrichtung der Jeschiwa mit (1928)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. November
1928: "Montreux, 5. November (1928). Schwester Recha
Feuchtwanger aus Berlin hat sich freiwillig und uneigennützig in den
Dienst der hiesigen Jeschiwoh gestellt. Sie kam für eine Monate hierher,
um das neue Jeschiwa-Heim in Villa Quisisana für ca. 35 Schüler
einzurichten und zu ordnen, wobei sie wirklich Großes vollbrachte. Sie
tat alles, um die Räume den Lernenden wohnlich und angenehm zu machen.
Schwester Recha hat selbst nach ihrem Verlassen der Jeschiwa weiter für
dieselbe gewirkt und sie steht immer noch in engster Verbindung mit ihr.
Durch ihre Bemühungen in ihrem weiten Bekanntenkreis erhielt die Jeschiwa
letzthin eine große Kiste neuer prachtvoller Silberbestecke. Schwester
Recha, die keine Danksagung will, wird der Lohn für ihre aufopfernde
Arbeit zum Guten der Tora und ihres Studiums von höherer Stelle
werden." |
Bericht über "eine Jeschiwo im Schnee"
(1929)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Januar
1929: "Eine Jeschiwo im Schnee. Der Höchstpunkt von
Montreux.
Ein Stückchen Schweizererde, auf die der Weltenschöpfer seinen ganzen
Farbenkessel ausgegossen hat. Gewaltig erheben sich die weißgekrönten
Höhen in Zacken und Ketten über den glitzernden, in allen Farben
spielenden Genfersee. Unten alabasterweißer, hartgefrorener Schnee, und
von oben eine warme strahlende Sonne, als käme der junge Frühling zum
alten Winter zu Besuch und küsste ihn so herzhaft, dass der Alte lachen
muss. Sind alle Menschen hier nur deswegen so froh, so heiter, so
freundlich und voller Entgegenkommen, weil die Sonne über den schneeigen
Höhen alles, alles, selbst die hartgefrorene Wintererde, zum Lachen
bringt?!
Es gab wohl Zeiten, da die Menschen auch hier zwischen Berg und See dieses
Lachen des Schöpfers nicht verstanden. In den See direkt hineingebaut,
steht das Chateau de Chillon, ein graues, hartgebautes Schloss,
tausend Jahre alt, mit Zinnen und Kuppeln, mit einem Labyrinth von
Zimmern, Gemächern, Dunkelkammern, Prunksälen mit altem Zinn und
geschwungenen Waffen, mit Kellern, Ketten und Gefängnissen,
Foltermaschinen und Galgen. Hier kann man das Grauen lernen. Hier hatten
sich Ritter befestigt. Wehe dem Armen, der als Gefangener in diese
Katakomben hinuntergeführt wurde. Er sah das Sonnenlicht über den
weißen Bergen nie mehr und den See vielleicht nur durch die schmale
Schießscharte in der Mauer, kurz bevor er als Leiche zu den
französischen Bergen hinübertrieb.
Und Menschen kommen aus allen Erdteilen, aus Amerika und Australien und
allen Ländern Europas, um zu schauen und zu staunen, sich von einem
Führer die Keller und Ketten zeigen zu lassen und die Steine, die
durchweicht waren von Tränen Unglücklicher und Unschuldiger. Welche
Worte des Hasses, des Flehens, der Verzweiflung, der Sehnsucht nach Sonne
und Leben sind in diese grauen Quader mit zittriger Hand eingegraben!
Jeder Stein spricht von einer versunkenen Welt des Leides und des Lasters,
der Zechgelagen oben und der dumpfen Verzweiflung unten. Versunken
ist diese Welt, Gott sei es gedankt. Der unweit von dieser Stadt tagende Völkerbund
sieht sich zuweilen diese Stätte an. Aus den kalten, grauen Gräbern der
Menschenschändung in der Ritterzeit mag etwas Licht und Freude für ein
Geschlecht der Gegenwart und für die Zukunft erblühen!
Auf der anderen Seite erhebt sich der Hügel Chatelard, und darauf
ein noch nicht so altes Schlösschen, die Villa 'Quisisana'. Wir steigen
die vierhundert Meter hinauf und stehen wiederum auf Geschichtsboden:
mitten in der jüdischen Vergangenheit, die gar nicht Vergangenheit
ist, sondern lebendige Gegenwart und erst recht Zukunft. Die Steine
und Mauern, eingerahmt von weitem Baum- und Gartengelände, besagen nicht
so viel. Hier hat vor noch nicht so langer Zeit ein ägyptischer Chediv
seine Sommerresidenz gehabt. Heute wohnt darin die Tora, eine Jeschiwo,
eine regelrechte Jeschiwo, wie man sie, wohl in größerem Ausmaße, aber
in ihrer inneren Struktur nicht anders auch in Litauen oder Ungarn sehen
kann.
Eine Jeschiwo! Du lieber Himmel! Wenn ich in meiner Kindheitszeit aus dem
Fenster des Jeschiwobaues hinausschaute, da sah ich graue Haufen, graue
Holzhäuschen, graugelbe Schindel- und Strohdächer, weißgrauen Rauch aus
dem steilen Schornstein des Gemeindebades, graue Sorgenfurchen auf
schmalen Gesichtern von gebeugten Menschen, einen Tümpel, in dem Frösche
im Chore quakten vor einer grauen Sandebene, die man die 'Sarde' nannte.
Hier stehe ich auf dem Gipfel des Chatelard vor der Jeschiwo zu Montreux
und sehe hinab auf den leuchtenden See zu meinen Füßen, sehe hinüber zu
den schneebedeckten Bergketten, die die französische Erde einsäumen.
Unten zwischen Berg und See langen drei Häuserzungen, die am Abend
lichtgarniert sind wie bei einer italienischen Nacht in einem Park, mitten
in das Wasser hinein. Und darüber ein kristallblauer Himmel, der gegen
Abend ein Feuerrot aufnimmt, das das Blau nicht verdrängt. Hellblau,
Feuerrot und Violett in einem. Herr, was ist deine Welt
schön!...
Und da oben hat sich die Tora ein Schlösschen gebaut und sie sieht all
das gar nciht. Sieht nicht? Sie sieht's, fühlt's zutiefst und zuinnerst,
ist mit ein Stück dieser erhabenen und erhebenden Weltschönheit, und
singt im Chore mit am Lobliede für den Meister und sein Werk; ja singt in
Worten, was Berge, Seen, Schnee und Sonne in Leuchten, Glitzern, Scheinen
sagen und singen!
Fünfunddreißig Jungen treffe ich im großen Saale beim Lernen, beim 'Chasern'.
Ein Wunder im Wunder der Schöpfung tut sich meinen Augen und Ohren auf.
Ein Stück Litauen mitten in der Alpenwelt erblüht, ein Slabodjo und
Telsch aus den Bergen gezaubert. Die untergehende Sonne schüttet Farbenpracht
über Berg und Tal, drinnen sitzen die Fünfunddreißig und lernen, lernen
und lernen; singen, schreien, reden, einzeln und im Chore. Alle Sprachen
und Dialekte sind vertreten, aus sieben Ländern kommen die Jungen. Den
Geist beherrscht Litauen, die Sprache die Schweiz und das liebe
Schwyzerdeutsch. Dass ein Maharschoo 'chaipe' schwer sein kann, hörte ich
hier zum erstenmal in meinem Leben.
Ich wohne dem Unterricht in den einzelnen Gruppen bei. Es sind im ganzen
vier Abteilungen, von Anfängern im Alter von vierzehn und fünfzehn
Jahren bis zu Zwanzigjährigen, die selbstständig ein Blatt mit
allen Kommentaren lernen. Ich bin in der dritten Gruppe. Fünfzehn Jungen,
alle frisch, froh und sechszehnjährig. Eine schwere Sugja im Traktate
Gittin wird durchgenommen. Der Schöpfer und oberste Leiter dieses
Wunderwerkes, Herr Botschko, eine sittliche Persönlichkeit, aus
der Mussar-Atmosphäre der litauischen Hochschulen hervorgewachsen, mit
ganz hervorragender talmudischer Gelehrsamkeit und pädagogischer
Begabung, bearbeitet die Materie mit aller Tiefe und Gründlichkeit, unter
Heranziehung der ganzen einschlägigen Literatur. Ich fürchte, die Jungen
mit den lachenden Augen in ihren großwollenen Sweatern, die eher auf Ski
und Fußball hinweisen, als auf diese verschlungenen Gänge der Halacha,
könnte nicht alle folgen. Aber sie sind alle dabei, und die Kleinsten
wiederholen das Pensum in allen Nuancen mit einer Sicherheit, die mich
frappiert. Inzwischen arbeiten im andern Zimmer die acht älteren Jünger
der vierten Gruppe selbstständig an einem schweren Tossafot. Wenn
sie mit ihrer Sache fertig sind, wird sie der Leiter selbst abhören und
das Ganze mit einem Pilpul krönen. Und in den oberen Gemächern lernen
zur gleichen Zeit je fünf oder sechs Jungen der ersten und zweiten
Gruppe, einfach 'Pschat' mit Raschi und kleineren Tossafot. Ihre Lehrer
sind noch selber Schüler, die ältesten Bachurim und jüngsten Dozenten.
Die Luft in allen Räumen ist mit Tora angefüllt.
Gegen acht Uhr abends sind die Schiurim zu Ende und alle sind im große
Betsaale versammelt, wo das Maariwgebet mit einer Innigkeit und Inbrunst
verrichtet wird, dass die Welt mit ihrem Jagen und Hasten einfach
vergessen ist. Alle Schönheit der Alpennacht hat sich in die Tiefen der Seelen,
der Herzen verzogen, aus denen die Andacht wie der Bergbach frisch
sprudelt. Dünne, feine Stimmchen zittern wie im Märtyrerglück das 'Echod'
des 'Schma' und in Sportjacken gekleidete frische Jungen schaukeln sich
beim Achtzehngebet wie alte Rabbis. Und bei all dem keine Stubenhocker,
die hinter Licht und Sonne leben, mit dem Buche dem Leben, der Schönheit,
dem ersten Rechte der Jugend, dem Frohsinn, entführt werden. Das ist
keineswegs der Fall. Den großen Schneemann mit dem Besen in den
robusten Fäusten im Garten vor dem Jeschiwo-Hause muss man sehen und die
große Schneehütte davor, die die Jungen in den kurzen Pausen hier mit
Meisterhand errichtet haben! Es gibt auch Pausen für Spazieren gehen,
sogar für Rodeln und Skifahren. Dass manche Jungen darauf verzichten,
dass manche sogar nach dem Abendessen, was nicht sein soll, noch einmal
nach der Gemoro greifen und ein großes Loch in die Nacht hineinlernen,
ist nicht Schuld der Jeschiwo. Oder doch? ---
Und dann kommt der Sabbat über die Alpenhöhen ins Bertal, schleicht sich
mit den Abendschatten die Stufen hinauf zur Villa Quisisane. Im
Schlösschen, wo früher die ägyptischen Herrschaften orientalische Fest
gaben, brennen alle Lichter., Die Jungen, frisch pausbäckig und frohgemut,
stecken in ihren Sabbatanzügen. Am Vorbeterpulte steht der Leiter selbst.
Mit einem 'Lecho daudi' in der herzinnigen Slobodkoer Mussarmelodie wird
der Sabbat empfangen. Gebete an der Peripherie werden im herrlichen Chore
gesungen. Im Nebenraume sind die langen Tafeln weißgedeckt. Von unten
her, aus der Küche herauf, dringt der liebliche Duft gefüllter Fische.
Auch das ist litauisch.
Eine Stunde später ist die ganze Korona unten im Tale in der
Privatwohnung des Leiters, der im Nebenamte (er sagt, im Hauptberufe)
Kaufmann und Besitzer eines großen Ausstattungsgeschäftes ist,
versammelt. In der Sabbatstube brennen auf dem Tische, von der Decke
herab, an den Wänden sämtliche Lichter und Kandelaber. So saßen wir
einst, viele Jahrzehnte liegen dazwischen, um unseren Rebben in Woloschin.
Der Respekt ist so grenzenlos wie die Liebe endlos ist. Schwierige Erziehungsprobleme,
mit denen die moderne Pädagogik nicht fertig wird, sind hier spielend,
einzig durch die Disziplin, die aus der Materie, dem Konnex zwischen
Lehrer und Schüler kommt, gelöst. Schweizer Jungen, mit denen keine
Schule was anfangen konnte, sind hier Menschen, Juden, echte rechte
Torajünger geworden. Versuch am untauglichen Objekte, rieten Kundige ab.
Von der Kraft der Tora und des Mussar erfasst, wird das Objekt tauglich.
Letzteres bestätigte mir kein geringerer, als Herr Dr. Ascher in Bex,
einer unserer besten jüdischen Pädagogen, der Gelegenheit hat, Geist und
Gang der Jeschiwo aus nächster Nähe zu beobachten.
Der Leiter und väterliche Hausherr ruft aufs Geradewohl den einen und den
anderen auf, zieht ihn an sich heran, fragt ihn aus, hört ihn ab. Wer so
ausgezeichnet ist, strahlt und zeigt, was er kann. Indes die Hausfrau und
Mutter der Jeschiwo unermüdlich und unerschöpflich 'ihre Kinder' betreut
und bewirtet. 'Habt Ihr, Jungens, schon den Tee?' 'So greift doch zu, hier
Kuchen und Obst.' 'Du, mein Kind, gehe nicht so in die Luft hinaus, bist
so leicht erkältet'. Und so weiter, und weiter. Die Jungen strahlen,
singen, hören, erzählen. Einer unter ihnen wird 'Jossele' genannt,
wiewohl er ganz anders heißt, Jossele Rosenblatt, wegen
seiner |
lieblichen
Stimme und seiner Freude am Gesang. Er packt die schönsten Gesänge aus,
die andern stimmen im Takte mit ein. Ein dreifaches Licht strahlt in
diesem herrlichen Hause: Sabbatlicht, Licht der Tora, das Licht der
jüdischen Gastlichkeit.
Und von unten herauf, von der Seeseite, nähern sich bedächtige Schritte.
Es raschelt auf der Veranda. Leise und unsicher klopft es an die Türe.
Zwei Männer, groß, jugendlich, gut gekleidet, treten mitten in den
Lichtkreis, schauen etwas verlegen und fragen höflich, ob es gestattet
sei. Sie kommen, nach Kleidung und Manieren zu schließen, aus einem der
vornehmsten Hotels am See, wo Engländer und Amerikaner wohnen, vielleicht
schon von einem Bar. Sie sahen die Lichter, die ganz anders leuchteten,
sie hörten die Töne, die anders klangen, und es zog sie mit magnetischer
Kraft hinein. Ob sie eine Weile hier sehen und hören
dürften.
Gewiss. Die Fremden, mit ihren Stöcken in der Hand und dem Ulster auf dem
Arm doppelt fremd in diesem Kreise, werden freundlich begrüßt, zum
Sitzen eingeladen, mit Wein und Tee bewirtet. Sie schauen, sie hören, sie
staunen, sie lachen und einer - zieht langsam ein weißes Tuch aus der
Tasche und führt es unauffällig an die Augen. Kam eine Erinnerung aus
einer entlegenen Ecke der Seele zum Auge hinauf? Gemahnte was an eine
kleine Sabbatstunde irgendwo im Osten mit einer alten Mutter, deren
Runzeln im Scheine der Sabbatkerzen leuchteten! Damals, damals bevor man
noch über das große Wasser in das flutende Leben der neuen Welt
hineintrieb. Eine Erinnerung... Die Fremden verabschieden sich mit Dank
und gehen. Wer kann's sagen, ob nicht des Lichtes ein Funken sich in eine
halbverlorene Seele jetzt gestohlen hatte, ob nicht eine heilige Träne
einen irrenden Menschen auf den Heimweg bringt? Wer kann eine jüdische
Neschomo (Seele) in ihren tiefsten Tiefen durchschauen und
bewerten?
In Montreux wohnen einige einheimische Juden seit undenklichen Zeiten.
Versprengte Teile aus dem Elsässischen, die nicht die Zahl und vielleicht
auch nicht den Willen hatten, sich zu einer Gemeinde zusammenzuschließen.
Als die Jeschiwo noch in primitiver Form unten in der Stadt hauste, sahen
diese Juden mit Unbehagen und Argwohn zu ihr hin. Fremde Sachen, was
werden die Andern sagen? Sie stehen jetzt zuweilen unten und horchen, wenn
das Toralied hinunterklingt. Manch einer findet den Weg hinauf, wenn er
'Jahrzeit' hat, um Kaddisch zu sagen. Im nahen Lausanne geben Juden, die
für ihre Person dem Judentum der Tora ziemlich fremd und fern stehen,
sogar recht viel Geld für die Erhaltung der Jeschiwo. Wer kennt die
Fernwirkung eines zündenden Blitzstrahls.
Am Sabbatmorgen ist der Gottesdienst mit einer zündenden Mussardroscho
des Leiters bereichert. Sabbats Scheidestunde ist mit einem Vortrag des
Gastes ausgefüllt, und der Abend nach Sabbatausgang gehört der
Geselligkeit, der frohen Gemütlichkeit, dem Gaste, den Gästen zu Ehren.
