Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Großen-Linden (Stadt Linden, Kreis Gießen) 
mit Hochelheim und Hörnsheim (Gemeinde Hüttenberg, Lahn-Dill-Kreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

bulletZur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
bulletBerichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
bulletZur Geschichte der Synagoge   
bulletFotos / Darstellungen   
bullet Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte 
bulletLinks und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)       
    
In Großen-Linden bestand eine jüdische Gemeinde bis nach 1933. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17. Jahrhunderts zurück - der jüdische Friedhof am Ort wurde 1637 angelegt.   
   
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1828 40 jüdische Einwohner (4,4 % von insgesamt 900 Einwohnern), 1861 31 (2,5 % von von 1.223), 1880 32 (2,6 % von 1.238), 1900 20 (1,2 % von 1.737), 1910 26 (1,3 % von 2.033). 
  
Zur jüdischen Gemeinde gehörten auch die in Hörnsheim und Hochelheim lebenden jüdischen Personen (1932 zusammen 16 Personen). Die dortigen jüdischen Familien hatten noch Mitte des 19. Jahrhunderts eine eigene Gemeinde gebildet. Bei der Einteilung der acht Synagogenbezirke im Kreis Wetzlar am 1. August 1853 wurde Hörnsheim zum Sitz von dieser Bezirke bestimmt. Zum Synagogenbezirk Hörnsheim gehörten die in Hörnsheim, Hochelheim, Oberkleen und Ebersgöns lebenden jüdischen Familien. Durch den Rückgang der jüdischen Einwohner in diesen Orten wurde die Synagogengemeinde Hörnsheim aufgelöst und die in Hörnsheim und Hochelheim lebenden jüdischen Personen der Gemeinde in Großen-Linden zugeordnet.     
 
Die jüdischen Familien hatten seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einige Läden und Handlungen am Ort eröffnet (Kurz- und Wollwarenhandel, Manufakturwarenhandel, Viehhandel), dazu gab es eine jüdische Metzgerei und Darmhandel sowie ein Zigarrengeschäft.   
 
An Einrichtungen gab es eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule, vielleicht ein rituelles Bad und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben hatte die Gemeinde vermutlich zeitweise einen Lehrer angestellt, der auch als Vorbeter und Schochet tätig war. 1904 sollte gemeinsam mit anderen Gemeinden der Umgebung ein gemeinsamer "Wanderlehrer" mit Sitz in Wieseck angestellt werden (siehe Bericht unten). Die Gemeinde gehörte zum orthodoxen Provinzialrabbinat in Gießen. In Hörnsheim bestand ein eigener Friedhof.     
  
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der Gemeinde Hermann Marx (geb. 26.11.1891 in Großen-Linden, gef. 27.2.1916) und Isaak Simon (geb. 11.3.1880 in Großen-Linden, gef. 4.11.1915). Außerdem sind gefallen: aus Großen-Linden Moses Moritz Simon (geb. 13.12.1887 in Großen-Linden, vor 1914 in Tiengen wohnhaft, gef. 7.11.1917); aus Hochelheim: Ignatz Jordan (geb. 25.8.1878 in Wittelshofen, gest. 14.11.1918 in Gefangenschaft).    
  
Um 1924 wurden noch 21 jüdische Einwohner gezählt (0,9 % von insgesamt 2.423 Einwohnern). 1932 waren die jüdischen Gemeindevorsteher B. Theisebach (1. Vors.), L. Stern (2. Vors.) und S. Meyer. Im Schuljahr 1931/32 gab es fünf schulpflichtige jüdische Kinder in der Gemeinde, die Religionsunterricht erhielten. 
  
1933 lebten 28 jüdische Personen in Großen-Linden (1,1 % von 2.581 Einwohnern). In den folgenden Jahren sind die meisten von ihnen auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Beim Novemberpogrom 1938 sorgte der Rektor der Volksschule dafür, dass über 200 Schulkinder durch die Straßen zogen und die Fensterscheiben bei jüdischen Familien einwarfen. Bis 1939 sind fünf Familien aus der Gemeinde ausgewandert, davon vier (mit 14 Personen) in die USA, eine Familie mit vier Personen nach Palästina. Drei Einzelpersonen sind vor 1937 vom Ort verzogen, zwei gingen im Juli 1939 nach Frankfurt (der Gemeindevorsteher B. Theisebach und Frau, von dort in die USA emigriert). 1939 wurden noch fünf, Anfang 1942 noch drei jüdische Einwohner gezählt. Sie wurden im September 1942 deportiert.
  
Von den in Großen-Linden geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Berthold Edelmuth (1876), Lina Edelmuth geb. Meyer (1883), Anna Marx (1882), Clara (Klara) Marx geb. Marx (1849), Emil Marx (1883), Franziska Meier (1875), Frieda Meyer (1875), Lina Simon (1877), Nathan Simon (1891).  

Auf dem jüdischen Friedhof der Gemeinde wurde 1997 auf Veranlassung des damals 76-jährigen Herbert D. Rosenbaum, der als 16-jähriger in die USA geflüchtet war, ein Gedenkstein gesetzt zur Erinnerung an die umgekommenen jüdischen Einwohner mit der Inschrift: "Liskor olam - In ewiger Erinnerung an unsere geliebten Grossen-Lindener Märtyrer der Juden-Verfolgung 1933 Berthold und Lina Edelmuth, Klara und Anna Marx, Frieda Meier, Lina Simon. 'Mein Antlitz ist geschwollen und meine Augenlider sind verdunkelt' Hiob XVI,16. Gewidmet von den Familien Theisebach und Rosenbaum in den Staaten Connecticut und New York USA 1997."     
    
