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Sterbfritz (Gemeinde
Sinntal, Main-Kinzig-Kreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge
(Seite wurde erstellt unter Mitarbeit
von Dirk Ebenhöch)
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Sterbfritz bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung
geht in die Zeit des 17. Jahrhunderts genannt. Erstmals werden 1665
Juden am Ort genannt. 1732 waren die jüdischen Haushaltsvorsteher Martgen,
Gomb, Mendel, Eyfsig, Löb und Meyer. 1781 gab es in Sterbfritz sechs jüdische
Familien mit zusammen 32 Personen (Dokument von 1781 siehe unten).
Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich im 19. Jahrhundert wie
folgt: 1835 121 jüdische Einwohner, 1861 150 (15,6 % von insgesamt 963),
1871 157 (12,0 % von 1.305), 1885 169 (15,7 % von 1.077), 1889 160, 1895 138 (13,8 % von
998), 1900 137 (in 30 Haushaltungen, von 1077 Einwohnern), 1905 134 (11,1 % von 1.211).
Nach Listen aus den Jahren um 1839 und 1847 (Gemeindearchiv Sterbfritz) dienten
in der Bürgergarde Sterbfritz auch jüdische Männer.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische
Elementar-/Volksschule sowie ein rituelles Bad. Zur Besorgung religiöser
Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt (jüdischer Elementarlehrer),
der zugleich als Vorbeter und Schächter tätig war. Von ca. 1863 bis zu seinem
Tod 1901 war Lehrer in Sterbfritz Markus Luss (Luhs). Während seiner Zeit hatte
die Schule 1868-1869 31 beziehungsweise 29 Kinder, 1887 45 Kinder (Lehrer Luss selbst hatte zehn Kinder), 1898 23
Kinder aus
Sterbfritz, fünf aus Vollmerz, 1900 26
Kinder aus Sterbfritz, 3 aus Vollmerz. Nach dem Tod von Lehrer Markus Luss 1901
wurde sein Nachfolger Samuel Neuhaus. Dieser unterrichtete 1902 19 Schüler.
Er war bis zu seinem Tod 1921 Lehrer in der Gemeinde (Bericht s.u.). Nachfolger
von Neuhaus wurde Moritz Mannsbach.
Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof Altengronau
beigesetzt. Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Hanau.
An jüdischen Vereinen werden genannt: Chewra zur Beihilfe in
Krankheitsfällen (1889 unter Vorsitz von M.J. Schuster, J. Birk, M. Strauß,
1900 Vorsitz M.J. Schuster), eine Armenkasse (1900 unter Vorsitz von S.
Schuster, 1903 aufgelöst s.u.) und ein Israelitischer Frauenverein (1900 unter Vorsitz von
Frau Ernestine Goldschmidt), eine Ortsgruppe des Verbandes der Sabbathfreunde
(1908 unter Vorsitz von S. Dessauer).
Von den Gemeindevorstehern werden u.a. genannt: um 1884/87 Sam. Schuster,
um 1889 Moses Lazarus Schuster, J. Strauß, um 1900 M. Goldschmidt II, Moses
Lazarus Schuster, M. Strauß.
Im Ersten Weltkrieg starben fünf jüdische Sterbfritzer für ihr
Vaterland: Emil Goldschmidt (geb. 28. oder 29.11.1891 in Sterbfritz,
Lehrer, eingezogen am 4.2.1916, vermisst seit
6.8.1916), Emanuel Schuster (geb. 18.9.1891 in Sterbfritz, Kaufmann,
eingezogen am 3. August 1914, gef. 26.9.1914),
Josef Schuster (geb. 1. oder 11.4.1884 in Sterbfritz, Metzger, eingezogen am gef. 3.2.1915), Karl Schuster
(geb. 25.6.1897 oder 25.5.1899 in Sterbfritz, eingezogen am 2.8.1915, gef. 20.8.1917) und David Strauß (geb. 31.5.1897
in Sterbfritz, Lehrer, gef. 7.3.1918). Ihre Namen stehen auf dem Gefallenendenkmal vor
der evangelischen Kirche des Ortes (Angaben zu den Gefallenen u.a. in "Der
Schild" vom 8. Februar 1929).
Um 1924, als noch 98 jüdische Einwohner gezählt wurden (8,1 % von
1.202), waren die Vorsteher der Gemeinde S. Dessauer und M. Birk. Als
Lehrer war inzwischen der schon genannte Moritz Mannsbach angestellt. Er
unterrichtete an der jüdischen Volksschule und erteilte dazu zwei Kindern an öffentlichen
Schulen den Religionsunterricht. An jüdischen Vereinen bestanden die Chewra
Kadischa (Bestattungs- und Wohltätigkeitsverein, 1924/32 unter Leitung von
S. Dessauer, 1924 28 Mitglieder, 1932 27 Mitglieder), der Verein Gemilluth
Chassodim (Verein zur Unterstützung Hilfsbedürftiger und Kranker, 1932
unter Leitung von S. Klein) sowie der Israelitische Frauenverein (gegründet
ca. 1900, 1924 unter Leitung von Frau Toni Schuster und Frau Ritla Birk, 1924 19
Mitglieder, 1932 24 Mitglieder). 1932 bildeten weiterhin M. Birk (1.
Vors.) und S. Dessauer (2. Vors. und Schriftführer) den Gemeindevorstand.
Lehrer Mannsbach unterrichtete weiterhin an der jüdischen Volksschule.
Unter den jüdischen Gewerbetreibenden gab es um 1930 sieben Viehhändler, zwei
Pferdehändler, einen Gemüsehändler. Mehrere waren Kaufleute und betrieben
Einzelhandelsgeschäfte. Es gab zwei jüdische Bäcker, Michael Schuster betrieb
ein Café in Sterbfritz. Juda Schuster hatte im Nebenerwerb eine Landwirtschaft.
Moses Schuster war Metzger.
1933 lebten noch 92 jüdische Personen in Sterbfritz. In
den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der
zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise
ausgewandert. Es emigrierten in die USA 17 Personen, eine nach Italien, 1 nach
der Schweiz, zehn nach Südamerika (sechs nach Argentinien, vier nach
Brasilien). Andere verzogen innerhalb Deutschlands, die meisten nach Frankfurt,
um von dort aus die Auswanderung zu betreiben. Sechs Personen starben zwischen
1933 und 1942 in Sterbfritz. Zum 1. Januar 1934 war die jüdische
Elementarschule aufgelöst worden. Sie war damals noch die einzige jüdische
Schule im Altkreis Schlüchtern gewesen. 1939 waren noch 21 jüdische
Personen am Ort (1,8 % von 1.185). Die letzten 12 jüdischen Einwohner wurden im
Mai und August 1942 deportiert.
Von den in Sterbfritz geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Emma Adler geb. Birk
(1869), Paulina Adler geb. Schuster (1872), Josef Baer (1869), Lina Bauer
geb. Strauss (1882), Abraham Birk (1862), Michael Birk (1872), Moses Birk
(1868), Samuel Birk (1871), Rosa Czerniejewski geb. Strauss (1903), Abraham Goldschmidt (1866), Amalie (Mali) Goldschmidt geb. Goldschmidt
(1871), David Goldschmidt (1896), Emanuel Goldschmidt (1867, "Stolperstein"
in Dortmund), Josef Goldschmidt
(1876), Lion Goldschmidt (1884), Malka
Goldschmidt (1884), Malchen Goldschmidt geb. Heidelberger (1881), Merla (Marli)
Goldschmidt (1871), Sara Goldschmidt geb. Bravmann (1873), Fanny Hamburger geb.
Goldschmidt (1869), Elsa Hecht geb. Baer (1895), Gitta Hecht geb. Goldschmidt (1890), Jakob
Hecht (1884), Lazarus Hecht (1875), Lina Hecht geb. Goldschmidt (1871), Lothar Hecht (1923), Ludwig
Hecht (1923), Mayer Max Hecht (1881), Meier Hecht (1885), Sophie Hecht (1926), Steffi Hecht (1927), Emma
Heinemann geb. Schuster (1879), Ernestine Holzinger geb. Schuster (1867), Elka Jakob geb. Schuster (1868),
Hannchen Kahn geb. Goldschmidt (1873), Hermine
Kaufmann geb. Dessauer (1897), Dora (Dorchen) Luhs (1876), Aron Marx (1881),
Betty Marx geb. Weichsel (1881), Markus Marx (1883), Rosa Marx geb. Goldschmidt
(1870), Jenny Nachmann geb. Birk (1899), Johanna Nussbaum geb. Goldschmidt (1882),
Nathalie Nussbaum geb. Goldschmidt (1873, "Stolperstein" in
Neukirchen), Gitta Oppenheimer geb. Goldschmidt
(1858), Adelheid Rosenberg geb. Goldschmidt (1869), Josephine Salomon geb. Marx
(1902), Berta Schuster (1921), Hannchen Schuster geb. Marx (1869), Julius
Schuster (1874), Margot Schuster (1922), Theresa
(Rosa) Schuster geb. Steinfeld (1892), Irma Sommer geb. Goldschmidt (1902), Auguste
Stein geb. Schuster (1880),
Johanna Strauss (1894), Meier Strauss (1890), Minna Weis geb. Schuster (1882).
Auf dem rechts des Taharahauses im jüdischen Friedhof Altengronau
aufgestellten Denkmal finden sich die Namen
der aus Sterbfritz ermordeten Juden. Eine Aufstellung dieses Gedenksteines
war zunächst an einem Standort in Sterbfritz geplant, konnte jedoch nicht
verwirklicht werden; es sind nicht die Namen von Personen genannt, die in
Sterbfritz geboren, dann jedoch überwiegend in anderen Orten gelebt haben:
"Sachor
- Gedenke.
Dies sind die Namen der jüdischen Männer, Frauen und Kinder aus
Sterbfritz, die in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern ermordet
wurden:
Abraham Birk (9.3.1862), Michael Birk (28.2.1872), Abraham Goldschmidt
(31.3.1866), Amalie Goldschmidt geb. Goldschmidt (8.4.1871), Malchen
Goldschmidt geb. Heidelberger (22.4.1881), Josef Goldschmidt (19.9.1876),
Sara Goldschmidt geb. Bravmann (26.10.1873), Jakob Hecht (20.3.1884),
Elsa Hecht geb. Baer (24.12.1895), Lothar Hecht (13.9.1923), Steffi Hecht
(11.12.1927), Josef Baer (15.3.1869), Meier Hecht (27.12.1885), Gitta
Hecht geb. Goldschmidt (20.7.1890), Ludwig Hecht (26.7.1923), Sophie Hecht
(9.2.1926), Salomon Dessauer (20.7.1859), Max Mayer Hecht (14.8.1881),
Lina Hecht geb. Goldschmidt (1.6.1871), Lazarus Hecht (15.7.1875), Georg
Fries (18.7.1913), Leopold Kahn (12.5.1872), Hannchen Kahn geb.
Goldschmidt (26.10.1873), Bertha Mosheim (15.9.1907), Moritz Mansbach
(28.8.1881), Lea Mansbach geb. Katz (9.4.1882), Aaron Marx (19.11.1881),
Betti Marx geb. Weichsel (27.10.1881), Martha Neuhaus (7.3.1907), Emma
Schuster (23.9.1877), Rosa Schuster geb. Steinfeld (12.6.1891), Margot
Schuster (18.10.1922).
Wir erinnern an sie und gedenken des unermesslichen Leids der Verfolgten
und Ermordeten. Möge ihr Schicksal allen Lebenden eine Mahnung zu Frieden
und Toleranz sein. Schalom - Frieden." |
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Lehrers, Vorbeters und Schochet (1901 / 1934)
Anmerkung: Die Ausschreibung erfolgte nach dem Tod von Lehrer Markus Luss.