Wie wir nach Mitternacht den Gipfel hinuntersteigen, stehen sie am Abhange
und singen Psalmen in die blaue Alpennacht. Wie ist dieses Wunder
entstanden? Von wem und wie wird dieses Wunderwerk erhalten? Ich weiß es
nciht. Ich habe in die Bilanzbücher des Unternehmens nicht geschaut. Aber
zwei Aktivposten sah ich, vie vielleicht mehr wiegen als Millionen an
Gold, die heißen: Freude und Vertrauen. Viele zweifelten,
viele lachten. Ein Unternehmen ohne Aktienkapital, ohne
Rentabilitätsaussichten... Faktoren, die zur Hilfe angerufen wurden,
hielten Sitzungen und Beratungen ab, fassten Resolutionen und legten Akten
an, sie liegen gut. Inzwischen ging Botschko, unterstützt von einem
Weibe, das sich an jüdischen Idealen entflammt, an die Arbeit und blieb
unentwegt und unbeirrt, ohne nach rechts und links zu schauen, am Bau. Er
machte Reisen, hielt Vorträge und schnorrte - um Menschengut. Sein
Gründungskapital bestand - in vier Jüngern, von den besten, aus Telsch,
deren einer schon seit Jahren Rabbinatsautorisation hat. Diese ersten
Bachurim und heutigen Unterdozenten, sie waren das lebendige Programm, sie
zeigten das Muster eines Bachur, eines der Tora, dem Mussar, dem Derech
Erez sich ganz hingebenden jungen Menschen. Sie schufen das Milieu, die
Atmosphäre, den Rahmen, in den sich dann alle und alles von selbst
einreihte. Es kamen sieben aus Ungarn hinzu, zwei aus Deutschland, aus Belgien,
aus England, aus dem französischen Elsass und dann nacheinander zwanzig
Schweizer. Drei von diesen Schweizern, die zum Teil ohne
Anfangskenntnisse herkamen, lernen heute schon in den Obergruppen und
lehren als Dozenten in den Untergruppen.
Wie dieses Wunderwerk erhalten wird? Durch mäßige, zum Teile sehr
geringe Bezahlung der Schüler, soweit sie aus wohlhabenden Familien
kommen; durch beschiedene Beiträge, die Mitglieder eines gegründeten
Vereins mit einem Kuratorium an der Spitze entrichten; durch freiwillige
Spenden. Ob es reicht? Ich weiß es nciht. Die Lernzimmer sind schön,
geräumig, mit blankgescheuertem Parkettboden, in die durch die
geöffneten Fenster Sonne, Licht und Luft in vollen strömen dringen. Blitzblank
die zwölf Schlafzimmer, sauber und hübsch der große Speisesaal, in
denen von einer würdigen Dame, die mit Herz und Geschick bei der Sache
ist, die reichlichen und gut zubereiteten Mahlzeiten verabreicht werden.
---
Die Tora sucht ihre alte Stätte auf, sagte einstens der greise, weise
Rabbi von Radin und weilt gern da, wo sie sich in früheren Generationen
wohlfühlte. Suchen, sagt der weise Lehrer, ist nicht gleichbedeutend mit
Finden. Suche ich das Schutzdach auf, unter dem meine Väter Asyl
gefunden, und werde doch nicht eingelassen, so ziehe ich weiter. Die Tora
kam vor hundert Jahren und klopfte an die Westpforte Europas. 'Habe ich
doch bei euch gewohnt und unter euch so glücklich gelebt, flehte sie.
Wohnten und wirkten nicht bei euch die Großen von Mainz, von Rotenburg,
von Worms. Liegen nicht jenseits der Vogesen die Tossafisten begraben?'
Aber kalt und taub blieb der jüdische Westen. 'Kein Platz für dich, alte
Tora. Unsere Jungen müssen in die moderne Schule, müssen ins harte
Leben, müssen auf Sport- und Spielplatz, müssen in die Musikstunde. Was
willst du noch bei uns?' Kommt sie jetzt wieder durch das Westtor gezogen,
bekommt sie Einlass?
Und sie ging, die alte Tora, und schlug ihr Zelt da und dort auf, indes
der Westen verödete, und viele kostbare Keimkräfte unter dem starren
Winterboden starben und verdarben.
In der Schweiz, wo ebenfalls einstens große Lehrer (der alte Friedhof von
Endingen-Lengnau zeugt davon) wirkten, kletterte die Tora, da sie wieder
kam, 600 Meter hinauf und lässt dort ihre Stimme über Berg und Tal
erschallen, dass jenseits des Genfersees im französischen Boden die
großen Lehrer von Zorfath in ihren Gräbern erwachen. Weiß die Schweiz,
in der jetzt neues jüdisches Leben allen Poren entquillt, weiß der
Westen, weiß das Judentum, was sie dem Regenerator des Toralernens in der
Schweiz, dem Meister und seinem Werke schulden? S-tz.
(Schachnowitz)."
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Elijahu
Botschko referiert bei einer Tagung des Schweizer
toratreuen Zentralvereins im
Bet-ha-midrasch in Basel (1930)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Februar
1930: "Basel, 30. Januar (1930). Vor kurzem hatte der vom
Baseler Raw - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen -
gegründete 'Schweizer toratreue Zentralverein' im Baseler
Beshamidrasch Zusammenkunft und gemeinsames Lernen. Nachdem der bekannte
Leiter der Chewras Schaß, Herr M. Schwarz in Basel, die Gäste im
Namen des Vorstandes in einer kurzen, mit Toraworten geschmückten
Ansprache begrüßt hatte, hielt der Leiter der Jeschiwa in Montreux,
Herr E. Botschko, einen tiefgründigen halachischen Vortrag über
eine Sugja in Traktat 'Kettubot'. Zuerst gedachte er in warmen Worten des
Begründers der Schweizer Lern-Vereinigung und teilte seine Erinnerungen
mit, wie dieses 'Lernen' innerhalb der Chewras Schaß ihn eigentlich auf
die Idee brachte, eine Jeschiwa in der Schweiz zu gründen, um den
Nachwuchs für die Tora zu sichern. Darauf folgte das Lernen. Mit einem
Schlusswort und der Bitte, der Jeschiwa in Montreux zu gedenken,
schloss Herr Botschko seinen inhaltsreichen Vortrag. Die Aussprache der
Freunde, die nicht minder interessant zu werden versprach, wurde leider
durch die zu kurz bemessene Zeit verhindert.
Die feine dem Feste zugrunde liegende Idee hat auch diesmal ihr Ziel
vollauf erreicht. Der gemeinsame Aufmarsch der zerstreuten Torafreunde der
Schweiz hat den Mut und die Lust der Anteilnehmer gestärkt. Der Eindruck
war erfrischend und erfreuend zugleich. Mit neubelebter Liebe zur Tora im
Herzen ging es froh und mutvoll nach Hause." |
Zwei
Jahre Jeschiwa in Montreux (1929)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 24. April 1929: "Zwei Jahre Jeschiwah zu Montreux. (Siehe
Bilder auf Seite 4 der Beilage 'Aus Welt und Leben."). Von R. E. Botschko in Montreux. Am 1. April feierte die Jeschiwah ihren
zweiten Geburtstag. Im April 1927 wurde der erste Grundstein, zur Jeschiwah
in Montreux gelegt und deren Eröffnung der Schweiz und der Welt verkündet.
Wie viele unter uns haben in dieser Gründung einen Aprilscherz gesehen, ein
unerfüllbares, phantastisches Märchen. Wie viele haben, den Begriff und Sinn
der Jeschiwah überhaupt nicht verstanden, und als wir den Begriff 'Jeschiwah'
mit einer Hochschule für Torastudium definierten, waren sie neuerdings
stutzig. Was ist eigentlich Tauroh, wie wäre sie zu studieren! Dass es eine
breite und ausgedehnte jüdische Theologie gibt, dass ein zwanzigbändiges,
zweitausend Jahre altes Talmudwerk existiert, welches alle Probleme des
jüdisch-menschlichen Lebens umfasst, eine scharfsinnige, tief verzweigte
jüdische Jurisprudenz enthält, in der das ganze Zivil- und Strafrecht,
Gesetze über Eheschließung und Ehescheidung, alle rituellen Fragen,
allfällige Gesetze für die Diaspora und Palästina allseitig und erschöpfend
behandelt werden, das wussten nur wenige. Dass ferner um das zwanzigbändige
Talmudwerk sich ein Meer von Erklärungen, Responsen angesammelt hat, davon
haben die meisten keine Ahnung, und in den Schweizer Bibliotheken und Museen
sind sie leider wenig zu finden. Jeder Vater, und selbst der religiöse,
glaubte, dass sein Sohn in der Religionsstunde die ganze Tauroh fertig
gelernt habe, und war es nicht der Fall, so war ihm Taurohstudium nicht so
ungeheuer wichtig, dass sein Sohn diesem ein oder zwei Jahre |
Schule
opfern sollte; noch viel weniger ein oder zwei Jahre Geschäftszeit. Tauroh
soll der Rabbiner lernen, meinte jeder Vater. Dafür wird er doch bezahlt,
dass er die Baalei Battim in allen religiösen Funktionen vertritt, und
selbst an die Rabbiner werden keine allzu großen Ansprüche gestellt. Der
westliche Rabbiner wird von der Gemeinde nicht verpflichtet, ein großer
Talmudgelehrter zu sein, alle talmudischen Fragen sind Probleme zu
beherrschen, er muss lediglich akademische Bildung besitzen, mit
europäischen Manieren ausgestattet sein, etwas von jüdischer Geschichte
verstehen — soviel er für den Unterricht benötigt —, Trauungs- und
Trauerreden halten können und in den kleinen Ortschaften den Gottesdienst
selbst zu verrichten in der Lage sein. Es ist daher begreiflich, dass die
meisten Schweizer in der Jeschiwah ein 'östliches Produkt' erblickten,
welches dem Schweizer Wesen ganz und gar zuwider ist, und daher sträubten
sich auch viele dagegen. Denn in vielen Kreisen gilt ja alles, was östlich
ist, als etwas Abscheuliches, Kulturloses, veraltetes und Phantastisches. —
Darin wirkte die Jeschiwah zu Montreux geradezu revolutionierend. Sie gab
uns die Tora als Erbe wieder, ein Erbe, das wir, unabhängig von Zeit und
Kultur, zu hüten und zu mehren .haben. Die Jeschiwah existiert, progressiert,
ist auch finanziell gewissermaßen fundiert, hat in den zwei Jahren ihres
Bestehens Zeugnis von ihrer Lebensfähigkeit und Lebensnotwendigkeit abgelegt
und sie ist der Schweizer Jugend unentbehrlich zur Lebensader und zum
Lebensimpuls geworden! Die Schweizer Juden können sie nicht mehr ablehnen,
verwerfen, desavouieren, sie ist von der ganzen Welt anerkannt und freudig
begrüßt. Etwa 50 Schweizer Jungen wurden bereits durch sie geistig gespeist.
30 Kinder aus allen Gauen der Schweiz (215 Ausländer von England, Belgien,
Frankreich, Ungarn und Deutschland) zählen heute zu den unseren.
Unsere Anstalt, die vor zwei Jahren ins Leben gerufen wurde und die den
Zweck hatte, die Jugend, der eine Gefahr der Entwurzelung drohte, dem
Judentum ganz und lebendig zu erhalten, kann heute schon auf eine
segensreiche Tätigkeit zurückblicken. Während die Jeschiwah bei Gründung nur
12 Schüler hatte und es nach einem Jahre auf 24 brachte, zählt sie heute
bereits 36 Bachurim, und für den nächsten Seman, nach Pessach, sind bereits
50 Schüler angemeldet. Die Erfolge, die unsere Jeschiwah erreicht hat, sind
so mannigfach und so rekordartig, dass sie uns ermutigen, voller Hoffnung
und Zuversicht auf dem begonnenen Weg weiter zu schreiten, einer neuen
Renaissance entgegen, der Renaissance der Tauroh.
Die Sportkultur, die vorübergehend unsere Jugend aus dem Studierzimmer riss
und ihr Denken und geistiges Schaffen paralysierte, hat ihren Höhepunkt
überschritten, und allenthalben, sehnt sich die Jugend wieder nach etwas
Geistigem, Inhaltsvollem und spezifisch Jüdischem. Wir haben diesen Moment
rechtzeitig erkannt und der Jugend die Möglichkeit gegeben, ihre innere
Wandlung auf bestmögliche Weise, durchzuführen und ihren geistigen
Stützpunkt wieder zu erhalten, so dass wir mit Sicherheit sagen dürfen: Die
neue Generation ist für das Judentum gewonnen. Wir sind glücklich, dass
unsere anstrengende und aufopfernde Arbeit von Erfolg gekrönt war, sie ist
zum wahren Ez Chajim (Lebensbaum) emporgewachsen." |
Fotos:
links: Die Jeschiwah zu Montreux (Villa Quisiana)
rechts: Die Jeschiwah zu Montreux (Eine Gruppe von Schülern mit ihren vier
Dozenten und ihrem Leiter Herrn Botschko (unterste Reihe)) |
Bericht
über das Wintersemester in der Jeschiwa (1930)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 20. März 1930: "Schweiz. Jeschiwoh Montreux.
Montreux, 15. März.
Das Wintersemester, das sich seinem Ende zuneigt, hat der Jeschiwoh in
Montreux mehrere Vorträge bekannter ausländischer Persönlichkeiten gebracht.
Schon bei der Eröffnung des Semesters hatten wir die Ehre, einen längeren
halachischen Vortrag des berühmten Wilnaer Rabbiners Rabbi Chajmi Ojser
Grodzensky zu hören. In derselben Zeit sprach auch Herr Rabbiner
Nachumowski aus Schawly (Litauen). Ein Vortrag des Herrn Rabbiner Dr.
Bohrer aus Gailingen behandelte
ethische Probleme im Judentum. Der Vorsitzende des deutschen Keren Hathauro,
Herr Wolf S. Jacobson, referierte über die Stärkung des
TaurohGedankens und über andere Jeschiwohprobleme. Über die augenblickliche
Lage der litauischen Jeschiwaus referierte Herr Redakteur Schereschewski
aus Kowno. Vor einigen Wochen hielt Herr Dr. Levinger aus München
einen wohl gelungenen philosophischen Vortrag, in dem er verschiedene
Probleme der Tauroh vom Standpunkt der modernen Psychologie aus beleuchtete,
während der Leiter der Jeschiwoh selbst allsabbatlich Deraschot
(Predigten) und Mussaroorträge hielt und oft auch allgemeine jüdische
Probleme beleuchtete.
Als Novum brachte das letzte Semester auch einige Vorträge von Schülern der
Jeschiwoh, eine Tatsache, die man als günstiges Zeichen der rapiden
Entwicklung und Vielseitigkeit dieser Anstalt begrüßen kann. Als erster
hielt cand. phil. Georg Golinski aus Beuthen eine Chanuka-Rede, in der er
besonders die inneren Gegensätze zwischen Judentum und Griechentum als
Ursache für die Makkabäerkämpfe skizzierte. Es folgte am Schabbat
Mischpatim ein halachischer Vortrag von David Stefansky aus
Zürich. Dieser behandelte in einem gut durchdachten und logisch aufgebauten
Pilpul das schwierige Problem von asu mesum chazir aus bava
kama (Talmud-Traktat vgl.
https://de.wikipedia.org/wiki/Bava_qama). David Stefansky,
der seit dem Bestehen der Jeschiwoh ihr Schüler ist, legte mit seinen wohl
gelungenen Ausführungen ein Zeugnis für die Tiefe, Gediegenheit und
Gründlichkeit der Montreuxer bekannten Lehrmethode ab. In der letzten Woche
referierte Emil Altmann aus Beuthen über 'das Amalek-Prinzip in der
Geschichte'.
Da alle diese Vorträge in der Jeschiwoh großen Anklang gefunden haben, hat
sich die Jeschiwohleitung bereits mit mehreren in- und ausländischen
Persönlichkeiten in Verbindung gesetzt, die im nächsten Semester
wissenschaftliche Vorträge, soweit diese mit den Zielen und dem Geist dieser
Torastätte in Einklang stehen, halten sollen. Ebenso werden die in diesem
Semester begonnenen hebräischen Sprachkurse auch im nächsten Seman
mit großer Intensität weiter ausgebaut werden.
Einem in weiten Kreisen tief gefühlten Bedürfnis entsprechend, beabsichtigt
die Leitung der Jeschiwoh, im Sommersemester 1930 in Lausanne Talmud-Kurse
für Baalei Batim (gemeint: erwachsene Männer) einzurichten." |
Drei
Jahre Jeschiwa in Montreux (1930)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 24. April 1930: "Schweiz. Die Jeschiwah in Montreux.
Montreux, 22. April. Die Jeschiwa 'Ez Chajim' hat zu Ehren ihres
dreijährigen Bestehens in einer eigenen Beilage zum 'Israelitischen
Wochenblatt für die Schweiz" eine Reihe von Äußerungen prominenter Führer
über die Jeschiwa in der Schweiz veröffentlicht. Ein Aufruf ist
unterschrieben von Rabbi Chajim Oser Grodzenski in Wilna,
Oberrabbiner Kuk in Jerusalem, Oberrabbiner Schapiro in Kowno
und Grandrabbin Israel Levi in Paris. Ein anderer flammender Appell
trägt außer den genannten Namen auch die Unterschriften bekannter Rabbiner
und Lehrer sowie angesehener und verdienter Laienmitglieder in der Schweiz.