Von den in Hochelheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Hermann Jordan (1908), Walter Jordan (1914), Henri Karp (1898), Regina Löwenstein geb. Rosenbaum (1878), Mathilde Rosenbaum geb. Meyer (1885), Simon Rosenbaum (1883).    
Aus Hörnsheim sind umgekommen: Karoline Cahn geb. Rosenbaum (1878), Sabine Gärtner geb. Rosenbaum (1882).      
   
   
   
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  

Zur Anstellung eines gemeinsamen Wanderlehrers mit Sitz in Wieseck schließen sich mehrere jüdische Gemeinden zusammen (1904)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. April 1904: "Gießen, 21. April (1904). Als Ergebnis des Eintretens der hessischen Regierung für Anstellung nur seminaristisch gebildeter Religionslehrer in den israelitischen Gemeinden ist eine Vereinigung der jüdischen Kultusgemeinden von Wieseck, Großen-Linden (statt Gießen-Linden), Langgöns, Leihgestern, Holzheim, Grüningen und Watzenborn-Steinberg (statt -Steinbach) zustande gekommen, um einen Wanderlehrer mit dem Sitze in Wieseck anzustellen, zu dessen Gehalt die Regierung vorerst einen kleinen Zuschuss leistet. Wenn die Einrichtung sich bewährt, ist die feste Anstellung des Lehrers in Aussicht genommen. Man hört, dass auch in den anderen oberhessischen Kreisen Verhandlungen schweben, die die Frage der israelitischen Religionslehrer in gleicher Weise regeln sollen."       

  
  
Aus dem jüdischen Gemeindeleben  
Aufruf zu Spenden für eine in schwerer Notlage befindliche Familie (1885)   

Grosslinden Israelit 04051885.jpg (172316 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Mai 1885: "Aufruf!  
Der frühere Handelsmann Benjamin Meier zu Großen-Linden bei Gießen, 47 Jahre alt, ist schon seit längeren Jahren leidend. 
Das Übel hat in der letzten Jahren so zugenommen, dass Meier nicht mehr in der Lage ist, sich auch nur im Geringsten gerade zu bewegen. Er liegt teilnahmslos da und ist in allen und jeden Beziehungen auf die Hilfe anderer angewiesen.  Seine Frau Betti geb. Süßel ist jetzt 42 Jahre alt. Dieselben haben drei Kinder, wovon das älteste 9 Jahre und leider fast ganz erblindet ist.  
Die Frau Meier selbst ist eine sehr kranke Frau, welche, wie durch Herrn Prof. Dr. Kaltenberg in Gießen dargetan werden kann, sich einer gefährlichen Operation unterziehen musste und nun in der Lage ist, dass sie sich jeder Arbeit enthalten muss. Vermögen besitzt diese unglückliche Familie nicht. Dieselbe ist sonach in den allerärmsten Verhältnissen. Die Unterstützungen, die ihr bis jetzt geworden sind, reichen unmöglich aus, um die traurige Lage nur einigermaßen zu lindern. Außerordentliche Hilfe muss hier eintreten. 
Wir wenden uns deshalb an alle edlen Menschen mit der ganz ergebenen Bitte um milde Gaben für diese bedürftige Familie. 
Gießen und Großen-Linden, Ostern 1885. Großherzoglicher Bürgermeister zu Großen-Linden. Meun,  
Herz Marx. Abraham Simon.
Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde Großen-Linden. 
Auch wir sind gern bereit, Gaben entgegenzunehmen und weiterzubefördern. 
Die Expedition des 'Israelit'."  

   
   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
  
Über Löb Merkel, jüdischer Bahnwärter in Großen-Linden von 1856 bis 1871 (Bericht zu seinem 90. Geburtstag 1903) 

Messel Israelit 16101903.jpg (95187 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Oktober 1903: "Messel, 9. Oktober (1903). Das 'Darmstädter Tagblatt' schreibt: Am 15. Oktober dieses Jahres begeht der älteste Einwohner hiesiger Gemeinde und das älteste Glied der israelitischen Religionsgemeinde, Herr Löb Merkel, seinen 90. Geburtstag. Derselbe ist geboren am 15. Oktober 1813 zu Messel, trat am 1. April 1834 in den hessischen Militärdienst und war 22 Jahre 7 Monate ununterbrochen in demselben; er machte den Feldzug 1848/49 in Baden mit, schied am 24. Oktober 1856 aus dem Militärdienste aus und wurde als Bahnwärter in Großen-Linden bei Gießen angestellt, welchen Dienst er zur größten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten versah. Am 1. Januar 1871 wurde er als Weichensteller nach Vilbel bei Frankfurt versetzt, wo er bis zu seiner Pensionierung am 1. Mai 1878 verblieb und dann wieder hierher zurückkehrte. Herr Merkel erfreut sich trotz seines hohen Alters noch ziemlich guter Gesundheit.   Wir empfehlen diese Notiz der 'Staatsbürger-Zeitung' zum freundlichen Abdruck."  
 
Messel AZJ 06111903.jpg (98485 Byte)Derselbe Bericht erschien in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. November 1903.   

