Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Montreux (Kanton Waadt, Schweiz) 
Jüdische Geschichte / Geschichte der Jeschiwa Ez Chajim 
mit Beiträgen zu ihrer Geschichte aus jüdischen Periodika bis in die 1930er-Jahre 

  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde und der Jeschiwa Ez Chajim ("Lebensbaum") in Montreux  
       
Jüdische Gemeinde: In Montreux sind seit Ende des 19. Jahrhunderts einige jüdische Personen/Familien zugezogen. In den Sommermonaten hielten sich regelmäßig jüdische Kurgäste in der Stadt auf, für deren Unterbringung und Verpflegung es einzelne Einrichtungen gab, darunter die Israelitische Restauration / Hotel "Pension Levy". 1917 bildete sich eine kleine jüdische Gemeinde, die 1954 mit der Nachbargemeinde Vevey fusionierte. Sie bestand bis 2008 als "Communauté Israélite Vevey-Montreux" mit etwa 20 Familien. In diesem Jahr fusionierte die jüdische Gemeinde mit der Gemeinde Lausanne zur "Israelitischen Gemeinde Lausanne und des Kantons Waadt" (CILV). Die Synagoge in Montreux befand (befindet?) sich in der 25, Avenue des Alpes. Der mit Vevey gemeinsam belegte jüdische Friedhof der Gemeinde liegt auf dem Gemeindegebiet von La Tour de Peilz.           
  
Jeschiwa Ez Chajim: Große Bedeutung für die orthodoxe jüdische Welt bekam die Stadt mit der Gründung der Jeschiwa "Ez Chajim" im Jahre 1927. Gründer der Einrichtung war Rabbi Jerachmiel Elijahu Botschko (1892-1956), der an der Jeschiwa jahrzehntelang neben anderen bedeutenden Lehrern als Tora-Gelehrter unterrichtete. Botschko stammte aus Slobodka in Litauen, wo er an verschiedenen Talmudhochschulen ausgebildet worden war. Im Ersten Weltkrieg ist er in die Schweiz eingewandert. Botschkos Wirken an der Jeschiwa hatte große Bedeutung für die Entwicklung der orthodoxen jüdischen Gemeinde in der Schweiz und in Westeuropa. 
 
In der Zeit des Zweiten Weltkrieges studierten zeitweise 120 junge Männer an der Jeschiwa. Für viele von ihnen war Montreux Zufluchtsort vor den Verfolgungen in der NS-Zeit.         
  
Um 1956 übernahm Moses Botschko, der 1916 geborene Sohn von Jerachmiel Elijahu Botschko die Leitung der Jeschiwa. Unter den Lehrern an der Jeschiwa war bis zum seinem Tod im Januar 1966 in Montreux u.a. Rabbiner Dr. Jechiel Jakob Weinberg (geb. 1884 in Ciechanowiec, 1931 bis 1939 letzter Rektor des Berliner Rabbinerseminars, 1945 aus dem Internierungslager Wülzburg bei Weißenburg in Bayern befreit; bis 1947 in Weißenburg, Vorsitzender des dortigen "Jüdischen Komitees" der bis etwa 100 Displaced Persons), ein führender talmudischer Gelehrter und halachische Autorität.  
  
1985 wurde die Jeschiwa nach Kokhav Yaaquov in der Nähe von Jerusalem verlegt, wo sie seitdem unter dem Namen "Jeschiwat Heichal Elijahu" besteht und für 200 Talmidim Gelegenheit zum Studium gibt. Moses Botschko unterrichtete bis zu seinem Tod im September 2010 an dieser Schule (vgl. Bericht unten zu seinem Tod von J. Sternberg). 
  
Nachfolger in der Leitung der Jeschiwat Heichal Elijhahu wurde nach dem Tod Moses Botschkos sein Sohn Schaul David Botschko.    
   
   
Adresse/Standort der Jeschiwa    Oberhalb von Montreux  -  Villa Quisisana (Route des Coloncalles 80)     

     
    
Fotos   

Das Israelitische Hotel "Joli Site" 
in Montreux, Mittelpunkt jüdischen
 Lebens in Montreux am Anfang 
des 20. Jahrhunderts
Joli Site Montreux 010.jpg (66175 Byte)  
        
         
 Menachem Mayer 
in Montreux
(Quelle: USHMM) 
 Montreux Mayer 010.jpg (369952 Byte)    
   http://resources.ushmm.org/inquery/uia_doc.php/photos/17588?hr=null
        
Moses Botschko (1916-2010) 
(Quelle USHMM) 
Montreux M Botschko 120.jpg (52010 Byte)  
         
          
World Jewish Congress 
in Montreux 1948  
  Montreux Weltkongress 010.jpg (523049 Byte)  
   http://resources.ushmm.org/inquery/uia_query.php/photos?hr=null&query=kw112777 
(hier zahlreiche weitere Fotos des Weltkongresses in Montreux)

   
  
 Übersicht: 

bulletZur Geschichte der jüdischen Gemeinde und der Jeschiwa Ez Chajim ("Lebensbaum") in Montreux  
bulletBerichte aus der jüdischen Geschichte in Montreux von ca. 1900 bis in die 1930er-Jahre   
Allgemeine Berichte über jüdisches Leben in Montreux   
Empfehlung von Montreux als "schweizerisches Nizza" mit dem israelitischen Hotel "Joli Site" (1900)   
Aus der Geschichte der Jeschiwa "Ez Chajim" in den ersten zehn Jahren ihres Bestehens (1927-1937)   
Über die Jeschiwa in Montreux (1927)   
Vortrag von Rabbi Botschko in Luzern über die Jeschiwa in Montreux (1928)   
Sitzung des engeren Ausschusses des Jeschiwa-Kuratoriums (1928) 
Besuch in der Jeschiwa von Dr. M. Ascher (1928)   
Schwester Recha Feuchtwanger aus Berlin hilft bei der Einrichtung der Jeschiwa mit (1928) 
Bericht über "eine Jeschiwo im Schnee" (1929) 
Zwei Jahre Jeschiwa in Montreux (1929) 
Elijahu Botschko referiert bei einer Tagung des Schweizer toratreuen Zentralvereins im Bet-ha-midrasch in Basel (1930)  
Bericht über das Wintersemester in der Jeschiwa (1930)  
Drei Jahre Jeschiwa in Montreux (1930)  
J
ahresversammlung des Kuratoriums der Jeschiwoh Ez-Chajim (1930)    
Semesterschlussfeier und Einweihung einer Torarolle in der Jeschiwa (1930) 
"Sonne hinter den Bergen" - über die Jeschiwa in Montreux (1930)   
Semestereröffnung in der Jeschiwa (1930)   
Chanukkafest in der Jeschiwa in Montreux (1930/31)   
Semestereröffnung in der Jeschiwa (1931)  
Semesterschlussfeier in der Jeschiwa (1933)  
Über die Jeschiwa in Montreux (1933) 
Die Jeschiwa in Montreux ist zur Weltbedeutung gelangt (1933) 
Semesterbeginn in der Jeschiwa (1933)   
Hespedreden des Leiters der Jeschiwa auf bedeutende Rabbiner (1934)  
Mitteilung der Jeschiwa für Neuanmeldungen (1934)    
Abschluss des 14. Semesters an der Jeschiwa mit einem Sijum (1934)   
Erinnerungen an große Juden (1934)      
Hinweise zum Studium an der Jeschiwa in Montreux (1934) 
Sukkot-Tage in der Jeschiwa (1934) 
Eröffnung des 16. Semesters in der Jeschiwa (1934)   
Semesterschlussfeier in der Jeschiwa (1935)   
Empfehlung zum Studium an der Jeschiwa (1936) 
R
abbi Elijahu Botschko setzt sich für die russischen Juden ein (1936)  
S
emestereröffnung in der Jeschiwa (1936)       
Beginn des 20. Semesters an der Jeschiwa (1936)   
Zum Tod von Naftali Sternbuch (Schwiegervater von Rabbi Botschko): "der Stolz seines Lebens war die Jeschiwa in Montreux" (gest. in St. Gallen 1937) 
"Vorfrühling am Genfersee. Ein Sabbat in Montreux" (1937)  
Semestereröffnung in der Jeschiwa (1937)   
Der Präsident der Aguda Jisroel, Jacob Rosenheim zu Besuch in der Jeschiwa (1937)         
Sonstiges      
Werbung für das Töchterpensionat und die Haushaltungsschule von Marta Marcus (1931)  
Anzeige von "Reislers Hotel" (1934) 
Zum Tod von Cilly Lemberger geb. Erlanger (1944)     
Neuere Presseartikel  
Beitrag von J. Sternbuch zum Tod von Rav Mosche Botschko sZl (2010)              
bulletFotos / Darstellungen 
bulletLinks und Literatur    
    

     
    

     
Berichte aus der jüdischen Geschichte in Montreux        
 
Allgemeine Berichte über jüdisches Leben in Montreux    

Empfehlung von Montreux als "schweizerisches Nizza" mit dem israelitischen Hotel "Joli Site" (1900)     

Montreux Israelit 05021900.jpg (213357 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Februar 1900: "Aus der Schweiz. Wir glauben den zahlreichen, während der Frühlingsmonate nach der Riviera reisenden, jüdischen Erholungsbedürftigen einen Gefallen zu erweisen, wenn wir sie auf eine Zwischenstation aufmerksam machen, die von vielen Ärzten mit Recht als eine überaus günstig gelegene klimatische Übergangsstation von dem rauen, deutschen Winter, zu dem warmen Süden erachtet und empfohlen wird. In anmutigster Lage, zwischen Weinbergen eingebettet, liegt dicht am Ufer des Genfer Sees das seit Jahrhunderten von Erholungs- und Ruhebedürftigen mit Vorliebe aufgesuchte Städtchen Montreux. Auf der Nordseite von den hohen Bergen des Berner Oberlandes begrenzt, ist es so völlig geschützt gegen die rauen Winde, während von Süden her die milden Lüfte des unfernen Italiens über den lieblichen See herüberwehen. das fast immer wolkenlose blaue Firmament erhöht den landschaftlichen Reiz dieses von Mutter Erde so besonders bevorzugten Fleckchens Erde.  
Der von Jahr zu Jahr steigenden Zahl der Kurgäste entsprechend, haben Stadt- und Kurverwaltung Alles aufgeboten, um den Ansprüchen und Bedürfnissen der Besucher in jeder Hinsicht entgegenzukommen und finden wir dort ein sehr schönes Kurhaus, mit vorzüglichen, zweimal täglichen Konzerten, Theater, Lese- und Spielsäle etc. Seit vorigen Herbst hat die renommierte israelitische Restauration 'Pension Levy', welche während der Sommermonate in Interlaken für die leiblichen Bedürfnisse der rituell lebenden Kurgäste sorgt, ein Hotel eröffnet, das sich trotz des kurzen Bestehens durch seine vorzügliche Küche, peinlichste Sauberkeit, aufmerksamste Bedienung und trotz dieser Vorzüge sehr mäßigen Preise einen zahlreichen Passanten- und Touristen-Verkehr zu gewinnen wusste.  
Das Hotel ist während der Wintersaison, also von Oktober bis März, geöffnet und verdient in der Tat die lebhafteste Frequenz seitens der zahlreichen, nach dem Süden pilgernden und rituell lebenden Erholungsbedürftigen und dürfte wohl kein Besucher dieses Hotels dasselbe und die freundliche und aufmerksame Bewirtung anders als dankbar in Erinnerung behalten. Der Name des Hotels 'Joli Site' spricht für dessen wunderbare Lage. Fast unmittelbar am Ufer gelegen, gewähren die Zimmerbalkons eine herrliche Aussicht auf den glänzenden See, der bei dem regen Verkehr der Dampf- und Segelschiffe an dieser Stelle ein stets abwechslungsreiches Bild zeigt.  
Wir können aus all diesen Gründen, zu welchen sich noch die absolute, religiöse Zuverlässigkeit der von Interlaken ohnedies bestrenommierten Wirte gesellt, den Besuch Montreux's aufs Wärmste empfehlen. Auch Vergnügungsreisende werden sich bei einem Aufenthalte in Montreux überzeugen, dass dieser Ort mit Recht seinen Beinamen 'Das schweizerische Nizza' verdient."              

   
   
Aus der Geschichte der Jeschiwa in Montreux in den ersten zehn Jahren ihres Bestehens (1927-1937)      
Über die Jeschiwa in Montreux (1927)
    

Montreux Israelit 08121927.jpg (126962 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Dezember 1927: "Die Jeschiwa in Montreux. 
In Montreux, in der Mitte der Schweizer Riviera, von der Außenwelt gänzlich isoliert, wirkt die einzige Jeschiwa in der Schweiz. Diese Institution in Montreux, obwohl sie noch im zarten Alter steht, erreichte schon jetzt bedeutende Resultate. Ihr Name 'Ez-Chaijim' ist das Symbol, das Sinnbild der Unverwüstlichkeit des jüdischen Lebensbaumes: Aus allen Gebieten der Schweiz, Ungarns und Deutschlands kommen die Toradurstigen Jünglinge und widmen ihre Zeit mit hervorragendem Fleiße dem Studium der Tora; schon dies ein schönes Ergebnis, wenn wir bedenken, dass sozusagen auf Wüstenland diese Edelfrüchte tragende Oase entstanden ist. Und dies alles ist das Verdienst des Herrn Botschko in Montreux, der mit aufopfernder Hingebung und edlem Eifer die Jeschiwa gegründet hat und auch ihr väterlicher Leiter sowohl in geistiger als auch in materieller Hinsicht ist. Zur Befestigung der Jeschiwoh wurden Dozenten aus der Elite der berühmten Telscher Jeschiwoh (Litauen) berufen, die mit musterhaftem Eifer und hoher Intelligenz die ihnen übertragene heilige Aufgabe ausführen und den anderen Bachurim ein gutes Vorbilde geben. Die Jeschiwa wirkt im strengsten Sinne der Tradition und ist der litauische Derech Halimud (Lehrmethode) eingeführt, der sich dadurch auszeichnet, dass er stets bestrebt ist, durch Logik und Klarheit über manche Stelle im Talmud aufzuklären. Wollte Gott, dass dieses schöne Beispiel auch in anderen Städten des Auslandes nachgeahmt werde."            

      
Vortrag von Rabbi Botschko in Luzern über die Jeschiwa in Montreux (1928)
 

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. April 1928: "Luzern, 17. April. Dem Talmud Tora-Verein Luzern war es gelungen, Herrn R. Botschko aus Montreux für einen Vortrag zu gewinnen. Vor einem zahlreich erschienenen Publikum sprach der Gründer der Jeschiwah in Montreux über das Thema: Wohin steuert unsere Zukunft? In anschaulichen, aus dem täglichen Leben gegriffenen Bildern zeigte der Redner, wie die heutige Jugend vielfach im Materialismus aufgehe. Keine hohen Ideale seien mehr zu finden. Sport und Lebensgenuss werden als die erstrebenswertesten Güter hingestellt. Das ist die Frucht der heutigen Kultur, der modernen Lebensanschauungen, die das Geistige zurückdrängen. Ist es da verwunderlich, dass der jüdische junge Mann unser dem Einfluss seiner Umgebung auch ihre Anschauungen übernimmt, dem schillernden Gefunkel ihrer falschen Kultur zum Opfer fällt und sich immer weiter von der Tauroh (Tora), dem Born der höchsten Weisheit und Wahrheit, entfernt? Da muss das Elternhaus eingreifen, muss in die Seelen der Kinder, die auf den Straßen und in der Schule allen Verlockungen ausgesetzt sind, den Geist der Tora einpflanzen, damit sie die Nichtigkeit und Äußerlichkeit der weltlichen Kultur durchschauen lernen. Deshalb ist in Montreux, auf dem 'steinigen Boden' der Schweiz, eine Jeschiwoh gegründet worden, um dem Schweizer Judentum ein höheres Ideal zu geben als nur Gelderwerb und Genuss. Und so schloss der Redner seinen mit vielen Zitaten aus dem Talmud gewürzten Vortrag mit einem Aufruf an die Eltern, ihm 'Bachurim' zu senden, nicht Geld, denn wenn einmal der Geist der Tora sich Weg gebahnt, ist das andere eine Leichtigkeit. Herr J. Herz dankte für die mit großem Beifall aufgenommene Rede und eröffnete die Diskussion, an der sich Herr Eisenberg und Herr cand. phil. L. Schochet beteiligten. Mit einem kurzen Schlusswort des Präsidenten endete dann der interessante, lehrreiche Abend."

  
Sitzung des engeren Ausschusses des Jeschiwa-Kuratoriums (1928)  

Montreux Israelit 16081928.jpg (265173 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. August 1928: "Für die Jeschiwah Montreux.  
Zürich
, 10. August (1928). Am vorletzten Sonntag trat hier unter dem Vorsitz von Herrn Saly Harburger der engere Ausschuss des Jeschiwa-Kuratoriums zusammen. In Anbetracht, dass mehrere Herren des Kuratoriums gegenwärtig in den Ferien sind, konnte das gesamte Kuratorium nicht einberufen werden. Herr Harburger berichtete von der schönen Entwicklung dieser Institution, die er jüngst persönlich anlässlich seines Aufenthaltes in Montreux wahrnehmen konnte. Die Jeschiwa ist innerhalb genau so aufgebaut und geleitet, wie die bekannten Jeschiwaus des Ostens, während sie äußerlich einen ganz modernen Charakter trägt und den Verhältnissen des Westens durchaus entspricht; die Jeschiwa sei daher ein Segen für die schweizerische Judenheit.   
Herr A. W. Rosenzweig verlas einen Statutenentwurf, der vom Ausschuss genehmigt wurde und der dem Gesamt-Kuratorium übergeben werden soll.   
Herr Botschko berichtete ausführlich über die großen Fortschritte der Kinder und betonte, dass sie durch ihren großen Fleiß und die intensive Studiumsvertiefung uns große Freude bereite. Die Begeisterung fürs Lernen, die bei den Jüngeren allgemein herrscht, ist vorbildlich. Die erfreuliche Tatsache, dass sich bereits im 2. Jahre die Schülerzahl mehr als verdoppelt hat, kann als großer Erfolg des Jeschiwa-Gedankens bezeichnet werden.
Sodann berichtete Herr Botschko über den finanziellen Stand der Jeschiwa und dass mit der Vermehrung der Schüler auch die materiellen Mittel erheblich zugenommen haben. Es ist besonders erfreulich, dass ein Teil der Eltern, deren Kinder die Jeschiwa besuchen, selbst ca. Fr. 2.000.- monatlich beitragen. Die Jeschiwa hat zwar einen internationalen Charakter, ist aber vorwiegend eine schweizerische Institution, da von ihren 30 Schülern über zwei Drittel schweizerische Kinder sind, und daher soll die Institution auch von der Schweiz erhaltne werden. Wenn auch die Schweiz viele Institutionen erhält, ist die Jeschiwa auf dem geistigen Gebiet doch die einzige.  
Herr Botschko legte alsdann dem Ausschuss ein Projekt vor, ein großes Anwesen zu mieten, in dem die Jeschiwa ganz untergebracht werden soll; es handelt sich um das berühmte Schloss 'Quisisana'. Dieses Projekt wurde vom Ausschuss gutgeheißen und Herr Botschko zur Unterzeichnung eines längeren Vertrages ermächtigt. - Sodann entspann sich eine lebhafte Debatte, wie die im Jahresbudget an Fr. 50.000 noch fehlenden Fr. 15.000 aufgebracht werden sollen. An der Debatte beteiligten sich die Herren: Rabbiner Kornfein, S. Harburger, A. W. Rosenzweig, Tepliz, Eiß, Pines und J.M. Herz. Wichtige Beschlüsse der Genehmigung des Kuratoriums vorbehalten wurden hierüber gefasst.  
Allgemein kam der Wunsch zum Ausdruck, sämtliche Gemeinden und Vereine zur Mitarbeit und zur weiteren Ausgestaltung dieses Werkes heranzuziehen. - Ein Gesuch des Rabbiner-Seminars aus Paris, eine Gruppe seiner Schüler für einen Kurs in die Jeschiwa aufzunehmen, wurde unter gewissen Bedingungen gutgeheißen. Herr Camille Lang und A. W. Rosenzweig wurden um weitere Beibehaltung der Zentralkasse gebeten. - Für den Monat September soll das gesamte Kuratorium nach Montreux einberufen werden."                 