Belehrende und empfehlende Aufsätze von Dr. Josef Wohlgemuth und
Dr. L. Deutschländer folgen. Ein schönes Gruppenbild ist begleitet von
einem Festesgruß des Begründers und Leiters, Rabbi Elijahu Botschko.
Ein Bericht über das am Sabbat Paraschat wejikra stattgefundene
große Verhör zeigt die hervorragenden Leistungen der Jeschiwa in
deutlichster Weise." |
Jahresversammlung
des Kuratoriums der Jeschiwoh Ez-Chajim (1930)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Juni
1930: "Zürich; 12. Juni.
Vor kurzem fand im Gemeindesaal der I.R.C.Z. die ordentliche
Jahresversammlung des Kuratoriums der Jeschiwoh Montreux statt. Die
Versammlung war zahlreich beschickt und von Herrn A. W. Rosenzweig
geleitet. Der Jeschiwohleiter, Rabbi Elijahu Botschko, erstattete den
Jahresbericht, dem zu entnehmen war, wie rapid die Jeschiwoh sich entwickelt
und dass die Schülerzahl bereits auf 60 angewachsen ist. Er berichtete
ferner, dass einige Lehrer aus der Jeschiwoh ausgeschieden sind, die aber
durch andere fähige und tüchtige Kräfte ersetzt worden sind. Der
Jeschiwohleiter beklage sich, dass neben der schweren geistigen Arbeit auch
noch die drückende materielle Last immer noch auf ihm laste und appelliert
an die Mitglieder des Kuratoriums eindringlich, ihm kräftig zur Seite zu
stehen und ihn von der schweren pekuniären Sorge der Jeschiwoh zu befreien.
Der Jeschiwoh-Leiter legte ferner ein Projekt vor, ein guteingerichtetes
Hotel mit ca. 50—60 Betten oberhalb Montreux, welches umstandshalber zu dem
sehr vorteilhaften Preis von Fr. 90.000.— mit dem gesamten Mobiliar
offeriert wird, für die Jeschiwoh zu erwerben. Ferner sprach er sein
lebhaftes Bedauern darüber aus, dass die Eltern, die ihre Kinder auf die
Jeschiwoh schicken, nicht genügend ihre Kinder für das Jeschiwohstudium
vorbereiten. Der mangelhafte Unterricht der Religionsschulen muss unbedingt
ergänzt und erweitert werden.
Der Jahres- und Kassenbericht wurde genehmigt und es entwickelte sich eine
lebhafte Diskussion. Das Kuratorium der Jeschiwoh Ez Chajim Montreux sprach
dem Leiter der Jeschiwoh für seine aufopfernde, selbstlose und
uneigennützige Arbeit den tiefsten Dank aus.
Am Sonntag darauf fand in Anwesenheit zahlreicher Gäste aus dem In- und
Auslande die feierliche Eröffnung des Sommersemesters der Jeschiwoh
Ez-Chajim statt. Der verdienstvolle Gründer und Leiter der Jeschiwoh, Rabbi
Elijahu Botschko, eröffnete die Feier und begrüßte die Gäste, unter denen
Herr Rabbiner Dr. Esra Munk - Berlin zu sehen war, die Dozenten sowie
die Hörer der Jeschiwoh. Er begrüßte ferner den neuen Dozenten, Herrn
Salomon Hamburger aus Berlin. Sodann gab der Jeschiwohleiter einen
historischen Rückblick auf die Entwicklung der Jeschiwaus der letzten zwei
Jahrtausende, von der Jeschiwoh in Jawneh, über die babylonischen,
spanischen, französischen, deutschen bis zu den ungarischen, litauischen
Jeschiwaus, die heute die Träger der Toralehre darstellen. Des weiteren gab
er die Ziele der Montreuxer Jeschiwoh kund, die es sich zur vornehmsten
Ausgabe gemacht hat, Torawissen in der Schweiz zu verbreiten und die, nach
litauischem System aufgebaut, in dauerndem Konnex mit den litauischen
Toragrößen steht. Die Jeschiwoh zählt trotz ihres erst dreijährigen
Bestehens 60 Bachurim, die sich aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich,
England, Belgien, Österreich, Tschechoslowakei, Ungarn und Rumänien
rekrutieren. Nachdem der Jeschiwohleiter mit einem Pilpul die
Masechat Bawa Mezia eröffnet hatte, begrüßte Herr Rabbiner Dr. Munk
- Berlin die Jeschiwoh und wies mit großer Begeisterung auf die hohe
Bedeutung der Montreuxer Jeschiwoh als neues Torazentrum sowie auf die
ungeheuren Verdienste und übermenschliche Aktivität des Jeschiwohleiters,
der dieses Institut aus dem Boden gestampft hat, hin.
Herr Rabbiner Dr. Esra Munk hielt noch am folgenden Tag einen groß
angelegten und hochinteressanten Pilpul. Alsdann hielt der
Toragelehrte, Herr Pines aus Zürich, einen geistvollen halachischen
Vortrag. Herr Pines gab auch seiner Bewunderung über die Jeschiwoh, ihre
Erfolge, und ihr hohes Niveau Ausdruck. Mit einer von tiefen Mussarworten
begleiteten Rede schloss der Jeschiwohleiter die imposante Feier. H—er." |
Semesterschlussfeier und Einweihung einer Torarolle in
der Jeschiwa (1930)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Oktober
1930: "Schweiz. Ein Fest in Montreux. Montreux, 30.
Sept.
Mit der Einweihung einer neu geschriebenen Sefer Tora (Torarolle)
verband die Villa Quisisana, in der seit vier Jahren die Tora ihre
Schweizer Residenz aufgeschlagen hat, das Fest des Semesterschlusses, und es
kam noch manch anderes hinzu, das vierfachen Grund zum Feiern bot. Trotz der
ungünstigen Zeit zwischen den Festen waren etwa 40 Gäste aus allen Teilen
der Schweiz und der Grenzländer, darunter eine Anzahl Rabbiner, am Feste
beteiligt. Mit den 70 Jüngern der Jeschiwa und den Herren und Damen, die
sich zur Zeit in Montreux und Umgegend zur Kur aufhalten, waren rund 120
Menschen am Sonntagnachmittag in den mit Girlanden geschmückten und Lampions
beleuchteten Räumen der Jeschiwa anwesend. Mit einem spontanen hebräischen
Gesang der Schüler wurden gegen 3 Uhr mittags die Gäste empfangen. Es begann
das große Verhör durch den vielbewunderten Begründer und Leiter der Jeschiwa,
Rabbi Elijahu Botschko. In den vorderen Bänken saßen die Herren Rabbiner und
Ehrengäste, dahinter die Teilnehmer, besonders die Väter und dazwischen die
Jünger mit ihren gewährten Lehrern, von denen manche noch selbst in
jugendlichem Alter sind. In dem zum Hauptraume geöffneten Zimmer sah man
eine große Anzahl von Damen, auch Ausländerinnen, die, hier in den Bergen
weilend, sich das größte Wunder von Montreux ansehen wollten.
In über zweistündigem Frage- und Antwortspiel konnte uns gezeigt werden, wie
tief diese Jungen in die Materie eingeführt werden, mit welchem Eifer und
mit welcher Liebe, aber auch mit welch glänzendem Erfolge hier an jungen
jüdischen Seelen gearbeitet wird. Das Verhör schloss mit einer flammenden
Ansprache des Leiters, die, von tiefster Liebe zur heiligen Sache und zu den
Kindern getragen, von dem Mussarschwung aus Telsch und Radin beseelt,
tiefsten Eindruck auf Klein und Groß, machte. Freilich gab es zu Rekorden
der Leistungen auch einen Rekord an Arbeit und Anstrengung und hier setzte
der Appell an die Rabbiner, an die Väter, an die Schweiz und auch an das
Ausland ein, das grandiose Werk, dessen finanzielle Sicherung die Kraft
eines Menschen übersteigt, auf seiner Höhe zu erhalten und noch weiter hinan
zu führen. |
Von
den Schweizer Rabbinern und zugleich im Namen der Väter richtete nun Herr
Rabbiner Kornfein, Zürich, ein paar schlichte Worte der Anerkennung,
der Mahnung und der Aneiferung an die Schüler.
Draußen im Garten, wo die Akazien und die Edeltannen am Hange in der
Nachmittagssonne dunkel schimmerten, rief nun lauter Gesang. Dort waren von
Baum zu Baum Girlanden gezogen, als gäbe es eine italienische Nacht. Unter
einem Baldachin harrte das neue Sefer (Torarolle) inmitten anderer Seforim
des feierlichen Umzuges. Bachurim (Schüler) umringten mit brennenden
Fackeln die Chuppa (Baldachin). Unten am Fuße der Hänge leuchtete der
See kristallklar, und dahinter über den französischen Bergen ging eine Sonne
unter, so groß, so blutrot, so von tausend schimmernden Farben begleitet,
wie wir es noch nie gesehen haben. Siebenzig junge Menschen sangen
Psalmlieder, immer wieder ausklingend in die Worte: 'Freut euch und jubelt
in der Freude um die Tora!'
Es folgten Rundgänge im Garten bei Fackellicht und untergehender Sonne. Mit
Sang, Klang und Tanz wurde das Sefer in den großen Saal der Jeschiwo
gebracht, und im Anblick der heiligen Rollen, die, wie am Simchas-Tora,
hoch aufgepflanzt dastanden, hielt Herr Redakteur Schachnowitz,
Frankfurt am Main, die Festrede. In groß angelegtem Aufbau zeigte, er
die, drei aufbauenden Richtungen im Judentum des letzten Jahrhunderts:
Chassidismus, Mussar und die Regeneration im Westen von S. R. Hirschischem
Geist; zeigte das Besondere einer jeden dieser drei Methoden, was sie von
einander trennt und miteinander verbindet, und, danach bemessen, die
eigene Bedeutung der Jeschiwa zu Montreux. Eine spontane Ovation, die
den Worten folgte, war mehr aus der Weihe des Augenblickes geboren, die sich
in einer Welle der Begeisterung ihren Höhepunkt schuf.
Darauf wurde die Torarolle zu Ende geschrieben und mit Gesängen eingehoben.
Nach einer längeren Pause, die mit allerlei Attraktionen, u. a. mit einer
zweiten Ansprache des Leiters ausgefüllt wurde, harrte eine ungemein reich
gedeckte Tafel der Gäste und Jünger, wobei man wiederum die unsäglich
aufopfernde Liebe der Frau Botschko zum Lebenswerke ihres Gatten
bewundern konnte. Bei Tisch wurden noch ganz vortreffliche Reden gehalten
von den Herren Rabbiner Dr. Brom,
Luzern, Rabbiner Dr. Bohrer,
Gailingen, Dr. M. Ascher, Bex les Bains, N. Sternbuch,
St. Gallen, Dr. Levinger,
München und S. Epstein, Freiburg.
Als man mit Essen, Reden, Singen und Tanzen fertig war, war es ungefähr
Zeit, mit den Slichaus zu beginnen.
Am Montagmittag gab es, nachdem die meisten Gäste abgefahren waren, noch
eine kleine intime Nachfeier im Hause des Herrn Botschko mit' Festmahl und
Tischreden des Herrn Rabbiner Botschko, des um die Jeschiwah sehr
verdienten Herrn Stefanski aus Zürich und mit Dankesworten des Herrn
Schachnowitz.
Es. war ein herrliches Treffen der Schweizer Torafreunde, und, bei aller
rauschenden Festfreude, eine Schuwo-Demonstration reinster und schönster
Art. |
"Sonne hinter den Bergen" -
über die Jeschiwa in Montreux (1930)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 17. Oktober 1930: "Sonne hinter den Bergen. Ein Tschuwoh-Tag in der
Schweiz.
Eine Reminiszenz: Es - war im Jahre 1902. Ich war erst einige Jahre in der
Schweiz und mit den Verhältnissen der dortigen Judenheit wenig vertraut.
Zwei Tage vor dem Rosch ha-schono-Feste erreichte mich in meiner
Weltabgeschiedenheit eine Depesche aus einer mir bis dahin unbekannten Stadt
mit französischer Schreibart. 'Schicket Chasan zu Roschhaschono'. Da ich in
meiner Dorfgemeinde keine Vorbeterschule erhielt und auch sonst keine
Chasanim auf Lager hatte, andererseits aber eine jüdische Niederlassung, die
an den heiligen Tagen sich sammeln und zu ihrem G'tte beten wollte, nicht
enttäuschen mochte, machte ich mich noch gleichen Tages auf die Beine durch
den herbstlichen Wald nach dem Städtchen Baden.
Dort konnte ich mit Hilfe des mir befreundeten Rabbiners einen Mann, im
Hauptberufe Hausierer, ausfindig machen, der sich in den Gebeten, Bräuchen
und Melodien womöglich noch besser auskannte, als in den Hosenträgern,
Knöpfen und Kämmen seines Hausiererkrames. Die Sache war gemacht und ich
trat zufrieden den Heimweg an.
Der Rüstetag zum Feste senkte sich. Ich trat, fertig für den heiligen
Dienst, aus meiner Wohnung, um mich in die nahe Synagoge zu begeben. Da
versperrte mir wieder der Postbote den Weg. Er hatte ein Telegramm in der
Hand. Text: 'Kein Schofar am Platz'. Unterschrieben war der Hausiererchasan.
Diese Stadt und diese Gemeinde hat heute siebenzig Torajünger und
heißt Montreux.
Als am Sonntag, drei Tage vor Jom-Kippur, im Garten der Jeschiwa die
neugeschriebene Torarolle, in weiße Seide gehüllt, in der Mitte anderer
Rollen, hoch aufgepflanzt zwischen Fahnen, Girlanden und Ampeln stand, und
ein Gesang sich erhob, als seien alle Jahrhundertelang unterdrückten guten
jüdischen Geister plötzlich erwacht, sahen wir jenseits des glitzernden
Sees, über den Bergen Savoyens, ein Farbenspiel am Himmel, wie wir es noch
nie erlebt hatten. So rund, so rot, so groß und blank und alle Farben der
Berge, Seen, Wälder und Wiesen mit hinübernehmend ging die Sonne unter, dass
das Auge geblendet war, während der Mund sang. Wie eine Riesenampel am
abendlich blauen Himmelsdach vom Weltenlenker eigens dazu angezündet, lachte
und leuchtete sie zu unserem Feste, und es schien, als ließe sie sich Zeit,
als bewegte sie sich im Tanzschritte mit uns. Es hätte sich verlohnt, wegen
dieses Sonnenunterganges allein herzukommen. Oben am Horizonte das Wunder
hinter den Bergen; unten ein Wunder der Tora auf der Höhe vor der Stadt
ohne Schofar. Und das dritte Wunder: Das eine Wunder hebt das andere nicht
auf, sie gehören zueinander. Die untergehende Sonne schickt letzte Grüße der
Festgemeinde, und im Jubel des Festes ist Jedermanns Auge an der goldenen
Kugel am westlichen Himmelszelte gebannt. Sonne und Tora, Tora und Sonne,
sie gehören in diesem Augenblicke zu einander.
Einmal stand sie, die Sonne, der Tora, hinter jenen französischen Bergen so
hoch und so hell, dass ihre Strahlen nach der gesamten Diaspora drangen. Sie
ging dort unter, wer weiß warum? Und sie leuchtet hier auf einem Berge vor
einer mondänen Kurstadt wieder auf. Das ist, jeder hörts, der Sonne
Abschiedslied an diesem wundersamen Abend von Montreux.
Ein Nachmittag war verklungen, ein Abend vergangen, eine Nacht verronnen,
wie deren uns nicht viele im Leben beschieden sind. So ganz losgelöst von
den Anliegen und Beschwerden des Tages, den Ewigkeitshauch der Sonne und der
Tora in der Seele, saß man bei Tisch, ergötzte man sich an Geistesfunken,
die zwischen Gang und Gang sprühten, sang und tanzte man. Wer wollte durch
Schlaf die kostbaren Stunden und Minuten dieser Wundernacht von Montreux
mindern?
Und nun war es draußen ganz tiefe Nacht, hatten sich See und Berge kurz vor
dem Erwachen wie fröstelnd noch einmal tief eingehüllt in ihre grauen dicken
Nebeldecken. Aber von Ost her weckte schon ein leises Singen und Klingen,
und es leuchtete grau und, zart durch die Wolkenbänke. Ein feiner Tau stieg
auf. Wenn man die Hand zum Fenster hinausstreckte, brachte man sie nass
wieder herein, Nebelschwaden stiegen auf und nieder, wie wandernde Bäche.
Der See und die Kuppen lagen unter ihren Decken bis zur Unsichtbarkeit. Und
siebenzig Jünger mitsamt einigen noch anwesenden Gästen sangen Slichausgebete (vgl.
https://de.wikipedia.org/wiki/Slichot).