   
   
   
Zur Geschichte der Synagoge                    
    
Als Synagoge diente in Großen-Linden ein von der Ortsgemeinde gepachtetes und umgebautes Haus. Dabei handelte es sich um ein kleines, zweigeschossiges Fachwerkhaus in unmittelbarer Nachbarschaft des Pfarrhauses. Wann das möglicherweise aus dem 17. Jahrhundert stammende Gebäude zur Nutzung als jüdisches Bethaus umgebaut wurde, ist nicht bekannt - Thea Altaras hat dafür die Zeit Anfang des 19. Jahrhunderts vermutet. 
  
Auch die in Hörnsheim und Hochelheim wohnhaften jüdischen Personen kamen zu den Gottesdiensten nach Großen-Linden.    
     
Über Ereignisse beim Novemberpogrom 1938 gegen die Synagoge ist nichts bekannt.  
 
Die ehemalige Synagoge wurde nach 1974 abgebrochen. Das Grundstück wurde zu einem asphaltierten Hof. Ein Teil davon wurde 1988 oder später als Rasenstück angelegt, auf dem sich inzwischen ein Gedenkstein mit einer Tafel befindet.      
   
   
Adresse/Standort der Synagoge            Bahnhofstraße 3      
    
    
Fotos
(Quelle: Obere Zeile links: Arnsberg Bilder S. 76, rechts in sw und Foto in zweiter Zeile: Altaras 1988 S. 82; 
obere Zeile rechts farbig aus dem Artikel im "Gießener Anzeiger" vom 24.11.2010 - repro: Wißner)  

Das Gebäude der 
ehemaligen Synagoge
 
Grossen Linden Synagoge 125.jpg (73415 Byte) Linden Synagoge PA201011.jpg (35477 Byte)
   Aufnahme von vor 1970  Aufnahme von 1974 
        
Das Grundstück nach 
Abbruch der Synagoge
Grossen Linden Synagoge 121.jpg (66726 Byte)   
   Nach dem Abbruch der Synagoge: ein
 asphaltierter Hof (Foto August 1984) 
   
      
Gedenkstein   Foto wird noch erstellt    
        

     
     
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte
  
Anmerkung: Am 26. April 2008 wurde in Linden der erste "Stolperstein" zur Erinnerung an die Opfer des Holocaust durch den Kölner Künstler Gunter Demnig zum Gedenken an Klara Marx (Jg. 1849) gesetzt. Es war dies der erste "Stolperstein" im Landkreis Gießen. Damals war es eine zehnte Klasse des Gymnasialzweigs der Anne-Frank-Schule (AFS) mit ihrem Gesellschaftslehrer Dietmar Steinbach, die dafür sorgte, dass Linden als 324. Ort in die Liste der Stolperstein-Orte eingetragen werden konnte. 

November 2010: Erinnerung an die Synagoge bei einem "Historischen Seniorennachmittag"     
Artikel im "Gießener Anzeiger" vom 24. November 2010 (Artikel): "Beim 'Bäier-Schäfer' gab es Bier aus Krügen
GROSSEN-LINDEN. Historischer Seniorennachmittag mit Helmut Faber

(ee). Ehemalige Geschäfte in der Bahnhofstraße standen im Mittelpunkt des Seniorennachmittags der evangelischen Kirchengemeinde Großen-Linden. Leiterin Else Weiser, die mit einer Andacht zur Auslegung des Vaterunser die Zusammenkunft im Gemeindehaus eröffnete, begrüßte als Referenten mit Helmut Faber den Vorsitzenden des Heimatkundlichen Arbeitskreises Linden. Dieser nahm die Senioren mit auf eine Zeitreise in die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts..."     
  
August 2011: Diskussion über "Stolpersteine" im Gemeinderat Hüttenberg    
Artikel von "msk" im "Gießener Anzeiger" vom 19. August 2011 (ganzer Artikel; nur ein Abschnitt aus dem Artikel wird zitiert): 
"Diskussion über 'Stolpersteine' in Hüttenberg - Erinnerung an jüdische Bürger - 
Die Grünen stellten den Antrag Stolpersteine in den Bürgersteigen vor den Häusern ehemaliger jüdischer Mitbürger, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, einzulassen. So werde Geschichte, wie andernorts auch, lebendig gehalten, lautete Tatjana Friedrichs Begründung. Christiane Koch-Rein (FWG) erinnerte daran, dass führende Vertreter der Juden die Steine als zweite Entwürdigung empfänden, da sie 'im Dreck' lägen. Man solle sich zunächst einmal über den Zustand des jüdischen Friedhofs unterhalten. Klaus Schultze-Rohnhof (CDU) schlug vor, Hinterbliebene zu fragen. Josef Fischer (SPD) zeigte sich enttäuscht, dass er im Gespräch mit einem Vertreter des Parlaments die Antwort erhalten habe 'Was soll das bringen?'."  
  