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. August 1901: "Die
erledigte Elementarlehrer- und Vorsängerstelle bei der
Synagogen-Gemeinde Sterbfritz soll wieder besetzt werden. Das
Grundgehalt beträgt bei freier Wohnung Mark 1.050.-, der Einheitssatz der
Alterszulage Mark 130.- . Dem Stelleninhaber wird eine Entschädigung von
Mark 70.- für Heizung des Schullokals gewährt. Das Einkommen aus der
Ausübung der Schächtfunktion betragt Mark 300.- Bewerber wollen
ihre Meldungsgesuche mit den erforderlichen Zeugnissen versehen bis zum
31. diese Monats anher einreichen.
Hanau, 12. August. Das Vorsteheramt der Israeliten:
Dr. Bamberger." |
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| Nach Auflösung der jüdischen
Elementarschule am 1. Januar 1934 bemühte sich die jüdische Gemeinde noch um
den Erhalt eines Religionslehrers und Kantors: |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. August 1934: "Gesucht per
sofort reichsdeutscher, jüngerer, seminaristisch gebildeter oder
pensionierter
Religionslehrer und Kantor. Israelitische Gemeinde Sterbfritz."
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Lehrer Markus Luss wird genannt (1865)
Anmerkung: Lehrer Markus Luss (Luhs) ist am
20. Februar 1839 als Sohn des Lehrers Aron Luss (Luhs) (1803-1878) in Gemünden
(Wohra) geboren. Er heiratete Sara (Sarchen) geb. Blach, die am
9. November 1838 in Reichensachsen
geboren ist als Tochter von Samuel Blach und der Beilchen geb. Heilbrunn. Die
beiden hatten acht bzw. zehn Kinder (zwei sind wohl früh verstorben).
Genealogische Zusammenhänge siehe
https://www.geni.com/people/Markus-Lu%C3%9F/6000000041389408648
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Mai 1865: "Schlüchtern
in
Kurhessen. In Nr. 17 Ihres geschätzten Blattes erzählt 'Heoref',
dass ein Lehrer im Kreise Schlüchtern Tefillin
verkaufe, der Batim (Ledergehäuse)
nicht aus einem, sondern aus mehreren einzelnen Stückchen zusammengeleimt
und deshalb vom Herrn Kreisrabbiner Schwarzschild hierselbst für untauglich
erklärt worden seien. In Wahrheit aber bestehen jene Batim nicht aus einzelnen Stückchen, sondern aus einem einzigen Stücke
Pergament, welches nach einem gewissen Muster geschnitten und so
zusammengelegt ist, dass es ein Gehäuse
ausmacht. Herr Schwarzschild hat sie aber dennoch für untauglich erklärt. 'Heoref' hat in seinem Berichte den Namen
des Lehrers (Luß in Sterbfritz) verschwiegen, und dies könnte dem ungegründeten
Verdachte Raum geben, als ob derselbe wissentlich unechte Tefillin verkauft hätte. Dies ist aber durchaus nicht der Fall;
vielmehr hat Luß schon beim ersten Bescheid
den Verkauf eingestellt und selbst Schritte getan, den wahren Sachverhalt
zu ermitteln. ...
B. Liebschütz." |
Anzeige - Stellensuche für einen
seiner Söhne - von Lehrer Markus Luss (1881)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Juli 1881: "Für meinen 14jährigen
Sohn suche alsbald oder für den Herbst eine Lehrlingsstelle in einem
Manufactur- oder gemischten Warengeschäft.
Sterbfritz. M. Luss, Lehrer." |
Nach dem Tod
von Lehrer Markus Luss reist der aus Sterbfritz stammende Lehrer Emanuel
Goldschmidt aus Dortmund wieder einmal in seinen Heimatort (1901)
Anmerkung: Lebenserinnerungen und ein Nachruf verbunden sich in dem Beitrag
des 1943 im Ghetto Theresienstadt umgekommenen Emanuel Goldschmidt (siehe unten
Artikel von 1901). Lehrer Markus Luss starb am 20. Juli 1901 und wurde am 22.
Juli 1901 auf dem jüdischen Friedhof in Altengronau beigesetzt. Grab von Markus Luss im Friedhof Altengronau:
https://lagis.hessen.de/de/personen/juedische-grabstaetten/alle-eintraege/6138_luss-markus-1901-altengronau
Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 30. September 1901: "Dortmund.
Meine diesjährige Ferienreise führte mich nach mehreren Jahren einmal wieder
in den geliebten Geburtsort (Sterbfritz im Reg.-Bez. Kassel). Wie
habe ich mich immer gefreut, wenn ich nach längerer Pause einmal wieder dort
weilen konnte unter den heiteren und zufriedenen Menschen! Ob meine teuren
Eltern längst der kühle Rasen deckt, das freundliche Dorf mit seiner
verhältnismäßig großen jüdischen Gemeinde ist mir deshalb nicht gleichgültig
geworden, meine Liebe bleibt ihm geweiht bis zu meinem letzten Atemzuge. Die
Gemeinde steht noch auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums. Ringsherum
ist beispielsweise das Dorf durch einen Eruv abgegrenzt und man lebt dort
noch ein Stück echten alten Judentums, wie es einem Bernstein, Kohn,
Mosenthal, Franzos, Zangwill u. a. zum Vorwurf für ihre herrlichen
Ghettonovellen hätte dienen können. Will man ein solches Leben kennen
lernen, so muss man es eben leben, um es in seiner ganzen Innigkeit, in
seiner Gemütstiefe, die sich darin ausspricht, zu empfinden, zu verstehen
und zu würdigen. Diesmal traf ich die geliebte Heimatgemeinde nicht in der
gewohnten heiteren, humorvollen, sondern in sehr gedrückter, ernster
Stimmung an. Der Tod hat in dem zu Ende sich neigenden religiösen Jahre eine
furchtbare Ernte dort gehalten. Gar manche Familie, trauert irgendeinem
teueren geliebten Mitgliede nach. Auf dem Gottesacker ist seit meinem
letzten Besuch dortselbst eine neue lange Reihe Gräber erstanden. Unter
einem der letzten, noch ganz frischen Grabhügel schlummert ein Mann, dessen
Tod die ganze Gemeinde in Bestürzung und Trauer gebracht hat. Es ist der
Lehrer und Kultusbeamte, Herr Marcus Luß. Nach kurzer Krankheit ist
derselbe am 20. Juli dieses Jahres (Schabbat Chason) im 63. Lebensjahre aus
dieser Welt geschieden. Fast vier Jahrzehnte hat er in Sterbfritz zum
Wohle der Gemeinde gewirkt. Beinahe die ganze gegenwärtige Gemeinde ist aus
seiner Schule hervorgegangen. Als ich vorige Woche in andachtvollster
Stimmung an seinem Grabe stand, da trat so recht lebhaft sein ganzes Bild
vor mein geistiges Auge. Mir war's, als sähe ich ihn im Unterrichtssaale vor
der zahlreichen Schuljugend; ich hörte seine religiösen Lehren, die er uns
(denn auch ich saß einst zu seinen Füßen) gar tief ins Herz geprägt; ich
erinnerte mich in herzlicher Dankbarkeit, wie er einst bestimmend auf meinen
Bildungsgang gewirkt, wie er die Wege mir geebnet, auf denen ich dann bequem
dem Ziele zuschreiten konnte; ein Gleiches dankten ihm gar viele! Ich sah,
wie er Abend für Abend in der Chewrah seine religiösen Vorträge hielt, die
ungern jemand versäumte, wie alle mit verhaltenem Atem seinen Worten
lauschten. Luß verfügte über gediegene Kenntnisse des Hebräischen! Ihm ist's
zu danken, wenn die Gemeinde noch heute auf jenen oben gezeichneten
religiösen Standpunkt sich befindet.
Sein Wirken beschränkte sich aber nicht auf Schule, Synagoge und Chewrah
allein, er war auch in des Wortes wahrster Bedeutung der Seelsorger, der
Vater und Berater der ganzen Gemeinde, der Freund jedes Hauses, der gern
gesehene Gast jeder Familie. An Leid und Freud der Familien nahm er den
lebhaftesten Anteil und aus seinem beredten Munde vernahm man gewöhnlich das
erste Wort des Trostes und der Erhebung, wenn es nötig war; während er bei
freudigen Anlässen nicht zurückblieb mit seinem Glückwunsch, mit einem Worte
anteilnehmender Freude! So sah ich ihn, so sehe ich ihn noch vor mir mitten
in seiner rastlosen Tätigkeit, der er oblag vom frühen Morgen bis zum späten
Abend; von seiner Familie, in der das schönste Einvernehmen, das
glücklichste Leben waltete, über alles geliebt, von seiner Gemeinde verehrt
und hochgeschätzt. Nun ist er nicht mehr, die Familie entbehrt des teuren
Gatten, des liebenden und sorgenden Vaters und auch die Gemeinde ist
verwaist. Am Montag den 22. Juli dieses Jahres hat man ihn unter
allgemeinster Teilnahme hinausgetragen aus dem Orte seines Wirkens, niemand
kann sich erinnern, dass ein größeres oder nur so großes Trauergefolge durch
die Straßen des Dorfes sich bei früherer Gelegenheit bewegt hätte. Auf dem
altehrwürdigen Gottesacker in Altengronau
hat man ihm einen letzten Ruheplatz nach einem arbeitsreichen Leben
bereitet. Namens der dankbaren Gemeinde sprach der Provinzialrabbiner Herr
Dr. Bamberger - Hanau an seinem
Sarge, den Dank der Schüler rief dem geliebten Lehrer Herr David Marcus
Goldschmidt in bewegten Worten nach. Dann traten die Söhne alle an das
offene Grab, die Vorsteher der Gemeinde und der Chewrah, die Schüler und die
sonstigen Gemeindemitglieder, die ihren Hirten alle auf seinem letzten Wege
begleitet hatte, und gar manche heiße Träne rollte mit den letzten irdischen
Grüßen, die jeder dem bewährten Manne nachsandte, hinab ins Grab." |
Zum Tod von Lehrer Samuel Neuhaus (1921)
Anmerkung: Samuel Neuhaus (Schmuel, Sohn des Jehuda ha-Levi Neuhaus) wurde
nach seinem Tod am 25. März 1921 im jüdischen
Friedhof Altengronau beigesetzt. Sein Grabstein (mit Levitenkanne und
Schofar) ist dort erhalten.
https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/juf/id/6322.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. April 1921: "Sterbfritz,
5. April (1921). Unter großer Beteiligung der gesamten Ortsbevölkerung,
sowie auswärtiger Berufsgenossen und Freunde, wurde der nach kurzer, aber
schwerer Krankheit im Alter von 54 Jahren hier verstorbene Lehrer Samuel Neuhaus,
zur letzten Ruhe bestattet. In den nahezu 20 Jahren seiner hiesigen
Amtstätigkeit hatte er viel Segen ausgestreut und viel Liebe geerntet. Seine
Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
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Anzeige
in "Der Israelit" vom 5. Mai 1921: "Danksagung.
Für die innigsten Beweise herzlichster Teilnahme bei dem Ableben meiner
geliebten Gatten, unseres treusorgenden Vaters und Schwiegervaters
Herrn Lehrer Samuel Neuhaus danken wir herzlichst.
I.V. Frau Rosa Neuhaus." |
Über Lehrer Moritz Mannsbach (Lehrer
in Sterbfritz von 1921 bis Ende 1933)
(Fotos
links: aus geni.com und Gedenkbuch Juden Kassels 1933-1945)
Lehrer Moritz Moses Mannsbach ist am 28. August 1881 in
Felsberg geboren als Sohn von Daniel
Mannsbach und seiner Frau Amalie geb. Flörsheim. Er war verheiratet mit Lea
geb. Katz, die am 9. April 1882 in Guxhagen
geboren ist. Moritz Mannsbach besuchte bis zu seinem 14. Lebensjahr die
Volksschule in Felsberg. Danach war er
zweieinhalb
Jahre in der Präparandenanstalt in
Burgpreppach und drei Jahre in der Seminarausbildung in Kassel (Erste
Lehrerprüfung am 25. März 1901 in Kassel, zweite Lehrerprüfung vom 24.-26.