Waren das noch die gleichen Jungen, die gleichen Gesichter, die gleichen
Stimmen, die gleichen Seelen? Wo waren die Jubeltöne, die launigen Reden,
die tanzenden Schritte von vorhin? Die jungen Menschen waren von einer Welle
der Andacht, wie die jungen Weiden vom Sturmwinde geschüttelt? Siebenzig
junge Menschenseelen schmolzen ineinander zu einer Seele, der reinsten und
schönsten, die ich je in Andachtsschauer gesehen habe.
'G'tt o G'tt, ein G'tt der Barmherzigkeit und der Gnade. - - - '
'Maß der Barmherzigkeit, rolle herab auf uns und vor deinen Schöpfer werfe
unser Flehen, und für dein Volk Erbarmen erheische - -'
'Ich bedenke, G'tt, dieses und erschauere; da ich sehe, wie jede Stadt auf
ihrem Fundamente errichtet, die Stadt G'ttes aber erniedrigt ist bis zur
untersten Gruft - - -'
Jeder Satz, jedes Wort zittert in unzähligen Schwingungen aus. Weinen ohne
Worte gleitet hinüber zum folgenden Satz, in steigender Inbrunst. Die Engel
im Himmel singen und weinen mit ...
Ich sehe hinaus. Als hätte das Gebet aus siebenzig jungen reinen Seelen die
Pforten des Himmels gespalten, hebt sich langsam und stetig der schwammige
Nebel. Einer nach dem anderen werfen die Berge den grauen Schleier ab. Der
See unten fängt rötlich zu glitzern an und über den anderen Bergen östlich
steht eine Sonne, weniger rot, weniger rund, weniger buntfarben, aber so
groß und so gewaltig wie gestern Abend, als sie im Jubelgesang schied. Etwas
blass und ernst betet sie mit der kleinen Gemeinde, wie sie gestern mit ihr
gelacht, gesungen und getanzt hatte. Sie hatte vor den verschlossenen
Himmelstoren gewartet, bis sie die Jungen mit ihrem Gebete aufrissen . . .
Alles, was ich auf dieser kleinen Spritztour durch die Schweiz zwischen
Roschhaschono und Jomkippur sah und erlebte, konnte ich nur noch im Bilde
der unter- und aufgehenden Sonne sehen. 'Sichronos', Erinnerungen von
dreiundzwanzig Jahren stürmten auf mich ein und aus mir heraus, um Wort und
Bild zu werden. Was hatte sich da in diesem Vierteljahrhundert alles
ereignet! Damals gab es in der Schweiz zwei im Abblühen schon begriffene,
aber immerhin noch blühenden Landgemeinden, von denen die eine heute ein
Altersasyl und die andere einen Friedhof hat. Die Sonne ging nur unter, um
anderswo von neuem aufzuleuchten. Drei oder vier neue Synagogen sind
inzwischen in der Schweiz neu entstanden, Rabbinate gegründet worden. In
Zürich, wo sich damals die J.R.G. mit ihrem G'ttesdienst einige Treppen
hinauftappen musste, erhebt sich heute ein Synagogenprachtbau, der eine
Sehenswürdigkeit der Stadt ist. Und in Basel, der Stadt der
Kongresse, das freilich damals schon im Beshamidrasch (Talmudschule)
eine unverwüstliche jüdische Urzelle besaß, steht heute die
Religionsgesellschaft mit eigener schöner Synagoge als Sammelpunkt der
Gesetzestreuen. Es geht vorwärts im Reiche des jüdischen Geistes, in der
Schweiz und sicher auch anderswo, wenn man die Dinge in zeitlichen
Zusammenhängen von Vierteljahrhunderten wertet.
Auf dem Heimwege geht es eine Strecke weit im Auto zwischen blauen Seen und
mächtigen Felsenwänden, die schneeweiße Hauben auf dem Kopfe tragen, als
hätten sie schon Jomkippur, durch natürliche Schluchten hindurch, an Flüssen
und lieblichen weinbedeckten Hängen vorbei, durch |
kleine
und große Städte, Dörfer und Weiler, wo der Friede in den Häusern und Augen
der Menschen wohnt.
Einen Tag vor Jomkippur, liegt die Landschaft des Berner Oberlands in ihrer
grandiosen Herrlichkeit wie ein großes Musfarbuch vor uns, darin die
zackigen Höhen die Buchstaben, die grünen Täler zu ihren Füßen die Vokale,
die geschlungenen Flüsse die Tonzeichen sind, und das Ganze besagt:
'Mensch, wie klein und winzig bist du im Angesichte dieser Giganten, gleich
einem zerbrechlichen Scherben; wie welkendes Gras, verwehender Windhauch,
verfliegender Traum.'
'Und dennoch bist du mehr denn sie alle, dieweil du sie, stumme Zeugen der
Ewigkeit, sehen, begreifen und erleben kannst. Ihre Schönheit erhebt deinen
Sinn, ihre Größe zwingt deinen Blick zu Ihm, der groß ist über aller Größe.'
'Hoch oben, sagen die Buchstaben und Vokale, ist Schnee und Gletschereis,
aber Sonne küsst die Eisdecke und Wasser fließt zu Tal und sammelt sich zu
lieblichen blauen Seen, an deren Gestaden die goldene Rebe blüht. Aus Schnee
und Eis ist Lieblichkeit und Wärme und Gedeihen geworden. Wann, Menschen,
wird Sonnenkuss, das Eis in eurem Herzen treffen, dass daraus Freude und
Frieden, Liebe und Harmonie wird? Wann, Menschen? Jomkippur ist vor der Türe
und — Genf ist nur ein paar Wegemeilen entfernt . .
Wir sind in Interlaken , wo wir
für die Nacht Rast halten. Im Hotelzimmer lernt unser Mentor, in dessen Auto
wir fahren, mit seinem ihn begleitenden Hausrabbi noch einen Traktat aus
Mischna vor dem Schlafengehen. An der Grenzscheide zwischen der Schweiz und
seinem Heimatlande helfe ich ihm tags daraus in der jüdischen Buchhandlung
den Esrog aussuchen. Es muss der beste, schönste und vollkommenste sein.
Dieser Herr und der kleine Kreis seiner Gesinnungsfreunde in einer badischen
Stadt und Gemeinde, die von jeher als Zentrum der Negation das Land und das
Reich mit Reformideen speiste, sind ebenfalls lebendige Zeugen. dessen, dass
die Sonne nur untergeht, um anderswo wieder neu aufzuleuchten . . .
Montreux hat seinen Schofar, der aus siebenzig jugendfrischen Kehlen
ins Land und in die Länder hinausschallt das ewige Lied der Lehre. Die
Westfront der Tora, vor achtzig Jahren vom großen Rabbiner am Main aus
letzten Restbeständen zusammengefügt, ist nicht durchbrochen. Vor vierzig
Jahren wanderte mit Breuer eine ungarische Jeschiwa von Ktaw Sofer'schem
Geiste nach Frankfurt hin, die Zahl ihrer Jünger nähert sich heute, allen
Wandlungen und Umwälzungen zum Trotze, dem Hundert. Vor vier Jahren
kletterte mit einem begnadeten Menschen ein Stück litauisches Toraleben
die Höhe von Montreux hinauf. Keine Macht der Welt wird mehr diese
Torastätte von ihrer Höhe verdrängen.
Im Jubel des Festes geht eine Sonne in herrlichem Farbenglanze unter. Im
Brausen der Morgengebete leuchtet eine Sonne neu auf.
Es ist die gleiche Sonne, die gleichen Töne, nur Standort und Szenerie haben
ein wenig gewechselt ...". |
Semestereröffnung
in der Jeschiwa
(1930)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Dezember
1930: "Schweiz. Eröffnungsfeier des Wintersemesters in der
Jeschiwah.
Montreux, 25. November. Es war eine freudige Wiedersehensstimmung,
die in der Jeschiwah am Sonntag den 3. November herrschte. Manchen hatte
wohl gegen Ende des vorigen Semesters das Heimweh ein bisschen gepackt, nach
einem halben Jahr fern von Eltern und Geschwistern, aber jedem sah man es
an, wie ihn nach den vier Wochen Ferien ein anderes Heimweh den freudigen
Augenblick hat herbeiwünschen lassen, wo er die lieb gewonnenen Kameraden
und die lieb gewonnenen Räume wieder sehen konnte. Den Höhepunkt erreichte
diese Stimmung, als am Sonntagnachmittag, nachdem man gerade die letzten
Ankömmlinge begrüßt hatte, die nunmehr vollzählige Jeschiwah von wiederum
etwa 60 Bachurim zusammengetreten war, um die Eröffnung des neuen Semesters
zu feiern. Nach einem herzlichen Willkommen an alle Bachurim beginnt der
Rosch haJeschiwa (Leiter der Jeschiwa) seine groß angelegte Rede,
in der er das Programm einer Weltanschauung entwickelt, die er als Sinn und
Wert des Lebens des Juden, als Erziehungsgedanken der Jeschiwah proklamiert.
Es ist unmöglich, auch nur andeutungsweise die Tiefe der Gedanken und die
hinreißende Form dieser Rede eines Vaters an seine geistigen großen und
kleineren Kinder im Rahmen eines Berichtes wiederzugeben. Tora, Mussar,
Liebe und Mesirat haNefesch (sprituelle Selbstaufopferung, vgl.
https://en.wikipedia.org/wiki/Kochos_hanefesh) waren ihre
Tonleiter und sie sind charakteristisch und programmatisch für den Geist und
die Arbeit der Jeschiwah." |
Chanukkafest in
der Jeschiwa in Montreux
(1931)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Januar
1931: "Chanukka in Montreux.
Das Chanukkafest, oft in seiner innern Bedeutung so oberflächlich aufgefasst
und so gedankenlos vertan, brachte in der Jeschiwah eine geistige
Auseinandersetzung besten Stils in Gang. Das Ereignis, das vor mehr als 2000
Jahren stattgefunden hatte, bot Stoff, mehr noch, war fast zwingende
Veranlassung, die Grundprobleme des Judentums und des jüdischen Seins zum
schier unerschöpflichen, zentralen Thema einer tiefgehenden, vielseitigen
Aussprache zu machen. Die beiden schönen Festabende, die die ganze Jeschiwah
in dieser spezifisch jüdischen, verinnerlichten, reinen und maßvollen,
herzenswarmen Freude feierte, ließen ein reiches tiefes Wissen von Judentum
und von Menschheitswerten aufleuchten. Wahrlich, hier hätte der erlesenste
jüdische Geist, der in der Jeschiwah nur talmudische Streitfragen erörtert
glaubt, eine edle, weltanschauliche Befriedigung gefunden.
Und nicht nur der Rosch Jeschiwah (Leiter der Jeschiwa) Rabbiner E. Botschko,
bestritt mit seinen drei großen Reden den Hauptteil der Diskussion, sondern
fast alle reiferen Köpfe unter den Bachurim beteiligten sich, abgesehen noch
von einigen feinsinnigen Ansprachen seitens der Dozenten.
Wenigstens ein paar der besten Gedanken sollen hier kurz skizzenhaft
festgehalten werden. So die symbolische Deutung der Einzeltatsachen des
nes-Chanukka, das im Ausspinnen seines überzeitlichen Wesensgehaltes
eigentlich zum Angelpunkt der ganzen Geschichte des jüdischen Volkes wird,
dessen geschichtliche Vergangenheit sich als immer wiederkehrende, jüdische
Gegenwart und Zukunft offenbart. 'So der Hinweis auf die weltgeschichtliche
Ausgabe des Judentums, immer wieder zu. zeigen, dass die erdrückenden,
verflachenden und kulturauflösenden Mächte der äußeren und innerem
Assimilation von der kleinsten Gemeinschaft überwunden werden können, wenn
diese nur geschlossen und hingebungsvoll Trägerin eines hohen Gedankens ist
und in edler Konsequenz mit diesem Gedanken auch die letzten Verzweigungen
des Lebens durchdringt und erfüllt.. Wie fein die psychologische Deutung des
Unterschiedes der beiden Gesetzesmeinungen war, die in der Gemoro über die
Zahl der Chanukkalichter streiten. Beth-Hillel, das täglich ein Licht
mehr zu Zünden heißt, entsprechend den 'vergangenen Tagen' des Festes, als
Gleichnis der Vergangenheit aus deren kampf- und sieghaftem Verlaus man die
Kraft zur steigenden Hoffnung schöpfen kann, während Beth-Schammai durch die
täglich abnehmende Zahl der Lichter an die noch Übrigbleibenden, an die
'kommenden Tage' gemahnt, an die Last und den Schrecken einer ungewissen
trüben Zukunft, die die Lichter der Hoffnung immer mehr verringern; und aus
diesem Dilemma des zuversichtlichen Optimismus Beth Hillels und des
zukunftsbangen Pessimismus Bet-Schammais rettet der Schiedsspruch der Gemoro:
... es bleibt wie Beth-Hillel. Und so müssen wir stets unsere Blicke auf die
glorreiche Vergangenheit richten, die uns eine ebenso verheißungsvolle
Zukunft verkündet.
Und in aller Herzen sangen die uralten Jeschiwah-Melodien. die Lehre des
vergangenen und der Glaube an ein neues künftiges Chanukka, an die
Auferstehung neuer
Makkabäerhelden, erfüllt und durchdrungen vom ewig leuchtenden und
unbesiegbaren Hasmonäergeist. " |
Semestereröffnung in der Jeschiwa
(1931)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Oktober
1931: "Semesterbeginn in der Montreuxer Jeschiwoh. Montreux,
25. Oktober.
Die Eröffnungsfeier des neuen Semesters fand am Sonntag, den 18. dieses Monats,
im großen Hörsaale der Jeschiwoh statt. Die Bachurim des vorigen Seman, die
meistens schon das dritte, manche sogar das vierte Jahr in der Jeschiwoh
sind, waren wieder vollzählig erschienen.
Als der Rosch-Jeschiwoh, Rabbi Elijahu Botschko, seine warme,
eindrucksvolle Ansprache begann, war der Saal bis auf den letzten Platz
gefüllt: Im Mittelpunkt der groß angelegten Rede stand der Bericht, dass die
Jeschiwoh nun in das zehnte Seman hineingeht, und dieses zehnte Semester eine
Zusammenfassung und Steigerung aller bisherigen fein möge, der Zehnte sei
heilig.
Mit zündender Begeisterung wandte sich der Rebbe dann an seine Bachurim mit
dem Appell, ihre besten Kräfte dem 'Lernen' zu geben, da dies ja auch in der
Zeit der allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Krise die beste
Kapitalanlage sei. Dann sprach der Rebbe von dem Tora im Derech-Erez-Problem und
schloss mit tiefen Mussarworten, die nachhaltigen Eindruck hinterließen.
Nach einem darauf folgenden Pilpul über Bifnei nichtaw leschama begab man sich in den Speisesaal,
um nun auch dem gemütlichen Teil Rechnung zu tragen. Dort hielten die
Dozenten Reden, die in Ermahnungen an die Schüler ausklangen. Für den Humor
sorgte der Herr Scharje Berkowitz, der in schönen Epigrammen, die
besonderen Vorfälle des letzten Seman festhielt. Bis spät in die Nacht hinein
blieben die Bachurim bei Tee und froher Geselligkeit zusammen". |
Semesterschlussfeier in
der Jeschiwa (1933)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. April
1933: "Montreux, 2. April. Das zwölfte Semester ist zu Ende und
deshalb wollte man demselben noch einige Stunden der Erinnerung widmen und
der vergangenen Wintermonate mit einem Sium aus Traktat Pessachim
gedenken. Aus diesem Grunde gestaltete sich auch die Semesterschlussfeier zu
einem Torafest, wie man es sich nicht eindrucksvoller vorstellen konnte.
Nach dem Mincho-Gebet hielt der Rosch-Jeschiwoh. Rabbi Elijahu Botschko
, ein großes Verhör, das mit einem Pilpul abschloss. Erstaunliches
Können im talmudischen Wissen erfreute die erschienenen Gäste. Nach dem
gemeinsamen Abendessen, wobei herrliche Psalmgesänge erklangen, hielt der
Leiter der Jeschiwoh eine längere Abschiedsdroscho (Abschiedspredigt).
Mit großer Freude stellte er fest, dass man mit großem Erfolge — fast die
ganze Jeschiwoh hatte die masechat pessachim mit 120 Blatt ausgelernt — das
12. Semester beschließen kann. Die Zahl 12 setzt sich aus den Buchstaben ’
und b zusammen, die das Wörtchen jb ergeben. Jeder Bochur muss sich sagen,
dass er das Erlernte und Gehörte als ewigen Besitz in sich trage. Einen
warmen und zündenden Appell richtete nun der Rosch-Jeschiwoh an seine
abgehenden Schüler — die dieses Mal nur in kleiner Anzahl sind, da die
meisten der Bachurim wieder zurückkommen — sich jederzeit für die Tauroh
Mosar nefesch zu sein und dieselbe sich nie nehmen zu lassen.