      
Besuch in der Jeschiwa von Dr. M. Ascher (1928)      

Montreux Israelit 27091928.jpg (163690 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. September 1928: "Ein Besuch in der Jeschiwa Montreux.   
Es gibt doch nichts Herrliches als die Heilige Tora. Das ewig lebendige Gotteswort ist weiter als das Meer, tiefer als der Tiefen Grund, erhabener als der Berge Höhen. Die Quellen der Heiligen Tora laben das Herz, erfreuen das Gemüt, erleuchten das Auge, erweitern den Blick, stärken den Geist, veredeln den Menschen. Je weiter man sich von diesen Quellen entfernt, umso mehr entfernt man sich von der Wahrheit, umso mehr Fehler entstehen und Missverständnisse machen sich breit. Wohl dem, der nach der Tora Lehren sich richtet. Diese Lehren bedeuten Glück und Frieden, Trost und Labsal selbst in den Tagen des Leids und eine Quelle des Heils in allen Lagen des Lebens. Um in die Kämpfe und Gefahren des Lebens hinauszuziehen., ist Kunst, sogenannte Bildung und Wissenschaft ein zu schwacher Schutz für des Jünglings Herz. Da ist es erst das ewig Leben spendende Gotteswort, welches der Jüngling studiert haben muss, um allen Stürmen und Anfechtungen des Schicksals trotzen zu können, sodass alle Verlockungen des Lebens ihm nichts anhaben können. 'Gras dorrt und Blume welkt, das Wort unseres Gottes blüht ewiglich.'   
Am 6. Tischri wurde in dem paradiesisch gelegenen wunderschönen neuen Heim der Jeschiwa Montreux Prüfung abgehalten, die phänomenale Leistungen seitens der Schüler und - last not least - seitens der Lehrer aufwies. Es wurde der Inhalt einiger Perekim aus Bava Metzia und Kidduschin durchgenommen. Schon die unterste Klasse bewies, dass dort, wo echter Torageist herrscht, auch in kurzer Zeit Grandioses erzielt wird. Kinder, die noch vor Kurzem kaum über die Anfangsgründe hinaus waren, entpuppten sich als kleine Gelehrte, die nicht nur mit gutem Verständnis die erlernte Gemara nachzusagen verstanden, sondern die auch wussten, allen kreuz- und Querfragen geschickt zu begegnen. Die zweite und dritte Klasse zeigte so erstaunliches Wissen, dass man als Besucher sich unwillkürlich fragte: was mag wohl an höherer Leistung noch für die vierte Klasse übrig geblieben sein?  
Wir mussten, um noch rechtzeitig nach Hause zu gelangen, vorzeitig die Prüfung verlassen, was wir sehr bedauerten. Die Leiter, Herr Botschko und seine Herren Mitarbeiter, haben Großes geschaffen. Die Schweiz und die Judenheit können stolz auf dieses Werk sein, das Ewigkeitswerte in sich birgt.     Dr. M. Ascher."              

  
Schwester Recha Feuchtwanger aus Berlin hilft bei der Einrichtung der Jeschiwa mit (1928)      

Montreux Israelit 08111928.jpg (68245 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. November 1928: "Montreux, 5. November (1928). Schwester Recha Feuchtwanger aus Berlin hat sich freiwillig und uneigennützig in den Dienst der hiesigen Jeschiwoh gestellt. Sie kam für eine Monate hierher, um das neue Jeschiwa-Heim in Villa Quisisana für ca. 35 Schüler einzurichten und zu ordnen, wobei sie wirklich Großes vollbrachte. Sie tat alles, um die Räume den Lernenden wohnlich und angenehm zu machen. Schwester Recha hat selbst nach ihrem Verlassen der Jeschiwa weiter für dieselbe gewirkt und sie steht immer noch in engster Verbindung mit ihr. Durch ihre Bemühungen in ihrem weiten Bekanntenkreis erhielt die Jeschiwa letzthin eine große Kiste neuer prachtvoller Silberbestecke. Schwester Recha, die keine Danksagung will, wird der Lohn für ihre aufopfernde Arbeit zum Guten der Tora und ihres Studiums von höherer Stelle werden."             

  
Bericht über "eine Jeschiwo im Schnee" (1929)     

Montreux Israelit 03011929.jpg (632011 Byte) Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Januar 1929: "Eine Jeschiwo im Schnee. Der Höchstpunkt von Montreux.  
Ein Stückchen Schweizererde, auf die der Weltenschöpfer seinen ganzen Farbenkessel ausgegossen hat. Gewaltig erheben sich die weißgekrönten Höhen in Zacken und Ketten über den glitzernden, in allen Farben spielenden Genfersee. Unten alabasterweißer, hartgefrorener Schnee, und von oben eine warme strahlende Sonne, als käme der junge Frühling zum alten Winter zu Besuch und küsste ihn so herzhaft, dass der Alte lachen muss. Sind alle Menschen hier nur deswegen so froh, so heiter, so freundlich und voller Entgegenkommen, weil die Sonne über den schneeigen Höhen alles, alles, selbst die hartgefrorene Wintererde, zum Lachen bringt?!   
Es gab wohl Zeiten, da die Menschen auch hier zwischen Berg und See dieses Lachen des Schöpfers nicht verstanden. In den See direkt hineingebaut, steht das Chateau de Chillon, ein graues, hartgebautes Schloss, tausend Jahre alt, mit Zinnen und Kuppeln, mit einem Labyrinth von Zimmern, Gemächern, Dunkelkammern, Prunksälen mit altem Zinn und geschwungenen Waffen, mit Kellern, Ketten und Gefängnissen, Foltermaschinen und Galgen. Hier kann man das Grauen lernen. Hier hatten sich Ritter befestigt. Wehe dem Armen, der als Gefangener in diese Katakomben hinuntergeführt wurde. Er sah das Sonnenlicht über den weißen Bergen nie mehr und den See vielleicht nur durch die schmale Schießscharte in der Mauer, kurz bevor er als Leiche zu den französischen Bergen hinübertrieb. 
Und Menschen kommen aus allen Erdteilen, aus Amerika und Australien und allen Ländern Europas, um zu schauen und zu staunen, sich von einem Führer die Keller und Ketten zeigen zu lassen und die Steine, die durchweicht waren von Tränen Unglücklicher und Unschuldiger. Welche Worte des Hasses, des Flehens, der Verzweiflung, der Sehnsucht nach Sonne und Leben sind in diese grauen Quader mit zittriger Hand eingegraben! Jeder Stein spricht von einer versunkenen Welt des Leides und des Lasters, der Zechgelagen oben und der dumpfen Verzweiflung unten. Versunken ist diese Welt, Gott sei es gedankt. Der unweit von dieser Stadt tagende Völkerbund sieht sich zuweilen diese Stätte an. Aus den kalten, grauen Gräbern der Menschenschändung in der Ritterzeit mag etwas Licht und Freude für ein Geschlecht der Gegenwart und für die Zukunft erblühen!   
Auf der anderen Seite erhebt sich der Hügel Chatelard, und darauf ein noch nicht so altes Schlösschen, die Villa 'Quisisana'. Wir steigen die vierhundert Meter hinauf und stehen wiederum auf Geschichtsboden: mitten in der jüdischen Vergangenheit, die gar nicht Vergangenheit ist, sondern lebendige Gegenwart und erst recht Zukunft. Die Steine und Mauern, eingerahmt von weitem Baum- und Gartengelände, besagen nicht so viel. Hier hat vor noch nicht so langer Zeit ein ägyptischer Chediv seine Sommerresidenz gehabt. Heute wohnt darin die Tora, eine Jeschiwo, eine regelrechte Jeschiwo, wie man sie, wohl in größerem Ausmaße, aber in ihrer inneren Struktur nicht anders auch in Litauen oder Ungarn sehen kann. 
Eine Jeschiwo! Du lieber Himmel! Wenn ich in meiner Kindheitszeit aus dem Fenster des Jeschiwobaues hinausschaute, da sah ich graue Haufen, graue Holzhäuschen, graugelbe Schindel- und Strohdächer, weißgrauen Rauch aus dem steilen Schornstein des Gemeindebades, graue Sorgenfurchen auf schmalen Gesichtern von gebeugten Menschen, einen Tümpel, in dem Frösche im Chore quakten vor einer grauen Sandebene, die man die 'Sarde' nannte. Hier stehe ich auf dem Gipfel des Chatelard vor der Jeschiwo zu Montreux und sehe hinab auf den leuchtenden See zu meinen Füßen, sehe hinüber zu den schneebedeckten Bergketten, die die französische Erde einsäumen. Unten zwischen Berg und See langen drei Häuserzungen, die am Abend lichtgarniert sind wie bei einer italienischen Nacht in einem Park, mitten in das Wasser hinein. Und darüber ein kristallblauer Himmel, der gegen Abend ein Feuerrot aufnimmt, das das Blau nicht verdrängt. Hellblau, Feuerrot und Violett in einem. Herr, was ist deine Welt schön!...  
Und da oben hat sich die Tora ein Schlösschen gebaut und sie sieht all das gar nciht. Sieht nicht? Sie sieht's, fühlt's zutiefst und zuinnerst, ist mit ein Stück dieser erhabenen und erhebenden Weltschönheit, und singt im Chore mit am Lobliede für den Meister und sein Werk; ja singt in Worten, was Berge, Seen, Schnee und Sonne in Leuchten, Glitzern, Scheinen sagen und singen!   
Fünfunddreißig Jungen treffe ich im großen Saale beim Lernen, beim 'Chasern'. Ein Wunder im Wunder der Schöpfung tut sich meinen Augen und Ohren auf. Ein Stück Litauen mitten in der Alpenwelt erblüht, ein Slabodjo und Telsch aus den Bergen gezaubert. Die untergehende Sonne schüttet Farbenpracht über Berg und Tal, drinnen sitzen die Fünfunddreißig und lernen, lernen und lernen; singen, schreien, reden, einzeln und im Chore. Alle Sprachen und Dialekte sind vertreten, aus sieben Ländern kommen die Jungen. Den Geist beherrscht Litauen, die Sprache die Schweiz und das liebe Schwyzerdeutsch. Dass ein Maharschoo 'chaipe' schwer sein kann, hörte ich hier zum erstenmal in meinem Leben.   
Ich wohne dem Unterricht in den einzelnen Gruppen bei. Es sind im ganzen vier Abteilungen, von Anfängern im Alter von vierzehn und fünfzehn Jahren bis zu Zwanzigjährigen, die selbstständig ein Blatt mit allen Kommentaren lernen. Ich bin in der dritten Gruppe. Fünfzehn Jungen, alle frisch, froh und sechszehnjährig. Eine schwere Sugja im Traktate Gittin wird durchgenommen. Der Schöpfer und oberste Leiter dieses Wunderwerkes, Herr Botschko, eine sittliche Persönlichkeit, aus der Mussar-Atmosphäre der litauischen Hochschulen hervorgewachsen, mit ganz hervorragender talmudischer Gelehrsamkeit und pädagogischer Begabung, bearbeitet die Materie mit aller Tiefe und Gründlichkeit, unter Heranziehung der ganzen einschlägigen Literatur. Ich fürchte, die Jungen mit den lachenden Augen in ihren großwollenen Sweatern, die eher auf Ski und Fußball hinweisen, als auf diese verschlungenen Gänge der Halacha, könnte nicht alle folgen. Aber sie sind alle dabei, und die Kleinsten wiederholen das Pensum in allen Nuancen mit einer Sicherheit, die mich frappiert. Inzwischen arbeiten im andern Zimmer die acht älteren Jünger der vierten Gruppe selbstständig an einem schweren Tossafot. Wenn sie mit ihrer Sache fertig sind, wird sie der Leiter selbst abhören und das Ganze mit einem Pilpul krönen. Und in den oberen Gemächern lernen zur gleichen Zeit je fünf oder sechs Jungen der ersten und zweiten Gruppe, einfach 'Pschat' mit Raschi und kleineren Tossafot. Ihre Lehrer sind noch selber Schüler, die ältesten Bachurim und jüngsten Dozenten. Die Luft in allen Räumen ist mit Tora angefüllt.   
Gegen acht Uhr abends sind die Schiurim zu Ende und alle sind im große Betsaale versammelt, wo das Maariwgebet mit einer Innigkeit und Inbrunst verrichtet wird, dass die Welt mit ihrem Jagen und Hasten einfach vergessen ist. Alle Schönheit der Alpennacht hat sich in die Tiefen der Seelen, der Herzen verzogen, aus denen die Andacht wie der Bergbach frisch sprudelt. Dünne, feine Stimmchen zittern wie im Märtyrerglück das 'Echod' des 'Schma' und in Sportjacken gekleidete frische Jungen schaukeln sich beim Achtzehngebet wie alte Rabbis. Und bei all dem keine Stubenhocker, die hinter Licht und Sonne leben, mit dem Buche dem Leben, der Schönheit, dem ersten Rechte der Jugend, dem Frohsinn, entführt werden. Das ist keineswegs der Fall. Den großen Schneemann mit dem Besen in den robusten Fäusten im Garten vor dem Jeschiwo-Hause muss man sehen und die große Schneehütte davor, die die Jungen in den kurzen Pausen hier mit Meisterhand errichtet haben! Es gibt auch Pausen für Spazieren gehen, sogar für Rodeln und Skifahren. Dass manche Jungen darauf verzichten, dass manche sogar nach dem Abendessen, was nicht sein soll, noch einmal nach der Gemoro greifen und ein großes Loch in die Nacht hineinlernen, ist nicht Schuld der Jeschiwo. Oder doch? ---  
Und dann kommt der Sabbat über die Alpenhöhen ins Bertal, schleicht sich mit den Abendschatten die Stufen hinauf zur Villa Quisisane. Im Schlösschen, wo früher die ägyptischen Herrschaften orientalische Fest gaben, brennen alle Lichter., Die Jungen, frisch pausbäckig und frohgemut, stecken in ihren Sabbatanzügen. Am Vorbeterpulte steht der Leiter selbst. Mit einem 'Lecho daudi' in der herzinnigen Slobodkoer Mussarmelodie wird der Sabbat empfangen. Gebete an der Peripherie werden im herrlichen Chore gesungen. Im Nebenraume sind die langen Tafeln weißgedeckt. Von unten her, aus der Küche herauf, dringt der liebliche Duft gefüllter Fische. Auch das ist litauisch.   
Eine Stunde später ist die ganze Korona unten im Tale in der Privatwohnung des Leiters, der im Nebenamte (er sagt, im Hauptberufe) Kaufmann und Besitzer eines großen Ausstattungsgeschäftes ist, versammelt. In der Sabbatstube brennen auf dem Tische, von der Decke herab, an den Wänden sämtliche Lichter und Kandelaber. So saßen wir einst, viele Jahrzehnte liegen dazwischen, um unseren Rebben in Woloschin. Der Respekt ist so grenzenlos wie die Liebe endlos ist. Schwierige Erziehungsprobleme, mit denen die moderne Pädagogik nicht fertig wird, sind hier spielend, einzig durch die Disziplin, die aus der Materie, dem Konnex zwischen Lehrer und Schüler kommt, gelöst. Schweizer Jungen, mit denen keine Schule was anfangen konnte, sind hier Menschen, Juden, echte rechte Torajünger geworden. Versuch am untauglichen Objekte, rieten Kundige ab. Von der Kraft der Tora und des Mussar erfasst, wird das Objekt tauglich. Letzteres bestätigte mir kein geringerer, als Herr Dr. Ascher in Bex, einer unserer besten jüdischen Pädagogen, der Gelegenheit hat, Geist und Gang der Jeschiwo aus nächster Nähe zu beobachten.  
Der Leiter und väterliche Hausherr ruft aufs Geradewohl den einen und den anderen auf, zieht ihn an sich heran, fragt ihn aus, hört ihn ab. Wer so ausgezeichnet ist, strahlt und zeigt, was er kann. Indes die Hausfrau und Mutter der Jeschiwo unermüdlich und unerschöpflich 'ihre Kinder' betreut und bewirtet. 'Habt Ihr, Jungens, schon den Tee?' 'So greift doch zu, hier Kuchen und Obst.' 'Du, mein Kind, gehe nicht so in die Luft hinaus, bist so leicht erkältet'. Und so weiter, und weiter. Die Jungen strahlen, singen, hören, erzählen. Einer unter ihnen wird 'Jossele' genannt, wiewohl er ganz anders heißt, Jossele Rosenblatt, wegen seiner               
Montreux Israelit 03011929a.jpg (419916 Byte)lieblichen Stimme und seiner Freude am Gesang. Er packt die schönsten Gesänge aus, die andern stimmen im Takte mit ein. Ein dreifaches Licht strahlt in diesem herrlichen Hause: Sabbatlicht, Licht der Tora, das Licht der jüdischen Gastlichkeit.   
Und von unten herauf, von der Seeseite, nähern sich bedächtige Schritte. Es raschelt auf der Veranda. Leise und unsicher klopft es an die Türe. Zwei Männer, groß, jugendlich, gut gekleidet, treten mitten in den Lichtkreis, schauen etwas verlegen und fragen höflich, ob es gestattet sei. Sie kommen, nach Kleidung und Manieren zu schließen, aus einem der vornehmsten Hotels am See, wo Engländer und Amerikaner wohnen, vielleicht schon von einem Bar. Sie sahen die Lichter, die ganz anders leuchteten, sie hörten die Töne, die anders klangen, und es zog sie mit magnetischer Kraft hinein. Ob sie eine Weile hier sehen und hören dürften.   
Gewiss. Die Fremden, mit ihren Stöcken in der Hand und dem Ulster auf dem Arm doppelt fremd in diesem Kreise, werden freundlich begrüßt, zum Sitzen eingeladen, mit Wein und Tee bewirtet. Sie schauen, sie hören, sie staunen, sie lachen und einer - zieht langsam ein weißes Tuch aus der Tasche und führt es unauffällig an die Augen. Kam eine Erinnerung aus einer entlegenen Ecke der Seele zum Auge hinauf? Gemahnte was an eine kleine Sabbatstunde irgendwo im Osten mit einer alten Mutter, deren Runzeln im Scheine der Sabbatkerzen leuchteten! Damals, damals bevor man noch über das große Wasser in das flutende Leben der neuen Welt hineintrieb. Eine Erinnerung... Die Fremden verabschieden sich mit Dank und gehen. Wer kann's sagen, ob nicht des Lichtes ein Funken sich in eine halbverlorene Seele jetzt gestohlen hatte, ob nicht eine heilige Träne einen irrenden Menschen auf den Heimweg bringt? Wer kann eine jüdische Neschomo (Seele) in ihren tiefsten Tiefen durchschauen und bewerten?    
In Montreux wohnen einige einheimische Juden seit undenklichen Zeiten. Versprengte Teile aus dem Elsässischen, die nicht die Zahl und vielleicht auch nicht den Willen hatten, sich zu einer Gemeinde zusammenzuschließen. Als die Jeschiwo noch in primitiver Form unten in der Stadt hauste, sahen diese Juden mit Unbehagen und Argwohn zu ihr hin. Fremde Sachen, was werden die Andern sagen? Sie stehen jetzt zuweilen unten und horchen, wenn das Toralied hinunterklingt. Manch einer findet den Weg hinauf, wenn er 'Jahrzeit' hat, um Kaddisch zu sagen. Im nahen Lausanne geben Juden, die für ihre Person dem Judentum der Tora ziemlich fremd und fern stehen, sogar recht viel Geld für die Erhaltung der Jeschiwo. Wer kennt die Fernwirkung eines zündenden Blitzstrahls.   
Am Sabbatmorgen ist der Gottesdienst mit einer zündenden Mussardroscho des Leiters bereichert. Sabbats Scheidestunde ist mit einem Vortrag des Gastes ausgefüllt, und der Abend nach Sabbatausgang gehört der Geselligkeit, der frohen Gemütlichkeit, dem Gaste, den Gästen zu Ehren. Wie wir nach Mitternacht den Gipfel hinuntersteigen, stehen sie am Abhange und singen Psalmen in die blaue Alpennacht.  Wie ist dieses Wunder entstanden? Von wem und wie wird dieses Wunderwerk erhalten? Ich weiß es nciht. Ich habe in die Bilanzbücher des Unternehmens nicht geschaut. Aber zwei Aktivposten sah ich, vie vielleicht mehr wiegen als Millionen an Gold, die heißen: Freude und Vertrauen. Viele zweifelten, viele lachten. Ein Unternehmen ohne Aktienkapital, ohne Rentabilitätsaussichten... Faktoren, die zur Hilfe angerufen wurden, hielten Sitzungen und Beratungen ab, fassten Resolutionen und legten Akten an, sie liegen gut. Inzwischen ging Botschko, unterstützt von einem Weibe, das sich an jüdischen Idealen entflammt, an die Arbeit und blieb unentwegt und unbeirrt, ohne nach rechts und links zu schauen, am Bau. Er machte Reisen, hielt Vorträge und schnorrte - um Menschengut. Sein Gründungskapital bestand - in vier Jüngern, von den besten, aus Telsch, deren einer schon seit Jahren Rabbinatsautorisation hat. Diese ersten Bachurim und heutigen Unterdozenten, sie waren das lebendige Programm, sie zeigten das Muster eines Bachur, eines der Tora, dem Mussar, dem Derech Erez sich ganz hingebenden jungen Menschen. Sie schufen das Milieu, die Atmosphäre, den Rahmen, in den sich dann alle und alles von selbst einreihte. Es kamen sieben aus Ungarn hinzu, zwei aus Deutschland, aus Belgien, aus England, aus dem französischen Elsass und dann nacheinander zwanzig Schweizer. Drei von diesen Schweizern, die zum Teil ohne Anfangskenntnisse herkamen, lernen heute schon in den Obergruppen und lehren als Dozenten in den Untergruppen.   
Wie dieses Wunderwerk erhalten wird? Durch mäßige, zum Teile sehr geringe Bezahlung der Schüler, soweit sie aus wohlhabenden Familien kommen; durch beschiedene Beiträge, die Mitglieder eines gegründeten Vereins mit einem Kuratorium an der Spitze entrichten; durch freiwillige Spenden. Ob es reicht? Ich weiß es nciht. Die Lernzimmer sind schön, geräumig, mit blankgescheuertem Parkettboden, in die durch die geöffneten Fenster Sonne, Licht und Luft in vollen strömen dringen. Blitzblank die zwölf Schlafzimmer, sauber und hübsch der große Speisesaal, in denen von einer würdigen Dame, die mit Herz und Geschick bei der Sache ist, die reichlichen und gut zubereiteten Mahlzeiten verabreicht werden. ---     
Die Tora sucht ihre alte Stätte auf, sagte einstens der greise, weise Rabbi von Radin und weilt gern da, wo sie sich in früheren Generationen wohlfühlte. Suchen, sagt der weise Lehrer, ist nicht gleichbedeutend mit Finden. Suche ich das Schutzdach auf, unter dem meine Väter Asyl gefunden, und werde doch nicht eingelassen, so ziehe ich weiter. Die Tora kam vor hundert Jahren und klopfte an die Westpforte Europas. 'Habe ich doch bei euch gewohnt und unter euch so glücklich gelebt, flehte sie. Wohnten und wirkten nicht bei euch die Großen von Mainz, von Rotenburg, von Worms. Liegen nicht jenseits der Vogesen die Tossafisten begraben?' Aber kalt und taub blieb der jüdische Westen. 'Kein Platz für dich, alte Tora. Unsere Jungen müssen in die moderne Schule, müssen ins harte Leben, müssen auf Sport- und Spielplatz, müssen in die Musikstunde. Was willst du noch bei uns?' Kommt sie jetzt wieder durch das Westtor gezogen, bekommt sie Einlass?  
Und sie ging, die alte Tora, und schlug ihr Zelt da und dort auf, indes der Westen verödete, und viele kostbare Keimkräfte unter dem starren Winterboden starben und verdarben.  
In der Schweiz, wo ebenfalls einstens große Lehrer (der alte Friedhof von Endingen-Lengnau zeugt davon) wirkten, kletterte die Tora, da sie wieder kam, 600 Meter hinauf und lässt dort ihre Stimme über Berg und Tal erschallen, dass jenseits des Genfersees im französischen Boden die großen Lehrer von Zorfath in ihren Gräbern erwachen. Weiß die Schweiz, in der jetzt neues jüdisches Leben allen Poren entquillt, weiß der Westen, weiß das Judentum, was sie dem Regenerator des Toralernens in der Schweiz, dem Meister und seinem Werke schulden?  S-tz. (Schachnowitz)."           