Oktober 1905 in Kassel). Vom 1.4.1901 bis 1.4.1902 leistete er seine
Militärpflicht beim 83. Infanterie-Regiment in Kassel ab. Im Juni 1902 -
inzwischen knapp 21 Jahre alt - bewarb Mannsbach sich auf die Lehrerstelle in
Schweich, wo er bis zum Ende des Schuljahres 1904 geblieben ist.
Nach der Zeit in Schweich war Moritz Mannsbach Lehrer in der jüdischen Gemeinde
Frankershausen, wo seine drei Kinder
geboren sind: Alma verh. Stern (geb. 31. März 1908 in
Frankershausen,
gest. September 1991 in New York, USA), Theo
Mannsbach (geb. 23. April 1909 in
Frankershausen, gest. Januar 1985 in New York, USA) und
Irmgard verh. Dannenberg (geb. 7. Februar 1914 in
Frankershausen, gest. 19.
Januar 2011 in The Bronx, New York City NY, USA). Zum 1. November 1921 wechselte
Mannsbach nach Sterbfritz, wo er bis Ende 1933 blieb (Auflösung der dortigen
jüdischen Elementarschule zum 1. Januar 1934).
Nun
übernahm Moritz Mannsbach die Betreuung der jüdischen Gemeinde Warburg.
Spätestens 1938 verzog das Ehepaar nach Kassel und wohnte hier in der Unteren
Königsstraße 63, 1940 Moltkestraße 10, dann Kaiserstraße 13. Am 9. Dezember 1941
wurden Moritz und Lea Mannsbach von Kassel aus in das Ghetto Riga deportiert und
ermordet.
Quelle zu Schweich: Willi Körtels: Die jüdische Schule in der Region Trier.
Konz 2014. S. 166-167.
Quelle zu Warburg: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in
Westfalen und Lippe. Ortsartikel Warburg. S. 745.
Quelle zu Kassel (mit Fotos): Namen und Schicksale der Juden Kassels
1933-1945 - Ein Gedenkbuch. Bearbeitet von Beate Kleinert und Wolfgang Prinz.
Hrsg. vom Magistrat der Stadt Kassel - Stadtarchiv 1986 S. 219.
Genealogische Zusammenhänge:
https://www.geni.com/people/Moritz-Moses-Mannsbach/6000000011483824715
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Auf
einer Gedenktafel im jüdischen Friedhof
Warburg stehen die Namen von Moritz Mannsbach und Lea Mannsbach, aber
auch der Tochter Irmgard. Sie hat jedoch die NS-Zeit überlebt (siehe oben).
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Aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben
1732 gibt es sechs jüdische Haushaltsvorsteher/Familien / auch 1781
gab es sechs jüdische Familien
Liste
der Ortsbewohner 1732 (Seite 3). Genannt werden die Juden (jüdische
Haushaltsvorsteher) Martgen, Gomb, Mendell, Eysig, Löb und Meyer.
(Liste erhalten über Dirk Ebenhöch; Quelle: Staatsarchiv Marburg) |
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| Hinweis auf ein Dokument von 1781
(Hinweis erhalten von Dirk Ebenhöch): Bei der Reparatur des Kirchturmes 1958
wurde die beschädigte Kugel geöffnet. In ihr befand sich eine Bulle mit
alten Schriftstücken. Das älteste war von 1781 und wurde vom damaligen
Pfarrer Johann Peter Schlemmer verfasst. In ihm heißt es: "...in welchen
Jahre sich endlich auch ganz besonders zur Zeit an Bauern und zwar
sogenannte Ganzbauern in Sterbfritz 11 und in Breunings 2. Halbbauern hier 9
und dort keine. Viertelbauern hier 22, dort 8, Bewohner schließlich oder vor
Besaßen hier 33 und dort 10. Juden dort (Breunings) keine,
hier (Sterbfritz) aber gab es ihrer 6 Familien. In
welchen Jahr an Personen und insgesamt von allen hier in Sterbfritz 711,
Reformierte 633. Lutheraner 13, Katholiken 3 und Juden 32."
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Ergebnisse von Spendensammlungen in der Gemeinde (1865 / 1867 / 1869 / 1871)
Anmerkung: in jüdischen Gemeinden wurde regelmäßig Spendensammlungen für
bestimmte Zwecke durchgeführt. Die Ergebnisse wurden immer wieder in jüdischen
Periodika bekannt gegeben.
Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Oktober 1865: - Sammlung
"zur Linderung der Hungersnot in Palästina": "Durch Lehrer
Luß in Sterbfritz gesammelt: Meier M. Goldschmidt 1 fl., Löser
Goldschmidt 30 kr., Juda Birk 35 kr., Michel Schuster 1 fl., Markus Schuster
1 fl., Israel Schuster 30 kr., Benedikt Straus 1 fl. 10 kr., Benedikt
Goldschmidt 1 fl., Markus Goldschmidt 1 fl., Salomon Goldschmidt 1 fl.,
Abraham Goldschmidt 1 fl., Kallman Straus 30 kr., Maier B. Goldschmidt 30 kr.,
Abraham J. Goldschmidt 15 kr., Baruch Goldschmidt 1 fl. 45 kr., Aron Birk 30
kr., N. N. 1 fl. 20 kr. Lazarus Schuster 1 fl. 24 kr., Maier D. Goldschmidt
1 fl., Malchen Goldschmidt 1 fl., Simon Birk 30 kr., N. N. 24 kr., Lismann
Straus 1 fl., Juda Marx 48 kr., Moses Schuster 18 kr., Raphael Schuster 30
kr., aus der Frauenkasse 5 fl., zusammen 26 fl. 29 kr."
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Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Oktober 1867 - Sammlung
"für die Armen im Heiligen Land": "Durch Mich. Schuster in Sterbfritz:
von ihm selbst 7 fl., Jeanette Goldschmidt 1 fl. 24 kr., Rechel Goldschmidt
1 fl., Hanne Goldschmidt 3 fl., Fanni Goldschmidt 2 fl., Deichel Schuster 1
fl. 51 kr., Esther Schuster 2 fl., Babette Hecht 1 fl., zusammen 19 fl. 15
kr." |
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Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. April 1869 - Sammlung
"zur Unterstützung der notleidenden Glaubensgenossen in West-Russland":
"Durch M. Luß, Lehrer in Sterbfritz: Samuel Schuster 1 fl. 12 kr.,
Feibel Goldschmidt 1 fl. 30 kr., Michel Schuster 1 fl., Marcus Schuster jun.
1 fl., Juda Birk 1 fl. 45 kr., Lismann Straus 1 fl., Löser Goldschmidt 1
fl.. Lazarus Schuster 1 fl. 45 kr., David Schuster 48 kr., Aron Birk 42 kr.,
Maier M. Goldschmidt 1 fl. 10 kr., Maier D. Goldschmidt 1 fl. 10 kr., Mos.
Schuster 48 kr., Bened Goldschmidt 1 fl. 10kr., Marc Goldschmidt 1 fl.
10kr., Abr. J. Goldschmidt 35 kr., N. N. 1 fl. 45 kr., N. N. 33 kr., N. N.
32 kr., Juda Marx 1 fl. 10 kr., Abraham Goldschmidt 2 fl., N. Schuster 30 kr.,
S. Birk 52 1/2 kr., Callmann Straus 1 fl., Benedict Straus 1 fl., zusammen
27 fl. 7 1/2 kr., abz. Porto 26 fl. 55 kr."
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Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Februar 1871: "Durch M.
Lutz, Lehrer in Sterbfritz: Benedikt Goldschmidt 1 fl., Benedict Strauß
10 fl., Michel Schuster 3 fl. 30 kr., Marcus J. Schuster 3 fl. 30 kr.,
Raphael Schuster 1 fl. 45 kr., Juda Birk 3 fl 30 kr., Juda Marx 1 fl. 45 kr.,
Abr. Goldschmidt sen. 1 fl. 45 kr., Feibel Goldschmidt 2 fl., Maier B.
Goldschmidt 1 fl., Moses Schuster 1 fl. 45 kr., Frau Ww. Goldschmidt 1 fl.
45 kr., N. N. 2 fl., Samuel Schuster 5 fl., Sal. Goldschmidt 30 kr., Marcus
Goldschmidt 1 fl. 45 kr., Maier M. Goldschmidt 10 fl., Lismann Straus 1 fl.,
Lazarus Schuster 3 fl. 30 kr., Löser Goldschmidt 4 fl., David Schuster 1 fl.
45 kr., Aron Birk 1 fl. 45 kr., Simon Birk 2 fl., Callmann Strauß 1 fl. 45
kr., Abraham Goldschmidt jun. 1 fl. 45 kr., Raphael Birk 1 fl. 45 kr., Maier
David Goldschmidt 3 fl. 30 kr., N. N. 52 1/2 kr., N. N. 1 fl., N. N. 1 fl.
45 kr., N. N. 5 fl., aus der Chebrakasse 10 fl., zus. 93 fl. 52 1/2 kr.,
abzüglich Porto 93 fl. 39 kr." |
Erinnerungen an das landwirtschaftlich geprägte Leben vieler jüdischer Familien
in Sterbfritz (1901)
Anmerkung: Die Erinnerungen sind von Emanuel Goldschmidt (geb. 18. Juli 1867 in
Sterbfritz). Er ließ sich zum Lehrer ausbilden und war als solcher - bis hin zum
Konrektor - in Dortmund tätig. Goldschmidt war seit 28. Januar 1893 verheiratet
mit Helene geb. Löwenstein (geb. 28. März 1865 in Brilon). Das Ehepaar lebte in
Dortmund zunächst in der Ardeystraße 71, ab 1935 in der Weißbachstraße 18, ab
1939 wohl erzwungen Helmut-Barm-Straße 16), dann noch das "Jüdische Alters- und
Siechenheim Wichenkamp". Emanuel Goldschmidt wurde am 30. Juli 1942 in das
Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er am 2. Juni 1943 umgekommen ist. Seine
Frau ist schon am 22. August 1942 im "Alters- und Siechenheim" in Bielefeld an
Mangelernährung gestorben. Vgl.
https://juedisches-dortmund.de/goldschmidt-emanuel-und-helene/ Für beide
liegen in Dortmund in der Weissbachstraße 18 "Stolpersteine".
Artikel
(Leserbrief) in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 2. August 1901:
"Sehr verehrter Herr Doktor!
Zu dem Kapitel 'Jüdische Bauern' darf ich mir wohl gestatten, das Wort
einmal zu nehmen.