Alsdann versammelte man sich in dem Bibliothekssaal, um das Schlusslernen
des beendigten Traktates pessachim vorzunehmen. Eine stattliche Reihe
von Reden verschönte den Abend. Herr Dozent Salomon Hamburger sprach
in schwungvoller Rede über die Bedeutsamkeit des Limmud Hatauro
(Torastudiums). Herr Bela Silber beleuchtete in geistreichen
Worten die Gegenwartsprobleme. Ferner sprachen noch die Herren Meyer
aus Mülhausen, Leiner, Karlsruhe, Doppelt, Duisburg und
Elstein , Haifa, ihrem Rebben den wärmsten Dank für seine aufopfernde
und nie ermüdende Lerntätigkeit aus. Eine Reihe weiterer Redner konnte
leider durch die vorgeschrittene Zeit nicht mehr zu Worte kommen.
Zwischendurch wickelte sich der gemütliche Teil in echt harmonischer Weise
ab." |
Über
die Jeschiwa in Montreux (1933)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 17. August 1933: "Höhen am Genfersee. III. In einfachen
Worten.
Die Jeschiwah zu Montreux wird viel besucht und auch viel besungen. Wenn die
Musik schweigt, so ergibt sich aus den konkreten Zahlen und Daten folgendes
Bild: Die Jeschiwah, die vor etwa sieben Jahren von einem Begnadeten
gegründet und von vielen als Phantom verlacht und verspottet wurde, ist
heute eine Tatsache, über die keiner mehr hinwegsehen kann, wie er sich auch
zum Jeschiwah-Problem in der Schweiz stellen mag. Die kleine Torarepublik
auf Quisisana umfaßt zur Stunde, einschließlich der Gäste, der
vorübergehenden Kursteilnehmer und der Ferienkinder, mitsamt Lehrern und
Dozenten, knapp achtzig Seelen. Über dem Ganken steht der Schöpfer und
Leiter, Rabbi Eliahu Botschko , dem für die finanztechnischen und Verwaltungsgeschäfte in Herrn Josef
Heidingsfeld aus Frankfurt ein
unermüdlicher Sekretär zur Seite steht.
Der Lehrbetrieb ist so intensiv wie in irgend einer Jeschiwah des Ostens,
beginnt morgens schon zwei Stunden vor dem G'ttesdienst und reicht bis in
die tiefe blaue Nacht hinein. Es ist aber dafür gesorgt, dass die älteren und
jüngeren Schüler einige Stunden im Tage bei Sport und Spiel Ausspannung
finden. Ein freier Nachmittag ist für Ausflüge und Schwimmen bestimmt.
Hatte sich die Jeschiwah ursprünglich in ihren Kampf- und Werdejahren
ausschließlich auf die Gemoro zurückgezogen, ohne einen fremden Lufthauch
in die hermetische Abgeschlossenheit hereinzulassen, was vielfach
berechtigte oder unberechtigte Kritik herausforderte, so fühlt sie sich
heute stark genug, auch ein Fenster nach außen zu öffnen. T'nach-Kurse
werden abgehalten und ein eigener Dozent wurde in den Ferienwochen für
jüdische Geschichte gewonnen. Dass sich sowohl der T'nach-Unterricht wie das
Geschichtsstudium in den Rahmen der Jeschiwah ein-fügen und nur als
Ergänzung des Lernbetriebes dienen (T'nach nach den traditionellen
Kommentaren, Geschichte vornehmlich nach Rabbi Jzchok Halevi) ist
selbstverständlich. Im Gegensatz zu früheren Gepflogenheiten wird auch
geduldet, dass einige reife Schüler zugleich an der nahen Universität in
Lausanne zu gewissen Stunden des Tages ihren Studien obliegen.
Der Mussar kommt einigemal in der Woche nach Beendigung des Lernbetriebes zu
Wort, ohne das System 'und die Geistesarbeit fichtbarlich und aufdringlich
zu beeinflussen. Es ist weniger Buch-Mussar als ein Mustar der Gesinnung,
der inneren Läuterung. Wie beim Schiur, so bilden auch in diesem Belange die
häufigen Vorträge, Reden und Ansprachen des Jeschiwahleiters den Höhepunkt,
von dem die Orientierung im Gelände des Denkens ausgeht.
Dis Zusammensetzung der Jeschiwah schlägt in ihrer bunten Vielfalt wohl
einen Weltrekord. Vierzehn Länder sind vertreten. Die 'Majorität dürften
die Deutschen stellen, aber das Gepräge geben der Jeschiwah. die Franzosen
aus dem Mutterlande wie aus dem Elsaß. Ungarn, Tschechoslowakei, Rumänien
und nicht zuletzt die Schweiz sind gut vertreten. Auch England und Holland
fehlen nicht und ein Südafrikaner ist gerade auf dem Wege hierher. So
verschieden wie nach Landsmannschaft, so bunt ist die Besatzung nach
Alter, Herkunft und Vorbildung. Im sogenannten 'Kibbuz" sind welche, die zu
den obersten und besten Jüngern in T e l s ch i, Mir und Radi n gehörten.
Natürlich betätigen sie sich neben dem Hauptdozenten, Herrn Salomon
Hamburger aus Berlin, (einem würdigen Urenkel von Chatam Sofer), als Lehrer
und vertreten wie der Leiter selbst die litauische Methode bis zur letzten
Nuance. Ueberhaupt spielt hier das altjüdische System des Lehrer-Jüngers
eine große Rolle. Wer sich schon einigermaßen zu bewegen versteht im Meere
des Talmuds, muß lehrend andere mitziehen. Bis zu den Kleinen ist fast jeder
Lehrer und Schüler zugleich, und alles fügt sich in den Bau harmonisch ein.
Bei Tisch, bei Vorträgen oder Veranstaltungen kann man den kleinen Franzosen
aus der elsässifchen Mittelschule neben dem fertigen Doktor der Philologie
aus London, den Abiturienten ans Deutschland neben dein Reverend aus Amerika
sehen, der eigens hergekommen ist, um fein talmudifches Wissen zu vertiefen.
Es ist bei aller buntfarbigen Mischung ein Einheitsbild von höchster
Harmonie, über dem die leitende und liebende Hand eines Mannes ruht, der
seine Seele in dieses heilige Werk hineingesetzt hak.
Das Wunder in diesem Wunder ist, daß Frankreich hinter den Bergen am
jenseitigen Seeufer von der Stimme da oben aufgerüttelt wurde, als erwachten
dort die Tossofisten von ihrem bald tausendjährigen Schlummer. Man muss es
sehen, wie die jungen Kinder von drüben per Bahn, per Schiff und auch zu
Fuß, zum Teile in ihrer französischen Pfadfindertracht, mit ihrem leichten
Gepäck hier anmarschiert kommen und schon nach wenigen Tagen in das
Jeschiwahleben so ganz eingegangen sind, als hätten sie nie was anderes
gesehen. Es gibt auf der Villa Quisisana Jünger genug, die die
Auseinandersetzungen von Raw und Schmuel, Rowo und Abaje und was die alten 'Franzosen" und
'Deutschen" in ihren Randglossen dazu sagten, auch im
klassischen Französisch zu verdolmetschen wissen. Die Melodie bleibt die
gleiche.
Die Jeschiwah behält ihren eigenen Charakter durch das Internat, das ihr ein
großes Maß innerer Geschlossenheit, auch Abgeschlossenheit sichert. Doch
strebt sie mählich aus der engen Umklammerung heraus. Die über dreißig
Betten auf der Villa Quisisana reichen bei weitem nicht mehr aus. Ganze
Stadtviertel im oberen Teile von Montreux find morgens und abends von
Vachurim belebt, die uus ihren Quartieren kommen oder in dieselben
zurückkehren. Im Volksmunde heißen sie alle 'die Botschkos' . . .
Nicht mit Unrecht!
Seltenwo in der Welt hat der Talmudjünger neben seinem Lehrhaus zugleich
auch ein solches Familienheim wie in Montreux. Der Bachur, der Älteste wie
der Jüngste, findet zu jeder Stunde des .Tages und des Abends eine offene
Türe zum Hause und zum Herzen des Rebben und noch mehr der 'Rebbezin", die
in gleich hohem Maße Mutter der Jeschiwah ist wie ihr Mann ihr als Vater
vorsteht. Ein Freitagabend in dem vollbesetzten Hause des Jeschiwahlehrers
unten am Hange ist ein tiefes Erlebnis, das man nicht so bald vergisst.
IV. Sabbat in Montreux.
Rasch fällt am Freitag die feuerrote Kugel in der Richtung von Clärens in den
kristallblauen See. Ein heißer Tag mündet in einem lauen Abend, wie man ihn
nur zwischen Berg und Wasser in Montreux erlebt. So schmal ist die Grenze
zwischen Tag und Nacht, wie wir sie nur einmal gesehen und zwar in Tiberias
am Kinneretsee zu Galiläa, an welche Gegend auch noch manches Andere hier
erinnert. Von allen .Seiten strömen die Jünger, frisch gebadet und sabbatlich gekleidet, in Reinheit, Weihe und Jugendlichkeit, zu. dem Berge
hinauf. Spielt sich sonst der Lehrbetrieb zum guten Teile im großen Garten
im Schatten der Tannen und Obstbäume ab, so ist jetzt der Hauptsaal der Jeschiwah, der Gebetraum voll gefüllt. Man beginnt nicht genau nach der Uhr
und man beeilt sich nicht. Aus gleichgestimmten jugendlichen Menschenseelen,
die hier in Einsamkeit und Beschaulichkeit, umgeben von Naturschönheiten
ohnegleichen, geleitet von der gesegneten Hand eines Jugendbildners großen
Formates, Brücken zu einer höheren Welt bauen, steigt ein echtes chassidisches
'Lecho daudi" zur Begrüßung des Sabbat auf. Mustar und
Chassidismus klingen hier zusammen, so will es. der Leiter, der litauisch
lernt, Mussar predigt und chassidisch singen lässt. Aus allem, was aut ist,
muß das Beste werden. Indes sind in den Nebenräumen die langen Tafeln schön
gedeckt und würziger Duft der Sabbatspeisen kommt aus den Küchenräumen. Mit
einem jigdal-Chore senkt sich draußen hinter den Bäumen die Sonne vollends
in den Seekestel. Blaue Nacht, Freitagabend!
Unten in der Billa Bella ist Königin Sabbat ein Tisch gedeckt, wie ihn keine
Prinzessin der Welt prunkvoller verlangen kann. Alles, ist eitel Licht,
Lied und Liebe. Es sind so viele Gedecke auf dem Tische, wie es gerade
fremde jüdische Gäste in diesem mondänen Luftkurort gibt, denen der Sabbat
was bedeutet. Noch ist das Mahl nicht zu Ende, und schon ist die ganze
Jeschiwah da. Sämtliche Zimmer samt Veranda sind bis auf den letzten Platz
angefüllt. Die 'gute Stube" ist nach Meinung der Rebbezin erst wirklich gut,
wenn sie diesen heiligen lebendigen Inhalt erhält. Bei Tee und Kuchen öffnen
sich die Herzen und die Kehlen. So viele prachtvolle Sänger hat die
Jeschiwah, daß die Nacht nicht ausreichen würde, kämen sie alle zu Wort. Der
Hausherr und Leiter spricht. Er hat immer etwas zu sagen, wenn er vor
seiner Schülergemeinde steht. Begrüßung von Gästen, gemessenes Lob oder
latenter Tadel. Und alles geht vom Postuk der Sidra aus und kehrt, oft auf
langen Umwegen, zu diesem zurück. Man trennt sich nach Mitternacht. Das
Ganze nennt man einen 'jeschiwischen Freitagabend".
Der Sabbatmorgen beginnt mit süßen, innigen Gebeten und schließt weit über
die Nachtgrenze hinaus mit einem chassidischen Gutwoch-Lied ab. Dazwischen
rollt ein Tag in Weihe, Innigkeit, Freude, Geistigkeit und Gemütlichkeit ab,
wie das nur in dieser konzentrierten Borgeinsamkeit möglich ist. Oft ist
schon morgens nach Schul das einfache Frühstück in der Jeschiwah von einer
Mussarrede des Leiters gewürzt. Ganz gewiss gibt es aber einen langen Vortrag
des Leiters oder eines gerade anwesenden Gastes am späten Nachmittag. Nach Mincho geht die
'dritte Mahlzeit", chassidisch aufgezogen, in gehobener
Stimmung, mit Liedern und Reden vor sich. Wer achtet der Sonnenkugel, die
schon, zu früh, feuerrot, im See badet und Zeinen so herrlich schönen Tag
mit in die Tiefe herabzusenken sucht? Noch ein Lied, noch jemand hat das
Wort. Im Dunkel des Raumes mahnt das elegische 'Wehu rachum" an Aufbruch. Hawdolohlicht erstrahlt, Hamawdil und Gutwoch-Lied erklingen. Schon sitzen
die besonders Eifrigen wieder an der Gmoro. Die Sabbat-Seele ist nicht
geschieden, ist nur, wie die untertauchende Sonne, in andere Regionen
übergegangen. Morgen ist ein neuer Tag, mit neuem G'ttesdienst, neuen
Schiurim, mit Vorträgen, vielleicht auch wieder mit Begrüßung und
Gegenbegrüßung eines neuen Gastes. Das Leben bleibt unablässig und
unaufhaltsam im Flusse, wie die tausend Bergbäche, die rauschend zum See
Hinabstürzen.
(Weitere Artikel über andere Höhepunkte am Genfersee folgen.)" |
Die
Jeschiwa in Montreux ist zur Weltbedeutung gelangt (1933)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Oktober
1933: "Die Jeschiwa zu Montreux. (Mit drei Bildern)
Die Jeschiwa zu Montreux am Genfersee in der französischen Schweiz ist unter
der Leitung ihres Begründers, Herrn Rabbiner Eliahu Botschko, zur
Weltbedeutung gelangt, In einer Artikelserie bemühten wir uns vor kurzem,
ein anschauliches Bild dieser in ihrer Art einzigen Toralehranstalt in den
Alpen zu geben. Die Bilder zeigen den Rosch Jeschiwa und die jüngsten
Schülergruppen, die, zumeist aus Frankreich kommend, ihre
dreimonatlichen Ferien zum intensiven Toralernen in Montreux ausnutzen." |
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Der Gründer
und Leiter der Jeschiwa zu
Montreux Rabbi Eliahu Botschko
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Die Jüngsten
der Jeschiwa zu Montreux -
Feriengruppe aus Frankreich
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Eine
Ferienschülergruppe aus Frankreich lernt in der Jeschiwa zu Montreux Gmoro
unter Leitung eines älteren Hörers, der die französische Sprache beherrscht |
Semesterbeginn in der Jeschiwa
(1933)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. November
1933: "Schweiz. Semesterbeginn auf der Jeschiwa.
Montreux, 5. November. Das 14. Semester der Jeschiwa wurde mit
einer hinreißenden Mussar-Droscho des Rosch Jeschiwoh, Rabbi Elijahu
Botschko, eröffnet. Daran schloss sich ein großangelegter Pilpul über
ein... -
Nach dem Maariw-Gebet begab man sich zur gemeinsamen Seudoh, die bei
Unterhaltung, Ansprachen und heiteren Gesängen bis spät in die Nacht hinein
dauerte.
Die Jeschiwa ist wieder voller Leben und Lehre, ist Zufluchtsstätte für
viele, die im wilden Strome der Zeit nach Weg und Ziel suchen; eine
Heimstätte des jüdischen Geistes, Pflanzstätte der jüdischen Zukunft." |
Hespedreden
des Leiters der Jeschiwa auf bedeutende Rabbiner (1934)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 25. Januar 1934: "Montreux, 19. Januar. Der Leiter der
Jeschiwoh hielt einen tiefbewegten Hesped auf die zwei Größen des Judentums,
die nach Chofez Chajim im besten Mannesalter abberufen wurden: den Lubliner
Raw, Rabbi Meier Schapiro und Rabbi Mosche Mordechai Epstein.
Nach genauer Schilderung des Lubliner Raw (in diesen Blättern bekannt), kam
er auf den Gaon der Gaonim, den Lehrer der Rabbiner, Rabbi Epstein, zu
sprechen. Still und zurückgezogen, dem politischen Leben abhold, widmete
sich Rabbi Mordechai Epstein seinem Lebenswerke, der großen Jeschiwoh in
Slobodka. So wurde er der Lehrer fast sämtlicher in Litauen und Amerika
lebenden Rabbiner. Wohl mehrere tausend Rabbiner dürfte der gewaltige
Erzieher in seiner 40jährigen Wirksamkeit belehrt haben, und sein
Standardwerk 'Lewusch Mordechai' wird in jeder Jeschiwoh eifrig
gelernt. Schwere Schicksalsschläge verfinsterten das Leben des großen Rabbi.
Der Tod nahm ihm seinen berühmten Kollegen, 'den Alten', und seinen großen
Schwiegersohn, Rabbi Finkel s. A. Redner schilderte dann die Tragödie von
Hebron. Ergreifende Mussarworte schlossen die Hespedreden ab." |
Mitteilung
der Jeschiwa für Neuanmeldungen (1934)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. März 1934:
"Montreux, 14. März (1934). Die Leitung der Jeschiwoh 'Ez-Chajim'
in Montreux teilt mit, dass sie Neuanmeldungen für das Sommersemester nur
bis zum 15. April annehmen kann. Es bestehen sowohl Kurse für Anfänger
als auch für Fortgeschrittene. Das Sommersemester beginnt am 8. Ijar,
Sonntag, den 22. April." |
Abschluss
des 14. Semesters an der Jeschiwa mit einem Sijum (1934)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. März 1934:
"Montreux, 26. März (1934). Am Donnerstag, den 30. Adar (15.