November 2013: Eine Gedenktafel auf dem Alten Friedhof Hochelheim erinnert an jüdische Einwohner     
Artikel von Carolin Beinroth in der "Gießener Zeitung" vom November 2013 (Link zum Artikel): 
"Gedenktafel auf dem Alten Friedhof Hochelheim erinnert an jüdische Einwohner.
Gießen. Am vergangenen Freitag wurde auf dem Alten Friedhof in Hochelheim eine Gedenktafel für die hier und in Hörnsheim ansässigen Juden eingeweiht.
Der Alte Friedhof in Hochelheim ist seit 1981 für Bestattungen geschlossen, doch seit 2012 sind Baumbestattungen wieder möglich. 'Diese sehr schöne Anlage bot sich den Bürgern an für eine erweiterte Nutzung als besinnliche Aufenthalts- und Gedenkstätte,' so Hüttenberger Bürgermeister Christof Heller. Schon bald gründete sich eine Arbeitsgruppe, die über mögliche Gestaltungsformen des Alten Friedhofs diskutierte. Zur selben Zeit stellten die Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen einen Antrag, sich mit den verschiedenen Möglichkeiten zu befassen, wie man den ehemaligen Bürgern und Bürgerinnen Hüttenbergs jüdischer Herkunft gedenken könnte, die im Zuge des Nazi-Regimes fliehen mussten oder deportiert wurden.
'Zu erst hatten wir überlegt Stolpersteine anzubringen, aber letztendlich haben wir uns für Gedenktafeln an den Häusern ehemaliger jüdischer Bewohner in Hochelheim und Hörnsheim und eine Gedenkstätte auf dem Alten Friedhof entschieden. Auf diesem Weg möchten wir zum Ausdruck bringen, dass wir uns auch diesem Teil unserer Geschichte stellen und ihn nicht vergessen wollen,' so Christiane Schmidt vom Archiv der Gemeinde Hüttenberg, die maßgeblich an der inhaltlichen Konzeption der Gedenktafel beteiligt war. Bereits vor zweieinhalb Jahren veröffentlichte Schmidt gemeinsam mit Marianne Bill ein Buch über 'Jüdisches Leben in Hüttenberg'. Durch umfangreiche Recherchearbeiten informierten sie sich über das Leben der damals hier lebenden Familien, beispielsweise das der Familie Rosenbaum, die während des dritten Reiches aus Hüttenberg vertrieben und deportiert wurde - nun erinnert ein Rosenstock neben der Gedenktafel an die ehemals in Hüttenberg lebende Familie. Die Geschichten von insgesamt 10 in Hochelheim oder Hörnsheim aufgewachsenen Juden sind auf der Gedenktafel auf dem Alten Friedhof nachzulesen.
Im Bereich der heutigen Gemeinde Hüttenberg lebten bereits vor über 400 Jahren Juden, zuerst in Vollnkirchen, seit Ende des 17. Jahrhunderts in Hochelheim und wenig später auch in Hörnsheim', so Schmidt anlässlich der Eröffnung der Gedenkstätte, zu der zahlreiche Anwohner trotz starkem Regen erschienenen. Bürgermeister Heller bedankte sich bei den vielen ehrenamtlichen Helfern, die mit viel Engagement an den Bauarbeiten beteiligt waren."   
 