In meinem Geburtsorte, einem hessischen Dorfe (Sterbfritz), betrieben
in meiner Kindheit — es wird dort auch heute noch so sein — sämtliche
jüdischen Bewohner, ca. 35 Familien, Landwirtschaft, und zwar führten sie
Sense und Pflug mit eigener Hand. Auch wir Kinder wurden — genauso wie die
christlichen Kinder — zu allen landwirtschaftlichen Arbeiten herangeholt, zu
denen man Kinder verwenden kann. Ich selbst habe mit wahrer Lust auch als
erwachsener Schüler noch, wenn ich die Ferien zu Hause verbrachte, in
Garten, Wiese, Hof und Feld mitgearbeitet, und darf wohl behaupten, es gibt
kaum eine landwirtschaftliche Arbeit, die mir fremd wäre, oder die ich nicht
gar durch persönliche Übung kennengelernt hätte. In der Paderborner Gegend,
in der ich bis vor einem Jahre lebte, habe ich sehr viele — und darunter
sehr routinierte — jüdische Landwirte angetroffen, die oft die besten Ernten
erzielten. Ihre Produkte verwerten sie in Molkereien, Zuckerfabriken und
ähnlichen Einrichtungen. Dabei betreiben die Einen Pferdezucht — und ich
kenne jüdische Landwirte (die Herren Gebrüder Heineberg - Brakel), denen
bisher fast aus jedem landwirtschaftlichen Fest das sie beschickten, ein
Preis oder eine Auszeichnung auf diesem Gebiete zuerkannt wurde — die
Anderen betreiben Vieh- oder Schaf-, auch Geflügelzucht, ja selbst an der
Schweinemast beteiligten sich unsere Glaubensgenossen, wie sie sich denn
überhaupt als Landwirte fühlen und sich als solche an jeder berechtigten
Bewegung, die die Verbesserung ihrer Lage bezweckt, beteiligen. Wenn ich
nicht falsch unterrichtet bin. so war sogar ein jüdischer Ökonom (der vor
einigen Jahren in Minden verstorbene Herr Lilienthal aus Steinheim) der
Mitbegründer des jetzt noch existierenden landwirtschaftlichen Kreisvereins
Höxter, dessen Vorstand derselbe Jahrzehnte lang allgehörte. Des
weiteren sei noch erwähnt, dass das Rauschoff'sche Gut in Peckelsheim
weit und breit als eine Musterwirtschaft bekannt ist. In dem genannten
westfälischen Städtchen besitzt noch ein anderer Glaubensgenosse (Herr Max
Weinberg), ein sehr schönes Bauerngut, und vom frühen Morgen bis zum späten
Abend kann man den fleißigen Landwirt selbsttätig bei seinen Arbeitern im
Felde treffen. Zwei andere Glaubensgenossen daselbst (die Herren Gebrüder A.
und J. Heineberg) haben ein größeres, mehrere hundert Morgen umfassendes
Stück wüsten Landes vor Jahren von der Kommune Peckelsheim gepachtet und den
sterilen Boden im Schweiße ihres Angesichts unter Aufwendung ungeheurer Mühe
und Opfer urbar gemacht. Das Areal, dessen Wert sich durch die Kultur mehr
wie verdoppelt hat, wird demnächst nach Ablauf der Pachtzeit wieder in den
Besitz der Stadt zurückgehen.
Ob wohl die Agrarierzeitung von solchen Tatsachen auch Notiz nehmen wird ?
Dortmund, 14. Juli. Em. Goldschmidt." |
Purim- und Stiftungsfeier des
Israelitischen Frauenvereins (1902)
Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 3. April 1902: "Sterbfritz,
Bez. Kassel. In rühmenswerter Weise hielt der israelitische Frauenverein
seine diesjährige Purim- und Stiftungsfeier, unter der bewährten Leitung der
Frau Vorsitzenden Ernestine Goldschmidt und der eifrigen
Vereinskassiererin Frau Helene Dessauer. Hat der junge Verein neben
Ausübung wahrer Menschenliebe und Wohltaten an Bedürftige, doch auch Pflege
der Geselligkeit auf seine Fahne geschrieben. — In bunter Reihe kamen eine
Anzahl heiterer Vorträge zu Gehör, als angenehme Ergänzung der Tafelgenüsse.
Die Versteigerung des Tischgebetes brachte eine ganz erhebliche Summe ein
und erst spät nach Mitternacht trennte sich die frohe Festversammlung." |
Der Armenverein wird aufgelöst
(1903)
Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 1903: "Sterbfritz. (Aufgelöster
Armenverein.) In unserer Gemeinde existierte seit 10—12 Jahren eine
Armenkasse, die jährlich 7—800 Mk. Spenden verteilen konnte, und besonders
dem Wanderbettel zu steuern bestimmt war. Diese nicht geringen Ausgaben
wurden bisher aus freiwilligen Beiträgen von ca. 20 Gemeindemitgliedern
aufgebracht. Es ist nun bedauerlich, dass durch die Weigerung eines der
bestsituierten Gemeindemitglieder, der von allen Anderen willig übernommenen
Zahlung des Beitrages zu der Kasse beizutreten, diese segensreiche
Institution gegen den Wanderbettel zu Fall gekommen ist." |
Die Mikwe (rituelles Bad) wird renoviert (1905)
| Anzeige in der Schlüchterner Zeitung vom 9.
Juli 1905 (Hinweis von Dirk Ebenhöch): "Die Herstellung des
Israelischen rituellen Frauenbades mit Lieferung der hier für benötigten
Materialien, soll an einen leistungsfähigen wenigstnehmenden vergeben
werden. Zeichnungen und Bedingungen können bei dem Unterzeichneten
eingesehen werden. Angebote sind verschlossen bis spätestens den 15. Juni
d.Jr. nachmittags 6 Uhr einzureichen. Sterbfritz. Den 3. Juni 1905 der
Synagogenälteste M.L.Schuster." |
Gründung einer Ortsgruppe des "Verbandes der Sabbatfreunde" in
Sterbfritz (1907)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. September 1907:
"Berlin, 18. September (1907). Der Verband der Sabbatfreunde hat
seine Propagandatätigkeit sofort nach Beendigung der Ferienzeit wieder
aufgenommen. So fanden am vergangenen Sonntag Versammlungen in Hersfeld
und Rhina statt, die in beiden Orten zur Bildung von Ortsgruppen führten.
In Hersfeld erfolgten über 60, in
Rhina gegen 50 Anmeldungen als
Mitglied. Das einleitende Referat in beiden Versammlungen hielt der
Vorsitzende der Frankfurter Ortsgruppe, Herr Moritz A. Loeb. An gleichem
Tage wurde durch Herrn Provinzialrabbiner Dr. Bamberger - Hanau in
Sterbfritz eine Ortsgruppe ins Leben gerufen. Der Gesamtverband umfasst
jetzt über 80 Ortsgruppen mit mehr als 4.000 Mitgliedern." |
Bei einer deutsch-völkischen Wahlversammlung wehrt sich ein jüdischer
Viehhändler in humorvoller Weise gegen den Redner (1924)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Mai 1924: "(Humor in der
Wahlversammlung.) Aus Vollmerz bei
Schlüchtern wird uns folgendes berichtet:
Am Vorabend der Reichstagswahlen fand in Vollmerz eine große
deutschvölkische Wahlversammlung statt, zu der auch die Umgebung eingeladen
war. Der Redner, eine völkische Lokalgröße, erläuterte mit großem Pathos:
'Sehen Sie, meine Herren, wir sind zu allernächst Deutsche, dann erst
in zweiter Reihe Katholiken oder Protestanten. Die Juden aber sind zuerst
Juden, dann angeblich auch Deutsche.'
Da schreit ein anwesender jüdischer Viehhändler aus Sterbfritz dazwischen:
'Stimmt nicht, Herr Doktor, Sie sind schon einen Tag nach Ihrer Geburt
katholisch getauft worden, ich aber war sieben Tage nur
Deutscher und bin erst am achten Tage jüdisch geworden.'
Es setzte ein Hallo ein, dass der Redner des Abends, wie uns erzählt wird,
nicht mehr weiter konnte. In den sich immer wiederholenden Lachsalven gingen
seine weiteren Ausführungen gänzlich verloren. Er war geschlagen." |
Familie Juda Schuster versorgt die Kinder einer Ferienerholungsgruppe aus
Frankfurt (1927)
Anmerkung: es handelt sich um eine jüdische Gruppe aus Frankfurt, die von Lehrer
Kösterich und Frl. Wolpe betreut sowie durch Familie Juda Schuster rituell
/koscher) verpflegt wurde.
Artikel
aus der "Schlüchterner Zeitung" vom 9. Juni 1927 (Dokument erhalten von Dirk Ebenhöch):
"Sterbfritz. Seit Montag beleben 60 Frankfurter Kinder, eine
Ferienkolonie unter 2 Führern, das hiesige Dorf. Die Tatsache, dass sie in
diesem Jahre wieder Sterbfritz als Aufenthaltsort gewählt haben, beweist,
wie geeignet der Ort zur Erholung der bedürftigen Kinder ist. Die Schlaf-
und Aufenthaltsräume, die fast ideal genannt werden dürfen, hat in edler,
sozialer Weise der Besitzer der stillstehenden Fabrikräume Stoeckicht, Herr
Maximilian May, Fulda, ohne Miete
zur Verfügung gestellt. - Die Verpflegung besorgt die Familie Juda
Schuster so vorzüglich, dass sich die Kinder bei schönem Wetter in der
hiesigen waldreichen Gegend in den 21 Tagen ihres hiesigen Aufenthaltes
gewiss recht gut erholen werden. - Hoffentlich gelingt es den Führern, Frl.
Wolpe und Herrn Lehrer Kösterich, Frankfurt am Main, die Kinder gesund und
wohl erhalten nach Hause zu bringen." |
Abschiedsabend der Ferienerholungsgruppe aus Frankfurt
(1927)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. August 1927: "Sterbfritz,
25. Juli (1927). Sonntag, 24. Juli gab eine Ferienkolonie
erholungsbedürftiger jüdischer Kinder aus Frankfurt am Main einen
Abschiedsabend verbunden mit Theateraufführungen. - Es war für die
hiesigen Bewohner ein Erlebnis, wie man es sich für ländliche
Verhältnisse kaum schöner denken konnte, zumal die Einwohner in den 3
Wochen des Ferienaufenthaltes der Kinder in engem Kontakt mit diesen
standen. Jeder Punkt des Programms, von den Führern Herrn Lehrer
Kösterich und Fräulein Wolpe, Frankfurt am Main mit viel Kunstsinn und
Liebe einstudiert, wurde mit großem Applaus von den Zuhörern aufgenommen
. Es wechselten Chöre, Theaterstücke, Volkstänze und Sologesänge
einander ab. Die Wünsche des Publikums waren einstimmig: der kleinen Künstlerschar
und den sich für sie aufopfernden Führern möge der Landaufenthalt recht
gut bekommen." |
Treffen des evangelischen und des jüdischen
Frauenvereines (1931)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. März 1931:
"Sterbfritz, 22. Februar. Als ein erfreuliches Zeiten angesichts der
Welle des Antisemitismus verdient folgendes wohl öffentlich bekannt zu
werden: Der Landwirtschaftliche evangelische Frauenverein in Sterbfritz
hatte am letzten Donnerstag unter Leitung der Kochlehrerin des Kreises
Schlüchtern einen Werbekursus für Seefischeverwendbarkeit auf
verschiedene Art veranstaltet. Es wurde hierzu vom obigen Verein auch der
jüdische Frauenverein eingeladen. Den jüdischen Teilnehmerinnen wurde
eine besondere Kochstelle und alles Material zur Verfügung gestellt, um
die Fische auf rituelle Art zubereiten zu können. Anschließend wurde
dann ein allgemeines Fischessen veranstaltet und war es ein Vergnügen, zu
sehen, wie hier alle Konfessionen einmütig zusammen waren." |
| |
Artikel
in der "Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Hessen und
Waldeck" vom 6. März 1931:
Ähnlicher Bericht wie in der Zeitschrift "Der Israelit" (siehe
oben) |
Juden werden nicht mehr mit dem Nachtwächter-Posten
betraut (1934)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
22. Februar 1934: "Frankfurt am Main. Die Gemeinde Sterbfritz
(Kreis Schlüchtern) hat vor kurzem beschlossen, aus Sparsamkeitsgründen
keine bezahlten Nachtwächter mehr zu beschäftigen, sondern jeden
Haushaltungsvorstand zu verpflichten, auf Aufforderung der
Gemeindebehörde eine unentgeltliche Nachtwache zu stellen. Das
'Frankfurter Volksblatt veröffentlicht aus diesem Anlass eine Meldung aus
Sterbfritz, wonach auf Protest der Bürger der Ortsgruppenleiter
Parteigenosse Schreiber dem Bürgermeister Anweisung erteilte, künftige keine
Juden mit dem Nachtwächter-Posten zu
betrauen." |
Jüdische Landwirte in Sterbfritz gründen eine jüdische Dreschgesellschaft (1936)
Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 14. Oktober 1937: "Jüdische
Landwirte.
Es dürfte heute nicht zu den Seltenheiten gehören, in den jüdischen
Gemeinden auf dem Lande jüdische Landwirte zu finden. Unser Bild führt uns
in die jüdische Gemeinde Sterbfritz, wo allein fünf jüdische
Landwirte mit eigenen Gespannen ausschließlich Landwirtschaft treiben. Da
die Möglichkeit zum Dreschen der Frucht anderweitig nicht mehr gegeben war,
gründete man voriges Jahr eine jüdische Dreschgesellschaft, die nun in der
Erntezeit ihre käuflich erworbene Dreschmaschine jedem jüdischen Bauern zum
Ausdreschen der Frucht zur Verfügung stellt.
