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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Friesenheim (Ortenau-Kreis)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In dem im 17./18. Jahrhundert zur Markgrafschaft Baden gehörenden Friesenheim
bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17.
Jahrhunderts zurück, doch waren vorübergehend bereits 1452 und 1581
bis 1586 Juden am Ort. 1739 lebten fünf jüdische Familien in
Friesenheim. Die höchste Zahl jüdische Einwohner wurde um 1880 mit 135
Personen erreicht.
Die jüdischen Familien in Friesenheim lebten überwiegend vom Viehhandel und
von Handlungen mit Waren unterschiedlicher Art. Nach 1880 ging die Zahl der jüdischen
Einwohner zurück. 1900 wurden noch 74, 1925 48 und 1933 33 jüdische
Gemeindemitglieder gezählt.
An Einrichtungen waren vorhanden: eine Synagoge (s.u.), eine
Religionsschule und ein rituelles Bad (in der Mühlgasse Lgb.-Nr. 602/1, 1863
erbaut, 1933 verkauft; auf den Grundmauern wurde später eine Garage erbaut). Die
Toten der jüdischen Gemeinde wurden in Schmieheim
beigesetzt. Zeitweise war ein eigener Religionsschullehrer angestellt,
der zugleich als Vorsänger und Schächter tätig war (siehe Ausschreibungen der
Stelle unten). 1827 war die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Schmieheim
zugeteilt worden, bis dieser aufgelöst und und der Rabbinatssitz 1893 nach Offenburg
verlegt wurde.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Richard Haberer
(geb. 3.2.1896 in Friesenheim, gef. 6.10.1916) und Siegmund Haberer (geb.
21.5.1886 in Friesenheim, geb. 26.8.1918). Ihre Namen stehen auf dem
Gefallenendenkmal des jüdischen Friedhofes
in Schmieheim.
Um 1925 waren die Gemeindevorsteher Josef Greilsheimer, Benjamin
Haberer und Berthold Weil. Damals erteilte für die noch zwei schulpflichtigen jüdischen
Kinder aus Friesenheim den Religionsunterricht der jüdische Lehrer Moses
Schloss aus Diersburg.
An jüdischen Vereinen/Wohlfahrtseinrichtungen bestanden ein Wohltätigkeitsverein
(unter Leitung von Josef Greilsheimer) und eine Sterbekasse (gleichfalls
unter Leitung Hugo Greilsheimer). 1932 waren die Gemeindevorsteher Hugo
Greilsheimer, Dr. Siegfried Dreifuß und Josef Greilsheimer.
1933 gab es noch folgende Gewerbebetriebe in jüdischem Besitz: Schuhe, Häute
und Felle Edgar Cerf (Hauptstraße 103), Tierarzt Dr. Siegfried Dreyfuß
(Engelgasse 31), Damenschneiderei Bettina und Blandina Greilsheimer (Hauptstraße
58), Versandgeschäft Hermann Greilsheimer (Lahrgasse 14, abgebrochen),
Tuchwaren Hugo Greilsheimer (Hauptstraße 38), Viehhandlung Josef Greilsheimer
(Hauptstraße 95), Chem. Produkte, Vertretung Josef Greilsheimer II (Adlerstraße
19), Viehhandlung Julius Greilsheimer (Friedenstraße 22). Viehhandlung Ludwig
Greilsheimer (Bärengasse 1), Eisenwarenhandlung Benjamin Haberer, Inh. Alfred
Levi (Hauptstraße 87/89; bis 1939, siehe Bericht unten "Erinnerungsarbeit
vor Ort"), Stoffe Lucien Kahn (Kronenstraße 5), Manufakturwaren- und Wäschehandlung
Berthold Weil (Hauptstraße 53).
Auf Grund der zunehmenden Repressalien und der Folgen des wirtschaftlichen
Boykotts wanderten bereits 1933 sieben der Gemeindeglieder nach Frankreich und
nach Palästina aus. Weitere emigrierten in den folgenden Jahren oder verzogen
in andere Orte Deutschlands. Am 22. Oktober 1940 wurden die neun letzten jüdischen
Einwohner in das südfranzösische KZ Gurs verschleppt.
Von den in Friesenheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen
Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945", abgeglichen mit den Angaben
bei J. Stude s.Lit.): Sophie Baumann geb. Greilsheimer (1880), Lydia Bloch geb.
Haberer (1898), Blandina (Hilde) Greilsheimer (1889), Flora Agata Greilsheimer
(1894), Flora Greilsheimer geb. Mannheimer (1908), Hermann Greilsheimer (1885),
Hugo Greilsheimer (1889), Josef Greilsheimer I (1878), Josef Greilsheimer II
(1882), Rabbiner Dr. Julius Greilsheimer (1890, s.u.), Lieselotte Greilsheimer
(1935), Ludwig Greilsheimer (1879), Ludwig (Louis) Greilsheimer (1896), Mirjam
Greilsheimer geb. Barth (1893), Sara Greilsheimer geb. Hasgall (1885), Berta
Haas geb. Greilsheimer (1883), Delphine Haberer (1884), Karl Haberer (1863),
Marie Haberer (1866), Hermine Hammel geb. Weil (1877), Frieda Heinemann geb.
Greilsheimer (1876), Seligmann (Selig) Hirsch (1888), Alfred Levi (1892),
Brunhilde Levi geb. Haberer (1900), Hermine Mayer geb. Greilsheimer (1879),
Hermann Nägele (1898), Hedwig Randerath geb. Greilsheimer (1883), Elise
Rosenberg geb. Hirsch (1884), Marie Schwartz geb. Haberer (1865), Heinrich
Valfer (1882), Samuel Valfer (1871), Luise Weil geb. Greilsheimer (1888), Moritz
Weil (1879), Pauline Weil geb. Greilsheimer (1876), Raphael Weil (1881), Elise
Wertheimer geb. Greilsheimer (1886).