  
Elijahu Botschko referiert bei einer Tagung des Schweizer toratreuen Zentralvereins im Bet-ha-midrasch in Basel (1930)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Februar 1930: "Basel, 30. Januar (1930). Vor kurzem hatte der vom Baseler Raw - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - gegründete 'Schweizer toratreue Zentralverein' im Baseler Beshamidrasch Zusammenkunft und gemeinsames Lernen. Nachdem der bekannte Leiter der Chewras Schaß, Herr M. Schwarz in Basel, die Gäste im Namen des Vorstandes in einer kurzen, mit Toraworten geschmückten Ansprache begrüßt hatte, hielt der Leiter der Jeschiwa in Montreux, Herr E. Botschko, einen tiefgründigen halachischen Vortrag über eine Sugja in Traktat 'Kettubot'. Zuerst gedachte er in warmen Worten des Begründers der Schweizer Lern-Vereinigung und teilte seine Erinnerungen mit, wie dieses 'Lernen' innerhalb der Chewras Schaß ihn eigentlich auf die Idee brachte, eine Jeschiwa in der Schweiz zu gründen, um den Nachwuchs für die Tora zu sichern. Darauf folgte das Lernen. Mit einem Schlusswort und der Bitte, der Jeschiwa in Montreux zu gedenken, schloss Herr Botschko seinen inhaltsreichen Vortrag. Die Aussprache der Freunde, die nicht minder interessant zu werden versprach, wurde leider durch die zu kurz bemessene Zeit verhindert.   
Die feine dem Feste zugrunde liegende Idee hat auch diesmal ihr Ziel vollauf erreicht. Der gemeinsame Aufmarsch der zerstreuten Torafreunde der Schweiz hat den Mut und die Lust der Anteilnehmer gestärkt. Der Eindruck war erfrischend und erfreuend zugleich. Mit neubelebter Liebe zur Tora im Herzen ging es froh und mutvoll nach Hause."  

 
Zwei Jahre Jeschiwa in Montreux (1929)   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. April 1929: "Zwei Jahre Jeschiwah zu Montreux. (Siehe Bilder auf Seite 4 der Beilage 'Aus Welt und Leben."). Von R. E. Botschko in Montreux.  Am 1. April feierte die Jeschiwah ihren zweiten Geburtstag. Im April 1927 wurde der erste Grundstein, zur Jeschiwah in Montreux gelegt und deren Eröffnung der Schweiz und der Welt verkündet. Wie viele unter uns haben in dieser Gründung einen Aprilscherz gesehen, ein unerfüllbares, phantastisches Märchen. Wie viele haben, den Begriff und Sinn der Jeschiwah überhaupt nicht verstanden, und als wir den Begriff 'Je­schiwah' mit einer Hochschule für Torastudium definierten, waren sie neuerdings stutzig. Was ist eigentlich Tauroh, wie wäre sie zu studieren! Dass es eine breite und ausgedehnte jüdische Theologie gibt, dass ein zwanzigbändiges, zweitausend Jahre altes Talmudwerk existiert, welches alle Probleme des jüdisch-menschlichen Lebens umfasst, eine scharfsinnige, tief verzweigte jüdische Jurisprudenz enthält, in der das ganze Zivil- und Strafrecht, Gesetze über Eheschließung und Ehescheidung, alle rituellen Fragen, allfällige Gesetze für die Diaspora und Palästina allseitig und erschöpfend behandelt werden, das wussten nur wenige. Dass ferner um das zwanzigbändige Talmudwerk sich ein Meer von Erklärungen, Responsen angesammelt hat, davon haben die meisten keine Ahnung, und in den Schweizer Bibliotheken und Museen sind sie leider wenig zu finden. Jeder Vater, und selbst der religiöse, glaubte, dass sein Sohn in der Religionsstunde die ganze Tauroh fertig gelernt habe, und war es nicht der Fall, so war ihm Taurohstudium nicht so ungeheuer wichtig, dass sein Sohn diesem ein oder zwei Jahre           
Montreux Israelit 24041929a.jpg (272728 Byte)Schule opfern sollte; noch viel weniger ein oder zwei Jahre Geschäftszeit. Tauroh soll der Rabbiner lernen, meinte jeder Vater. Dafür wird er doch bezahlt, dass er die Baalei Battim in allen religiösen Funktionen vertritt, und selbst an die Rabbiner werden keine allzu großen Ansprüche gestellt. Der westliche Rabbiner wird von der Gemeinde nicht verpflichtet, ein großer Talmudgelehrter zu sein, alle talmudischen Fragen sind Probleme zu beherrschen, er muss lediglich akademische Bildung besitzen, mit europäischen Manieren ausgestattet sein, etwas von jüdischer Geschichte verstehen — soviel er für den Unterricht benötigt —, Trauungs- und Trauerreden halten können und in den kleinen Ortschaften den Gottesdienst selbst zu verrichten in der Lage sein. Es ist daher begreiflich, dass die meisten Schweizer in der Jeschiwah ein 'östliches Produkt' erblickten, welches dem Schweizer Wesen ganz und gar zuwider ist, und daher sträubten sich auch viele dagegen. Denn in vielen Kreisen gilt ja alles, was östlich ist, als etwas Abscheuliches, Kulturloses, veraltetes und Phantastisches. — Darin wirkte die Jeschiwah zu Montreux geradezu revolutionierend. Sie gab uns die Tora als Erbe wieder, ein Erbe, das wir, unabhängig von Zeit und Kultur, zu hüten und zu mehren .haben. Die Jeschiwah existiert, progressiert, ist auch finanziell gewissermaßen fundiert, hat in den zwei Jahren ihres Bestehens Zeugnis von ihrer Lebensfähigkeit und Lebensnotwendigkeit abgelegt und sie ist der Schweizer Jugend unentbehrlich zur Lebensader und zum Lebensimpuls geworden! Die Schweizer Juden können sie nicht mehr ablehnen, verwerfen, desavouieren, sie ist von der ganzen Welt anerkannt und freudig begrüßt. Etwa 50 Schweizer Jungen wurden bereits durch sie geistig gespeist. 30 Kinder aus allen Gauen der Schweiz (215 Ausländer von England, Belgien, Frankreich, Ungarn und Deutschland) zählen heute zu den unseren.
Unsere Anstalt, die vor zwei Jahren ins Leben gerufen wurde und die den Zweck hatte, die Jugend, der eine Gefahr der Entwurzelung drohte, dem Judentum ganz und lebendig zu erhalten, kann heute schon auf eine segensreiche Tätigkeit zurückblicken. Während die Jeschiwah bei Gründung nur 12 Schüler hatte und es nach einem Jahre auf 24 brachte, zählt sie heute bereits 36 Bachurim, und für den nächsten Seman, nach Pessach, sind bereits 50 Schüler angemeldet. Die Erfolge, die unsere Jeschiwah erreicht hat, sind so mannigfach und so rekordartig, dass sie uns ermutigen, voller Hoffnung und Zuversicht auf dem begonnenen Weg weiter zu schreiten, einer neuen Renaissance entgegen, der Renaissance der Tauroh.
Die Sportkultur, die vorübergehend unsere Jugend aus dem Studierzimmer riss und ihr Denken und geistiges Schaffen paralysierte, hat ihren Höhepunkt überschritten, und allenthalben, sehnt sich die Jugend wieder nach etwas Geistigem, Inhaltsvollem und spezifisch Jüdischem. Wir haben diesen Moment rechtzeitig erkannt und der Jugend die Möglichkeit gegeben, ihre innere Wandlung auf bestmögliche Weise, durchzuführen und ihren geistigen Stützpunkt wieder zu erhalten, so dass wir mit Sicherheit sagen dürfen: Die neue Generation ist für das Judentum gewonnen. Wir sind glücklich, dass unsere anstrengende und aufopfernde Arbeit von Erfolg gekrönt war, sie ist zum wah­ren Ez Chajim (Lebensbaum) emporgewachsen."   
Montreux Israelit 24041929b.jpg (168697 Byte) Fotos:  links: Die Jeschiwah zu Montreux (Villa Quisiana)
rechts: Die Jeschiwah zu Montreux (Eine Gruppe von Schülern mit ihren vier Dozenten und ihrem Leiter Herrn Botschko (unterste Reihe))  
 

   
Bericht über das Wintersemester in der Jeschiwa (1930)   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. März 1930: "Schweiz. Jeschiwoh Montreux.  Montreux, 15. März.
Das Wintersemester, das sich seinem Ende zuneigt, hat der Jeschiwoh in Montreux mehrere Vorträge bekannter ausländischer Persönlichkeiten gebracht. Schon bei der Eröffnung des Semesters hatten wir die Ehre, einen längeren halachischen Vortrag des berühmten Wilnaer Rabbiners Rabbi Chajmi Ojser Grodzensky zu hören. In derselben Zeit sprach auch Herr Rabbiner Nachumowski aus Schawly (Litauen). Ein Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Bohrer aus Gailingen behandelte ethische Probleme im Judentum. Der Vorsitzende des deutschen Keren Hathauro, Herr Wolf S. Jacobson, referierte über die Stärkung des Tauroh­Gedankens und über andere Jeschiwohprobleme. Über die augenblickliche Lage der litauischen Jeschiwaus referierte Herr Redakteur Schereschewski aus Kowno. Vor einigen Wochen hielt Herr Dr. Levinger aus München einen wohl gelungenen philosophischen Vortrag, in dem er verschiedene Probleme der Tauroh vom Standpunkt der modernen Psychologie aus beleuchtete, während der Leiter der Jeschiwoh selbst allsabbatlich Deraschot (Predigten) und Mussaroorträge hielt und oft auch allgemeine jüdische Probleme beleuchtete.
Als Novum brachte das letzte Semester auch einige Vorträge von Schülern der Jeschiwoh, eine Tatsache, die man als günstiges Zeichen der rapiden Entwicklung und Vielseitigkeit dieser Anstalt begrüßen kann. Als erster hielt cand. phil. Georg Golinski aus Beuthen eine Chanuka-Rede, in der er besonders die inneren Gegensätze zwischen Judentum und Griechentum als Ursache für die Makkabäerkämpfe skizzierte. Es folgte am Schabbat Mischpatim ein halachischer Vortrag von David Stefansky aus Zürich. Dieser behandelte in einem gut durchdachten und logisch aufgebauten Pilpul das schwierige Problem von asu mesum chazir aus bava kama (Talmud-Traktat vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Bava_qama). David Stefansky, der seit dem Bestehen der Jeschiwoh ihr Schüler ist, legte mit seinen wohl gelungenen Ausführungen ein Zeugnis für die Tiefe, Gediegenheit und Gründlichkeit der Montreuxer bekannten Lehrmethode ab. In der letzten Woche referierte Emil Altmann aus Beuthen über 'das Amalek-Prinzip in der Geschichte'.
Da alle diese Vorträge in der Jeschiwoh großen Anklang gefunden haben, hat sich die Jeschiwohleitung bereits mit mehreren in- und ausländischen Persönlichkeiten in Verbindung gesetzt, die im nächsten Semester wissenschaftliche Vorträge, soweit diese mit den Zielen und dem Geist dieser Torastätte in Einklang stehen, halten sollen. Ebenso werden die in diesem Semester begonnenen hebräischen Sprachkurse auch im nächsten Seman mit großer Intensität weiter ausgebaut werden.
Einem in weiten Kreisen tief gefühlten Bedürfnis entsprechend, beabsichtigt die Leitung der Jeschiwoh, im Sommersemester 1930 in Lausanne Talmud-Kurse für Baalei Batim (gemeint: erwachsene Männer) einzurichten."        

 
Drei Jahre Jeschiwa in Montreux (1930)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. April 1930: "Schweiz. Die Jeschiwah in Montreux.
Montreux, 22. April.  Die Jeschiwa 'Ez Chajim' hat zu Ehren ihres drei­jährigen Bestehens in einer eigenen Beilage zum 'Israelitischen Wochenblatt für die Schweiz" eine Reihe von Äußerungen prominenter Führer über die Jeschiwa in der Schweiz veröffentlicht. Ein Aufruf ist unterschrieben von Rabbi Chajim Oser Grodzenski in Wilna, Oberrabbiner Kuk in Jerusalem, Oberrabbiner Schapiro in Kowno und Grandrabbin Israel Levi in Paris. Ein anderer flammender Appell trägt außer den genannten Namen auch die Unterschriften bekannter Rabbiner und Lehrer sowie angesehener und verdienter Laienmitglie­der in der Schweiz. Belehrende und empfehlende Aufsätze von Dr. Josef Wohlgemuth und Dr. L. Deutschländer folgen. Ein schönes Gruppenbild ist begleitet von einem Festesgruß des Begründers und Leiters, Rabbi Elijahu Botschko. Ein Bericht über das am Sabbat Paraschat wejikra stattgefundene große Verhör zeigt die hervorragenden Leistungen der Jeschiwa in deutlichster Weise."           