Es ist natürlich, dass es während der Ernte schwere Arbeit zu leisten gibt,
aber auch hier macht sich der Gemeinschaftssinn bemerkbar, indem einer dem
anderen hilft. Selbst der motorsportliebende Gemeindelehrer stellt sich in
den Dienst der guten Sache, indem er den zur Dreschmaschine gehörigen
Antriebsmotor bedient." |
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Zum tragischen Tod von Betti Birnbaum geb. Birk (1884)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. September 1884: "Nekrolog.
Aus Hessen. 'Bis hierher kommst du, und nicht weiter, und hier
stehe es dem Trotze deiner Wogen!' diese Worte Hiobs (38,11) begriffen
wir allesamt, als wir am 2. dieses Monats, dem 12. Elul (2.
September 1884), tief gebeugt dem Sarge der Frau Betti Birnbaum in Rotenburg
folgten. Hatte doch hier der Tod ein eben erst geknüpftes Ehebündnis,
das zu den schönsten Hoffnungen berechtigte, jählings zerrissen und zwei
würdige Familien in tiefe Trauer gestürzt. Erst am verflossenen 15.
Aw (5. August 1884) hatte die Verstorbene ihr Hochzeitsfest gefeiert
und schon nach kaum vier Wochen wurde sie, 24 Jahre alt, den ihrigen
entrissen. - Die Verstorbene war die Tochter des Herrn J. Birk in Sterbfritz.
Schon seit ihrem 13. Jahre der Mutter beraubt, war sie seitdem nur
bestrebt, ihrem gebeugten Vater, dessen einzige Tochter sie war, den
erlittenen Verlust durch die zarteste Aufmerksamkeit und treueste
Hingebung zu ersetzen. Gern verzichtete sie auf gesellschaftliche
Vergnügungen und fand ihre Freude in der Sorge um des Hauses Wohl. -
Groß war daher auch die Freude des Vaters, als es ihm ermöglicht war,
sie an einen würdigen Mann aus frommer angesehener Familie zu
verheiraten. Leider sollte jedoch dieser Herzensbund nicht lange dauern.
Am 31. vorigen Monats kehrte die Verstorbene Abends von einem Spaziergange
heim in ihre Wohnung. Hier überfiel sie ein Herzkrampf und nach kaum
einer Stunde war sie eine Leiche. Ihr Gatte hatte am Nachmittage eine
erste Geschäftsreise seit der Hochzeit angetreten und fand, herbeigerufen,
seine junge Gattin im Sarge.
Am Grabe sprach Herr Rabbiner Straus ergreifende Worte. Er hob hervor, wie
die Verstorbene sich in wenigen Wochen die Hochachtung der Schwiegereltern,
des Gatten, der Familie und der Bekannten erworben. - Mögen die
Angehörigen darin Trost finden, dass die Entschlafene als reife Frucht in
einem besseren Jenseits den Lohn ihres Erdenwirkens genießt. Ihre
Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens. L." |
Unfall der Handelsleute Markus und Michael Schuster (1885)
(Artikel erhalten von Dirk Ebenhöch -
Beitrag zu Familie Schuster in der Internetchronik Sterbfritz
https://www.sterbfritz-chronik.de/;
der Unfall geschah in Weichersbach, heute Ortsteil der Gemeinde Sinntal,
Wikipedia-Artikel)
Artikel
im "Kreisblatt für die Stadt und den Kreis Schüchtern" Nr. 14 am
18. Februar 1885: "Weichersbach, 12. Februar (1885). Heute Morgen um
5 Uhr fuhren die Handelsleute Markus und Michael Schuster von Sterbfritz
mittels zweispännigen Fuhrwerks im Trab durch das Dorf. Da dieselben
jedoch gegen die Vorschrift keine brennende Laterne am Wagen hatten, so
geschah beim Passieren der über den Bach führenden Brücke das Unglücke, dass
die Pferde wider das Brückengeländer fuhren, dasselbe umwarfen und samt dem
Wagen einige Meter tief in den Bach stürzten. Das eine Pferd wurde durch die
nachstürzenden Geländersteine sofort getötet, während das andere Pferd und
der Wagen unbeschädigt blieb, ebenso kamen die beiden im Wagen sitzenden
Leute mit dem Schrecken davon. Das getötete Pferde kostete über 500 Mark." |
Zur Goldenen Hochzeit von Simon und Klara Birk (1909)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Mai 1909:
"Sterbfritz, 25. April (1909). Am hiesigen Orte war es dem Ehepaar
Simon und Clara Birk vergönnt, im Kreise zahlreicher Kinder und Enkel die
goldene Hochzeit zu feiern. Seine Majestät verlieh demselben die
Jubiläumsmedaille. Als Beweis guten Einvernehmens beider Konfessionen am
hiesigen Platze konnte die Teilnahme des Herrn Bürgermeisters und des
Herrn Pfarrers an der schön verlaufenen Feier gelten." |
Privatklagesache des Josef Birk in Sterbfritz gegen Emil Franke in Mottgers
(1912)
Artikel
in der "Schlüchterner Zeitung" vom 16. Juli 1912: "Schwarzenfels. Das
Schöffengericht Schwarzenfels beschäftigte sich am 11. dieses Monats mit der
Verhandlung von 3 Sachen und zwar: ... 3. Die Privatklagesache des Josef
Birk in Sterbfritz gegen Emil Franke in Mottgers wegen Beleidigung, die
jedoch vor Eintritt in die Hauptverhandlung sich durch Vergleich dahin
erledigte, dass Angeschuldigter alle Kosten, mit Ausnahme der des Vertreters
des Privatklägers, zu tragen sich verpflichtete." |
90. Geburtstag des aus Sterbfritz stammenden Lehrer i.R. Samuel Birk (1929 in
Meerholz) sowie sein Tod im darauf folgenden Jahr (1930)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Mai 1929: "Meerholz
(Kreis Gelnhausen), 20. Mai (1929). Am vergangenen Donnerstag den 16. Mai
feierte Herr Lehrer i.R. S. Birk, seinen 90. Geburtstag. Der Jubilar
erfreut sich einer seltenen geistigen und körperlichen Rüstigkeit.
Lehrer Birk ist geboren in Sterbfritz. Seine Ausbildung erhielt er
an dem heute nicht mehr bestehenden Lehrerseminar in Schlüchtern.
Nach Absolvierung seiner Studien wurde ihm die Stelle in Wachenbuchen
bei Hanau übertragen, von wo aus er am 16. Oktober 1874 an die damalige
israelitische Volksschule nach Meerholz
berufen wurde. Dort versah er den Dienst als Lehrer, Vorbeter und Schochet
bis 1. Oktober 1908 in vorbildlicher Weise. Seit dieser Zeit lebt Herr
Birk, geehrt und geachtet von allen Mitbürgern hier, im
Ruhestand.
Die Geburtstagsfeier gestaltete sich so recht zu einem Ehrentag. In seiner
Bescheidenheit hatte sich der Jubilar die von der israelitischen Gemeinde
geplanten Feierlichkeiten verbeten, sodass nur eine familiäre Feier
abgehalten wurde. Viele Kollegen aus Nah und Fern waren gekommen. Der
Hessische Lehrerverein ließ durch seinen Vorstand telegraphisch seine
Wünsche übermitteln. Neben einem Glückwunschtelegramm des Vorstandes
des hessischen jüdischen Lehrervereins, hatte diesem seinem Mitglied,
Lehrer (Samuel) Levi Birstein, den
Auftrag erteilt, persönlich die Wünsche der jüdischen Lehrerschaft
Hessens zu übermitteln. In seiner Ansprache verglich Lehrer Levi den
Jubilar mit unserem Lehrer Mosche, der im hohen Alter - 'sein Auge war
nicht getrübt und seine Säfte nicht geschwunden' (5. Mose 34,7) -
ungebrochen an körperlichen und geistigen Kräften sein 90. Jahre
vollendet hat. Selbstverständlich hatten sich die Mitglieder der
Israelitischen Gemeinde Meerholz vollzählig eingefunden, und auch viele
andere hatten persönlich oder schriftliche ihre Wünsche ausgesprochen.
die israelitische Gemeinde Hanau ließ durch Herrn Lehrer Weingarten
gratulieren. Es ist nicht möglich, all die Ehrungen einzeln aufzuzählen,
die dem Jubilar als Nestor der Lehrerschaft Kurhessens zuteil wurden. '(Alles
Gute) bis 120 Jahre." |
| |
Artikel
in der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 10. September 1930: "Meerholz.
(Todesfall.) Im Alter von 91 Jahren starb hier nach kurzer Krankheit
der älteste Lehrer Hessens S. Birk. Der Verblichene war in Sterbfritz
im Kreise Schlüchtern geboren, besuchte das Lehrerseminar in
Schlüchtern und trat 1858 ins
Lehramt. Von 1874 bis 1908 war er hier als Lehrer und Kantor der jüdischen,
Gemeinde tätig, die ihrem greisen geistigen Führer bis in die letzten
Lebenslage Liebe und Verehrung entgegenbrachte. Bewundernswert war das rege
Interesse, das der Verstorbene bis kurz vor seinem Tode allen Vorgängen des
täglichen und beruflichen Lebens entgegenbrachte: Die von ihm verwaltete
öffentliche jüdische Schule ist allerdings vor einigen Jahren durch die
Regierung in Kassel aufgelöst worden, nachdem der Amtsnachfolger eine Stelle
an der jüdischen Volksschule in Felsberg
erhalten hatte." |
Zum Tod von Lenchen Dessauer (1930)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 10. Juli 1930: "Sterbfritz, 7. Juli (1930). Am Rosch
Chodesch Tamus (1. Tammus = 27. Juni 1930). wurde Lenchen Dessauer zu
Grabe getragen. Ein biederes Weib, wie es der königliche Sänger
schildert, ist mir ihr dahingegangen. Selbstlos und bescheiden hat sie
gelebt. Dem Gatten eine treue stets sorgende Gehilfin, ihren Kindern eine
herrliche, gute Mutter, ihren Mitmenschen eine immer hilfsbereite,
beratende Schwester und den Armen, die nur allzu gern sie aufsuchten, war
sie eine Trostspenderin im wahrsten Sinne des Wortes. Denn nicht nur ihre
offene Hand, die Art und Weise ihres Gebens, zeugten von edlem
Menschentum, auch ein Stück Heimat gab sie den an ihre Tür Pochenden und
somit den wahren Trost. Von der Verehrung, die die teure Verblichene in
ihrem Heimatdorfe bei allen Konfessionen genoss, kündete der große
Trauerzug, der ihr das letzte Geleite gab. Ihre Seele sei eingebunden
in den Bund des Lebens." |
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Artikel
in der "Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Hessen und
Waldeck" vom 11. Juli 1930:
ähnlicher Bericht wie in der Zeitschrift "Der Israelit"
(siehe oben) |
Zum Tod der Witwe des Lehrers Samuel Neuhaus, Frau Rosa Neuhaus (1935)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Juni 1935:
"Sterbfritz, 11. Juni (1935). Am Rosch Chodesch Siwan (= 2.
Juni 1935) wurde hier die Witwe des verstorbenen Lehrers Samuel Neuhaus,
Frau Rosa Neuhaus, zu Grabe getragen. Alle, die sie kannten, ihre Familie
und die Gemeinde verlieren in der Dahingegangenen einen Menschen, der
zeitlebens erfüllt war von wahrer innerster Gottesfurcht, aufopfernder
Mutter- und großer Nächstenliebe. Sie war ein Muster und Vorbild zum
Guten! Die Verstorbene konnte den unersetzlichen Verlust ihres Gatten nie
ganz verschmerzen. Von einem schrecklichen Krankenlager, dessen Leiden sie
mit fast übermenschlicher Geduld ertragen, hat sie Gott zu sich
genommen. Jetzt ruht sie in Frieden vereint mit ihrem einstigen
Lebensgefährten auf dem altehrwürdigen Friedhof in Altengronau.