Anmerkung: Die in einzelnen Listen zu Friesenheim genannte Johanna Kirchner
geb. Herold (geb. 1887 in Friesenheim) ist in Friesenheim (Pfalz), heute Teil
der Stadt Ludwigshafen am Rhein geboren und nicht im badischen Friesenheim
(Quelle: Devisenakte des Hessischen Hauptstaatsarchivs Wiesbaden aus dem Jahr
1940: HHStAW Abt 519/3 Nr. 3828; Hinweis von Claus-Dieter Schnug vom 10.1.2012).
Johanna Kirchner geb. Herold lebte von etwa 1933 bis 1943 in Hilgert im
Westerwald (nach Angabe von Claus-Dieter Schnug).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet
1875 / 1901 / 1907 / 1908
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Dezember 1875:
"Für die israelitische Gemeinde Friesenheim (Baden) wird ein
Religionsschullehrer, Vorsänger und Schächter gesucht.
Fester jährlicher Gehalt 700 Mark, freie Wohnung und Nebengefälle, die
sich auf ungefähr mit Schächtergeld auf 350 Mark belaufen.
Bewerber wollen sich bei Unterzeichnetem unter Vorlage von Zeugnissen
melden.
Der Synagogenrat: Lehmann Kormann. Philipp Greilsheimer." |
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Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
24. Dezember 1901:
"In der israelitischen Gemeinde Friesenheim (Amt Lahr) ist die Stelle
eines Religionslehrers, Vorsängers und Schächters sofort
zu besetzen. Das Fixum beträgt 700 Mark, Nebenverdienste ca. 300 Mark,
nebst freier Dienstwohnung. Meldungen mit Zeugnisabschriften sind bis zum
8. Januar 1902 an den Unterzeichneten zu richten.
Offenburg (Baden), Dezember 1901.
Die Bezirks-Synagoge. Dr. M. Rawicz." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Februar 1907:
"In der israelitischen Gemeinde Friesenheim ist die Stelle eines Religionslehrers,
Vorbeters und Schächters sofort zu besetzen. Fixum 700 Mark.
Nebenverdienste 300 Mark, Wohnungsentschädigung 100 Mark. -
Unverheiratete Bewerber wollen ihre Meldungen mit Zeugnisabschriften, die
nicht zurückgesandt werden, bis Mitte März dieses Jahres an den
Unterzeichneten richten.
Offenburg (Baden).
Die Bezirkssynagoge:
Dr. M. Rawicw (für Raudies)." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Juni 1908:
"Die hiesige Religionslehrerstelle verbunden mit Vorsänger-
und Schächterdienst, mit einem Gehalt von Mark 900, Mark 100
Wohnungszuschuss und ungefähr Mark 300 Nebenverdienst, ist sofort zu
besetzen;
ledige Bewerber bevorzugt. Offerten gefälligst an den hiesigen
Synagogenrat erbeten.
Friesenheim, Baden.
Der Vorstand: Marx Greilsheimer" |
Lehrer S. Bassist bietet eine eigene Komposition an (1907)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der israelit" vom 31. Januar 1907:
"Für Kantor und Choro. Meine Mussaf-Keduschoh 12 Seiten stark
für Solo und Chora, die beim Oberbadischen Synagogen-Chor-Verband in
Offenburg im Juni 1906, mit größtem Erfolg vom Synagogen-Chor,
Kippenheim gesungen worden, ist bei mir mit 2 Mark bis Mitte Februar
dieses Jahres zu haben.
S. Bassist, Friesenheim, Baden." |
Suche nach Lehrer Bassist (Mai 1907)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Mai 1907: "Wer
kennt den jetzigen Wohnort des Lehrers S. Bassist, früher in Friesenheim?
Gefällige Mitteilungen, eventuell unfrankiert an Haasenstein &
Vogler, AG., Frankfurt am Main." |
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Zum Tod von Joseph Greilsheimer (1877)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit
vom 19. Dezember 1877: Friesenheim in Baden. Nach unerforschlichem
Ratschlusse wurde am 19. Kislew Herr Joseph Greilsheimer ganz unerwartet den
Seinigen durch den Tod entrissen und am 22. Kislew den irdischen Resten die
letzte Ehre erwiesen. Der Verblichene, auch weiterhin gekannt, hat es
verstanden, durch ein menschenfreundliches, leutseliges Benehmen und durch
seiner Opferwilligkeit bei seinen Konfessionsgenossen wie bei Jedermann sich die
Liebe und Achtung zu erwerben, und dadurch auch im Tod sich ein bleibendes
Andenken gesichert. Bei der zahlreichen Leichenfeier ehrte den Verstorbenen in
der lobenswertesten Weise unser verehrter Herr Lehrer E. Mayersohn durch den
richtiggefühlten Anschluss seiner Worte an den Text aus 1.Mose 39,4: "Und
Mose fand Gnade vor seinem Herrn und wurde sein Diener. Er setzte ihn über sein
Haus", sowie auch an den Trostspruch: "Der HERR hat es gegeben, der
HERR hat es genommen, der Name des HERRN sei gelobt" und hat in
schwungvoller und klarer Weise uns an die irdische Vergänglichkeit erinnert,
aber auch eine ewige Freude als süßer Trost verheißen und so manchem Auge
eine Träne entlockt". Seine Seele sei eingebunden in den Bund des
Lebens. |
Zum Tod von Isaac Blum (1898)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
17. März 1898: Friesenheim bei Lahr. Am Purim verschied nach kurzem Leiden
Herr Isaac Blum - Friede sei mit ihm - im 55. Lebensjahr. Zu seiner Beerdigung
waren von Nah und Gern unzählige Trauernde und Mitfühlende herbeigekommen, und
das Leichenbegängnis war ein überaus großes. Am Sarge sprachen die Herrn
Bezirksrabbiner Dr. Rawicz aus Offenburg und Lehrer Mayersohn aus Rastatt,
Schwager des Entschlafenen. In warmen Worten wurde von den Rednern die
zahlreichen Verdienste des Verstorbenen, die derselbe betr. Krankenbesuchen und
der Wohltätigkeit geleistet hat, gebührend hervorgehoben : G'tt möge die
Trauernden, ob ihres harten Verlustes trösten, und von ihnen jedes Leid und
jede weitere Heimsuchung fernhalten." |
Zur Goldenen Hochzeit des langjährigen Gemeindevorstehers Marx Greilsheimer und
Charlotte geb. Weil (1926)
Artikel aus der Zeitschrift
"Der Israelit" vom 15. Juli 1926: "Friesenheim
(Baden), 1. Juli. Am Schabbat, den 26. Juli - Toralesung Balak - feierten
Herr Marx Greilsheimer und seine ihm ebenbürtige Gattin, Frau Charlotte geb.