Januar 2019: Weitere "Stolpersteine" sollen im Juni 2019 in Großen-Linden verlegt werden
Artikel von Thomas Wißner im "Gießener Anzeiger" vom 4. Januar 2019: "Neue 'Stolpersteine' werden in Linden gesetzt.
Drei Geschichten von Jüdinnen aus Linden liegen im Dunkeln. Klar ist nur, sie wurden im Nationalsozialismus getötet. Für sie sollen in diesem Jahr weitere 'Stolpersteine' gesetzt werden.
GROSSEN-LINDEN
- Zwei weitere Stolpersteine sollen auf Wunsch des Heimatkundlichen Arbeitskreises Linden wahrscheinlich im Juni in Großen-Linden gesetzt werden. Damit kehrt der Kölner Künstler Gunter Demnig nach elf Jahren wieder an jenen Ort zurück, wo er einst den ersten Stolperstein in Stadt und Landkreis Gießen vor dem ehemaligen Anwesen der Familie Marx setzte. Er findet sich auch heute noch in der unteren Bahnhofstraße zum Gedenken an Klara Marx (Jahrgang 1849), auch 'Herze Klärche', genannt. Linden war damals der 324. Ort in der Stolperstein-Chronologie Demnigs, der 1996 begann, auf diese Art der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Zur Erinnerung an Lina Simon und Anna Marx sollen Stolpersteine gesetzt werden, deren Geschichte allerdings im Dunkeln liegt. Bei einem Monatstreffen ging Helmut Faber, Chef des Heimatkundlichen Arbeitskreises, daher auf eine Geschichte ein, die der jüdischen Familie Eduard Rosenbaum aus Großen-Linden, die gut dokumentiert ist und stellvertretend das Schicksal vieler Juden im heimischen Raum aufzeigt. 2017 hatte Daniel Rosenbaum aus New York mit seiner Familie Großen-Linden besucht; um seinen Kindern die Stätte seiner Familie zu zeigen, nachdem er 20 Jahre zuvor bereits mit seinem Vater Herbert Großen-Linden besucht hatte. Dort weihte er auf dem jüdischen Friedhof ein von seiner Familie und der Familie Theisebach (Connecticut/USA) gestiftetes Denkmal 'In ewiger Erinnerung an unsere geliebten Großen-Lindener Märtyrer der Juden-Verfolgung 1933 - 1945' ein. Und auf jenem Gedenkstein finden sich auch die Namen von Lina Simon (Bahnhofstraße 2), Klara und Tochter Anna Marx (Bahnhofstraße 4). Diese drei waren die letzten in Großen-Linden wohnenden Juden, die im September 1942 deportiert und dann ermordet wurden. Jenny Rosenbaum konnte dagegen Ende Juni 1937 mit ihren Söhnen noch rechtzeitig fliehen.
David Heyum, der Stammvater der Familie Rosenbaum, lebte zu Beginn der 1730er Jahre in Hochelheim. Die Familie nahm 1846 den Nachnamen Rosenbaum an. Heyum war seit etwa 1756 Schutzjude und wurde seit 1758 als Hochelheimer Einwohner geführt. Mit welchen Schwierigkeiten die jüdische Landbevölkerung in dieser Zeit zu kämpfen hatte, erklärte Faber am Schicksal von David und seiner Familie. Dieser fiel es schwer, das jährliche Schutzgeld (Königlicher Schutz gegen Zins, Gegengabe evt. Zollfreiheit) aufzubringen und so geriet diese immer mehr in Rückstand. 1777 war er infolge von 'Unglücksfällen' mit den Zahlungen schon über zwei Jahre in Verzug. Fast immer wurde nur einem Sohn - in der Regel dem ältesten - ein Schutzbrief ausgestellt und ihm gestattet, im Amtsbezirk wohnen zu bleiben und meist auch dann erst, wenn die Eltern gestorben waren. Für die Töchter der jüdischen Familien war nach der jüdischen Religion immer die Heirat vorgesehen. Heyum hatte drei Söhne. Joseph (1760-1846) lebte ab 1817 in Lützellinden, wo er von einem anderen Juden als Erbe eingesetzt worden war. Sohn Liebmann (1765-1851) und seine Frau Grest (1766-1843) wohnten zuerst beim Vater im Haus und begannen neben dem Viehhandel auch noch einen kleinen 'Specereyhandel' (Gewürze). Mit einer Ausnahmegenehmigung der Regierung kaufte er 1799 eine Hofreite in Hörnsheim. Ende Dezember 1845 erging eine Bekanntmachung des Amtsbürgermeisters in Niederkleen: 'Die allerhöchste Cabinetsordre vom 31. October dieses Jahres (1845) befiehlt, dass die Juden bestimmte erbliche Familiennamen annehmen sollen'. Fast alle Familien entschieden sich dafür, den Nachnamen, den sie ohnehin gerade führten, also den Vornamen des Vaters oder Großvaters, weiterhin als Familiennamen zu führen. David Heyum aus Hörnsheim war der Einzige, der sich mit seiner ganzen Familie einen völlig neuen Familiennamen aussuchte. Ab 1846 wollten er und seine Nachkommen 'Rosenbaum' als Familiennamen führen. David Rosenbaum hatte sechs Kinder, sein Sohn Heimann (1849-1890) ist der Ur-Ur-Großvater von Eduard Rosenbaum. Eduard Rosenbaum übernahm nach dem Krieg das Wäschegeschäft seiner Mutter und baute es weiter aus. 1919 heiratete er Jenny Stern aus Wieseck. Zwei