   
Jahresversammlung des Kuratoriums der Jeschiwoh Ez-Chajim (1930)          

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Juni 1930: "Zürich; 12. Juni.
Vor kurzem fand im Gemeindesaal der I.R.C.Z. die ordentliche Jahresversammlung des Kuratoriums der Jeschiwoh Montreux statt. Die Versammlung war zahlreich beschickt und von Herrn A. W. Rosenzweig geleitet. Der Jeschiwohleiter, Rabbi Elijahu Botschko, erstattete den Jahresbericht, dem zu entnehmen war, wie rapid die Jeschiwoh sich entwickelt und dass die Schülerzahl bereits auf 60 angewachsen ist. Er berichtete ferner, dass einige Lehrer aus der Jeschiwoh ausgeschieden sind, die aber durch andere fähige und tüchtige Kräfte ersetzt worden sind. Der Jeschiwohleiter beklage sich, dass neben der schweren geistigen Arbeit auch noch die drückende materielle Last immer noch auf ihm laste und appelliert an die Mitglieder des Kuratoriums eindringlich, ihm kräftig zur Seite zu stehen und ihn von der schweren pekuniären Sorge der Jeschiwoh zu befreien. Der Jeschiwoh-Leiter legte ferner ein Projekt vor, ein guteingerichtetes Hotel mit ca. 50—60 Betten oberhalb Montreux, welches umstandshalber zu dem sehr vorteilhaften Preis von Fr. 90.000.— mit dem gesamten Mobiliar offeriert wird, für die Jeschiwoh zu erwerben. Ferner sprach er sein lebhaftes Bedauern darüber aus, dass die Eltern, die ihre Kinder auf die Jeschiwoh schicken, nicht genügend ihre Kinder für das Jeschiwohstudium vorbereiten. Der mangelhafte Unterricht der Religionsschulen muss unbedingt ergänzt und erweitert werden.
Der Jahres- und Kassenbericht wurde genehmigt und es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Das Kuratorium der Jeschiwoh Ez Chajim Montreux sprach dem Leiter der Jeschiwoh für seine aufopfernde, selbstlose und uneigennützige Arbeit den tiefsten Dank aus.
Am Sonntag darauf fand in Anwesenheit zahlreicher Gäste aus dem In- und Auslande die feierliche Eröffnung des Sommersemesters der Jeschiwoh Ez-Chajim statt. Der verdienstvolle Gründer und Leiter der Jeschiwoh, Rabbi Elijahu Botschko, eröffnete die Feier und begrüßte die Gäste, unter denen Herr Rabbiner Dr. Esra Munk - Berlin zu sehen war, die Dozenten sowie die Hörer der Jeschiwoh. Er begrüßte ferner den neuen Dozenten, Herrn Salomon Hamburger aus Berlin. Sodann gab der Jeschiwohleiter einen historischen Rückblick auf die Entwicklung der Jeschiwaus der letzten zwei Jahrtausende, von der Jeschiwoh in Jawneh, über die babylonischen, spanischen, französischen, deutschen bis zu den ungarischen, litauischen Jeschiwaus, die heute die Träger der Toralehre darstellen. Des weiteren gab er die Ziele der Montreuxer Jeschiwoh kund, die es sich zur vornehmsten Ausgabe gemacht hat, Torawissen in der Schweiz zu verbreiten und die, nach litauischem System aufgebaut, in dauerndem Konnex mit den litauischen Toragrößen steht. Die Jeschiwoh zählt trotz ihres erst dreijährigen Bestehens 60 Bachurim, die sich aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich, England, Belgien, Österreich, Tschechoslowakei, Ungarn und Rumänien rekrutieren. Nachdem der Jeschiwohleiter mit einem Pilpul die Masechat Bawa Mezia eröffnet hatte, begrüßte Herr Rabbiner Dr. Munk - Berlin die Jeschiwoh und wies mit großer Begeisterung auf die hohe Bedeutung der Montreuxer Jeschiwoh als neues Torazentrum sowie auf die ungeheuren Verdienste und übermenschliche Aktivität des Jeschiwohleiters, der dieses Institut aus dem Boden gestampft hat, hin.
Herr Rabbiner Dr. Esra Munk hielt noch am folgenden Tag einen groß angelegten und hochinteressanten Pilpul. Alsdann hielt der Toragelehrte, Herr Pines aus Zürich, einen geistvollen halachischen Vortrag. Herr Pines gab auch seiner Bewunderung über die Jeschiwoh, ihre Erfolge, und ihr hohes Niveau Ausdruck. Mit einer von tiefen Mussarworten begleiteten Rede schloss der Jeschiwohleiter die imposante Feier. H—er."       


Semesterschlussfeier und Einweihung einer Torarolle in der Jeschiwa (1930)      

Montreux Israelit 06101930.jpg (187154 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Oktober 1930: "Schweiz. Ein Fest in Montreux.  Montreux, 30. Sept.
Mit der Einweihung einer neu geschriebenen Sefer Tora (Torarolle) verband die Villa Quisisana, in der seit vier Jahren die Tora ihre Schweizer Residenz aufgeschlagen hat, das Fest des Semesterschlusses, und es kam noch manch anderes hinzu, das vierfachen Grund zum Feiern bot. Trotz der ungünstigen Zeit zwischen den Festen waren etwa 40 Gäste aus allen Teilen der Schweiz und der Grenzländer, darunter eine Anzahl Rabbiner, am Feste beteiligt. Mit den 70 Jüngern der Jeschiwa und den Herren und Damen, die sich zur Zeit in Montreux und Umgegend zur Kur aufhalten, waren rund 120 Menschen am Sonntagnachmittag in den mit Girlanden geschmückten und Lampions beleuchteten Räumen der Jeschiwa anwesend. Mit einem spontanen hebräischen Gesang der Schüler wurden gegen 3 Uhr mittags die Gäste empfangen. Es begann das große Verhör durch den vielbewunderten Begründer und Leiter der Jeschiwa, Rabbi Elijahu Botschko. In den vorderen Bänken saßen die Herren Rabbiner und Ehrengäste, dahinter die Teilnehmer, besonders die Väter und dazwischen die Jünger mit ihren gewährten Lehrern, von denen manche noch selbst in jugendlichem Alter sind. In dem zum Hauptraume geöffneten Zimmer sah man eine große Anzahl von Damen, auch Ausländerinnen, die, hier in den Bergen weilend, sich das größte Wunder von Montreux ansehen wollten.
In über zweistündigem Frage- und Antwortspiel konnte uns gezeigt werden, wie tief diese Jungen in die Materie eingeführt werden, mit welchem Eifer und mit welcher Liebe, aber auch mit welch glänzendem Erfolge hier an jungen jüdischen Seelen gearbeitet wird. Das Verhör schloss mit einer flammenden Ansprache des Leiters, die, von tiefster Liebe zur heiligen Sache und zu den Kindern getragen, von dem Mussarschwung aus Telsch und Radin beseelt, tiefsten Eindruck auf Klein und Groß, machte. Freilich gab es zu Rekorden der Leistungen auch einen Rekord an Arbeit und Anstrengung und hier setzte der Appell an die Rabbiner, an die Väter, an die Schweiz und auch an das Ausland ein, das grandiose Werk, dessen finanzielle Sicherung die Kraft eines Menschen übersteigt, auf seiner Höhe zu erhalten und noch weiter hinan zu führen.         
Montreux Israelit 06101930b.jpg (254140 Byte)Von den Schweizer Rabbinern und zugleich im Namen der Väter richtete nun Herr Rabbiner Kornfein, Zürich, ein paar schlichte Worte der Anerkennung, der Mahnung und der Aneiferung an die Schüler.
Draußen im Garten, wo die Akazien und die Edeltannen am Hange in der Nachmittagssonne dunkel schimmerten, rief nun lauter Gesang. Dort waren von Baum zu Baum Girlanden gezogen, als gäbe es eine italienische Nacht. Unter einem Baldachin harrte das neue Sefer (Torarolle) inmitten anderer Seforim des feierlichen Umzuges. Bachurim (Schüler) umringten mit brennenden Fackeln die Chuppa (Baldachin). Unten am Fuße der Hänge leuchtete der See kristallklar, und dahinter über den französischen Bergen ging eine Sonne unter, so groß, so blutrot, so von tausend schimmernden Farben begleitet, wie wir es noch nie gesehen haben. Siebenzig junge Menschen sangen Psalmlieder, immer wieder ausklingend in die Worte: 'Freut euch und jubelt in der Freude um die Tora!'
Es folgten Rundgänge im Garten bei Fackellicht und untergehender Sonne. Mit Sang, Klang und Tanz wurde das Sefer in den großen Saal der Jeschiwo ge­bracht, und im Anblick der heiligen Rollen, die, wie am Simchas-Tora, hoch aufgepflanzt dastanden, hielt Herr Redakteur Schachnowitz, Frankfurt am Main, die Festrede. In groß angelegtem Aufbau zeigte, er die, drei aufbauenden Richtungen im Judentum des letzten Jahrhunderts: Chassidismus, Mussar und die Regeneration im Westen von S. R. Hirschischem Geist; zeigte das Be­sondere einer jeden dieser drei Methoden, was sie von einander trennt und miteinander verbindet, und, danach bemessen, die eigene Bedeutung der Jeschiwa zu Montreux. Eine spontane Ovation, die den Worten folgte, war mehr aus der Weihe des Augenblickes geboren, die sich in einer Welle der Begeisterung ihren Höhepunkt schuf.
Darauf wurde die Torarolle zu Ende geschrieben und mit Gesängen eingehoben.
Nach einer längeren Pause, die mit allerlei Attraktionen, u. a. mit einer zweiten Ansprache des Leiters ausgefüllt wurde, harrte eine ungemein reich gedeckte Tafel der Gäste und Jünger, wobei man wiederum die unsäglich aufopfernde Liebe der Frau Botschko zum Lebenswerke ihres Gatten bewundern konnte. Bei Tisch wurden noch ganz vortreffliche Reden gehalten von den Herren Rabbiner Dr. Brom, Luzern, Rabbiner Dr. Bohrer, Gailingen, Dr. M. Ascher, Bex les Bains, N. Sternbuch, St. Gallen, Dr. Levinger, München und S. Epstein, Freiburg.
Als man mit Essen, Reden, Singen und Tanzen fertig war, war es ungefähr Zeit, mit den Slichaus zu beginnen.
Am Montagmittag gab es, nachdem die meisten Gäste abgefahren waren, noch eine kleine intime Nachfeier im Hause des Herrn Botschko mit' Festmahl und Tischreden des Herrn Rabbiner Botschko, des um die Jeschiwah sehr verdienten Herrn Stefanski aus Zürich und mit Dankesworten des Herrn Schachnowitz.
Es. war ein herrliches Treffen der Schweizer Torafreunde, und, bei aller rauschenden Festfreude, eine Schuwo-Demonstration reinster und schönster Art. 

  
"Sonne hinter den Bergen" - über die Jeschiwa in Montreux (1930) 

Montreux Israelit 17101930a.jpg (525520 Byte) Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Oktober 1930: "Sonne hinter den Bergen. Ein Tschuwoh-Tag in der Schweiz.
Eine Reminiszenz: Es - war im Jahre 1902. Ich war erst einige Jahre in der Schweiz und mit den Verhältnissen der dortigen Judenheit wenig vertraut. Zwei Tage vor dem Rosch ha-schono-Feste erreichte mich in meiner Weltabgeschiedenheit eine Depesche aus einer mir bis dahin unbekannten Stadt mit französischer Schreibart. 'Schicket Chasan zu Roschhaschono'. Da ich in meiner Dorfgemeinde keine Vorbeterschule erhielt und auch sonst keine Chasanim auf Lager hatte, andererseits aber eine jüdische Niederlassung, die an den heiligen Tagen sich sammeln und zu ihrem G'tte beten wollte, nicht enttäuschen mochte, machte ich mich noch gleichen Tages auf die Beine durch den herbstlichen Wald nach dem Städtchen Baden. Dort konnte ich mit Hilfe des mir befreundeten Rabbiners einen Mann, im Hauptberufe Hausierer, ausfindig machen, der sich in den Gebeten, Bräuchen und Melodien womöglich noch besser auskannte, als in den Hosenträgern, Knöpfen und Kämmen seines Hausiererkrames. Die Sache war gemacht und ich trat zufrieden den Heimweg an.
Der Rüstetag zum Feste senkte sich. Ich trat, fertig für den heiligen Dienst, aus meiner Wohnung, um mich in die nahe Synagoge zu begeben. Da versperrte mir wieder der Postbote den Weg. Er hatte ein Telegramm in der Hand. Text: 'Kein Schofar am Platz'. Unterschrieben war der Hausiererchasan.
Diese Stadt und diese Gemeinde hat heute siebenzig Torajünger und heißt Montreux.
Als am Sonntag, drei Tage vor Jom-Kippur, im Garten der Jeschiwa die neugeschriebene Torarolle, in weiße Seide gehüllt, in der Mitte anderer Rollen, hoch aufgepflanzt zwischen Fahnen, Girlanden und Ampeln stand, und ein Gesang sich erhob, als seien alle Jahrhundertelang unterdrückten guten jüdischen Geister plötzlich erwacht, sahen wir jenseits des glitzernden Sees, über den Bergen Savoyens, ein Farbenspiel am Himmel, wie wir es noch nie erlebt hatten. So rund, so rot, so groß und blank und alle Farben der Berge, Seen, Wälder und Wiesen mit hinübernehmend ging die Sonne unter, dass das Auge geblendet war, während der Mund sang. Wie eine Riesenampel am abendlich blauen Himmelsdach vom Weltenlenker eigens dazu angezündet, lachte und leuchtete sie zu unserem Feste, und es schien, als ließe sie sich Zeit, als bewegte sie sich im Tanzschritte mit uns. Es hätte sich verlohnt, wegen dieses Sonnenunterganges allein herzukommen. Oben am Horizonte das Wunder hinter den Bergen; unten ein Wunder der Tora auf der Höhe vor der Stadt ohne Schofar. Und das dritte Wunder: Das eine Wunder hebt das andere nicht auf, sie gehören zueinander. Die untergehende Sonne schickt letzte Grüße der Festgemeinde, und im Jubel des Festes ist Jedermanns Auge an der goldenen Kugel am westlichen Himmelszelte gebannt. Sonne und Tora, Tora und Sonne, sie gehören in diesem Augenblicke zu einander.
Einmal stand sie, die Sonne, der Tora, hinter jenen französischen Bergen so hoch und so hell, dass ihre Strahlen nach der gesamten Diaspora drangen. Sie ging dort unter, wer weiß warum? Und sie leuchtet hier auf einem Berge vor einer mondänen Kurstadt wieder auf. Das ist, jeder hörts, der Sonne Abschiedslied an diesem wundersamen Abend von Montreux.
Ein Nachmittag war verklungen, ein Abend vergangen, eine Nacht verronnen, wie deren uns nicht viele im Leben beschieden sind. So ganz losgelöst von den Anliegen und Beschwerden des Tages, den Ewigkeitshauch der Sonne und der Tora in der Seele, saß man bei Tisch, ergötzte man sich an Geistesfunken, die zwischen Gang und Gang sprühten, sang und tanzte man. Wer wollte durch Schlaf die kostbaren Stunden und Minuten dieser Wundernacht von Montreux mindern?
Und nun war es draußen ganz tiefe Nacht, hatten sich See und Berge kurz vor dem Erwachen wie fröstelnd noch einmal tief eingehüllt in ihre grauen dicken Nebeldecken. Aber von Ost her weckte schon ein leises Singen und Klingen, und es leuchtete grau und, zart durch die Wolkenbänke. Ein feiner Tau stieg auf. Wenn man die Hand zum Fenster hinausstreckte, brachte man sie nass wieder herein, Nebelschwaden stiegen auf und nieder, wie wandernde Bäche. Der See und die Kuppen lagen unter ihren Decken bis zur Un­sichtbarkeit. Und siebenzig Jünger mitsamt einigen noch anwesenden Gästen sangen Slichausgebete (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Slichot).
Waren das noch die gleichen Jungen, die gleichen Gesichter, die gleichen Stimmen, die gleichen Seelen? Wo waren die Jubeltöne, die launigen Reden, die tanzenden Schritte von vorhin? Die jungen Menschen waren von einer Welle der Andacht, wie die jungen Weiden vom Sturmwinde geschüttelt? Siebenzig junge Menschenseelen schmolzen ineinander zu einer Seele, der reinsten und schönsten, die ich je in Andachtsschauer gesehen habe.
'G'tt o G'tt, ein G'tt der Barmherzigkeit und der Gnade. - - - '
'Maß der Barmherzigkeit, rolle herab auf uns und vor deinen Schöpfer werfe unser Flehen, und für dein Volk Erbarmen erheische - -'
'Ich bedenke, G'tt, dieses und erschauere; da ich sehe, wie jede Stadt auf ihrem Fundamente errichtet, die Stadt G'ttes aber erniedrigt ist bis zur untersten Gruft - - -'
Jeder Satz, jedes Wort zittert in unzähligen Schwingungen aus. Weinen ohne Worte gleitet hinüber zum folgenden Satz, in steigender Inbrunst. Die Engel im Himmel singen und weinen mit ...
Ich sehe hinaus. Als hätte das Gebet aus siebenzig jungen reinen Seelen die Pforten des Himmels gespalten, hebt sich langsam und stetig der schwammige Nebel. Einer nach dem anderen werfen die Berge den grauen Schleier ab. Der See unten fängt rötlich zu glitzern an und über den anderen Bergen östlich steht eine Sonne, weniger rot, weniger rund, weniger buntfarben, aber so groß und so gewaltig wie gestern Abend, als sie im Jubelgesang schied. Etwas blass und ernst betet sie mit der kleinen Gemeinde, wie sie gestern mit ihr gelacht, gesungen und getanzt hatte. Sie hatte vor den verschlossenen Himmelstoren gewartet, bis sie die Jungen mit ihrem Gebete aufrissen . . .
Alles, was ich auf dieser kleinen Spritztour durch die Schweiz zwischen Roschhaschono und Jomkippur sah und erlebte, konnte ich nur noch im Bilde der unter- und aufgehenden Sonne sehen. 'Sichronos', Erinnerungen von dreiundzwanzig Jahren stürmten auf mich ein und aus mir heraus, um Wort und Bild zu werden. Was hatte sich da in diesem Vierteljahrhundert alles ereignet! Damals gab es in der Schweiz zwei im Abblühen schon begriffene, aber immerhin noch blühenden Landgemeinden, von denen die eine heute ein Altersasyl und die andere einen Friedhof hat. Die Sonne ging nur unter, um anderswo von neuem aufzuleuchten. Drei oder vier neue Synagogen sind inzwischen in der Schweiz neu entstanden, Rabbinate gegründet worden. In Zürich, wo sich damals die J.R.G. mit ihrem G'ttesdienst einige Treppen hinauftappen musste, erhebt sich heute ein Synagogenprachtbau, der eine Sehenswürdigkeit der Stadt ist. Und in Basel, der Stadt der Kongresse, das freilich damals schon im Beshamidrasch (Talmudschule) eine unverwüstliche jüdische Urzelle besaß, steht heute die Religionsgesellschaft mit eigener schöner Synagoge als Sammelpunkt der Gesetzestreuen. Es geht vorwärts im Reiche des jüdischen Geistes, in der Schweiz und sicher auch anderswo, wenn man die Dinge in zeitlichen Zusammenhängen von Vierteljahrhunderten wertet.
Auf dem Heimwege geht es eine Strecke weit im Auto zwischen blauen Seen und mächtigen Felsenwänden, die schneeweiße Hauben auf dem Kopfe tragen, als hätten sie schon Jomkippur, durch natürliche Schluchten hindurch, an Flüssen und lieblichen weinbedeckten Hängen vorbei, durch             
Montreux Israelit 17101930b.jpg (213112 Byte)kleine und große Städte, Dörfer und Weiler, wo der Friede in den Häusern und Augen der Menschen wohnt.
Einen Tag vor Jomkippur, liegt die Landschaft des Berner Oberlands in ihrer grandiosen Herrlichkeit wie ein großes Musfarbuch vor uns, darin die zackigen Höhen die Buchstaben, die grünen Täler zu ihren Füßen die Vokale, die geschlungenen Flüsse die Tonzeichen sind, und das Ganze besagt:
'Mensch, wie klein und winzig bist du im Angesichte dieser Giganten, gleich einem zerbrechlichen Scherben; wie welkendes Gras, verwehender Windhauch, verfliegender Traum.'
'Und dennoch bist du mehr denn sie alle, dieweil du sie, stumme Zeugen der Ewigkeit, sehen, begreifen und erleben kannst. Ihre Schönheit erhebt deinen Sinn, ihre Größe zwingt deinen Blick zu Ihm, der groß ist über aller Größe.'
'Hoch oben, sagen die Buchstaben und Vokale, ist Schnee und Gletschereis, aber Sonne küsst die Eisdecke und Wasser fließt zu Tal und sammelt sich zu lieblichen blauen Seen, an deren Gestaden die goldene Rebe blüht. Aus Schnee und Eis ist Lieblichkeit und Wärme und Gedeihen geworden. Wann, Menschen, wird Sonnenkuss, das Eis in eurem Herzen treffen, dass daraus Freude und Frieden, Liebe und Harmonie wird? Wann, Menschen? Jomkippur ist vor der Türe und — Genf ist nur ein paar Wegemeilen entfernt . .
Wir sind in Interlaken , wo wir für die Nacht Rast halten. Im Hotelzimmer lernt unser Mentor, in dessen Auto wir fahren, mit seinem ihn begleitenden Hausrabbi noch einen Traktat aus Mischna vor dem Schlafengehen. An der Grenzscheide zwischen der Schweiz und seinem Heimatlande helfe ich ihm tags daraus in der jüdischen Buchhandlung den Esrog aussuchen. Es muss der beste, schönste und vollkommenste sein.
Dieser Herr und der kleine Kreis seiner Gesinnungsfreunde in einer badischen Stadt und Gemeinde, die von jeher als Zentrum der Negation das Land und das Reich mit Reformideen speiste, sind ebenfalls lebendige Zeugen. dessen, dass die Sonne nur untergeht, um anderswo wieder neu aufzuleuchten . . .
Montreux hat seinen Schofar, der aus siebenzig jugendfrischen Kehlen ins Land und in die Länder hinausschallt das ewige Lied der Lehre. Die Westfront der Tora, vor achtzig Jahren vom großen Rabbiner am Main aus letzten Restbeständen zusammengefügt, ist nicht durchbrochen. Vor vierzig Jahren wanderte mit Breuer eine ungarische Jeschiwa von Ktaw Sofer'schem Geiste nach Frankfurt hin, die Zahl ihrer Jünger nähert sich heute, allen Wandlungen und Umwälzungen zum Trotze, dem Hundert. Vor vier Jahren kletterte mit einem begnadeten Men­schen ein Stück litauisches Toraleben die Höhe von Montreux hinauf. Keine Macht der Welt wird mehr diese Torastätte von ihrer Höhe verdrängen.
Im Jubel des Festes geht eine Sonne in herrlichem Farbenglanze unter. Im Brausen der Morgengebete leuchtet eine Sonne neu auf.
Es ist die gleiche Sonne, die gleichen Töne, nur Standort und Szenerie haben ein wenig gewechselt ...".  