Weill ihre Goldene Hochzeit und die Feier gestaltete sich zu einem wahren Feste
der Kehillo (Gemeinde). Unzählige Depeschen waren eingelaufen, die vielen
Blumen zeugten von allgemeiner inniger Teilnahme. Schon am Freitag Abend
erschien der Gesangverein des Ortes, zu dessen Gründern der Jubilar gehört, um
dem Jubelpaar ein Ständchen zu bringen; der Bürgermeister des Ortes hatte ein
Telegramm im Namen der Gemeindevertretung gesandt. Herr Max Greilsheimer
bekleidete bis vor mehreren Jahren 30 Jahre lang das Amt eines Vorstehers in
hiesiger Gemeinde; in alter Anerkennung und Wertschätzung gratulierte der
Oberrat der Israeliten Badens neben dem Geschenk eines herrlichen silbernen
Pokals. Herr Bezirksrabbiner Dr. Zlocisti war anwesend in hiesiger Gemeinde, um
diesen allgemeinen Freudentag würdig zu begehen. Zum Morgengottesdienst wurde
das Jubelpaar im Synagogenhof empfangen und in die geschmückte Synagoge
geleitet. Zu Ehren des Tages ließ ein Synagogenchor seine herrlichen Gesänge
erklingen. Viele herzlichen Reden wurden gehalten. Mögen alle Wünsche in
Erfüllung gehen." |
Zum Tod des Synagogenvorstehers Isak Greilsheimer (1929), Vater von Rabbiner Dr.
Julius Greilsheimer
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Februar 1929:
"Friesenheim (Baden), 17. Februar (1929). Am Mittwoch den 13. Februar
verschied hier Synagogenvorsteher Isak Greilsheimer. 20 Jahre stand er
unserer Gemeinde als Sch"Z (ehrenamtlicher Vorbeter)
vor, auch war er Baal Tokea (Schofarbläser, fast 50 Jahre). Da die
Gemeinde keinen eigenen Kultusbeamten hat, versah er diese heiligen
Funktionen ehrenamtlich. Und mit welcher Hingabe und Liebe entledigte er
sich dieser selbstgestellten Aufgabe! Sein Haus gilt als ein kleines
Heiligtum, in welchem die Kinder zu guten Jehudim erzogen wurden, in
welchem er 49 Jahre mit seiner ihm ebenbürtigen Gattin gewirkt, von
welcher ihn nun der Tod trennte. Ein Sohn ist Herr Rabbiner Greilsheimer
in Mosbach.
Die Bestattung gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung.
Viele hunderte Personen ohne Unterschied der Konfessionen gaben ihm das
letzte Geleite. Auch die freiwillige Feuerwehr und der Militärverein
waren in starker Zahl vertreten. Die Vorsteher der umliegenden Gemeinden
trugen die Bahre mit den teuren Resten aus dem Haus in den Hof neben der
Synagoge, in welcher er so viele Jahre hingebungsvoll gewirkt hatte. Die
Tore standen offen und alle Lampen waren entzündet. Die Gedenkrede hielt
Herr Bezirksrabbiner D. Clocisti (Zlocisti) - Offenburg. Tief ergriffen
sprach dann sein Sohn, Rabbiner Greilsheimer in Mosbach, Worte des Dankes
und des Abschiedes. Zuletzt zeichnete Herr Lehrer Schloß - Diersburg ein
Lebensbild dieses Frommen. Möchte Gott diese Trauernden
trösten. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Zur Erinnerung an Rabbiner Dr. Julius Greilsheimer (1891 -
ermordet in Auschwitz)
Zur
Erinnerung an Rabbiner Dr. Julius Greilsheimer (geb. 1891 Friesenheim,
ermordet in Auschwitz) ein Artikel aus Ernst G. Lowenthal ("Bewährung im
Untergang. 1965; zitiert nach Stude s.Lit. S. 58): "Am 29. April 1891 in
Friesenheim (Baden) geboren, besuchte Julius Greilsheimer die Volksschule seiner
Geburtsortes und absolvierte das Gymnasium in Lahr, seine rabbinische Ausbildung
erhielt er am Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau. Nach dem Kriege
bekleidete er zunächst mehrere Stellen als Hauslehrer. 1925 wurde er vom
Oberrat der Israeliten Badens als Bezirksrabbiner für die Rabbinatsbezirke
Mosbach-Merchingen-Wertheim mit dem Wohnsitz in Mosbach angestellt. Als
Vertreter der Rabbinerschaft wurde er mit zwei anderen Kollegen in die
Landessynode gewählt. Seine Frau war Karoline geb. Schlesinger aus Flehingen
(Baden); er hatte zwei Töchter. Die ganze Familie wanderte 1939 nach Holland
aus und wurde über Westerbrock nach Auschwitz verschleppt; Frau Greilsheimer
erwartete damals ihr drittes Kind. Im Andenken an Rabbiner Greilsheimer und die
übrigen umgekommenen Mosbacher Juden wurde im Herbst 1947 in Gan Jiskor
(Israel) ein Hain von 100 Bäumen gepflanzt". |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Einzelpersonen
Nach der Emigration: Todesanzeige für Berthold Weil
(1944)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Aufbau"
vom 10. März 1944: "Mein innigstgeliebter, herzensguter Mann,
unser treubesorgter lieber Vater, Schwiegervater, Großvater, Bruder,
Schwager und Onkel, Herr
Berthold Weil (Früher Friesenheim - Offenburg/Baden)
ist uns nach langem, mit größter Geduld ertragenem Leiden im 71.