Möge
ihr Verdienst ihren Kindern und uns allen beistehen. Ihre Seele sei
eingebunden in den Bund des Lebens." |
Zu Max Dessauer (1893-1962)
Mit seinen Dorfgeschichten 'Aus
unbeschwerter Zeit' (erschienen Frankfurt 1962) setzte der Sterbfritzer Max Dessauer dem harmonischen
Zusammenleben von Christen und Juden ein literarisches Denkmal. Max
Dessauer war die Flucht von Sterbfritz nach Frankreich gelungen. Während
des Krieges schloss er sich der französischen Widerstandsbewegung an und
lebte unter dem Namen 'Mortfric' (Sterbfritz) im Untergrund. Nach dem
Krieg kehrte er nach Frankfurt zurück, wo er 1962 starb. Über das Ende
der jüdischen Gemeinde Sterbfritz schrieb er:
"Dann, bald nach Kriegsbeginn, wurden die im Dorf lebenden Juden
nach dem Osten deportiert. Die Gendarmen holten sie aus ihren Häusern
heraus und brachten sie zum Bahnhof. An der Rampe stand ein Viehwagen.
Viele Männer und Frauen aus dem Dorf sahen diesen Abschied. Sie durften
mit den Juden nicht einmal mehr sprechen. Manche weinten. Verstohlen
drückten einige ihnen die Hände, steckten ihnen auch noch etwas zu die
lange Reise, die die letzte wurde. Die Gendarmen duldeten es, wenn sie es
zufällig sahen! Das war alles, was sie tun durften, denn se wurden scharf
beobachtet. Mit Schlägen und Hieben empfingen die Transportbegleiter die
Juden des Dorfes und stießen sie in den Waggon. Alte und Kranke, Männer,
Frauen und Kinder. Das jüngste war erst vier Jahre alt." |
Hinweis: Informationen zum Tierarzt Dr. Max Birk (geb. 24.7.1896 in
Sterbfritz als Sohn von Handelsmann Joseph Birk und Regina geb. Stern, 1936 nach
Palästina emigriert, 1943 in Netanya verstorben) siehe
https://www.bundestieraerztekammer.de/ns-schicksale/detail/2349/birk-dr.-max
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Hinweis: in jüdischen Periodika finden sich noch etliche andere Anzeigen aus
Sterbfritz; hier wird nur eine Auswahl abgebildet.
Versandbäckerei Raphael Schuster - Anzeigen von 1890
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| Anzeigen
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. April 1890, 16. Juni
1890 und vom 11. August 1890 mit ziemlich gleich lautendem Text:
"Koscher. Geröstete Zwieback, lange haltbar besonders für
Kinder, Kranke und als Kaffeegebäck zu empfehlen, liefert in Postpakete
à 2, 3 Mark und mehr. Raphael Schuster, Sterbfritz (Hessen-Nassau)." |
M. L. Schuster sucht eine Lehrstelle für seinen
Sohn sowie einen Reisenden für sein Geschäft (1891)
sowie Kommis-Suche des Dielen-, Baumaterialien-, Eisen- und
Manufakturwarengeschäftes M. L. Schuster (1904)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Mai 1898: "Per 15.
Mai suche ich für meinen Sohn Lehrlingsstelle in einem Manufakturwaren-
oder gemischten Warengeschäft, welches Sabbat und Festtage geschlossen,
mit Station im Hause. Ferner suche ich für mein gemischtes Warengeschäft
per 15. Mai, einen tüchtigen Detail-Reisenden. Station im Hause. Offerten
mit Gehaltsanspruch und Zeugnissen erbeten.
M.L. Schuster in
Sterbfritz." |
| |
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
14. April 1904:
"Suche für mein Dielen, Baumaterialien-, Eisen- und Manufakturwaren-Geschäft,
einen Commis
als Verkäufer und für Korrespondenz. Samstags geschlossen.
Kost und Logis im Hause.
M. L. Schuster, Sterbfritz." |
| |
Weiteres
Dokument: Rechnung von M.L. Schuster Nachf. in Sterbfritz über 300
Bieberschwänze (Dachplatten) an die Kirchenstiftungskasse Zeitlofs
(1922)
(Dokument erhalten von Joachim Weichert) |
| |
Foto
eines LKW der Firma "M.L. Schuster Nachf. Holz, Baumaterialien, Eisen.
Tel. Nr. 6 Sterbfritz"
(erhalten von Dirk Ebenhöch/Archiv Chronikteam Sterbfritz)
|
Stellengesuch von Elias Goldschmidt (1892)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Oktober 1892:
"Suche per sofort Arbeit als Geselle bei einem jüdischen Schuhmachermeister.
Elias Goldschmidt, Sterbfritz, Kreis
Schlüchtern." |
Gesellensuche des Metzgers Michael Schuster (1897)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. September 1897:
"Ein tüchtiger Metzgergeselle von 18-20 Jahren wird zum sofortigen
Eintritt oder per 1. Oktober gesucht.
Michael Schuster, Metzger,
Sterbfritz." |
Bäcker Juda Schuster sucht Mitarbeiter (1898 / 1901 / 1903)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. September 1898:
"Tüchtiger Bäckergeselle gesucht.
Juda Schuster, Bäckerei, Sterbfritz, Hessen." |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. September 1901:
"Ein angehender Gehilfe und ein Lehrling gesucht.
Bäckerei Juda Schuster, Sterbfritz
(Hessen)." |
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Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 25. September 1903:
"Einen tüchtigen Gesellen und einen Lehrling aus achtbarer Familie
suche für meine Bäckerei. Juda Schuster.
Sterbfritz." |
Commis-Suche von Joses Schuster (1900)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Juni 1900: "Suche
einen jüngeren Commis, für Detail Reisen mit guter Handschrift,
per 15. Juli. Samstags und Feiertage geschlossen.
Joses Schuster, Sterbfritz, Hessen." |
Jakob Hecht sucht eine Stelle (1903)
Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 28. Mai 1903:
"Suche eine Stelle als Geselle in Schabbos geschlossener
Sattlerei.
Jakob Hecht, Sterbfritz." |
Bäckermeister M. Strauss sucht einen Gesellen (1902)
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 17. Juli 1902:
"Ein tüchtiger
Bäckergeselle
kann sofort eintreten, Schabbes und Jontef geschlossen, bei
M. Strauss, Bäcker in Sterbfritz." |
Anzeige des Manufakturwaren- und
Maschinengeschäftes Marcus Goldschmidt II (1909)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Januar 1909: "Suche per Anfangs
Februar für mein Manufakturwaren- und Maschinengeschäft, welches an
israelitischen Sonn- und Feiertagen streng geschlossen ist,
einen Lehrling
mit guter Schulbildung aus achtbarer Familie bei freier Kost und Logis.
Marcus Goldschmidt II. Sterbfritz." |
Anzeige des gemischten
Warengeschäftes Lazarus Schuster (1909)
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 29. Juli 1909: "Ich suche in mein
gemischtes Warengeschäft, Samstags geschlossen, einen jüngeren
Detail-Reisenden
mit guter Handschrift. Eintritt 1. Oktober.
Lazarus Schuster, Sterbfritz." |
Gesellengesuch der Bäckerei Josef Strauß (1911) und weitere Anzeige (1919)
Anzeige
in "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 18. August
1911: "Junger tüchtiger Bäckergeselle sofort gesucht.
J.
Strauß, Sterbfritz". |
| |
Anzeige
der Bäckerei Josef Strauss in der "Schlüchterner Zeitung" vom 12. März 1919:
"Habe meine Bäckerei wieder eröffnet und bitte um geneigten Zuspruch.
Josef Strauss, Bäckerei, Sterbfritz." (Anzeige erhalten von
Dirk Ebenhöch) |
Hochzeitsanzeige für Eugen Weil und Manni geb. Birk
(1913)
Anmerkung: Eugen Weil ist am 28. August 1881 in Frankfurt geboren als Sohn von
David Josef Weil und der Rosa geb. Felsenstein. Er heiratete Mathilde Manny (MannIí)
geb. Birk, die am 24. März 1892 in Sterbfritz geboren ist als Tochter von
Joseph Birk und der Regina Ritta geb. Stern. Die beiden lebten in Frankfurt, wo
die Kinder Ilse Fanny Weil (1915-2001), Ruth Margarete Betti Weil (1918-2020)
und Hanna Weil (1923-2009) geboren sind. Die Familie konnte in der NS-Zeit in
die USA emigrieren. Eugen Weil starb am 25. April 1947 in Manhattan, New York
City NY, USA, Mathilde Manni Weil starb am 4. Januar 1988. Weitere genealogische
Informationen siehe über
https://www.geni.com/people/Eugen-Weil/5304438352620119741
Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 14. März 1913: "Statt
jeder besonderen Anzeige.
Die Verlobung ihrer Kinder
Manny und Eugen beehren sich anzuzeigen
Josef Birk und Frau D. J. Weil und Frau.
Sterbfritz März 1913/Adar I 5673 Frankfurt am Main, Am
Tiergarten 36
Manny Dirk - Eugen Veil Verlobte.
Empfang in Frankfurt a. M., Samstag, 15. März und Sonntag, 16. März."
|
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Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 11.
Juli 1913: "Statt Karten! Wir beehren uns Freunden und Bekannten
mitzuteilen, dass die Trauung unserer Kinder Manni und Eugen
- so Gott will - Sonntag, 13. Juli (8. Tamus) mittags 1 1/2 Uhr in
Frankfurt am Main, Loge Carl, Mozartplatz, stattfinden wird.
Herr und Frau Josef Birk, Sterbfritz. Herr und Frau David J. Weil,
Frankfurt am Main." |
Erinnerung an das Manufakturwarengeschäft Emanuel Schuster
Haus
der Familie Emanuel Schuster im Hof 8 mit ihrem
Manufakturwarengeschäft: auf dem Foto ist Emanuel (gest. 5. Januar 1922) mit
seinen Söhnen Norbert (geb. 1908) und Milan (geb. 1903 zu sehen. Das Haus
wurde um 1940/41 abgerissen, um Platz für Arbeiterbaracken zu erhalten
(Foto erhalten von Dirb Ebenhöch). |
Anzeige der Schuhhandlung Dessauer (1919)
Anzeige
in der "Schlüchterner Zeitung" vom 1. November 1919: "Herren-,
Damen- und Kinderstiefel
sind in reicher Auswahl und in erstklassigen Qualitäten wieder eingetroffen
bei
S. Dessauer,
Sterbfritz." (Anzeige erhalten von Dirk Ebenhöch) |
Weitere Dokumente
Rechnung/Quittung der Spezerei-, Eisen- und Schnittwarenhandlung - Tabak &
Zigarren Lismann Straus (1864)
Die
Rechnung vom 1. August 1864 wurde von Lismann Straus quittiert am 7.
September 1864.
(erhalten von Dirk Ebenhöch) |
Rechnung der Manufaktur-, Eisen- & Spezerei-Waren,
Porzellan- & Glaswaren, Dielen- & Lattenhandlung Juda Marx (1886)
und Anzeige u.a. von Juda Marx Sohn
(1912)
Die Rechnung der
"Manufactur-, Eisen- & Spezerei-Waaren, Porzellan- & Glaswaaren, Dielen- & Lattenhandlung
von Juda Marx
in Sterbfritz datiert vom 1. Februar 1886.
Juda (Juedel) Marx wurde am 23. Januar 1839 in Sterbfritz geboren. Er starb am 20. Februar 1927 in Sterbfritz und
wurde begraben auf dem jüdischen Friedhof in
Altengronau.
Juda Marx war zweimal verheiratet, in erster Ehe mit Hannchen (Johannette) geb.
Tannenbaum, geb. 1839 in Harmuthsachsen, gestorben am 27. Oktober 1869 in Sterbfritz.