   
Semestereröffnung in der Jeschiwa (1930)     

Montreux Israelit 04121930.jpg (120792 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Dezember 1930: "Schweiz.  Eröffnungsfeier des Wintersemesters in der Jeschiwah.
Montreux,
25. November.  Es war eine freudige Wiedersehensstimmung, die in der Jeschiwah am Sonntag den 3. November herrschte. Manchen hatte wohl gegen Ende des vorigen Semesters das Heimweh ein bisschen gepackt, nach einem halben Jahr fern von Eltern und Geschwistern, aber jedem sah man es an, wie ihn nach den vier Wochen Ferien ein anderes Heimweh den freudigen Augenblick hat herbeiwünschen lassen, wo er die lieb gewonnenen Kameraden und die lieb gewonnenen Räume wieder sehen konnte. Den Höhepunkt erreichte diese Stimmung, als am Sonntagnachmittag, nachdem man gerade die letzten Ankömmlinge begrüßt hatte, die nunmehr vollzählige Jeschiwah von wiederum etwa 60 Bachurim zusammengetreten war, um die Eröffnung des neuen Semesters zu feiern. Nach einem herzlichen Willkommen an alle Bachurim beginnt der Rosch haJeschiwa (Leiter der Jeschiwa) seine groß angelegte Rede, in der er das Programm einer Weltanschauung entwickelt, die er als Sinn und Wert des Lebens des Juden, als Erziehungsgedanken der Jeschiwah proklamiert.
Es ist unmöglich, auch nur andeutungsweise die Tiefe der Gedanken und die hinreißende Form dieser Rede eines Vaters an seine geistigen großen und kleineren Kinder im Rahmen eines Berichtes wiederzugeben. Tora, Mussar, Liebe und Mesirat haNefesch (sprituelle Selbstaufopferung, vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Kochos_hanefesh)  waren ihre Tonleiter und sie sind charakteristisch und programmatisch für den Geist und die Arbeit der Jeschiwah."        

  
Chanukkafest in der Jeschiwa in Montreux (1931)     

Montreux Israelit 08011931.jpg (230971 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Januar 1931: "Chanukka in Montreux.
Das Chanukkafest, oft in seiner innern Bedeutung so oberflächlich aufgefasst und so gedankenlos vertan, brachte in der Jeschiwah eine geistige Auseinandersetzung besten Stils in Gang. Das Ereignis, das vor mehr als 2000 Jahren stattgefunden hatte, bot Stoff, mehr noch, war fast zwingende Veranlassung, die Grundprobleme des Judentums und des jüdischen Seins zum schier unerschöpflichen, zentralen Thema einer tiefgehenden, vielseitigen Aussprache zu machen. Die beiden schönen Festabende, die die ganze Jeschiwah in dieser spezifisch jüdischen, verinnerlichten, reinen und maßvollen, herzenswarmen Freude feierte, ließen ein reiches tiefes Wissen von Judentum und von Menschheitswerten aufleuchten. Wahrlich, hier hätte der erlesenste jüdische Geist, der in der Jeschiwah nur talmudische Streitfragen erörtert glaubt, eine edle, weltanschauliche Befriedigung gefunden.
Und nicht nur der Rosch Jeschiwah (Leiter der Jeschiwa) Rabbiner E. Botschko, bestritt mit seinen drei großen Reden den Hauptteil der Diskussion, sondern fast alle reiferen Köpfe unter den Bachurim beteiligten sich, abgesehen noch von einigen feinsinnigen Ansprachen seitens der Dozenten.
Wenigstens ein paar der besten Gedanken sollen hier kurz skizzenhaft festgehalten werden. So die symbolische Deutung der Einzeltatsachen des nes-Chanukka, das im Ausspinnen seines überzeitlichen Wesensgehaltes eigentlich zum Angelpunkt der ganzen Geschichte des jüdischen Volkes wird, dessen geschichtliche Vergangenheit sich als immer wiederkehrende, jüdische Gegenwart und Zukunft offenbart. 'So der Hinweis auf die weltgeschichtliche Ausgabe des Judentums, immer wieder zu. zeigen, dass die erdrückenden, verflachenden und kulturauflösenden Mächte der äußeren und innerem Assimilation von der kleinsten Gemeinschaft überwunden werden können, wenn diese nur geschlossen und hingebungsvoll Trägerin eines hohen Gedankens ist und in edler Konsequenz mit diesem Gedanken auch die letzten Verzweigungen des Lebens durchdringt und erfüllt.. Wie fein die psychologische Deutung des Unterschiedes der beiden Gesetzesmeinungen war, die in der Gemoro über die Zahl der Chanukkalichter streiten. Beth-Hillel, das täglich  ein Licht mehr zu Zünden heißt, entsprechend den 'vergangenen Tagen' des Festes, als Gleichnis der Vergangenheit aus deren kampf- und sieghaftem Verlaus man die Kraft zur steigenden Hoffnung schöpfen kann, während Beth-Schammai durch die täglich abnehmende Zahl der Lichter an die noch Übrigbleibenden, an die 'kommenden Tage' gemahnt, an die Last und den Schrecken einer ungewissen trüben Zukunft, die die Lichter der Hoffnung immer mehr verringern; und aus diesem Dilemma des zuversichtlichen Optimismus Beth Hillels und des zukunftsbangen Pessimismus Bet-Schammais rettet der Schiedsspruch der Gemoro: ... es bleibt wie Beth-Hillel. Und so müssen wir stets unsere Blicke auf die glorreiche Vergangenheit richten, die uns eine ebenso verheißungsvolle Zukunft verkündet.
Und in aller Herzen sangen die uralten Jeschiwah-Melodien. die Lehre des vergangenen und der Glaube an ein neues künftiges Chanukka, an die Auferstehung neuer Makkabäerhelden, erfüllt und durchdrungen vom ewig leuchtenden und unbesiegbaren Hasmonäergeist.  "        

  
Semestereröffnung in der Jeschiwa (1931)    

Montreux Israelit 29101931.jpg (123660 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Oktober 1931:  "Semesterbeginn in der Montreuxer Jeschiwoh. Montreux, 25. Oktober.
Die Eröffnungsfeier des neuen Semesters fand am Sonntag, den 18. dieses Monats, im großen Hörsaale der Jeschiwoh statt. Die Bachurim des vorigen Seman, die meistens schon das dritte, manche sogar das vierte Jahr in der Jeschiwoh sind, waren wieder vollzählig erschienen.
Als der Rosch-Jeschiwoh, Rabbi Elijahu Botschko, seine warme, eindrucksvolle Ansprache begann, war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt: Im Mittelpunkt der groß angelegten Rede stand der Bericht, dass die Jeschiwoh nun in das zehnte Seman hineingeht, und dieses zehnte Semester eine Zusammenfassung und Steigerung aller bisherigen fein möge, der Zehnte sei heilig. Mit zündender Begeisterung wandte sich der Rebbe dann an seine Bachurim mit dem Appell, ihre besten Kräfte dem 'Lernen' zu geben, da dies ja auch in der Zeit der allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Krise die beste Kapitalanlage sei. Dann sprach der Rebbe von dem Tora im Derech-Erez-Problem und schloss mit tiefen Mussarworten, die nachhaltigen Eindruck hinterließen.
Nach einem darauf folgenden Pilpul über Bifnei nichtaw leschama begab man sich in den Speisesaal, um nun auch dem gemütlichen Teil Rechnung zu tragen. Dort hielten die Dozenten Reden, die in Ermahnungen an die Schüler ausklangen. Für den Humor sorgte der Herr Scharje Berkowitz, der in schönen Epigrammen, die besonderen Vorfälle des letzten Seman festhielt. Bis spät in die Nacht hinein blieben die Bachurim bei Tee und froher Geselligkeit zusammen".      

 
Semesterschlussfeier in der Jeschiwa (1933)
     

Montreux Israelit 07041933.jpg (151229 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. April 1933: "Montreux, 2. April. Das zwölfte Semester ist zu Ende und deshalb wollte man demselben noch einige Stunden der Erinnerung widmen und der vergangenen Wintermonate mit einem Sium aus Traktat Pessachim gedenken. Aus diesem Grunde gestaltete sich auch die Semesterschlussfeier zu einem Torafest, wie man es sich nicht eindrucksvoller vorstellen konnte. Nach dem Mincho-Gebet hielt der Rosch-Jeschiwoh. Rabbi Elijahu Botschko , ein großes Verhör, das mit einem Pilpul abschloss. Erstaunliches Können im talmudischen Wissen erfreute die erschienenen Gäste. Nach dem gemeinsamen Abendessen, wobei herrliche Psalmgesänge erklangen, hielt der Leiter der Jeschiwoh eine längere Abschiedsdroscho (Abschiedspredigt). Mit großer Freude stellte er fest, dass man mit großem Erfolge — fast die ganze Jeschiwoh hatte die masechat pessachim mit 120 Blatt ausgelernt — das 12. Semester beschließen kann. Die Zahl 12 setzt sich aus den Buchstaben ’ und b zusammen, die das Wörtchen jb ergeben. Jeder Bochur muss sich sagen, dass er das Erlernte und Gehörte als ewigen Besitz in sich trage. Einen warmen und zündenden Appell richtete nun der Rosch-Jeschiwoh an seine abgehenden Schüler — die dieses Mal nur in kleiner Anzahl sind, da die meisten der Bachurim wieder zurückkommen — sich jederzeit für die Tauroh Mosar nefesch zu sein und dieselbe sich nie nehmen zu lassen.
Alsdann versammelte man sich in dem Bibliothekssaal, um das Schlusslernen des beendigten Traktates pessachim vorzunehmen. Eine stattliche Reihe von Reden verschönte den Abend. Herr Dozent Salomon Hamburger sprach in schwungvoller Rede über die Bedeutsamkeit des Limmud Hatauro (Torastudiums). Herr Bela Silber beleuchtete in geistreichen Worten die Gegenwartsprobleme. Ferner sprachen noch die Herren Meyer aus Mülhausen, Leiner, Karlsruhe, Doppelt, Duisburg und Elstein , Haifa, ihrem Rebben den wärmsten Dank für seine aufopfernde und nie ermüdende Lerntätigkeit aus. Eine Reihe weiterer Redner konnte leider durch die vorgeschrittene Zeit nicht mehr zu Worte kommen. Zwischendurch wickelte sich der gemütliche Teil in echt harmonischer Weise ab."    

  
Über die Jeschiwa in Montreux (1933)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. August 1933: "Höhen am Genfersee.  III. In einfachen Worten.
Die Jeschiwah zu Montreux wird viel besucht und auch viel besungen. Wenn die Musik schweigt, so ergibt sich aus den konkreten Zahlen und Daten folgendes Bild: Die Jeschiwah, die vor etwa sieben Jahren von einem Begnadeten gegründet und von vielen als Phantom verlacht und verspottet wurde, ist heute eine Tatsache, über die keiner mehr hinwegsehen kann, wie er sich auch zum Jeschiwah-Problem in der Schweiz stellen mag. Die kleine Torarepublik auf Quisisana umfaßt zur Stunde, einschließlich der Gäste, der vorübergehenden Kursteilnehmer und der Ferienkinder, mitsamt Lehrern und Dozenten, knapp achtzig Seelen. Über dem Ganken steht der Schöpfer und Leiter, Rabbi Eliahu Botschko , dem für die finanztechnischen und Verwaltungsgeschäfte in Herrn Josef Heidingsfeld aus Frankfurt ein unermüdlicher Sekretär zur Seite steht.  
Der Lehrbetrieb ist so intensiv wie in irgend einer Jeschiwah des Ostens, beginnt morgens schon zwei Stunden vor dem G'ttesdienst und reicht bis in die tiefe blaue Nacht hinein. Es ist aber dafür gesorgt, dass die älteren und jüngeren Schüler einige Stunden im Tage bei Sport und Spiel Ausspannung finden. Ein freier Nachmittag ist für Ausflüge und Schwimmen bestimmt.  
Hatte sich die Jeschiwah ursprünglich in ihren Kampf- und Werdejahren ausschließlich auf die Gemoro zurückgezogen, ohne einen fremden Lufthauch in die hermetische Abgeschlossenheit hereinzulassen, was vielfach berechtigte oder unberechtigte Kritik herausforderte, so fühlt sie sich heute stark genug, auch ein Fenster nach außen zu öffnen. T'nach-Kurse werden abgehalten und ein eigener Dozent wurde in den Ferienwochen für jüdische Geschichte gewonnen. Dass sich sowohl der T'nach-Unterricht wie das Geschichtsstudium in den Rahmen der Jeschiwah ein-fügen und nur als Ergänzung des Lernbetriebes dienen (T'nach nach den traditionellen Kommentaren, Geschichte vornehmlich nach Rabbi Jzchok Halevi) ist selbstverständlich. Im Gegensatz zu früheren Gepflogenheiten wird auch geduldet, dass einige reife Schüler zugleich an der nahen Universität in Lausanne zu gewissen Stunden des Tages ihren Studien obliegen. 
Der Mussar kommt einigemal in der Woche nach Beendigung des Lernbetriebes zu Wort, ohne das System 'und die Geistesarbeit fichtbarlich und aufdringlich zu be­einflussen. Es ist weniger Buch-Mussar als ein Mustar der Gesinnung, der inneren Läuterung. Wie beim Schiur, so bilden auch in diesem Belange die häufigen Vorträge, Reden und Ansprachen des Jeschiwahleiters den Höhe­punkt, von dem die Orientierung im Gelände des Den­kens ausgeht. 
Dis Zusammensetzung der Jeschiwah schlägt in ihrer bunten Vielfalt wohl einen Weltrekord. Vierzehn Län­der sind vertreten. Die 'Majorität dürften die Deutschen stellen, aber das Gepräge geben der Jeschiwah. die Franzosen aus dem Mutterlande wie aus dem Elsaß. Ungarn, Tschechoslowakei, Rumänien und nicht zuletzt die Schweiz sind gut vertreten. Auch England und Holland fehlen nicht und ein Süd­afrikaner ist gerade auf dem Wege hierher. So ver­schieden wie nach Landsmannschaft, so bunt ist die Be­satzung nach Alter, Herkunft und Vorbildung. Im so­genannten 'Kibbuz" sind welche, die zu den obersten und besten Jüngern in T e l s ch i, Mir und Radi n gehörten. Natürlich betätigen sie sich neben dem Haupt­dozenten, Herrn Salomon Hamburger aus Berlin, (einem würdigen Urenkel von Chatam Sofer), als Leh­rer und vertreten wie der Leiter selbst die litauische Methode bis zur letzten Nuance. Ueberhaupt spielt hier das altjüdische System des Lehrer-Jüngers eine große Rolle. Wer sich schon einigermaßen zu bewegen versteht im Meere des Talmuds, muß lehrend andere mitziehen. Bis zu den Kleinen ist fast jeder Lehrer und Schüler zugleich, und alles fügt sich in den Bau harmonisch ein. Bei Tisch, bei Vorträgen oder Veranstaltungen kann man den kleinen Franzosen aus der elsässifchen Mittel­schule neben dem fertigen Doktor der Philologie aus London, den Abiturienten ans Deutschland neben dein Reverend aus Amerika sehen, der eigens hergekommen ist, um fein talmudifches Wissen zu vertiefen. Es ist bei aller buntfarbigen Mischung ein Einheitsbild von höchster Harmonie, über dem die leitende und liebende Hand eines Mannes ruht, der seine Seele in dieses heilige Werk hineingesetzt hak.
Das Wunder in diesem Wunder ist, daß Frankreich hinter den Bergen am jenseitigen Seeufer von der Stimme da oben aufgerüttelt wurde, als erwachten dort die Tossofisten von ihrem bald tausendjährigen Schlummer. Man muss es sehen, wie die jungen Kinder von drüben per Bahn, per Schiff und auch zu Fuß, zum Teile in ihrer französischen Pfadfindertracht, mit ihrem leichten Gepäck hier anmarschiert kommen und schon nach wenigen Tagen in das Jeschiwahleben so ganz eingegangen sind, als hätten sie nie was anderes gesehen. Es gibt auf der Villa Quisisana Jünger genug, die die Auseinandersetzungen von Raw und Schmuel, Rowo und Abaje und was die alten 'Franzosen" und 'Deut­schen" in ihren Randglossen dazu sagten, auch im klas­sischen Französisch zu verdolmetschen wissen. Die Melodie bleibt die gleiche.
Die Jeschiwah behält ihren eigenen Charakter durch das Internat, das ihr ein großes Maß innerer Geschlossenheit, auch Abgeschlossenheit sichert. Doch strebt sie mählich aus der engen Umklammerung heraus. Die über dreißig Betten auf der Villa Quisisana reichen bei weitem nicht mehr aus. Ganze Stadtviertel im oberen Teile von Montreux find morgens und abends von Vachurim belebt, die uus ihren Quartieren kommen oder in dieselben zurückkehren. Im Volksmunde heißen sie alle 'die Botschkos' . . . 
Nicht mit Unrecht!
Seltenwo in der Welt hat der Talmudjünger neben seinem Lehrhaus zugleich auch ein solches Familienheim wie in Montreux. Der Bachur, der Älteste wie der Jüngste, findet zu jeder Stunde des .Tages und des Abends eine offene Türe zum Hause und zum Herzen des Rebben und noch mehr der 'Rebbezin", die in gleich hohem Maße Mutter der Jeschiwah ist wie ihr Mann ihr als Vater vorsteht. Ein Freitagabend in dem voll­besetzten Hause des Jeschiwahlehrers unten am Hange ist ein tiefes Erlebnis, das man nicht so bald vergisst.
IV. Sabbat in Montreux.