Lebensjahr entrissen worden.
Im Namen der Hinterbliebenen:
Thekla Weil geb. Berney, Robert Weil und Frau Herta geb. Koehler,
Louis Westheimer und Frau Friedel geb. Weil, Jack Westheimer.
Chicago 15, Ill, 1. März 1944, 5473 S. Greenwood Ave." |
Zur Geschichte des Betsaals / der Synagoge
Die jüdischen
Familien lebten zunächst vor allem im Bereich der "Judengass", heute
Lahrgasse. Noch 1848 wohnten sechs jüdische Familien in der heutigen Lahrgasse.
Die heutige Hochgasse liegt oberhalb der Lahrgasse im Gewann "Auf der Judengass".
Für die Gottesdienste der Gemeinde war zunächst ein
Betsaal vorhanden. 1809 befand er sich im Haus des Lazarus Kallmann. Dessen
Vater "Alt Callmann Lazarus" (bzw. Kallonymus Lazarus) war 1777 aus Zabern
(heute Saverne im Elsass) aufgenommen worden. Sowohl Alt Callmann Lazarus wie
auch der etwa 1763 geborene Sohn Lazarus Kallmann konnten 1809 ein Vermögen von
500 Gulden angeben und waren die damals wohlhabendste Familie in Friesenheim.
Dennoch war auf Grund der unsicheren Kriegsjahre und dem geringen Vermögen der
meisten jüdischen Familien noch nicht an eine Synagoge zu denken.
Erst 1820 konnte auf einem Grundstück im Bereich
der alten "Judengasse" unmittelbar hinter dem heutigen Gebäude Lahrgasse 8 ein
selbständiges Synagogengebäude erbaut werden. Damals hatte die jüdische
Gemeinde etwa 50 Mitglieder. Die Synagoge war ein kleines und unscheinbares Gebäude
und unterschied sich von einem Wohnhaus nur durch die im Bereich des Betsaales
an den Längsseiten jeweils vorhandenen drei höheren Fenstern. Ein Drittel des
16 mal 9 Meter großen Gebäudes gehörte nicht zum Betsaal, sondern wurde im
Erdgeschoss als Lagerraum (Schopf) genützt. Hier wurden nach der Überlieferung
auch gelegentlich Schächtungen vorgenommen. Darüber lag eine zeitweise vom jüdischen
Lehrer/Vorsänger bewohnte kleine Wohnung. Zum Betsaal gelangte man über einen
Gang, zu dem eine mehrstufige Treppe führte. Der etwas erhöht liegende Betraum
hatte einen Grundriss von etwa 8 mal 9 Meter. Aufgeteilt war er in eine Frauen-
und Männerabteilung, zu denen vom Gang aus separate Türen führten.
Bereits in den 1920er Jahren hatte die Gemeinde keinen
eigenen Vorsänger und Lehrer mehr. Die Gottesdienste haben Gemeindeglieder
geleitet, bis zu seinem Tod 1927 war es Isaak Greilsheimer, danach Hugo
Greilsheimer. Da es immer schwieriger war, die zum Halten der Gottesdienste
notwendige Zehnzahl der Männer zusammen zu bekommen, wurden die Gottesdienste
teilweise gemeinsam mit den Diersburger jüdischen Gemeindegliedern gefeiert.
Im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938 wurde
die Friesenheimer Synagoge nicht beschädigt. Am 17. Juni 1940 ging das
Gebäude, dessen Steuerwert 1938 auf 8.000 RM veranschlagt wurde, für 1.000 RM
in den Besitz der politischen Gemeinde über. Was mit den Torarollen und den
anderen kultischen Gegenständen geschehen ist, ist nicht bekannt. Das Gebäude
wurde als Geräteschuppen verwendet. 1944 ließ die politische Gemeinde
Friesenheim die Synagoge abreißen. An ihrer Stelle wurde ein Schopf (Scheune)
erstellt, der unter anderem für Notschlachtungen verwendet wurde. 1950 wurde
dieser Schopf zu einem behelfsmäßigen Wohnhaus umgebaut, das noch einige Zeit
als Obdachlosenasyl verwendet wurde, aber um 1990 abgebrochen wurde. Seit Mai
1995 heißt der Weg, der früher zur Synagoge führte, im unteren Bereich der
Lahrgasse "Synagogengasse". Hier ist auch eine Gedenktafel für die Synagoge
vorhanden.