Hannchen Marx, geboren am 21. Oktober 1869 in Sterbfritz war ein Kind
aus dieser ersten Ehe. Sie ist am 14. Februar 1944 im Ghetto
Theresienstadt umgekommen. Sie war verheiratet mit Salomon Schuster,
geb. 1. April in Romsthal. Er ist am 9. Oktober 1942
im Ghetto Theresienstadt umgekommen.
In zweiter Ehe war Juda Marx verheiratet mit Schanette (Jeanette) geb. Hecht.
Aus dieser Ehe gingen acht Kinder hervor:
Minna Marx, geb. 10. September 1872 in Sterbfritz, Lena Marx,
geb. 15. Dezember 1873 in Sterbfritz, verheiratet mit Joseph Reichsheimer,
Joseph Marx, geb. 1875, gestorben 8. Oktober 1901 in Sterbfritz, Malchen
(Amalie) Marx, geb. 15. Dezember 1876 in Sterbfritz, gestorben am 3. Februar 1951 in New York,
verheiratet mit Nathan Zimmermann, geb. 7. September 1873 in Ober-Seemen, gestorben am 24. November in New York,
Betti Marx, geb. 28. April 1876, gestorben am 20. September 1926 in Seligenstadt, verheiratet mit Josef Lilien,
geb. 20. Juni 1874 in Seligenstadt, gestorben am 31. August 1948 in New
York,
Aron Marx, geb. 19. November 1881, am 12. November 1943 im Ghetto
Theresienstadt umgekommen,
Shmuel Marx, geb. 1884, gestorben am 25. August 1885 in Sterbfritz, begraben im jüdischen Friedhof in Altengronau,
Max Marx.
Quellen: https://www.geni.com/people/Juedel-Marx/6000000006374298052
http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/gsrec/current/280/mode/base/setmode/base/pageSize/50/sn/juf?q=Altengronau&fq%5B%5D=sprache%3Ahebr%C3%A4isch%2C+deutsch
http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/gsrec/mode/grid/setmode/grid/current/137/page/5/sort/score+asc/pageSize/30/sn/juf?q=Altengronau |
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Anzeige
in der "Schlüchterner Zeitung" von 1912: "Flachs-, Hanf- und Abwerg zur
Lohnverarbeitung - unter Garantie höchstmöglichsten Ergebnisses wie
billigster Löhne - übernehmen das ganze Jahr über für die bekannt
leistungsfähige Spinnerei Schornreute in Ravensburg und erbitten sich
freundliche Zuweisungen
die Vertreter (5 nichtjüdische Namen, dann:) Juda Marx Sohn Sterbfritz."
|
Dokument eines Grundstücksverkaufes von David Goldschmidt an J. G. Röder (1900)
(Quelle: Archiv des Chronikteams Sterbfritz - Nachlass Röder)
Die
Urkunde ist datiert auf den 8. Mai 1900: "Das auf den Namen des David
Goldschmidt und Ehefrau Ernestine geb. Ramsfelder von Sterbfritz im
Grundbuch von Bd. VII Nr. 390 eingetragen gewesene Grundstück... ist
ihnen ... als Eigentum zugeschrieben worden..."
(erhalten von Dirk Ebenhöch) |
Karte von Moritz Schuster an Josef Metzler in Bad Orb (1915)
Die
Karte wurde von Moritz Schuster am 16. Februar 1915 an Josef Metzler in
Bad Orb geschickt (Dokument erhalten von Dirk Ebenhöch)
Es handelte sich um das Geschäft von Moritz Schuster, vormals David Schuster
in Sterbfritz. Möbel und Polsterwaren. Näh- und landwirtschaftliche
Maschinen. Eisen, dielen, Baumaterialien, Manufakturwaren. |
Adam Kleinhenz wird wegen Kontakten mit jüdischen Einwohnern unter Druck von
Seiten der NSDAP-Ortsgruppe gesetzt (1935)
Brief
der NSDAP Ortsgruppe Sterbfritz vom 21. Januar 1935 an Adam Kleinhenz in
Sterbfritz (Dokument erhalten von Dirk Ebenhöch):
Zum Lesen bitte die Textabbildung anklicken. |
Kleine Mitteilungen aus jüdischen Periodika (Auswahl)
- Verlobung von Rosalie Mayer aus Rodheim
mit Max Marx (Sterbfritz) (in "Frankfurter Israelitisches
Familienblatt - Neue jüdische Presse" vom 4. September 1908 S. 5)
- Am Lehrerseminar Kassel besteht Lehramtskandidat Strauß aus
Sterbfritz die Entlassungsprüfung (in "Frankfurter Israelitisches
Familienblatt - Neue jüdische Presse" vom 4. März 1910)
- Verlobung von Ida Reiter (Buttenwiesen)
mit Jakob Birk (Sterbfritz) (in: "Frankfurter Israelitisches
Familienblatt - Neue jüdische Presse" vom 23. Dezember 1910 S. 6)
- Hochzeit von Max Nußbaum (Vollmerz)
und Bella Goldschmidt (Sterbfritz) im Restaurant Klein in Hanau am 31.
August 1930 (in: "Israelitisches Familienblatt" vom 28. August 1930 S. 6)
- Verlobung von Alma Mannsbach (Gensungen-Marköbel) mit Heini Stern
(Sterbfritz) (in "Israelitisches Familienblatt" vom 12. Mai 1932)
- Hochzeit von Ernst Goldberg (Melsungen)
und Hilde geb. Goldschmidt (Sterbfritz) am 12. Februar 1933 in Melsungen
(in "Israelitisches Familienblatt" vom 9. Februar 1933 S. 6)
- 60. Geburtstag von Sara Goldschmidt geb. Bravmann am 27. Oktober
1933 in Sterbfritz (in "Israelitisches Familienblatt" vom 26. Oktober
1933 S. 6)
- Tod von Julchen Hecht in
Witzenhausen, Schwester von Lehrer Neuhaus aus Sterbfritz, verstarb
im 66. Lebensjahr (in: "Israelitisches Familienblatt" vom 21. Februar
1935 S. 15; vgl.
https://lagis.hessen.de/de/personen/juedische-grabstaetten/alle-eintraege/5366)
Dokumente zur Familie Sally und Sofie Schuster
(Dokumente erhalten über Dirk Ebenhöch)
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Sally und Sofie Schuster
im September 1938
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Das 1929 gebaute Wohnhaus der Familie
Sally Schuster
(Darmhandlung usw.) in der Kinzigstraße 12, heute Am Ärztehaus 2; vor
dem Haus die Kinder Isfried, Rudolf und Karl |
"Judenpass" (mit
aufgedrucktem "J") von 1939 für
Isfried Schuster (geb. 12. Juli 1924 in Sterbfritz,
gest. 2017 in Argentinien)
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| Anmerkung: Salli
(Salomon) Schuster ist am 23. April 1893 in Sterbfritz geboren als Sohn von
Juda Schuster und der Klara (Klärchen, Kelle) geb. Grünebaum. Er war
verheiratet mit Sophie geb. Strauss, die am 17. Juli 1901 in
Laudenbach (MSP)
geboren ist. Die beiden hatten sechs Kinder, darunter Isfried, der am 12.
Juli 1924 in Sterbfritz geboren. ist. Sally Schuster war in Sterbfritz nach
dem Hausschild (Foto oben Mitte) Inhaber einer "Darmhandlung - Fleischerei
Machines-Werkzeuge - Metzger-Wäsche - Felle", nach der Liste im
Kreisadressbuch (siehe unten) Inhaber einer "Häute- und Fellhandlung". In
der NS-Zeit konnte die Familie nach Argentinien
emigrieren. Salli Schuster starb am 3. März 1987 in Buenos Aires, seine Frau
Sophie starb am 31. Januar 1990 gleichfalls in Buenos Aires. Isfried ist im
Juli 2017 gestorben. Genealogische Angaben nach
https://www.geni.com/people/Salli-Schuster/6000000006803076376 und nach
MyHeritage Familienstammbäumen. |
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Die Feuerwehr in
Sterbfritz 1929
mit jüdischen Feuerwehrmitgliedern |
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Auf dem Fotoausschnitt sind zu
sehen: von links Bürgermeister Adam Löffert, Johann Kraus, Sally
Schuster, Fahrer Alois Weiß. In der Gruppe sind auch Artur Kahn und
Benjamin Strauß zu sehen. |
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Links: Liste
über die verschiedenen Familien Schuster in Sterbfritz in den 1920er-Jahren
(Quelle: Kreisadressbuch von ca. 1925/27 S. 70); der noch genannte Nathan
Schuster heiratete im Mai 1926 und zog nach
Schmalkalden. |
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| Kennkarte
aus der NS-Zeit |
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Am 23. Juli 1938 wurde
durch den Reichsminister des Innern für bestimmte Gruppen von
Staatsangehörigen des Deutschen Reiches die Kennkartenpflicht
eingeführt. Die Kennkarten jüdischer Personen waren mit einem großen
Buchstaben "J" gekennzeichnet. Wer als "jüdisch"
galt, hatte das Reichsgesetzblatt vom 14. November 1935 ("Erste
Verordnung zum Reichsbürgergesetz") bestimmt.
Hinweis: für die nachfolgenden Kennkarten ist die Quelle: Zentralarchiv
zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland: Bestände:
Personenstandsregister: Archivaliensammlung Frankfurt: Abteilung IV:
Kennkarten, Mainz 1939" http://www.uni-heidelberg.de/institute/sonst/aj/STANDREG/FFM1/117-152.htm.
Anfragen bitte gegebenenfalls an zentralarchiv@uni-hd.de |
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Kennkarte
des in Sterbfritz
geborenen Emil Straus |
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Kennkarte (ausgestellt
in Mainz 1939) für Emil Straus
(geb. 29. Dezember 1856 in
Sterbfritz), Rentner |
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Zur Geschichte der Synagoge
Thea Altaras (1988 S. 160) vermutet, dass das in der
Mittelgasse stehende Synagogengebäude aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts
stammte. Es handelte sich um einen zweigeschossigen Fachwerkbau mit Satteldach
und Zwerchhaus, an dessen Hälfte ein quadratischer Anbau angelehnt war,
vermutlich das Schulhaus (vgl. Foto unten). Im Bereich des Toraschreines gab es
hohe Fenster, möglicherweise ursprünglich auch an den Seitenwänden.
Offenbar gab es schon relativ früh (nach Anzeige spätestens seit 1837) in den Synagogen in
Sterbfritz und Oberaula von dem
Lehrer Benedict Hause aus Oberaula gehaltene
deutsche Predigten. Mehrere Jahre
lang wurde in der Zeitschrift "Der Israelit" für ein paar seiner in
Drucklegung erschienene Predigten geworben, "vorgetragen in den Synagogen Sterbfritz
und Oberaula":
Veröffentlichung von Predigten aus den Synagogen Sterbfritz
und Oberaula 1837 / 1842 / 1844
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 7. Juli 1838: "Soeben sind
erschienen und in allen Buchhandlungen zu haben:
Drei Predigten,
vorgetragen in den Synagogen zu Sterbfritz
und Oberaula, von Benedict Hause, Lehrer an der öffentlichen
israelitischen Schule zu Oberaula. gr. 8 br. - 6 Gr.
Predigt
bei der Einweihung der neuen Synagoge in Oberaula (in Kurhessen), am
15. September 1837 von demselben.
gr. 8. br. 3 3/4 Sgr. F. Schuster in Hersfeld."
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit des 19. Jahrhunderts" vom 30.
Januar 1842: Bekanntmachung. Bei F. Schuster in Hersfeld und
Homberg ist erschienen und durch alle Buchhandlungen zu
beziehen:
Hause, B., Drei Predigten, vorgetragen in den Synagogen zu
Sterbfritz
und Oberaula. gr. 8. broch. 7 1/2 Sgr.
- Predigt bei der Einweihung der neuen Synagoge in Oberaula.
gr. 8. br. 3 3/4 Sgr.