Söhne wurden dem Ehepaar mit Herbert (1920) und Adolf (1921) geboren. Um 1922 eröffnete er ein Geschäft für Wäsche, Stoffe und Bekleidung in Großen-Linden in der Bahnhofstraße 78 und wohnte auch seit 1923 dort. Das Geschäft entwickelte sich zu einem renommierten Laden. Nach dem frühen Tod von Eduard Rosenbaum im Dezember 1930 führte seine Frau das Geschäft alleine weiter. Ab 1933 wurde der Betrieb im Nationalsozialismus boykottiert. Trotzdem führte Jenny Rosenbaum es noch, so gut es ging, weiter. Als sie und ihre Söhne sich zur Auswanderung entschlossen, wurde das Wohn- und Geschäftshaus mit dem Gartengrundstück zunächst an die Bank überschrieben, die es einer Familie aus Großen-Linden verkaufte. Schon im April 1937 wurde das Geschäft geschlossen und der gesamte Warenbestand an die jüdische Firma Meyer in Gladenbach weit unter Wert verkauft. Für das Wenige, was die Familie überhaupt mitnehmen konnte, musste sie noch eine Umzugsgutabgabe von 3514 Reichsmark zahlen. Zwei Fahrten zum amerikanischen Generalkonsulat in Stuttgart waren nötig, bis die Visa endlich ausgestellt wurden und Jenny Rosenbaum mit ihren Söhnen Ende Juni 1937 mit dem Schiff 'Deutschland' das Land verließen. Beim Aufbruch warf Jenny Rosenbaum mit den Worten 'Lasse hawwe' (Überlass es ihnen) den Schlüssel über das Hoftor. Die Familie siedelte zunächst in New York im Bezirk 'Washington Heights' an. Die einst wohlhabende Geschäftsfrau musste sich mit einem kleinen Hausierhandel notdürftig über Wasser halten. Erst ab 1949 gelang es ihr, mit einer kleinen Handschuhnäherei, in der hauptsächlich immigrierte Frauen beschäftigt waren, ein Einkommen zu erzielen. Jenny Rosenbaum erlebte noch die Heirat der beiden Söhne und das Heranwachsen von Enkeln. Im Juli 1980 starb sie in New York. Ihr Sohn Herbert besuchte damals in Großen-Linden den Kindergarten. In der Schule wurde er zunächst von Herrn Hinkel unterrichtet. Der Lieblingslehrer war Herr Bullmann, der die jüdischen Kinder immer gegen die Anfeindungen nationalsozialistischer Art verteidigte. Im Frühling 1935 trat Herbert in das Textilgeschäft Löwenstern in Korbach als Lehrling ein. Um sich auf die Auswanderung vorzubereiten, ging er mit seinem Bruder Adolf bei Fritz Hahn in Gambach in die Lehre als Maschinenschlosser. 'Wir konnten ja kein Englisch und wussten, dass wir eine Möglichkeit finden mussten, in Amerika ein Auskommen zu finden. Diese Idee erwies sich später als genau richtig, denn ich konnte einige Jahre in New York an unterschiedlichen Stellen als Maschinenschlosser arbeiten, bis ich 1943 in die Armee eintrat', zitierte Faber Rosenbaum. Dieser diente in der US-Armee und wurde auch dort als Maschinenschlosser eingesetzt. Aus dem Krieg kehrte er 1946 zunächst an seinen alten Arbeitsplatz zurück. Dann bot sich ihm die Möglichkeit, an einem Programm der amerikanischen Regierung teilzunehmen, das allen ehemaligen Kriegsteilnehmern die Möglichkeit gab, zu studieren. Der Staat trug alle Kosten. Er wurde an der Hofstra-Universität in New York letztlich Professor der Politikwissenschaft. Am 18. Mai 2016 starb Herbert Rosenbaum. 2017 suchten Sohn Daniel mit Ehefrau Olivia und den 16-jährigen Zwillingen Michael und Jeremy die Wurzeln der Familie in Großen-Linden.
Bruder Adolf (Edward) Rosenbaum trat 1935 als Lehrling in das elterliche Geschäft ein und besuchte gleichzeitig die kaufmännische Fortbildungsschule in Gießen. 1936 musste er aufgrund der nationalsozialistischen Verfolgung die Schule in Gießen ohne Zeugnis verlassen. Nach der Auswanderung ließ er sich in New York nieder und nannte sich Edward. Er ging tagsüber arbeiten, um zum Unterhalt der Familie beizutragen und besuchte abends die Textil-Highschool. Als er nach seinem Schulabschluss eine Anstellung in einer Firma fand, belegte er gleichzeitig Abendkurse eines College. 1943 wurde er zum Militär eingezogen. Währenddessen war Edward als Manager einer Kleiderfabrik der Armee in England, später in Paris und nach der Besetzung Deutschlands auch in Frankfurt am Main eingesetzt. Die Überraschung war groß, als Edward eines Tages in amerikanischer Uniform mit seinem Jeep nach Großen-Linden fuhr, um seine Heimat zu besuchen. Zum Erschrecken der neuen Besitzer kam er auch zu seinem Elternhaus in der Bahnhofstraße. Sie empfingen ihn mit den Worten: 'Ihr könnt das Haus nicht wiederhaben!' Später wurde er selbst Handschuhfabrikant in Gloversville. Edward eröffnete Filialen in Manila und in Port-au-Prince. Er starb 1985." 
Link zum Artikel   
 