März), wurde das vierzehnte Semester an der Jeschiwa mit einem
Sijum auf einen Teil des gelernten Traktates abgeschlossen. Im
Mittelpunkte der Feier stand eine längere Abschiedsrede des Rosch
Jeschiwa, Herrn Rabbiner Botschko, der in seiner tiefen und
eindringlichen, aus den letzten Quellen schöpfenden Art wieder alle
Herzen hinriss. 'Erkenne dich selbst' ist die erste Forderung der
jüdischen Mussarlehre, dann die Erkenntnis der Welt, die
Erkenntnis der Tora und die Erkenntnis Gottes. Nach
eingehender Besprechung dieser vier Wege richtete der Redner einen warmen
Appell an die abgehenden Schüler, immer der Lehre und dem Geist von
Montreux im Leben treu zu bleiben.
Der zweite Teil des Abends verlief bei Speis und Trank, schönen Gesängen
und guten Reden in voller Gemütlichkeit. Mehrere Jünger sprachen dem
Rebben heißen dank aus für das, war er ihnen in aufopferungsvoller
Tätigkeit fürs Leben geboten hat." |
Erinnerungen
an große Juden (1934)
Anmerkung: erinnert wird an Prof. Haffkine, der zeitweise in Montreux zu Gast
war und den Frankfurter Prof. Caro.
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. April 1934:
"Erinnerungen an große Juden.
Es war vor sechs Jahren, an einem Erew Peßach. Als ich da in der Hitze
der Montreuxer Frühlingssonne zur Jeschiwoh am Berge hinaufstieg,
begegnete ich meinem Rebben, in dessen Begleitung sich ein älterer Herr
Befand. Der fast schäbige Anzug, den der Fremde anhatte, ließ auf einen
der vielen durchreisenden Armen schließen, die die Montreuxer Jeschiwoh
öfters aufsuchten. Nicht gering war daher mein Erstaunen, als mir der
fremde Herr mit dem Namen Prof. Haffkine vorgestellt wurde.
Professor?! - 'Meglech', sagte der Ostjude in zweifelhaften
Fällen.
Der alte Professor kam dann noch öfters in die Jeschiwoh, wobei wir das
Glück hatten, ihn näher kennen zu lernen. Wir vernahmen da manches von
seinem so überaus reichen Wissen, sahen die Demut, in der er sich mit
seinem Schöpfer aussprach und sahen - last not least - die bis zur
Selbstlosigkeit reichende Bescheidenheit, mit der dieser große Mann
imstande war, das kleinste Kind vor sich aus dem Zimmer gehen zu lassen.
Dass wir von seinem Vorhaben - eine Million Schweizer Frcs. für Jeschiwos
zurückzulassen - nicht die leiseste Ahnung hatten, braucht nicht erst
gesagt zu werden.
Dieses Erlebnis fiel mir ein, als ich in der letzten Nummer des 'Israelit'
die traurige Nachricht vom Hinscheiden unseres allverehrten Prof. Caro - das
Andenken an den Gerechten ist zum Segen - las. Wie sind doch große
Männer einander so ähnlich! Ihre gemeinsamen Nenner? Wissen,
Gottesfurcht, Bescheidenheit.
Wir ausländische Talmidim der Frankfurter Jeschiwoh, die das Glück
hatten, bei Prof. Caro - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen
- Deutsch und sonstige moderne Sprachen zu lernen, werden ihm stets Dank
bewahren für den gewissenhaften, gründlichen Unterricht, mit dem er
unser späteres Fortkommen im Leben zu unterstützen bestrebt war. 'Meine
Herren, wenn Sie nach Ungarn, Rumänien oder sonst wohin kommen, dann wird
man über Sie sagen: Sie sprächen Deutsch wie Schiller oder Goethe, aber
mich täuschen Sie nicht, bei mir müssen Sie können' - sagte er uns
einmal lächelnd.
Und wenn wir nach getaner Arbeit in seinem Zimmer Minchoh mit Minjan
orten, konnten wir nicht genug die Innigkeit bewundern, mit der er ... (unklar,
was mit der Abkürzung gemeint ist) stand. Es war nicht das Gebet
eines gewöhnlichen Profanlehrers, es war das des Enkels großer Männer,
das Gebet eines Rabbi. Hatten doch Talmud und Possekim
(Talmudgelehrte, Dezisoren) einen wichtigen Teil seines Bücherschrankes
eingenommen.
Seine Bescheidenheit? Mir deucht, sie ist in seiner näheren Umgebung sprichwörtlich
geworden und diejenigen, die ihn kannten, durften sich und ihren
Nachkommen stets zurufen: Seid bescheiden wie Prof. Caro - das Andenken
an den Gerechten ist zum Segen - war! Wer gibt uns einen Ersatz
für ihn? Izchok Hakoton." |
Hinweise
zum Studium an der Jeschiwa in Montreux (1934)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 21. September 1934: "Von der Toraresidenz in Montreux.
Montreux, 16. September. Die Jeschiwoh in Montreux gibt
bekannt, dass am 5. Cheschwan, Sonntag, den 14. Oktober, die
Semestereröffnung stattfindet. Anmeldungen sind bis spätestens 5. Oktober an
den Rektor der Jeschiwoh, Rabbi Elijahu Botschko zu richten. Es
bestehen sowohl Kurse für Anfänger als auch für Fortgeschrittene." |
Sukkot-Tage in der Jeschiwa (1934)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Oktober 1934: "Sukkaus-Tage in
Montreux.
Von den vielen Kur- und Erholungsplätzen der Schweiz sind den gesetzestreu
lebenden Juden nur eine kleine Anzahl zugänglich. Der schönsten einer ist
das herrlich am Genfer See gelegene Montreux. Für den jüdischen
Besucher bemerkenswert ist die vor etwa 8 Jahren von Rabbiner Botschko
begründete und seit dieser Zeit unter seiner Leitung stehende Jeschiwa Ez
Chajim, wenn nicht die einzige im westlichen Europa, so doch bestimmt
die in herrlichster Lage befindliche und am schönsten ausgestattetste. Im
letzten Sommer-Semester hatte die Jeschiwa 60—70 Hörer, großenteils aus der
Schweiz, Frankreich und angrenzenden Ländern, aber auch aus Polen und
Deutschland. In mühevoller Arbeit ist es Herrn Rabb. Botschko gelungen, aus
kleinen Anfängen diese Lehranstalt, die schon so viel zur Verbreitung des
Torawissens in Westeuropa beigetragen hat, aufzubauen und ihr die
wohlverdiente Anerkennung zu verschaffen.
Für das leibliche Wohl der jüdischen Gäste sorgt in ausgezeichneter Weise
die in einem großen erstklassigen nichtjüdischen Hotel befindliche Pension
Reisler. Gerade die Sukkaus-Tage dieses Jahres gestalteten sich für die
jüdischen Gäste zu einer besonderen körperlichen und seelischen Erholung.
Die wunderbare Herbstsonne über einer herrlichen Landschaft, in welcher die
Weinlese in vollem Gange war, beleuchtete ein Bild des Friedens. Dieser
Anblick und die gemeinsamen Mahlzeiten in der schönen Sukkoh, von der aus
man bis ans jenseitige Ufer des Genfer Sees schauen konnte, und das
beständige schöne Wetter erzeugten ein allgemeines Gefühl der Zufriedenheit
und der Ausspannung von Berufsarbeit und Sorgen.
Die von der Jeschiwa teils dort, teils im Hotel veranstalteten G'ttesdienste
mit trefflichen Ansprachen des verdienstvollen Jeschiwaleiters. das Lernen
in der Hoschano-Rabbo-Nacht, die von echt jüdischem Leben durchpulste
Simchas-Torafeier und zuletzt die Abschiedsstunde am Ausgange des
Feiertages im gastfreien Hause des Rabb. Botschko mit einer Reihe
schöner Reden ergaben eine gehobene Feststimmung.
An diese Sukkaus-Tage in Montreux werden sicher alle Teilnehmer noch lange
voller Freude zurückdenken. —r." |
Eröffnung
des 16. Semesters in der Jeschiwa (1934)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. November 1934:
"Semester-Eröffnung in der Jeschiwoh in Montreux.
Montreux, 11. November (1934). Am Sonntag, den 21. Oktober, fand in
Anwesenheit mehrerer Gäste von Zürich, Bern, Bex, Montreux die Eröffnung
des 16. Semesters der Jeschiwoh in festlicher Stimmung statt. Der Rosch
Jeschiwoh, Rabbi Elijahu Botschko, begann die akademische Feier mit
einer herzlichen Ansprache, die aufnahmefreudige Hörer fand. Es war aus
der Rede zu entnehmen, dass auch in diesem Semester unter den neuen
Dozenten aus Litauen und den 42 Schülern eine schöne Anzahl französischer
Schüler als Vollhörer für ein ganzes Jahr in der Jeschiwoh befinden.
Die Jeschiwoh in Montreux wird stets darauf achten, dass das von ihr in
Frankreich zu neuem jüdischen Wirken entflammte Toralicht auch weiter
genährt und verbreitet wird. Nach geistvollen halachischen und agadischen
Ausführungen über Zweck und Bedeutung des Torastudium hielt der Rosch
Jeschiwoh eine talmudische Abhandlung chasaka, sefek Sefika. Hierauf
begaben sich die Gäste und Schüler in das Haus des Leiters derselben, wo
in fröhlichster Stimmung und heitersten Gefühlen die Semestereröffnung
gefeiert wurde. Unter anderen sprach auch Herr Menki Koschland aus
Zürich, Vorstandsmitglied der Israelitischen Religionsgesellschaft in
Zürich herzliche Worte der
Anerkennung." |
Semesterschlussfeier in der Jeschiwa
(1935)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. April 1935: "Schweiz.
Semesterschluß in der Jeschiwoh Montreux.
Montreux, 14. April. In harmonischer Synthese von Tora und Mussar, von
Lehre und Ermahnung hat das 16. Semester der Jechiwoh in Montreux am
Donnerstag, den 28. März, sein Ende gefunden. Zum Schlussfeste hat die
Leitung der Jeschiwoh ihre Bachurim geladen und in Anwesenheit von Gästen
und Freunden gab der Rosch Jeschiwoh, Rabbi Elijahu Botschko, einen
Überblick über das abgelaufene Semester, das er mit seiner hinreißenden
Beredsamkeit als ein besonders erfolgreiches hervorhob, wobei er seinen Dank
all denen aussprach, die es materiell ermöglicht haben, daß die Jeschiwoh in
dieser überaus schweren und kritischen Zeit ihrem Programm gemäß lehren und
wirken konnte.
Anschließend fand dann das Schluss-Bankett statt, wobei mehrere Schüler im
Namen ihrer Lerngruppen Ansprachen hielten und ihren Dank an die Leitung der
Jeschiwoh und an die Dozenten in stolzer Befriedigung über das in diesem
S'man Erlernte ausdrückten. Auch die Dozenten der Jeschiwoh, Herr Fenster
aus Kowno und Herr Cohn aus Hamburg ergriffen das Wort zu herzlichen
Abschiedsgrüßen. In freudigem Beisammensein sangen und unterhielten sich die
Bachurim im Kreise ihrer Lehrer bis spät in die Nacht.
Das Sommersemester der Jeschiwoh beginnt am 5. Mai (Sonntag, den 2. Ijar)
mit einer Eröffnungsfeier. Es bestehen sowohl Kurse für Anfänger als auch
für Fortgeschrittene. — Rechtzeitige Anmeldungen sind zu richten an den
Rektor der Jeschiwoh, Rabbi R. Botschko, Montreux, Villa Quisisana." |
Empfehlung zum Studium an der Jeschiwa
(1936)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Februar
1936: "Montreux; 25. Februar. Wie aus dem Inseratenteil
ersichtlich; beginnt das neue Semester auf der Jeschiwa von Montreux am 26.
April 1936 und sind Meldungen bis zum 1. April an den Rosch Jeschiwa, Rabbi
R. Botschko, zu richten.
Die Jeschiwa in Montreux hat sich seit ihrem Bestehen eine solche
Popularität auf dem ganzen Erdenrunde erworben, dass sich empfehlende Worte
fast erübrigen. Erwähnt sei nur, daß der Lehranstalt ein Internat
angeschlossen ist, in dem die älteren wie die jüngeren Schüler ein echte
Heim mit allem modernen Komfort finden. Der Unterricht wird, unter der
obersten Leitung des Rosch-Jeschiwa, vom litauischen Talmudgelehrten nach
echt litauischer Lehrmethode geleitet. Insbesondere für erholungsbedürftige
Kinder kann man sich kaum einen schöneren Platz denken, als Montreux am
Genfer See, diese schweizerische Riviera, die den Jungen neben der geistigen
jüdischen Vervollkommnung auch eine 1Strlung und Gesundung des Körpers
bietet. Näheres Inserat." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Februar 1936:
(hebräisch und deutsch:)
"Jeschiwa Ez Chajim Montreux (Schweiz).
Wir geben hiermit bekannt, daß am 4. Ijar, Sonntag, den 26. April 1936
unser Sommersemester beginnt. Wir bitten die Anmeldungen bis spätestens
1. April 36 an den Rosch Jeschiwo, Herrn Rabb. R. Botschko,
einzureichen. Unserem Institut ist auch ein Internat nach modernster Art
angegliedert. Es bestehen 4 Klassen, von Anfängern bis zu selbständig
Lernenden von ... Diese Klassen werden durch vorzügliche litauische
Lehrkräfte mit dem litauischen
derech halimud (Lehrmethode) geleitet.
Die Leitung der Jeschiwoh 'Ez-Chajim' Montreux, Villa Quisisana". |
Rabbi
Elijahu Botschko setzt sich für die russischen Juden ein (1936)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juli
1936: "Unterredung mit Litwinow über die Religionsfreiheit in
Russland.
Der Leiter der Jeschiwo 'Ez-Chajim' in Montreux, Rabbi Elijahu Botschko,
wurde am 20. Juli von dem russischen Volkskommissar für auswärtige
Angelegenheiten, Minister Litwinow, in Audienz empfangen. Der Rektor der
Talmudhochschule in Montreux lenkte die Aufmerksamkeit des russischen
Außenministers auf die religiösen Verfolgungen, namentlich das Vergehen
gegen die Rabbiner und die jüdischen Schulen, und überreichte gleichzeitig
Herrn Litwinow ein Memorandum mit der Bitte, das schwere Los der dortigen
Rabbiner zu erleichtern.
'Der Juden höchste Aufgabe', so heißt es u. a. in dem Memorandum, 'ist, das
Staatsinteresse mit allen Kräften zu fördern und für das Wohl des Staates zu
beten. Niemals hat einer der russischen Rabbiner staatsfeindliche Tendenzen
gefördert oder die Interessen des Staates geschädigt. Nach veröffentlichten
'Berichten sollen in Russland die Rabbiner mit hohen Steuern (von 500 bis
1000 Rubel) belastet werden, obschon sie gar kein Einkommen haben und im
Nichteinbringungsfalle mit Zwangsarbeit bestraft werden. Es wäre wichtig,
wenn von Ihrer Exzellenz diesbezüglich eine Klarstellung gegeben werden
könnte. Ich gestatte mir, Ihre Aufmerksamkeit auf die Besorgnis der gesamten
Judenheit wegen der religiösen Verfolgungen in Russland zu lenken. Die
gesamte Judenheit bittet Sie, den um ihr Judentum und um ihre Tora ringenden
Menschen, in Russland freie Ausübung ihrer religiösen Obliegenheiten zu
gewähren. Im Namen der religiösen Judenheit gestatte ich mir, die Bitte an
Sie zu richten, die Ausreise der russischen Rabbiner, die sich in
verschiedenen Ländern, vor allem in Palästina, Amierika und England
niederlassen wollen, zu gestatten. Dies wird vornehmlich dadurch ermöglicht,
dass man ihnen freie Pässe aushändigt und keine hohen Steuern auferlegt,
damit die Ausreise nicht praktisch unmöglich gemacht wird. Nachdem Russland
mit allen freien Ländern der Welt friedliche und freundschaftliche
Beziehungen anknüpft, würde eine solche Geste nicht mir von den Juden mit
Enthusiasmus aufgenommen werden, sondern würde bei der gesamten gesitteten
Menschheit einen tiefen Eindruck erwecken und das Vertrauen zu Ihrem Lande
in ungeheurem Maße stärken.'
Minister Litwinow erwiderte in sehr freundlicher Weise, dass es in Russland
heute eine religiösen Verfolgungen gäbe. Im Übrigen fühle er sich nicht
kompetent, über die innere Politik ausführlich zu sprechen und bedaure,
keine präzisen Antworten erteilen zu können. Er versprach jedoch, eine
zufriedenstellende Antwort über obige sowie verschiedene andere an ihn
gerichtete Fragen von Moskau aus zu geben." |
Semestereröffnung in der
Jeschiwa (1936)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. September
1936: "Schweiz. Semestereröffnung in Montreux.