Rasch fällt am Freitag die feuerrote Kugel in der Richtung von Clärens in den kristallblauen See. Ein heißer Tag mündet in einem lauen Abend, wie man ihn nur zwischen Berg und Wasser in Montreux erlebt. So schmal ist die Grenze zwischen Tag und Nacht, wie wir sie nur einmal gesehen und zwar in Tiberias am Kinneretsee zu Galiläa, an welche Gegend auch noch manches Andere hier erinnert. Von allen .Seiten strömen die Jünger, frisch gebadet und sabbatlich gekleidet, in Reinheit, Weihe und Jugendlichkeit, zu. dem Berge hinauf. Spielt sich sonst der Lehrbetrieb zum guten Teile im gro­ßen Garten im Schatten der Tannen und Obstbäume ab, so ist jetzt der Hauptsaal der Jeschiwah, der Gebetraum voll gefüllt. Man beginnt nicht genau nach der Uhr und man beeilt sich nicht. Aus gleichgestimmten jugendlichen Menschenseelen, die hier in Einsamkeit und Beschaulichkeit, umgeben von Naturschönheiten ohnegleichen, geleitet von der gesegneten Hand eines Jugendbildners großen Formates, Brücken zu einer höheren Welt bauen, steigt ein echtes chassidisches 'Lecho daudi" zur Begrüßung des Sabbat auf. Mustar und Chassidismus klingen hier zusammen, so will es. der Leiter, der litauisch lernt, Mussar predigt und chassidisch singen lässt. Aus allem, was aut ist, muß das Beste werden. Indes sind in den Nebenräumen die langen Tafeln schön gedeckt und würziger Duft der Sabbatspeisen kommt aus den Küchenräumen. Mit einem jigdal-Chore senkt sich draußen hinter den Bäumen die Sonne vollends in den Seekestel. Blaue Nacht, Freitagabend!
Unten in der Billa Bella ist Königin Sabbat ein Tisch gedeckt, wie ihn keine Prinzessin der Welt prunk­voller verlangen kann. Alles, ist eitel Licht, Lied und Liebe. Es sind so viele Gedecke auf dem Tische, wie es gerade fremde jüdische Gäste in diesem mondänen Luftkurort gibt, denen der Sabbat was bedeutet. Noch ist das Mahl nicht zu Ende, und schon ist die ganze Jeschiwah da. Sämtliche Zimmer samt Veranda sind bis auf den letz­ten Platz angefüllt. Die 'gute Stube" ist nach Meinung der Rebbezin erst wirklich gut, wenn sie diesen heiligen lebendigen Inhalt erhält. Bei Tee und Kuchen öffnen sich die Herzen und die Kehlen. So viele prachtvolle Sänger hat die Jeschiwah, daß die Nacht nicht ausreichen würde, kämen sie alle zu Wort. Der Hausherr und Lei­ter spricht. Er hat immer etwas zu sagen, wenn er vor seiner Schülergemeinde steht. Begrüßung von Gästen, gemessenes Lob oder latenter Tadel. Und alles geht vom Postuk der Sidra aus und kehrt, oft auf langen Umwegen, zu diesem zurück. Man trennt sich nach Mitternacht. Das Ganze nennt man einen 'jeschiwischen Freitagabend".
Der Sabbatmorgen beginnt mit süßen, innigen Gebeten und schließt weit über die Nachtgrenze hinaus mit einem chassidischen Gutwoch-Lied ab. Dazwischen rollt ein Tag in Weihe, Innigkeit, Freude, Geistigkeit und Gemütlichkeit ab, wie das nur in dieser konzentrierten Borgeinsamkeit möglich ist. Oft ist schon morgens nach Schul das einfache Frühstück in der Jeschiwah von einer Mussarrede des Leiters gewürzt. Ganz gewiss gibt es aber einen langen Vortrag des Leiters oder eines gerade anwesenden Gastes am späten Nachmittag. Nach Mincho geht die 'dritte Mahlzeit", chassidisch aufgezogen, in gehobener Stimmung, mit Liedern und Reden vor sich. Wer achtet der Sonnenkugel, die schon, zu früh, feuerrot, im See badet und Zeinen so herrlich schönen Tag mit in die Tiefe herabzusenken sucht? Noch ein Lied, noch jemand hat das Wort. Im Dunkel des Raumes mahnt das elegische 'Wehu rachum" an Aufbruch. Hawdolohlicht erstrahlt, Hamawdil und Gutwoch-Lied erklingen. Schon sitzen die besonders Eifrigen wieder an der Gmoro. Die Sabbat-Seele ist nicht geschieden, ist nur, wie die untertauchende Sonne, in andere Regionen übergegangen. Morgen ist ein neuer Tag, mit neuem G'ttesdienst, neuen Schiurim, mit Vorträgen, vielleicht auch wieder mit Begrüßung und Gegenbegrüßung eines neuen Gastes. Das Leben bleibt unablässig und unaufhaltsam im Flusse, wie die tausend Bergbäche, die rauschend zum See Hinabstürzen.
(Weitere Artikel über andere Höhepunkte am Genfersee folgen.)"          

 
Die Jeschiwa in Montreux ist zur Weltbedeutung gelangt (1933)    
 

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Oktober 1933: "Die Jeschiwa zu Montreux.  (Mit drei Bildern)
Die Jeschiwa zu Montreux am Genfersee in der französischen Schweiz ist unter der Leitung ihres Begründers, Herrn Rabbiner Eliahu Botschko, zur Weltbedeutung gelangt, In einer Artikelserie bemühten wir uns vor kurzem, ein anschauliches Bild dieser in ihrer Art einzigen Toralehranstalt in den Alpen zu geben. Die Bilder zeigen den Rosch Jeschiwa und die jüngsten Schülergruppen, die, zumeist aus Frankreich kommend, ihre dreimonatlichen Ferien zum intensiven Toralernen in Montreux ausnutzen."    
 
Montreux Israelit 04101933a.jpg (92082 Byte) Montreux Israelit 04101933b.jpg (106250 Byte)
 Der Gründer und Leiter der Jeschiwa zu
Montreux Rabbi Eliahu Botschko 
  
 Die Jüngsten der Jeschiwa zu Montreux -
Feriengruppe aus Frankreich 
 
 Eine Ferienschülergruppe aus Frankreich lernt in der Jeschiwa zu Montreux Gmoro unter Leitung eines älteren Hörers, der die französische Sprache beherrscht

  
Semesterbeginn in der Jeschiwa (1933)
    

Montreux Israelit 09111933.jpg (58177 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. November 1933: "Schweiz. Semesterbeginn auf der Jeschiwa.
Montreux, 5. November.  Das 14. Semester der Jeschiwa wurde mit einer hinreißenden Mussar-Droscho des Rosch Jeschiwoh, Rabbi Elijahu Botschko, eröffnet. Daran schloss sich ein großangelegter Pilpul über ein... -
Nach dem Maariw-Gebet begab man sich zur gemeinsamen Seudoh, die bei Unterhaltung, Ansprachen und heiteren Gesängen bis spät in die Nacht hinein dauerte.
Die Jeschiwa ist wieder voller Leben und Lehre, ist Zufluchtsstätte für viele, die im wilden Strome der Zeit nach Weg und Ziel suchen; eine Heimstätte des jüdischen Geistes, Pflanzstätte der jüdischen Zukunft."         

  
Hespedreden des Leiters der Jeschiwa auf bedeutende Rabbiner (1934)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Januar 1934: "Montreux, 19. Januar. Der Leiter der Jeschiwoh hielt einen tiefbewegten Hesped auf die zwei Größen des Judentums, die nach Chofez Chajim im besten Mannesalter abberufen wurden: den Lubliner Raw, Rabbi Meier Schapiro und Rabbi Mosche Mordechai Epstein. Nach genauer Schilderung des Lubliner Raw (in diesen Blättern bekannt), kam er auf den Gaon der Gaonim, den Lehrer der Rabbiner, Rabbi Epstein, zu sprechen. Still und zurückgezogen, dem politischen Leben abhold, widmete sich Rabbi Mordechai Epstein seinem Lebenswerke, der großen Jeschiwoh in Slobodka. So wurde er der Lehrer fast sämtlicher in Litauen und Amerika lebenden Rabbiner. Wohl mehrere tausend Rabbiner dürfte der gewaltige Erzieher in seiner 40jährigen Wirksamkeit belehrt haben, und sein Standardwerk 'Lewusch Mordechai' wird in jeder Jeschiwoh eifrig gelernt. Schwere Schicksalsschläge verfinsterten das Leben des großen Rabbi. Der Tod nahm ihm seinen berühmten Kollegen, 'den Alten', und seinen großen Schwiegersohn, Rabbi Finkel s. A. Redner schilderte dann die Tragödie von Hebron. Ergreifende Mussarworte schlossen die Hespedreden ab."         

   
Mitteilung der Jeschiwa für Neuanmeldungen (1934)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. März 1934: "Montreux, 14. März (1934). Die Leitung der Jeschiwoh 'Ez-Chajim' in Montreux teilt mit, dass sie Neuanmeldungen für das Sommersemester nur bis zum 15. April annehmen kann. Es bestehen sowohl Kurse für Anfänger als auch für Fortgeschrittene. Das Sommersemester beginnt am 8. Ijar, Sonntag, den 22. April."      

    
Abschluss des 14. Semesters an der Jeschiwa mit einem Sijum (1934)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. März 1934: "Montreux, 26. März (1934). Am Donnerstag, den 30. Adar (15. März), wurde das vierzehnte Semester an der Jeschiwa mit einem Sijum auf einen Teil des gelernten Traktates abgeschlossen. Im Mittelpunkte der Feier stand eine längere Abschiedsrede des Rosch Jeschiwa, Herrn Rabbiner Botschko, der in seiner tiefen und eindringlichen, aus den letzten Quellen schöpfenden Art wieder alle Herzen hinriss. 'Erkenne dich selbst' ist die erste Forderung der jüdischen Mussarlehre, dann die Erkenntnis der Welt, die Erkenntnis der Tora und die Erkenntnis Gottes. Nach eingehender Besprechung dieser vier Wege richtete der Redner einen warmen Appell an die abgehenden Schüler, immer der Lehre und dem Geist von Montreux im Leben treu zu bleiben.  
Der zweite Teil des Abends verlief bei Speis und Trank, schönen Gesängen und guten Reden in voller Gemütlichkeit. Mehrere Jünger sprachen dem Rebben heißen dank aus für das, war er ihnen in aufopferungsvoller Tätigkeit fürs Leben geboten hat."       

    
Erinnerungen an große Juden (1934)  
Anmerkung: erinnert wird an Prof. Haffkine, der zeitweise in Montreux zu Gast war und den Frankfurter Prof. Caro.       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. April 1934: "Erinnerungen an große Juden. 
Es war vor sechs Jahren, an einem Erew Peßach. Als ich da in der Hitze der Montreuxer Frühlingssonne zur Jeschiwoh am Berge hinaufstieg, begegnete ich meinem Rebben, in dessen Begleitung sich ein älterer Herr Befand. Der fast schäbige Anzug, den der Fremde anhatte, ließ auf einen der vielen durchreisenden Armen schließen, die die Montreuxer Jeschiwoh öfters aufsuchten. Nicht gering war daher mein Erstaunen, als mir der fremde Herr mit dem Namen Prof. Haffkine vorgestellt wurde. Professor?! - 'Meglech', sagte der Ostjude in zweifelhaften Fällen.   
Der alte Professor kam dann noch öfters in die Jeschiwoh, wobei wir das Glück hatten, ihn näher kennen zu lernen. Wir vernahmen da manches von seinem so überaus reichen Wissen, sahen die Demut, in der er sich mit seinem Schöpfer aussprach und sahen - last not least - die bis zur Selbstlosigkeit reichende Bescheidenheit, mit der dieser große Mann imstande war, das kleinste Kind vor sich aus dem Zimmer gehen zu lassen. Dass wir von seinem Vorhaben - eine Million Schweizer Frcs. für Jeschiwos zurückzulassen - nicht die leiseste Ahnung hatten, braucht nicht erst gesagt zu werden.   
Dieses Erlebnis fiel mir ein, als ich in der letzten Nummer des 'Israelit' die traurige Nachricht vom Hinscheiden unseres allverehrten Prof. Caro - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - las. Wie sind doch große Männer einander so ähnlich! Ihre gemeinsamen Nenner? Wissen, Gottesfurcht, Bescheidenheit.  
Wir ausländische Talmidim der Frankfurter Jeschiwoh, die das Glück hatten, bei Prof. Caro - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - Deutsch und sonstige moderne Sprachen zu lernen, werden ihm stets Dank bewahren für den gewissenhaften, gründlichen Unterricht, mit dem er unser späteres Fortkommen im Leben zu unterstützen bestrebt war. 'Meine Herren, wenn Sie nach Ungarn, Rumänien oder sonst wohin kommen, dann wird man über Sie sagen: Sie sprächen Deutsch wie Schiller oder Goethe, aber mich täuschen Sie nicht, bei mir müssen Sie können' - sagte er uns einmal lächelnd.
Und wenn wir nach getaner Arbeit in seinem Zimmer Minchoh mit Minjan orten, konnten wir nicht genug die Innigkeit bewundern, mit der er ... (unklar, was mit der Abkürzung gemeint ist) stand. Es war nicht das Gebet eines gewöhnlichen Profanlehrers, es war das des Enkels großer Männer, das Gebet eines Rabbi. Hatten doch Talmud und Possekim (Talmudgelehrte, Dezisoren) einen wichtigen Teil seines Bücherschrankes eingenommen.   
Seine Bescheidenheit? Mir deucht, sie ist in seiner näheren Umgebung sprichwörtlich geworden und diejenigen, die ihn kannten, durften sich und ihren Nachkommen stets zurufen: Seid bescheiden wie Prof. Caro - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - war! Wer gibt uns einen Ersatz für ihn? Izchok Hakoton."    

  
Hinweise zum Studium an der Jeschiwa in Montreux (1934)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. September 1934: "Von der Toraresidenz in Montreux.
Montreux, 16. September. Die Jeschiwoh in Montreux gibt bekannt, dass am 5. Cheschwan, Sonntag, den 14. Oktober, die Semestereröffnung stattfindet. Anmeldungen sind bis spätestens 5. Oktober an den Rektor der Jeschiwoh, Rabbi Elijahu Botschko zu richten. Es bestehen sowohl Kurse für Anfänger als auch für Fortgeschrittene."  

  
Sukkot-Tage in der Jeschiwa (1934)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Oktober 1934: "Sukkaus-Tage in Montreux.
Von den vielen Kur- und Erholungsplätzen der Schweiz sind den gesetzestreu lebenden Juden nur eine kleine Anzahl zugänglich. Der schönsten einer ist das herrlich am Genfer See gelegene Montreux. Für den jüdischen Besucher bemerkenswert ist die vor etwa 8 Jahren von Rabbiner Botschko begründete und seit dieser Zeit unter seiner Leitung stehende Jeschiwa Ez Chajim, wenn nicht die einzige im westlichen Europa, so doch bestimmt die in herrlichster Lage befindliche und am schönsten ausgestattetste. Im letzten Sommer-Semester hatte die Jeschiwa 60—70 Hörer, großenteils aus der Schweiz, Frankreich und angrenzenden Ländern, aber auch aus Polen und Deutschland. In mühevoller Arbeit ist es Herrn Rabb. Botschko gelungen, aus kleinen Anfängen diese Lehranstalt, die schon so viel zur Verbreitung des Torawissens in Westeuropa beigetragen hat, aufzubauen und ihr die wohlverdiente Anerkennung zu verschaffen.
Für das leibliche Wohl der jüdischen Gäste sorgt in ausgezeichneter Weise die in einem großen erstklassigen nichtjüdischen Hotel befindliche Pension Reisler. Gerade die Sukkaus-Tage dieses Jahres gestalteten sich für die jüdischen Gäste zu einer besonderen körperlichen und seelischen Erholung. Die wunderbare Herbstsonne über einer herrlichen Landschaft, in welcher die Weinlese in vollem Gange war, beleuchtete ein Bild des Friedens. Dieser Anblick und die gemeinsamen Mahlzeiten in der schönen Sukkoh, von der aus man bis ans jenseitige Ufer des Genfer Sees schauen konnte, und das beständige schöne Wetter erzeugten ein allgemeines Gefühl der Zufriedenheit und der Ausspannung von Berufsarbeit und Sorgen.
Die von der Jeschiwa teils dort, teils im Hotel veranstalteten G'ttesdienste mit trefflichen Ansprachen des verdienstvollen Jeschiwaleiters. das Lernen in der Hoschano-Rabbo-Nacht, die von echt jüdischem Leben durchpulste Simchas-Torafeier und zuletzt die Abschiedsstunde am Ausgange des Feiertages im gastfreien Hause des Rabb. Botschko mit einer Reihe schöner Reden ergaben eine gehobene Feststimmung.
An diese Sukkaus-Tage in Montreux werden sicher alle Teilnehmer noch lange voller Freude zurückdenken. —r."           

  
Eröffnung des 16. Semesters in der Jeschiwa (1934)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. November 1934: "Semester-Eröffnung in der Jeschiwoh in Montreux.  
Montreux,
11. November (1934). Am Sonntag, den 21. Oktober, fand in Anwesenheit mehrerer Gäste von Zürich, Bern, Bex, Montreux die Eröffnung des 16. Semesters der Jeschiwoh in festlicher Stimmung statt. Der Rosch Jeschiwoh, Rabbi Elijahu Botschko, begann die akademische Feier mit einer herzlichen Ansprache, die aufnahmefreudige Hörer fand. Es war aus der Rede zu entnehmen, dass auch in diesem Semester unter den neuen Dozenten aus Litauen und den 42 Schülern eine schöne Anzahl französischer Schüler als Vollhörer für ein ganzes Jahr in der Jeschiwoh befinden. Die Jeschiwoh in Montreux wird stets darauf achten, dass das von ihr in Frankreich zu neuem jüdischen Wirken entflammte Toralicht auch weiter genährt und verbreitet wird. Nach geistvollen halachischen und agadischen Ausführungen über Zweck und Bedeutung des Torastudium hielt der Rosch Jeschiwoh eine talmudische Abhandlung chasaka, sefek Sefika. Hierauf begaben sich die Gäste und Schüler in das Haus des Leiters derselben, wo in fröhlichster Stimmung und heitersten Gefühlen die Semestereröffnung gefeiert wurde. Unter anderen sprach auch Herr Menki Koschland aus Zürich, Vorstandsmitglied der Israelitischen Religionsgesellschaft in Zürich herzliche Worte der Anerkennung."         

  
Semesterschlussfeier in der Jeschiwa (1935)
       

Montreux Israelit 17041935.jpg (150134 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. April 1935: "Schweiz. Semesterschluß in der Jeschiwoh Montreux.
Montreux
, 14. April. In harmonischer Synthese von Tora und Mussar, von Lehre und Ermahnung hat das 16. Semester der Jechiwoh in Montreux am Donnerstag, den 28. März, sein Ende gefunden. Zum Schlussfeste hat die Leitung der Jeschiwoh ihre Bachurim geladen und in Anwesenheit von Gästen und Freunden gab der Rosch Jeschiwoh, Rabbi Elijahu Botschko, einen Überblick über das abgelaufene Semester, das er mit seiner hinreißenden Beredsamkeit als ein besonders erfolgreiches hervorhob, wobei er seinen Dank all denen aussprach, die es materiell ermöglicht haben, daß die Jeschiwoh in dieser überaus schweren und kritischen Zeit ihrem Programm gemäß lehren und wirken konnte.
Anschließend fand dann das Schluss-Bankett statt, wobei mehrere Schüler im Namen ihrer Lerngruppen Ansprachen hielten und ihren Dank an die Leitung der Jeschiwoh und an die Dozenten in stolzer Befriedigung über das in diesem S'man Erlernte ausdrückten. Auch die Dozenten der Jeschiwoh, Herr Fenster aus Kowno und Herr Cohn aus Hamburg ergriffen das Wort zu herzlichen Abschiedsgrüßen. In freudigem Beisammensein sangen und unterhielten sich die Bachurim im Kreise ihrer Lehrer bis spät in die Nacht.
Das Sommersemester der Jeschiwoh beginnt am 5. Mai (Sonntag, den 2. Ijar) mit einer Eröffnungsfeier. Es bestehen sowohl Kurse für Anfänger als auch für Fortgeschrittene. — Rechtzeitige Anmeldungen sind zu richten an den Rektor der Jeschiwoh, Rabbi R. Botschko, Montreux, Villa Quisisana."      