Oktober 2019: Weitere Verlegung von "Stolpersteinen" in Großen-Linden  
Artikel in der "Gießener Allgemeinen" vom 8. Oktober 2019: "Linden bekommt weitere Stolpersteine.
Linden (pm).
In Großen-Linden werden zur Erinnerung an ermordete jüdische Bürger vier Stolpersteine verlegt. Dazu kommt der Kölner Künstler Gunter Demnig am Dienstag, 22. Oktober, in die Stadt. Die Aktion wird organisiert vom Heimatkundlichen Arbeitskreis Linden. Treffpunkt ist um 9 Uhr in der Bahnhofstraße 2. Mit dem Verlegen der Stolpersteine wird an Lina Simon, 65 Jahre, Bahnhofstraße 2; Anna Marx, 59 Jahre, Bahnhofstraße 4; Berthold Edelmuth, 75 Jahre, und Lina Edelmuth, 59 Jahre, Falltorstraße 6, erinnert. Sie wurden 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und ermordet. Klara und Anna Marx sowie Lina Simon wurden von Großen-Linden aus deportiert. Die Eheleute Berthold und Lina Edelmuth waren am 12. Juli 1939 nach Frankfurt am Main gezogen, um den Repressalien in Großen-Linden zu entgehen. Sie wurden 1942 von dort in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Berthold Edelmuth starb dort ein halbes Jahr später. Lina Edelmuth wurde von diesem Lager am 15. Mai 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurde. Da der letzte frei gewählte Wohnort von Berthold und Lina Edelmuth Großen-Linden war, werden auch für sie zwei Stolpersteine verlegt. Für Klara Marx wurde auf Initiative der 10. Gymnasialklasse der Anne-Frank-Schule bereits im April 2008 auf dem Bürgersteig vor dem ehemaligen Wohnhaus Bahnhofstraße 4 der erste "Mahnstein gegen das Vergessen" im Landkreis Gießen verlegt - ebenfalls von Gunter Demnig. Für die im September 1942 deportierten und ermordeten jüdischen Leihgesterner Mitbürger Alfred, Berthold, Betty, Louis und Klara Bauer sowie Julius, Ida, Alexander und Hedwig Weisenbach, wurde im November 2015 an dem Haus Ecke Kirchstraße/Kantstraße eine Gedenktafel angebracht. Bürgermeister Jörg König, Pfarrerin Edith Höll von der evangelischen Kirchengemeinde Großen-Linden sowie Schülerinnen und Schüler der Anne-Frank-Schule werden bei der Verlegung anwesend sein. Die Aktion ist öffentlich, eine rege Beteiligung wäre dem Anlass entsprechend wünschenswert, schreibt der Vorstand des Heimatkundlichen Arbeitskreises."
Link zum Artikel  
vgl. Artikel im "Gießener Anzeiger" vom 12. Oktober 2019: https://www.giessener-anzeiger.de/lokales/kreis-giessen/linden/vier-weitere-stolpersteine-fur-linden_20516746 
 