Montreux, 14. September. Das neue Semester auf der Jeschiwoh von
Montreux beginnt am 1. Cheschwan, d. h. am 18. Oktober 1936 und sind
Meldungen bis zum 10. Oktober an den Rosch Jeschiwa, Rabbi R. Botschko,
zu richten.
Die Jeschiwoh in Montreux bat sich mit Recht eine solche Popularität
erworben, dass sich empfehlende Worte fast erübrigen. Erwähnt sei nur, dass
der Lehranstalt ein Internat angeschlossen ist, in dem die älteren wie die
jüngerem Schüler ein echt jüdisches Heim mit allem modernen Komfort finden.
Insbesondere für erholungsbedürftige Kinder kann man sich kaum einem
schönerem Platz denken, als Montreux am Genfer See, diese schweizerische
Riviera, die den Jungem neben der geistigem jüdischen Vervollkommnung auch
eine Stärkung des Körpers bietet." |
Beginn
des 20. Semesters an der Jeschiwa (1936)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 19. November 1936: "Montreux, 10. November. Am 1. November
konnte der unermüdliche Gründer und Leiter der Jeschiwoh 'Ez-Chajim' in
Montreux das zwanzigste Semester mit einem inhaltsreichen
halachischen Vortrag einleiten. Glück und Stolz empfanden alle in der Aula
der Jeschiwoh Versammelten. Der Rosch Jeschiwoh, Herr Rabbiner Botschko,
gab in geistvoller Ausdeutung des 1. Psalms. 'Er grünt wie ein Baum am
Bache, der Früchte trägt zur rechten Zeit, kein Blatt zu früh abwirft und
was er tut, gelingt', einen geschichtlichen Überblick über das Werden der
Jeschiwoh. Und so kann man glücklicherweise sagen, dass in den abgelaufenen
19 Semestern der Jeschiwoh der 'Ez-Chajim'-Baum Früchte gezeitigt hat, die
nicht welken und nicht verloren gehen. Man darf nun hoffen, daß auch die
zukünftigen Semester mit gleicher Kraft und gleicher Stärke ihre Erfolge
bringen werden. Dieses Semester soll nicht ein Bruchstück, nichts Halbes,
sondern etwas Volles und Ganzes darstellen. Der neue Zeitabschnitt möge eine
Krone der Tora sowohl für die Jeschiwoh als auch für die Bachurim sein. — In
diesem 20. Semester beherbergt die Jeschiwoh 50 Bachurim. Möge die
der Jeschiwoh noch fernstehende Jugend bald erkennen, dass das höchste
Streben und das schönste Ziel sein muss, wieder als echte und gehämmerte
Juden zu leben, J.H." |
Zum Tod von Naftali
Sternbuch (Schwiegervater von Rabbi Botschko): "der Stolz seines
Lebens war die Jeschiwa in Montreux" (gest. in St. Gallen 1937)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Januar
1937: "N. (nicht M.) Sternbuch - das Andenken an den
Gerechten ist zum Segen.
St. Gallen (Schweiz), 13.Januar (1937). Kurz vor Schluss der Redaktion
kommt die erschütternde Nachricht aus St. Gallen (Schweiz), dass dort N.
Sternbuch plötzlich an einem Schlafanfall verschieden ist. Die
Trauerkunde wird in weiten Kreisen tiefen Schmerz und ehrliche Trauer
auslösen.
N. Sternbuch war ein Jude von chassidischer Prägung und eine Führernatur
von großer Energie und Tatkraft. Seiner großen Toragelehrsamkeit
entsprach seine tiefe Frömmigkeit. Wie früher in Basel, so führte er
auch später in St. Gallen ein jüdisch-fürstliches Haus, das
Jedermann offen stand und eine Pflanzstätte von Tora und Gottesdienst war.
Ein Philanthrop von großem Ausmaße, war er nicht allein auf Abhilfe
materieller Not bedacht, seelische Not zu lindern, war er stets am Platze.
Er gehörte zu den Führern der Agudas Jisroel und war ihr mit Leib
und Seele verbunden. In seiner Gemeinde St. Gallen errichtete er auf
eigene Kosten das rituelle Bad, um der Familienreinheit aller, die in
dieser Gemeinde und Umgebung noch treu zum Gesetze halten, zu
dienen.
Der Stolz seines Lebens war die Jeschiwa in Montreux, deren
Begründer und Leiter, Rabbi Botschko, sein Schwiegersohn, deren
fürsorgliche Mutter seiner Tochter ist. Nicht minder wie andere Söhne
und Töchter, die im Geiste des Vaters leben und ihre Häuser führen. Der
Schmerz ist zu groß und die Wunde zu frisch, um die Persönlichkeit und
das Wirken N. Sternbuchs heute im Einzelnen zu schildern. Möge die
aufrichtige Teilnahme min den weitesten Kreisen am schweren Schlage, der
die Familie betroffen hat, dieser ein Trost sein und ihr die Gewissheit
bieten, dass der Name Sternbuchs nicht vergessen und sich noch lange Jahre
zum Segen in der Nachwelt auswirken sind. Das Andenken an den Gerechten
ist zum Segen." |
| |
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Januar
1937: "Rabbi Naftali Sternbuch - das Andenken an den Gerechten
ist zum Segen.
St. Gallen, 17. Januar (1937). Am 29. Tewes durcheilte die
gesetzestreue Judenheit die erschütternde Kunde vom plötzlichen
Hinscheiden des weit über die Grenzen seines Landes hinaus bekannten
Naftali Sternbuch. Jeder empfand den Verlust wie persönlichen
Schmerz.
In Kischinew als Sohn einer aristokratischen Familie geboren und auf dem
Boden eines russischen Torazentrums aufgewachsen, war Rabbi Naftali
Sternbuch schon in jungen Jahren durch sein phänomenales Gedächtnis und
seinen Scharfsinn allgemein bekannt. Den Kaufmannsberuf ergreifend, machte
er sein Haus an der Seite seiner edlen Gattin zu einem Kleinen
Heiligtum, in dem Tag und Nacht Hilfe gesucht und gefunden wurde. Nach
dem großen Pogrom in Kischinew wanderte Naftali Sternbuch vor 35 Jahren
(1902) nach Basel aus. Bald verband ihn eine innige Freundschaft
mit dem Basler Raw, Dr. Arthur Cohn - das Andenken an den Gerechten ist
zum Segen, der in dem großen Talmudgelehrten und Gottesfürchtigen
eine ausgezeichnete, vorbildliche Führernatur großen Formats erkannte.
Infolge seiner Herzensgüte und seiner außergewöhnlichen Gewissenhaftigkeit
wurde er von allen Kreisen, von Juden und Nichtjuden, gleich hoch
respektiert. Der Name Sternbuch bedeutete ein Programm.
Als in Kattowitz der Grundstein zur Agudas Jisroel gelegt wurde,
trat Rabbi Naftali Sternbuch mit der Festigkeit und Unbeugsamkeit seines
Charakters an der Seite der damaligen Gaonim in die vorderste Reihe, und
bis zu seinem letzten Atemzuge hing er mit jeder Faser seines Herzens an
dem Agudaideal. Die Agudas Jisroel verliert in ihm einen ihrer
markantesten Kämpfer und überzeugtesten Anhänger. Seiner chassidischen
Neigung entsprechend, gründete er sich ein eigenes Minjan, und bald wurde
sein Haus wieder, speziell nach dem großen Kriege, als die vielen jungen
jüdischen Flüchtlinge in die Schweiz kamen, zu einem Zentrum jüdischer
Menschen. Als der Basler Raw seine Augen für immer schloss, übersiedelte
Rabbi Sternbuch nach St. Gallen, dem Orte seiner bedeutenden
geschäftlichen Unternehmungen, und die Freunde seines Basler Kreises
verbanden sich nachher bald in der durch die Initiative des Herrn Salli
Guggenheim ins Leben gerufenen Israelitischen
Religionsgesellschaft.
In St. Gallen entwickelte sich das Sternbuch'sche Haus zu dem
exponiertesten toratreuen Bollwerk der Schweiz. Von allen Enden des
jüdischen Galut strömten hilfsbedürftige Menschen zu dem großen
einzigartigen Philanthropen, und nicht selten mussten die eigenen Kinder
den Meschulochim ihre Schlafplätze überlassen, da man ja jeden Fremden
als ein Mitglied des Hauses ansah. Mit welchem Stolz zeigte Naftali
Sternbuch seinen Besuchern die eigene Mikwe, die eine Sehenswürdigkeit
eigener Prägung ist. Man muss Rabbi Sternbuch 'dawnen' gesehen haben, um
sich einen Begriff von dem großen Zidkut (hier wohl: umfassende
Wohltätigkeit gepaart mit Frömmigkeit) dieser Persönlichkeit zu
machen. Für jede einzelne Mizwoh (religiöse Weisung) wusste er seine
ganze Kraft einzusetzen. Und wer nur einmal einen Blick in seine
grenzenlose Menschenliebe erhalten hatte, erkannte erst das goldene Herz
eines großen Menschen. Mein seiner faszinierten Begeisterungsfähigkeit
riss er alle mit. Es war ein Feuer in ihm, das auch auf andere
hinausströmte und sie zur Ausübung göttlicher Mizwot hinriss.
Sein geschärfter Geist blieb auch bei seinem jüdischen Wissen nicht
stehen. Jeden Morgen stand er um 4 Uhr zum Lernen auf, und wer Gelegenheit
hatte, seinen talmudischen Ausführungen zu lauschen, bewunderte seinen Scharfsinn
und sein Bewandertsein.
Wollten wir Rabbi Sternbuch im einzelnen schildern, wir müssten die
patriarchalische Gestalt zeichnen, vor der sich jeder ehrfurchtsvoll
verneigte, seine äußere und innere Ausgeglichenheit, die sprudelnde
Quelle von Wahrheit, liebe und Güte in ihm beschreiben, von dem
jüdischen Stolz und der jüdischen Demut, der Vornehmheit und
Aufrichtigkeit,
|
die
diesen Mann auszeichneten, berichten. - Verwaist und verlassen stehen nun
seine Kinder und Enkel da, die die Freude seines Lebens waren und die nun
die Krone ihres Hauptes verloren haben.
Hatte doch der Verewigte das seltene Verdienst, Kinder der Welt zu
schenken, von denen jedes eine Persönlichkeit für sich ist. Erst vor
einem Jahre wurde die Familie Sternbuch so furchtbar heimgesucht und nur
das ungeheure Gottvertrauen konnte den Schmerz der Eltern lindern, und nun
steht die teure, ihm ganz ebenbürtige Gattin wieder vom Leid
niedergedrückt da.
Unter außerordentlicher Anteilnahme des In- und Auslandes wurde Rabbi
Naftali Sternbuch auf dem Friedhofe der Israelitischen Religionsgesellschaft
in Zürich zu Grabe getragen. Herrn Rabbiner Kornfein sprach im
Namen der Gemeinde und der Aguda und gab in bewegten Worten der großen Trauer
Ausdruck. Als der Schwiegersohn, Rabbi E. Botschko in herzerreißender
Weise die letzten Grüße und Gelöbnisse der Familie überbrachte, blieb
kein Auge tränenleer. Der letzte Redner, Herr Rabbiner Dr. Heinrich
Cohn, Berlin sprach im Namen eines großen Freundeskreises in bewegten
Worten. Letzten Sonntag fuhren wiederum eine größere Anzahl von Freunden
von allen Städten der Schweiz nach Montreux, wo die Trauernden die
Schiwa halten. Hespedim (Trauerreden) hielten die Herren Oberrabbiner
Rottenberg, Antwerpen, Herr Blech, Zürich, Herr Aschekenasi,
Wien und Herr Dr. Ascher, Bex, wie auch der Enkel Moses Botschko.
Mögen die schwer geprüften Hinterbliebenen sich im Bewusststein erheben,
einen Gatten und Vater gehabt zu haben, der heute als Großer in Israel
allgemein beweint wird. Sein Verdienst wird ihnen auch weiter beistehen. Das
Andenken an den Gerechten ist zum Segen. Ph-d."
|
"Vorfrühling am Genfersee. Ein Sabbat in
Montreux" (1937)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 18. März 1937: "Vorfrühling am Genfersee. Ein Sabbat in
Montreux.
Als in den ersten Morgenstunden des Freitag am Fenster unseres Abteils der
Genfer See aufleuchtete, sahen wir zunächst nur eine Metallplatte in weiße
Seide gehüllt. Wie sich aber der Nebel hob, war der Kristallspiegel zwischen
den alabasterweißen Bergspitzen hüben und drüben von Silberstreifen
verbrämt, die fast das Auge blendeten. Ein hellblauer Himmel wölbte sich
über diesen Kessel paradiesischer Schönheit, als hielte der Frühling seine
Generalprobe ab. Man darf dies alles hundertmal gesehen haben, und immer
erlebt man es von neuem als Wunder der Wunder.
In der Gegend von Lausanne merkt man schon die Vorzeichen der jüdischen
Inselchen, die sich nach und nach auf diesem gesegneten Boden zwischen
Berg und Wasser in ganz kurzen Abständen herausgebildet haben. In
Lausanne steigen Studenten zu uns, die zugleich die Jeschiwa in Montreux
besuchen oder besuchten und über Sabbat 'zu Hause' sein wollen. Junge,
schmucke Mädels unterhalten sich in gutem Französisch und in weniger gutem
Deutsch über eine Lausanner Veranstaltung, von der sie jetzt zurück nach
Clarens fahren, wo Martha Marcus ihr Töchterpensionat wie ein
Märchen bis zum blaugrünen See vorgeschoben hat. Eine liebenswürdige und
gesprächige Dame, der der Mutterstolz aus den blanken Augen spricht, fährt
nach Bex les Bains, um ihre Kinder, die bei Dr. Ascher ihre
Weiterbildung erhalten, zu besuchen. Weniger beneidenswert sind die
Vaterfreuden des Antwerpener Herrn; der einen pausbäckigen Jungen bei sich
hat, den er zur Höhensonne von Leysin: zur Ausheilung einer
tückischen Knochenkrankheit bringen will. Der Junge, zart und verwöhnt,
macht es dem Vater, der auf der weiten Reise auch Mutter spielen muss,
wahrlich nicht leicht.
Im kleinen Bahnhof zu Montreux ist dem Gaste alles so vertraut, als
wäre die mehrjährige Spanne zwischen dem jüngsten Besuch und heute durch die
ihm entgegenströmende Welle der Herzlichkeit einfach weggeschwemmt. Es hat
sich in den zehn Jahren an der Jeschiwa so gar nichts geändert. Neue
Gesichter, aber so frisch und vergnügt wie die alten. Die ragende Gestalt
des Leiters, voll Güte, Kraft und Energie; die Mutter der Jeschiwa, über
deren abgespanntes Gesicht ein Leuchten huscht, wenn .sie von 'ihren
Jungens' spricht. Die Kinder sind älter geworden. Im ältesten Sohne, der
heute schon einer der erfolgreichsten Talmuddozenten im väterlichen
Unternehmen ist, ist den Eltern bereits der höchste G'tteslohn herangeblüht,
nicht minder in der Tochter, die schon eine Rolle in der Beth
Jakow-Bewegung spielt. Ich freue mich mit den lieben Menschen, deren
Leben einzig der Tora, den Menschen und der Jugend gehört, dass sie nun
mählich beginnen, die Früchte ihrer Heilessaaten zu ernten.
Unter den Dozenten sind neue Kräfte, die mit gleicher Treue der alten guten
Sache dienen. Es ist noch der gleiche verdiente und liebenswürdige Sekretär,
Sohn einer guten Frankfurter Familie, am Werke. Es hat sich an der Struktur
von Montreux nichts geändert.
Auch nicht an den Liedern, an diesen herzinnigen Weisen und Melodien,
wie sie oben beim G'ttesdienste und unten beim Freitagabendtee gesungen
werden und die mir schon seit Jahren in Ohr und Seele nachtönen. Fast ein
Dutzend Länder sind in der Hörerschaft vertreten, und jedes Land hat
seine Liebe, seine Lieder und seine Lichter mitgebracht. Aus dem Ganzen
ist etwas entstanden, was man nicht unbedingt Chassidismus, auch nicht
Mussar nennen kann, aber alles von diesen Richtungen enthält. Eine gesunde
Mischung von chassidischer Innigkeit und Novogrudoker Beharrlichkeit, ein
neuer Typ, der Montreuxer 'Derech'.
Der Freitagabend- und Sabbatmorgeng'ttesdienst im großen Betraume der
Jeschiwa ist von einer Inbrunst getragen, die die westliche Ruhe und Ordnung
in sich birgt. Für den Nachmittag ist ein Vortrag angesagt.