 
Empfehlung zum Studium an der Jeschiwa (1936)
    

Montreux Israelit 27021936.jpg (92472 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Februar 1936: "Montreux; 25. Februar. Wie aus dem Inseratenteil ersichtlich; beginnt das neue Semester auf der Jeschiwa von Montreux am 26. April 1936 und sind Meldungen bis zum 1. April an den Rosch Jeschiwa, Rabbi R. Botschko, zu richten.
Die Jeschiwa in Montreux hat sich seit ihrem Bestehen eine solche Popularität auf dem ganzen Erdenrunde erworben, dass sich empfehlende Worte fast erübrigen. Erwähnt sei nur, daß der Lehranstalt ein Internat angeschlossen ist, in dem die älteren wie die jüngeren Schüler ein echte Heim mit allem modernen Komfort finden. Der Unterricht wird, unter der obersten Leitung des Rosch-Jeschiwa, vom litauischen Talmudgelehrten nach echt litauischer Lehrmethode geleitet. Insbesondere für erholungsbedürftige Kinder kann man sich kaum einen schöneren Platz denken, als Montreux am Genfer See, diese schweizerische Riviera, die den Jungen neben der geistigen jüdischen Vervollkommnung auch eine 1Strlung und Gesundung des Körpers bietet. Näheres Inserat."         
 
Montreux Israelit 27021936a.jpg (76639 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Februar 1936: (hebräisch und deutsch:) 
"Jeschiwa Ez Chajim Montreux (Schweiz).
Wir geben hiermit bekannt, daß am 4. Ijar, Sonntag, den 26. April 1936 unser Sommersemester beginnt. Wir bitten die Anmeldungen bis spätestens 1. April 36 an den Rosch Jeschiwo, Herrn Rabb. R. Botschko, einzureichen. Unserem Institut ist auch ein Internat nach modernster Art angegliedert. Es bestehen 4 Klassen, von Anfängern bis zu selbständig Lernenden von ... Diese Klassen werden durch vorzügliche litauische Lehrkräfte mit dem litauischen
derech halimud (Lehrmethode) geleitet.
Die Leitung der Jeschiwoh 'Ez-Chajim' Montreux, Villa Quisisana".  

   
Rabbi Elijahu Botschko setzt sich für die russischen Juden ein (1936)         

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juli 1936: "Unterredung mit Litwinow über die Religionsfreiheit in Russland.
Der Leiter der Jeschiwo 'Ez-Chajim' in Montreux, Rabbi Elijahu Botschko, wurde am 20. Juli von dem russischen Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten, Minister Litwinow, in Audienz empfangen. Der Rektor der Talmudhochschule in Montreux lenkte die Aufmerksamkeit des russischen Außenministers auf die religiösen Verfolgungen, namentlich das Vergehen gegen die Rabbiner und die jüdischen Schulen, und überreichte gleichzeitig Herrn Litwinow ein Memorandum mit der Bitte, das schwere Los der dortigen Rabbiner zu erleichtern.
'Der Juden höchste Aufgabe', so heißt es u. a. in dem Memorandum, 'ist, das Staatsinteresse mit allen Kräften zu fördern und für das Wohl des Staates zu beten. Niemals hat einer der russischen Rabbiner staatsfeindliche Ten­denzen gefördert oder die Interessen des Staates geschädigt. Nach veröffentlichten 'Berichten sollen in Russland die Rabbiner mit hohen Steuern (von 500 bis 1000 Rubel) belastet werden, obschon sie gar kein Einkommen haben und im Nichteinbringungsfalle mit Zwangsarbeit bestraft werden. Es wäre wichtig, wenn von Ihrer Exzellenz diesbezüglich eine Klarstellung gegeben werden könnte. Ich gestatte mir, Ihre Aufmerksamkeit auf die Besorgnis der gesamten Judenheit wegen der religiösen Verfolgungen in Russland zu lenken. Die gesamte Judenheit bittet Sie, den um ihr Judentum und um ihre Tora ringenden Menschen, in Russland freie Ausübung ihrer religiösen Obliegenheiten zu gewähren. Im Namen der religiösen Judenheit gestatte ich mir, die Bitte an Sie zu richten, die Ausreise der russischen Rabbiner, die sich in verschiedenen Ländern, vor allem in Palästina, Amierika und England niederlassen wollen, zu gestatten. Dies wird vornehmlich dadurch ermöglicht, dass man ihnen freie Pässe aushändigt und keine hohen Steuern auferlegt, damit die Ausreise nicht praktisch unmöglich gemacht wird. Nachdem Russland mit allen freien Ländern der Welt friedliche und freundschaftliche Beziehungen anknüpft, würde eine solche Geste nicht mir von den Juden mit Enthusiasmus aufgenommen werden, sondern würde bei der gesamten gesitteten Menschheit einen tiefen Eindruck erwecken und das Vertrauen zu Ihrem Lande in ungeheurem Maße stärken.'
Minister Litwinow erwiderte in sehr freundlicher Weise, dass es in Russland heute eine religiösen Verfolgungen gäbe. Im Übrigen fühle er sich nicht kompetent, über die innere Politik ausführlich zu sprechen und bedaure, keine präzisen Antworten erteilen zu können. Er versprach jedoch, eine zufriedenstellende Antwort über obige sowie verschiedene andere an ihn gerichtete Fragen von Moskau aus zu geben."        

   
Semestereröffnung in der Jeschiwa (1936)   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. September 1936: "Schweiz. Semestereröffnung in Montreux.
Montreux, 14. September. Das neue Semester auf der Jeschiwoh von Montreux beginnt am 1. Cheschwan, d. h. am 18. Oktober 1936 und sind Meldungen bis zum 10. Oktober an den Rosch Jeschiwa, Rabbi R. Botschko, zu richten.
Die Jeschiwoh in Montreux bat sich mit Recht eine solche Popularität erworben, dass sich empfehlende Worte fast erübrigen. Erwähnt sei nur, dass der Lehranstalt ein Internat angeschlossen ist, in dem die älteren wie die jüngerem Schüler ein echt jüdisches Heim mit allem modernen Komfort finden. Insbesondere für erholungsbedürftige Kinder kann man sich kaum einem schönerem Platz denken, als Montreux am Genfer See, diese schweizerische Riviera, die den Jungem neben der geistigem jüdischen Vervollkommnung auch eine Stärkung des Körpers bietet."      

 
Beginn des 20. Semesters an der Jeschiwa (1936)   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. November 1936: "Montreux, 10. November. Am 1. November konnte der unermüdliche Gründer und Leiter der Jeschiwoh 'Ez-Chajim' in Montreux das zwanzigste Semester mit einem inhaltsreichen halachischen Vortrag einleiten. Glück und Stolz empfanden alle in der Aula der Jeschiwoh Versammelten. Der Rosch Jeschiwoh, Herr Rabbiner Botschko, gab in geistvoller Ausdeutung des 1. Psalms. 'Er grünt wie ein Baum am Bache, der Früchte trägt zur rechten Zeit, kein Blatt zu früh abwirft und was er tut, gelingt', einen geschichtlichen Überblick über das Werden der Jeschiwoh. Und so kann man glücklicherweise sagen, dass in den abgelaufenen 19 Semestern der Jeschiwoh der 'Ez-Chajim'-Baum Früchte gezeitigt hat, die nicht welken und nicht verloren gehen. Man darf nun hoffen, daß auch die zukünftigen Semester mit gleicher Kraft und gleicher Stärke ihre Erfolge bringen werden. Dieses Semester soll nicht ein Bruchstück, nichts Halbes, sondern etwas Volles und Ganzes darstellen. Der neue Zeitabschnitt möge eine Krone der Tora sowohl für die Jeschiwoh als auch für die Bachurim sein. — In diesem 20. Semester beherbergt die Jeschiwoh 50 Bachurim. Möge die der Jeschiwoh noch fernstehende Jugend bald erkennen, dass das höchste Streben und das schönste Ziel sein muss, wieder als echte und gehämmerte Juden zu leben, J.H."       

  
Zum Tod von Naftali Sternbuch (Schwiegervater von Rabbi Botschko): "der Stolz seines Lebens war die Jeschiwa in Montreux" (gest. in St. Gallen 1937) 
   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Januar 1937: "N. (nicht M.) Sternbuch - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen. 
St. Gallen
(Schweiz), 13.Januar (1937). Kurz vor Schluss der Redaktion kommt die erschütternde Nachricht aus St. Gallen (Schweiz), dass dort N. Sternbuch plötzlich an einem Schlafanfall verschieden ist. Die Trauerkunde wird in weiten Kreisen tiefen Schmerz und ehrliche Trauer auslösen. 
N. Sternbuch war ein Jude von chassidischer Prägung und eine Führernatur von großer Energie und Tatkraft. Seiner großen Toragelehrsamkeit entsprach seine tiefe Frömmigkeit. Wie früher in Basel, so führte er auch später in St. Gallen ein jüdisch-fürstliches Haus, das Jedermann offen stand und eine Pflanzstätte von Tora und Gottesdienst war. Ein Philanthrop von großem Ausmaße, war er nicht allein auf Abhilfe materieller Not bedacht, seelische Not zu lindern, war er stets am Platze. Er gehörte zu den Führern der Agudas Jisroel und war ihr mit Leib und Seele verbunden. In seiner Gemeinde St. Gallen errichtete er auf eigene Kosten das rituelle Bad, um der Familienreinheit aller, die in dieser Gemeinde und Umgebung noch treu zum Gesetze halten, zu dienen.   
Der Stolz seines Lebens war die Jeschiwa in Montreux, deren Begründer und Leiter, Rabbi Botschko, sein Schwiegersohn, deren fürsorgliche Mutter seiner Tochter ist. Nicht minder wie andere Söhne und Töchter, die im Geiste des Vaters leben und ihre Häuser führen. Der Schmerz ist zu groß und die Wunde zu frisch, um die Persönlichkeit und das Wirken N. Sternbuchs heute im Einzelnen zu schildern. Möge die aufrichtige Teilnahme min den weitesten Kreisen am schweren Schlage, der die Familie betroffen hat, dieser ein Trost sein und ihr die Gewissheit bieten, dass der Name Sternbuchs nicht vergessen und sich noch lange Jahre zum Segen in der Nachwelt auswirken sind. Das Andenken an den Gerechten ist zum Segen."      
 
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Januar 1937: "Rabbi Naftali Sternbuch - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen
St. Gallen
, 17. Januar (1937). Am 29. Tewes durcheilte die gesetzestreue Judenheit die erschütternde Kunde vom plötzlichen Hinscheiden des weit über die Grenzen seines Landes hinaus bekannten Naftali Sternbuch. Jeder empfand den Verlust wie persönlichen Schmerz.  
In Kischinew als Sohn einer aristokratischen Familie geboren und auf dem Boden eines russischen Torazentrums aufgewachsen, war Rabbi Naftali Sternbuch schon in jungen Jahren durch sein phänomenales Gedächtnis und seinen Scharfsinn allgemein bekannt. Den Kaufmannsberuf ergreifend, machte er sein Haus an der Seite seiner edlen Gattin zu einem Kleinen Heiligtum, in dem Tag und Nacht Hilfe gesucht und gefunden wurde. Nach dem großen Pogrom in Kischinew wanderte Naftali Sternbuch vor 35 Jahren (1902) nach Basel aus. Bald verband ihn eine innige Freundschaft mit dem Basler Raw, Dr. Arthur Cohn - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen, der in dem großen Talmudgelehrten und Gottesfürchtigen eine ausgezeichnete, vorbildliche Führernatur großen Formats erkannte. Infolge seiner Herzensgüte und seiner außergewöhnlichen Gewissenhaftigkeit wurde er von allen Kreisen, von Juden und Nichtjuden, gleich hoch respektiert. Der Name Sternbuch bedeutete ein Programm.  
 Als in Kattowitz der Grundstein zur Agudas Jisroel gelegt wurde, trat Rabbi Naftali Sternbuch mit der Festigkeit und Unbeugsamkeit seines Charakters an der Seite der damaligen Gaonim in die vorderste Reihe, und bis zu seinem letzten Atemzuge hing er mit jeder Faser seines Herzens an dem Agudaideal. Die Agudas Jisroel verliert in ihm einen ihrer markantesten Kämpfer und überzeugtesten Anhänger. Seiner chassidischen Neigung entsprechend, gründete er sich ein eigenes Minjan, und bald wurde sein Haus wieder, speziell nach dem großen Kriege, als die vielen jungen jüdischen Flüchtlinge in die Schweiz kamen, zu einem Zentrum jüdischer Menschen. Als der Basler Raw seine Augen für immer schloss, übersiedelte Rabbi Sternbuch nach St. Gallen, dem Orte seiner bedeutenden geschäftlichen Unternehmungen, und die Freunde seines Basler Kreises verbanden sich nachher bald in der durch die Initiative des Herrn Salli Guggenheim ins Leben gerufenen Israelitischen Religionsgesellschaft.  
In St. Gallen entwickelte sich das Sternbuch'sche Haus zu dem exponiertesten toratreuen Bollwerk der Schweiz. Von allen Enden des jüdischen Galut strömten hilfsbedürftige Menschen zu dem großen einzigartigen Philanthropen, und nicht selten mussten die eigenen Kinder den Meschulochim ihre Schlafplätze überlassen, da man ja jeden Fremden als ein Mitglied des Hauses ansah. Mit welchem Stolz zeigte Naftali Sternbuch seinen Besuchern die eigene Mikwe, die eine Sehenswürdigkeit eigener Prägung ist. Man muss Rabbi Sternbuch 'dawnen' gesehen haben, um sich einen Begriff von dem großen Zidkut (hier wohl: umfassende Wohltätigkeit gepaart mit Frömmigkeit) dieser Persönlichkeit zu machen. Für jede einzelne Mizwoh (religiöse Weisung) wusste er seine ganze Kraft einzusetzen. Und wer nur einmal einen Blick in seine grenzenlose Menschenliebe erhalten hatte, erkannte erst das goldene Herz eines großen Menschen. Mein seiner faszinierten Begeisterungsfähigkeit riss er alle mit. Es war ein Feuer in ihm, das auch auf andere hinausströmte und sie zur Ausübung göttlicher Mizwot hinriss. Sein geschärfter Geist blieb auch bei seinem jüdischen Wissen nicht stehen. Jeden Morgen stand er um 4 Uhr zum Lernen auf, und wer Gelegenheit hatte, seinen talmudischen Ausführungen zu lauschen, bewunderte seinen Scharfsinn und sein Bewandertsein.  
Wollten wir Rabbi Sternbuch im einzelnen schildern, wir müssten die patriarchalische Gestalt zeichnen, vor der sich jeder ehrfurchtsvoll verneigte, seine äußere und innere Ausgeglichenheit, die sprudelnde Quelle von Wahrheit, liebe und Güte in ihm beschreiben, von dem jüdischen Stolz und der jüdischen Demut, der Vornehmheit und Aufrichtigkeit,                
St Gallen Israelit 21011937a.jpg (130037 Byte)die diesen Mann auszeichneten, berichten. - Verwaist und verlassen stehen nun seine Kinder und Enkel da, die die Freude seines Lebens waren und die nun die Krone ihres Hauptes verloren haben.  
Hatte doch der Verewigte das seltene Verdienst, Kinder der Welt zu schenken, von denen jedes eine Persönlichkeit für sich ist. Erst vor einem Jahre wurde die Familie Sternbuch so furchtbar heimgesucht und nur das ungeheure Gottvertrauen konnte den Schmerz der Eltern lindern, und nun steht die teure, ihm ganz ebenbürtige Gattin wieder vom Leid niedergedrückt da.  
Unter außerordentlicher Anteilnahme des In- und Auslandes wurde Rabbi Naftali Sternbuch auf dem Friedhofe der Israelitischen Religionsgesellschaft in Zürich zu Grabe getragen. Herrn Rabbiner Kornfein sprach im Namen der Gemeinde und der Aguda und gab in bewegten Worten der großen Trauer Ausdruck. Als der Schwiegersohn, Rabbi E. Botschko in herzerreißender Weise die letzten Grüße und Gelöbnisse der Familie überbrachte, blieb kein Auge tränenleer. Der letzte Redner, Herr Rabbiner Dr. Heinrich Cohn, Berlin sprach im Namen eines großen Freundeskreises in bewegten Worten. Letzten Sonntag fuhren wiederum eine größere Anzahl von Freunden von allen Städten der Schweiz nach Montreux, wo die Trauernden die Schiwa halten. Hespedim (Trauerreden) hielten die Herren Oberrabbiner Rottenberg, Antwerpen, Herr Blech, Zürich, Herr Aschekenasi, Wien und Herr Dr. Ascher, Bex, wie auch der Enkel Moses Botschko.  
Mögen die schwer geprüften Hinterbliebenen sich im Bewusststein erheben, einen Gatten und Vater gehabt zu haben, der heute als Großer in Israel allgemein beweint wird. Sein Verdienst wird ihnen auch weiter beistehen. Das Andenken an den Gerechten ist zum Segen. Ph-d."       