Fotos
Historische Fotos:
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Historische Fotos sind nicht bekannt,
eventuelle Hinweise bitte an den
Webmaster von Alemannia Judaica: Adresse siehe Eingangsseite |
Pläne
(Quelle: J. Stude, Diplomarbeit s. Lit., S. 89-91)
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Lageplan der ehemaligen Synagoge
an der Lahrgasse |
Skizze der ehemaligen Synagoge
Friesenheim (Bestandsaufnahme
aus dem Jahr
1941) |
Grundriss der ehemaligen Synagoge
im Erdgeschoss (Bestandsaufnahme
aus dem
Jahr 1941) |
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Fotos nach 1945/Gegenwart:
Fotos 2003:
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 1.9.2003) |
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Der Synagogenstandort war
rechts
des abgebildeten Gebäudes |
Hinweisschild für
die
"Synagogengasse" |
Gedenktafel am Gebäude neben
der ehemaligen Synagoge |
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Der im Oktober 2006 eingeweihte
Gurs-Gedenkstein in Friesenheim
(Foto: U. Schellinger, Freiburg) |
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Die Dublette
des Friesenheimer
Gurs-Denkmales in Neckarzimmern
(Mahnmal für die
Deportation der
badischen Juden -
www.mahnmal-projekt.de;
Fotos: Hahn,
Aufnahmedatum 17.3.2009) |
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Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| Juni
2008: Auch in Friesenheim sollen
"Stolpersteine" verlegt werden |
Artikel von Peter Bomans in der "Badischen
Zeitung" vom 6. Juni 2008 (Artikel):
"Erinnerung an die Juden im Dorf
Ein Projekt in Friesenheim sieht vor, Gedenksteine vor den Wohnhäusern zu verlegen / Gemeinderat stimmt Antrag zu
FRIESENHEIM. Mit Gedenksteinen des Künstlers Günter Demnig soll auch in Friesenheim an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus gedacht werden. Einstimmig hat sich der Gemeinderat für diesen Antrag der Grünen Liste Umweltschutz (GLU) ausgesprochen. Der Vorschlag der Verwaltung, das Projekt vorerst zurückstellen, ist damit vom Tisch.
Warum man im Rathaus lieber etwas abgewartet hätte, erläuterte in der Gemeinderatssitzung Hauptamtsleiter Ekkehard Klem. Demnach befasst sich der Historische Verein Mittelbaden mit dem Thema. In einem Gemeinschaftsprojekt mit der Haupt- und Realschule Friesenheim werden die Spuren jüdischen Lebens in der Gemeinde dokumentiert. Die Ergebnisse sollen in einer Broschüre präsentiert werden. Dann wisse man genau, so Klem, wo Juden in Friesenheim gelebt hätten − nicht nur in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Bis dahin sollte die Anbringung der Gedenksteine zurückgestellt werden.
Einen Konflikt zwischen beiden Projekten sah indes kein Gemeinderat. 'Das soll keine Konkurrenz zum Historischen Verein
werden', sagte Dietmar Kairies von der GLU. Kairies äußerte seine Verwunderung darüber, dass die Sache nun hinausgezögert werden sollte. Der GLU sei eine grundsätzliche Zustimmung der Gemeinde wichtig, dass sie den Platz für jene Stolpersteine zur Verfügung stellt (es handelt sich um sehr kleine Flächen in Gehwegen). Um den 23. Juni herum sei der Künstler Demnig in der Gegend und könne dann die Steine setzen, danach müsse man bis zu einem Jahr warten. Die Kosten je Stein bezifferte Kairies auf 95 Euro je Stück, dazu kämen eventuell Übernachtungskosten für
Demnig. 'Wir wollen nichts gegen den Willen von Hauseigentümern
erzwingen', sagte Kairies. Sein Fraktionskollege Josef Hugelmann warnte davor, mit der Verlegung der Stolpersteine abzuwarten
'aus Angst Hausbesitzer zu kränken'. Elf Adressen sind in Friesenheim bekannt.
Franz Lögler (CDU) sah keinen Konflikt zwischen dem Projekt des Historischen Vereins und der Schule und den Stolpersteinen:
'Das eine ergänzt das andere'. Franz Mussler (Freie Wähler) erinnerte daran, dass die Gemeinde schon einiges getan habe, um an die jüdischen Opfer zu erinnern. Mussler hält Stolpersteine nur an stark frequentieren Wegen und Plätzen für sinnvoll. Gedenkfeiern zu geeigneten Anlässen hält er für geeigneter. Er plädierte für den 22. Oktober 2010, wenn sich die Deportation von Juden aus Friesenheim (und anderen Gemeinden) nach Gurs zum 60. Mal jährt.
Hans Lögler (SPD) bezeichnete den GLU-Antrag als eine sehr gute Idee. Lögler, der als Lehrer an der Haupt- und Realschule Friesenheim arbeitet, schlug vor, dass Schüler selbst solche Stolpersteine schaffen könnten.
Das würde die Identifikation mit dem Projekt erhöhen.
Bürgermeister Roesnser ('Das eine tun, das andere nicht lassen') fand eine Formel, die sowohl dem Vorschlag der Verwaltung als auch dem GLU-Antrag gerecht wurde. Demnach soll die Installation der Stolpersteine
'zeitnah' umgesetzt werden. In den kommenden Wochen sollen Gespräche mit den Grundstückseigentümern geführt werden, ob das Projekt realisierbar ist. Der 22. Oktober 2010 soll als Gedenktag vorgemerkt werden. Der Gemeinderat segnete dieses Vorgehen einstimmig ab.
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| Oktober
2009: Schüler
erforschen die jüdische Geschichte am Ort |
Foto
links (Foto privat): Die Friesenheimer auf dem jüdischen Friedhof in
Schmieheim.
Artikel (bz) in der "Badischen
Zeitung" vom 8. Oktober 2009 (Artikel):
"Schüler suchen nach den Spuren der jüdischen Geschichte in Friesenheim
Die Erforschung der jüdischen Geschichte der Gemeinde Friesenheim ist seit einigen Monaten eine freiwillige Projektaufgabe von sieben Schülerinnen und Schülern der Klassen 10 der Realschule Friesenheim. Wo haben die jüdischen Familien gewohnt und gearbeitet, wie haben sie gelebt und welches Schicksal mussten sie während des Dritten Reiches erleiden? Diesen Fragen möchten die Jugendlichen auf den Grund gehen.
FRIESENHEIM (BZ). Das Schulprojekt, das sich mit der jüdischen Geschichte der Region auseinander setzt, ist auch ein Anliegen des Historischen Vereins für Mittelbaden. Der Verein unterstützt daher die Jugendlichen bei der Recherche nach den Spuren und Zeugnissen der jüdischen Gemeinde Friesenheim. Das Ergebnis der Schülerarbeiten soll in einer kleinen Broschüre veröffentlicht werden. Die Schülerinnen und Schüler freuen sich bereits darauf, als Geschichtsautoren in die Öffentlichkeit zu treten. Die Publikation soll noch dieses Jahr erscheinen. Im Rahmen der im Unterricht angebotenen Projektwoche soll das Ergebnis der Geschichtswerkstatt in einer Ausstellung im örtlichen Heimatmuseum in Oberweier oder im Bildungszentrum der Gemeine Friesenheim präsentiert werden.