Immer mehr kommt die deutsche Predigt in den Synagogen in Aufnahme und
wird gewiss dazu beitragen, mehr Licht in dieselben zu bringen. Darum
ist's verdienstlich, wenn gute deutsche Predigten von jüdischen
Religionslehrern gedruckt werden, damit dieselben auch die häusliche
Erbauung befördern und beleben. Obige Predigten sind in vielen
Rezensionen sehr gerühmt worden; in denselben herrscht die reine Moral,
die über allen Sekten erhaben steht." |

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. November 1844: Derselbe
Text wie links. |
Zu den besonderen Ereignissen in der Geschichte jeder
Synagoge gehörte es, wenn eine neue Torarolle einzuweihen war, was gewöhnlich
als Fest des ganzen Dorfes mit einer großen Prozession zelebriert wurde. Auch
in Sterbfritz wurde im im März 1900 ein solches Ereignis festlich begangen,
wenngleich noch kein Bericht hierzu, nur eine Liste mit Spenden anlässlich
dieses Ereignisses gefunden werden konnte.
Einweihung einer Torarolle 1900
Im
Artikel aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. März 1900
werden Personen genannt, die anlässlich der Einweihung der Torarolle
gespendet haben. |
Renovierungsarbeiten (1905)
Anzeige in der "Schlüchterner Zeitung Nr.45
vom 7. Juni 1905 (Hinweis von Dirk Ebenhöch): "Die Herstellung der
Außenwände, der Synagoge, Lehrerwohnung und Schulsaal daher, soll im
Submissionswege, an den wenigstnehmenden vergeben werden. Angebote hierauf,
sind bis zumn 13. Juni d.Jr. mittags 3 Uhr verschlossen, an den
Unterzeichneten, bei welchen das Näherer über die Ausführungen der Arbeiten
einzusehen ist, einzureichen.
Sterbfritz den 1. Juni 1905. Der Synagogenälteste M.L. Schuster." |
Nach dem Ersten Weltkrieg
plante die jüdische Gemeinde den Neubau einer Synagoge in Sterbfritz. Doch ist
dieser Plan nicht mehr ausgeführt worden.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch SA-Leute im
Inneren verwüstet. Danach wurde das Gebäude als Abstellraum verwendet und nach
1961 abgebrochen. Das Grundstück wurde mit einem Einfamilienhaus neu
bebaut.
Adresse/Standort der Synagoge: Grundstück
Mittelgasse 9
Fotos
(Foto in der ersten Fotozeile erhalten von Dirk Ebenhöch/Archiv
Chronikteam Sterbfritz; Schwarzweißfoto in der zweiten Fotozeile links aus: Arnsberg, Bilder S. 190 mit Quelle:
Frankfurter Rundschau 1961, Foto Hattemer; Foto zweite Fotozeile rechts erhalten
von Dirk Ebenhöch/Archiv Chronikteam Sterbfritz; neuere Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 31.5.2007)
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Zur Geschichte eines ehemaligen jüdischen
Hauses:
das Haus Brückenauer Straße 38
(um 1910/15 im Besitz von Seligmann Klein - in den 1920er-Jahren
Familie Schuster
- seit 1938 Familie Kaspar Merx - ca. 1988
letzter Besitzerwechsel;
Fotos erhalten von Joachim Weichert)
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Das
Gebäude ca. 1910/15 - damals im
Besitz von Seligmann (Seli) Klein; in den
1920er-Jahren wurde das Gebäude
aufgestockt und nach links erweitert |
Seit 1938 war das
Gebäude im Besitz
von Kaspar und Angelika Merx (am Fenster:
A. Merx und J. Müller) |
nach 1938: Textil-
& Schuhwarengeschäft
von Kaspar Merx jr.
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Das Gebäude in
den 1960er-Jahren
mit Vorbau: Schaufenster für den Laden |
Um 1980: Umbau des
Gebäudes: Erneuerung
der rechten Gebäudehälfte |
Originale
Haustür, die bereits auf dem
Foto von 1910/15 zu sehen ist |
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| Das
Haus Brückenauer Straße Anfang 2012 (Fotos: Joachim Weichert) |
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Haus der
Familie Josef Birk
und Regine geb. Stern
(Foto erhalten von Dirk Ebenhöch) |
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Das Haus Am
Rathaus 1 wurde 1936
an den Bäckermeister Philipp Freund verkauft. |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 298-299. |
 | ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder -
Dokumente. S. 190. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 160. |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 138. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 226-227. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 589. |
 | Max Dessauer: Aus unbeschwerter Zeit - Geschichten
um die Juden aus meinem Dorf. Vorwort von Carlo Schmid. Verlag Frankfurter
Bücher. Frankfurt 1962. 183 S.
Max Dessauer ist es zu verdanken, dass von der jüdische Tradition in Sterbfritz neben dem dunkelsten Kapitel auch freundlichere Bilder überliefert sind. In seinem Buch aus unbeschwerter Zeit“ schildert der 1962 Verstorbene Geschichten und Episoden aus einer Zeit, in der Christen und Juden an der Kinzigquelle ein gut nachbarliches, häufiger gar freundschaftliches Miteinander pflegten.
Die Erinnerungen Dessauers vermitteln einen lebendigen Eindruck vom Landjudentum, das in Hessen und speziell im Bergwinkel einen vergleichsweise überdurchschnittlichen Bevölkerungsanteil stellte. Zur Blütezeit 1885 waren in Sterbfritz immerhin 15 Prozent der etwas mehr als 1000 Bewohner jüdischen Glaubens. Der Anfang des 19. Jahrhunderts gebauten Synagoge war sogar eine eigene einklassige Elementarschule angegliedert. Obgleich Juden und Christen auf dem Land im Glauben stark traditionsgeprägt waren,
'gab es im Alltag viele Bindungen, die konfessionelle Unterschiede aufhoben“, schrieb Dessauer. Nicht zuletzt auch die Armut, das kärgliche Dorfleben, verband beide Bevölkerungsgruppen. So fanden sich Juden in der Gemeindevertretung, politischen oder geselliger. Vereinsvorständen bis hin zur Feuerwehr. Ein Ort der Geselligkeit war das jüdische Café Schuster, in dem auf einem Grammophon alte Platten liefen und später das erste Radio im Dorf angeschaltet wurde. Juden und Christen spielten hier Karten. sonntags wurde getanzt.. |
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Thomas Müller: Max Dessauer (1893-1962): Ein
Sterbfritzer Jude, sein Leben und seine Erinnerung an die 'unbeschwerte
Zeit'. In: Unsere Heimat. Mitteilungen des Heimat- und Geschichtsvereins
Bergwinkel e.V. Heft 14 1998.
Beiträge zur Geschichte jüdischer
Sterbfritzer. Hrsg.: Heimat- und Geschichtsverein Bergwinkel e.V. S. 1-110.
Basierend auf einem Buch vom Max Dessauer (1893-1962) haben sich Monica Kingreen und Thomas Müller auf die jüdischen Spuren in Sterbfritz begeben. Ihre Forschungsarbeit ist vom Heimat- und Geschichtsverein Bergwinkel in der Broschüre
"Beiträge zur Geschichte jüdischer Sterbfritzer" dokumentiert.
Auf 100 Seiten zeichnet der am Grimmelshausen-Gymnasium beschäftigte Referendar Thomas Müller (34) den Lebensweg Max Dessauers nach, der Kindheit und Jugend in Sterbfritz verbrachte, im ersten Weltkrieg schwer am Arm verwundet wurde, während der Weimarer Republik als Kaufmann in Fulda und Offenbach arbeitete und 1936 vor den Nazis nach Frankreich floh.
Dort gelang es ihm nicht nur, mit Frau und Tochter unterzutauchen, sondern über Kontakte zu Widerstandsgruppen auch vielen verfolgten Juden zu helfen.
Mitte der 50iger Jahre war Dessauer maßgeblich am Aufbau eines Altenwohnheims bei Paris für Überlebende des Völkermordes beteiligt. Dabei knüpfte er Kontakte zu namhaften deutschen Politikern, darunter Carlo Schmidt, der ihn drei Jahre nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1961 mit dem Bundesverdienstkreuz auszeichnete. |
 | Monica Kingreen: Lazarus Hecht aus Sterbfritz – ein jüdischer Hausierer, in:
ebd. S. 111-119.
Das Schicksal des kleinen treuherzigen, im gesamten Kreis Schlüchtern bekannten Hausierers Lazarus Hecht zeichnet die Nidderauer Geschichtsforscherin und Autorin Monica Kingreen noch einmal gesondert nach. Sie bezeichnet Hecht, der sich mit einem kleinen Bauchladen mehr schlecht als recht über Wasser hielt als
'prägnante und typische Gestalt des hessisch-jüdischen Landlebens“. Gebückt zog er über die Dörfer, verkaufte Nähnadeln und Fliegenfänger und wurde vor allem als Nachrichtenübermittler geschätzt.
Die Nazis verboten ihm sein Gewerbe und bald darauf den Kontakt mit jeglichen Bauern. Fast ein Jahr musste er mit dem Judenstern durch Sterbfritz gehen, ehe er am 30. Mai 1942 über Schlüchtern nach Theresienstadt und drei Wochen später nach Treblinka verschleppt wurde. Am 29. September 1942, unmittelbar nach seiner Ankunft, wurde der liebenswürdige Hausierer, 67 Jahre alt, vergast. Lazarus Hecht ist einer von 58 Namen in einer gesonderten Auflistung Monika
Kingreens. Darin skizziert sie das Leben aller bekannten Juden aus Sterbfritz, die im Rassenwahn ermordet wurden. |
 | dies.: Die Namen der ermordeten jüdischen
Sterbfritzer. In: ebd. (wie Beitrag Thomas Müller) S. 120-126. |
 | Henry
D. Schuster: Von Sterbfritz nach Las Vegas. CoCon-Verlag 2011. ISBN
978-3-937774-83-1 213 S. 115 Abb.
Der 2011 85-jährige Henry Schuster beschreibt in seinem Buch, wie aus dem am 18. März 1926 in der Schlüchterner Straße 24 in Sterbfritz geborenen Heinz der amerikanische Staatsbürger Henry wurde.
Henry Schuster ist 2014 verstorben, siehe
https://www.sterbfritz-chronik.de/persönlichkeiten/heinz-henry-schuster/
Die Familie Schuster gehörte zu den angesehensten der Gemeinde. Der Vater betrieb ein gut eingeführtes Textilgeschäft mit angeschlossenem Versandhandel, die Mutter hielt als umsichtige Hausfrau die Familie zusammen. Sie lebten in Eintracht mit ihren christlichen Nachbarn. Doch 1933 war eine glückliche Kindheit zu Ende. Heinz wurde die Zielscheibe von Verachtung, Spott und roher Gewalt, gerade auch in der Schule. Er konnte mit einem Transport jüdischer Kinder und Jugendlicher in die USA in Sicherheit gebracht werden. Seine Mutter und seine Schwester Margot wurden umgebracht, die andere Schwester überlebt das KZ
Bergen-Belsen. |
Hinweis auf ein familiengeschichtliches Werk
Nathan M. Reiss
Some Jewish Families
of Hesse and Galicia
Second edition 2005
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In diesem Werk
eine Darstellung zur Geschichte der jüdischen Familien Goldschmidt, Hess
und Levi-Kann in Heubach, Sterbfritz,
Uttrichshausen und Züntersbach ("The
GOLDSCHMIDT, HESS and LEVI-KANN Families of Heubach, Sterbfritz,
Uttrichshausen, and Züntersbach" S. 143-170) (
Nachkommen bis um 2000) mit zahlreichen Abbildungen
u.a.m. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Sterbfritz
(now part of Sinntal) Hesse-Nassau. The community, numbering 169 (16 % of
the total) in 1885 was affiliated with the rabbinate of Hanau. After Worldwar I
it had members in Oberzell, but only five pupils attended its community school.
More than half of the 92 Jews who remained in 1933 left before Kristallnacht
(9-10 November 1938), when the synagogue's interior was destroyed; 28 emigrated
and at least 15 perished in the Holocaust.

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