   
"Vorfrühling am Genfersee. Ein Sabbat in Montreux" (1937)    

Montreux Israelit 18031937.jpg (507310 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. März 1937: "Vorfrühling am Genfersee. Ein Sabbat in Montreux.
Als in den ersten Morgenstunden des Freitag am Fenster unseres Abteils der Genfer See aufleuchtete, sahen wir zunächst nur eine Metallplatte in weiße Seide gehüllt. Wie sich aber der Nebel hob, war der Kristallspiegel zwischen den alabasterweißen Bergspitzen hüben und drüben von Silberstreifen verbrämt, die fast das Auge blendeten. Ein hellblauer Himmel wölbte sich über diesen Kessel paradiesischer Schönheit, als hielte der Frühling seine Generalprobe ab. Man darf dies alles hundertmal gesehen haben, und immer erlebt man es von neuem als Wunder der Wunder.
In der Gegend von Lausanne merkt man schon die Vorzeichen der jüdischen Inselchen, die sich nach und nach auf diesem gesegneten Boden zwischen Berg und Wasser in ganz kurzen Abständen herausgebildet haben. In Lausanne steigen Studenten zu uns, die zugleich die Jeschiwa in Montreux besuchen oder besuchten und über Sabbat 'zu Hause' sein wollen. Junge, schmucke Mädels unterhalten sich in gutem Französisch und in weniger gutem Deutsch über eine Lausanner Veranstaltung, von der sie jetzt zurück nach Clarens fahren, wo Martha Marcus ihr Töchterpensionat wie ein Märchen bis zum blaugrünen See vorgeschoben hat. Eine liebenswürdige und gesprächige Dame, der der Mutterstolz aus den blanken Augen spricht, fährt nach Bex les Bains, um ihre Kinder, die bei Dr. Ascher ihre Weiterbildung erhalten, zu besuchen. Weniger beneidenswert sind die Vaterfreuden des Antwerpener Herrn; der einen pausbäckigen Jungen bei sich hat, den er zur Höhensonne von Leysin: zur Ausheilung einer tückischen Knochenkrankheit bringen will. Der Junge, zart und verwöhnt, macht es dem Vater, der auf der weiten Reise auch Mutter spielen muss, wahrlich nicht leicht.    
Im kleinen Bahnhof zu Montreux ist dem Gaste alles so vertraut, als wäre die mehrjährige Spanne zwischen dem jüngsten Besuch und heute durch die ihm entgegenströmende Welle der Herzlichkeit einfach weggeschwemmt. Es hat sich in den zehn Jahren an der Jeschiwa so gar nichts geändert. Neue Gesichter, aber so frisch und vergnügt wie die alten. Die ragende Gestalt des Leiters, voll Güte, Kraft und Energie; die Mutter der Jeschiwa, über deren abgespanntes Gesicht ein Leuchten huscht, wenn .sie von 'ihren Jungens' spricht. Die Kinder sind älter geworden. Im ältesten Sohne, der heute schon einer der erfolgreichsten Talmuddozenten im väterlichen Unternehmen ist, ist den Eltern bereits der höchste G'tteslohn herangeblüht, nicht minder in der Tochter, die schon eine Rolle in der Beth Jakow-Bewegung spielt. Ich freue mich mit den lieben Menschen, deren Leben einzig der Tora, den Menschen und der Jugend gehört, dass sie nun mählich beginnen, die Früchte ihrer Heilessaaten zu ernten.
Unter den Dozenten sind neue Kräfte, die mit gleicher Treue der alten guten Sache dienen. Es ist noch der gleiche verdiente und liebenswürdige Sekretär, Sohn einer guten Frankfurter Familie, am Werke. Es hat sich an der Struktur von Montreux nichts geändert.
Auch nicht an den Liedern, an diesen herzinnigen Weisen und Melodien, wie sie oben beim G'ttesdienste und unten beim Freitagabendtee gesungen werden und die mir schon seit Jahren in Ohr und Seele nachtönen. Fast ein Dutzend Länder sind in der Hörerschaft vertreten, und jedes Land hat seine Liebe, seine Lieder und seine Lichter mitgebracht. Aus dem Ganzen ist etwas entstanden, was man nicht unbedingt Chassidismus, auch nicht Mussar nennen kann, aber alles von diesen Richtungen enthält. Eine gesunde Mischung von chassidischer Innigkeit und Novogrudoker Beharrlichkeit, ein neuer Typ, der Montreuxer 'Derech'.
Der Freitagabend- und Sabbatmorgeng'ttesdienst im großen Betraume der Jeschiwa ist von einer Inbrunst getragen, die die westliche Ruhe und Ordnung in sich birgt. Für den Nachmittag ist ein Vortrag angesagt.
Man ist in Montreux nicht an den Dienstes gleichgestellte Uhr gebunden, man lässt sich von der Zeit nicht tyrannisieren, man ist Herr der Zeit, wie das Ganze zwischen Berg und See überzeitlich erscheint. Der Vortrag kann statt um 5 Uhr gerade so gut um 6 Uhr beginnen. Aber die Zeit bis zum Sabbatausgang — der Sabbat verweilt in diesem Kreise eine volle Stunde länger als anderswo — ist so herrlich ausgefüllt, dass man begreift, was es mit dem Worte Alijat Neschomo = 'Aufstieg der Seele", auf sich hat. Der Gast spricht über Abarbanel. Eine Abarbanel-Feier eigener, vielleicht auch einzig richtiger Art. In diesem Kreise der jugendlichen Intellektuellen, der Lernenden und Forschenden, braucht man sich nicht viel mit biographischen Notizen abzugeben. Wann geboren, wo und wie gelebt, an welchem Tage, zu welcher Stunde den einen Ort verlassen, um nach dem anderen zu gehen; was interessiert das alles hier, wo man über Zeit und Raum erhaben ist? Dagegen kann man hier eine Stelle, einige Grundgedanken des Abarbanel vornehmen, nach allen Richtungen durcharbeiten, vorzeigen, was in der Denkweise und Schreibart Abarbanels ihn mit Maimonides verbindet, und ihn wiederum von diesen trennt, etwas über die Kapitel der Auferstehung und des Messias, Dogmen und Grundlehren sprechen. Ein Mann hat vor 500 Jahren in den Pyrenäen gelebt und gelehrt; und seine ewigen Gedanken finden auf einem Berge an einem Schweizersee, der vielleicht nie früher ein jüdisches Wort gehört hat, eine Heimstätte. Von den Pyrenäen bis zu den Alpen führt ein Weg, der jüdische Weg. Das rasche Tempo des Uhrwerkes hält hier still, so wie die Zeitmaße der dazwischen liegenden Jahrhunderte verschwinden.
Anschließend Mincha und gleich darauf schon im blauen Dämmer des Abends die ''dritte Mahlzeit'; besteht nur aus einem Bissen in der Große einer Olive, aber einer Mussarrede, die unvergesslich bleibt. Er hat eine eigene Art zu reden, dieser Meister des Mussar. Auch seine Reden sind dem Gesetze der Zeit nicht unterworfen, sind breit angelegt, aber eben und voller blühender Blumen und von einem Grundgedanken zusammengehalten, der bis zum letzten Ausklang vorherrschend bleibt. Ein geheimnisvolles Dunkel huscht durch den Raum, man sieht nur noch Schatten und man hört fast, das 'laute Schlagen' junger Herzen. Hier werden junge Menschenseelen geformt. Wo diese Menschen einmal später auch landen werden, diese Dunkelstunde des Sabbatausgangs wird nicht von ihnen lassen, wird sie bei allen Versuchungen mit Gewalt packen und auf den richtigen Weg wieder bringen.
Sonntagmittag ist Verhör und Semesterschluss, der mit einem Feste gefeiert wird. In den ersten Mittagsstunden macht sich schon unten etwas wie Festtreiben bemerkbar. Es sind Gäste angelangt aus Genf, Lausanne, aus Zürich, Wenn die Veranstaltung statt um zwei Uhr erst gegen viere beginnt, so hat es weiter nichts zu sagen, man hat hier Zeit. Montreuxer Gäste wissen schon von vornherein, daß sie alle Anschlusszüge für die Rückreise versäumen werden und richten sich darauf ein. Ein überwältigendes Bild; Im geschmückten Jeschiwa-Raum begrüßen die etwa 50 Schüler und Lehrer die Gäste, mit hebräischen Gesängen, bei denen Inbrunst und Innigkeit zuweilen die Harmonie ersetzen. Schon spricht der Rebbe. Es ist ein Überblick, auch eine Abrechnung mit denen, die ihn nicht verstehen wollten und heute noch nicht verstehen. Auch ein wehmutvolles Gedenken an den Mann, der mit den Grundstein zur Jeschiwa gelegt hat und vor kurzem - welche symbolische Fügung —in Montreux in der Nähe der Jeschiwa aus dem Leben, geschieden ist, Rabbi Naftali Sternbuch aus St. Gallen. Eine Reisezehrung gibt der Rabbi den scheidenden Bachurim mit, die köstlicher ist denn alles, was wir heute der Jugend auf ihren, unsicheren und unbekannten Weg mitgeben können. 
Es sprechen Gäste, unter ihnen der neue Rabbiner von Zürich, Dr. Taubes. Es hört sich wie ein Gelöbnis an: 'Ich suche die Tora in der Schweiz, und habe sie hier gefunden, ich gehöre zu Euch! ..
Ein Verhör, bei dem auch die Kleinsten und Jüngsten zu Worte kommen, ist gekrönt von einem geistvollen Hadran des jüngsten Dozenten, des ältesten Sohnes des Rosch Jeschiwa, bei dem wir die wundervolle Gliederung und den logischen Aufbau nicht genug bewundern können, und einer weiteren halachischen Abhandlung des Rabbiner der Genfer östlichen Gemeinde 'Agudat Achim'.
Bei den gedeckten Tafeln verbringt man den Rest des Abends, aus dem bald Nacht und Mitternacht wird. Zündende Reden, eine solche auch von einem jungen Schüler aus Leipzig, würzen das Mahl, Gesänge von chassidischem Feuer und mussar-mäßiger Ekstase gehen in Tänze über. Ältere Freunde werden unter Gesängen auf die Schultern gehoben; Unten zwischen Berg und Wasser brütet geheimnisvoll die Nacht und wird geweckt vom Gesange der Jungen, der sich vom Garten bis zur Straße und zum glitzernden Seespiegel trägt. Keiner stört sie hier, es ist ihr Reich. -
Morgen wird die Korona auseinanderstreben. Manche werden wiederkommen, andere werden dahin und dorthin gehen. Sie alle nehmen einen Wegweiser im Herzen mit fürs Leben hinaus. Semesterschluss! Aber für die jungen Menschen der Start zu einem neuen jüdischen Leben.      —tz."        

 
Semestereröffnung in der Jeschiwa (1937)    

Montreux Israelit 29041937.jpg (59486 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. April 1937: "Semestereröffnung in Montreux.
Montreux, 28. April. Am Sonntag, den 18. April, wurde auf der Jeschiwa 'Ez Chajim' in Anwesenheit vieler früheren und der neu hinzugekommenen Bachurim, wie vieler Gäste aus allen Teilen der Schweiz das neue Semester und damit das neue Jahrzehnt ihrer Lehrtätigkeit, eröffnet. In gewohnter meisterhafter Weise begrüßte der Rosch Jeschiwa, Herr Rabbiner Botschko, die Schüler und die Gäste (aus den Gedankengängen der Rede soll noch einiges zur Veröffentlichung gelangen). Die Rede war von einer tiefen halachischen Auseinandersetzung gekrönt. Der Lernbetrieb an der Jeschiwa an dem im Frühlingsglanz leuchtenden Genfer See hat in vollem Umfang begonnen."         

   
Der Präsident der Agudas Jisroel, Jacob Rosenheim zu Besuch in der Jeschiwa (1937)    

Montreux Israelit 12081937.jpg (136594 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. August 1937: "Jacob Rosenheim in Montreux.
Montreux
, 9. August. Am vergangenen Sonntag erlebten wir die Freude, vom Präsidenten der Agudas Jisroel, Herrn Jacob Rosenheim, besucht zu werden. Bei seiner Ankunft in der Jeschiwo wurde Herr Rosenheim von den Bachurim freudig empfangen. Der Rosch-Jeschiwo, Herr Rabbiner E. Botschko begrüßte in herzlichen Worten den illustren Gast. Alsdann gab Herr Rosenheim in einer begeisternden Absprache seiner Freude Ausdruck, dass er bei seiner schweren und verantwortungsvollen Arbeit zwischendurch auch wieder mit Jugend zusammenkommen könne, mit Jugend, die die Avantgarde des Toratreuen Judentums bildet und aus der ihm später treue Helfer und Kämpfer für das gleiche Ideal erstehen werden, um zu ihr als Freund und Lehrer zu sprechen. Weiter drückte er seine Freude und Genugtuung über das Werk von Montreux aus und berührte dann das heutige Erez-Israel-Problem. Eine Lösung nur gibt es: Alijah nach Erez Israel rein als Erfüllung des g'ttlichen Gebotes, den materiellen Aufbau nicht als Selbstzweck, sondern nur als Mittel zu benützen, um einen G'ttesstaat wie einst im heiligen Lande zu er­richten, das allein kann uns die endliche Geulah bringen. Begleitet von geistreichen Worten des Rosch-Jeschiwo und von den Gesängen der Bachurim, musste unser geschätzter Gast uns schon wieder verlassen, um zu wichtigen Besprechungen nach Zürich zu reisen. Uns ließ er nur seine herzlichen Worte zurück, die wir aber in uns tragen und die uns immer Leitstern sein werden."         

    
  
Sonstiges  
Werbung für das Töchterpensionat und die Haushaltungsschule von Marta Marcus (1931)   

Montreux Israelit 08011931anz.jpg (50266 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Januar 1931: "Töchterpensionat und Haushaltungs-Schule  Marta Marcus
MONTREUX - CLARENS - LIDO

FRANZÖSISCHE SCHWEIZ
Gründliche Ausbildung In Sprachen u. Allgemeinwissenschaften, und Haushalt. Sorgfältige Erziehung. Streng rituell.
Mod. Komfort, in allen Schlafzimmern fließendes Wasser. Referenzen und Prospekte: durch die Vorsteherin."       

        
Anzeige von Reislers Hotel (1934)  
Anmerkung: das Symbol links des Wortes "Erholung" weist das Hotel als streng rituell geführtes Hotel aus; "Reislers Hotel" gab es nach dem Inhalt der Anzeige sowohl in Montreux als auch in Engelberg.  

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. März 1934: "Erholung in Reislers Hotel in Engelberg (1100-1800 m.ü.M.). 
Beliebtester Sommerkurort der Zentralschweiz. Alle Zimmer mit fließendem Wasser. Erstklassige Wiener Küche. Eröffnung Ende Mai. Tel. 64. Unser Haus in Montreux bleibt bis Ende Mai geöffnet."       

  
Zum Tod von Cilly Lemberger geb. Erlanger (1944)        

Anzeige in der Zeitschrift "Der Aufbau" vom 10. März 1944: 
"Am 26. Februar ist unsere geliebte Schwester, 
Frau Cilly Lemberger geb. Erlanger

nach kurzer, schwerer Krankheit im 62. Lebensjahr verschieden. Im Namen der Hinterbliebenen: 
Clara Henle geb. Erlanger  667 Ocean Ave., Brooklyn, N.Y.  
Montreux Territet (Schweiz), Antwerpen."      

   
   
   
Neuere Presseartikel  
Beitrag von J. Sternbuch zum Tod von Rav Mosche Botschko sZl. (2010)   

Montreux Die juedZtg 08102010.jpg (233582 Byte)Artikel in "Die jüdische Zeitung" (Wochenzeitschrift der jüdischen Orthodoxie der Schweiz) Nr. 40 vom 30. Tischri 5771 - 8. Oktober 2010 (Ausgabe dieser Zeitschrift als pdf-Datei):  
"Rav Mosche Botschko sZl. 
Am letzten Jom Kippur 5771 beim Eingang von Kol Nidre wurde Rav Mosche Botschko von dieser Welt abberufen. 
Seine letzten Worte, einige Stunden vor seiner Petiro geschrieben, waren Gedanken zur Parschat Wesot HaBracha, als Abschluss seiner Gedanken zur Torah: 'Warum kennen wir den Begräbnisort von Mosche Rabbenu nicht? Der Grund dafür ist, dass Mosche Rabbenu in jedem Jehudi weiterlebt, der die Torah lernt und erfüllt. Mosche Rabbenu spricht täglich weiter zu ihm und lebt tief in seinem Herzen und seiner Seele weiter.' 
Danach bat Raw Mosche schriftlich um Mechilo von jedem Menschen, dem er vielleicht je etwas zuleide getan hat. 
Es begann alles mit Rab Naftoli Sternbuch, der ca. 1905 von seinem Rebben, dem AdMorRav Dovid Mosche von Tschortkov in die Schweiz geschickt wurde, um dort Jiddischkeit und Chassidus r zu stärken. Sein Schwiegersohn wurde Rav Yerachmiel Elijohu Botschko, ein Talmud der Jeschivos Lomsche und Novardok. Rav Elijohu gründete 1927 die Jeschiwa Etz Chaim in Montreux. Das war damals ein äußerst wagemutiges Unternehmen, das nur mit viel Begeisterung und Durchsetzungskraft möglich war. Und mit der grenzenlosen Hilfe und Unterstützung seiner Frau, der Zaddekkes Rifka geb. Sternbuch
Rav Mosche, ihr Sohn, übernahm die Traditionen der Familien beider Eltern: tiefes, stetes Lernen der Torah, und chassidische Wärme und Begeisterungsfähigkeit. In jungem Alter von knapp 20 erhielt er den Heter Horo'o vom Tarnopoler Rav, Rav Babad, und machte bald darauf seinen ersten Sijum haSchas. Seither verbreitete er viele Jahrzehnte Torah. Viele Schweizer Baale Batim haben mit und bei ihm gelernt, und haben in der Jeschiwa Etz Chaim das geistige Fundament für ihr Leben erhalten. Große Marbitze Torah und Gedolim lernten und lehrten dort, unter anderen Raw Mosche Soloveitchik und Raw Ahron Leib Steinmann. Diese beiden Gedolim erhielten aufgrund von Raw Mosches Bemühungen die Erlaubnis, von Litauen in die Schweiz zu kommen. Reb Boruch Ber hatte sich bei Raw Elijahu für sie eingesetzt, da sie sonst ins Militär eingezogen worden wären. Damit rettete er diese beiden Gedolim vor dem fast sicheren Tod! 
Besonders eindrücklich waren die äußerst klaren Schiurim von Rav Mosche über Schas, die von tiefem Verständnis zeugten, seine bewegenden Worte zur Parschat haSchawua bei der Se'uda Schlischit, seine Draschot, und seine Tfila, die von tiefstem Herzen kam. Als Baal Tfila war er mitreißend. Wer je in der Jeschiwa war, kann die Villa Quisisana nicht vergessen, die oberhalb des Genfersees lag, wo natürliche und geistige Schönheit harmonisch vereint waren. Die zwei Schöpfungen von HKbH (G'tt) flossen dort ineinander: die Natur und die Torah. 
Diese Harmonie spiegelt sich auch im Leben von Rav Mosche wieder: Torah ist der Zweck des Lebens, und was man auch im Leben macht, muss harmonisch von Torah geformt sein und zu ihr hinführen. So lebte er, und das lehrte er. 
Rav Mosche übernahm die Leitung der Jeschiwa nach dem Tod seines Vaters, ca. 1956. Torah durfte für ihn aber nicht Mittel zum Zweck sein. deswegen akzeptierte er nie auch nur den geringsten Vorteil von der Jeschiwa, weder Geld noch in irgendeiner anderen Form. Das Frühstück nahm er von zuhause mit. Oft kaufte er selbst Lebensmittel für die Talmidim in der Stadt ein und schleppte sie selbst in die Jeschiwa, wobei er eine halbe Stunde den Weg hinaufging. Falls man in der Jeschiwa die Lebensmittel dringend brauchte, schickte er sie mit einem Taxi, es selbst jedoch stieg nicht ins Taxi, sondern ging zu Fuß in die Jeschiwa. Es versteht sich von selbst, dass er nie einen Lohn von der Jeschiwa bezog, sondern Parnosso von einer kleinen Fabrikation hatte, in der ihn seine Schwester, Frau Miriam Weingort, in allem unterstützte. 
Für ihn durfte die Torah nicht einmal im Geringsten ein Kardom lochpor bo sein. Er brachte bedeutende Roschei Jeschiwa nach Montreux, wie Rav Scheiner (heute Rosch Jeschiwa von Kamenitz Jerusalem), Rav Rakov (danach Rav von Gateshead) und Rav Farbstein (Rosche Jeschiwa von Chevron Jerusalem). Mit Rav Weinberg, dem Sridei Esch, der in der Jeschiwa oft Schiurim gab, war er besonders nahe. 
Mit der Zeit orientierte sich die Jeschiwa mehr an französische Jugendliche, auf die sie großen Einfluss hatte. Ein ganz bedeutendes Element seiner Haschkofo war Ahavas Eretz Jisroel. Seine Verbundenheit mit Israel, in dem er einen Fingerzeit G'ttes sah, war tief in ihm verwurzelt. Konsequent wie er immer war, machte er deshalb schließlich 1985 mit der Jeschiwa Alijah nach Jerusalem. Dort wirkt sie heute im Jischuv Kochav Yaakov neben Jerusalem weiter, unter dem Namen 'Heichal Elijahu', umbenannt nach dem Gründer der Jeschiwa. Rav Mosche hatte den S'chus, seinen Sohn Schaul David Botschko als seinen Nachfolger den gleichen Weg gehen zu sehen. Hechal Elijahu ist heute eine blühende Jeschiwat Hesder mit über 200 Talmidim, in der intensiv Torah gelernt wird. Rav Mosche lebte und unterrichtete dort, bis zu seinem Tod. Das Fundament für Torah in der Schweiz wurde durch seinen Vater und ihn gelegt, und dieses großartige Werk wirkt auch heute noch weiter, ganz im Sinn von andauerndem Sichro Boruch.  Dr. J. Sternbuch".  

    

Links und Literatur

Links:

bulletWebsite der Stadt Montreux   
bulletWebsite des Hechal Elijahu (Yechivat Hekhal Eliyahou)          

Literatur:  

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Artikel zu Eliahu Botschko im Historischen Lexikon der Schweiz (Artikel von Ralph Weingarten)   

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Wikipedia-Artikel über Mosche Botschko             

                           

                   
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Stand: 31. Januar 2026