Man ist in Montreux nicht an den Dienstes gleichgestellte Uhr gebunden, man
lässt sich von der Zeit nicht tyrannisieren, man ist Herr der Zeit,
wie das Ganze zwischen Berg und See überzeitlich erscheint. Der
Vortrag kann statt um 5 Uhr gerade so gut um 6 Uhr beginnen. Aber die Zeit
bis zum Sabbatausgang — der Sabbat verweilt in diesem Kreise eine volle
Stunde länger als anderswo — ist so herrlich ausgefüllt, dass man begreift,
was es mit dem Worte Alijat Neschomo = 'Aufstieg der Seele", auf sich
hat. Der Gast spricht über Abarbanel. Eine Abarbanel-Feier eigener,
vielleicht auch einzig richtiger Art. In diesem Kreise der jugendlichen
Intellektuellen, der Lernenden und Forschenden, braucht man sich nicht viel
mit biographischen Notizen abzugeben. Wann geboren, wo und wie gelebt, an
welchem Tage, zu welcher Stunde den einen Ort verlassen, um nach dem anderen
zu gehen; was interessiert das alles hier, wo man über Zeit und Raum erhaben
ist? Dagegen kann man hier eine Stelle, einige Grundgedanken des Abarbanel
vornehmen, nach allen Richtungen durcharbeiten, vorzeigen, was in der
Denkweise und Schreibart Abarbanels ihn mit Maimonides verbindet, und ihn
wiederum von diesen trennt, etwas über die Kapitel der Auferstehung und des
Messias, Dogmen und Grundlehren sprechen. Ein Mann hat vor 500 Jahren in den
Pyrenäen gelebt und gelehrt; und seine ewigen Gedanken finden auf einem
Berge an einem Schweizersee, der vielleicht nie früher ein jüdisches Wort
gehört hat, eine Heimstätte. Von den Pyrenäen bis zu den Alpen führt ein
Weg, der jüdische Weg. Das rasche Tempo des Uhrwerkes hält hier
still, so wie die Zeitmaße der dazwischen liegenden Jahrhunderte
verschwinden.
Anschließend Mincha und gleich darauf schon im blauen Dämmer des Abends die
''dritte Mahlzeit'; besteht nur aus einem Bissen in der Große einer Olive,
aber einer Mussarrede, die unvergesslich bleibt. Er hat eine eigene Art zu
reden, dieser Meister des Mussar. Auch seine Reden sind dem Gesetze der Zeit
nicht unterworfen, sind breit angelegt, aber eben und voller blühender
Blumen und von einem Grundgedanken zusammengehalten, der bis zum letzten
Ausklang vorherrschend bleibt. Ein geheimnisvolles Dunkel huscht durch den
Raum, man sieht nur noch Schatten und man hört fast, das 'laute Schlagen'
junger Herzen. Hier werden junge Menschenseelen geformt. Wo diese Menschen
einmal später auch landen werden, diese Dunkelstunde des Sabbatausgangs wird
nicht von ihnen lassen, wird sie bei allen Versuchungen mit Gewalt packen
und auf den richtigen Weg wieder bringen.
Sonntagmittag ist Verhör und Semesterschluss, der mit einem
Feste gefeiert wird. In den ersten Mittagsstunden macht sich schon unten
etwas wie Festtreiben bemerkbar. Es sind Gäste angelangt aus Genf, Lausanne,
aus Zürich, Wenn die Veranstaltung statt um zwei Uhr erst gegen viere
beginnt, so hat es weiter nichts zu sagen, man hat hier Zeit. Montreuxer
Gäste wissen schon von vornherein, daß sie alle Anschlusszüge für die
Rückreise versäumen werden und richten sich darauf ein. Ein überwältigendes
Bild; Im geschmückten Jeschiwa-Raum begrüßen die etwa 50 Schüler und Lehrer
die Gäste, mit hebräischen Gesängen, bei denen Inbrunst und Innigkeit
zuweilen die Harmonie ersetzen. Schon spricht der Rebbe. Es ist ein
Überblick, auch eine Abrechnung mit denen, die ihn nicht verstehen wollten
und heute noch nicht verstehen. Auch ein wehmutvolles Gedenken an den Mann,
der mit den Grundstein zur Jeschiwa gelegt hat und vor kurzem - welche
symbolische Fügung —in Montreux in der Nähe der Jeschiwa aus dem Leben,
geschieden ist, Rabbi Naftali Sternbuch aus
St. Gallen. Eine Reisezehrung gibt der
Rabbi den scheidenden Bachurim mit, die köstlicher ist denn alles, was wir
heute der Jugend auf ihren, unsicheren und unbekannten Weg mitgeben können.
Es sprechen Gäste, unter ihnen der neue Rabbiner von Zürich, Dr. Taubes.
Es hört sich wie ein Gelöbnis an: 'Ich suche die Tora in der Schweiz,
und habe sie hier gefunden, ich gehöre zu Euch! ..
Ein Verhör, bei dem auch die Kleinsten und Jüngsten zu Worte kommen, ist
gekrönt von einem geistvollen Hadran des jüngsten Dozenten, des ältesten
Sohnes des Rosch Jeschiwa, bei dem wir die wundervolle Gliederung und den
logischen Aufbau nicht genug bewundern können, und einer weiteren
halachischen Abhandlung des Rabbiner der Genfer östlichen Gemeinde 'Agudat
Achim'.
Bei den gedeckten Tafeln verbringt man den Rest des Abends, aus dem bald
Nacht und Mitternacht wird. Zündende Reden, eine solche auch von einem
jungen Schüler aus Leipzig, würzen das Mahl, Gesänge von chassidischem Feuer
und mussar-mäßiger Ekstase gehen in Tänze über. Ältere Freunde werden unter
Gesängen auf die Schultern gehoben; Unten zwischen Berg und Wasser brütet
geheimnisvoll die Nacht und wird geweckt vom Gesange der Jungen, der sich
vom Garten bis zur Straße und zum glitzernden Seespiegel trägt. Keiner stört
sie hier, es ist ihr Reich. -
Morgen wird die Korona auseinanderstreben. Manche werden wiederkommen,
andere werden dahin und dorthin gehen. Sie alle nehmen einen Wegweiser im
Herzen mit fürs Leben hinaus. Semesterschluss! Aber für die jungen
Menschen der Start zu einem neuen jüdischen Leben.
—tz." |
Semestereröffnung in der Jeschiwa
(1937)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. April
1937: "Semestereröffnung in Montreux.
Montreux, 28. April. Am Sonntag, den 18. April, wurde auf der Jeschiwa 'Ez
Chajim' in Anwesenheit vieler früheren und der neu hinzugekommenen Bachurim,
wie vieler Gäste aus allen Teilen der Schweiz das neue Semester und damit
das neue Jahrzehnt ihrer Lehrtätigkeit, eröffnet. In gewohnter
meisterhafter Weise begrüßte der Rosch Jeschiwa, Herr Rabbiner Botschko,
die Schüler und die Gäste (aus den Gedankengängen der Rede soll noch einiges
zur Veröffentlichung gelangen). Die Rede war von einer tiefen halachischen
Auseinandersetzung gekrönt. Der Lernbetrieb an der Jeschiwa an dem im
Frühlingsglanz leuchtenden Genfer See hat in vollem Umfang begonnen." |
Der Präsident der Agudas Jisroel, Jacob Rosenheim zu Besuch
in der Jeschiwa (1937)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. August
1937: "Jacob Rosenheim in Montreux.
Montreux, 9. August. Am vergangenen Sonntag erlebten wir die Freude, vom
Präsidenten der Agudas Jisroel, Herrn Jacob Rosenheim, besucht zu
werden. Bei seiner Ankunft in der Jeschiwo wurde Herr Rosenheim von den
Bachurim freudig empfangen. Der Rosch-Jeschiwo, Herr Rabbiner E. Botschko
begrüßte in herzlichen Worten den illustren Gast. Alsdann gab Herr Rosenheim
in einer begeisternden Absprache seiner Freude Ausdruck, dass er bei seiner
schweren und verantwortungsvollen Arbeit zwischendurch auch wieder mit
Jugend zusammenkommen könne, mit Jugend, die die Avantgarde des Toratreuen
Judentums bildet und aus der ihm später treue Helfer und Kämpfer für das
gleiche Ideal erstehen werden, um zu ihr als Freund und Lehrer zu sprechen.
Weiter drückte er seine Freude und Genugtuung über das Werk von Montreux
aus und berührte dann das heutige Erez-Israel-Problem. Eine Lösung nur gibt
es: Alijah nach Erez Israel rein als Erfüllung des g'ttlichen Gebotes, den
materiellen Aufbau nicht als Selbstzweck, sondern nur als Mittel zu
benützen, um einen G'ttesstaat wie einst im heiligen Lande zu errichten,
das allein kann uns die endliche Geulah bringen. Begleitet von geistreichen
Worten des Rosch-Jeschiwo und von den Gesängen der Bachurim, musste unser
geschätzter Gast uns schon wieder verlassen, um zu wichtigen Besprechungen
nach Zürich zu reisen. Uns ließ er nur seine herzlichen Worte zurück, die
wir aber in uns tragen und die uns immer Leitstern sein werden." |
Sonstiges
Werbung für das Töchterpensionat und die Haushaltungsschule
von Marta Marcus (1931)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Januar
1931: "Töchterpensionat und Haushaltungs-Schule Marta Marcus
MONTREUX - CLARENS - LIDO
FRANZÖSISCHE SCHWEIZ
Gründliche Ausbildung In Sprachen u. Allgemeinwissenschaften, und Haushalt.
Sorgfältige Erziehung. Streng rituell.
Mod. Komfort, in allen Schlafzimmern fließendes Wasser. Referenzen und
Prospekte: durch die Vorsteherin." |
Anzeige von
Reislers Hotel (1934)
Anmerkung: das Symbol links des Wortes "Erholung" weist das Hotel
als streng rituell geführtes Hotel aus; "Reislers Hotel" gab es nach
dem Inhalt der Anzeige sowohl in Montreux als auch in Engelberg.
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. März 1934:
"Erholung in Reislers Hotel in Engelberg
(1100-1800 m.ü.M.).
Beliebtester Sommerkurort der Zentralschweiz. Alle Zimmer mit fließendem
Wasser. Erstklassige Wiener Küche. Eröffnung Ende Mai. Tel. 64. Unser
Haus in Montreux bleibt bis Ende Mai geöffnet." |
Zum
Tod von Cilly Lemberger geb. Erlanger (1944)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Aufbau" vom
10. März 1944:
"Am 26. Februar ist unsere geliebte Schwester,
Frau Cilly Lemberger geb. Erlanger,
nach kurzer, schwerer Krankheit im 62. Lebensjahr verschieden. Im Namen
der Hinterbliebenen:
Clara Henle geb. Erlanger 667 Ocean Ave., Brooklyn, N.Y.
Montreux Territet (Schweiz), Antwerpen." |
Neuere Presseartikel
Beitrag
von J. Sternbuch zum Tod von Rav Mosche Botschko sZl. (2010)
Artikel
in "Die jüdische Zeitung" (Wochenzeitschrift der jüdischen
Orthodoxie der Schweiz) Nr. 40 vom 30. Tischri 5771 - 8.
Oktober 2010 (Ausgabe
dieser Zeitschrift als pdf-Datei):
"Rav Mosche Botschko sZl.
Am letzten Jom Kippur 5771 beim Eingang von Kol Nidre wurde Rav Mosche
Botschko von dieser Welt abberufen.
Seine letzten Worte, einige Stunden vor seiner Petiro geschrieben, waren
Gedanken zur Parschat Wesot HaBracha, als Abschluss seiner Gedanken zur
Torah: 'Warum kennen wir den Begräbnisort von Mosche Rabbenu nicht? Der
Grund dafür ist, dass Mosche Rabbenu in jedem Jehudi weiterlebt, der die
Torah lernt und erfüllt. Mosche Rabbenu spricht täglich weiter zu ihm
und lebt tief in seinem Herzen und seiner Seele weiter.'
Danach bat Raw Mosche schriftlich um Mechilo von jedem Menschen, dem er
vielleicht je etwas zuleide getan hat.
Es begann alles mit Rab Naftoli Sternbuch, der ca. 1905 von seinem
Rebben, dem AdMorRav Dovid Mosche von Tschortkov in die Schweiz geschickt
wurde, um dort Jiddischkeit und Chassidus r zu stärken. Sein
Schwiegersohn wurde Rav Yerachmiel Elijohu Botschko, ein Talmud der
Jeschivos Lomsche und Novardok. Rav Elijohu gründete 1927 die
Jeschiwa Etz Chaim in Montreux. Das war damals ein äußerst wagemutiges
Unternehmen, das nur mit viel Begeisterung und Durchsetzungskraft möglich
war. Und mit der grenzenlosen Hilfe und Unterstützung seiner Frau, der
Zaddekkes Rifka geb. Sternbuch.
Rav Mosche, ihr Sohn, übernahm die Traditionen der Familien beider
Eltern: tiefes, stetes Lernen der Torah, und chassidische Wärme und Begeisterungsfähigkeit.
In jungem Alter von knapp 20 erhielt er den Heter Horo'o vom Tarnopoler
Rav, Rav Babad, und machte bald darauf seinen ersten Sijum haSchas.
Seither verbreitete er viele Jahrzehnte Torah. Viele Schweizer Baale Batim
haben mit und bei ihm gelernt, und haben in der Jeschiwa Etz Chaim das
geistige Fundament für ihr Leben erhalten. Große Marbitze Torah und
Gedolim lernten und lehrten dort, unter anderen Raw Mosche Soloveitchik
und Raw Ahron Leib Steinmann. Diese beiden Gedolim erhielten aufgrund von
Raw Mosches Bemühungen die Erlaubnis, von Litauen in die Schweiz zu
kommen. Reb Boruch Ber hatte sich bei Raw Elijahu für sie eingesetzt, da
sie sonst ins Militär eingezogen worden wären. Damit rettete er diese
beiden Gedolim vor dem fast sicheren Tod!
Besonders eindrücklich waren die äußerst klaren Schiurim von Rav Mosche
über Schas, die von tiefem Verständnis zeugten, seine bewegenden Worte
zur Parschat haSchawua bei der Se'uda Schlischit, seine Draschot, und
seine Tfila, die von tiefstem Herzen kam. Als Baal Tfila war er
mitreißend. Wer je in der Jeschiwa war, kann die Villa Quisisana nicht
vergessen, die oberhalb des Genfersees lag, wo natürliche und geistige
Schönheit harmonisch vereint waren. Die zwei Schöpfungen von HKbH (G'tt)
flossen dort ineinander: die Natur und die Torah.
Diese Harmonie spiegelt sich auch im Leben von Rav Mosche wieder: Torah
ist der Zweck des Lebens, und was man auch im Leben macht, muss harmonisch
von Torah geformt sein und zu ihr hinführen. So lebte er, und das lehrte
er.
Rav Mosche übernahm die Leitung der Jeschiwa nach dem Tod seines Vaters,
ca. 1956. Torah durfte für ihn aber nicht Mittel zum Zweck sein.
deswegen akzeptierte er nie auch nur den geringsten Vorteil von der
Jeschiwa, weder Geld noch in irgendeiner anderen Form. Das Frühstück
nahm er von zuhause mit. Oft kaufte er selbst Lebensmittel für die
Talmidim in der Stadt ein und schleppte sie selbst in die Jeschiwa, wobei
er eine halbe Stunde den Weg hinaufging. Falls man in der Jeschiwa die
Lebensmittel dringend brauchte, schickte er sie mit einem Taxi, es selbst
jedoch stieg nicht ins Taxi, sondern ging zu Fuß in die Jeschiwa. Es
versteht sich von selbst, dass er nie einen Lohn von der Jeschiwa bezog,
sondern Parnosso von einer kleinen Fabrikation hatte, in der ihn seine
Schwester, Frau Miriam Weingort, in allem unterstützte.
Für ihn durfte die Torah nicht einmal im Geringsten ein Kardom lochpor bo
sein. Er brachte bedeutende Roschei Jeschiwa nach Montreux, wie Rav
Scheiner (heute Rosch Jeschiwa von Kamenitz Jerusalem), Rav Rakov (danach
Rav von Gateshead) und Rav Farbstein (Rosche Jeschiwa von Chevron
Jerusalem). Mit Rav Weinberg, dem Sridei Esch, der in der Jeschiwa oft
Schiurim gab, war er besonders nahe.
Mit der Zeit orientierte sich die Jeschiwa mehr an französische
Jugendliche, auf die sie großen Einfluss hatte. Ein ganz bedeutendes
Element seiner Haschkofo war Ahavas Eretz Jisroel. Seine Verbundenheit mit
Israel, in dem er einen Fingerzeit G'ttes sah, war tief in ihm verwurzelt.
Konsequent wie er immer war, machte er deshalb schließlich 1985
mit der Jeschiwa Alijah nach Jerusalem. Dort wirkt sie heute im Jischuv
Kochav Yaakov neben Jerusalem weiter, unter dem Namen 'Heichal Elijahu',
umbenannt nach dem Gründer der Jeschiwa. Rav Mosche hatte den S'chus,
seinen Sohn Schaul David Botschko als seinen Nachfolger den
gleichen Weg gehen zu sehen. Hechal Elijahu ist heute eine blühende
Jeschiwat Hesder mit über 200 Talmidim, in der intensiv Torah gelernt
wird. Rav Mosche lebte und unterrichtete dort, bis zu seinem Tod. Das
Fundament für Torah in der Schweiz wurde durch seinen Vater und ihn
gelegt, und dieses großartige Werk wirkt auch heute noch weiter, ganz im
Sinn von andauerndem Sichro Boruch. Dr. J.
Sternbuch". |
Links und Literatur
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