Das Schicksal der jüdischen Gemeinde Friesenheim ist durch Jürgen Stude niedergeschrieben worden. 50 Jahre nach Kriegsende wurde durch die politische Gemeinde Friesenheim am 8. Mai 1995 in der Synagogengasse eine Gedenktafel als Mahnung gegen Rassismus und Gewalt enthüllt. Durch ein ökumenisches Jugendprojekt der katholischen und evangelischen Pfarreien, das auch von der politischen Gemeinde Friesenheim und dem Historischen Verein Mittelbaden e.V. gefördert wurde, konnte im Jahr 2006 ein Erinnerungsstein an die Deportation der Friesenheimer Juden nach Gurs am 22. Oktober 1940 errichtet werden. Der Erinnerungsstein wurde im Oktober 2007 mit einer Namenstafel der deportierten jüdischen Bürgerinnen und Bürger durch den Historischen Verein Mittelbaden ergänzt. Insgesamt 5617 Kinder, Frauen und Männer wurden an diesem Tage nach Gurs in Südfrankreich deportiert und kamen bis auf wenige später im Vernichtungslager in Auschwitz ums Leben. Aus Friesenheim wurden insgesamt neun Personen deportiert. Die Schicksale dieser Opfer werden momentan durch die Schülerinnen und Schülern der Realschule ermittelt.
Mit beschrifteten Messingschildern auf Betonwürfeln, sogenannte Stolpersteine, möchte der deutsche Künstler Günter Demnig im gesamten Deutschland auf die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus hinweisen. Die Stolpersteine sollen in den Gehwegen vor den Häusern, in denen die Opfer wohnten, einbetoniert werden. Die Projektgruppe der Schülerinnen und Schüler erarbeitet die Grundlagen für das Stolpersteinprojekt und sind zur Zeit dabei, die Texte und Standorte für die Steine festzulegen. Der Gemeinderat Friesenheim hat bereits in seiner Sitzung vom 2. Juni 2008 einem Antrag der GLU-Fraktion zugestimmt und grünes Licht für das Stolpersteinprojekt gegeben. Voraussetzung zur Realisierung ist jedoch die Zustimmung der Hauseigentümer vor deren Gebäuden die Stolpersteine einbetoniert werden sollen. Nach Abschluss des Schülerprojektes kann der Gemeindeverwaltung ein Vorschlag zur Realisierung des Stolpersteinprojektes unterbreitet werden. In Friesenheim könnten insgesamt zehn Stolpersteine in Gehwege eingebaut werden.
Das Schulprojekt begann mit der Suche nach Geschichtsquellen. Eine wichtige Grundlage war ein Ortsplan der Gemeinde, der im Jahre 1890 bei der Verlegung der Wasserleitung erstellt wurde. Nachdem die Hausbesitzer damals für den Wasseranschluss zur Kasse gebeten wurden, gibt es ein wunderbares Einwohnerverzeichnis aus dieser Zeit. Jürgen Studes Buch "Die jüdische Gemeinde Friesenheim", Adressbücher, Archivunterlagen und Fachliteratur ergänzen das Wissen der Projektgruppe.
Ein Besuch auf dem jüdischen Verbandsfriedhof, auf dem die Friesenheimer Juden bestattet sind, erbrachte weitere Erkenntnisse. Anlässlich der Exkursion, die von Renate Kreplin fachkundig geführt wurde, erfuhren die Jugendlichen vieles über die jüdische Kultur und die Gebräuche. Hilfreich für die jungen Geschichtsforscher war auch das Memorbuch über den Schmieheimer Friedhof von Naftali Bar-Giora Bamberger.
Über die großen Ferien waren die Schülerinnen und Schüler der Projektgruppe damit beschäftigt, ihr erforschtes Wissen zu Papier zu bringen. Die Entwürfe der Arbeiten wurden am 6. Oktober 2009 in einem Zeitzeugengespräch diskutiert. Ältere Friesenheimer konnten den Jugendlichen viel von früher erzählen und Auskunft darüber geben, wie Juden und Christen bis zum Beginn des Dritten Reiches problemlos miteinander eine Dorfgemeinschaft bildeten. Die Spurensuche der Realschüler soll bis Ende des Jahres abgeschlossen sein.
Der Autor: Ekkehard Klem ist Mitglied der Gruppe Lahr-Friesenheim des Historischen Vereins für Mittelbaden. Weitere Informationen über den Verein gibt es im
Internet." |
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| Juli
2010: In Friesenheim werden
"Stolpersteine" verlegt |
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links von Wolfgang Künstle: 'Hier wohnte...: Gunter Demnig macht mit den Stolpersteinen die Verbrechen der Nazis greifbar.
Artikel von Stefan Pöhler in der "Badischen Zeitung" vom 13. Juli 2010 (Artikel):
"Sich verbeugen vor den Opfern. Im Schatten des Gebäudes Friesenheimer Hauptstraße 58, heute Sanitär Hertenstein, hat der Künstler Gunter Demnig den letzten von insgesamt acht "Stolpersteinen" gesetzt. Das ist die symbolische Rückkehr für die neun jüdischen Bürger Friesenheims, deren Deportation 1940 den Zusammenbruch der jüdischen Gemeinde unter dem Zwang der nationalsozialistischen Herrschaft besiegelte.