Artikel von Thomas Wißner im "Gießener Anzeiger" vom 23. Oktober 2019: "Stolpersteine für Lina Simon, Anna Marx, Lina Edelmuth und Berthold Edelmuth verlegt
Letztmals vor 80 Jahren war in Großen-Linden ein Schofar zu hören – jenes Instrument hatte Jeff Israel wieder an jenen Ort gebracht, wo es einst sein Großvater bei seiner Flucht an sich genommen hatte.
GROSSEN-LINDEN.
Letztmals vor 80 Jahren war in Großen-Linden ein Schofar zu hören – und genau jenes Instrument des Altertums, das noch heute in der Synagoge in Gebrauch ist, hatte Jeff Israel aus Bristol/US-Bundesstaat Connecticut wieder mit an jenen Ort gebracht, wo es einst sein Großvater Bernhard als Vorsteher der Jüdischen Gemeinde bei seiner Flucht an sich genommen hatte. Zusammen mit der Thora war Bernhard Theisebach 1939 mit seiner Frau Henriette Theisebach (geb. Simon) und den beiden Töchtern Beate und Hildegard am 24. März 1939 in die USA emigriert. Zurückbleiben musste mit Lina Simon (Jahrgang 1877) die Tante von Beate Theisebach, welche zusammen mit Klara (Jahrgang 1849) und Anna Marx (Jahrgang 1882) dann 1942 deportiert und ermordet wurde. Zur Erinnerung an Lina Simon und Anna Marx wurden nun in der Bahnhofstraße in Großen-Linden durch den mittlerweile in Elbenrod beheimateten Kölner Künstler Gunter Demnig auf Initiative des Heimatkundlichen Arbeitskreis Linden Stolpersteine gesetzt. Bereits im April 2008 hatte Demnig auf Initiative einer Schulklasse der Anne-Frank-Schule (AFS) zur Erinnerung an Klara Marx den ersten Stolperstein im Landkreis Gießen überhaupt gesetzt. Die noch in den USA lebende und mittlerweile 91-jährige Beate Theisebach wollte die Reisestrapazen nicht auf sich nehmen und so waren ihre Söhne Steven und Jeff Israel nach Großen-Linden gereist, um an der Verlegung der Stolpersteine teilzunehmen. Den Kontakt zur Familie hatte der aus Großen-Linden stammende Pfarrer Matthias Weber hergestellt. Steven Israel war aus Atlanta/US-Bundesstaat Georgia gekommen.
Fast 100 Bürger nahmen an der Verlegung der vier Stolpersteine in Bahnhof- und Falltorstraße teil, wobei der Initiator und Vorsitzende des Heimatkundlichen Arbeitskreis Linden, Helmut Faber, in seiner Ansprache betonte, dass 'wir durch die Stolpersteine von Gunter Demnig eine Form des Erinnerns und Gedenkens haben, die an die Opfer der Judenverfolgung in unserer Gemeinde erinnern soll'. Die Familien Theisebach/Simon und Marx waren Nachbarn in der Bahnhofstraße, wohnten vis-a-vis der Synagoge (Gelände des heutigen Kindergartens 'Lindener Zwerge'). Die Familie Theisebach führte im Haus Bahnhofstraße 2 ein Geschäft für Manufakturwaren und Herrenkonfektion. Lina Simon wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet. In dem nicht mehr vorhandenen Wohnhaus Bahnhofstraße 4 wohnte die Familie Marx, welche Nähzubehör, Zigarren und Zigaretten verkaufte. Familienoberhaupt Kaufmann Marx verstarb 1929, Ehefrau Klara und Tochter wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo Anna Marx ermordet wurde. Anna Marx wurde im besetzten Polen ermordet, wie auf dem nun gesetzten Stolperstein zu lesen ist. 'Wir sollen stolpern! Wir müssen uns bücken, uns verneigen, um die Namen lesen zu können', so Pfarrerin Edith Höll nach der Verlegung des Stolpersteins für Lina Simon, derweil Jeff Simon jenes Instrument seines Großvaters hervorholte und diesem nochmals jene Töne entlockte, die zuletzt 1939 in Großen-Linden erklangen. Etwas schwieriger gestaltete sich die Verlegung von zwei weiteren Stolpersteinen in der Falltorstraße vor dem Haus Nummer 6, was am festen Untergrund des Bürgersteigs lag. Mit Unterstützung von Bauhofmitarbeiter Jan Michel und hartem Gerät wurde Platz geschaffen für die Stolpersteine für Berthold Edelmuth (Jahrgang 1876) und Lina Edelmuth geb. Meyer (Jahrgang 1883), die hier eine Ochsen- und Kalbsmetzgerei betrieben, 1939 nach Frankfurt am Main flohen und 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden. Berthold Edelmuth wurde am 2. April 1943, seine Frau Lina nochmals am 15. Mai 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ihr Schwiegersohn Hermann Adler wanderte bereits am 7. Oktober 1937 nach New York aus, seine Ehefrau Gerda geb. Edelmuth folgte mit Tochter Rosa am 12. September 1938. Unter Glockengeläut um 10 Uhr wurde zum Abschluss der Gedenkfeiern 'Höre Israel – Der Herr ist unser Gott, der Herr allein' gesungen.
1933 lebten 28 jüdische Personen in Großen-Linden (1,1 Prozent von 2581 Einwohnern). In den folgenden Jahren sind die meisten von ihnen wegen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. 1939 wurden noch fünf, Anfang 1942 noch drei jüdische Einwohner gezählt. Sie wurden im September 1942 deportiert."
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Januar 2020: Weitere Informationen zu jüdischen Einwohnern für das Treffen des Heimatkundlichen Arbeitskreises Großen-Linden   
Artikel von Constantin Hoppe in der "Gießener Allgemeinen" vom 23. Januar 2020: "Flucht vor den Nazis.
Linden.
Normalerweise stehen bei den monatlichen Treffen des Heimatkundlichen Arbeitskreises Großen-Linden Geschehnisse im Mittelpunkt, die Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte zurückliegen. Diesmal lag der Fokus auf einem aktuellen Anlass: Die im Gedenken an die ermordeten jüdischen Mitbürger im vergangenen November verlegten Stolpersteine. Darüber fertigten Mitglieder des Arbeitskreises einen Film an, der nun vorgestellt wurde. Im Nachgang der Stolpersteinverlegung konnte Helmut Faber Kontakt mit einigen der Nachfahren aufnehmen und die weitere Familiengeschichte ermitteln. Für Klara Marx wurde bereits 2008 ein Stolperstein in Linden gesetzt. Einer ihrer Nachfahren, ihr Enkel Georg Marx, wurde von seiner nichtjüdischen Mutter, der Allgemeinmedizinerin Else Marx, 1937 nach Brasilien geschickt. So konnte er den Nazis entgehen. In Brasilien heiratete er, bekam vier Kinder und lebte in Sao Paulo, berichtete Faber. In der Bahnhofstraße 2 lebte die Familie Bernhard und Henrietta Theisebach mit ihren Töchtern Hildegard und Beate sowie der Schwester von Henrietta, Lina Simon. Am 24. März 1939 floh die Familie Theisebach nach Amerika, Lina Simon sollte nachkommen. Dies gelang nicht mehr. Sie wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und ermordet.
24 Stunden in Keller eingesperrt. Beate Israel (geb. Theisebach) lebt heute noch in Hartford/Connecticut und wurde 2018 als "Frau der Tapferkeit" geehrt. Die Theisebachs, deren Familienangehörigen in den USA lebten, waren gerade dabei, sich Papiere für die Ausreise zu beschaffen, als in der sogenannten Reichskristallnacht organisierte Übergriffe auf Juden und jüdische Geschäfte erfolgten. Diese Nacht veränderte Beate Theisebachs Leben: Gemeinsam mit anderen Juden aus dem heutigen Linden wurden sie für 24 Stunden in einen Keller in der Bahnhofstraße gesperrt, ohne Essen, Wasser oder Badezimmer. Ihr Vater Bernhard wurde nach Buchenwald geschickt. Als sie wieder nach Hause zurückkehren durften, fanden sie und ihre Familie ihr Zuhause geplündert und verwüstet vor. Noch heute ist das Bild eines Porträts ihrer Großeltern in ihrem Gedächtnis lebendig: "Sie haben das Glas zerschmettert und ihre Augen ausgestochen. Wir waren am Boden zerstört", berichtete sie zu einem früheren Zeitpunkt. Einige Monate später kehrte ihr Vater aus Buchenwald zurück, und die Familie bestieg ein Schiff in die USA. In der Wäsche versteckte ihr Vater eine Thora, einen Schofar (ein aus einem Widderhorn gefertigtes Musikinstrument) und eine Ner Tamid (ein ewiges Licht, dass den Toraschrein beleuchtet). Hätte man diese Gegenstände bei einer Kontrolle gefunden, wäre die Familie wohl niemals in die USA gekommen. 1943 wurde Beate Theisebach US-Bürgerin und änderte ihren Namen in Beatrice. 1948 lernte sie ihren späteren Ehemann Kurt Israel kennen - ebenfalls ein Deutscher und Überlebender von Auschwitz. Gemeinsam hatte das Paar zwei Söhne, mittlerweile haben sich vier Enkelkinder und zwei Urenkelkinder der Familie angeschlossen."  
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bulletWebsite der Stadt Linden  

Literatur:  

bulletPaul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 284-285.  
bulletders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente. S. 76.   
bulletThea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 81-82.
bulletdies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 69 (mit Foto des Gedenksteines). 
bulletStudienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel. Darmstadt. 1995 S. 45. 
bulletPinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 140-141. 

    
     


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Grossen-Linden  Hesse. The community numbvered 40 (4 % of the total) in 1828, its old burial ground (1637) serving Jews throughout the region. By April 1939, the remaining 28 Jews had mostly emigrated to the United States of Palestine and their synagogue had become the local SA headquarters. A memorial was erected there on the 50th anniversary of Kristallnacht (9-10. November 1938). 
   
    

                   
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Stand: 18. Mai 2020