Gunter Demnig wollte keine großen Worte verlieren, während er den Betonkubus mit der Messingplatte oben in die Asphaltdecke einließ. Er forderte die einzigen jüngeren Menschen, die dem Ritual beiwohnen, auf, aus dem Leben der deportierten Mitbürger zu lesen. Die ehemaligen Schüler der Klasse R10 der Friesenheimer Realschule hatten mit Lehrer Martin Buttenmüller und Ekkehard Klem vom historischen Verein Mittelbaden die Spuren jüdischen Lebens in Friesenheim gesucht und waren auf erschütternde Details der Deportation nach Gurs
gestoßen. Aus dem entstandenen Büchlein "Geschichte der Juden in Friesenheim" lasen die ehemaligen Schüler nun mit Ekkehard Klem. Die Erschütterung war manchem Jugendlichen anzuspüren. Eingeladen worden war Gunter Demnig auf Initiative der Gemeinderatsfraktion Grüne Liste Umweltschutz (GLU) . 2008 hatte der Gemeinderat die Stolpersteine beschlossen. Die Gemeinde beschäftigt sich aktiv mit dem Erinnern an die Deportation; ein Gedenkstein wurde 2007 gesetzt, hier wurde nun an die Einzelschicksale
gedacht.
Martin Buttenmüller, Vorsitzender des historischen Vereins Schutten, ermöglichte mit seinen Nachforschungen das Setzen dreier Stolpersteine in Schuttern. Zwar habe es dort keine Juden gegeben, sagte er, Opfer der NS-Diktatur seien aber Behinderte und Kranke geworden. Sie wurden im Schloss Grafeneck auf der Schwäbischen Alb getötet, den Angehörigen wurden Trostbriefe zugesandt. Ermordet wurden Erich Breger, Maria Enz und Karolin Breger. Erich Breger hatte eine Hirnhautentzündung, er litt danach unter epileptischen Anfällen und wurde deshalb von den Nazis umgebracht.
Gunter Demnig hat inzwischen über 25 000 Stolpersteine in 571 Städten und Gemeinden gesetzt. Sie werden ins Trottoir eingelassen – vor Häusern, in dem Menschen wohnten, die von den Nationalsozialisten verfolgt, verschleppt und ermordet wurden. Dazu zählen Juden, politisch Verfolgte, Zigeuner, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und Opfer der Euthanasie. Auf dem Stein steht "Hier wohnte..." und die Jahreszahlen von Geburt/Einzug und der Deportation. Jeder neue Stein stelle ihm die Zahl der Opfer vor Augen, sagt der Künstler. Über die Stolpersteine stürze man nicht mit den Füßen, sondern mit dem Kopf, vielleicht mit dem Herzen. Und, so fügte er hinzu: "Man verbeugt sich beim Lesen vor den Opfern."
Die Liste der Friesenheimer Opfer der Gewaltherrschaft: Delphine und Maria Haberer, Bahnhofstraße 13 (kein Stolperstein); Blandina und Hugo Greilsheimer, Friesenheimer Hauptstraße 38; Brunhilde und Alfred Levi, Friesenheimer Hauptstraße 87/89; Miriam und Joseph Herschel Greilsheimer, Friesenheimer Hauptstraße 95; Ludwig Greilsheimer, Bärengasse 1; Flora Agatha Greilsheimer, Lahrgasse 14 (heute Synagogengasse).
Info: "Geschichte der Juden in Friesenheim" von Ekkehard Klem und Schülern aus Friesenheim. Bezug über die Gemeinde Friesenheim oder historischen Verein." |
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Stolpersteine in
Friesenheim
(Fotos von Uwe Schellinger) |
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"Stolperstein"
für
Blandina Greilsheimer
(1889) |
"Stolpersteine" für
Alfred Levi
(1892) und Brunhilde Levi
geb. Haberer (1900) |
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2010: Erinnerung an die Deportation
nach Gurs im Oktober 1940 |
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links von Frank Leonhardt: Pfarrer Rainer Janus, Ekkehard Klem (Historischer Verein) und Pfarrer Alexander Hafner sprachen über die „Schritte der Erinnerung“ (hier am Friesenheimer
Gurs-Mahnmal).
Artikel von Frank Leonhardt in der "Badischen Zeitung" vom 18.
Oktober 2010 (Artikel):
"Ein Weg der Erinnerung.
Friesenheim begibt sich am kommenden Freitag auf die Spuren seiner vor 70 Jahren deportierten und ermordeten jüdischen Bürger.
FRIESENHEIM. Der 22. Oktober ist der 70. Jahrestag der Deportation der Friesenheimer Juden nach Gurs. Die Kirchen in Friesenheim laden aus diesem Anlass am kommenden Freitag zu einem Weg der Erinnerung ein. Pfarrer Alexander Hafner für die katholische Kirche und Rainer Janus für die evangelische Kirche sowie Ekkehard Klem vom Historischen Verein Mittelbaden informierten über die
Veranstaltung.
Am Freitag, 22. Oktober, lädt die Kirche alle Bürger zu einem Weg der Erinnerung ein. Beginn ist um 18 Uhr in der St. Laurentiuskirche. Der anschließende Weg führt zu den Stolpersteinen, die der Künstler Günter Demnig vor ehemals jüdischen Häusern verlegt hat. Ziel ist der Gedenkstein am Friesenheimer Rathaus, wo im Gebet aller Opfer von Gewalt und Krieg gedacht wird. Im Anschluss daran besteht die Möglichkeit der Begegnung im Evangelischen Gemeindehaus.
Die "Schritte der Erinnerung" führen zu folgenden Anwesen: In der Friesenheimer Hauptstraße 38 (heute Optik Neher) wohnte Hugo Greilsheimer. Der Manufakturwarenhändler wurde 1935 von der Gestapo verhaftet und starb mit 46 Jahren im Lahrer Gefängnis. In der Friesenheimer Hauptstraße 58 (heute Sanitär Hertenstein) wohnte Blandina Greilsheimer. Die 51-jährige Schneiderin wurde 1940 nach Gurs deportiert und in Auschwitz ermordet. In der Synagogengasse 1 stand das Anwesen von Flora Agatha Greilsheimer. Sie wurde auch nach Gurs deportiert und in Auschwitz ermordet. Ihre vier Brüder kamen alle im Holocaust um. Das Haus stand direkt neben der Synagoge.
In der Friesenheimer Hauptstraße 89 (heute Wohnblock mit Eigentumswohnungen) wohnten Alfred und Brunhilde Levi, geborene
Haberer.
Levi übergibt "98 Briefe ins englische Exil". Beide wurden 1940 nach Gurs verschleppt und in Auschwitz ermordet. Das Ehepaar betrieb eine Eisenwarenhandlung. Ihren Sohn Richard schickten sie 1938 im Alter von zwölf Jahren, das kommende Unglück ahnend, nach England. Dadurch konnte er den Holocaust überleben. Der heute 83-jährige Richard Levi wird am 22. Oktober Gast in Friesenheim sein. Er war 2004 erstmals wieder in Friesenheim und wird das Buch "98 Briefe ins englische Exil" vorstellen, das den Briefwechsel seiner Eltern aus Friesenheim und dem Lager Gurs der Öffentlichkeit zugänglich macht. Die Originale der Briefe befinden sich im Offenburger Kreisarchiv.
Der Weg der Erinnerung führt schließlich in die Friesenheimer Hauptstraße 95 (Fachwerkhaus unterhalb des Gasthauses Löwen). Hier wohnten Josef Herschel Greilsheimer und seine Frau Miriam. Der Viehhändler, genannt "Herschel Sepp" kam seiner Deportierung durch Suizid zuvor, seine Frau kam im Lager Izbiza in Polen ums Leben. In der Bärengasse 1 (heute Wohnblock) wohnte der Viehhändler und Kaufmann Ludwig Greilsheimer. Er wurde 1940 nach Gurs deportiert und in Majdanek ermordet. Seine Frau Flora und die Töchter Liselotte und Germaine, die in Gurs zur Welt kam, überlebten.
Menschen jüdischer Religion lebten seit Ende des 16. Jahrhunderts in Friesenheim und haben ihren Beitrag zur Vielfalt der Gesellschaft geleistet. Die Judenverfolgung begann in Deutschland mit der Machtergreifung von Adolf Hitler Anfang 1933. Das war der Beginn von Boykott, Berufsverboten, Drangsalierung und Verfolgung, der in der schrecklichen Verschleppung in das südfranzösische Lager Gurs am 22. Oktober 1940 und die spätere Deportation in die Vernichtungslager endete. Aus Friesenheim wurden acht jüdische Personen Opfer dieses Wahnsinns, zwei töteten sich zuvor selbst. Mit der Verlegung acht sogenannter Stolpersteine und mit einem Erinnerungsmal am Rathaus wird in Friesenheim an dieses traurige Kapitel der deutschen Geschichte erinnert.
Info: "Geschichte der Juden in Friesenheim", von Ekkehard Klem. Das 50-seitige Büchlein ist als Schulprojekt mit dem Historischen Verein erschienen und erzählt die Geschichte der Juden in Friesenheim. Es ist für 7 Euro im Buchhandel erhältlich." |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden.
1968. S. 96-98. |
 | Jürgen Stude: Die jüdische Gemeinde Friesenheim. Beiträge zur
Heimatgeschichte Friesenheim. Bd. 4. 1988. |
 | ders.: Diplomarbeit zur Geschichte der Juden in Friesenheim
(maschinenschriftlich). 1987. |
 | Uwe Schellinger: Nichts im Ort erinnert mehr an die jüdische
Gemeinde. In: Badische Zeitung vom 10.11.1994. |
 | ders.: Familienfoto. Zur Geschichte der jüdischen Familie Greilsheimer
aus Friesenheim. Bilder aus dem Ortenauer Landjudentum. In: Geroldsecker
Land Heft 47 2005 S. 74-89. |
 | Ekkehard Klem und Schüler aus Friesenheim:
Geschichte der Juden in Friesenheim. 2009. Dokumentation - zu beziehen über die
Gemeinde Friesenheim oder im regionalen Buchhandel. 7 €. 50 S.. |
 | Günther
Mohr: "Neben, mit Undt bey Catholischen*. Jüdische Lebenswelten
in der Markgrafschaft Baden-Baden 1648-1771. Böhlau-Verlag Köln u.a. 2011.
248 Seiten. ISBN 13: 978-3412207397. Website
des Verlags mit Informationsseite
zur Publikation
Die Studie widmet sich den Lebensmöglichkeiten von Juden und Jüdinnen in der katholisch geprägten Markgrafschaft Baden-Baden und damit Fragen der ländlichen Gesellschaft und Kultur in Südwestdeutschland. Es entsteht ein neues Bild des Landjudentums in seinen vielfältigen Kontakten zur christlichen Nachbarschaft und mit einem überraschenden Selbstbewusstsein. Das Buch analysiert u.a. die Aufnahme der Juden in den Schutz, die wirtschaftlichen Aktivitäten von Juden und Christen, ihr spannungsreiches Verhältnis zueinander, innerjüdische Verhältnisse sowie Fragen der jüdischen Religion. Dabei stehen immer die wechselvollen Schicksale einzelner Protagonisten im Vordergrund. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Friesenheim Baden. Jews were present by the
mid-17th century. Relations with the local population were strained in the first
half of the 19th century against a background of economic competition and Jews
were forced to renounce their civil rights during the 1848 revolution. After
emancipation (1862), relations improved. The Jewish population reached a peak of
135 in 1887 (around 5 % of the total), dropping to 33 in 1933. On Kristallnacht
(9-10 November 1938), the synagogue was vandalized and a number of Jewish men
were sent to the Dachau concentration camp. In 1933-39, 3 Jews left the country
and five moved to other German cities. Nine were deported to the Gurs
concentration camp on 22 October 1940, joined by two who had moved to other
German cities. Two survived the Holocaust.

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